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Ludwig Storchs historischer Roman „Der Freibeuter“ entführt seine Leser in die politische und gesellschaftliche Umbruchzeit des frühen 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht die bewegte Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der sich – getrieben von innerer Zerrissenheit, familiären Konflikten und politischen Spannungen – auf einen gefährlichen Weg zwischen Pflicht, Ehre und persönlicher Freiheit begibt. Die Handlung beginnt in Großbritannien vor dem Hintergrund der Jakobitenaufstände, wo Loyalität zur Krone und Treue zu den eigenen Überzeugungen unvereinbar zu werden scheinen. In diesem Spannungsfeld trifft der Protagonist eine folgenreiche Entscheidung, die sein gesamtes weiteres Leben prägen wird. Im Zentrum der Handlung steht ein dramatischer Bruderzwist, der durch gegensätzliche politische Loyalitäten ausgelöst wird: Während Henry Durrisdeer dem englischen Königshaus die Treue hält, schließt sich sein Zwillingsbruder Jamie im Geheimen den jakobitischen Aufständischen an, die die Rückkehr der vertriebenen Stuarts auf den britischen Thron anstreben. Der Münzwurf, der über ihren Weg entscheidet, wird zum Symbol einer schicksalhaften Spaltung, die nicht nur ihre familiären Bande, sondern auch ihre moralischen Vorstellungen von Ehre, Loyalität und Liebe erschüttert. Was zunächst als klassisches Familiendrama beginnt, entwickelt sich rasch zu einem abenteuerlichen, vielschichtigen historischen Epos. Der Roman verknüpft europäische Geschichte mit exotischer Ferne, höfisches Intrigenspiel mit wilder Seefahrt und moralische Fragen mit existenziellen Entscheidungen. Besonders eindrucksvoll gelingt es Storch, persönliche Schicksale in die größeren politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit einzubetten, ohne die psychologische Tiefe seiner Figuren zu vernachlässigen. Zentrales Motiv des Romans ist der innere Zwiespalt zwischen gesellschaftlicher Erwartung und individueller Freiheit. Der Protagonist muss sich nicht nur gegen äußere Feinde behaupten, sondern ringt ebenso mit seiner Vergangenheit, seinen Idealen und der Frage, wie weit man gehen darf, um sich selbst treu zu bleiben. Seine Wandlung vom politischen Idealisten zum abgehärteten Abenteurer auf hoher See wird mit großer erzählerischer Dichte geschildert, ohne ins Pathos abzudriften. Dabei gelingt es dem Autor, moralische Ambivalenz spürbar zu machen – niemand bleibt eindeutig gut oder böse, sondern agiert in einem Graubereich zwischen Pflicht, Gefühl und Notwendigkeit. Stilistisch bewegt sich Der Freibeuter im Spannungsfeld zwischen klassischer Abenteuerliteratur und psychologisch orientiertem Charakterroman. Ludwig Storch schreibt in einer lebendigen, bildreichen Sprache, die sowohl atmosphärisch dichte Landschaftsbeschreibungen als auch dramatische Szenen auf See und in Salons eindrucksvoll einfängt. Die Handlung ist vielschichtig, mit feinem Gespür für Spannungsaufbau und Tempo, ohne dabei auf oberflächliche Effekte zu setzen. Der Freibeuter ist ein facettenreicher historischer Roman über Identität, Schuld, Vergebung und die Suche nach einem Platz in der Welt. Wer sich für packende Geschichten zwischen Geschichte, Abenteuer und seelischer Tiefe interessiert, wird in diesem Werk eine lohnende und bewegende Lektüre finden. Dies ist die Gesamtausgabe aller drei Bände.
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Seitenzahl: 814
Veröffentlichungsjahr: 2025
LUDWIG STORCH
HISTORISCHER
ROMAN
in drei Bänden
GESAMTAUSGABE
DER FREIBEUTER wurde zuerst 1834 veröffentlicht.
Diese Ausgabe wurde aufbereitet und herausgegeben von
© apebook Verlag, Essen (Germany)
www.apebook.de
2025
V 1.0
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.d-nb.de abrufbar.
