Der Fluch des dunklen Prinzen - B. E. Pfeiffer - E-Book
Beschreibung

Ein Fluch, der ein Königreich ins Verderben stürzen könnte. Eine Prinzessin, die um Hilfe fleht. Und ein Prinz, dem alle Mittel recht sind, nach der Krone zu greifen. Für Prinz Liam bedeuten Gefühle Schwäche, daher holt er sich nur Mägde ins Bett, die ihm ein schnelles Vergnügen bieten können. Er ist der dunkle Prinz, der Zweitgeborene, auf dem ein grausamer Fluch lastet, denn sein Schicksal soll es sein, das Land zu verwüsten, um den Thron zu erringen. Die Untertanen fürchten ihn und seine mächtige Magie – keine gute Voraussetzung, um König zu werden. Liam sucht daher nach einer Möglichkeit, den Fluch zu umgehen und dennoch die Krone für sich zu gewinnen, doch dabei muss er gegen seinen Bruder bestehen. Als eines Tages Prinzessin Celeste aus dem verbündeten Königreich an den Hof kommt, gipfelt der brüderliche Wettstreit darin, dass sie beide um die Gunst der Prinzessin buhlen. Nur besitzt diese eine Waffe, gegen die selbst ein dunkler Prinz nicht gefeit ist: Liebe.

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Sammlungen



Inhaltsverzeichnis

Titel

Informationen zum Buch

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Dank

 

B. E. Pfeiffer

 

 

Der Fluch des dunklen Prinzen

 

 

 

Erotisches Märchen

 

Der Fluch des dunklen Prinzen

Ein Fluch, der ein Königreich ins Verderben stürzen könnte.

Eine Prinzessin, die um Hilfe fleht.

Und ein Prinz, dem alle Mittel recht sind, nach der Krone zu greifen.

 

Für Prinz Liam bedeuten Gefühle Schwäche, daher holt er sich nur Mägde ins Bett, die ihm ein schnelles Vergnügen bieten können. Er ist der dunkle Prinz, der Zweitgeborene, auf dem ein grausamer Fluch lastet, denn sein Schicksal soll es sein, das Land zu verwüsten, um den Thron zu erringen. Die Untertanen fürchten ihn und seine mächtige Magie – keine gute Voraussetzung, um König zu werden. Liam sucht daher nach einer Möglichkeit, den Fluch zu umgehen und dennoch die Krone für sich zu gewinnen, doch dabei muss er gegen seinen Bruder bestehen. Als eines Tages Prinzessin Celeste aus dem verbündeten Königreich an den Hof kommt, gipfelt der brüderliche Wettstreit darin, dass sie beide um die Gunst der Prinzessin buhlen. Nur besitzt diese eine Waffe, gegen die selbst ein dunkler Prinz nicht gefeit ist: Liebe.

 

Die Autorin

Bettina Pfeiffer wurde 1984 in Graz geboren und lebt heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Baden bei Wien.

Seit ihrer Kindheit liebt sie es, sich Geschichten auszudenken. Besonders als Ausgleich zu ihrem zahlenorientierten Hauptjob taucht sie gern in magische Welten ab und begann schließlich, diese aufzuschreiben. So entstand recht schnell die Idee für die ›Weltportale‹ und andere magische Geschichten im Genre Fan-tasy/Romantasy.

Inspiration dafür findet sie immer wieder durch ihre Kinder, mit denen sie gern auf abenteuerliche Entdeckungsreisen geht.

 

 

www.sternensand-verlag.ch

info@sternensand-verlag.ch

 

1. Auflage, August 2019

© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2019

Umschlaggestaltung: Jasmin Romana Welsch

Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Martina König

Korrektorat Druckfahne: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-057-7

ISBN (epub): 978-3-03896-058-4

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

Für Tom Hiddleston.

Weil es diese Geschichte ohne Loki nicht geben würde.

 

Kapitel 1

 

Das Flackern der Kerzen ließ mich in meiner Bewegung innehalten und ich lauschte in die Stille. Hatte ich Schritte gehört? Nein. Da war nichts. Dann musste wohl der Wind für das Zittern der Flammen verantwortlich gewesen sein.

Ich durfte mich nicht erwischen lassen, denn was ich vorhatte, war Hochverrat. Und ich wusste es. Aber mehr noch wusste ich, dass es meine einzige Möglichkeit war, nicht früher oder später von meinem eigenen Bruder verbannt zu werden. Er war der Ältere und Liebling unseres Vaters. Wenn er einst König unseres Volkes sein wollte, musste er mich fortschicken. So wie es seit Generationen Brauch war. Denn ich war der dunkle Prinz.

Wir waren als Zwillinge geboren worden, wie alle Königskinder seit Beginn der Zeitrechnung. Wir glichen uns äußerlich so sehr, dass unsere Mutter, Königin Fey, uns bis zu unserem sechsten Geburtstag nur an einem Mal, das die Sonne Padums darstellte und bei mir an der linken, bei meinem Bruder an der rechten Schulter saß, unterscheiden konnte.

Unsere Haut war milchig weiß, unser Haar dafür fast schwarz und wir beide trugen es glatt bis etwa zum Kinn. Unsere Augen hatten allerdings unterschiedliche Farben angenommen, nachdem wir unser siebentes Lebensjahr erreicht hatten. Während mein Bruder Kieran hellblaue Augen besaß, die seinem lebenslustigen Charakter entsprachen, waren meine von einem hellen Grün. Grün stand bei unserem Volk, gerade bei dunklen Prinzen, vor allem für eines: Gefahr.

Es war ein Fluch. Der Fluch des dunklen Prinzen, wie man diese Legende nannte. Jeder zweitgeborene Zwilling stellte eine Gefahr für den Thron – ja, sogar für das gesamte Königreich – dar, die man nur umgehen konnte, indem man ihn fortschickte. Doch wirklich gefährlich waren nur jene dunklen Prinzen, deren Augen so hellgrün aussahen wie meine. Die Macht, die diese Männer besaßen, war ungleich höher als jene von Prinzen mit blauen oder braunen Augen. Sie waren kaltblütig und gierten nach dem, was sie nicht bekommen konnten: dem Königstitel und der damit einhergehenden Macht.

Ja, ich wollte den Thron. Aber das lag daran, dass ich Kieran einfach nicht für einen geeigneten König hielt. Dennoch betrachtete man mich, als wäre ich die Ausgeburt der Dunkelheit.

Unnötig, zu erwähnen, dass Kieran beim Volk und den Söhnen und Töchtern der Höflinge sehr beliebt war, wohingegen ich eine Außenseiterrolle eingenommen hatte. Mein Bruder hatte sich redliche Mühe gegeben, das zu ändern, und das rechnete ich ihm hoch an. Er nahm mich oft mit zu Ausflügen, auf die ausdrücklich nur er eingeladen worden war, oder hatte in unserer Kindheit darauf bestanden, dass ich bei Spielen miteinbezogen wurde. Allein dafür konnte ich ihn nicht hassen. Er war ein herzensguter Mann.

Das änderte aber nichts daran, dass er mich würde fortschicken müssen, wenn wir einundzwanzig wurden, weil ich von da an mit jedem weiteren Tag zu einer größeren Gefahr für ihn und den Thron würde.

Ich wollte jedoch nicht fort! Ich wollte der nächste König sein. Denn so herzensgut mein Bruder auch war, Intelligenz oder Diplomatie zählten nicht zu seinen Stärken. Er kümmerte sich nicht um politische Angelegenheiten oder versuchte, Konflikte mit Geschick statt roher Gewalt zu lösen.

Ich befürchtete, dass er nur darauf hoffen konnte, eine starke Königin an seiner Seite zu haben, wenn er einst König würde. Eine, die sich um die Staatsgeschäfte kümmerte, während er das tat, was er am besten konnte: gute Laune verbreiten.

Wir waren die Söhne von Padum, dem mächtigsten magischen Reich unter den zwölf Königreichen. Magie floss in unseren Adern wie bei anderen das Blut. Wir waren mächtig. Die anderen Reiche hüteten sich davor, sich uns zum Feind zu machen. Aber mit meinem Bruder auf dem Thron war ich mir nicht sicher, wie es für unser Land und unser Volk enden würde. Nein, ich konnte nicht zulassen, dass er König wurde. Er war dafür nicht geeignet. Ich schon.

