Der Fluch der Daimonianer - G.H. Chambers - E-Book

Der Fluch der Daimonianer E-Book

G.H. Chambers

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Beschreibung

Vor fast zwanzig Jahren tauchten sie auf, die Daimonianer, Angehörige einer stolzen Kriegerrasse, deren Technologie zwar die der Menschen weit übertrifft, die aber an einem empfindlichen Mangel leiden: Frauen. Um dem möglichen Aussterben ihrer Spezies entgegenzuwirken, bieten sie den Regierungen auf der Erde technologisches Wissen im Austausch gegen Frauen an. Das Gefährtinnenprogramm entsteht. Valerie ist pleite, ohne Job und in ständiger Gefahr, auch noch die Wohnung zu verlieren. Sie verfällt auf die Idee, sich in das Gefährtinnenprogramm einzuschreiben. Ein Jahr muss sie sich bereithalten, um dem Daimonianer zu folgen, der sie als seine Gefährtin auswählt. Während dieser Zeit erhält sie ein fürstliches Gehalt und nach Ablauf des Jahres eine stattliche Entschädigungszahlung, falls sie nicht ausgewählt wird. Es hört sich gut an und mit etwas Glück ist sie nach einem Jahr ihre finanziellen Probleme los. Falls sie jedoch ausgewählt wird, wartet auf sie ein völlig neues Leben und eine ungewisse Zukunft.

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Der Fluch der Daimonianer

Impressum:

G.H. Chambers c/o AutorenServices.deBirkenallee 2436037 Fulda

Cover: www.magicalcover.de

Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Epilog

Weitere Bücher

Leseprobe

Prolog

Ich war sechs Jahre alt, als ihre Raumschiffe in unser Sonnensystem kamen. Natürlich begriff ich zu dem Zeitpunkt nichts von der Tragweite, die dieser Besuch für die Menschheit hatte. Und ich ahnte schon gar nicht, wie sich mein weiteres Leben entwickeln würde.

Jedenfalls bekam ich zunächst nur mit, dass meine Eltern in heller Aufregung waren und dass Tag und Nacht der Fernseher lief. Sie machten sich Sorgen, das spürte ich, wie überhaupt die ganze Straße wie ein nervöser Bienenschwarm auf mich wirkte.

Die ersten Bilder der Fremden aus dem All sorgten zumindest für eine gewisse Beruhigung, da es keine Echsenwesen oder schleimige Insekten waren. Das Gegenteil war wohl der Fall, denn Mutter bezeichnete sie als außerordentlich gut aussehend - was meinem Vater nicht gefiel, wie ich ihm deutlich ansah.

Von den Verhandlungen zwischen den Besuchern und den verschiedenen Regierungen bekam ich nur am Rande etwas mit. Ich war in der Kinderwelt gefangen und erfand mit meinen Freunden ganz neue Spiele, die allesamt mit den Fremden zu tun hatten. Je älter ich wurde, desto faszinierender wirkten sie auf mich - und ich war da nicht die Einzige. Als ich zehn Jahre alt war, startete das Gefährtinnenprogramm. Frauen bis zu einem bestimmten Alter konnten sich dort aus eigenem Antrieb melden, wenn sie sich als Gefährtin für einen der Fremden zur Verfügung stellen wollten. Zumindest war es in unserem Land freiwillig, aber Gerüchten zufolge ging es in diktatorisch regierten Ländern etwas anders zu. Jedenfalls stellten die Besucher im Gegenzug technologische Hilfen bereit, um die Entwicklung der Menschheit voranzutreiben.

Ich hielt es in meiner jugendlichen Naivität für ein faires Geschäft, aber Vater war nun jeden Abend mürrisch und schlecht gelaunt. Er fluchte auf die 'Saualiens', die ihm den Job gekostet hätten, und betrank sich immer öfter. Meine Eltern stritten sich nun beinahe jeden Abend und eines Tages kam Vater nicht mehr nach Hause.

»Wir sind ohne ihn besser dran!«, sagte Mutter in ihrem Bemühen, mich zu trösten, denn ich erinnerte mich noch an den Mann, der Vater früher gewesen war und der immer gut gelaunt mit mir gespielt hatte.

Die folgenden Jahre wurden jedenfalls härter, vor allem für meine Mutter, die nun mich und sich selbst mit den mageren Einkünften aus ihrem Job durchbringen musste. Mit sechzehn hielt ich es nicht mehr zu Hause aus und verließ sie, trampte durch das ganze Land, immer auf der Suche nach einem besseren Leben. Ohne richtigen Schulabschluss war es kaum möglich, eine gut bezahlte Arbeit zu finden und die Jobs, die man einem gut aussehenden Mädchen in meinem Alter anbot, waren nichts für mich.

Nach zwei Jahren war ich am Ende. Ich fuhr nach Hause, zurück in die alte Wohnung, wo mir nun eine fremde Frau wohnte, die mir mitteilte, dass meine Mutter vor wenigen Monaten gestorben war. Dies warf mich endgültig aus der Bahn und in den folgenden vier Jahren trieb ich ziellos durch das Land. Ohne meine beste Freundin Thea, die mich immer wieder bei sich aufnahm und unterstützte, so gut sie konnte, wäre ich wohl vollständig abgestürzt.

Doch dank ihrer Hilfe und viel gutem Zureden schaffte ich es, einen Job und eine kleine Wohnung zu finden. Vier Jahre lang hielt ich mich über Wasser, konnte ein wenig Geld zurücklegen und sogar etwas von den Schulden zurückzahlen, die ich bei Thea gemacht hatte. Dennoch waren es harte Zeiten, aber das betraf nicht nur uns. Die technologischen Errungenschaften der Fremden kosteten den einfachen Menschen die Jobs - und schließlich saß auch ich wieder ohne Arbeit in meiner winzigen Wohnung, deren Miete ich kaum noch aufbringen konnte.