Gesamtausgabe
ISBN 978-3-96130-663-3
Buchgestaltung: SKRIPTART, www.skriptart.de
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Inhaltsverzeichnis
Der Freibeuter
Impressum
Erster Teil
1. Eine Menschenfalle
2. Schrauberei
3. Der dänische Rekrut
4. Der Graf-Mörner
5. Ein Seekampf
6. Der Schwarzkünstler
7. Unerwartete Verfügung
8. Zauberei
9. Zur Jagd des Kronprinzen
10. Der beraubte Graf
11. Der raubende Graf
12. Des Kaperkapitäns Jugendgeschichte
13. Abenteuer des Kapitäns
14. Norcroß als Parteigänger
15. Norcroß in schwedischen Diensten
16. Erklärung und Aufklärung
17. Verlegenheit auf der Fregatte
18. Die beiden politischen Prinzipien
19. Eine Frau von Ehre
20. Der Hamburger Spion
Zweiter Teil
1. Unerwartet schlechter Empfang
2. Flaxmanns Etui
3. Anklage, Verhör und Entscheidung
4. Die höchste und letzte Ehre
5. Charakterunbeständigkeit
6.·Der Freiherr Görz von Schliz
7. Ein Raubmordnest
8. Rettung aus Todesgefahr
9. Liebessegen
10. Spaziergang in den Hafen
11. Das unterbrochene Hoffest
12. Die Flucht
13. Die beiden Kameraden
14. Erzählung
15. Ein Rendezvous
16. Verrat und Treue
17. Das Attentat
18. Neue Ermutigung.
19. Der letzte Versuch
Dritter Teil
1. Schiffbruch des Graf-Mörner
2. Herzensgeschichten
3. Auf Seeland
4. Bei Frau von Norcroß
5. Norcroß in Stockholm
6. Zwei Seelen in einer Brust
7. Eine Schlinge
8. Kanonen- und Schiffstaufe
9. Selige Vereinigung
10. Schneller Glückswechsel
11. List und Gewalt
12. Norcroß im Kerker
13. Alte Bekannte
14. Norcroß in Frankreich und Russland
15. Norcroß in England und Frankreich
16. Norcroß’ Aussicht auf eine Königskrone
17. Norcroß’ verwegene Ratschläge
18. Neue Unglücksschläge
19. Norcroß in Kopenhagen
20. Tollkühne Flucht
21. Wieder ein Fang in der Menschenfalle
22. Der Adler im Käfig
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Zu guter Letzt
Vor dem Dammtore in Hamburg in einem jener wüsten Wirtshäuser, welche man im vorigen Jahrhundert mit dem Namen Kaffeehäuser beehrte, obgleich sie eigentlich nichts weiter waren, als schmutzige Spelunken und Aufenthaltsorte roher Seeleute, liederlicher Soldaten und andern nichtswürdigen Volks; in einer solchen Pandorabüchse hockte ein Haufen junger und alter Gesellen um einen Tisch, teils mit behaglichen gemeinen, teils mit abgespannten geistreichen Gesichtern, in welche das Laster mit scharfem Pfluge Furchen gezogen und Todessaat gestreut hatte. Man sah bald, dass sie ein damals beliebtes Hasardspiel, Baffet, mit all jener Leidenschaft spielten, welche sich nicht allein in wilden Gebärden, giftigen und fröhlichen Blicken und geballten Fausten, die die eichene Tischplatte zu zersplittern drohten, sondern auch in Flüchen und Verwünschungen, aus deren Art man Stand und Gewerbe des Mannes abnehmen konnte, und im Genusse des Grogs und Branntwein kundtat und augenfällig genug äußerte. In der Stube sah’s ebenso übernächtig aus, wie in den Zügen der Spieler, ob gleich die späte Herbstmorgensonne, gleichsam darüber verwundert, sich Mühe gab, durch die schmutzigen, blinden und mit altem Papier geflickten Fensterscheiben zu blicken, was ihr inzwischen nicht so gelang, wie einem baumlangen Kerl in dänischer Lieutenantsuniform, welcher sein kupferrotes Gesicht an den untern Fuß des einen Schiebefensters legte und mit großen schwarzen Augen die Stube durchmusterte. Diese schmunzelnden Augen blieben an einem schönen Jüngling hängen, der am Spieltisch mit zitterndem Krampf die Karten fasste und mit ängstlichem Blick in die bunten Blätter starrte, nichts weiter gewahrend und beachtend. Seine hohe Stirn, zwar von der Sonne verbrannt, zeigte doch in den Winkeln der Schläfe, in den bedeutungsvollen Falten über den zarten Brauen und in den Nasenwinkeln eine feine bläuliche Haut, seine Nase war eine von denjenigen, welche man mit dem Beiworte »vornehm« zu bezeichnen pflegt, d. h. sie war mäßig groß, sanft gebogen und verlieh dem Gesicht etwas Würdevolles. Ein paar blaue Augen verkündeten milden Sinn und Verstand, obgleich sie jetzt von Leidenschaft und Schlaflosigkeit erhitzt, trüb auf dem unseligen Papier schwammen. Mit dem übrigen Gesicht stand der Mund im Widerspruch. Scharf geschnitten und in den Winkeln herabgezogen, schien er Hohn und im Aufwerfen der Unterlippe Trotz zu verkünden. Die Lippen entbehrten jener frischen Röte, welche in diesen Jahren sie gleichsam zu zwei Purpurrosen umwandelt, die verlangend und reizend den Lippen-Rosen der Geliebten entgegenblühen. Die Blüten dieses Jünglings schienen von einer vorzeitigen Sommerglut gewelkt zu sein.
Wenn man den Widerspruch in dem interessanten Gesichte übersah, so schien es, als sei Kälte über die Gestalt ausgegossen, die an Teilnahmslosigkeit grenzte, aber bei genauerer Betrachtung konnte keinem Beobachter das leise fieberhafte Zucken entgehen, das über das Gesicht fuhr, wie ein fernes Wetterleuchten über den abendlichen Sommerhimmel, auch sprachen die kalten Schweißtropfen auf der blassen Stirn, die krampfhaften Bewegungen der Hände und das öftere Wechseln des Platzes auf der Bank genugsam von innerer Bewegung.
Wenn er von den vor ihm liegenden Goldstücken an die Mitspieler auszahlte – und das geschah fast nach jedem Spiele – zitierte er merklich.
Um den Tisch saßen Gesichter, die den Stempel der Gaunerei an der Stirn trugen, doch war auch manches Bessere dabei. Zu letzteren war ein Mann von mittlerer Größe mit anziehendem Gesicht zu rechnen, dessen Alter sich höchstens in die letzten der zwanziger Jahre verstieg. Aus seiner gedrungenen Gestalt, seinen raschen Bewegungen, seinem feurigen Blick ging ein großer Vorrat von physischer wie psychischer Kraft hervor.
Er trug einen an den Aufschlägen der Ärmel mit Gold gestickten Sammetrock, seine Manschetten und ein zierlich gefaltetes Hemd.
Die Locken einer zierlichen Perücke fielen auf seine Schultern. Die lächelnden Blicke dieses Mannes waren jezuweilen scharf auf den bleichen jungen Mann gerichtet, der sein Geld im Spiele verlor.
Aber auch noch zwei andere blickten diesen an, die neben dem feingekleideten Mann zur Rechten und Linken saßen, ein schmächtiger, langer, auch gut, obgleich nicht kostbar gekleideter Mann mit großen hervortretenden Augen und ein dickes ältliches vergnügtes Vollmondgesicht. Beide flüsterten dem Mittleren zu, fixierten den leidenschaftlichen und mit Unglück spielenden Jüngling, und der Dicke trank dann mit Wohlbehagen aus seinem Kruge.