Ich schlich weiter durch die verwaisten Flure des Schlosses. Mit meiner Magie hatte ich dafür gesorgt, dass die Wachen schlafen würden, sobald die Glocke von Marisir, unserer Hauptstadt, zehn schlug. Mein Bruder mochte der Ältere von uns sein, ich war mächtiger. Was auch daran lag, dass ich die Magie beherrschen wollte und gelernt hatte, sie auch zu nutzen, während er sie als selbstverständliche Gabe verstand, die man nicht durch Übung stärken musste. Auch ein Grund, weswegen ich ihn nicht für geeignet hielt, den Thron zu übernehmen.

Obwohl sich niemand auf seinem Posten befand, gab ich mir Mühe, keine Geräusche zu machen. Ich wusste, dass die Dienerschaft nachts genauso hellhörig war wie tagsüber. Niemand sollte mich sehen. Niemand ahnen, was ich vorhatte. Ich durfte keinen Fehler machen. Es wäre mein letzter.

Wieder flackerten die Kerzen. Ich blieb stehen und drückte mich in eine Nische in der Wand, denn ich fühlte die Anwesenheit von Magie. Mächtiger Magie.

Gebannt starrte ich auf den Boden vor meinem Versteck, als sich ein Schatten über den gelben Stein schob, der so typisch für unser Reich war. Ich hielt den Atem an und hoffte, meine Tarnmagie würde mich vor der Wahrnehmung meines Vaters verbergen.

»Kay, wieso lässt du mich einfach stehen, wenn wir miteinander reden?«, hörte ich die Stimme meiner Mutter.

Der Schatten meines Vaters blieb stehen und wandte sich um, während der König einfach weiterging.

Unsere Schatten hatten eigene Willen, sie gehörten zwar zu uns, aber wir konnten sie sogar recht weit fortschicken, um Aufträge für uns zu erledigen, oder sie für uns kämpfen lassen. Für gewöhnlich blieben sie aber bei uns, um uns zu dienen. Oder in meinem Fall, in Schwierigkeiten zu bringen. Denn mein nichtsnutziger Schatten hatte doch tatsächlich vor, sich zu dem meines Vaters zu schleichen.

Zischend rief ich ihn zurück und als er nicht gehorchte, musste ich Bannmagie einsetzen. Stark genug, um ihm meinen Willen aufzuzwingen, aber so zurückhaltend, damit Vaters Schatten uns nicht entdeckte.

»Kay, wir waren noch nicht fertig!«

»Doch, waren wir, Fey. Denn was du verlangst, ist unmöglich!«, donnerte die Stimme meines Vaters durch den Korridor.

Ich fluchte innerlich. Spätestens jetzt waren alle Bediensteten hellwach und standen an den Türen, um kein Wort zu versäumen. Mein Plan war also gescheitert. Vorerst.

»Aber du bist der König. Du kannst die Gesetze ändern!«

»Und warum sollte ich das tun, Fey? Warum?«

Er kam zurück und blieb direkt vor meinem Versteck stehen. Sein Schatten legte den Kopf schief und ich verbarg mich noch tiefer in magischen Hüllen, um nicht entdeckt zu werden.

»Du weißt so gut wie ich, dass es Liams Schicksal ist, diesen Hof zu verlassen.«

Als er meinen Namen nannte, schluckte ich. War Kieran der Liebling unseres Vaters, galt die Gunst unserer Mutter mir. Hatten sie sich meinetwegen gestritten?

»Aber das muss nicht sein. Er würde Kieran die Krone nicht streitig machen. Er ist anders als Belfire …«

Mein Vater machte einen Schritt auf sie zu und meine Mutter keuchte. »Wage es nie wieder, diesen Namen auszusprechen!«, raunte er gefährlich leise und ich hörte, wie sein Atem rasend schnell ging.

Mein Onkel war der jüngere Bruder gewesen. Er hatte den Hof verlassen, so wie es für den dunklen Prinzen vorgesehen war. Jahre später war er allerdings mit einer Armee aus unterschiedlichen Königreichen zurückgekehrt. Söldner, die ihre Seele verkauft hatten, weil das Gold von Padum sie gelockt hatte. Mein Vater selbst hatte ihn im Kampf getötet und sich nie wieder davon erholt.

»Ich weiß sehr wohl, dass Liam anders ist als mein Bruder. Und doch kann ich es nicht riskieren, Fey. Ich kann es nicht zulassen. Er ist der dunkle Prinz und er hat die grünen Augen geerbt. Du kennst die Legende von dem Fluch, der über den Söhnen Padums liegt! Wir dürfen dieses Risiko nicht eingehen.«

»Er ist genauso dein Sohn wie Kieran. Wir beide wissen, dass er besser für den Thron geeignet ist als unser Erstgeborener.«

»Eben deswegen muss er gehen, Fey! Er will es vielleicht nicht, aber er wird seinen Bruder in Schwierigkeiten bringen.«

»Aber wenn du die Thronfolge …«

»Sprich es nicht aus, Weib!«, fuhr mein Vater sie an. »Das, was du im Begriff bist, zu sagen, ist Hochverrat. Und das weißt du.«

»Aber …«

»Fey!«

Die Stimme meines Vaters war bei diesem einen Wort weich wie Samt geworden. Dass er meine Mutter vergötterte, war allgemein bekannt. Dennoch verwunderte es mich jedes Mal aufs Neue, wie es sein konnte, dass sie seinen Zorn so schnell milderte.

»Ich liebe ihn auch von Herzen. Ich weiß, er wäre der bessere König. Aber es gibt Gesetze, denen auch ich mich beugen muss. Er ist der dunkle Prinz, meine Liebste. Er wird immer der dunkle Prinz bleiben, ganz gleich, wie fähig er als König sein könnte. Denkst du, das Volk würde ihn als Herrscher annehmen, selbst wenn ich uralte Gesetze außer Kraft setzen lasse, die uns immer beschützt haben? Das Schicksal hat ihn für diese Rolle vorgesehen und er muss sie erfüllen. Es ist seine Bestimmung und ich kann das Gefüge nicht verändern, auch nicht für dich.«

»Es ist nur …«, murmelte meine Mutter und ich konnte die Sorge in ihrer Stimme hören. »Ich will ihn nicht gehen lassen. Ich sorge mich um ihn.«

Mein Herz wurde mit einem Mal schwer, als ich die Worte meiner Mutter vernahm. Der dunkle Prinz musste das Königreich verlassen und durfte nur wiederkehren, wenn er auf sein Geburtsrecht verzichtet hatte und kein Teil des Königshauses mehr war. Oder wenn er zum König eines anderen Reiches gekrönt worden war, da dies den angeblichen Fluch ebenfalls aufhob.

Aber das setzte eine Hochzeit mit einer Königin voraus. Was sich niemand bei mir vorstellen konnte, am allerwenigsten ich selbst. Mich zu binden, gefiel mir nicht und ich hatte es in naher Zukunft auch nicht vor. Schon gar nicht an eine Königin.

Die meisten Prinzessinnen, die ich kennengelernt hatte, entsprachen nicht meiner Vorstellung einer Partnerin fürs Leben. Das lag zwar mehr an ihnen als an mir, allerdings musste ich gestehen, dass ich für Gefühle nicht gemacht zu sein schien. Vielleicht war doch etwas Wahres an dem Gerede über Kaltblütigkeit, denn bisher hatte ich noch nie etwas für jemanden empfunden – von meiner Familie abgesehen.

Somit gab es keine andere Möglichkeit. Wenn ich nicht verstoßen werden wollte, konnte ich nur mein Schicksal herausfordern. Dabei musste ich meinen Bruder in einem Kampf ohne Magie besiegen. Was einer unmöglichen Aufgabe glich. Denn während ich vielleicht der Klügere war, besaß mein Bruder ein unheimliches Talent im Kampf. Diese Fähigkeit konnte ich nicht verbessern, egal, wie lange ich übte oder mich unterrichten ließ. Kieran war mir diesbezüglich einfach überlegen.

Deswegen hatte ich mich auf den Weg zur heiligen Kammer gemacht, in welcher die Waffen für ein solches Duell aufbewahrt wurden. Ich wollte dafür sorgen, dass ich nicht verlieren konnte. Denn falls ich unterlag, musste man mich auf der Stelle töten.

