Der Fluchsammler - Ann-Kathrin Karschnick - E-Book
Beschreibung

Berühre ich jemanden, stirbt er!   Elisabeth war eine aufstrebende Streetworkerin, bis sie von einem Hexer verflucht wurde. Jetzt kann sie die Wohnung nicht mehr verlassen, ohne jeden in ihrer Umgebung in Lebensgefahr zu bringen. Eines Tages taucht der geheimnisvolle Vincent auf und behauptet, ihr helfen zu können. Aber hinter ihrem Fluch steckt mehr als anfangs angenommen ... Kann sie ihm vertrauen oder spielt er nur mit ihr?   Weitere aktuelle Titel von Ann-Kathrin Karschnick:    Phoenix (Dystopische Trilogie):Tochter der AscheErbe des Feuers Kinder der Glut Rack (Steampunk Thriller Reihe):Alle für einen (Teil 1-3) Einer für alle (Teil 4-6) Trümmerwelten (High Fantasy-Epos in Zusammenarbeit mit Felix A. Münter):Trümmerwelten - Die Abenteuer der Alice SparrowTrümmerwelten - Die Odyssee der Alice Sparrow Trümmerwelten - Das Schicksal der Alice Sparrow Einzelbände:RED - Urban Fantasy Der Fluchsammler - Urban Fantasy

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-907-2

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Der Fluchsammler
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Ann-Kathrin Karschnick

Kapitel I

Vincent

Der goldene Löwe vor dem Eingang grinste ihn höhnisch an. Als ob dieses Stück Altmetall genau wissen würde, was er vorhatte.

Vincent schnaubte, schlich wie schon die vorangegangenen fünf Jahre an der übernatürlich großen und übermäßig hässlichen Figur vorbei. Ein paar Sprayer hatten auf dem Schwanz des Tiers unangebrachte Worte verewigt. Der Eigentümer machte sich nicht die Mühe, die widerlichen Beschimpfungen zu entfernen. Eigentlich tat er nicht viel, um das Restaurant zu pflegen. Vincent fragte sich seit dem ersten Besuch, warum das Gesundheitsamt den Laden bisher nicht dichtgemacht hatte.

Auf der rechten Tatze des Löwen klebte ein Bild, das mit Superkleber befestigt worden war. Mit einem Schmunzeln dachte Vincent daran, wie eines Nachts ein paar Jugendliche sich einen Spaß erlaubt und dem goldenen Löwen ein pinkfarbenes Nachthemd mit Rüschen und die dazu passende Mütze aufgesetzt hatten. Das Foto war wie ein Lauffeuer durch sämtliche Onlineportale gerauscht und hatte eine wahnwitzige Suche nach dem pinken Löwen ausgelöst. Ganze zwei Tage hatte es gedauert, bis der Besitzer den plötzlichen Ansturm auf sein Lokal verstanden hatte.

Er griff nach dem Türknauf, zog daran und wurde umgehend von dem Duft des chinesischen Essens umgeben. Auch wenn es gut roch und er seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, würde er dankend jedes kostenlose Essen ablehnen, das Magda ihm anbot.

Wenn überhaupt, so würde er sich bei dem Dönerladen an der Ecke etwas holen. Aber das machte er vom nächsten Auftrag abhängig. Sollte er Gefahr laufen, mit ekelhaften Gegenständen oder Menschen in Kontakt treten zu müssen, brauchte er nicht vorher sein Geld auf eine warme Mahlzeit verschwenden.

Hinter ihm rastete die Schwingtür ein, schloss die Sonne aus. In dem chinesischen Restaurant gab es alles, was man sich an Kitsch vorstellen konnte. Rote Lampions, die kreuz und quer ohne jeglichen Sinn von Dekor von der Decke hingen. Schwarze Trennwände, die mit weißen Landschaftsmotiven überzogen waren.

Diesen Blödsinn hätte er sich niemals in die Wohnung gestellt. Am schlimmsten fand er aber die sicherlich gut gemeinten, überdimensionalen Bilder von irgendwelchen lachenden Kindern. Das erste Mal, als Vincent sie gesehen hatte, hatte er sich gewundert, warum der Eigentümer seine Kinder zur Schau stellte. Noch dazu mit reichlich unvorteilhaften Fotos. Als er erfahren hatte, dass es willkürliche Kinderbilder waren, hatte er den Kopf geschüttelt und nicht mehr darüber nachgedacht. Zumindest bis zum heutigen Tag.

Aus irgendeinem Grund nahm er seine Umgebung heute deutlicher wahr als sonst.

Vielleicht liegt es am letzten Fluch, dachte er und rieb sich den Nacken. So ganz erholt hatte er sich davon nicht. Ich muss mal mit Magda reden. Zwei Tage sind einfach zu wenig Zeit zum Ausruhen.

Mit vorsichtigen Schritten suchte sich Vincent den Weg durch das Minenfeld. Es war ein ganz gewöhnlicher Holzfußboden, aber wenn er nicht aufpasste und den Fuß zu lange an einer Stelle verharren ließ, bekäme er den Schuh nicht mehr ab, denn zwischen den Löchern war er mit einer klebrigen Schicht aus schlecht bis gar nicht entfernten Essensresten überzogen.

Als er endlich einen halbwegs reinlichen Punkt erreicht hatte – seinen Stammplatz am dritten Tisch außen links – kam sogleich die übereifrige Kellnerin auf ihn zugeeilt. Vermutlich hatte sie ihn noch nicht erkannt, sonst wäre sie sofort umgekehrt. Jeder Mitarbeiter des Restaurants wusste, dass er nur von Magda bedient wurde. Und jeder von ihnen wusste auch, dass er keine Bestellung aufgab und meist nach wenigen Minuten wieder ging.

Doch wusste keiner über den Grund Bescheid. Die stumpfen Gesichter der Köche in der Küche und der zwei Bedienungen an der im Raum stehenden Kasse zeugten allerdings auch nicht von Interesse. Der perfekte Ort für Vincent und Magda, um ungestört zu reden.

Kaum erkannte ihn die Kellnerin, verschwand ihr Lächeln. »Ah, Vincent-san. Magda kommen gleich zu dir.«

Die junge Frau hieß Hiroku. Sie war nicht unattraktiv, trotz der viel zu dicken weißen Schicht Farbe auf ihren Wangen. Vermutlich befand sich darunter ein durchaus ansehnliches Gesamtbild. Zumindest wenn er dem Kimono Glauben schenken durfte, der sich bei der abrupten Drehung ein wenig öffnete und die schlanken Beine enthüllte.

»Magda!«, brüllte sie mit herrischer Stimme durch den Laden. Da sie nicht sofort eine Reaktion erhielt, würde sich Magda wahrscheinlich in der Nahrungsaufbewahrungsanlage befinden – oder wie er sie nannte: Garage.

Vincent musste warten. Aber das war er gewohnt. Er griff sich die Speisekarte, die sich seit fünf Jahre nicht verändert hatte und dennoch aussah wie neu. In solchen Momenten fragte er sich, wie sich der Laden halten konnte. Es war halb eins mittags und er war der einzige Gast. Er vermutete Mafiabeteiligungen oder andere krumme Geschäfte.

Vincent zuckte mit den Schultern. Ich misch mich nicht bei euch ein, wenn ihr euch nicht bei mir einmischt, dachte er und stellte die Karte zurück. Solange Magdas Gehalt bezahlt wurde und somit auch sein Lebensunterhalt gesichert war, sollte es ihm egal sein.

Er ordnete die Gewürze auf dem Tisch erst nach Größe, dann nach Farbe und zum Schluss alphabetisch nach den Geschmacksrichtungen.