»Er verschießt jetzt die letzte Munition«, sagte der lange Blasse leise, »seine Fregatte hat starke Breschen, und ich glaube nicht, dass er ein Boot aussetzen kann, um sich zu salvieren.«
Auf einen Wink des Nachbars schwieg der Sprecher, sie nahmen die Karten wieder zur Hand, der Jüngling verlor sein letztes Geld, griff hastig und mit einem verzweifelten Ausdruck in die Tasche und langte zu aller Erstaunen eine goldene Dose hervor.
»Ich habe kein bares Geld mehr bei mir«, sprach er deutsch, obgleich mit fremdem Akzent, »wie hoch taxieren die Herren die Dose?«
Sie ging von Hand zu Hand, Einer bot dreißig Reichstaler darauf, ein anderer fünf mehr. So kam sie auch in die Hand des dicken Zechers, der seinem vornehmen Nachbar mit Kennermiene zunickte und die Dose hinhielt.
»Ich gebe fünfzig Reichstaler«, sprach dieser, und der junge Mann nickte Gewährung. Der Meistbietende zog eine von Goldstücken strotzende Börse, und einen Augenblick darauf lag das Geld auf dem Tische, und die Dose war in des Käufers Händen.
Sogleich begann das Spiel wieder, man schrie und tobte, und der junge Mensch verlor.
»Das war nur ein Palliativ«, flüsterte der Dicke. »Der Brand ist an der Wunde, da hilft kein Schnitt. Mit der Dose könnt Ihr das Bürschchen gleich fangen, Kapitän. Das ist eine Lockspeise, denn er gab sie nicht gern her.«
»Er takelt bald ab«, brummte der Lange auf der andern Seite. »Die Kerls beschießen das Schifflein, als ob sie mit uns im Einverständnis wären. Die Prise ist unser. Nehmt sie nur gleich im Namen unsers Königs in Besitz, Kapitän.«
Der Kapitän nickte beifällig, das Gold des Jünglings schwand, während Schweiß von seiner Stirn troff. Unterdessen war das kupferrote Gesicht wieder am Fenster sichtbar geworden, einer schob es auf und raunte dem vierschrötigen Kerl draußen zu:
»Die Krabbe hat noch fünfzig Reichstaler Sukkurs erhalten, aber ich denke, das war der letzte Stoßseufzer. Wir haben ihm nicht schlecht zugesetzt. Bald ist das Fischlein ohne Wasser, und wenn der Köder bei der Hand ist, beißt’s an.«
»Was ist der Bursche für ein Landsmann?« fragte der Offizier.
»Das hat noch keiner von uns klar kriegen können.«
»Ein Deutscher wohl nicht, sonst spräche er nicht so fremd. Dem Gesicht nach hätte ich ihn für einen Franzosen gehalten, aber dazu spricht er das Deutsche zu gut. Der Kleidung nach ist er ein Engländer. Wenn man ihn so ansieht, sollte man meinen, er sei vornehmer Leute Kind, dazu will sich aber der alte Rock und das abgetragene Kamisol nicht passen. Hingegen lässt sich auch in Betracht derselben nicht begreifen, wie er zu der goldenen Dose gekommen sein mag.«
»Hast Du nicht herausgebracht, zu welchem Zwecke er nah Hamburg gekommen ist?«
»Nicht die Spur!«
»Es scheint noch allerlei Volk drin zu sein, das uns noch ein Hindernis in den Weg legen könnte. Mordelement! Ich brenne vor Verlangen, diesem Burschen den bunten Rock anzupassen. Kennst Du den Kerl in der gepuderten Perücke nicht?«
»Er kommt mir bekannt vor, aber Ihr könntet mir einen Monat doppelte Löhnung versprühen, ich wüsste nicht zu sagen, wer er ist. Wenn ich seine Aussprache mit seinem Gesicht und seiner übrigen Gestalt vergleiche, so komme ich auf den Gedanken, dass er ein Irländer ist. Er hat die Dose gekauft und ließ bei Gelegenheit einen gespickten Beutel voll Louis sehen, sein Kamerad zur Rechten ist sicherlich Seemann, das hab ich ihm aus ein paar Worten abgemerkt, vielleicht gehört er zu dem schwedischen Kaper, der sich am verwichenen Montag in Cuxhaven vor Anker gelegt hat.«
»Mordelement! Kein Hund von Schweden weiter wagt’s, sich den Dänen so auf die Nase zu setzen, wie der Kapitän John Norcroß, und ich wollte gleich mein Portepee dransetzen, Norcroß ist’s, der sich nah Cuxhaven wagt und ruhig hinlegt, als wäre Dänemark so weit wie die Insel der einäugigen Leute. Ich verspüre Luft seine Bekanntschaft zu machen, obgleich er den Dänen schon viel Schaden getan, und sollt’ ich auch meinen Rekruten drüber verlieren.«
»Beileibe nicht!« versetzte der am Fenster. »Herein dürft Ihr nicht, Lieutenant Kreuz, ich verlöre am Ende meine Extralöhnung, und Ihr könnt’s glauben, es wird einem Spion sauer genug gemacht, solch Stück Wildbret aufzutreiben und einzukreisen. Man verdient sein Geld ehrlich und redlich dabei.«
»Mordelement! Bleib’ mir mit Deiner Ehrlichkeit vom Leibe! Das klingt, als wenn ich von meiner Gottesfurcht reden wollte. Sag’ lieber, soll ich meinem Tambour einen Wink geben?«
Der Spion wandte den lauernden Blick wieder nach innen und beobachtete die Mienen und Bewegungen des jungen Menschen, dessen breiter Hut jetzt wie in Verzweiflung zurückgeschoben war.