Ich hing an meinem Leben. Meinem Bruder würde man nur seinen Titel entziehen und ihn statt mir fortschicken. Er würde eher eine Königin umwerben können als ich.

»Ich wünschte auch, es gäbe eine andere Möglichkeit«, seufzte mein Vater schließlich. »Aber die Zeiten sind unsicher, Liebste. Selbst unser Königreich ist nicht mehr unantastbar. Wir dürfen niemandem die Möglichkeit geben, uns zu schwächen und anzugreifen. Ich weiß, dass Liam ein gutes Herz hat. Aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass jeder dunkle Prinz eine Gefahr bedeutet. Jeder.«

Ein König hatte immer zuallererst an sein Volk zu denken. Diese Ansicht vertrat mein Vater. Er stellte das Königreich und das Volk immer vor uns. Deswegen war er ein guter König und ein miserabler Vater.

Stoff raschelte und ich wusste, dass meine Eltern sich mit einem Mal in den Armen hielten. Ihr Streit war beendet und mir schwante, was jetzt kommen würde. Als ich hörte, wie sie sich küssten, wurde mir übel. Wenn ich Pech hatte, würden sie hier, direkt neben mir, übereinander herfallen.

Ich lehnte den Kopf gegen die Wand und kniff die Augen zusammen, als meine Mutter den Namen meines Vaters keuchte.

Großartig. Nicht nur, dass ich nicht umsetzen konnte, was ich vorhatte, nein, jetzt musste ich auch noch dem Liebesspiel meiner Eltern lauschen.

Ich hätte gerne Magie eingesetzt, um nichts zu hören, aber ich fürchtete, dass zumindest mein Vater das gespürt hätte, ganz gleich, wie berauscht er gerade von meiner Mutter war. Also hielt ich mir die Ohren zu und hoffte, sie wären schnell fertig. Mein Schatten schmollte zu meinen Füßen, hielt sich aber ebenfalls die Ohren zu, als ich nach ihm sah.

Warum konnten meine Eltern ihre Finger nicht voneinander lassen? Ich mochte es auch, meine Nächte mit Frauen zu verbringen. Solange ich der Prinz war, umschmeichelten sie mich, obwohl sie wussten, dass es diesen angeblichen Fluch gab und ich bald würde gehen müssen. Aber sie gaben sich mir gern hin. Oder verwechselten sie mich allesamt mit meinem Bruder?

Doch allein die Vorstellung, jede Nacht mit ein und derselben Frau zu verbringen, ödete mich an, ebenso wie meinen Bruder. Wir beide hielten es nicht lange mit der gleichen Gespielin aus. Aber es gab zum Glück genug Auswahl für jeden von uns.

Als meine Eltern endlich voneinander ließen und wie verliebte Kinder kichernd davoneilten, schlug die Uhr bereits zwölf. Damit war mein Zauber aufgebraucht. Aber selbst wenn er noch gewirkt hätte, wäre ich von den Dienern gehört worden, die zuerst dem Streit meiner Eltern und dann ihrer anschließenden Versöhnung hinter den Türen gelauscht hatten. Ich konnte also nichts weiter tun, als in mein Gemach zurückzuschleichen und einen neuen Plan zu schmieden.

Es war nicht möglich, die Waffen an jedem beliebigen Tag zu manipulieren. Es funktionierte nur zu speziellen Zeiten, wenn der Mond richtig stand und ich seine Magie dafür nutzen konnte. Denn die Waffen trugen die Sonnenmagie des Gottes Padum selbst in sich, die ich mit Mondmagie brechen musste. Alles andere als einfach. Ich musste mich also wieder einige Zeit gedulden und die Sternenkonstellationen beobachten. Außerdem musste ich einen neuen Zauber schmieden, mit dem ich die Wachen in Schlaf versetzte. Die Zutaten dafür zu bekommen, würde schwierig werden. Allerdings hatte ich bis zu meinem nächsten Versuch wohl genug Zeit, sie zu stehlen.

In Gedanken versunken schlich ich durch das Schloss, bis ich in jenen Teil gelangte, in dem sich mein Gemach befand. Frustriert trat ich ein und hielt inne, als ich die Anwesenheit einer anderen Person fühlte. Ich deutete meinem Schatten mit dem Kopf, sich umzusehen, und verharrte an der Tür, während er durch das Zimmer schwebte. Es dauerte nicht lange, da zerrte er einen sehr weiblichen Schatten hinter einem Vorhang hervor.

Ich schritt zu dem Fenster und riss den Stoff beiseite. Eine junge Frau mit langen rötlichen Locken sah mich aus großen Augen an. »Was machst du hier?«, fuhr ich sie an.

Sie schluckte und rang sich ein Lächeln ab. »Ich bin gekommen, weil ich …« Sie schluckte erneut.

Ich wusste, warum sie hier war. Ihrer Kleidung nach zu urteilen, gehörte sie dem niederen Adel an. Also handelte es sich vermutlich um die Zofe einer Herzogin oder der Frau eines Ministers. Sie war hier, weil sie mit mir schlafen wollte, aus welchen Gründen auch immer.

Sie machte einen Schritt auf mich zu und öffnete dabei die obersten Knöpfe ihrer schlichten Bluse. »Ich bin hier, weil ich nicht aufhören kann, an Euch zu denken«, säuselte sie.

Natürlich. Auch wenn ich mir vieles vorstellen konnte, das glaubte ich ihr nicht. Entweder hatte mein Bruder sie bereits abgelegt oder sie hatte es bei ihm versucht und war gescheitert. Aber es kümmerte mich nicht. Ich empfand nichts für sie und offenbar wollte sie mich, sonst wäre sie nicht hier. Eine Frau gegen ihren Willen zu nehmen, lag mir fern. Aber sie war freiwillig hier, warum sollte ich also zögern?

Ich umfasste ihre Taille und zog sie an mich. »Du kannst also nicht aufhören, an mich zu denken?«, raunte ich und fuhr mit meiner Hand über ihre üppige Oberweite, bis ich die Knospen ihrer Brust unter dem Stoff fühlte.

Sie vergeudete keine Zeit damit, zu antworten, sondern legte ihre Finger an meinen Gürtel, während sie auf die Knie ging. Sie stellte sich nicht besonders geschickt darin an, meine Hose zu öffnen, aber als ihre Lippen meinen Schaft umschlossen, wusste ich, dass sie das nicht zum ersten Mal tat.

Eine unerfahrene Frau in mein Bett zu holen, hatte für mich keinen Reiz. Ich wollte keine Rücksicht auf Gefühle nehmen müssen.

Mein Blick wanderte nach unten, als die Zofe ihre Hände zu Hilfe nahm. Ihre Bewegungen waren etwas grob, vermutlich wollte sie es schnell hinter sich bringen. Auf eine seltsame Art erregte mich das.

Ich legte meine Hände auf ihre Schultern und zog sie hoch. »Das genügt«, knurrte ich und packte sie an der Taille.

Sie keuchte, als ich sie auf den Tisch neben dem Fenster setzte und ihre Röcke hochschob. Sie trug keine Unterwäsche. Es hätte mich auch überrascht, wenn es anders gewesen wäre. »Bist du wirklich sicher, dass du mich willst?«, fragte ich, als meine Hand zwischen ihre Beine wanderte. Sie war trocken und reagierte kaum auf meine Berührung.

»Ja, Herr«, hauchte sie und rutschte auf dem Tisch nach vorn. »Ich will Euch.«

Sie umfasste meine Hand mit ihrer und streichelte sich selbst mit meinen Fingerspitzen. Ich unterdrückte ein Schnauben, während sie schließlich doch noch feucht wurde. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und gab einen kehligen Laut von sich, während ihre Bewegungen immer schneller wurden.

»Willst du etwa ohne mich fertig werden?«, murmelte ich und sie riss entsetzt ihre Augen auf, als ich meine Hand zurückzog.

Ich trat zurück und zog aus der Schublade einen Schutz für mein bestes Stück hervor. Zum einen wollte ich mit einem Mädchen, dessen Namen ich nicht kannte – und nicht kennen wollte –, keinen Bastard in die Welt setzen, und zum anderen wusste ich nicht, wie vielen Männern vor mir sie ihre Gunst bereits geschenkt hatte.