»Vincilein, mein Liebling. Ich hatte mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest.«

»Nenn mich nicht so«, brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

»Seit kurzem darf ich auch ausliefern. Wusstest du, wie spannend diese Automobile sind? Eigentlich hatte ich mich immer dagegen gewehrt, aber jetzt, da ich den Führerschein bestanden …«

»Wohl eher den Prüfer totgequatscht«, murmelte Vincent und grinste Magda breit an.

Die mollige Endfünfzigerin, die an ihm vorbeihuschte, schwang sich mit einem Ächzen auf die roten Lederbezüge der Bank gegenüber von Vincent. Sie warf ihm einen äußerst pikierten Blick zu.

»… bestanden habe«, betonte sie. »,Ich kann gar nicht mehr damit aufhören.«

Vincents Aufmerksamkeit schmolz dahin. Das Einzige, was ihn davon abhielt, seine Ohren vollständig auf Durchzug zu stellen, war der Umschlag in Magdas Fingern. Vermutlich sein neuer Auftrag. Juhu, dachte er, grinste schief, sagte aber wie immer nichts.

»Womit du aufhören könntest, das ist das Quasseln. Du weißt, weswegen ich hier bin. Gib schon her.« Er streckte eine Hand aus und langte nach dem Umschlag, doch Magda war schneller.

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen.

»Ruhig, junger Hengst. Du weiß, dass es so nicht abläuft. Zuerst erzählst du mir von deinen letzten beiden Tagen. Hast du dich ausgeruht?« Die überaus stark geschminkten Augen ruhten mit einem prüfenden Blick auf ihm.

Vincent knurrte. Magda anzulügen, hatte keinen Sinn. Seitdem er für sie arbeitete, hatte sie jede Lüge von ihm auf Anhieb durchschaut. Manchmal fragte er sich, ob sie sich selbst verhext hatte, um Lügen zu erkennen.

»Mehr oder minder. Den ersten Tag habe ich im Bett verbracht.« Das war nicht gelogen, dachte er mit einem unterdrückten Schmunzeln. Dass er nicht alleine gewesen war, musste sie nicht erfahren. Die Frau, die er kurz zuvor bei Magda abgeliefert hatte, war ihm für die Hilfe überaus dankbar gewesen. Auch wenn er ziemlich erschöpft gewesen war, hatte er ihr den Wunsch nach Zweisamkeit nicht abschlagen können.

Kaum dachte er an den Moment, in dem die Zweisamkeit geendet hatte, legte sich ein dunkler Schatten auf seine Gedanken. Wenn er es genau betrachtete, war er doch alleine gewesen. Auch wenn sie das Bett mit ihm geteilt hatte, war sie nicht wirklich bei ihm gewesen. Das war niemand. Vincent schüttelte den Kopf. Nein, daran konnte er jetzt nicht denken. Dafür hatte er keine Zeit. Magda wartete auf eine Antwort.

»Und den zweiten?« Ihr Blick wurde stechend, als wollte sie in sein Innerstes eindringen und ihn aufwühlen, bis sie die letzte, verborgene Wurzel gefunden hatte, die er vor ihr versteckte.

»Da war ich vielleicht für ein oder zwei Stunden in Toms Bar.« Gerade als sie den Mund öffnete, um ihn natürlich anzufahren, sagte er rasch: »Aber den restlichen Tag lag ich im Bett. Versprochen. Komm schon. Ich kann nicht zwei ganze Tage nur zu Hause rumhocken. Dazu bin ich nicht geschaffen.«

Einige Sekunden starrte Magda ihn an, dann nickte sie. Dennoch konnte Vincent ihre Zähne knirschen hören. »Du weißt, dass ich nur dein Bestes will.«

Ihre Anteilnahme war echt. Das wusste er. Er arbeitete schon lange mit ihr zusammen und wusste, wann sie es ernst meinte und wann nicht.

Einhundert Jahre. Eine lange Zeit, wenn man bedachte, dass er eigentlich nur aus einem Grund bei ihr angefangen hatte. Und diesen gab es beinahe genauso lange nicht mehr. Auch nach einhundert Jahren tat der Gedanke an damals noch weh. Seine Verpflichtung gegenüber Magda hatte er allerdings nie vergessen.

Die Aufgabe war simpel. Finde Menschen, die mit Flüchen belegt sind und bring sie mir. So einfach sich das im ersten Moment angehört hatte, war es jedoch nicht. Nein. Den Menschen stand nicht auf der Stirn geschrieben, dass sie verflucht waren. Meist wussten sie nicht einmal selbst etwas davon. Geschweige denn, dass sie davon zu überzeugen waren, ihm an zwielichtige Ort zu folgen, um den nicht bemerkten Fluch loszuwerden.

Aber das war seine Aufgabe. Vincent erfüllte sie. Bis zum bitteren Ende. Und das war nah. Viel näher, als er zu hoffen wagte. Nicht mehr lange und sein Dienst bei Magda wäre beendet. Er konnte nicht sagen, wie viele Tage es noch dauerte, aber an Magdas Worte erinnerte er sich ganz genau.

Wenn es so weit ist, wirst du es merken.

Schon seit einigen Monaten wartete er darauf, endlich zu spüren, frei zu sein. Dass er tun und lassen konnte, was er wollte. Er wusste zumindest, was er nicht tun würde. Er würde niemals wieder in dieses Restaurant gehen, solange er lebte. Das war ein guter Vorsatz, der ihm nicht schwerfallen würde.

»Ich weiß«, antwortete Vincent schließlich, »aber ich kann auf mich selbst aufpassen.«

»Das wollen wir mal sehen. Die letzte Aktion war ziemlich knapp. Noch eine Stunde und du wärst dem Fluch erlegen.«

Vincent winkte ab. Er hatte die Situation im Griff gehabt. Es war zu keiner Sekunde heikel oder knapp gewesen.

»Sie war auch nicht viel besser dran. Das musst du doch einsehen. Hätte ich sie nicht geheilt, wäre sie vermutlich ein Krüppel und du wärst es auch.«

»Hab ein bisschen Vertrauen in deinen persönlichen Sklaven«, witzelte Vincent und hob die Arme einladend. Gleichzeitig lehnte er sich an das rote Leder.

»Sklave. So hast du dich schon lange nicht mehr genannt.« Magda schmunzelte. »Nun denn, Sklave«, sagte sie feierlich und reichte ihm den Pappordner.

»Was ist es diesmal?« Seine Finger schlossen sich um den blauen Pappordner. Bereits die Farbe erzählte ihm, welche Priorität der Fall für Magda hatte. Sie hatte ihr eigenes Farbschema für die Dringlichkeit der Beauftragungen. Blau war die Höchste.

Er öffnete gespannt das Gummiband, mit dem der Ordner zusammengehalten wurde.

»Ich weiß es selbst nicht«, sagte Magda.

Verwirrt hielt Vincent in seinen Bewegungen inne. »Du weißt es nicht?«

»Frag mich mal, wie sehr mich das ärgert. Du glaubst gar nicht, wie lange ich schon versuche, diesen Fall zu lösen, aber ich komme nicht hinter das Geheimnis. Ach, lies es einfach.«

Vincent runzelte die Stirn und zögerte einen Moment. Bisher hatte Magda jeden Fall gelöst, der ihr untergekommen war. Sie hatte praktisch jeden Betroffenen mit einem Fingerschnipsen herausgefunden.

Wenn er Fälle übernahm, kannte er das Ziel und um welchen Fluch es sich handelte.