Der Kerl nickte dem Lieutenant mit satanischer Freude zu, denn er hatte bemerkt, dass das Geldhäufchen verschwunden und der Jüngling wahrscheinlich rein ausgebeutelt war, doch wartete er noch einige Augenblicke, um zu erspähen, ob das Schlachtopfer nicht noch eine Ressource habe. Wirklich riss der Jüngling, als er sein letztes Geld verloren hatte, das Wams auf und griff mit Heftigkeit nach etwas, das er auf der bloßen Brust trug. Die ihm zunächst Sitzenden gewahrten, mit den Augen die Bewegung des Jünglings verfolgend, eine Brieftasche oder Etui von rotem Maroquin, die Falschspieler meinten, er werde aus demselben eine Banknote hervorziehen, und ihre Gesichter verschoben sich schon zu einem grinsenden Lächeln, gleichsam zum Gruß der neuen Beute. Auch der Spion hatte das rote Büchlein bemerkt und machte gegen den Offizier unter dem Fenster eine halb freundliche, halb ärgerliche Bewegung. Aber indem alle die gierigen Augen erwartungsvoll an der Hand des Jünglings hingen, schien diese von einem Starrkrampfe befallen, der sich auch den übrigen Körper mitteilte, denn der erst so Regsame saß jetzt wie eine Bildsäule mit erdfahlem Gesicht und erloschnem Auge. Zuerst fing die Unterlippe an leise zu zittern, dann die Hand. Diese bebte bald so stark, als habe er sie an einen Dolch zum Vatermord gelegt und in demselben Momente sei das ganze Gewicht der entsetzlichen Tat, die er zu begehen im Begriff stehe, in sein Bewusstsein hineingestürzt und erfülle ihn nun mit Abscheu vor sich selbst. Dieser Zustand hatte unter dem schweigenden Staunen der Zuschauer kaum ein paar Augenblicke gedauert, als er das Etui rasch und mit einem schmerzlichen Seufzer wieder zurückstieß, das Hemd darüber zog, das Wams zu nestelte und sogar den Rock, der bis jetzt immer aufgestanden hatte, bis über den Bauch zuknöpfte, gleichsam als wolle er einen teuern Schatz den profanen Blicken der ihn umgebenden Gesellschaft dadurch auf immer verbergen.
»Ich muss vom Spiele abtreten«, sagte er dann mit erzwungener Gleichgültigkeit, »die Herren sehen, dass ich mein Letztes verspielt habe!«
»Lasst losschlagen, Herr Lieutenant«, flüsterte der Spion zum Fenster hinaus, und ging dann mit freundlichen Gebärden auf den Jüngling zu.
»Wenn Ihr ein kleines Dahrlehn von einem ehrlichen Manne annehmen wollt«, sagte er geschmeidig, indem er die Börse zog, »so bin ich gern erbötig, Euch zu helfen. Ich kenn’ Euch zwar nicht, doch sagt mir Euer Gesicht, dass ich’s ebenfalls mit einem Braven zu tun habe. Nehmt hin! Mag es Euch mehr Glück bringen, als Euer eignes Geld!«
»Ich würde es Euch nicht wiedererstatten können, wenn ich es verlöre, wie meine Goldstücke, und es ist einmal mein böser Tag«, versetzte der Jüngling fest und schob die Börse zurück.
Eben stand der fein gekleidete Kapitän von der andern Seite des Tisches auf und kam ebenfalls auf den Jüngling zu.
»Mein Herr«, sprach dieser, »das Glück hat Euch heute nicht begünstigt, vielleicht bringt Euch entlehntes Geld Euer eigenes wieder ein – man hat ja den Glauben – erlaubt mir, Euch diese fünfzig Taler vorzustrecken!«
»Ich habe dieselbe Güte schon einmal abgelehnt«, versetzte der Jüngling mit Würde, indem er auf den Spion deutete, »und es würde für diesen Herrn beleidigend sein, wollte ich von der Eurigen Gebrauch machen. Auch muss ich Euch gestehen, dass, wenn ich das Geld wiederum verlöre, ich nicht imstande sein würde, es Euch zu ersetzen.«
»So geb’ ich Euch mein Wort, dass dann der Schuldbrief zerrissen ist!«
»Ich aber würde des ungeachtet Euer Schuldner bleiben, und nichts ist mir drückender als Verbindlichkeiten, die ich nicht lösen kann.«
Während dieser Worte schickte sich der junge Mann an, das Haus zu verlassen. Man sah, welche Gewalt er sich antat, nicht die Fassung zu verlieren. Der Kapitän näherte sich ihm von neuem, um ihm, wie es schien, etwas heimlich zu sagen, der Spion blickte ungeduldig nach dem Fenster. In diesem Augenblicke ließ sich ein Tambour mit gewaltigen Trommelschlägen auf der Straße vernehmen; zwischen dem Lärm der Trommel vernahm man das Jauchzen und Rufen einiger Männerstimmen.
Dieser Ton schien auf die Versammlung einen eigenen Zauber auszuüben, denn es entstand sogleich ein lustiges und ausgelassenes Rufen und Schreien.
»Was ist das?« fragte der Jüngling erstaunt den Spion.
»Die dänische Werbetrommel«, versetzte dieser, »und weil unter der dänischen Fahne das beste Leben von der Welt ist, so eilen ihr viel junge lustige Gesellen zu. Hört nur wie sie jubeln!«
Im Gesicht des jungen Mannes, der zum Fenster geeilt war, blitzte es auf.
»Der Lieutenant Kreuz zahlt ein gutes Handgeld«, fuhr der Verführer fort, der ihm gefolgt war, »je nachdem der Mann ist, gibt er dreißig –bis fünfzig Reichstaler. Und ein vergnügtes Leben ist in Dänemark! Da weiß man nichts von der Hungerleiderei und Strenge des Schwedenkönigs, alles ist wohlauf und der Soldat hat seine Freiheit!«
Auf der Straße schritt der lärmende Zug am Hause vorüber. Vorweg der Tambour, das Kalbfell erschütternd, dann der lange Lieutenant, in der linken Hand einen vollen Geldsack, auf welchen er mit der Rechten deutete, wozu er eine Einladung zu den Diensten des Mars und der Bellona unter den Fahnen seines Königs hören ließ, wofür er Geld und alle möglichen Lebensfreuden in schmucklosen Kernausdrücken versprach. Ihm auf den Fersen trug ein Fahnenjunker die Fahne mit dem dänischen Wappenbild, zur Seite ein Unteroffizier mit neuen Soldatenröcken, und unter der weithin schattenden Fahne taumelte ein Häuflein berauschten Volkes, in dessen Händen man noch den Freudenbeschwörer erblicken konnte, die Schnapsflasche.
