Der Fluch des Klosters - Sebastian Temmen - E-Book

Der Fluch des Klosters E-Book

Sebastian Temmen

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Beschreibung

Rund um ein französisches Kloster verschwinden seit dem Ende der Umbaumaßnahmen 1932 immer wieder spurlos Menschen. Außerdem hat niemand seit damals die Bewohnerinnen des Klosters gesehen. Liegt ein Fluch auf dem Kloster? Schon mehrfach haben Bewohner des nahen Ortes versucht, das Geheimnis des Klosters zu lüften - mit schlimmen Folgen. Bei Recherchearbeiten stellen zwei junge Studenten aus Köln fest, dass jede Aufzeichnung nach 1932 verschwunden ist. Ein Zufall? Zusammen machen sich die Beiden auf dem Weg, um das Rätsel des Klosters zu lösen. Dabei kommen sie dem 'Fluch des Klosters' jedoch viel zu nahe und geraten selbst in Gefahr.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ähnliche


Näheres über die Entstehung des Buches und meine weiteren Werke finden Sie im Internet:

www.sebastiantemmen.de

Antoines Karte

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Teil 2

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Teil 3

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Teil 1

1

1932, Chartreuse du Reposoir, Frankreich

Die kleine Feier zur Fertigstellung der Renovierung des Klosters war schlicht gewesen, aber sehr feierlich. Die neuen Bewohner des Klosters, zwölf Karmelitinnen, hatten ihr Nachtmahl und das Abendgebet bereits abgeschlossen und waren auf dem Weg in ihre neuen Behausungen. Schwester Marie blieb noch eine Weile im Innenhof stehen und betrachtete das Ergebnis der Bauarbeiten. Schön war das Kloster geworden. Besonders die Sonnenuhr im Innenhof gefiel Schwester Marie, doch sie konnte den Anblick nicht so recht genießen. Der Tag war für sie sehr aufreibend gewesen und sie sehnte sich nach ihrem Bett. Der einsetzende starke Regen riss sie aus ihren Gedanken und sie lief rasch unter die säulenbefestigten Gänge des Innenhofes, um sich unterzustellen. Sie schaute zu, wie sich das Holz des auf dem Rasen stehenden Kreuzes im prasselnden Regen von der Nässe dunkel färbte. Dann schreckte sie auf, weil sie ein lautes, durchdringendes Klopfen vernahm. „Es klopft an der Klosterpforte, um diese Zeit noch?“, dachte sie verwundert. Sie holte schnell eine Kerze, denn es war, ohne dass sie es bemerkt hatte, dunkel geworden. Blitze zuckten durch die Nacht und ihr Donner übertönte sogar das Rauschen des Regens. Wieder ein Klopfen. Schwester Marie versuchte gar nicht erst, durch das Guckloch an der Tür hinauszuschauen, dafür war es viel zu dunkel. Sie öffnete langsam die Pforte. Draußen stand eine gebeugte, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllte Gestalt, auf einen knorrigen Wanderstab gestützt, die regennasse Kapuze tief in die Stirn gezogen. Langsamen Schrittes betrat jene Gestalt den überdachten Pfortenbereich des Klosters. Als Schwester Marie dem Wanderer ins Gesicht zu sehen versuchte, sah sie nur den Schatten der Kapuze, aber sie fühlte deutlich, dass er sie direkt anblickte. „Wie kann ich ihnen weiterhelfen?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Sie vernahm ein heiseres, tiefes Auflachen. „Gar nicht. Ich bin gekommen, um diesen Ort zu befreien.“ Verwirrt und ein wenig verschreckt trat sie einen Schritt zurück. Ein Windstoß fauchte durch die Tür und blies ihre Kerze aus. „Zuerst werde ich dich befreien.“, sagte die dunkle, kratzige Stimme und lachte wieder leise auf. Sie fühlte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte, und sah, wie er etwas aus seinem Mantel zog. Im selben Moment durchzog sie ein gewaltiger Schmerz. Alles vor ihren Augen verdunkelte sich und das Letzte, was sie spürte, war der Wunsch nach Frieden. „Vater im Himmel… hilf mir!“, flehte sie mit letzter Kraft. Wieder hörte sie das heisere Lachen des Fremden, es war wie Kanonendonner in ihren Ohren. „Zu spät…“ Danach umfing sie Dunkelheit.