Noch während sie nach Worten rang, legte ich den Schutz an und trat auf sie zu. Sie öffnete ihre Schenkel noch ein Stück weiter und schob ihr Gesäß nach vorn, während ich mich selbst erst wieder in Stimmung bringen musste.

Die Zofe beobachtete mich, leckte sich mit ihrer Zunge über die Lippen. Ihr gefiel wohl, was sie sah.

»Öffne deine Bluse«, forderte ich und sie kam meinem Befehl nach, streifte den Stoff über ihre Schultern.

Ihre Brüste waren nicht so groß, wie ich vermutet hatte, aber fest, und ihre Knospen waren aufgerichtet. Ja, sie war erregt.

Sie begann, über ihre nackte Haut zu streichen. Bevor sie auf die Idee kam, sich wieder selbst Lust zu schenken, zog ich ihr Becken näher an mich heran und stieß zu.

Sie stöhnte und klammerte sich an meinen Schultern fest, während ich aus ihr hinausglitt, nur um erneut zuzustoßen. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und gab lustvolle Laute von sich. Ich wusste nicht, ob es ihr wirklich gefiel oder sie mir das nur vorspielte, aber zumindest war sie feucht und fühlte sich gut an.

Hätte sie mich mehr gereizt, hätte ich mir Zeit genommen, versucht, sie wirklich auf ihre Kosten kommen zu lassen. Aber sie war nur ein schnelles Vergnügen. So wie die meisten anderen Frauen, die unaufgefordert in mein Zimmer schlichen. Also stieß ich fester zu und beugte mich zu ihr nach vorn. »Sag meinen Namen«, raunte ich ihr ins Ohr.

»Liam«, keuchte sie und verkrampfte ihre Finger noch fester in meinen Schultern. »Oh Liam!«

»Gefällt es dir, wenn ich dich so nehme?«

Sie schluckte und hauchte ein »Ja«, bevor sie die Augen schloss und meinen Namen rief. Ihre Hüften bebten, aber ich war ziemlich sicher, dass sie ihren Höhepunkt nur vorspielte.

Darauf nahm ich keine Rücksicht. Ich stieß noch heftiger zu, bis ich keuchend kam, fast froh darüber, dass es vorbei war.

Ich fragte mich, ob es an meinen Gespielinnen oder an mir selbst lag, aber wirklich befriedigt fühlte ich mich in letzter Zeit nicht.

Die Zofe sah mich einen Moment lang an, dann fiel ihr Kopf an meine Brust und sie rang nach Atem. Als hätte sie sich an etwas erinnert, blickte sie auf, legte ihre Hände in meinen Nacken und wollte mich zu sich ziehen, vermutlich weil sie dachte, ich würde es erwarten. Ich schob sie von mir, glitt aus ihr heraus und trat einen Schritt zurück.

Ich küsste grundsätzlich nicht, und schon gar nicht eine Frau wie sie, die mir so gleichgültig war. Die Dichter behaupteten, Küsse wären intimer als Sex, und ich stimmte ihnen zu. Ein Kuss bedeutete für mich, dass ich Gefühle für sie zuließ. Was ich nicht tun würde.

»Du solltest jetzt gehen«, erklärte ich und streifte den Schutz ab, drehte mich von ihr weg und warf ihn achtlos auf den Boden.

»Aber ich könnte …«

»Was?«, fragte ich, ohne mich zu ihr umzudrehen, sondern begann, meinen Gehrock auszuziehen. Ich wollte ein Bad nehmen. Das tat ich immer, wenn ich ein Mädchen wie sie genommen hatte.

»Ich könnte hierbleiben, falls Ihr noch einmal …«

»Mein Bedarf für heute ist gedeckt«, meinte ich gleichgültig und zog eine Münze aus meiner Hosentasche. Ich warf sie ihr zu. »Ich hoffe, du bist auf deine Kosten gekommen?«

Als ob das wichtig wäre. Vermutlich hatte sie mir sowieso etwas vorgespielt, aber auch das war mir in Wahrheit gleichgültig. Sie wollte keine Zärtlichkeiten und ich hatte ihr keine zu geben.

Aber sie nickte dennoch und schob ihre Röcke nach unten. Wortlos ging sie zur Tür, drehte sich noch einmal um, als würde sie tatsächlich erwarten, dass ich sie zurückrief, und verließ mein Zimmer dann mit einem Schnauben.

Es kümmerte mich nicht. Sie war zu mir gekommen, ich hatte sie weder umworben noch gebeten, mir hier aufzulauern. Und sie kannte den Ruf meines Bruders und ebenso meinen eigenen, also hatte sie gewusst, auf was sie sich einließ.

Ich zog mich aus und betrat mein Badezimmer. Dieses Schloss war mit Magie errichtet worden und genauso magisch hatte man dafür gesorgt, dass Wasser durch Leitungen laufen konnte, damit man es nicht mühsam mithilfe von Eimern heranschaffen musste.

Ich ließ das Wasser in die Wanne ein und betrachtete mich im Spiegel. Das Grün meiner Augen stach selbst in dem schummrigen Licht der magischen Kerzen, die wir im Schloss nutzten, hervor.

Ob mein Vater recht hatte, dass das Volk mich nie würde akzeptieren können, selbst wenn ich gegen meinen Bruder gewinnen sollte? Obwohl selbst er wusste, dass ich geeigneter für den Thron war als Kieran?

Ich ließ den Kopf hängen und stieß den Atem aus. Ich musste es dennoch wagen. Musste die Waffen meinem Willen beugen und meinem Bruder den Thron streitig machen. Kieran würde es überleben, würde König oder Prinz eines anderen Reiches werden und es irgendwann verstehen, mir vielleicht sogar vergeben können.

Als die Wanne vollgelaufen war, stieg ich hinein. Mein Plan musste gelingen und ich würde es niemandem erlauben, mich davon abzuhalten. Aber vorläufig musste ich mich in Geduld üben, die Zutaten für den Schlafzauber stehlen und warten, bis der Mond wieder die richtige Position einnahm, um meine Magie zu verstärken.

Kapitel 2

 

Ich konnte meine Eltern nicht ansehen, als ich mich mit tiefen Augenringen an der Frühstückstafel niederließ. Die halbe Nacht hatte ich gegrübelt, wie ich meinen Plan umsetzen sollte, und war irgendwann in düstere Träume abgedriftet. Träume, in denen ich meine Eltern ermordete und meinen Bruder enthauptete. Dinge, die ich nie tun würde, und doch hatte es sich echt angefühlt.

Ich hatte wohl zu viel über die Geschichten rund um den Fluch nachgedacht. Mir lief die Zeit davon, bis er angeblich ausbrechen würde, und vermutlich träumte ich deswegen solchen Unsinn.

Ich unterdrückte ein Schaudern und wandte mich meinem Bruder zu. Kieran hatte eine seiner Gespielinnen auf seinem Schoß und fütterte sie mit Trauben. Meine Eltern schienen sich nicht daran zu stören. Überhaupt waren sie recht großzügig, was unseren Umgang betraf.

Kieran hatte viele Freunde, Frauen wie Männer. Sie waren die Söhne und Töchter der Berater und Minister unseres Vaters. Oft speisten sie mit uns oder blieben bis spät in die Nacht zu Spielen oder in letzter Zeit eher Trinkgelagen. Diese Frauen waren für uns allerdings tabu, außer, wir hatten die Absicht, sie zu heiraten. Ich fand das etwas heuchlerisch, aber meiner Mutter ging es darum, die Eltern dieser Frauen nicht zu verärgern.

Das Mädchen auf seinem Schoß gehörte ganz offensichtlich nicht zu jenen Frauen, die er hätte ehelichen müssen. Glück für ihn.

»Worüber denkst du nach, Bruder?«, rief Kieran plötzlich und seine Gespielin drehte sich auf seinem Schoß, um mich anzusehen.

Sie hatte ein hübsches Gesicht und trug ihre langen türkisfarbenen Haare zu einem seitlich geflochtenen Zopf. Ihr Kleid war einfach, aber in gutem Zustand. Vermutlich war auch sie eine Kammerzofe einer Baronesse, so wie das Mädchen, das mir letzte Nacht einen Besuch abgestattet hatte. Nur schien sie die Nähe meines Bruders tatsächlich zu genießen und gab ein Gurren von sich, als er ihr wie zufällig über die Brust strich.