Mit schweren Zungen priesen sie das Glück, das ihnen zuteil geworden und zeigten den Vorübergehenden und den an den Fenstern Stehenden den neuen Rock, den sie im Arme trugen.
»Bei diesen Truppen könntet Ihr es bald zum Offizier bringen, mein Herr«, redete der Spion dem Jünglinge zu, aber dieser hatte schon die Tür in der Hand und schob den Kapitän zurück, welcher ihm den Weg vertreten wollte. Zwar bemühte sich letzterer noch einmal, den Flüchtling aufzuhalten, aber er entwischte seinen Händen, ohne auf einen Zuruf zu hören, und stürzte hinaus, auf die martialische Gestalt des Lieutenants zu. Augenblicklich verstummte die Trommel.
»Wenn’s Euch gefällig ist, mein Herr«, redete der Lieutenant den Jüngling an und griff an den Hut, »so nehmt diese Goldstücke, geprägt mit dem Bildnis Seiner Majestät, unseres großmächtigsten Königs Fredericus Quartus, und diesen Rock, der Euch vortrefflich passen wird.«
Der Jüngling nahm schweigend das dargebotene Geld, fasse den Rock, welchen ihm der Unteroffizier bereits auf den Arm gelegt hatte und stellte sich unter die Fahne, fröhlich begrüßt von seinen neuen Brüdern. Die Trommel rasselte, und der junge Mann schritt in sich gekehrt im Zuge, welchem sich einige aus dem Kaffeehause angeschlossen hatten, vergnügt, dass ihnen der Fang so leicht geworden war.
Aus der Wirtsstube verlief sich die lustige Gesellschaft. Jene drei Zusammensitzenden blieben allein.
»Bei allen Donnerwettern, die unserem guten Graf-Mörner schon über das Verdeck gekommen sind und noch kommen werden!« rief der hagere Mann ärgerlich, »Ihr habt in diesem Burschen Euch eine gute Prise vor der Nase wegschnappen lassen, Kapitän. Auf dem Wasser, merk’ ich wohl, versteht Ihr Euch besser auf die Kaperei als auf dem Lande, und dieser dänische Schlagtod, der wie ein flotter Dreidecker im schönsten Fahrwasser und mit dem besten Winde vorüberstrich, hatte viel Boote ausgesetzt, die ihm die Prise einfingen und zuführten.«
»Lasst es nur gut sein, Lieutenant Gad«, versetzte der Kapitän ruhig, »ich habe meine Absichten auf diesen seltenen Vogel noch nicht aufgegeben. Es ist wahr, ich hätte vielleicht den jungen Mann schon aufbringen können, aber wir hatten alle drei nicht beachtet, dass wir von dänischen Spionen umgeben waren, und Meister Habermann weiß doch sonst Ochsenfleisch von Menschenfleisch schon durch den bloßen Geruch zu unterscheiden.«
Dabei verbeugte sich der Kapitän lächelnd gegen den dicken Man, welcher gemächlich die Reste seiner Flasche verschluckte und dann ebenso langsam als ruhig antwortete:
»Ich kenne einen Mann, der, mit Verlaub zu sagen, alles Fleisch vortrefflich kennt, doch nicht eher, als bis er’s unter dem Messer hat, und dieser Mann ist, mit Verlaub zu sagen, kein anderer, als der Schiffschirurgus, Gabriel Habermann, Euer gehorsamer Diener, Kapitän Norcroß. Der Kerl mag aussehen, wie er will, so lasst mich ihm nur ein Bein absägen, oder eine Kugel aus dem Leibe schneiden, so will ich gleich sagen – und wenn er das Maul nicht auftäte – ob’s ein französischer Geißbock, ein dänischer Ochs, ein deutsches Schwein oder ein englischer Schöps ist, fiat applicatio, sagen wir Lateiner.«
»Habt Ihr bedacht, Meister Habermann, dass ich selbst von Geburt ein Engländer bin, und Ihr mich demnach unter jener allgemeinen Bezeichnung notwendig missverstehen müsst?« scherzte der Kapitän.
»Oho! Bei allen Heringen der Westsee!« polterte der Lieutenant und schlug mit beiden Fäusten lachend auf den Tisch. »Meister Habermann pflegt stets auf seine deutsche Abkunft stolz zu sein, und fürwahr, sein beliebter Vergleich trifft in keiner Hinsicht besser, als in Bezug auf seine eigene werte Person.«
Der Schiffschirurgus, erst in Verlegenheit, dass er sich des Kapitäns ihm wohlbekannter Abkunft nicht erinnert, geriet über des Lieutenants grobe Bemerkung in Wut. Seit lange war er nicht in so heftiger Gemütsbewegung gewesen, die ganze Äußerung seiner lebendig gewordenen Affekten bestand aber in weiter nichts, als in einem dem Lieutenant bösen zugeworfenen Blick und den Worten: »Mit Verlaub, Lieutenant, seht Euch vor, mich nicht einmal für einen Eber zu halten, der Euch mit den Hauern ins Fleisch fährt!«
Dann verzog sich sein Gesicht wieder in die Falten jener Bonhomie, die mit der Welt und sich selbst in Frieden lebt, wenn ihr die genießbaren Schätze der Kühe und des Kellers täglich und stündlich ohne langweilige Beschwörungen zu Gebote stehen, ja als der Kapitän und der Lieutenant noch zu lachen fortfuhren, hielt es der Schiffschirurgus für das Beste, mit einzustimmen, weil ihm dies der Notwendigkeit überhob, sich bei dem Kapitän wegen der Beleidigung zu entschuldigen, die er ihm als gebornem Engländer angetan zu haben wirklich vermeinte.