2

2007, Köln, Deutschland

„Mir reicht es!“, dachte Tobias Steiner. Er saß in einem Kirchenarchiv mit alten Büchern voller Auflistungen von Kirchen, Klöstern und Kapellen und suchte nach hilfreichen Büchern für seine Ausarbeitung über die Geschichte von Karmelitenklostern im Europa der Neuzeit. Er hatte vorgehabt, Lehrer zu werden und studierte dafür Geschichte und Germanistik an der Kölner Universität, allerdings mit stark sinkender Motivation. Die Themen langweilten ihn und irgendetwas in ihm sagte ihm, dass er für interessantere Aufgaben bestimmt sei, als einem Haufen Pubertierender Dinge wie die neue Rechtschreibung zu erklären oder mit ihnen das ottonisch-salische Reichskirchensystem durchzugehen. Aber nach dem Abitur hatte er keine bessere Idee gehabt als seine Stärken zu nutzen, nämlich Deutsch und Geschichte. Jetzt saß er in dem Archiv und fand endlich ein Buch mit einer Liste aller Karmelitenklöster in Frankreich. Dieses Buch war alt. Das Papier war bereits vergilbt, der Buchdeckel war vom Feuer versengt worden, einzelne Seiten waren verbrannt oder herausgerissen. Er legte seine Internetrecherchen neben das Buch und hakte ab, über welche es weitere Informationen gab. Als er die Liste durchgegangen war, stutzte er. Denn ein Kloster in dem Buch war auf seiner Liste aus dem Internet nicht zu finden. Die Chartreuse du Reposoir fehlte. Er beschloss das andere Buch zu Rate zu ziehen, das zu seinem Leidwesen komplett auf Latein verfasst war. Wie er Latein früher gehasst hatte. Schon am Inhaltsverzeichnis des Buches verzweifelte er. „Kann man das ausleihen?“, fragte er eine junge Frau, die gerade ein paar Schriften einsortierte. Sie schaute sich das Buch an und hob eine Augenbraue. „Wie sind Sie an dieses Buch gekommen?“, fragte sie mit vorwurfsvollem Blick, „Das ist eigentlich für die Öffentlichkeit gar nicht zugänglich und steht bei uns in einem Raum, in den man nur mit besonderer Erlaubnis reindarf. Wo haben Sie das her?“ Tobias antwortete verwundert: „Bitte was? Das lag dort hinten im Regal bei den anderen Büchern über französische Klöster.“ Er grinste. „Aber ausleihen werde ich es dann wohl nicht können, oder?“ Die junge Frau blieb ernst. „Genauso ist es, das dürfen Sie eigentlich nicht mal gelesen oder gesehen haben. Zumindest nicht ohne Erlaubnis.“ – „Woher kriege ich so eine Erlaubnis?“, fragte er unverblümt. Sie musste lächeln. „Sie sind reichlich unverschämt, meinen Sie nicht?“, sagte sie mit ironischem Unterton. Er schätze sie auf Anfang zwanzig, sie war attraktiv und hatte beim Lächeln, das sich in ihren braunen Augen widerspiegelte, kleine Lachgrübchen im Gesicht. Er erwiderte das Lächeln. „Nein, ich will nur fertig werden.“ Sie strich sich eine lockige, blonde Strähne aus dem Gesicht und lachte dabei. „Wie kann ich denn weiterhelfen?“ Er nahm ihr das Buch vorsichtig aus den Händen, schlug den Buchdeckel auf und zeigte ihr das Inhaltsverzeichnis. „Können Sie mir da weiterhelfen? Das ist leider alles Latein“ – „Nun ja, ich musste Latein für mein Französischstudium machen, das sollte ich also schaffen. Wonach suchst du denn?“, fragte sie. Ihm fiel auf, dass sie ins du gewechselt hatte und konnte sich einen Machokommentar einfach nicht verkneifen: „Zuerst nach deinem Namen und zweitens nach Informationen über ein Kartäuserkloster in Ostfrankreich.“ Wieder lachte sie auf. „Jetzt wirst du ja noch unverschämter und fragst mich mit einem so schlechten Spruch nach meinem Namen und stellst dich vorher nicht erst mal selber vor. Und dir soll ich helfen?“ Ihr Lächeln wirkte schelmisch. Er beschloss, lieber etwas weniger in die Offensive zu gehen. „Ja, das wäre sehr nett von dir. Ich bin übrigens Tobias.“ – „Na, der harte Mann hat ja doch noch einen weichen Kern“, spottete sie, „dann helfe ich natürlich auch gerne weiter - auch wenn es eigentlich nicht so ganz erlaubt ist. Erstens, ich heiße Julia. Und zweitens: um welches Kloster handelt es sich genau?“ – „Es heißt Chartreuse du Reposoir, ein Karmelitinnenkloster. Das ist im Internet nirgendwo zu finden und steht nur in diesem Buch.“ Sie runzelte die Stirn und schaute nachdenklich in das Buch und blätterte ein wenig. „Also… hier steht, dass das Kloster im Jahre 1151 gebaut worden ist… und im 18. Jahrhundert erweitert wurde. Erst wurde es von einem Halberemitenorden genutzt… später zu einem Hotel umfunktioniert… und 1932 zogen dort Karmeliterinnen ein…“ Sie stockte plötzlich. „Was ist denn los?“, fragte Tobias verwundert. Sie blickte ihn mit großen Augen an. „Alle Aufzeichnungen über das Kloster seit 1932 sind weg!“ – „Was heißt ‚weg‘?“ „Na, sie sind eben weg.