Erneut musste ich an das Thema denken, über das Thea und ich so oft sprachen. Immer dann, wenn wir pleite auf ihrem kleinen Balkon saßen und die Sterne am Himmel beobachteten, dachten wir darüber nach, wie es wohl auf dem Planeten der Fremden aussah.

Vielleicht würde ich es bald herausfinden.

Kapitel 1

»Sei nicht so eine Memme!«

Nicht zum ersten Mal führte ich Selbstgespräche, seit ich vor diesem unscheinbaren Gebäude stand. Andererseits war es schließlich auch eine große Entscheidung, die ich treffen musste. Wenn ich jetzt nach Hause fuhr, ohne mich angemeldet zu haben, würde ich vermutlich nie wieder den Mut aufbringen, hierher zu kommen. Was hatte ich eigentlich zu verlieren?

»Wenn es schlimm kommt? Meine Freiheit«, gab ich mir selbst die Antwort.

Die ersten Passanten sahen mich schon komisch an. Aus einigen Mienen konnte ich unverhohlene Verachtung herauslesen - und ich nahm es ihnen nicht einmal übel. War ich nicht im Begriff, mich zu verkaufen?

»Tun Sie es nicht, Miss!«

Na toll, das hatte mir gerade noch gefehlt. Eine Frau, die sich offensichtlich dazu berufen fühlte, irgendwelche verlorenen Seelen einzusammeln, stand neben mir und blickte mich treuherzig und mitfühlend an.

»Es gibt bestimmt einen anderen Ausweg. Wenn Sie Geldprobleme haben oder nicht wissen, an wen Sie sich wenden können, falls Sie ... jedenfalls möchte ich Ihnen diese Broschüre geben.«

Sie drückte mir einen Flyer in die Hand, bevor ich meinen Unwillen zeigen konnte.

»Hören Sie ...«, begann ich, doch sie legte mir begütigend eine Hand auf den Unterarm.

»Bitte überdenken Sie noch einmal Ihre Lage und entscheiden Sie dann neu. Sie müssen sich denen nicht ausliefern! Wenn Sie wollen, können Sie auch direkt mit mir mitkommen. Unsere Zentrale ist gleich ...«

Unwirsch schob ich die Frau zur Seite. »Lassen Sie mich in Ruhe und bekehren Sie irgendwelche Sünder oder um was Sie sich sonst so kümmern!«

Immerhin hatte sie es geschafft, meine Unentschlossenheit zu beseitigen. Mit trotzig vorgerecktem Kinn marschierte ich auf die Eingangstür des Gebäudes zu, ohne nach links oder rechts zu schauen. Erst als ich bereits vor dem Anmeldetresen stand, kehrte die Unsicherheit zurück, wie sehr ich mich auch darüber ärgerte.

»Name?« Der Mann hinter dem Tresen war die kühle Geschäftsmäßigkeit in Person.

»Ich wollte ... ich meine, ich bin doch hier richtig, oder?« Mein Gestotter kommentierte der Rezeptionist mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»Wenn Sie sich für das Programm anmelden wollen, dann sind Sie hier an der richtigen Stelle. Also: Name?«

»Valerie Langley.« Zuhaus hatte ich mir den ganzen Morgen über im Geiste einen Fragenkatalog zurechtgelegt, zu dem ich zunächst Antworten haben wollte. »Könnten Sie mir sagen ...«

Er ließ mich gar nicht ausreden. »Mögliche Unklarheiten können Sie mit Ihrem Supervisor abklären. Ich bin hier nur für die Aufnahme Ihrer Daten zuständig, Miss Langley. Wie alt sind Sie?«

»Sechsundzwanzig ... Ist das so ungewöhnlich?« Die letzte Frage hatte ich gestellt, da er erneut seine Augenbraue nach oben gezogen hatte, bevor er meine Angaben in den Computer eingab.

Er lächelte mokant. »Nun, im Allgemeinen sind die Frauen, die sich hier anmelden, eher ... jünger und ...«

Er deutete mit flüchtigen Handbewegungen einige Kurven an, die auf große Oberweite und schmale Hüften schließen ließen. Zu gerne hätte ich über den Tresen gelangt und ihm eine Ohrfeige verpasst, aber er fragte mich bereits nach meiner Sozialversicherungsnummer und der Adresse. Ich gab sie in einem Tonfall, als ob ich ihm eine Beleidigung an den Kopf werfen würde, aber die Anstrengung war vergebens. Entweder war er zu dickfellig, um es zu merken, oder aber es war ihm egal.

»Setzen Sie sich in den Wartebereich«, sagte er und deutete auf eine Tür am Ende des Ganges zu meiner linken. »Sie werden aufgerufen.«

Grußlos wandte ich mich ab und marschierte mit hoch erhobenem Kopf in die Richtung, die er mir gewiesen hatte. Meine Wut war noch nicht verraucht, nachdem ich in das Zimmer gestürmt und die Tür hinter mir ins Schloss geworfen hatte. Vielleicht hätte ich ihm doch eine scheuern sollen!

*****

Das Wartezimmer war überraschend geräumig. Es wunderte mich deswegen, weil ich der einzige Mensch war, der dort wartete. Was hingegen zahlreich vorhanden war, waren Poster mit Slogans und Aufforderungen, sich zu melden. Die Aufmachung erinnerte mich an die alten Plakate aus längst vergangenen Zeiten. Mit denen hatte man damals junge Männer aufgerufen, sich für die Armee rekrutieren zu lassen. Die aktuellen Poster wandten sich hingegen an Frauen, vorgeblich aller Altersklassen, aber es war dem Text doch deutlich zu entnehmen, dass man wohl eher an jüngere Frauen dachte.