»Im Ernst«, sagte Kapitän Norcroß, »es tut unserm Graf-Mörner not, dass er komplettiert werde, seit uns der Lieutenant Collin in Marstrand ein Dutzend meiner Leute verführt und davongelaufen ist, und ich gezwungen war, meinen Kapitänlieutenant ins Gefängnis legen zu lassen, läuft unsere Fregatte wie ein Windhund auf der See. Und wenn auch Lieutenant Gad bei unsrer nächsten Ankunft in Stockholm durch des Königs Gnade avanciert, so fehlt es uns doch immer noch an ein paar tüchtigen Köpfen und an einer Schaluppe voll handfester Burschen, die wir an die Ruderbänke und Kanonen stellen können.«
»Gabriel Habermann müsste sich schlecht auf das menschliche Antlitz verstehen, welches doch von Fleisch und Bein ist, wie jeder andere Teil des Korpus«, bemerkte der Schiffschirurgus mit einem schelmisch lächelnden Blick auf den Lieutenant, »wenn er, mit Verlaub zu sagen, nicht gesehen hätte, dass sich der junge Mann, welchen der dänische Lümmel am Schlepptau mit fortgezerrt, nicht vortrefflich zum Kapitänlieutenant des Graf-Mörner passe, und Ihr würdet wohl tun, Kapitän, wenn Ihr alle Segel aufhisstet, um diese Brigg noch aufzubringen.«
»Niemand in der Welt, der sich besser auf die menschliche Physiognomie versteht, als Meister Habermann, könnte Euch doch bessern Rat erteilen, als er, der ehrenwerteste aller Fleischkenner und Fleischschneider«, sagte der Lieutenant giftig, »denn ich wollte meinen Lieutenantsdegen dransetzen, der fremde junge Mann war ein Chirurgus, der in Paris oder sonst auf einer berühmten Universität seine Studien absolviert hat und zum Doktor promoviert worden ist. Trug er denn nicht sein kostbares Bindezeug in der Seitentasche seines Rocks und zog er es nicht hervor, um es zu versetzen? Hernach gereute ihn dieser vorschnelle Vorsatz, weil er sich durch Ausführung desselben ums Brot gebracht hätte, denn jedenfalls gedenkt er seine Kunst auszuüben, aber was wäre ein Chirurgus ohne Messer, Schere, Aderlassschnepper, Lanzette, Pinzette usw.? Nichts mehr und nichts weniger als was ein Maler ohne Farben und Pinsel sein würde. Wie Euch also Meister Habermann wohlmeinend geraten, Kapitän Norcroß, unterlasst um unsrer Kaperehre willen nicht, auf diese rote Flagge Jagd zu machen – ich meine die Aderlassbinde des jungen Doktors der Chirurgie – und sie aufzubringen, damit uns nach einem Gefechte nicht fernerhin die Hälfte der verwundeten Leute unter dem Messer stirbt. Nebenbei wird Euch der junge Doktor auch schon die Dienste eines Kapitänlieutenants versehen, und ich wüsste in der Welt nicht, woher Ihr ein brauchbareres Subjekt für den Graf-Mörner aufbringen wolltet, einen so trefflichen Mann, der im Treffen die Leute mit dem Degen kommandiert und zum Siege treibt, nach dem Treffen aber mit dem Messer bedient und zum Leben bringt. Nein, wahrlich! Bei aller lobenswerten und nicht zu verachtenden Geschicklichkeit des Meister Habermann muss man doch sagen, dass sie solcher vielseitigen Brauchbarkeit nicht wert ist, die Schuhriemen aufzulösen, und unsers ehrenfesten Schiffschirurgus bekannte Bescheidenheit wird dies selbst löblicherweise zugestehen keinen Augenblick Anstand nehmen.«
Des Chirurgen Gesicht zeigte Spuren von Ärger.
»Ich werde jedem Geschickteren nicht minder weichen als Ihr, Lieutenant Gad!« rief er aufstehend, ließ sich eine Schale Kaffee reichen und brannte eine Tonpfeife an, damit ihm die Alteration nichts schade, denn Kaffee und Tabak galten damals noch als Präservative für alle Übel.
»Ich fühle mich Euch beiden, meine Herren, zum lebhaftesten Danke verpflichtet«, sagte der Kapitän, »und fürwahr, ich werde nicht ermangeln, Euren Rat zu befolgen, Meister Habermann, den Lieutenant Gad so eifrig unterstützt. Wir sind ohnedies schon einen Tag zu lange in Hamburg, und werden gehen, die Berichte unsrer Spione abzuhören. Lässt sich nur irgendetwas Fangbares auf dem Wasser sehen, so wollen wir ohne weiteres in See stechen. Es verlangt mich, Seiner Majestät, unserm Könige, wieder einmal Bericht abzustatten von meiner Tätigkeit, und vom roten Munde der Stockholmer Damen Küsse zu naschen.«
»Wer’s doch so weit gebracht hätte, wie Ihr!« — rief der Lieutenant mit einem Anstrich von Neid, »den Königs Gunst im vollen Maße, des braven Görz Freundschaft, die Gewogenheit der Damen von Stande, und freien Willen zu tun und zu lassen was Euch beliebt. Was könnt Ihr weiter wünschen?«
»Beständigkeit des Glücks«, versetzte Norcroß ernst, »und stets so wackre Männer und gute Freunde um mich, wie Ihr, meine Herren.«
Und damit reichte er rechts und links die Hand dem Lieutenant und dem Schiffschirurgus. Sie bezahlten die Zeche und verließen das Kaffeehaus. —
Der in die Schlingen des Werbers gefallene junge Mann folgte mit entschlossenem Schritte der dänischen Fahne, die ihn nach Altona führte. In seinen Zügen hatte die frühere Verzweiflung über den Verlust seines Geldes dem Trotze Platz gemacht, der ein widriges Verhängnis herausfordert.