Nur noch der Rand ist da. Es sieht so aus, als wären diese Seiten aus dem Feuer geholt worden, sie sind bis auf den kleinen Rand weg, sind verkohlt!“ Tobias schaute verwirrt. „Eigenartig.“ – „Ja, allerdings. Lass mich mal schauen, ich glaube, wir haben hinten in der anderen Abteilung noch ein paar Bücher, in denen was stehen könnte. Komm mal mit.“ Sie durchquerten die Bibliothek und traten durch eine Tür mit der Aufschrift „Privat“ in einen kleinen Raum, aus dem drei Panzerstahltüren führten, die alle mit Kombinations- und Vorhängeschlössern gesichert waren. Julia holte ein Schlüsselbund aus der Tasche, schloss auf und stellte die richtige Zahlenkombination ein. „Und du kriegst wirklich keinen Ärger für das hier?“, fragte Tobias unsicher. Sie warf ihm einen viel sagenden Blick zu. „Dieser Job ist nicht besonders spannend – endlich passiert hier mal was.“ Sie grinste schelmisch. „Oder hat der harte Mann jetzt Angst?“ Er seufzte lächelnd und kopfschüttelnd. Als die Tür aufging, schlug ihnen ein Geruch von alten, verrottenden Büchern entgegen. Die Regale an den Wänden waren bis an die Decke vollgepackt mit altem, braunem Papier, angesengt und vermodert. Luftentfeuchter und Lüfter an den Decken sorgten für die ideale Lufttemperatur und -feuchtigkeit. „Hier bitte möglichst wenig atmen.“ Julia flüsterte ehrfürchtig und in Anbetracht dieser uralten Werke aus allen zeitgeschichtlichen Epochen konnte Tobias sie verstehen. Er blickte sich um. Bei der Suche hier würde er nicht viel helfen können, denn die Bücher waren zum Großteil ohne Buchrücken, dazu noch in fremden Sprachen verfasst, soweit er das sehen konnte. Außerdem hatte er Angst, diese Relikte vergangener Zeit zu zerstören. Julia ging die Regalreihen entlang, stoppte hier und dort und schob an einigen Stellen die alten Papiere routiniert auseinander. Sie nahm zwei Zettelstapel heraus, zeigte Tobias mit dem Finger an, den Buchtresor zu verlassen und folgte ihm dann nach draußen. Erst nachdem sie die Tür wieder abgeschlossen und gesichert hatte, sprach sie wieder. „In diesen Überresten von Büchern müsste alles stehen, andere Aufzeichnungen gibt es in diesem Archiv nicht, und das ist eigentlich vollständig. Und wohl auch nicht in anderen Bibliotheken, außer vielleicht in den Archiven des Vatikan, aber dort brauchst du gar nicht erst anfragen, die sind nicht gerade freigiebig mit Zugangsberechtigungen für ihre Archive.“ – „Du redest aber nicht gut über deinen Arbeitgeber, oder bezahlt er zu schlecht?“ Julia lachte wieder. „Das nicht, aber der Job hier ist sehr langweilig. Naja, er bringt Geld und ohne Geld kein Studium, weißt du ja. Du studierst doch auch, oder?“ – „Ja, stimmt.“ Sie setzten sich an einen Schreibtisch. Julia nahm den ersten Stapel Papier und blätterte vorsichtig die Seiten um. Tobias sah ihr gespannt zu. Aus irgendeinem Grund war seine Neugier geweckt worden. Warum war dieses Kloster im Internet nicht auffindbar gewesen? Und warum waren die Seiten in dem Buch heraus gebrannt gewesen? Julia runzelte die Stirn. Tobias konnte sie förmlich denken sehen. „Hier steht… wann das Kloster zuerst benutzt wurde… von wem… wer da zwischendurch drin war… dass es eine Zeit lang bis 1932 ein Hotel war…“ Sie blätterte um und öffnete erstaunt den Mund. „Hier hätten die Geschehnisse nach 1932 eingetragen sein sollen…“, sagte sie stockend und zeigte mit dem Finger auf die Seite. Auch diese Seite war bis zum Seitenrand hin versengt und es wirkte wieder, als sei diese ausgebrannt worden. Tobias´ Augen weiteten sich. Wie war das möglich? Julia sah Tobias fassungslos an. „Schauen wir mal in die letzten Aufzeichnungen zu dem Thema.“ Ihre Stimme war langsam und flüsternd geworden. Sie nahm den letzten Zettelstapel, ging das Inhaltsverzeichnis durch und blätterte vorsichtig in der alten Schrift. Sie schlug eine Seite auf und ihr Atem stockte. Tobias´ Blick wurde ungläubig. Auch diese Seite war herausgebrannt, und wieder mit derselben Präzision wie bei den anderen beiden Büchern. Julia fand als Erste die Sprache wieder. „Das ist bestimmt nur ein Zufall.“, sagte sie mit ungläubiger Stimme. „Das glaube ich nicht.“, erwiderte Tobias, „Das kann unmöglich ein Zufall sein, nachdem auch im Internet nirgendwo etwas zu finden war.“ – „Du meinst, jemand hat versucht, diese Daten zu verstecken? Warum sollte man so was machen?“, fragte Julia ungläubig. Tobias war wie elektrisiert. Wer konnte ein Interesse daran haben, diese Daten zu verschleiern und warum? „Ich habe keine Ahnung, aber das sind mir zu viele Zufälle auf einmal.“ – „Und was machen wir jetzt?“ – „Wir?“ Tobias grinste. „Lass uns einen Kaffee trinken gehen und dann überlegen wir uns, was wir jetzt machen.“ Er betonte jedes ‚wir’ überdeutlich. Sie lächelte ihn kopfschüttelnd an. „Das trifft sich gut, in zehn Minuten habe ich Feierabend. Wenn du solange warten willst?“ Er nickte und kaum eine Viertelstunde später saßen sie sich in einem Straßencafe an einem Tisch gegenüber. Beide grübelten angestrengt nach, wie es zustande kommen konnte, dass in allen diesen Büchern, die ja sogar unabhängig voneinander gelagert worden waren, die Seiten so präzise herausgebrannt sein konnten. "Vielleicht sollten wir einen Experten für Klostergeschichte anschreiben oder mal bei einem Kirchengeschichts-Professor anfragen.", schlug Julia vor und nippte an ihrem Kaffee. Tobias drehte seine Tasse mit schwarzem Tee unentschlossen hin und her. "Ich glaube kaum, dass jemand etwas darüber weiß, wenn es nicht mal im Internet aufzufinden ist. Aber es ist einen Versuch wert. Bist du morgen auch noch in dem Archiv oder wie kann ich dich erreichen?" Sie gab ihm ihre Handynummer und bat ihn, sie zu benachrichtigen, falls es Neuigkeiten geben würde.

3

Am nächsten Tag besuchte Tobias schon sehr früh einen Professor namens Hoffmann, der Kirchengeschichte lehrte und lange in Frankreich gelebt und doziert hatte. Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Studenten und war daher sehr gefragt. Ohne Termin blieb Tobias nichts anderes übrig, als einige Stunden im Vorzimmer zu warten und weiter über das "Wer?" und "Warum?" nachzudenken. Eine gefühlte Ewigkeit verging, bis er endlich zu Prof. Hoffmann vorgelassen wurde. Nach einer kurzen Begrüßung und einem kurzen Gespräch über eine Vorlesung, die Tobias interessehalber besucht hatte, ergriff der Professor das Wort. „Aber jetzt sagen Sie mir, weshalb Sie eigentlich gekommen sind.“ – „Nun ja, es ist so. Ich habe bei einer Recherche wegen einer Hausarbeit ein Kloster gefunden, in Ostfrankreich, und da habe ich eine Merkwürdigkeit festgestellt.“ Tobias ließ eine Pause für Fragen, doch sein Gegenüber sah ihn nur weiterhin interessiert an. „Und zwar kann man die Erwähnung dieses Klosters in einigen alten Büchern finden, doch ab einem bestimmten Jahr fehlen alle Aufzeichnungen des Klosters und im Internet ist überhaupt gar nichts über dieses Kloster zu finden.“ – „Haben Sie sich vergewissert, ob es das Kloster überhaupt noch gibt?“ Tobias fühlte sich wie ein Idiot, denn das hatte er noch nicht getan. „Also...“, stotterte er, „zumindest habe ich in dem Buch nichts davon lesen können, dass das Kloster umfunktioniert, zerstört oder verlassen wurde.“ Prof. Hoffmann lächelte. „Dann wollen wir das mal schnell überprüfen. Wo liegt denn dieses Kloster?“ – „In Frankreich, südlich von Le Reposoir.“ Hoffmann wandte sich seinem Computer zu und tippte etwas ein. Er drehte den Bildschirm zu Tobias um. Auf dem Monitor zu sehen war ein Satellitenbild des Klosters. „Also zerstört ist es schon mal definitiv nicht. Aber ich habe auch noch nie von diesem Kloster gehört. Ich kann aber mal einen Freund in Frankreich anrufen, der sich mit den Klöstern dort unten auskennt, falls ich Ihnen damit weiterhelfen kann.“ – „Das wäre sehr nett von Ihnen. Aber nur, wenn es in Ordnung ist, dass ich noch mehr von Ihrer Zeit in Anspruch nehme.“ – „Absolut in Ordnung. Wenn es Ihnen weiterhilft. Ich habe meinen Freund dort schon lange nicht mehr angerufen.“ Während des Telefonates, das auf Französisch geführt wurde, schaute sich Tobias näher die Umgebung des Klosters an. Vor dem Kloster schien ein See zu liegen, rundherum bewaldete Berge. Das nächste größere Städtchen war Cluses, Le Reposoir hingegen war eher eine kleine Ansiedlung, die einzige in diesem Tal. Nach einigen Minuten beendete Prof. Hoffmann sein Gespräch und schaute mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Tobias ließ den Professor einige Minuten in seinen Gedanken schwelgen, dann siegte aber die Neugier: „Und?“, fragte er. Sein Gegenüber sah ihn mit gleichbleibend gerunzelter Stirn an. „Wie soll ich sagen... mein französischer Freund, der wirklich alles über die Klöster dort weiß, kannte das Kloster zwar vom Namen her, konnte mir aber auch nicht mehr sagen als die Geschichte bis 1932. Aber er war sich sicher, dass das Kloster noch existiert und auch nach wie vor bewohnt wird. Merkwürdig die ganze Geschichte.“