Auf einigen Abbildungen waren auch Männer in fremdartigen Uniformen dargestellt. Sie sahen auf den ersten Blick aus wie Menschen, doch ich wusste nur zu gut, dass es keine waren. Sie waren aber der Grund, warum ich hier war und warum sich diese Aufrufe an Frauen wandten. Die Idee, mich dafür einschreiben zu lassen, war mir noch bis vor einem Jahr völlig absurd erschienen.

Aber die Gespräche mit Thea, die wir ursprünglich eher als Running Gag geführt hatten, waren in den letzten Wochen ernsthafter geworden. Denn nun stand ich ohne Job und fast ohne Geld da. Meine Ersparnisse waren aufgebraucht und ich stand kurz davor, aus der Wohnung geworfen zu werden. Da wurden die Alternativen langsam weniger - eigentlich hatte ich keine mehr. Und es musste ja nicht bis zum Äußersten kommen, wie ich mir immer wieder einredete. Schließlich gab es bestimmt ...

»Miss Langley bitte in Raum VII. Miss Valerie Langley, bitte in Raum VII.«

Die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher an der Wand riss mich aus meinen Überlegungen. Gleichzeitig schlug mir das Herz bis in den Hals hinauf, obwohl ich ja überhaupt nichts zu befürchten hatte.

»Blödsinn!«, sagte ich halblaut zu mir.

Ich stand kurz davor, einen Vertrag zu unterschreiben, der mich für ein Jahr band und den ich nicht auflösen konnte. Nervös verließ ich das Wartezimmer und folgte den Wegweisern an den Wänden. Die ganze Zeit überlegte ich mir, ob ich nicht einfach zum Ausgang gehen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden sollte. Noch hatte ich diese Möglichkeit. Doch wenn erst meine Unterschrift auf dem Vertrag stand ...

»Miss Langley?«

Ohne es zu merken, war ich vor Zimmer VII angekommen. Ich erkannte dank der geöffneten Tür eine Frau jenseits der Vierzig, die mich geschäftig anlächelte und mit einer winzigen Geste andeutete, dass ich doch näherkommen solle. »Treten Sie doch ein.«

Nun war es wohl zu spät, den Rückzug anzutreten. Aber noch hatte ich nichts unterschrieben, noch war ich eine freie Frau! Dennoch war mir etwas beklommen zumute, als ich mich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch setzte.

»Herzlich willkommen in der Rekrutierungszentrale für Gefährtinnen, Miss Langley. Mein Name ist Sylvia Coulter und ich werde Ihre Supervisorin sein, falls Sie sich dazu entschließen, einen Vertrag mit uns einzugehen.«

Es klang alles sehr förmlich und ihr Lächeln erschien mir eher ein hämisches Grinsen zu sein. Andererseits bildete ich es mir vielleicht auch nur ein. Anscheinend gab es für die Sache, auf die ich mich bewarb, einen Standardvertrag, denn ein solcher lag nach wenigen Sekunden vor mir. An den Stellen, wo ich unterschreiben sollte, waren Markierungen angebracht.

Zögernd griff ich mir das Schreiben und betrachtete es nachdenklich.

»Wenn Sie Fragen haben ...«, begann meine zukünftige Supervisorin.

»Wie ist denn der genaue Ablauf? Also, nachdem ich unterschrieben habe.«

Ihr Lächeln schien noch eine Nuance breiter zu werden. »Es ist alles ganz einfach. Sie verpflichten sich für ein Jahr, an den Auswahlverfahren in New York teilzunehmen. Dieses Jahr vergüten wir einen Fixbetrag, zuzüglich anfallender Reisespesen und Übernachtungsgebühren. Werden Sie ausgewählt, so erhält die von Ihnen benannte Person, die mit ihnen verwandt sein muss, eine zusätzliche außerordentlich großzügige Entschädigung.«

»Kann ich den Betrag auch selbst ausgezahlt bekommen? Ich habe keine Verwandten.«

Sie blickte mich an, als hätte ich von ihr verlangt, das Geld sofort in bar auf dem Tisch vor mir zu sehen. Außerdem flackerten ihre Augenlider so nervös, als ob man sie mit einer Waffe bedrohen würde.

»Verzeihung, Miss Langley, aber das ist ... also ... es ist nicht möglich, tut mir leid.« Sie gab sich einen Ruck und straffte ihre Figur. »Sind Sie sich eigentlich bewusst, welchen Vertrag Sie hier abschließen werden? Haben Sie es sich gut überlegt?« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern, geradeso, als ob sie mit mir eine Verschwörung planen wollte.

»Ja schon, aber ...«

»Dann verstehe ich Ihre Frage nicht. Wenn Sie von einem der ... Fremden ausgewählt werden, müssen Sie alles hinter sich zurücklassen. Ihr altes Leben endet in dem Moment, und wie es in Zukunft verlaufen wird, das weiß niemand.« Ich musste wohl eine besorgte Miene aufgesetzt haben, denn sie knipste ihr Lächeln an, wohl auch um mich zu beruhigen.