Die neuen Kameraden versuchten vergeblich, ihm ihre Herzstärkung aufzudringen, er wies die funkelnden Flaschen zurück und schien zur Erlangung eines festen Mutes nicht solcher Mittel zu bedürfen; auch ließ er sich nicht auf ihre zudringlichen Fragen ein, sondern ging still vor sich hin, nur dann und wann, von den andern unbemerkt, das große Auge dem Himmel zu gerichtet, als wolle er damit eine Frage an das dort waltende Schicksal richten.
Lieutenant Kreuz fühlte sich endlich bewogen, sich herabzulassen und den neuen Dienstmann der Krone Dänemark mit einigen ermunternden Worten anzureden.
»Mordelement! Was da! Kamerad, Du machst ein Gesicht, wie eine Katze beim Donnerwetter. Trink’ einmal aus meiner Feldflasche und öffne mir dann Dein Herz. Dies Labsal ist zugleich eine auflösende und abtreibende Arznei; alle Sorgen schwinden vor seinem Geiste wie Nebel, jede Not fliegt in die Luft wie ein Schuss Pulver. Ich wollte mein Portepee dran setzen, dass Christ der Herr den Besessenen ein Quart Branntwein eingegeben und also die Teufel ausgetrieben hat.«
Er schlug eine rohe Lache über seinen Witz auf, und hielt seine Flasche dem neuen Rekruten hin. Dieser machte aber nicht die mindeste Bewegung danach, sondern sah mit vornehmer Verachtung auf den Werbeoffizier. Um seinen höhnisch verzogenen Mund spielte ein spöttischer Zug, den aber der Lieutenant nicht zu verstehen vermochte. Vielmehr rief dieser:
»Na, Bursche, Du brauchst nicht so schüchtern zu sein! Mordelement! Zottelkopf, sei nicht so blöde und trink’, in’s Teufels Namen! mit dem berühmten Lieutenant Kreuz aus dessen Feldflasche. Es wird Dir Ehre bringen, und kannst Du Dich dessen beim Regimente rühmen, so werden die andern Respekt vor Dir bekommen; denn mich soll gleich ein Vierundzwanzigpfünder in Stücken zerreißen, so groß wie eine Flintenkugel, wenn ich jemals einem frisch von mir geworbenen Rekruten meine Feldflasche geboten habe. Aber Du hast mir vorgestern schon in die Augen gestochen, mein Junge, und ich könnte Dir viel zu Gefallen tun.«
»Habt Ihr mich denn schon vorgestern gesehen?« fragte der Rekrut erstaunt.
»I freilich, Bübchen«, versetzte der Offizier schmunzelnd. »Die Sache ist ja nun abgemacht — und lass nur gut sein. Du sollst’s gut haben in dänischem Brot. Wir sind gute Freunde. Na, aber nun trink’! Oder Mordelement! Ich schmeiß’ Dir die Flasche an den Kopf.«
Der Jüngling tat, als ob er einen Schluck nähme, in Wahrheit aber glitt kein Tropfen des ihm verhassten Getränks über seine Lippen; einen Augenblick schauderte er bei der durch des Offiziers Reden ihm gewordenen Einsicht, dass er mit List in eine Falle verlockt worden sei, aus welcher keine Rückkehr möglich.
Im nächsten Augenblick erfüllten andere Gedanken seinen Kopf, die ihm seinen unfreiwilligen Schritt als eine bittersüße Notwendigkeit bezeichneten und als Rache an den Verfolgungen seines Schicksals vorspiegelten. Der frühere Trotz kehrte wieder, und Vorsätze seltsamer Art keimten in seinem Geiste auf, die ihn zuletzt mit wilder Freude erfüllten, bald als gemeiner Soldat unter den Fahnen des Dänenkönigs zu stehen.
»Hast Du doch genippt, wie ein Vöglein aus der Quelle«, lachte der Lieutenant; »Du musst’s anders lernen unter dänischem Kommando«, und damit tat er einen tüchtigen Zug aus der Flasche.
Nach diesem Beweise an seiner eigenen Person wandte sich der Lieutenant im vertraulichen Tone an den Rekruten:
»Wir haben nun zusammen getrunken, nun wollen wir auch zusammen reden, und kein Mensch in der Welt kann behaupten, dass Anton Kreuz nicht dessen Freund sei, mit welchem er aus einer Flasche getrunken hat. Mordelement! Junge, Du sollst mir nicht einwenden, es schicke sich nicht für mich, mit einem Rekruten aus meiner Flasche zu trinken und Freundschaft zu schließen; ich weiß, was ich zu tun und zu lassen habe; und so weiß ich denn auch, dass Du, ehe das Neujahr herbeikommt, den dänischen Lieutenantsdegen trägst, so gut wie ich, und bei allen vierundzwanzigpfündigen Donnerwettern, mir will schon ahnen, als müsst’ ich zu Dir sagen: mit Permission, gnädiger Herr Hauptmann. Ha, meinst Du nicht auch, Bursche? Bei meiner Ehr’ und Treu’, das sehe ich Dir an der Nase an, und es soll mich keiner Lügen strafen, so wahr ich ein gescheiter Kerl bin!«
»Desto besser für mich«, versetzte der Jüngling; »ich würde Eurer Prophezeiung bestens gedenken.«
»Würdest Du, braver Junge?« lachte der Lieutenant seelenvergnügt. »Na, das ist ein echtes Soldatenwort. Darauf müssen wir noch eins trinken.«
Und von neuem nötigte er dem Rekruten die Flasche auf und sprach, nachdem derselbe wieder scheinbar gezogen, dem gebrannten Wasser herzhaft zu.