»Ich frage mich gerade, warum wir die Tafel eingedeckt haben, als würden wir den Besuch einer Delegation erwarten«, antwortete ich und das Mädchen legte den Kopf zurück und lachte, als hätte ich einen Witz gemacht.

Ich rollte mit den Augen. Anscheinend hatte sie in etwa denselben Verstand wie mein Bruder.

»Weil wir tatsächlich Besuch erwarten«, verkündete mein Vater und warf meinem Bruder einen finsteren Blick zu.

»Schätzchen, ich denke, das bedeutet, du musst gehen«, grinste Kieran und die Kleine schmollte. »Aber lauf nicht zu weit weg, ja? Es gibt noch etwas, das ich dir in meinem Gemach zeigen möchte.«

Sie lächelte wieder, hüpfte von seinem Schoß und schlich mit gesenktem Haupt aus dem Raum.

»Eine Nacht reicht nicht?«, raunte ich meinem Bruder zu.

Er grinste noch breiter. »Oh, sie kann Dinge mit ihrem Mund anstellen, Bruder …«

»Ihr solltet diese Gespräche besser einstellen«, tadelte unsere Mutter uns. »Wir erwarten heute hohen Besuch und ihr solltet uns keine Schande mit euren Bettgeschichten machen.«

Die Erinnerung daran, wie meine Eltern miteinander geschlafen hatten, während ich nur eine Armlänge danebengestanden und zugehört hatte, ließ mich beinahe würgen. Irgendwie musste ich die Gedanken daran endlich loswerden.

»Und wer besucht uns, wenn ich fragen darf?«, wollte Kieran wissen.

»Die Kronprinzessin von Opal mit ihren Begleitern«, erwiderte meine Mutter mit vielsagendem Lächeln. »Sie soll anmutig und liebreizend sein.«

Ich gab einen gequälten Laut von mir. Für gewöhnlich sagte man so etwas über Frauen, die hässlich oder kratzbürstige Biester waren. Niemand also, mit dem man länger als nötig in einem Zimmer eingesperrt sein wollte. So wie die meisten Prinzessinnen, die uns besuchten und von meinem Bruder umgarnt wurden.

Ich überlegte, wie viele von ihnen er tatsächlich in sein Bett mitgenommen hatte, nur um sich etwas zu beweisen. Er dachte nie an die Konsequenzen seiner Handlungen, wenn es um seine Bedürfnisse oder seinen Stolz ging. Ich verstand nicht, was er an ihnen fand. Die meisten waren vielleicht hübsch anzusehen, aber sobald sie den Mund öffneten, wollte ich nur die Flucht ergreifen.

»Ich erwarte, dass ihr euch vorbildlich benehmt, verstanden? Ihr Reich und unseres sind durch eine lange Freundschaft verbunden. Ich möchte nicht, dass einer von euch Schuld daran trägt, dass wir uns entzweien«, wies mein Vater uns zurecht.

Ich kramte in meinem Gedächtnis nach Informationen über Opal. Es war angeblich ein prachtvolles Land, reich an köstlicher Nahrung und überdurchschnittlich kluger Bevölkerung. Viele Gelehrte anderer Höfe stammten von dort, selbst einer unserer Ratgeber. Allerdings besaßen sie keine Magie, und aus diesem Grund verstanden sich unsere Reiche so wunderbar. Wir glichen aus, was dem anderen fehlte.

»Deswegen werdet ihr euch jetzt umziehen, bevor sie hier eintrifft«, fügte meine Mutter hinzu.

Kieran und ich warfen uns einen Blick zu, bevor wir meine Mutter entgeistert anstarrten. Wir trugen schlichte Kleidung. Dunkelblaue Hosen, weiße Hemden mit Schnüren statt Knöpfen und abgetragene, aber bequeme Stiefel. Die Prinzessin erschien zum Frühstück, nicht zu einem Ball. Warum sollten wir uns also steife Kleidung anlegen?

»Ihr habt eure Mutter gehört«, brummte mein Vater, als wir uns nicht in Bewegung setzten. Er selbst trug nicht viel edlere Kleidung als wir. Nur der schwere Brokatmantel mit den Goldstickereien wertete seinen Aufzug auf.

Mutter hingegen war stets die perfekte Königin. Ihre Kleider strahlten schlichte Eleganz aus. So auch dieses dunkelgraue Kleid mit ausgestelltem Rock aus schimmerndem Stoff und mit goldenem Muster, das ihre kupferroten Haare noch feuriger erstrahlen ließ.

Murrend erhob Kieran sich und deutete mir mit dem Kopf, es ihm gleichzutun. Ich hatte wohl keine Wahl.

»Ich hoffe nur, Daisy wartet nicht in meinem Gemach«, grinste mein Bruder, als wir den Raum verließen und uns zu unseren Zimmern aufmachten. »Sonst komme ich zu spät, um die Prinzessin zu begrüßen.« Er klopfte mir auf die Schulter. »Ich werde Daisy bitten, demnächst auch bei dir vorbeizusehen, um dir ihre Mundfertigkeiten zu zeigen.«

»Findest du es nicht seltsam, wenn ich deine abgelegten Geliebten in mein Bett nehme?«, fragte ich. Ich fand es seltsam, dass mein Bruder sie mir sogar persönlich schickte.

»Wieso denn? Ich nehme doch auch die Frauen, die du hattest.«

Ich stieß den Atem aus. »Wenn du meinst.«

Froh darüber, nicht mehr mit ihm sprechen zu müssen, betrat ich mein Gemach. Hastig zog ich mein Hemd aus und streifte eines mit Perlmuttknöpfen und Rundkragen mit goldenen Stickereien über. Die dunkelblaue Hose tauschte ich gegen eine schwarze und legte meinen passenden Gehrock an.

Ohne auf Kieran zu warten, kehrte ich zur Tafel zurück, an der meine Eltern saßen. Oder vielmehr meine Mutter auf dem Schoß meines Vaters. Ich räusperte mich und sie fuhren auseinander.

»Liam, deine Haare hättest du auch richten können«, tadelte Mutter mich und kam zu mir. Aus ihrem Ärmel zückte sie einen Kamm und machte sich daran, meine schwarzen Haare streng nach hinten zu frisieren.

Ich hasste es, wenn sie das tat. Ich fühlte mich dann wie ein kleines Kind und genauso sah meine Frisur auch aus. Wie die eines Kindes.

»Mutter, bitte«, murmelte ich und versuchte, sie von mir zu schieben. Aber sie blieb beharrlich, bis sie zufrieden war.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »So kann man dich präsentieren. Du wirst der Prinzessin bestimmt gefallen.«

Ich schnaubte. Erstens war mir gleichgültig, ob ich einer Prinzessin gefiel, die vermutlich genauso bissig war wie all die anderen Prinzessinnen, denen ich vorgestellt worden war. Und zweitens musste meiner Mutter klar sein, dass die Prinzessin sich von mir fernhalten würde, sobald sie das gewinnende Lächeln meines Bruders gesehen hatte. Im Gegensatz zu mir konnte er wirklich charmant sein und jeder Frau das Gefühl geben, etwas Besonderes für ihn darzustellen.

Außerdem mieden mich die Prinzessinnen, sobald ihnen klar wurde, dass ich der dunkle Prinz war, und jemand ihnen erklärte, dass ich demnächst wegen eines angeblichen Fluchs verbannt werden würde. Als wäre ich deswegen die Ausgeburt der Hölle höchstpersönlich. Ich brauchte nicht noch mehr Kränkungen dieser Art.

»Wo ist Kieran?«, fragte mein Vater gereizt, als die magischen Botensignale aus gläsernen Hörnern erklangen und ankündigten, dass hoher Besuch auf dem Weg in das Speisezimmer war.

»Braucht wohl länger, um sich umzuziehen«, erwiderte ich mit einem Schulterzucken.

Mein Schatten ahmte Bewegungen nach, die recht eindeutig zeigten, was mein Bruder wohl gerade mit dieser Daisy tat. Ich trat nach dem Schatten und er hob drohend die Faust. Wir beide würden wohl nie richtig zusammenpassen.

»Na, dann hast du die beste Chance für einen guten ersten Eindruck«, schmunzelte Mutter und stellte sich zwischen mich und meinen Vater vor das Kopfende der Tafel.