»Sie brauchen sich aber keine Gedanken darum zu machen. Dessen bin ich mir ziemlich sicher.«

»Und warum?«

»Zum einen haben wir außerordentlich viele Bewerber ...«

Das kam mir wenig glaubhaft vor. »Ich habe im Wartebereich niemanden gesehen.«

Sie winkte nur ab. »Heute ist ein sehr ruhiger Tag. Außerdem haben wir ein Dutzend Rekrutierungsbüros über das ganze Land verteilt. Zum anderen sind Sie älter als die meisten Anwärterinnen und auch ... Sie wissen schon ...«

»Ich habe ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, wollten Sie das sagen?« Ärger kochte in mir hoch. Ich war zugegebenermaßen kein Hungerhaken, aber über meine Kurven hatte sich noch nie ein Mann beschwert und auch sonst saß alles da, wo es hingehörte. Und ganz bestimmt war ich nicht fett!

»Tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen.«

Nun war ich es, die abwinkte. »Schon gut. Geben Sie her, ich unterschreibe!« Entschlossen setzte ich meine Unterschrift an die markierten Stellen des Vertrages. »Bekommen Sie eigentlich eine Provision, wenn Sie jemanden überzeugen, an dem Programm teilzunehmen?«, fragte ich aus Neugier.

»Nun ... es nennt sich anders ... es ist eine Art Betreuungsprämie ...«

»Wie sieht denn Ihre Betreuung aus?«, fragte ich, während ich ihr den unterschriebenen Vertrag zurückgab.

Sie gab mir keine Antwort, sondern überprüfte zunächst, ob ich alle geforderten Unterschriften geleistet hatte. Zufrieden stopfte sie die Unterlagen in ihren Ablagekorb, stand auf und bedeutete mir, ihr zu folgen. »Sie erhalten nun von mir Ihre Erstausstattung«, sagte sie, als sie meinen fragenden Blick sah.

*****

Ich war noch wie betäubt, als ich das Restaurant betrat, in dem Thea bereits auf mich wartete. Sie sah mir die Verwirrung wohl an, denn sie begrüßte mich nicht auf die übliche, etwas lärmende Art.

»Was ist denn los?«, fragte sie, nachdem ich mich hingesetzt hatte. »Du siehst aus, als hättest du eine noch größere Dummheit als sonst begangen.«

Ich legte den Rucksack, den mir Miss Coulter mitgegeben hatte, auf den Tisch. Theas Augen weiteten sich. Der Aufdruck auf dem Tornister sprach Bände.

»Du hast doch nicht etwa ...«

Ich nickte. »Ich bin jetzt Teilnehmerin am Gefährtinnen-Programm«, bestätigte ich ihren Verdacht und grinste dabei.

»Du bist ... Wahnsinn ...«, stieß sie fassungslos hervor und winkte die Bedienung herbei. »Haben Sie Whiskey? Nein? Sekt? Gut, dann bringen Sie uns bitte eine Flasche!«

Sie trank den Kaffee aus, der bereits vor ihr stand, schob die Tasse von sich weg und starrte erneut den Rucksack an.

»Ich hatte dir doch gesagt, dass ich ...«

»Aber dass du dich wirklich und wahrhaftig dort anmeldest!«, ließ sie mich nicht ausreden. »Als mögliche Gefährtin für einen ... Drachen! Wenn ich doch nur so mutig wäre wie du, dann hätte ich mich auch schon längst dafür angemeldet. Wenn du ausgesucht wirst ... ich glaube es immer noch nicht ... für einen Drachen ...«

Nun musste ich doch lachen, weil sie diese alberne Bezeichnung für die Fremden benutzte. »Nun sag bloß, du glaubst auch noch an den Mist!«

Da hatte ich wohl in ein Wespennest gestochen. Ohne es zu ahnen, hatte sich meine beste Freundin in den letzten Monaten zu einer Art Fachfrau für die Fremden entwickelt.

»Du kannst es auf vielen Seiten im Netz nachlesen«, brach es aus ihr heraus, während ihr Kopf vor Erregung zu glühen schien. »Nachts verwandeln sie sich in Drachen, fliegen über das Land und ...«

»... speien Feuer«, unterbrach ich sie grinsend. »Außerdem sind sie immer auf der Suche nach Jungfrauen - das würde immerhin erklären, warum sie dich und mich links liegen lassen.«

»Und was glaubst du, geschieht mit den Erwählten im Gefährtinnenprogramm? Warum haben wir keinerlei Berichte über Frauen, die von dort ... wo auch immer das ist ... zurückgekehrt sind? Eventuell gefällt es ihnen dort so gut ...«

»Oder sie wurden gefressen!«, sagte ich und gab mir dabei alle Mühe, mein Unbehagen zu verbergen. Wenn ich auch diese Verschwörungstheorien für absurd hielt, einen kleinen Kern Wahrheit enthielten sie ja vielleicht doch. Tatsächlich hatte nie eine Rückkehrerin darüber gesprochen, möglicherweise gab es ja gar keine. »Wahrscheinlich mussten sie auch eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben«, ergänzte ich. »Ja, das muss es sein. Wenn sie über ihre Erfahrungen sprechen, verlieren sie die Prämie.«

»Und du glaubst nicht, dass eine Zeitung oder ein Fernsehsender diesen Verlust mehr als nur ausgleichen würde, wenn sie dafür einen Bericht aus erster Hand erhalten?«

Tja, der Punkt ging an Thea. Ich war froh, als in dem Moment der Ober den Sekt brachte. Ich konnte etwas Alkoholisches vertragen. Und tatsächlich, nach dem zweiten Glas sah ich die Dinge wieder deutlich positiver.