»Gar nichts?«, hakte er noch einmal nach.

Magda seufzte und holte gleich darauf Luft: »Ich habe vor etwa einem Jahr eine ungewöhnlich hohe Anzahl von eigentümlichen Todesfällen bemerkt. Zuerst hielt ich es für Zufall. Doch es wurden immer mehr und dazu auf unsere Stadt konzentriert. Also habe ich es verfolgt. Flüche lassen mit der Zeit nach, aber hier: nichts. Die seltsamen Toten nahmen zu.« Magda stand auf und quetschte sich zu ihm auf die Bank. Der herbe Geruch von Sojasauce und frisch gekochtem Reis umgab die schulterlangen grauen Haare, von denen Vincent lieber etwas wegrückte.

Ihre Finger griffen nach dem Ordner und zogen einige Zeitungsartikel heraus. »Hier, dieser zum Beispiel.«

Vincent schaltete auf Durchzug, während Magda weiterredete. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Zettel. Eine ältere Dame auf dem Bild lächelte, wirkte sympathisch. Etwas an ihr kam ihm bekannt vor.

Der Text des Artikels war kurz und erklärte die Umstände ihres Todes.

Amelie F. verstarb im Krankenhaus, als sie sich von einer starken Lungenentzündung erholte. Die Beatmungsbrille, die ihr eigentlich den notwendigen Sauerstoff zuführen sollte, wurde ihr zur Todesfalle. In der Nacht zum Samstag strangulierte sie sich mit dem Schlauch der Beatmungsbrille. Die Pflegerin Helene G. fand ihre Leiche nur wenigen Stunden später bei ihrem nächtlichen Routinerundgang. Nachdem ein Verschulden des Krankenhauses ausgeschlossen werden konnte, wurde Amelie F. am Freitag auf dem Stadtfriedhof beerdigt.

Vincent runzelte die Stirn. Von einer Beatmungsbrille erwürgt? Was war das denn für ein Fluch? Er kramte in seinem Gedächtnis, aber erinnerte sich an nichts Vergleichbares.

»Oder hier.« Magda hielt ihm den nächsten Artikel hin. Eine Bäckerin, die an einer plötzlich auftretenden heftigen Laktoseintoleranzreaktion starb.

So ließ sich die Liste immer weiterführen. Insgesamt entdeckte Vincent vierzehn Artikel in dem Ordner. Und das behandelte nur die Zeit, in der Magda auf die Toten aufmerksam geworden war.

»Siehst du, was ich meine?«

»Auf den ersten Blick ergab das alles keinen Sinn. Es sind willkürliche Todesopfer. Hier, die alte Frau kann auch einfach so erstickt sein. Und die Familie der Bäckerin hat vielleicht nur verschwiegen, dass die Frau zu blöd war, um sich an ihre Intoleranz zu erinnern.« Vincent zuckte mit den Schultern.

»Glaubst du das wirklich?«, fragte sie und sah ihn über den dicken Rand ihrer schwarzen Brille an.

Natürlich glaubte er das nicht. Viel zu lange schon hatte er Merkwürdigkeiten in Magdas Nähe gesehen. Und wenn er sich auf eines verlassen konnte, dann auf ihren untrüglichen Sinn für Flüche. Manchmal kam es ihm so vor, als ob sie sich nur noch darauf konzentrierte und dafür einige andere Sinne verlor. Wie zum Beispiel den für Mode. Allein das rosa Oberteil hinter der Schürze. Rosa ist absolut nicht ihre Farbe, dachte er.

»Was meinst du, was dahinter steckt?«

Magda raufte sich die Haare. »Wenn ich das wüsste. Egal, welche Lösung ich durchgespielt habe, ich komme auf kein Ergebnis. Deswegen habe ich beschlossen, dir diesen Fall zu übertragen. Vielleicht bringt ein frisches Paar Augen einen neuen Blickwinkel.«

Erschrocken wich Vincent zurück. »Du willst meine Augen?«

»Was? Nein. Wie lange kennst du mich schon?«

»Lange genug, um zu wissen, dass in deiner Wohnung einige sehr befremdliche Gegenstände stehen, und dementsprechend Angst zu haben.« Mit einem Schaudern dachte er an die Innereien, die von irgendeinem Kleintier stammen mussten. Die hellrot glänzenden, wurmartigen Dinger hatten verdächtig nach Froschdarm ausgesehen.

Magda wackelte unschlüssig mit dem Kopf hin und her. »Ja, gut. Das gebe ich zu. Aber deine Augen haben für mich keinen Wert.«

Unauffällig und voller Erleichterung ließ Vincent die Luft aus seinen Lungen entweichen. Auch wenn er zu glauben hoffte, dass sie ihm kein Leid zufügen würde, war er sich über die Jahrzehnte hinweg nie ganz sicher gewesen. Immerhin hatte er es mit einer Hexe zu tun. Noch dazu mit einer, die genau wusste, wie sie sich in welchem Jahrhundert benehmen musste, und nicht halb so gerissen aussah, wie sie in Wirklichkeit war.

»Noch nicht«, schob sie hinterher.

Vincent rückte sicherheitshalber ein Stück von ihr ab, blieb aber in Reichweite, um weitere Artikel lesen zu können. Er wartete darauf, dass Magda ihm die Mappe wieder überreichte, doch sie schien sich immer tiefer in den Worten zu verlieren. Als sie anfing, wirres Zeug zu murmeln, unterbrach er sie harsch.

»Jetzt gib endlich her. Musst du nicht irgendeinen Hund für die Mittagskarte töten oder sowas?«

Magda verzog das Gesicht. »Sehr witzig. Nimmst du den Fall an?«

»Bleibt mir eine andere Wahl?« Nein, beantwortete er die Frage selbst in Gedanken. Ihre Vereinbarung war ebenso simpel wie anstrengend gewesen. Jeder Auftrag musste angenommen werden, unabhängig davon, wie lange er dauerte.

Vincent dachte an seine Anfangszeit zurück. Damals hatte es Monate gedauert, ehe er die Person aufspürte, die mit dem Fluch belegt gewesen war. Vincent war ziellos durch die Straßen geirrt. Ohne jegliche Ahnung, wonach er suchen musste. Außerdem hatte er zu dem Zeitpunkt nicht die Mittel zur Verfügung gehabt, wie sie jetzt auf ihn warteten. Mit Grausen erinnerte er sich an die Zeit, als er in die Archive der Städte gegangen war, um alte Zeitungen zu wälzen. Heute brauchte er nur den Computer anschalten und fand alles, was er wollte, und natürlich jede Menge Kram darüber hinaus. Auch das Reisen verlief dank öffentlicher Verkehrsmittel deutlich schneller.

»Vincilein?« Der Klang seines Namens holte ihn zurück in das 21. Jahrhundert.

Magda befand sich direkt vor seinem Gesicht. Immer noch vor der Angst um seine Augen ruckte er zurück, bis die Lehne seinen Weg aufhielt.

»Was ist denn?« Er griff nach dem Ordner, bevor sie es sich anders überlegte.

»Ich fragte nur, ob du etwas zum Mitnehmen möchtest?«

»Nein, danke. Ich habe dir schon mal gesagt, dass ich hier nicht esse.« Die Magenkrämpfe vom letzten Mal haben mich anderthalb Tage außer Gefecht gesetzt, schob er verärgert in Gedanken hinterher.

»In Ordnung. Dann schau du dir in Ruhe den Fall an. Ich geh in die Küche. Wenn du fertig bist, musst du noch einmal zu mir kommen.«

Vincent hob eine Augenbraue. »Muss?«

»Ja.«

Ohne weitere Erklärung ließ sie ihn sitzen. Über den Rand des Ordners hinweg verfolgte er ihren Weg.