4

1958, Le Reposoir, Frankreich

Über neun Stunden war Silvio Gorgolla nun schon durch die französischen Alpen gewandert. Er war alles andere als gut gelaunt. Ein starker Platzregen hatte ihn kurz vor einem Gipfel erwischt und er war nicht nur bis auf die Haut nass geworden, sondern hatte zudem auch noch umkehren müssen, so kurz vor dem von ihm erhofften Gipfelruhm. Missmutig stapfte er nun über den vom Regen tief aufgeweichten und verschlammten Waldboden in der Hoffnung, bald aus diesem schier endlosen Wald hinauszukommen, der ihn trotz vieler Bäume nicht lange vor dem Regen hatte schützen können. Schon vor Stunden war er vom Weg abgekommen und hatte ihn auch nicht mehr wiederfinden können. Ihm blieb nichts anderes übrig, als über den schlammigen Waldboden zu laufen, in alle Blickrichtungen nichts als riesige Nadelbäume und Dornengestrüpp. Er bemühte sich, immer in eine Richtung zu laufen, doch da der Wald überall gleich aussah, lief er seit Stunden im Kreis herum, ohne es zu merken. Langsam setzte die Dunkelheit ein. Silvio Gorgolla beschlich langsam ein ungutes Gefühl. Sein ohnehin schon leicht reizbares Gemüt begann zu kochen. Nässe und Kälte waren so grade noch erträglich, aber das langsam aufkommende Gefühl der Angst, nie wieder aus dem Wald herauszufinden, stieg in ihm hoch. Als der erste Blitz die Szenerie für eine Sekunde erleuchtete, sah er in einiger Entfernung eine Lichtung, auf der er die Silhouette von geformten Steinen zu erkennen glaubte. Von neuer Hoffnung ergriffen lief er in die Richtung, in der er die Lichtung vermutete. Nachdem er über eine Wurzelgabel gestolpert und gegen eine junge Kiefer gefallen war, stießen seine Knie gegen etwas Hartes, Kaltes. Inzwischen war es vollkommen dunkel geworden. Er tastete sich an dem Gegenstand entlang. Dieser schien aus Stein zu sein, mit Werkzeugen bearbeitet. Es war ein schlichter Steinblock, oben abgerundet, etwa einen Meter breit und glatt. Er fühlte über die glatte Fläche, als seine Finger einige Einkerbungen ertasteten. Sie lagen alle auf einer Höhe, aber er konnte nicht fühlen, was es war. Der Regen peitschte auf sein Gesicht und der Sturm pfiff über die Lichtung. Wieder erleuchtete ein Blitz die Lichtung. Für den Bruchteil einer Sekunde war alles in ein grelles Licht getaucht. Silvio Gorgolla stieß einen Schrei aus. Auf der Lichtung standen noch viele weitere solcher Steine, einige auch in Form von Kreuzen – er war auf einem Friedhof angekommen. Die mühevoll bewahrte Ruhe wich von ihm und der Angstschweiß brach ihm aus. Er sprang auf und wollte zurück in den Wald laufen, doch nach wenigen Metern war ihm auf einmal, als hätte sich der Boden unter ihm plötzlich geöffnet und seine Füße traten nicht auf Waldboden, sondern ins Leere. Er stieß einen weiteren, panischen Schrei aus, als er plötzlich aufschlug, und etwas unter ihm knackte und brach. Abermals schlug er auf, diesmal aber auf etwas Weichem. Nach einigen Sekunden der Benommenheit versuchte er erneut, die Umgebung zu ertasten. Er schien sich in einem Stollen zu befinden, in dem er bequem aufrecht stehen konnte. Drei Tunnel führten von hier weg, einer nach oben, durch den er gefallen war, und zwei zu jeweils entgegengesetzten Seiten. In einem war ein schwacher Lichtschein zu erkennen. Dieses schwache Flackern eines Lichtscheins und die Tatsache, dass es hier weder nass noch windig war, ermutigten Silvio Gorgolla, sich wieder aufzuraffen. Er schritt vorsichtig los. Nachdem er eine Weile gegangen war, fiel ihm auf, dass es hier unten überhaupt keine Geräusche zu geben schien. Nicht einmal das Hallen seiner eigenen Schritte hörte er hier unten. Ebenso wenig hörte er die Schritte, die ihm folgten und langsam immer näher kamen. Nach einem langen Marsch durch die Dunkelheit, immer dem Lichtschein folgend, machte der Weg eine leichte Kurve. Gorgolla folgte ihr und sah am Ende des Weges eine Holztür, von der unten ein beachtliches Stück fehlte. Durch diese Lücke zwischen Tür und Boden drang auch das flackernde Licht, dem er gefolgt war. Er lief die letzten Schritte so schnell er konnte und versuchte mit der Hand einen Türgriff zu ertasten, doch da war kein Türgriff. Die Tür ließ sich weder ziehen noch schieben. Diese Tür trennte ihn von Menschen, von Wärme, von der Zivilisation, dachte er. Er legte sich auf den Boden, um unter der Tür durchzurobben, steckte den Kopf unter der Tür durch und schaute sich im Raum um. "Impossibile!", entfuhr es ihm. Die Szene vor ihm war unmöglich, ja nahezu surreal. Hier geschahen Dinge, die für menschliche Augen nicht gedacht und für das menschliche Hirn nicht zu verarbeiten waren. Der ganze Raum stand in lodernden Flammen und das, was sich schreiend in diesen Flammen bewegte, ließ Silvio Gorgolla noch einmal aufschreien. „Dio mio!“ Die Bewegung in den Flammen erstarrte, es knackte laut in Gorgollas Nacken und ein kurzer heftiger Schmerz durchzuckte ihn. Das Letzte, was er sah, war diese zu einem schrecklichen Grinsen verzogene Fratze. Er hörte eine grausame Stimme, die sprach: „Und wieder mal zu spät...“ Das Leben wich aus seinem Körper. Das letzte, was er hörte, war ein grausames, heiseres Lachen.