Die hellblauen Türen mit den goldenen Ranken als Verzierung wurden von außen von zwei Dienern geöffnet und ein Mann mit silbergrauem Umhang trat ein. Er trug das Wappen von Opal – ein Löwe unter einem Sichelmond – auf seiner Brust und verneigte sich vor uns. Er sah durch seine Haltung aus, als wäre er einmal Soldat gewesen. Eine große Narbe lief quer über die linke Seite seines Gesichts. Sein Haar war blond, wirkte aber gefärbt, als wollte er seine wahre Haarfarbe verbergen. Ich fragte mich nur, weswegen.

»Ihre königliche Hoheit Prinzessin Celeste von Opal und ihre Hofdame, Herzogin Karina«, kündigte er seine Herrin an.

Ich richtete meinen Blick starr nach vorn, gefasst darauf, ein in edle Stoffe gehülltes Mädchen zu begrüßen, vermutlich mit aufwendiger Frisur und Schmuck um den Hals, als hätte es ein ganzes Geschäft geplündert. Stattdessen trat eine Frau eiligen Schrittes ein, die ich niemals für eine Prinzessin gehalten hätte.

Sie trug eine eng anliegende hellbraune Hose und Reitstiefel bis zum Knie. Ihre olivgrüne Jacke mit der zweireihigen Knopfleiste war weit geöffnet und eine schlichte Bluse aus weißem Stoff schimmerte darunter hervor. An der Hüfte hing ein Schwertgürtel, die Waffe dazu hatte man ihr aber vermutlich am Eingang des Schlosses abgenommen. Ihre braunen Haare schimmerten im Licht ein wenig rötlich und waren zu einem Zopf geflochten. Schmuck trug sie, von ihrem Siegelring abgesehen, keinen.

Hinter ihr hastete eine Frau um die vierzig herein, deren schwarzes Haar zerzaust und das Kleid verrutscht war. Sie warf der Prinzessin einen finsteren Blick zu, ehe sie sich keuchend verneigte.

Ich musste mir ein Lachen verkneifen, als meine Mutter erst einen entsetzten Laut von sich gab und anschließend scharf die Luft einsog. Das war also die Kronprinzessin von Opal. Dieser Besuch konnte interessant werden.

»Vergebt mir, Eure Hoheiten, aber ich wollte Euch nicht noch länger warten lassen«, erklärte die junge Frau mit weicher Stimme, als sie in einen tiefen Knicks ging. »Ich habe mich durch die schlechten Bedingungen der Reise ohnehin schon über Gebühren verspätet. Deswegen stehe ich in meiner Reisekleidung vor Euch. Verzeiht mir bitte diesen Aufzug.«

Mein Vater fand als Erster seine Sprache wieder. »Meine liebe Prinzessin«, räusperte er sich. »Natürlich hegen wir keinen Groll gegen Euch dafür, dass Ihr pünktlich sein wolltet.« Er wackelte mit seinen Fingern und die Prinzessin erhob sich wieder. »Erlaubt mir, mich Euch vorzustellen. Ich bin König Kayren, dies sind meine geliebte Gemahlin Fey und unser zweitgeborener Sohn Liam.«

Sie nickte erst meiner Mutter, dann mir zu und ignorierte die Tatsache, dass ich nur der Zweitgeborene war, obwohl mein Vater es ausdrücklich erwähnt hatte. »Celeste von Opal«, erwiderte sie und meine Mutter senkte das Haupt.

Ich neigte meinen Kopf ebenfalls, konnte aber meinen Blick nicht abwenden. Etwas an ihr kam mir seltsam vor, ich wusste nur nicht sicher, ob es an der Kleidung lag oder ob etwas anderes dafür verantwortlich war.

»Bitte, wollt Ihr Euch nicht setzen?«, murmelte Mutter, die wohl immer noch nicht über den Auftritt der Prinzessin hinweggekommen war, und deutete auf einen Platz an der Tafel. Zu meinem Entsetzen hatte sie für unseren Gast direkt zwischen Kieran und mir eindecken lassen.

»Verzeiht die Frage, aber wolltet Ihr nicht in Begleitung erscheinen?«, fragte mein Vater, als er sich niederließ. »Wir dachten, Ihr würdet einen ganzen Hofstaat mitbringen.«

»Das wollte ich, aber ich habe mich entschieden, nur meine Hofdame Karina und meinen treuen Leibwächter Dawain mitzunehmen«, erklärte sie mit zittriger Stimme.

»Weswegen der Sinneswandel?«

Mein Vater hatte die Frage mehr an den Mann im silbernen Mantel und die immer noch um Atem ringende Hofdame gerichtet, die am untersten Ende der Tafel saßen.

»Mein Lord König«, setzte dieser Dawain zu sprechen an, »die Prinzessin wollte auf der Reise nicht erkannt werden und trotz der widrigen Bedingungen, verursacht durch tagelangen Regen an den Grenzen unseres Reiches, keine Zeit verlieren, um euch in einer dringenden Angelegenheit aufzusuchen. Das von ihr gewählte Tempo wäre mit einem Tross unmöglich gewesen und wir haben nur das Nötigste mitgenommen.«

»Oh, Ihr armes Ding«, seufzte meine Mutter. »Das bedeutet, Ihr habt auch kaum Kleidung mit, da Ihr nur mit Satteltaschen gereist seid?«

Betreten senkte die Prinzessin ihren Blick. »Hoheit, ich habe nur eine schnelle Kutsche mit wenig Stauraum mitgenommen, in der meine Hofdame gereist ist. Ich konnte Lady Karina einen waghalsigen Ritt nicht zumuten.«

Ich hob die Augenbrauen. Sie war geritten, ihre Hofdame nicht. Sie war also wild, aber rücksichtsvoll. Interessant.

»Dann werden wir Euch nach dem Frühstück aushelfen.«

Meine Mutter schien erleichtert zu sein, dass die Prinzessin nicht ständig so herumlief. Ich hingegen war enttäuscht. Eine derart wilde Prinzessin gefiel mir besser als eine so vornehme, wie meine Mutter es war. Es war eine erfrischende Abwechslung.

Verstohlen betrachtete ich die schöne Kronprinzessin. Ihr Gesicht war schmal, aber nicht hager oder gar hart. Sommersprossen überzogen ihre helle Haut. Ihre Nase sah aus wie gemeißelt und ihre Lippen wirkten voll und rosig.

Sie hob ihren Kopf und sah mich direkt an. Goldene Augen musterten mich eindringlich, bevor sie sich wieder abwandte.

»Liam«, zischte meine Mutter und deutete auf eine goldene Kanne, die vor mir stand. »Wo sind deine Manieren?«

Ich umfasste den Henkel und lächelte die Prinzessin höflich an. »Darf ich Euch heiße Schokolade einschenken? Sie ist eine Spezialität von Padum und mit Gewürzen verfeinert.«

»Sehr gern, vielen Dank«, murmelte Celeste und wartete, bis ich erst ihr, dann mir eingeschenkt hatte.

»Bitte, liebes Kind, greift zu«, forderte mein Vater sie auf und wir begannen endlich das Frühstück. Obwohl von meinem Bruder weit und breit nichts zu sehen war. Es schien die Prinzessin aber auch nicht zu stören, falls sie sich überhaupt daran erinnerte, dass es zwei Prinzen gab. Jeder wusste, dass Padum zwei Prinzen besaß, und mein Vater hatte mich als Zweitgeborenen vorgestellt. Immerhin war er nicht mit der Tür ins Haus gefallen und hatte erklärt, dass ich der dunkle Prinz und somit verflucht war.

Ich räusperte mich und füllte meinen Teller. Celeste aß sehr zurückhaltend, nickte aber, als ich ihr erneut heiße Schokolade eingießen wollte.

Kaum hatten wir unser Mahl beendet und uns erhoben, hechtete Kieran um die Ecke und straffte seine Schultern, als sein Blick auf Celeste fiel. Er sah zumindest zufrieden aus, obwohl meine Mutter bei seinem Anblick erneut leise keuchte. Sein Hemd hing auf einer Seite aus der dunkelblauen Hose, war schief geknöpft und zerknittert. Seine Haare fielen ihm unordentlich in die Stirn. Aber er lächelte, obwohl ihm klar sein musste, dass er eine Standpauke zu erwarten hatte.

»Prinzessin Celeste, mein Erstgeborener«, brummte mein Vater.