»Seltsame Hexe«, murmelte er.

»Das habe ich gehört«, erklang es aus der Küche.

Vincent verzog das Gesicht, beließ es aber dabei. Vor ihm lag ein neues Mysterium.

»Wer bist du?«, fragte er mit einem Blick auf die Artikel.

Zunächst las er jeden Einzelnen durch. Niemand von der Presse kam auf die Idee, dass die eigenartigen Todesfälle miteinander verbunden sein könnten. Aber wenn er es sich so besah, war es auch nicht verwunderlich. Die Tage, an denen die Menschen starben, lagen fast alle ungefähr einen Monat auseinander. Lediglich in der Anfangszeit waren die Abstände kürzer gewesen.

Als er sämtliche Artikel durchgelesen hatte, sortierte er sie nach Datum. Die alte Frau im Krankenhaus war der erste von Magda wahrgenommene Fall gewesen. Das musste nicht bedeuten, dass sie das erste Opfer gewesen war. Aber zumindest hatte er dadurch einen Anhaltspunkt.

»Magda«, rief er, während er die Papiere zusammenräumte und in den Ordner zurücklegte.

Die Hexe kam um die Ecke geschossen. Wieder zögerte er. Vincent wusste nie, worauf Magda es abgesehen hatte. Es konnte jeden Grund haben, warum sie so enthusiastisch auf ihn zugestürmt kam. Vielleicht wollte sie ihn nur umarmen, was nicht das erste Mal gewesen wäre. Oder sie wollte ihm mit voller Wucht in den Magen schlagen, was ebenfalls nicht das erste Mal gewesen wäre.

Vor ein paar Jahren hatte sie ihn sogar mitten auf der Straße geküsst. Magda war hinter einem besonders hartnäckigen Fluch hergewesen. Einer von der flexiblen Sorte. Diese hingen nicht an einer Person, sondern wurden durch alle möglichen Arten übertragen: Hautkontakt, Blickkontakt, intime Berührungen, durch Wasser. Es gab unendlich viele Optionen. Damals hatte sie ihm den Fluch übertragen, der sie selbst erfasst hatte. Sie hatte etwas davon gemurmelt, dass es ihr leidtäte. Was sie damit meinte, verstand er jedoch erst, als Stunden später der Juckreiz bei ihm einsetzte. Magda war noch dabei gewesen, die Aufhebung des Fluchs vorzubereiten, als es begann. Beinahe zehn Minuten lang hatte sich Vincent an dem Katzenbaum gekratzt und geschubbert, ehe Magda endlich so weit war.

Er kreuzte die Finger und hoffte, dass sie ihm nicht schon wieder einen Fluch übertragen wollte. Seine Befürchtungen waren jedoch diesmal unbegründet.

»Vincent«, begann sie und sah ihn mit einem wehleidigen Gesichtsausdruck an.

»Was?«, fragte er und stand vorsichtig auf.

»So lange sind wir beide schon zusammen.«

»Wir arbeiten nur zusammen.«

»Ja ja. Du weißt, was ich meine.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete ihn, als hätte sie ihn seit Jahren nicht gesehen. Aber selbst Jahre waren für eine Hexe wie Magda immer noch eine kurze Zeitspanne.

»Nein, weiß ich nicht. Worauf willst du hinaus?« In seinem Magen rumorte es.

Diesmal sah sie ihn an, als ob er ein minderbemitteltes Kind wäre. Genervt verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete darauf, dass Magda endlich sagte, was los sei.

»Unsere gemeinsame Zeit endet bald.«

Die Bombe war direkt über ihm geplatzt. Sein Mund klappte auf, während die Information langsam zu ihm hereinsickerte.

»Du meinst …«

»Genau das.«

»Ich …« Vincent musste sich setzen. Mit allem hätte er an diesem Tag gerechnet, als er aufgestanden war, aber nicht mit so einer Nachricht.

»Ich weiß, ich weiß. Du wirst mir auch unendlich fehlen. Bevor du aus meinem Dienst entlassen bist, musst du diesen Fluch zu mir bringen. Erst danach gilt deine Aufgabe als erfüllt.«

»Du meinst ernsthaft, die einhundert Jahre sind um?«

»Die Zeit verfliegt wirklich wie im Flug mit dir, Vincilein.«

Die Verschandelung seines Namens nahm er hin. Zu sehr musste er mit der Tatsache kämpfen, dass er bald unabhängig war.

Nur dieser eine Auftrag und er würde frei sein. Vincent konnte es gar nicht fassen. In seinem Kopf ging ihm zu Ehren ein gigantisches Feuerwerk los. Einhundert Jahre hatte er es mit Magda, mit der Arbeit als Fluchsammler einer Hexe ausgehalten. Eine Rakete erleuchtete den zuvor tiefdunklen Himmel seiner Gedanken. Einen Moment lang feiert er sich, ehe er am Horizont das erste Mal seit einer sehr langen Zeit die Dämmerung eines neuen Tages kommen sah.

»Ich werde mich beeilen«, sagte er, ohne darauf zu achten, ob Magda noch redete.

»Überstürze nichts. Ich glaube, mit diesem Fluch ist nicht zu scherzen.«

»Ich habe jeden Fluch überstanden«, erwiderte Vincent abwesend. Seine Gedanken genossen die letzten Funkenregen.

»Manchmal mehr und manchmal weniger gut.« Sie strich ihm über den Oberarm und sofort zuckte er unter der Berührung zusammen. Das Feuerwerk verschwand, ließ nichts als die düstere, aufsteigende Dämmerung zurück.

Vincent wusste, worauf die Berührung hindeuten sollte. Über neunzig Jahren zuvor – er war noch recht frisch bei der Suche nach Flüchen gewesen – hatte Magda ihn einen Fluch suchen lassen, der die Haut eines Menschen löste. Sie war einfach abgefallen. Zum damaligen Zeitpunkt hatte er sich nichts dabei gedacht, den Fluchträger gefunden, gepackt und zu Magda geschliffen.

Erst nach einer Weile, als Vincents Arm angefangen hatte zu jucken und zu ziehen, wurden sie darauf aufmerksam, dass der Fluch allokativ war. Er blieb beim Besitzer und wanderte gleichzeitig weiter. Durch die Berührung eines betroffenen Körperteils war Vincent ebenfalls infiziert worden.

Magda hatte sich beeilt, um ihrem Schützling zu helfen. Mit Mühe und Not hatte sie den Verlust seines Arms verhindern können. Genau genommen war es in letzter Sekunde geschehen. Begleitet von lauter Erinnerungen strich er sich gedankenverloren über den Arm. Geblieben war ihm nur ein Bluterguss, den er erst später entdeckt hatte. Bis zu diesem Tag hatte sich die Verfärbung kaum verändert und bei jeder kräftigen Bewegung war sie immer noch schmerzempfindlich.

»Wusstest du eigentlich, dass du die Stirn in Falten legst, wenn du in die Vergangenheit abdriftest?«, fragte Magda und legte den Kopf schief.

Vincent entspannte sofort seine Gesichtsmuskeln. Einen Moment lang schwiegen sie. Die einzigen Geräusche kamen aus der Küche. Töpfe – oder vielmehr Woks – klimperten, während sie heute vermutlich zum siebten Mal gewaschen wurden, obwohl sie nicht in Benutzung waren.