»Meine Supervisorin hat mir ohnehin zu verstehen gegeben, dass meine Chance - oder die Gefahr, wie man es auch sehen will - eher gering ist, ausgewählt zu werden. Bei den wöchentlichen Auswahlverfahren sind immer einige Dutzend Frauen anwesend und viele davon sind deutlich jünger und ... jedenfalls haben die Modelmaße.«

Thea trank ihr Glas leer und sah mich nachdenklich an, bevor sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht zeigte. »Wer weiß, vielleicht sucht ein Drache ja auch eher etwas Mütterliches.«

»Du ...«

Ich tat so, als würde ich ihr den Inhalt des Glases über den Kopf schütten wollen. Stattdessen trank ich es aber aus und drohte ihr anschließend mit dem Zeigefinger.

»Warte nur ab! Wenn ich eines Tages auf dem Rücken eines gezähmten Drachen vor deinem Fenster auftauche, dann ist es zu spät, dich für diese Unverschämtheit zu entschuldigen.«

Leider führte mein albernes Kichern dazu, dass sie diese Drohung nicht ernst nahm. Ich hatte noch nicht viel gegessen, sodass mir der Sekt heftig in den Kopf stieg. Aber der Alkohol und die Alberei mit Thea taten schließlich ihre Wirkung. Als ich dann noch die Kleidung aus dem Rucksack nahm, die ich während der Auswahlzeremonie zu tragen hatte, war es um ihre und um meine Fassung komplett geschehen. Viel hätte nicht gefehlt und wir wären an die Luft gesetzt worden.

»Wer weiß, wenn ich mal genug Mut gesammelt habe, melde ich mich auch eines Tages an und schnappe mir einen süßen kleinen Drachen!«, sagte sie, bevor wir uns trennten, und lachte dabei leise.

Zumindest hatte ich meine Sorgen vergessen, die sich aber am nächsten Morgen nachdrücklich meldeten, als es an der Tür klingelte und ich mit dickem Kopf einen Eilbrief in Empfang nahm. Wenn ich gedacht hatte, man würde mir noch etwas Zeit geben, um mich seelisch auf das kommende Jahr vorzubereiten, so sah ich mich getäuscht. In einem Briefumschlag fand ich ein Flugticket für einen Nachmittagsflug und eine höflich umschriebene Vorladung zur ersten Gefährtinnenwahl. Und diese sollte bereits morgen Früh stattfinden.

»Scheiße«, murmelte ich und starrte bestimmt mehrere Minuten lang auf den Brief in meiner Hand.

Kapitel 2

Ich erledigte das Packen der Reisetasche wie in Trance. Zumindest war im Brief auch ein Gutschein für die Taxifahrten vom und zum Flughafen enthalten. Alles war bis ins kleinste Detail durchgeplant. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn ich einfach zu Hause blieb. Würde dann ein Spezialkommando die Tür eintreten und mich abholen kommen? Bestimmt stand die Antwort irgendwo in dem dicken Packen Begleitmaterial, das mir die Coulter gestern ebenfalls ausgehändigt hatte. Nur war ich schon immer ziemlich faul gewesen, was das Lesen anging. Wer weiß, welche Klauseln im Vertrag noch enthalten waren.

Während der Fahrt zum Flughafen und beim Einchecken kehrte mein Mut langsam wieder zurück. Bei dem Flieger handelte es sich um eine eigens gecharterte Maschine, die die Teilnehmer aus diesem Bundesstaat nach New York transportierte. Der Blödmann am Empfang vom gestrigen Tag hatte mit seiner Aussage recht gehabt. Es waren tatsächlich einige Schönheiten dabei, sodass ich mir beinahe wie ein hässliches Entlein vorkam. Mit Schrecken dachte ich an die Kleidung, die ich morgen Früh tragen würde, und verglich meine Figur mit denen der Mitfliegenden. Es beruhigte mich ein klein wenig, dass ich nicht die Einzige war, die einen nervösen Eindruck machte.

Der Flieger war in einem erstklassigen Zustand, mit Lederpolstern und allem Schnickschnack ausgestattet. Überaus attraktive Stewards lasen uns jeden Wunsch von den Augen ab - na gut, vermutlich nur fast jeden. Jedenfalls taten die Organisatoren alles, um uns bei Laune zu halten.

»Das erste Mal?«

Ich schrak zusammen. Mir gegenüber fläzte sich eine ... Kollegin ... Konkurrentin ... Kameradin ... ich hatte keine Ahnung, als was ich die Mitreisenden bezeichnen sollte. Jedenfalls betrachtete sie mich ungeniert und deutete spielerisch in die Richtung des Stewards, den ich in Gedanken bereits ausgezogen hatte.

»Ich bin mir sicher, dass er dir kaum etwas abschlagen wird«, sagte sie und grinste schmierig. »Die haben Anweisung, es uns an nichts fehlen zu lassen. Aber sag doch; ist es der erste Gefährtinnenball?«

»Was für ein Ball?«

Sie lachte leise. »Also tatsächlich ein Frischling. Gefährtinnenball nennen wir das Auswahlverfahren. Eine von uns wird spätestens morgen Abend wissen, ob die Gerüchte wahr sind.«

»Was meinst du?«

Sie schüttelte den Kopf. »Du weißt wirklich nicht viel, kann das sein? Man erzählt sich die tollsten Dinge über ihre Schwänze und wie groß ... oh mein Gott, du wirst ja tatsächlich rot!« Ihr Körper erbebte geradezu vor Lachen. »Jetzt sag bloß, du bist noch nie so richtig durchgevögelt worden!«

»Ich hatte schon den einen oder anderen Freund«, murmelte ich und verwünschte die alberne Eigenschaft, so schnell rot anzulaufen. »Glaubst du auch an den Unsinn, dass sie sich in Drachen verwandeln können?«, fragte ich, um das Thema zu wechseln.