Kieran fuhr sich durch die Haare, bevor er sich verneigte und die Hand der Prinzessin zu seinen Lippen führte. »Hoheit«, hauchte er.

Mir war es ein Rätsel, wie er nach seinem Stelldichein mit Daisy sofort wieder in die Rolle des perfekten Verführers fallen konnte.

Ich beobachtete Celeste. Sie musterte ihn ein wenig verwirrt und erwiderte das Lächeln nicht. Es kam mir so vor, als wäre sie sogar glücklich, als meine Mutter sie am Arm fasste und mit sich zog, während sie darüber redete, welche Kleider sie ihr leihen konnte, falls die Prinzessin tatsächlich nicht genug mitgebracht hatte.

Kieran trat neben mich und wir beide verschränkten unsere Arme, als wir den Frauen nachsahen. »Sie sieht umwerfend aus«, schmunzelte er.

»Findest du? Nicht sehr prinzessinnenhaft«, erwiderte ich.

»Ach, diese langweiligen Damen, die bisher hier waren, hatten überhaupt keinen Reiz. Im Gegensatz zu ihr. Sie ist auch ohne den ganzen Schnickschnack, den sich Frauen in ihrer Position für gewöhnlich gönnen, wunderschön. Oder siehst du es anders?«

In dem Moment drehte Celeste sich noch einmal zu uns um. Unsere Blicke trafen sich und ich meinte, den Anflug eines Lächelns um ihren Mund zu erkennen. Aber vielleicht war das auch Wunschdenken oder sie fand meine Frisur genauso lächerlich wie ich.

»Ich hoffe, sie bleibt ein wenig«, sprach mein Bruder weiter. »Ich würde sie gern besser kennenlernen.«

»Und damit meinst du, du willst das Bett mit ihr teilen«, grinste ich.

Zu meiner Überraschung war mein Bruder völlig ernst. »Stell dir vor, sie ist genauso interessant wie ihr Auftreten hier. Was für eine Partnerin sie wohl abgeben würde! Was für eine Königin sie wohl wäre!«

»Sie ist die Kronprinzessin ihres Landes, so wie du.«

»Wenn schon. Vater wollte die Reiche längst vereinen.«

»Mal abgesehen davon, dass zwischen den Reichen noch zwei andere liegen … Warum sollte sie ausgerechnet dich nehmen?«

Kieran zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Wir würden ein schönes Paar abgeben. Vielleicht könnte sie mich zähmen und unsere Söhne würden über je ein Reich herrschen. Denk dir, wir würden den Kreislauf mit dem dunklen Prinzen auf diese Weise umgehen. Der Fluch wäre gebrochen.«

»Ja, für eine Generation, und dann gibt es in zwei Reichen einen dunklen Prinzen«, schnaubte ich. »Trotzdem verstehe ich nicht, wie du dir deiner Sache sicher sein kannst.«

»Zweifelst du daran, dass ich sie für mich gewinne? Oder sagst du das nur, weil du sie für dich willst, mein lieber Bruder?«

Er klang so amüsiert dabei, dass ich meine Fäuste ballen musste, um meinen Zorn zu zügeln. »Und wenn es so wäre?«

Ich hatte eigentlich keine Zeit für so ein kindisches Spiel. Aber schon allein weil Kieran daran zweifelte, dass ich es könnte, würde ich es versuchen. Deswegen, und weil ich Celeste wirklich reizvoll fand, was ich Kieran gegenüber nie zugegeben hätte.

»Dann werden das ein paar interessante Tage«, grinste Kieran und hielt mir die Hand hin. »Wir machen es ganz unschuldig. Ein Kuss entscheidet. Was denkst du?«

Ich rieb mir über die Schläfen. Ein Kuss. Als ob das so leicht wäre! Dazu musste ich sie für mich gewinnen, denn sie sah nicht wie eine Frau aus, die wahllos Männer küsste. Es würde Zeit kosten. Zeit, die ich nicht aufbringen wollte, da ich jeden Moment zur Verfolgung meiner Pläne benötigte. Aber andererseits … Wenn ich meinen Bruder hierbei ausbooten konnte, war das vielleicht ein gutes Zeichen für meinen eigentlichen Plan. Kieran wäre verunsichert. Es könnte mir in die Karten spielen.

»Meine Söhne, wir sollten etwas klären«, räusperte sich mein Vater, der das Frühstück nach dem Aufbruch meiner Mutter und der Prinzessin fortgesetzt hatte.

Auffordernd hielt mein Bruder mir immer noch die Hand hin. Und ich schlug ein.

Kapitel 3

 

Nachdem mein Vater uns noch einmal eingebläut hatte, uns zu benehmen, und Kieran tadelte, weil er sich verspätet hatte, entließ er uns.

»Also, wo könnte die wilde Prinzessin sich aufhalten?«, murmelte Kieran, während wir durch die langen Flure schritten.

Die Grundmauern des Schlosses waren alt und mit noch älterer Magie gebaut worden. Es glich einer uneinnehmbaren Festung aus gelbem Stein, die nach seiner ersten und bisher einzigen Zerstörung auf den Trümmern des ersten Schlosses errichtet worden war. Leider wirkte es dadurch kalt und mehr wie ein Verlies als eine Königsresidenz. Mutter hatte versucht, diese Kälte durch Wandteppiche und Blumenvasen zu mindern. Es hatte alles aber irgendwie schlimmer gemacht, weil die Dekoration so fehl am Platz wirkte.

»Vermutlich lässt Mutter sie gerade frisieren«, überlegte ich.

Dabei gefiel mir dieser geflochtene Zopf wirklich gut an ihr. Er brachte ihre Wangenknochen schön zur Geltung. Ich unterdrückte ein Schnauben, weil ich selbst nicht glauben konnte, dass ich solche Gedanken hegte.

»Die Arme, hoffentlich sieht sie dann nicht so abgeschleckt aus wie du«, grinste Kieran.

Ich versetzte ihm einen Schlag gegen die Brust, was er mit einem Gegenschlag quittierte.

»Weißt du zufällig, warum sie hier ist?«, fragte ich, nachdem wir ziellos durch das Schloss gestreift waren und den Gästetrakt mehrfach passiert hatten.

»Die Diener meinten heute Morgen beim Eindecken etwas von Hilfe. Die Prinzessin scheint ein Problem zu haben und hofft, unser Vater kann es durch Magie lösen. Aber genau habe ich nicht zugehört. Ich war beschäftigt, wie du weißt.«

»Ein Problem?« Ich ignorierte den Einwurf mit seiner Beschäftigung. Einmal hätte er richtig hinhören sollen und dann musste er mit irgendeiner Zofe Spielchen treiben. »Ist sie jemandem versprochen und erwartet ein Kind von einem anderen?«

»Ach, dazu braucht sie keine Magie. Sie ist eine Kronprinzessin und so wie sie aussieht, würde jeder sie nehmen, denkst du nicht?«

»Würdest du?«, hakte ich nach.

»Jaaaaa«, meinte er lang gezogen und sah mich verständnislos an. »Warum nicht? Hättest du ein Problem damit?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob es mir etwas ausmachen würde, das Kind eines anderen großzuziehen.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Kieran es tatsächlich so leicht hinnehmen würde. Aber die Frage nach dem Grund für die Anwesenheit der Prinzessin ließ mich nicht los.

»Du bist also der Meinung, dass dies nicht der Anlass ist, warum sie unseren Vater um Hilfe bittet?«

»Ich denke, die Prinzessin hat vielleicht einen Verehrer, der ihr droht. Wäre vorstellbar, oder? Soweit ich weiß, ist sie mit niemandem verlobt und auch niemandem versprochen. Das Königspaar von Opal scheint ihr die Wahl selbst zu überlassen.«

»Großmütig, für gewöhnlich werden Ehen aus politischen Gründen geschlossen.«

»Von unseren Eltern abgesehen«, spöttelte mein Bruder.