Vincent straffte seine Kleidung und setzte das breiteste Lächeln auf, das er besaß. Und bei den Gedanken, die ihn durchfluteten, war es sogar ernst gemeint.

»Magda, ich mache mich jetzt auf den Weg zu meinem letzten Auftrag.«

»Ich warne dich noch einmal. Sei nicht so übermütig.«

»Weißt du etwas, das ich nicht weiß?«, fragte Vincent, als er mit einem schwungvollen Schritt an ihr vorbeimarschierte.

»Natürlich nicht. Habe ich dir jemals etwas verheimlicht?«, fragte sie unschuldig.

»Ständig und andauernd«, rief er ihr über die Schulter hinweg zu. Vincent schmunzelte weiterhin, während er die Hand zur Schwingtür erhob. Bevor er ihre Antwort hören konnte, war er nach draußen entschwunden und wurde vom Straßenlärm empfangen.

Kapitel II

Elisabeth

Regentropfen trommelten gegen die Scheibe, rannen in dicken Perlen an dem Glas hinunter und sammelten sich auf dem schmucklosen, weißen Plastikrahmen des Fensters. Elisabeth lehnte ihren Kopf an die Scheibe und verfolgte den Weg der einzelnen Tropfen. Es waren zu viele, um sie alle gleichzeitig auf ihrem Weg hinab in die Unscheinbarkeit, in die Vergessenheit, zu begleiten. Aber einige wenige konnte sie begleiten. Einer verband sich auf halber Strecke mit einem zweiten. Er war glücklich einen anderen gefunden zu haben, der mit ihm diesen Weg bestritt. Elisabeth suchte sich einen neuen, einsamen Gefährten für die nächsten Sekunden.

Die Kälte, die durch ihre Stirn in den Verstand drang, beruhigte ihre Gedanken, ließ sie mit träger Geschwindigkeit in die Nacht hinausdenken. Sie war froh, dass es regnete. Nach allem, was sie an diesem Tag erlebt hatte, wäre es eine Verschwendung von Fröhlichkeit gewesen, wenn der Sommerabend mit einem Sonnenuntergang gepriesen worden wäre. Nein, der Regen entsprach ihrer Stimmung.

Ein Mann im Anzug hetzte auf dem Bürgersteig durch den Regenschauer. Er hielt den Aktenkoffer über den Kopf, vermutlich um den teuren Haarschnitt nicht nass werden zu lassen. Elisabeth beneidete den Vorbeieilenden. Denn für die Momentaufnahme bestand seine größte Sorge darin, einigermaßen trocken nach Hause zu gelangen. Vielleicht sorgte er sich um seinen Job oder seine Familie. Sie schnaubte. Sie wünschte sich genauso einfache Sorgen.

Die Tropfen bildeten die Umrisse eines jungen Mannes in Uniform. Sein Lächeln war ehrlich gewesen. Er hatte ihr nur etwas liefern wollen. Warum? Warum nur hatte er sich in der Tür geirrt? Elisabeth biss sich auf die Lippen, um den Tränen keine Chance zu lassen. Der Zufall musste seine teuflischen Pfoten im Spiel gehabt haben. Sie hatte keine Lieferung erwartet.

Elisabeth schloss die Augen. Nicht daran denken. Nein, vergessen. Das war das Beste. Wie immer … vergessen.

Ihre Finger krallten sich um den Rand der breiten Fensterbank, während sie ihre Sitzposition veränderte. Ihr Hintern schmerzte. Egal. Elisabeth würde nicht mehr zur Tür gehen. Es sei denn, sie wäre sich ganz sicher, dass sie etwas bestellt hatte, und selbst dann …

Als sie die Augen erneut öffnete, war der Mann mit dem Aktenkoffer um die Ecke gehuscht und verschwunden. Sie war wieder alleine. Bei dem Wetter wollte niemand im Freien herumlaufen. Elisabeth konnte das verstehen. Der Regen war vermutlich kalt und abweisend. Sie war schon seit Wochen nicht draußen gewesen, konnte nur anhand des ab und an geöffneten Fensters und des Wetterberichts die Temperatur erahnen. Manchmal glaubte sie, an der Kleidung der vorbeihuschenden Menschen erkennen zu können, ob die Strahlen der Sonne ausreichend Wärme spendeten. Aber das war reine Beschäftigungstherapie. Es sollte ihre Gedanken am Laufen halten. Ebenso wie sie versuchte, an der Bekleidung die Berufe der Vorbeiwandernden zu erraten. Mehr war ihr von ihrem Leben nicht geblieben. Eine traurige Ansammlung sinnloser Beschäftigungen.

Ein Auto bog in die Straße vor ihrer Wohnung ein. Durch den Berg, den der Wagen erklimmen musste, strahlten die Scheinwerfer direkt in ihr Wohnzimmer. Elisabeth machte sich nicht die Mühe, sich wegzudrehen, auch wenn das grelle Licht der Xenonscheinwerfer ihre Augen schmerzen ließ. Erst eine Reflexion von anderer Stelle weckte ihre Aufmerksamkeit. Elisabeth drehte sich zu der Korkwand hinter ihr. Gleichzeitig überflog sie die Titel der Zeitungsausschnitte. Dutzende von ihnen. Kreuz und quer hingen sie mit Reißzwecken befestigt an dem Kork. Jeder andere erkannte darin keinen Sinn, aber für sie war es ihr Lebensinhalt geworden. Nicht freiwillig. Diese Wand war alles, was ihr blieb, womit sie sich bestrafen konnte.

Elisabeth schluckte, hatte sich geschworen, sie heute nicht mehr anzuschauen. Morgen würde sie einen neuen Artikel anbringen müssen. Und einen weiteren Klebezettel auf diesen Bericht kleben. Ein Wort würde sie darauf schreiben:

Warum? 

Ihre Finger zitterten, als das Lächeln erneut vor ihr auftauchte. Er hatte ihr das Paket reichen wollen, doch sie hatte sich geweigert, ihn zu berühren. Berührungen waren tödlich.

Ein Blitz erhellte für wenige Sekunden den pechschwarzen Abendhimmel. Im nächsten Moment ertönte der Donnerschlag. Er musste ganz in der Nähe eingeschlagen sein.

Das Wetterleuchten, das einsetzte, bot ihr mehr Licht, als der Deckenfluter ihrer Wohnung es an seinen besten Tagen getan hatte.

Je länger sie versuchte, die Wand nicht zu beachten, desto stärker schien die Anziehungskraft zu werden.

Elisabeth schlang die Arme um die Beine, zog sie heran und legte ihr Kinn auf die Knie, während die Inhalte der Artikel ihre Gedanken belagerten. Es dauerte eine Weile, bis sie sich erneut zu den Ereignissen des Tages durch die Vergangenheit gekämpft hatte.

Der Lieferant hatte das Lächeln verloren, nachdem sie ihn panisch gebeten hatte, das Paket erst einmal auf dem Tisch neben der Eingangstür abzustellen, damit sie den Paketschein durchlesen konnte. Er hatte ihre seltsame Anweisung ausgeführt. Elisabeth wartete, bis er ein paar Schritte von ihr entfernt stand. So jung. Der Lieferant konnte höchstens zwanzig Jahre alt gewesen sein.

Ein erneuter Donnerschlag – sie zuckte zusammen. Das klang deutlich näher als jedes Gewitter, das sie in letzter Zeit wahrgenommen hatte. Vor dem Fenster lag alles in tristem Grau. Der Regen wurde immer heftiger, nahm mit jeder Sekunde zu. Sie hatte gehört, dass das Plätschern an der Fensterscheibe manche Menschen beruhigte. Bei ihr war das anders. Sie lenkte es nur ab. Eine Ablenkung von so vielen unausgesprochenen Schuldgefühlen, dass sie diese nicht einmal mit dem Regenguss hätte wegspülen können. Die Sintflut wäre vielleicht ein guter Anfang gewesen.