Zu meinem Erstaunen nickte sie. »Natürlich. Ich habe sogar schon Zeichnungen von einem verwandelten Fremden gesehen.« Aus ihrem Blick verschwand der Spott und ihre Augen nahmen einen geradezu träumerischen Ausdruck an. »Es muss unbeschreiblich sein, auf einem von ihnen durch die Luft zu reiten.«

»Oder auch nur zu reiten«, sagte ich im Versuch, die Scharte von vorhin auszuwetzen und so zu tun, als wären mir die zweideutigen Anmerkungen nicht fremd.

»Irgendwie passen solche Bemerkungen nicht zu dir«, meinte sie lächelnd und streckte mir die Hand entgegen. »Ich bin übrigens Josie.«

»Valerie«, erwiderte ich und ergriff ihre Hand.

»Um dich aber zu beruhigen: Die Gerüchte über ihre Drachengestalt ist natürlich nur Blödsinn. Sie unterscheiden sich kaum von uns Menschen, wir wären ja auch kaum interessant für sie, wenn wir nicht kompatibel wären.«

Ich hatte es zwar nicht erwartet, aber man konnte sich mit ihr tatsächlich gut unterhalten. Sie sparte auch nicht mit Tipps, wie ich mich präsentieren sollte, je nachdem, was ich erreichen wollte.

»Wenn du nicht ausgewählt werden willst, solltest du dich im Hintergrund halten und direkt neben besonders attraktiven Kandidatinnen stehen - klingt logisch, oder? Aber übertreib nicht, denn es werden auch zwei Supervisorinnen anwesend sein, und wenn sie merken, dass du dich negativ präsentierst, kann es passieren, dass du aus dem Programm fliegst.«

»Und ich verliere das Geld?«

»Darauf kannst du deinen niedlichen Arsch verwetten! Also denk daran: Immer schön im Strom mitschwimmen und nur nicht auffallen - weder positiv, noch negativ.«

Sie erzählte auch von den Fremden, die sie bei den Auswahlen gesehen hatte, und geriet darüber ins Schwärmen. »Die sehen eigentlich alle zum Anbeißen aus. Groß und muskulös, aber nicht so unnatürlich wie bei einem Bodybuilder - eher geschmeidig und geradezu katzenhaft. Und ihre Augen ... es ist so, als ob darin ein Feuer brennt und gleichzeitig sieht man einen klaren Bergsee ... es ist schwer zu beschreiben. Mir geht es jedes Mal durch Mark und Bein, wenn mich einer von denen ansieht.«

»Das klingt fast so, als ob du es kaum erwarten kannst, von einem gewählt zu werden.«

Sie warf ihre langen, dunklen Haare zurück und schien aus einem Traum aufzuwachen. »Wenn ich einem von denen gegenüberstehe, dann schreit alles in mir: 'Nimm mich!' Ja, ich würde wirklich gerne ... aber das wirst du wohl nicht verstehen.«

In diesem Moment beugte sich einer der Stewards zu uns herüber. »Bitte schnallen Sie sich an, wir landen in wenigen Minuten.«

Die Nachricht ließ meine Beklemmung wieder ansteigen. Wenn doch der morgige Vormittag nur schon vorüber wäre.

*****

Man fuhr uns alle gemeinsam in einem gecharterten Bus ins Hotel. Mir verschlug es fast den Atem, als ich sah, in welcher Luxusherberge man uns untergebracht hatte. Ein 5-Sterne-Hotel hatte ich noch nie von innen gesehen und nun würde ich sogar eine Nacht dort verbringen dürfen.

»Wieso geben die eigentlich so viel Geld für uns aus?«, fragte ich Josie leise.

»Die Ware soll schließlich im besten Zustand zur Besichtigung antreten«, erwiderte sie mit unüberhörbarem Spott.

»Und das alles nur, damit einer von den Fremden sich eine ... Frau auswählen kann.«

Sie grinste schief. »Wenn du es so sagst, klingt es irgendwie falsch. Aber wer weiß schon genau, was unsere Regierung dafür im Gegenzug erhält. Stell dir mal vor, man würde denen die Wünsche nicht erfüllen, was dann passieren könnte. Aber in China und Russland läuft es bestimmt nicht anders ab als bei uns.«

»Trotzdem ist es nicht richtig.«

Für einen Moment rutschte das Lächeln von ihrem Gesicht. »Wir sind alle freiwillig hier! Du doch auch, oder?«

Ich konnte nur stumm nicken.

»Dann solltest du dich auch nicht beklagen. Es war schließlich deine freie, eigene Entscheidung!«

*****

Das Abendessen war reichlich bemessen und schmeckte bestimmt hervorragend, aber mein Magen war ein einziger Knoten und so würgte ich nur eine Kleinigkeit herunter. Aber es ging nicht nur mir so, denn einige der anderen Frauen starrten auch nur auf die Teller und brüteten stumm vor sich hin. Ich hätte sie zu gerne gefragt, aus welchem Grund sie sich für dieses Programm gemeldet hatten, aber mir stand nicht der Sinn nach zwangloser Plauderei. Selbst Josie war ungewohnt ruhig und so zog ich mich schon nach wenigen Minuten auf mein Zimmer zurück.

Dort fand ich eine Nachricht vor, dass man mich morgen Früh um sieben Uhr wecken würde. Das Frühstück war um acht Uhr angesetzt und um halb neun wollte man uns nach einer kurzen Ansprache in den großen Konferenzsaal bringen, wo die Auswahl stattfinden sollte. Ich setzte mich auf den Bettrand und starrte ins Leere. Nur noch wenige Stunden, dann würde es ernst werden. Ich betrachtete mein Bett, aber schlafen würde ich ohnehin nicht können. Dafür war ich viel zu nervös. Stattdessen wollte ich mir zumindest mit dem Taschengeld, das mir die Veranstalter der Fleischbeschau zur Verfügung gestellt hatten, noch einen netten Abend machen. Wer wusste schon, ob ich morgen noch die Gelegenheit dazu haben würde.