5

2007, Köln, Deutschland

Nachdem Tobias das Büro des Professors verlassen hatte, rief er Julia an. Auch sie hatte in der Zwischenzeit versucht, in den Buchtresoren des Kirchenarchives weitere Informationen über das Karmelitinnenkloster zu finden. Sie wirkte regelrecht verzweifelt. „Es gab noch vierzehn weitere Bücher, in denen dieses Kloster verzeichnet sein müsste, aber in jedem dieser Bücher war diese Seite herausgebrannt, und zwar mit äußerster Präzision. Keine der anderen Seiten in den Büchern wies Brandflecken oder Beschädigungen durch Feuer oder Hitze auf.“, berichtete sie. Tobias verstand die Welt nicht mehr. Aus seiner Jugend wusste er noch sehr gut, wie schwer es war, aus einem Buch systematisch und sauber eine Seite herauszubrennen. Damals hatte er versucht, sein Tagebuch vor seiner Schwester zu verheimlichen. Er erinnerte sich noch sehr gut daran. Seine ganze Schreibtischunterlage war dem kleinen Brand zum Opfer gefallen. Allerdings hatte seine Schwester auch nicht mehr sein Tagebuch lesen können, denn das war komplett verbrannt. „Und was hast du bei dem Professor herausgefunden?“ Julia riss ihn aus seinen Erinnerungen. Tobias brauchte einen Moment, um sich zu fassen, bevor er antwortete. „Er hat mit einem Experten gesprochen, der allerdings auch nicht mehr dazu wusste als die Geschichte bis 1932. Allerdings behauptete er, dass das Kloster auch heute noch bewohnt wäre. Der Professor und ich haben uns ein Satellitenbild angeschaut, auf dem sah das Kloster eigentlich nicht so aus, als wäre es verfallen oder verlassen.“ Eine Pause entstand. „Sag mal, bist du auch so neugierig wie ich?“, fragte Julia. „Wieso?“ – „Ich mag es gar nicht, wenn ich mit einer Halbwahrheit leben muss. Das provoziert meine Neugier.“ Sie wirkte wie elektrisiert und Tobias ließ sich von dieser Euphorie anstecken. Sein Studium langweilte ihn derzeit ziemlich und außer seiner Hausarbeit standen keine größeren Aufgaben oder Klausuren für ihn an. „Es geht mir ganz genau so. Vielleicht sollten wir heute Abend was trinken gehen.“ Er stockte. „Ich meine… so als Besprechung… was wir jetzt tun sollten… oder so.“ Erleichtert fiel ihm auf, dass man am Telefon nicht merken konnte, dass er rot wurde. Julia lachte nur schelmisch. „Dann heute Abend um Acht in der Wunder-Bar an der Hohenzollernbrücke. Komm nicht zu spät, ich bin ein ungeduldiges Persönchen.“ – „Das ist gut, denn ich bin ein pünktliches Persönchen.“, erwiderte er lachend.

An diesem Nachmittag saß Tobias zuhause an seinem Schreibtisch und quälte sich durch Goethes Die Leiden des jungen Werther. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, dieses Werk am heutigen Tag zu beenden, doch seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Ihm ging das Bild der verbrannten Buchseiten nicht mehr aus dem Kopf. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr hatte er das Gefühl, als hätte jemand diese Seiten systematisch aus den Büchern gebrannt, denn diese perfekte Verbrennung des Inhaltes der Seite, ohne die Ränder auch nur stellenweise zu beschädigen, sahen zum einen nach sehr gründlicher Arbeit, zum anderen aber vor allem nach Absicht aus. Doch wer sollte das gemacht haben und vor allem zu welchem Zweck? Wer könnte ein Interesse daran haben, ein vermutlich nicht verfallenes oder verlassenes Kloster, welches nach wie vor der Kirche gehört, aus den Aufzeichnungen verschwinden zu lassen? Irgendwie wirkte das alles sehr widersinnig. Tobias stand auf, um etwas zu essen. Als er etwas später vor seinem Herd stand und seiner Bolognese beim Köcheln zusah, musste er an die vielen Verschwörungstheorien denken, die es über die Kirche gab. Er kannte sicherlich nur einen Bruchteil davon, doch schon der gesunde Menschenverstand verurteilte den Großteil von ihnen als völlig unglaubwürdig. Dann hatte er eine Idee. Wenn er feststellen wollte, ob dort noch Karmelitinnen wohnten, könnte er ja einfach einen Brief an das Kloster schicken, in dem er darum bitten würde, ihm einige Informationen zur Geschichte des Klosters zu geben. Schnell ging er zu seinem Schreibtisch, um einen entsprechenden Brief zu verfassen. Da er keine Adresse des Klosters finden konnte, wollte er ihn ohne Straßenangabe oder Hausnummer abschicken in der Hoffnung, dass die französischen Briefträger den Empfänger auch so verstehen würden. Dieser Brief bereitete Tobias einiges Kopfzerbrechen, denn seine Französischkenntnisse waren seit der AG in der achten Klasse ziemlich eingerostet und der mittlerweile einsetzende Regen trommelte lauter werdend an die Fensterscheibe, was seine Konzentration weiter lähmte. Als er gerade den Brief unterschreiben wollte, nahm seine Nase einen leichten, penetranter werdenden Geruch nach etwas Verbranntem wahr. „Oh nein, die Bolognese…“, seufzte er, sprang auf und lief in die Küche, um den Topf mit den angebrannten Überresten seiner Bolognese und die völlig verkochten Spaghetti vom Herd zu nehmen. Missmutig nahm er einen Apfel aus seinem Obstkorb und ging zurück in sein Schlafzimmer zu seinem Schreibtisch. Als er durch die Tür des Schlafzimmers trat, traute er seinen Augen nicht. Durch das offene Fenster regnete es auf seinen Schreibtisch, auf dem nicht nur der Brief, sondern auch die Notizen mit dem Inhalt von Die Leiden des jungen Werther lagen. Beides war vom Regen völlig aufgeweicht und unleserlich. Er fluchte. Er war sich ganz sicher, dass er das Fenster bereits zugemacht hatte. Schnell schloss er das Fenster und versuchte, wenigstens die Aufzeichnungen aus der morgendlichen Vorlesung über den dreißigjährigen Krieg zu retten. Anschließend trocknete er den Schreibtisch ab und sah sich den Brief an. Er ärgerte sich, dass er ihn nicht gedruckt, sondern mit der Hand geschrieben hatte. Die Tinte war vollkommen verwischt. Er warf die Überreste des Briefes in den Mülleimer und setzte sich, um ihn neu zu verfassen, doch als er auf seinem Computer sah, wie spät es bereits geworden war, riss es ihn erneut aus dem Sitz. „Verdammt, schon kurz vor Acht und Julia wartet auf mich.“ Er lief zur Garderobe, nahm sich eine Jacke herunter, sprang die Treppen hinab und flitzte auf seinem Fahrrad in Richtung der „Wunder-Bar“.

„Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragte Julia, als sie ihn sah. Sie wartete bereits vor der „Wunder-Bar“ unter einem großen Regenschirm auf seine Ankunft. „Ja, irgendwie lief gerade nochmal alles schief. Tut mir leid, dass ich so spät bin. Wieso bist du noch nicht reingegangen?“ Sie lächelte, bevor sie antwortete. „Es sieht immer so blöd aus, wenn man dort alleine sitzt und wartet. Ich wusste ja nicht, ob du wirklich kommen würdest, und wollte da nicht sitzen wie ein armes kleines Mädchen, das von seinem Date versetzt wurde.“ Trotz seiner schlechten Laune musste Tobias lachen. „Na zum Glück hat dein Date dich ja heute Abend nicht versetzt.“, sagte er, während er ihr die Tür aufhielt. Nachdem sie sich hingesetzt hatten, nahm er Julia nochmal etwas genauer unter die Lupe. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ihm sehr gefallen, aber jetzt, in ungezwungenerer Umgebung, beeindruckte sie ihn noch viel mehr. „Starrst du eine Frau beim ersten Date immer so lange wortlos an?“, fragte Julia schelmisch. Völlig aus seinen Gedanken gerissen errötete er. „Nein. Also, ich… Ach, jetzt hast du mich total aus dem Konzept gebracht. Ich habe nur gerade gedacht, dass du sehr hübsch aussieht und irgendwie so anders als heute Morgen.“ – „Achso. Dann muss ich ja heute Morgen wohl schlimm ausgesehen haben.“, grinste sie. „Nein, so meinte ich das doch auch nicht.“ Tobias war überfordert. Diese Frau war ihm definitiv überlegen. Ehe er aber noch überlegen konnte, wie er sich aus der Sache herausreden konnte, kam der Kellner und nahm ihre Bestellungen entgegen. Als dieser weitergegangen war, fragte Julia, was Tobias denn vorhin passiert sei.