Der Lieferant würde ein weiterer Tropfen ihrer Schuldgefühle werden, der sie überrollen würde, wenn sie den Gedanken nicht Einhalt gebot. Vermutlich hatte er sich nur einen Spaß erlauben wollen, als er einen Schritt nähergekommen war, um über ihre Schulter zu schauen. Doch als sie den heißen Atem im Nacken gespürt hatte, war sie zusammengefahren. Elisabeth hatte sich umgedreht. Ihr Fehler war ihr in derselben Sekunde aufgefallen, in der ihre Finger bei der Drehung seinen Hals berührten.

Unten auf der Straße sammelte sich das Wasser in großen Pfützen. Die Gullys der Stadt hatten Mühe, die Wassermassen aufzunehmen. Elisabeth fühlte sich wie einer der Gullys. Auch sie wusste nicht, wie viel sie noch ertragen, wie viel sie noch in sich aufnehmen konnte, ehe sie kollabieren würde.

Mehr als einmal hatte sie an Selbstmord gedacht, aber bisher hatte ein Gedanke sie davon abgehalten: Maria.

Maria war ihre jüngere Schwester. Und sie war alles, was ihr geblieben war. Auch wenn Elisabeth ihre Schwester seit Monaten nicht gesehen hatte – der Fluch hatte ihr dazwischengefunkt – war sie ihre einzige Familie und zugleich ihre beste Freundin. Die allabendlichen Telefonate waren alles, was Elisabeth von Maria geblieben war. Wahrscheinlich bis zum Ende ihrer armseligen Existenz. Elisabeth schloss die Augen.

Sie hatte es bisher geschafft, ihre Schwester davon abzuhalten, in die Stadt zu kommen, um sie zu besuchen. Aber in letzter Zeit drängte Maria auf ein Treffen. Elisabeth wäre froh gewesen, wenn sie sie abwimmeln konnte, aber lange würde sie sich wohl nicht mehr hinhalten lassen. Früher hatten sich Maria und Elisabeth mindestens einmal pro Woche getroffen. Wenn auch nur in der kurzen Mittagspause, die Elisabeth gemacht hatte, um einen Kaffee zu trinken und rasch eine Pizza zu essen. Aber sie hatten einander gesehen. Sie hatten dabei viel bereden können. Von organisatorischen Dingen, wie der Neugestaltung des Hauses, dass sie nach dem Unfalltod ihrer Eltern erbten und im Anschluss vermieteten. Elisabeth war zu der Zeit erst achtzehn Jahre alt gewesen und kümmerte sich seither um alles. Zwar erwies sich der Pastor der kleinen Dorfgemeinde als hilfsbereit, aber selbstständig und erwachsen mussten ihre Schwester und sie allemal sein. Maria war das bei weitem nicht so leicht gefallen wie Elisabeth.

Sie schüttelte den Kopf. Elisabeth hörte die Stimme ihrer Schwester: »Hör auf in der Vergangenheit zu weilen, Lissi. Leb im Hier und Jetzt. Erleb ein paar Abenteuer und genieß deine Jugend. Irgendwann findest du einen Mann und kannst ruhiger werden, aber bis dahin leb endlich.«

Tja, dachte Elisabeth. Abenteuer habe ich für den Rest meines Lebens genug erlebt. Diese zwangen sie dazu, die Wohnung nicht zu verlassen und dort wie eine Gefangene ihr Dasein zu fristen.

Ihre einzigen Kontakte zur Außenwelt waren ihre im Rollstuhl sitzende Nachbarin und ab und an ein Postbote oder ein Lieferant, der ihr Lebensmittel brachte.

Der Gedanke an den schrecklichen Moment, als sie den Lieferanten am Morgen berührt hatte, kehrte zurück. Er war verwundert gestolpert, hatte sich an einem Kleiderständer abfangen können. Elisabeth hatte panisch angefangen zu schreien und zu kreischen. Sie erinnerte sich an nichts mehr, nur daran, dass der Kerl Hals über Kopf verschwunden war. Sie hatte keinerlei Chance gehabt, ihn zu warnen. Ihn auf sein Schicksal vorzubereiten.

Die Nachbarin hatte den Kopf aus der Tür gesteckt. »Alles in Ordnung?«, hatte sie gefragt. Frau Schreiber, die dem Klischee einer schrulligen alten Dame mit Katzen entsprach, war neugierig wie eine Journalistin, wenngleich auch verschwiegener. Elisabeth hatte nur genickt und die Tür hinter sich zugeschlagen. Mit hastigen Schritten war sie an das Fenster im Wohnzimmer geeilt. Das gleiche, an dem sie auch jetzt wieder saß.

Ein Schauer raste ihren Rücken hinunter und verursachte eine Gänsehaut. Für einen Moment hielt sie die Luft an. Am Vormittag hatte sie ebenso auf die Straße geblickt. Inzwischen parkten Autos vor dem Haus, in dem sich ihre Wohnung befand, aber einige Stunden zuvor hatte der Lieferwagen dort geparkt.

Elisabeth lehnte sich mit dem Kopf an die Scheibe. Auf dem Stellplatz flatterte immer noch das Absperrband der Polizei, das sich im aufkommenden Wind hob und senkte.

Der Lieferant war in seinen Wagen eingestiegen, nicht ohne Elisabeth zuvor unflätige Gesten zuzuwerfen. Verzweifelt hatte sie versucht, ihn mit Handzeichen davon abzuhalten. Sie wusste, was mit den Berührten passierte. Doch diesmal war alles anders.

Der Mann wollte gerade seine Tür hinter sich zuschlagen, als auf einmal ein LKW in die Straße bog. Elisabeth wusste sofort, dass er zu schnell unterwegs war. Wie in Zeitlupe sah sie dabei zu, wie der LKW ins Schlingern geriet. Er hielt genau auf den Lieferwagen zu. Statt zu springen oder wegzulaufen, blieb der Lieferant sitzen. Elisabeth hielt den Atem an. Seine Jacke hatte sich im Sitz verklemmt. Sie wusste nicht, wie das möglich war, aber inzwischen hatte sie es aufgegeben herauszufinden, durch welche absurden Zufälle diese Todesfälle geschahen.

Er konnte sich nicht befreien, ganz gleich wie sehr er an der Jacke riss. Ehe sie sich versah, rammte der LKW die Fahrertür des Lieferwagens und trennte sie ab. Der Lieferant war in Sicherheit gewesen. Die Bremsen des LKW-Fahrers kreischten wie ein gequältes Tier. Sein Führerhaus drehte sich so abrupt nach links weg, dass der Anhänger ins Wanken geriet.

Bevor sie aufschreien konnte, fiel der Aufbau mit voller Wucht auf die Fahrerkabine des Lieferanten.

Elisabeth schluchzte. Der Anblick war ihr einfach zu viel. Das Geräusch der platschenden Regentropfen wurde in ihren Gedanken zum tropfenden Blut.

Elisabeth atmete ein und aus. Ein und aus. Immer wieder. Doch je heftiger sie atmete, desto mehr drohte sie zu ersticken. Wieso nur brannte ihre Brust so sehr?

Blut. Überall Blut.

Sie strich sich mit den verkrampften Fingern über den Oberarm, versuchte, sich zu beruhigen.