Am Ausgang des Hotels begegnete mir Josie, die anscheinend auch noch nicht auf ihr Zimmer gehen wollte.

»Was hältst du davon, wenn wir uns einen gepflegt hinter die Binde gießen, Frischling?«

»Genau das hatte ich vor. Aber ich würde es vorziehen, wenn du mich Valerie nennen könntest!«

Sie grinste nur, während wir auf die Straße traten und ein Taxi heranwinkten.

»Weißt du denn, wo es hier ein nettes Lokal gibt?«, fragte ich.

»Ich war schon häufiger in New York. Du kannst mir vertrauen.«

»Aber ich möchte nicht in irgendeinen Krachschuppen, sondern nur einen ruhigen Abend verbringen!«

Josie zog einen Flunsch. »Was bist du denn für eine Langweilerin? Also gut, ich kenne auch ein gemütliches, italienisches Restaurant, von dem aus man einen herrlichen Blick auf den Central Park hat.«

*****

Sie hatte nicht zu viel versprochen. Es handelte sich um ein Luxusrestaurant in einer piekfeinen Gegend, das seinen Sitz im Penthousebereich eines verdammt teuren Wolkenkratzers hatte.

»Hast du so viel Geld bei dir?«, raunte ich ihr zu, während uns ein Ober zu einem Tisch direkt am Fenster geleitete.

»Nur keine Sorge«, erwiderte sie, dankte dem Kellner mit einem strahlenden Lächeln und studierte schon die Speisekarte, die uns ein anderer Angestellter im Nu in die Hände gezaubert hatte.

Trotz ihrer Versicherung wählte ich ein preiswertes Essen aus und beachtete nicht das Nasenrümpfen, mit dem sie meine Wahl bedachte. Sie jedenfalls bestellte ein wesentlich teureres Gericht.

»Entspann dich und genieß deine letzten Stunden in Freiheit«, sagte sie und lachte über meine entsetzte Miene. »Es ist doch möglich, dass du morgen vom Fleck weg ausgewählt wirst.« Sie tätschelte mir über den Tisch hinweg die Hand. »War doch nur ein Witz! Es wäre ja wohl ein Zufall, wenn du tatsächlich aus einer Schar von rund dreißig Frauen erwählt wirst, Frischling!«

Das ging mir nun auch wieder gegen den Strich. »So hässlich bin ich ja nun auch nicht!«

»Dir kann man es wohl nie recht machen«, sagte sie und seufzte leise.

In den nächsten Minuten erzählte sie mir über ihre bisherigen Erlebnisse bei den Auswahlverfahren und schwärmte mir dabei von den Fremden vor.

»Du willst anscheinend wirklich ausgewählt werden, oder?«, fragte ich schließlich.

Sie sah zum Fenster raus und deutete auf den nächtlichen Himmel. »Irgendwo dort draußen liegt deren Heimatwelt, unendlich weit weg von der Erde. Würdest du nicht gerne wissen, wie es dort aussieht?« Sie zeigte nach unten. »Ich habe mich mühsam von ganz unten emporgearbeitet, und wenn das Jahr vorbei ist, muss ich zurück in meinen langweiligen Bürojob. Das Geld, was wir in dem einen Jahr erhalten, reicht schließlich nicht ewig. Vielleicht finde ich irgendwann einen Mann, bekomme zwei Kinder und lande in irgendeiner Vorstadtsiedlung. Das ist es nicht, was ich mir von der Zukunft erhoffe.«

»Aber niemand weiß wirklich, was die Ausgewählten erwartet.«

»Das Risiko gehe ich ein. Sonst hätte ich mich ja auch nicht für das Programm gemeldet.«

*****

Der Wein zum Essen war teuer, sehr köstlich und stieg mir direkt in den Kopf. Jedenfalls fühlte ich mich leicht berauscht, als Josie und ich aus dem Taxi kletterten und in unsere jeweiligen Zimmer gingen.

»Von einem solchen Qualitätswein bekommt man keinen Kater«, hatte sie mich beruhigt. »Du wirst dich morgen wie neu geboren fühlen.«

Nun saß ich wieder auf dem großen Bett und fühlte mich einsam. Es war zwar schon mitten in der Nacht, aber dennoch griff ich zum Telefonhörer und wählte Theas Nummer. Ich musste einfach mit meiner besten Freundin reden. Es dauerte lange, bis sie abhob und sie klang auch reichlich verschlafen, aber sie war eine verdammt gute Zuhörerin - was ich auch immer an ihr geschätzt hatte. Jedenfalls konnte ich mir all die Ängste vor dem morgigen Tag von der Seele reden und sie schaffte es, mich aufzumuntern und Mut zu machen. Auf diese Weise gelang es mir, nach dem Telefongespräch noch etwas Schlaf zu bekommen.

Kapitel 3

Dennoch war die Nacht verdammt kurz gewesen und dementsprechend gerädert fühlte ich mich, als um sieben Uhr der Weckruf kam. Selbst die Dusche schaffte es kaum, meine Lebensgeister zu wecken. Außerdem zitterten mir die Knie und eine kräftige Übelkeit wühlte sich durch meine Eingeweide, so nervös war ich.