Wieder kam die Erinnerung an letzte Nacht in mir hoch und löste Brechreiz aus. »Ja, das war wohl eher Zufall«, murmelte ich. »Also, es war zufällig, dass sie sich verliebt haben, denn ihre Ehe hatte politische Gründe.«

»Na, dann könnte das ja bei mir auch so sein.« Kieran klopfte mir auf die Schulter. »Nichts für ungut, Liam, aber ich denke nicht, dass du wirklich eine Chance bei ihr hast. Sie wird mich küssen und sich in mich verlieben, dafür werde ich sorgen.«

»Ach, und liebst du sie denn dann auch?«

Diesmal zuckte mein Bruder mit den Schultern. »Wer weiß das schon? Vielleicht verliebe ich mich auch in sie und wir werden glücklich. Vielleicht gehen wir uns nach einem Jahr freiwillig aus dem Weg und sie regiert Opal mit einem unserer Söhne, während ich mit dem anderen hierbleibe. Dann sehen wir uns nur ein paarmal im Jahr und toben uns im Bett miteinander aus. Ich meine, sie kann sich in meiner Abwesenheit ja auch einen Liebhaber suchen. Ich werde ganz gewiss nicht jede Nacht allein schlafen.«

»Wunderbare Vorstellung einer Ehe«, brummte ich.

»Würdest du es etwa anders handhaben? Du verbringst noch nicht einmal die Nächte mit den Frauen, mit denen du schläfst. Wie willst du dann immer die gleiche Frau um dich haben? Das wäre doch langweilig. Und ich denke, sie kann dann auch etwas von ihren Liebschaften lernen. Ich bin nicht so dumm, zu denken, sie würde jede Nacht allein verbringen, wenn ich nicht da bin. Willst du mir etwa erklären, du lebst enthaltsam, wenn du verheiratet bist?«

Ich schnalzte mit der Zunge und versuchte, das Thema wieder zu wechseln. »Immerhin bin ich nicht gerade von einem Stelldichein gekommen, während sie hier saß und wir alle auf dich gewartet haben.«

»Nein, aber wirklich gesprochen hast du auch nicht mit ihr, nicht wahr?« Mein Bruder klopfte mir erneut auf die Schulter. »Also, diese Wette habe ich so gut wie gewonnen. Dann bringe ich sie dazu, mich zu heiraten, und vielleicht hat sie ja eine Schwester für dich, damit du wieder nach Hause kommen kannst, wenn ich König bin.«

Ich stieß den Atem aus und war froh, als ich die Stimme unserer Mutter hinter uns hörte.

»Ah, meine Söhne!« Sie klang gut gelaunt, während wir uns umdrehten. »Welch schöner Anblick. Habt ihr etwas vor?«

»Ja, wir wollten der Prinzessin das Schloss zeigen«, erklärte ich mit möglichst neutraler Stimme und legte den Kopf schief, um hinter meine Mutter zu sehen. Sie schien allein zu sein. »Wo ist sie denn?«

»Sie möchte zuerst mit eurem Vater sprechen. Es wird nicht lange dauern, denke ich. Wenn ihr wollt, sage ich ihr, dass ihr sie im Garten trefft.«

Mutter seufzte und ließ ihren Blick über die verunglückte Dekoration schweifen. Sie stammte aus dem Reich Forét, dem Land der Bäume. Es ähnelte mehr einem großen Wald und die Bewohner verstanden sich darauf, alles aus Pflanzen herzustellen. Die Häuser und selbst das dortige Königsschloss waren in Baumkronen errichtet worden. Es wirkte tatsächlich beeindruckend, wie die »Gebäude« über dem Boden schwebten, besonders bei Nacht. Vermutlich würde ich dorthin gehen, falls ich meinen Plan nicht umsetzen und die Waffen für die Herausforderung manipulieren konnte.

Zumindest erklärte es, warum Mutter uns mit der Prinzessin ausgerechnet hinausschicken wollte. Sie liebte die Natur und der Garten war ihr eigenes Werk. Deswegen war es für sie der wohl schönste Ort des Schlosses.

»Warum nicht«, grinste mein Bruder und wandte sich um. »Der Garten ist die beste Wahl. Ja, schick sie dorthin. Ich werde am Brunnen auf sie warten.«

Er schlenderte davon, als wären meine Mutter und ich gar nicht mehr da.

»Dann werde ich sie vielleicht doch eher in die Bibliothek schicken.«

Ich wandte Mutter mein Gesicht zu und hob eine Augenbraue.

»Denkst du nicht, das wäre besser?« Sie grinste mich verschwörerisch an.

»Nur hast du Kieran soeben in den Garten gehen lassen.«

Sie grinste noch breiter. »Um dir einen Vorteil zu verschaffen.«

»Das war mir bewusst«, schmunzelte ich. »Ich verstehe nur nicht, warum.«

»Sie gefällt dir.«

»Ihm aber auch.«

»Aber sie gefällt dir.«

Ich hob die Schultern. Es war unnötig, es zu leugnen, denn erstens stimmte es und zweitens hätte meine Mutter meine Lüge ohnehin nicht geglaubt. »Worauf willst du hinaus?«

»Nur darauf, dass sie ein etwas wildes, aber freundliches Mädchen ist und du ein netter, charmanter …«

Ich schüttelte den Kopf. »Wir beide wissen, dass ich vieles bin, aber kein charmanter Junge.«

Selbst meine Mutter musste sich das eingestehen. Ich wickelte Frauen nicht um den Finger. Sie wussten, dass ich mit ihnen Spaß haben wollte und nicht mehr. Celeste zu gewinnen, wäre deswegen schwierig und falls ich ihr Herz brach, würde es Konsequenzen geben. Dennoch wollte ich es versuchen. Aber von meiner Mutter Hilfe dabei zu erhalten, fand ich vollkommen absurd.

»Liam, ich kann vieles nicht ändern, aber ich kann dir helfen, einen Vorsprung gegenüber deinem Bruder zu haben, was die Prinzessin betrifft.« Sie seufzte und ihr Lächeln verschwand.

»Darf ich dich daran erinnern, dass eine eurer Regeln lautet, keine Frau aus gutem Hause in unser Schlafgemach zu führen?«

Mutter hob einen Mundwinkel. »Außer man hat vor, sie zu heiraten.«

»Oh bitte«, knurrte ich. »Du hast doch nicht bereits eine Ehe mit ihren Eltern ausgehandelt, oder doch?«

»Celeste darf frei wählen, wen sie zum Mann nimmt.« Diesmal klopfte Mutter mir auf die Schulter. »Also, streng dich an.«

»Du willst mich loswerden«, meinte ich scherzhaft. Aber der Blick meiner Mutter verriet mir, dass ich gerade etwas Dummes gesagt hatte. Selbst mein Schatten schlug sich die Hand gegen die Stirn. »Es tut mir leid, ich …«

»Ich will, dass du uns jederzeit besuchen kannst, wenn du Padum verlassen musst. Mit ihr hast du diese Möglichkeit. Du wärst dann König von Opal und ich würde dich nicht durch diesen grauenhaften Fluch verlieren.«

Ich senkte den Blick, als Mutter sich am Kragen meines Hemdes zu schaffen machte. »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich meine …«

»Was? Dass du sie jetzt noch nicht lieben kannst, ist mir klar. Lern sie kennen. Vielleicht passt es und ihr könnt euch wirklich gut leiden und findet zueinander.«

Ich sah ihr in die Augen. Wann hatte ich meine Mutter in der Größe so überholt? Sie stand direkt vor mir und musste zu mir aufsehen.

»Ist dir in den Sinn gekommen, dass meine Augenfarbe wirklich etwas bedeutet, Mutter? Und dass sie das wissen könnte? Es gibt Geschichten über unsere Linie, über die Könige von Padum, die auch den anderen Reichen bekannt sind, wenn auch nicht so im Detail wie bei uns. Jeder, der meine Augenfarbe besaß, war ein Tyrann und vom Volk verhasst, selbst die goldenen Prinzen. Aber die dunklen Prinzen mit grünen Augen sind als grausame Feldherren in die Geschichte eingegangen.«

»Zufälle …«

»Mehrere hundert Jahre lang? Generation um Generation, Krieg um Krieg?«

»Und doch willst du die Krone von Padum«, flüsterte sie und ich schloss die Augen. »Denkst du, ich weiß es nicht? Und ich stimme dir zu, du wärst der fähigere König.«

Ich öffnete meine Lider und küsste meine Mutter auf die Stirn, bevor ich mich umdrehte und ging.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte sie.

Ich blieb stehen und sah über meine Schulter zurück. »Ich gehe in die Bibliothek und lese ein Buch«, grinste ich und meine Mutter nickte mir lächelnd nach.