Mühsam zwang sie sich, aus der Spirale zu entkommen, die sie nach unten zu ziehen drohte. Zuerst glaubte sie, sich befreien zu können. Elisabeth reichte sich selbst die helfende Hand, um aus dem Schlamm zu entfliehen, der ihr Unterbewusstsein geworden war. Doch dann spürte sie, wie sich etwas an ihrem Knöchel verhakt hatte. In ihrer Panik zog sie kräftiger, wollte sich herauswinden, aber nichts half. Wenn überhaupt, zog es sich enger um ihre Haut zusammen.

Sie hing fest.

Der Gedanke ließ sie innehalten. Noch einmal versuchte sie, sich zu befreien.

Erfolglos.

Sie hing fest.

Für immer.

Finger für Finger löste sich ihr gedanklicher Griff, bis es sie fortzog. Sie hauchte ihre letzte Kraft aus, die wie ein Echo zu ihr zurückgeworfen wurde.

Elisabeth gab auf und versank im Morast ihrer Schuldgefühle.

Kapitel III

Vincent

Vincent vergrub die Hände tief in den Taschen seines Mantels. Es war früh am Morgen, die Stadt schlief. Noch. In weniger als einer Stunde würde der übliche Pendlerverkehr über die Autobahnen und die Brücken in die Innenstadt führen. Dann wären die meisten Menschen, die er zu sprechen wünschte, nicht mehr anwesend. Er brauchte die exakt selben Voraussetzungen des Vorfalls. Dazu musste er aber erst einmal herausfinden, wo der Unfall passiert war.

Vincent hatte sich den ganzen vorangegangenen Tag mit den Artikeln auseinandergesetzt. Hatte im Internet in Bezug auf den genauen Ort recherchiert. Schließlich hatte er ein Foto gefunden. Es zeigte den zerquetschen Lieferwagen nach dem Unfall, der von einem Abschleppwagen verladen wurde. Dieses Bild hielt er in der Hand, während schwere Böen ihn dazu trieben, den Kopf zu senken und den Kragen seines Mantels hochzuschlagen.

Noch regnete es nicht, aber das würde nicht mehr lange dauern. Seit Tagen wurde die Stadt immer wieder von überraschenden Schauern heimgesucht. Meistens nur kurze Güsse, aber ein Sturmtief hatte dafür gesorgt, dass regenschwere Wolken herangetrieben worden waren. Alles in allem kein sonderlich angenehmer Start in den Tag.

Vincent hoffte, dass seine Suche umso positiver ausfallen würde. Am liebsten wollte er sich einfach nur in seine Laken wickeln und schlafen. Doch die Aussicht darauf, vielleicht schon am Abend frei zu sein, hatte ihn die Nacht über kaum ein Auge zumachen lassen.

Deswegen war er aufgestanden, als es noch dunkel gewesen war. Jetzt befand er sich auf dem Weg in die Straße, in der der Unfall passiert sein sollte.

Als er die langgezogene Wohnstraße erreicht hatte, fiel ihm sofort das Flatterband der Polizei auf. Der Wind riss daran, als wollte er es aus den Halterungen reißen. Doch das Band blieb stoisch an seinem Platz und hielt Wache.

Es befand sich etwa fünfhundert Meter von ihm entfernt am rechten Straßenrand. Vincent beschleunigte seine Schritte, bis die Unfallstelle vor ihm auftauchte.

Er zog das Bild hervor, stellte sich auf die gegenüberliegende Straßenseite und hielt es hoch. Der Vergleich passte. Vincent befand sich an der richtigen Stelle.

Nun musste er nur noch herausfinden, wo sich der Fluchträger aufhielt, und schon wäre er frei. Dazu musste er nur den Tagesablauf des Toten rekonstruieren. Vincent lächelte mit grimmiger Miene. Ein Kinderspiel.

Geduldig stellte er sich in einen Hauseingang und fing an zu beobachten. Seine Erfahrung hatte ihm gelehrt, dass die meisten Verbrechen nicht ohne Zeugen passierten. Irgendwer sah immer etwas. Auch wenn er nicht wusste, dass oder ob es wichtig gewesen war. Alles, was er also machen musste, war warten.

Und das tat er. Die Stadt erwachte langsam. Über ihm im Haus erklang Babygeschrei, weshalb er sofort die Position wechselte. Mit Kindern konnte er nichts anfangen. Er selbst hatte nie welche gehabt und würde auch in nächster Zeit keine haben wollen. Eine Verantwortung abgeben, um eine neue zu übernehmen? Das musste er nicht haben.

Er fand Unterschlupf bei einem alten Kiosk. Alt war noch untertrieben. Die Holzkiste, aus der der Besitzer verkaufte, knirschte bedrohlich bei dem zunehmenden Wind. Dennoch stellte Vincent sich unter und verwickelte den Verkäufer in ein oberflächliches Gespräch, das er geschickt auf das Flatterband lenkte.

»Was ist denn da drüben passiert?«, fragte er so neugierig wie möglich.

»Oh, tragische Geschichte, Junge. Ein Lieferant starb da vorgestern in seinem Wagen. Bitter, bitter, sag ich dir. Wurde regelrecht aufgespießt.«

»Wie das?« Vincent strich sich die Haare aus dem Gesicht, die ihm der Wind vor die Augen drückte.

»LKW gegen Tür. Anhänger auf Lieferant. Wenn du gucken willst, da ist noch ein bisschen Blut.«

Vincent drehte sich angewidert in Richtung Straße. Wenn es eins gab, das er nicht sehen konnte, dann war das Blut. In seiner Zeit als Fluchsammler hatte er schon oft damit zu tun gehabt. Der schlimmste Fluch, den er je hatte bekämpfen müssen, war einer, der die dünnen Äderchen in der Nase der Menschen zum Platzen gebracht hatte. In den unmöglichsten Situationen hatten die Betroffenen Nasenbluten bekommen.

»Hat er wenigstens sein Paket abliefern können?«, fragte Vincent und legte einen sarkastischen Ton darunter, als ob es ihm eigentlich egal war. Und das, obwohl er eigentlich darauf drängte, die Frage beantwortet zu bekommen.

»Das weiß ich nicht. Ich habe nur den Knall und den Schrei von ihm mitbekommen.« Der Kerl lehnte sich über die Spanplatte, die ihm als Tresen diente und mit Backsteinen zur Sicherung der Zeitungen belegt war. »Ein höllischer Schrei, wenn du mich fragst.«

»Ah.« Vincent ließ sich die Enttäuschung nicht anmerken. »Na dann.« Er nickte und drehte sich weg. Wenn der Alte ihm jetzt ein Gespräch aufzwingen wollte, müsste er unhöflich werden und das wollte er nicht. Vielleicht fiel dem Verkäufer noch etwas ein. Und falls er morgen wieder durch Zufall vorbeimarschieren würde, wollte er es sich nicht mit ihm verscherzt haben.

Die ersten Bewohner verließen an diesem Morgen ihre Wohnungen. Vincent nahm kein Blatt vor den Mund, als er dutzende Menschen auf den Unfall ansprach. Die meisten hatten nichts gesehen, waren auf der Arbeit gewesen. Mehrere hatten nur den Unfall gesehen. Aber niemand konnte ihm sagen, ob der Lieferant vorher seinem Job nachgegangen war.

Nach anderthalb Stunden, es hatte angefangen zu regnen, wollte er gefrustet das Handtuch werfen. Sein Mantel hielt kaum noch das Wasser von ihm fern, war von dem Regen bereits durchweicht. An den Handgelenken lief es ohnehin schon hinein und rann seine Unterarme entlang. Der Himmel schien nicht vorzuhaben, seine Tore bald zu schließen.