„Zuerst ist mein Essen angebrannt, dann hab ich wohl das Fenster aufgelassen und der Brief, den ich an das Karmelitinnenkloster geschrieben habe, war völlig durchnässt.“, berichtete er. „Und als ich das Chaos beseitigt hatte, war ich schon so spät dran und musste mit dem Rad auch noch durch den Regen fahren.“ Er seufzte. Julia lächelte schon wieder schelmisch. „Und das alles nur für mich? Du bist ja süß.“ Wieder einmal fühlte er sich von ihr entwaffnet und beschloss, lieber ein wenig auf sie einzugehen. „Wie ist es denn bei dir? Wie und wo wohnst du überhaupt?“ – „Nett abgelenkt, das muss ich dir lassen. Also will ich mal so tun, als hätte ich das gar nicht bemerkt. Ich wohne bei meiner Tante in Müngersdorf.“ Sie stockte. „Eigentlich nur vorrübergehend, aber dann ist da was zwischengekommen und mittlerweile wohne ich da schon über ein Jahr.“ Ihr zwischenzeitliches Stocken verwirrte Tobias. „Etwas dazwischengekommen?“ Sie wandte ihren Blick ab und schaute einen Moment aus dem Fenster. Tobias konnte sehen, wie ihre Augen feucht wurden. „Tut mir leid!“, stammelte er, „Ich wollte nicht…“ Sie unterbrach ihn. „Schon in Ordnung, du konntest es ja nicht wissen. Nun, damals nach meiner Einschreibung hatte ich erst keine Wohnung gefunden, die mir gefiel und dann wollte ich ein oder zwei Monate bei meiner Tante bleiben. Sie wohnt alleine in einem großen Haus und ist ohnehin etwas einsam. Ihr Mann war bei der Bundeswehr und ist irgendwo im Ausland gefallen, schon vor einigen Jahren. Naja, aber dann zögerten sich die ein bis zwei Monate immer weiter raus, und nach Ende des ersten Semesters hatte ich immer noch keine eigene Wohnung. In den Semesterferien sind meine Eltern mit meinem kleinen Bruder in den Skiurlaub gefahren, nach Österreich in die Alpen.“ Wieder stockte sie und die Tränen liefen ihr über die Wangen. „Kurz vor dem Ziel hat Papa dann auf einer Serpentine die Kontrolle über unser Auto verloren und…“ Sie konnte nicht weiterreden. Tobias begriff. Ihre Eltern waren gestorben. Er kam sich wie ein Idiot vor, gefragt zu haben. Gleichzeitig war er sehr verwundert über ihre Offenheit, denn immerhin kannten sie sich erst seit Kurzem. Er hätte Jahre der Freundschaft gebraucht, um über solche Dinge zu sprechen, doch offenbar war sie da anders. Schüchtern legte er seine Hand auf ihre und begann, sie sanft zu streicheln. Sie blickte ihn dankbar an. Für eine Weile sahen sich die beiden nur an, keiner sprach ein Wort. Als der Kellner die bestellten Getränke brachte, lösten sich ihre Hände wieder voneinander. Julia nahm einen Schluck von ihrem Kölsch, dann fuhr sie fort. „Und danach bin ich bei meiner Tante geblieben, weil ich nicht allein sein wollte. Mein Bruder hat den Unfall überlebt, er wohnt jetzt mit bei meiner Tante, aber er ist schwer behindert. Wir kümmern uns gemeinsam um ihn.“ Tobias war sprachlos. Er hatte mit vielem gerechnet, aber das war schlimmer als er je befürchtet hatte. „Ja, das ist meine Geschichte. Genug davon. Was ist mit dir?“ – „Tja… was soll ich sagen. Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg.“ Sie nickte. „Sonst gibt es nicht viel zu erzählen.“ Ihr Gesicht fand das schelmische Lächeln wieder. „Soso. Also ein Landei ohne Vergangenheit und völlig ohne spannende Erlebnisse.“ – „Nein, so auch wieder nicht. Aber nicht so etwas Spektakuläres…“ – „…wie eine Waise, die Französisch studiert und bei ihrer Tante wohnt?“, unterbrach sie ihn. Er schwieg, das hatte er so nicht sagen wollen. „Keine Sorge“, sagte sie, „ich weiß schon, wie du das gemeint hast. Was studierst du denn überhaupt? Anhand deiner Hausarbeit würde ich sagen, es ist irgendwas mit Kirchengeschichte.“ Er nickte zögernd. „Fast. Deutsch und Geschichte auf Lehramt für Gymnasium. Aber das Studium langweilt mich mittlerweile etwas. Irgendwie hat es seinen Reiz verloren, zwischen Lincoln und Lessing hin und her zu schwanken. Vielleicht habe ich auch einfach schon zu lange mit dem Kopf in den Büchern gesteckt und brauche mal ein wenig Abwechslung.“ – „So wie ein Date mit mir?“ Sie lachte. „Aber ich kann dich schon verstehen. Zwischendurch hat man immer mal ein paar Durchhänger. So Punkte an denen man sich fragt, warum man das eigentlich macht. Ich studiere nicht nur Französisch, sondern auch noch Kunst. Für meinen Schwerpunkt – Fotografie – muss ich leider auch noch gut Englisch können. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, welche Sprache ich gerade überhaupt spreche.“ Diesmal musste Tobias grinsen. „Da ich dich im Moment sehr gut verstehe, muss es Deutsch sein, oder vielleicht eben doch Englisch.“ Er unterbrach sich, als der Köbes ein neues Kölsch brachte und nahm einen Schluck aus seinem Glas. „Zumindest sind in zwei Wochen Semesterferien, dann haben wir Zeit, hier mal etwas rauszukommen.“ Ihre großen braunen Augen sahen ihn an. „Wir?“ Tobias biss sich auf die Zunge. Wieder mal hatte er etwas gesagt, ohne vorher groß darüber nachzudenken. Das kannte er so gar nicht von sich. „Wie wäre es, wenn wir ein bisschen was essen gehen würden? Es ist zwar schon spät, aber wenn ich dich recht verstanden habe, ist dir ja vorhin dein Abendessen verbrannt.“ Erleichtert über den Themenwechsel stimmte Tobias zu und ging mit Julia in den nahe gelegenen China-Imbiss.