Um acht Uhr fand ich mich im Frühstücksraum ein, der eigens für uns eingerichtet worden war. Anscheinend sollten wir auf keinen Fall mit den übrigen Hotelgästen in Kontakt kommen, als ob wir Aussätzige wären. Nervosität zeigt sich bei jedem Menschen unterschiedlich. Bei einigen meiner Schicksalsgenossinnen äußerte sie sich darin, dass sie völlig aufgedreht durcheinanderredeten und fast schon hysterisch kicherten. Andere waren stumm und in sich gekehrt und beachteten das Frühstück nicht. Eine dritte Gruppe trank schweigend ihren Kaffee und griff beim Buffet ordentlich zu.

Ich rieb nur meine schweißigen Handflächen gegeneinander und zupfte an der unbequemen und peinlichen Kleidung herum, die wir alle für das Auswahlverfahren hatten anziehen müssen.

»Du musst echt aufpassen, dass deine Titten nicht den BH sprengen«, meinte Josie mit einem Augenzwinkern zu mir. »Haben dir die Kerle absichtlich eine Nummer zu klein angedreht?«

Ich zuckte nur mit den Schultern, zu angespannt, um zu antworten. Sie boxte mir freundschaftlich an den Oberarm.

»Nur Mut, Frischling. Wird schon schiefgehen.«

»Das will ich nicht hoffen«, murmelte ich.

Mit einem lauten Händeklatschen zog eine ältere Frau die Aufmerksamkeit auf sich. »Guten Morgen!«, rief sie mit einer unangenehm schrillen Stimme. »Die Zeit des Auswahlverfahrens ist gekommen. Stellt euch bitte in einer Reihe auf und folgt mir dann in den Konferenzraum. Für diejenigen unter euch, die heute das erste Mal dabei sind, gebe ich zwei kurze Verhaltensregeln. Ihr redet nicht, falls ihr nicht direkt angesprochen werdet, und ihr benehmt euch vollkommen natürlich. Ich möchte niemanden sehen, die sich nach vorne drängelt, und auch keine, die sich zu verstecken versucht. Etwaiges Fehlverhalten werde ich den jeweiligen Supervisoren mitteilen. Und jetzt auf die Beine!«

Erneut klatschte sie in die Hände und ich hätte der unsympathischen Person auch zu gerne eine geklatscht. Stattdessen befolgte ich brav den Befehl und stellte mich zu den anderen Frauen in die Reihe. Im Gänsemarsch führte sie uns durch die Tür am Kopfende des Frühstücksraumes und ich kam mir einen Moment lang vor, als wäre ich wieder in der Grundschule. Jemand in der Reihe lachte kurz auf und wurde von der keifenden Matrone sofort in die Schranken gewiesen.

Der Konferenzraum war mit prächtigen Blumen und sonstigem Zierrat geschmückt und die alte Schachtel ließ es sich nicht nehmen, jede von uns an einen von ihr ausgesuchten Platz zu stellen. Ich erhielt einen Eckplatz, was mir gar nicht so unrecht war. Sie betrachtete mich unzufrieden, packte mir mit ihrer knochigen Hand unter das Kinn und hob meinen Kopf etwas höher.

»Mach nicht so eine Leichenbittermiene!«, fuhr sie mich an und warf mir noch einen sauertöpfischen Blick zu, bevor sie sich der Frau neben mir widmete.

Josie stand an der Wand schräg gegenüber und streckte der Matrone in deren Rücken wie ein kleines Kind die Zunge raus.

»Na also, es geht doch!«, hörte ich die Einpeitscherin sagen und sah, wie sie mir einen bedeutend freundlicheren Blick zuwarf, weil ich wegen Josies Albernheit lächeln musste.

»Nun gut«, sagte die Schreckschraube, nachdem sie uns zu ihrer Zufriedenheit arrangiert hatte. »Das muss genügen. Rührt euch nicht von der Stelle, während ich den heutigen Gast hereinbitte!«

Sie verließ den Raum und zu meiner Überraschung blieb es so still im Saal, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Selbst die Frauen, die vorher so aufgedreht gewesen waren, pressten nun ihre Lippen aufeinander, während sie bange Blicke zur Tür warfen. Ich fror vor Spannung und Nervosität und schaute zu Josie hinüber, die aber keinen Blickkontakt mit mir suchte, sondern nur stumm und in sich gekehrt zu Boden sah.

Es waren kaum mehr als zwei Minuten vergangen, da wurde die Tür auch schon wieder geöffnet und die Matrone kehrte zurück. Doch diesmal war sie in Begleitung. Eine weitere Frau in wunderlicher Kleidung war an ihrer Seite und hinter ihnen kam ein ... ich hielt unwillkürlich den Atem an. Ich hatte ja dank Josies Schwärmerei schon gewusst, dass die Fremden außerordentlich attraktiv waren, aber was da nun den Saal betrat, ließ jegliche Beschreibung verblassen.

Der Mann stand am anderen Ende des Raumes, aber was ich aus der Entfernung sah, ließ mich innerlich erbeben. Ich schätzte ihn auf ungefähr ein Meter neunzig und er brachte bestimmt hundert Kilogramm auf die Waage. Aber soweit ich es durch die eng anliegende Kleidung abschätzen konnte, war da kaum ein Gramm Fett an seinem Körper. Josie hatte nicht untertrieben, als sie mir etwas von der geschmeidigen Athletik der Fremden vorgeschwärmt hatte. Er wirkte auf mich wie eine Raubkatze, bereit zum tödlichen Angriff. Dazu passte die blauschwarze Lockenmähne, die sein markantes Gesicht einrahmte, und auch der kurz gestutzte Bart stand ihm ausgezeichnet, obwohl ich normalerweise diese Gesichtsfusseln nicht mochte.

Seine Begleiterin hatte die ganze Zeit über, während ich ihn musterte, irgendetwas erzählt, was aber nicht in bis mein Bewusstsein gedrungen war.

---ENDE DER LESEPROBE---