In diesem Moment realisierte er etwas, das ihn auf unerklärliche Weise aufmerken ließ. Eine Gardine im Erdgeschoss wurde zugezogen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber er hatte für einen Moment das Gesicht einer alten Frau erkannt. Kaum wahrnehmbar schaukelte die weiße Spitzengardine nach.

Natürlich. Es gab sie überall. Menschen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hatten, als vor dem Fenster zu sitzen und die Straße zu beobachten. Vor allem alte Menschen, Rentner. Na ja, eigentlich ein Klischee. Aber die hatten auch ihren wahren Kern.

Vincent überlegte nicht lange und lief auf das Haus zu.

Der listenartigen Anordnung der Klingeln konnte er nicht entnehmen, welcher Name zu welcher Wohnung gehörte. Also ging er nach dem Zustand der Namensschilder. Seine Finger fuhren hoch und runter, während er acht Schilder verglich. Beim ältesten hielt er inne und drückte auf den runden Knopf.

Beinahe augenblicklich wurde die Sprechtaste betätigt.

»Hallo?«, erklang eine gebrechliche Stimme.

»Guten Tag, mein Name ist Vincent Rehani vom Morgenspiegel. Ich suche Augenzeugen des gestrigen Unfalls«, log er, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ich habe nichts gesehen. Auf Wiedersehen.«

Innerlich machte er einen Freudensprung. Sie hatte etwas gesehen.

»Warten Sie«, rief er hastig, bevor die Alte die Sprechanlage ausschalten konnte. »Ich glaube, dass an dieser Geschichte mehr dran ist, als es scheint. Ich glaube, das war kein Unfall. Die Polizei glaubt mir nicht, deswegen suche ich Beweise.«

Vincent lauschte, hoffte, auf offene Ohren zu treffen. Das anhaltende Surren der Sprechanlage deutete zumindest darauf hin, dass sie sich noch nicht entschieden hatte. Entweder das oder sie ist tot umgefallen, dachte er bei der Erinnerung an das eingefallene, vom Leben gezeichnete Gesicht.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Wenn ich kurz mit Ihnen sprechen dürfte, würde ich es Ihnen erklären.«

Wieder Schweigen am anderen Ende. Vincent stand im Hauseingang geschützt vor dem Wind, aber der Regen trommelte auf seinen Rücken, als wollte er ihn massieren.

»Ich lasse keinen Fremden in meine Wohnung. Sie müssen mir Ihre Fragen schon hier stellen.«

Vincent verdrehte die Augen. Alte Leute waren so misstrauisch geworden. Er erinnerte sich noch an eine Zeit, in der es einfacher gewesen war, in ihre Wohnungen zu gelangen.

»Gerne. Ich hole nur meinen Notizblock raus.« Er raschelte mit einem Kassenbon vor der Sprechanlage, den er in der Manteltasche fand, ehe er weitersprach. »Bereit. Also, was können Sie mir zu dem Unfall sagen, Frau …« – Vincent sah auf das Namensschild – »… Schreiber?«

»Der Typ ist in seinen Lieferwagen eingestiegen. Moment, dann kam der LKW angerast und bremste abrupt ab. Das Quietschen der Reifen hat mein Hörgerät überlastet. Kennen Sie das, wenn man nach einem lauten Geräusch immer noch ein Piepen beibehält? Das hatte ich den ganzen Nachmittag. Beinahe so wie im Sommer 1944, als neben meinem Ohr ein Maschinengewehr abgefeuert worden ist. Darüber sollten Sie mal schreiben. Die Lautstärke von Waffen.«

»Ja, danke. Ich werde es in meine Liste von zu schreibenden Artikeln aufnehmen.« Vincent tat so, als ob er sich etwas notieren würde. »Mich interessiert viel mehr, was vor dem Unfall passiert ist. Haben Sie bemerkt, woher der Lieferant gekommen ist? Ich versuche, seine letzten Schritte zu rekonstruieren.«

Ein weiteres Mal schwieg die Alte. Er war auf der richtigen Spur. Die Alte hatte etwas gesehen. Aber wieso zögerte sie? Vincent wollte sie nicht drängen, um nicht zu verdächtig zu wirken. Daher wartete er einfach ab.

»Er hat ein Paket ausgeliefert«, war die knappe Antwort.

»Haben Sie gesehen, wo er es abgegeben hat? In welchem Haus?« Vincent konnte nicht verhindern, dass seine Stimme hektisch klang.

»Nun ja. Ehrlich gesagt war er in unserem Haus. Warum ist das eigentlich wichtig?«

Vincent hielt die Luft an. Der Lieferant war in diesem Gebäude gewesen? Auf einmal betrachtete er die frisch lackierte Eingangstür mit anderen Augen. Hinter der Tür konnte er vielleicht die Person finden, die seinen letzten Fluch mit sich trug. Er wollte nichts falsch machen.

»Seine Familie bat mich, jeden Schritt seit Dienstantritt gestern Morgen nachzuvollziehen«, log er, während er versuchte, seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen.

»Ach so. Das kann ich verstehen.« Die Alte klang auf einmal nicht mehr so abweisend. Vermutlich würde sie ihn nach dieser Offenbarung sogar hereinlassen, hielt ihn womöglich für einen Wohltäter. Aber nun, da er so kurz davor war, einen Schritt voranzukommen, musste er sich nicht an eine alte Frau binden.

»Bei wem ist er denn zuletzt in diesem Haus gewesen?«, erinnerte er Frau Schreiber an den Grund seines Besuchs.

»Er hat ein Paket an meine Nachbarin geliefert. Frau Elisabeth Fischer. Eine ganz nette Person, wenn Sie mich fragen.«

»Vielen Dank, Frau Schreiber.« Vincent wollte sich verabschieden. Er machte bereits den ersten Schritt von der Tür weg, als er erneut das Knacken der Sprechanlage hörte.

»Mit ihr werden Sie nicht reden können.«

Vincent hielt in seinen Bewegungen inne. »Wieso das nicht?«

»Sie ist menschenscheu. Fürchterlich sogar. Die einzige, mit der sie sich von Zeit zu Zeit abgibt, bin ich. Armes, kleines Ding. Früher, da war sie mal anders, aber irgendwas ist mit ihr passiert.«

»Ähm, vielen Dank. Ich denke, dann werde ich es per Telefon versuchen.«

»Viel Glück.« Das Surren der Sprechanlage endete und die Alte war nicht mehr zu hören.

Vincent blieb einen Moment lang stehen, unschlüssig, was er tun sollte. Menschenscheu? Früher anders? Zurückgezogen? Alles deutete auf sein Ziel hin. Eigentlich schon zu einfach. Die Nachbarin der Alten war die Person, die verflucht war.

Wie sie es machte, wusste er noch nicht, aber er würde es herausfinden. Und damit hatte er seine Entscheidung getroffen. Wenn er wegging, würde er die ganze Zeit an diese Fischer denken, sich fragen, ob sie wohl schon von ihm wusste. Vielleicht ging die Alte hinüber und erzählte ihr, dass ein Reporter sie demnächst anrufen würde. Was, wenn die Frau floh?

Nein, das konnte Vincent nicht zulassen. Viel zu häufig hatte er fliehende Fluchopfer verfolgt, weil sie geglaubt hatten, er wollte ihnen schaden.

Sein längster Auftrag hatte ein Jahr gedauert. Vincent hatte den Mann quer durch Deutschland gejagt. Nur weil er nicht aufgepasst hatte, war er entkommen.