6

1974, Le Reposoir, Frankreich

„Warte, nimm den hier auch noch mit.“, sagte der Leiter der Poststelle von Le Reposoir, Fabrice Aston, zu Jacques Barreu und reichte ihm einen einzelnen Brief. Jacques war der hiesige Postbote. Er schaute auf den Brief und stutzte. Er konnte darauf ein Siegel mit lateinischer Schrift erkennen. Der Empfänger sollte die Chartreuse du Reposoir sein, das Kloster in den Bergen in der Nähe des kleinen Ortes. „Was gibt´s?“, fragte Fabrice ihn. „Der Brief geht an die Chartreuse du Reposoir. Ich glaube, dahin habe ich noch nie einen Brief gebracht.“, antwortete dieser und sah seinen Vorgesetzten und Freund fragend an. Jacques war vor einigen Monaten erst nach Le Reposoir gezogen, nachdem er den Job als Postbote hier bekommen hatte. In der kurzen Zeit hatte er sich schnell mit Fabrice angefreundet. Beide mochten es eher gemütlich und niemand störte sich an der ruhigen Arbeitsweise des anderen. Fabrice Aston nahm den Brief, den Jacques ihm hinhielt und vergewisserte sich. Dorthin hatte auch der alte Briefträger Antoine Cassous seinen letzten Brief gebracht. Antoine war sehr lange der Briefträger in Le Reposoir gewesen. Er hatte jeden mit Namen gekannt, alle Einwohner des kleinen Ortes kannten und mochten ihn, denn er hatte immer Zeit für einen kleinen Plausch gehabt, besonders, wenn es um die Wanderwege in den Bergen oder um mystische Geschichten ging. Er hatte viel Zeit in den Bergen verbracht. Man munkelte, dass er dort oben eine Hütte hätte, in die er sich von Zeit zu Zeit zurückzog. Es war nicht ungewöhnlich, dass er über Nacht in den Bergen blieb und erst morgens zurückkam. Doch von einem seiner Ausflüge war er nicht zurückgekehrt. Anfangs hatte sich Fabrice darüber noch nicht gewundert. Er hatte die Post selbst verteilt, die anfiel. Doch nach einigen Tagen waren seine Sorgen angewachsen und er hatte Antoines Nachbarn befragt, ob sie ihn gesehen hätten. Alle verneinten dies. Fabrice war daraufhin zusammen mit zwei Nachbarn in Antoines Haus eingebrochen, um zu sehen, ob dem alten Mann vielleicht etwas passiert sei. Das Haus war dunkel und staubig. Antoine war sehr lange alleine gewesen und hatte augenscheinlich keinen besonderen Hang zur Sauberkeit verspürt. Niemand war zuvor in diesem Haus gewesen, seit Antoines Frau ihn vor langer Zeit verlassen hatte und ins Kloster gegangen war. Das hatte ihm das Herz gebrochen. Die Männer schauten in alle Räume. In diesem Haus hatte schon seit einigen Wochen niemand mehr gewohnt. Sie hatten beratschlagt, den Dorfpolizisten anzurufen, und gehofft, dass er eine Idee hätte, was man tun könnte. Als er hinzugekommen war, hatte er ihnen allerdings wenig Mut machen können. „In den Bergen nahe dem Kloster hat es vor einer Woche ein Unwetter gegeben. Falls er dort oben war, sieht es sehr schlecht aus.“ Da es aber keine Angehörigen mehr zu geben schien, hatte niemand für eine teure Suche aufkommen wollen und so war ein leerer Sarg beerdigt worden. „Woran denkst du?“ Jacques holte Fabrice aus seinen Gedanken. „An deinen Vorgänger. Der ist damals in der Nähe des Klosters verschwunden…“ Jacques sah ihn verwundert an. „Verschwunden?“ – „Ja, er hat sich viel in den Bergen aufgehalten und ist dann bei einem Unwetter verschwunden.“ Fabrice schaute aus dem Fenster in Richtung der Berge. „Er war häufig da draußen, auch öfter mal für mehrere Tage, aber er war immer sehr zuverlässig und hat sich dann vorher gemeldet, dass es länger dauern könnte. Dieses Mal aber nicht, deswegen haben wir damals geglaubt, es sei im Unwetter ein Unglück geschehen.“ – „Damals? Glaubst du das heute nicht mehr?“, hakte Jacques nach. „Ich weiß nicht, ob du schon einmal gehört hast, was hier im Ort über das Kloster gesagt wird. Niemand ist seit den Umbauarbeiten Anfang der Dreißiger dort gewesen und nie sind die Karmelitinnen ins Dorf gekommen, um einzukaufen oder Post zu bringen. Seit damals hat niemand einen Fuß in das Kloster gesetzt oder aus dem Kloster heraus. Natürlich ist das Geschwätz, aber es heißt, das Kloster sei verflucht. Zumindest ist es aber ein unheimlicher Ort. Ich bin selbst noch nie dort gewesen, aber mein Bruder sagte, wenn man dort von einem entfernteren Berg aus hinsehen würde, wäre das schon ein sehr beklemmendes und beängstigendes Gefühl.“ Ungläubig entgegnete Jacques: „Aber es hat noch nie jemand dort nachgesehen, ob dort etwas faul ist?“ Fabrice blieb ernst. „Nein, das nicht. Aber er ist nicht der erste Wanderer, der in der Gegend um das Kloster verschollen ist. Zumindest vermutet man das, vielleicht sind diese Leute auch einfach so abgehauen oder aus irgendeinem anderen Grund verschwunden. Wie schon gesagt, ich halte es für Geschwätz. Aber wenn ich dann so einen Brief in der Hand halte, muss ich an Antoine denken, deinen Vorgänger. Der letzte Brief, den er ausgetragen hat, ging auch an dieses Kloster. Nachdem ich ihm den Brief in die Hand gedrückt hatte, ist er gegangen und ich habe ihn nie wieder gesehen. Das erinnerte mich gerade sehr an damals. Vielleicht solltest du nicht allein hingehen, um den Brief dort hin zu bringen…“

7

2007, Köln, Deutschland

Tobias Steiner saß nachdenklich an seinem Schreibtisch und schaute in den blauen Nachmittagshimmel. Sein Treffen mit Julia war bereits drei Tage her, und sie hatten noch nichts voneinander gehört, aber ihm fehlte der Mumm, sie anzurufen und er hoffte, dass der Zufall das für ihn regeln würde. Vor zwei Tagen hatte er erneut einen Brief verfasst, den er am heutigen Nachmittag zur Post bringen wollte. Doch seine Gedanken hingen noch bei Julia und ihrem Schicksal. Es musste hart sein, die Eltern zu verlieren und sich um den Bruder kümmern zu müssen, aber es würde wohl noch härter sein, wenn dieser Bruder dann auch noch körperlich beeinträchtigt war. Wie sie das wohl alles schaffte, neben dem Studium? Ohnehin konnte er sich beim Gedanken an ihr Studium nur schütteln. Kunst war für ihn schon immer eine Folter und Französisch war in seinen Ohren ein fremdartig klingender Zungenbrecher. Niemals würde er auf den Gedanken kommen, freiwillig mehr Zeit als unbedingt nötig mit Fremdsprachen oder gar mit Kunst zu verschwenden. Schon genug, dass er für sein Studium frühere Lateinkenntnisse nachweisen musste und dass er in der Schule Griechisch hatte lernen müssen. Seit je her hatte es ihm an innerem Antrieb gemangelt, sich ernsthaft mit Fremdsprachen, abgesehen von Englisch, zu beschäftigen. Wofür auch? Mit Deutsch und Englisch kam er dort, wo er kam, bestens zurecht. Nach einer Weile kehrten seine Gedanken zu dem zurück, was ihn schon seit Tagen beschäftigte. Die Chartreuse du Reposoir. Aus irgendeinem Grund ließ ihn dieses Kloster nicht mehr los. Er musste schmunzeln. Endlich mal wieder etwas, was ihn an seinem Studium wirklich interessierte, ihn fesseln konnte. Vielleicht etwas, womit er die anstehenden Semesterferien verbringen konnte, denn seine Suche nach einem Job als Saisonale Aushilfe war erfolglos gewesen. Jetzt trieb es ihn, mehr über die Chartreuse herauszufinden. Wie wäre es, wenn er versuchen würde, andere Bibliotheken zu durchforschen, bei verschiedenen Gelehrten der Kirche anzufragen, was sie darüber wissen, oder gar eine kleine Exkursion nach Frankreich zu starten, um dem Mysterium auf die Schliche zu kommen? Er hatte gehört, dass die