»Nun haben wir von der Zukunft gesprochen; jetzt lass uns auch von der Vergangenheit reden! Mordelement! Ich weiß ja noch nicht einmal Deinen Namen, Halunke! Püppchen, wie heißt Du? Wenn ich ein Jüngferchen wäre, ich vergaffte mich in Dich. Wie ist Dein Name, Rekrut?«
»Joseph Flaxmann.«
»Warum nicht lieber Flachskopf oder noch besser Flachkopf«, sagte der Lieutenant, seinen flachen Witz belachend. »Soll ich Joseph Flaxmann in die Liste schreiben?« fragte er pfiffig blinzelnd.
»Wie Ihr wollt!« versetzte dieser trotzig.
»Du hast recht, Bursche. Einen Namen muss doch einer haben, bei dem man ihn ruft, übrigens gilt’s gleich, was das für einer ist. Wer sich aus die rollende Kugel der Frau Fortuna stellt, wie ein junger Kriegsmann, braucht nichts mitzubringen, als einen ehernen Arm, eine stählerne Brust und eine steinerne Stirn, und in diesem Arme Kraft, einen schwedischen Dickkopf mit einem Hieb voneinander zu spalten, in dieser Brust ein tapferes Löwenherz, das ohne Zagen einer spielenden Batterie entgegengeht, in dieser Stirn Verstand und Witz, einen guten Operationsplan zu entwerfen und eine Kriegslist gegen den Feind auszuhecken. Was Namen? Mit diesen drei Dingen wird sich ein junger Mann schon einen Namen erfechten. Da sehe einer unsern weltberühmten Seehelden Tordenskiold an. — Der hat Peter Wesel geheißen. Wer kennt Peter Wesel? Kein Mensch. Peter Wesel ist ein obskurer Name, und doch ist’s des berühmten Mannes eigentlicher Name. Das macht, er hat sich durch seine Tapferkeit und ungeheure Taten den prächtigen Namen Tordenskiold, zu Deutsch Donnerschild, erworben. Unter diesem Namen kennt ihn alle Welt, obgleich er erst fünfundzwanzig Jahre alt ist. Doch sag’ an, woher bist Du gebürtig, Joseph Flaxmann?«
»Aus — — aus — — — ich denke, Herr Lieutenant Kreuz, es wird sich mit Geburtsort und Vaterland ebenso verhalten, wie mit dem Namen.«
»Du hast wiederum recht; bist ein pfiffiger Kerl, und wir verstehen uns schon; aber ich muss einen Geburtsort in die Liste eintragen. Der Mensch fällt doch nicht vom Himmel herab, fertig und bereit, dänischer Soldat zu werden.« Der Lieutenant verschnaufte sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn, denn so lange und zusammenhängend hatte er lange nicht gesprochen, dann sah er den Rekruten wieder fragend an und rief:
»Mordelement! Wird’s bald?«
»Nun so schreibt von Buxtehude.«
»Gut, von Buxtehude. Das ist nun alles recht schön, Joseph Flaxmann von Buxtehude; so haben wir nun gesprochen, Du als Rekrute, ich als Offizier. Nun lass uns aber wieder als Freunde reden; denn wir haben zusammen getrunken. — Du sollst nicht sagen, dass ich Dir nicht mit aller möglichen Aufrichtigkeit entgegengekommen bin. Unter Freunden darf kein Geheimnis sein. Sieh, ich bin ein geborner Holländer, ein Bauernsohn, und hab’ manches Feld geackert. Ich hatte auch schon eine Frau — der Satan steh’ ihr bei! — es war ein dummes Bauermensch. Da kam ein dänischer Werber in unser Dorf. Wir tranken zusammen und wurden des Handels bald eins. Ich ließ Greten mit ihren Bälgen mit Acker, Pflug und Karren im Stich und ging nach Dänemark. Das sind nun sechzehn Jahre. Dann hab’ ich mit gegen den schwedischen Löwen gefochten; erst setzte er uns die Krallen ins Genick, bald haben wir ihn auf die Tatzen geschlagen. Nachher wurd’ ich Unteroffizier und nahm mir ein hübsches Weib. Ich merkt’s, dass ihr andre besser gefielen als ich, und meinem Grundsatze getreu: leben und leben lassen, hinderte ich sie nicht. Nach der Einnahme von Stralsund wurde ich Offizier und freite meine dritte Frau, die ich aber, als ich nach Lähmung meines rechten Armes durch einen verwetterten Schuss als Werbeoffizier hier angestellt wurde, nicht mit nach Hamburg nahm.«
»Sind denn Eure beiden früheren Weiber gestorben?« fragte der Rekrut. »I, beileibe nicht! Ich gönn’ ihnen auch das Leben. Was hülf’ es mir, wenn die Gänse tot wären; ich könnt’ ihnen ja nicht einmal die Federn rupfen. Wer wird sich mit Ketten binden? Sprich mir nicht von der Religion. Wenn Gott im Himmel waltet – ich will’s nicht leugnen — so wird’s ihm nichts verschlagen, ob ich eine Frau oder zehn habe. Ich lästre ihn damit nicht; er ist ein guter Gott, ich ein guter Kerl; er hat die Menschen lieb, und ich die Weiber. Warum soll ich ihrer nicht so viel freien als ich Lust und Belieben habe, wenn sie mich nur mögen? Brüderchen, nun weißt Du meinen Lebenslauf, erzähl’ mir den Deinigen. Da, trink’ aber erst einmal, dass Dir die Zunge glatter im Maule läuft.«
Der Rekrut spielte mit verlegenem Gesicht seine Trinkrolle fort, begann aber, trotz des Lieutenants auffordernden Blicken die Erzählung nicht.
»Nun wie heißt Du eigentlich und wo bist Du eigentlich her?« fragte Kreuz schmunzelnd und legte seinen Arm um des Jünglings Nacken, ihm zuckersüß in das Gesicht blickend.
»Joseph Flaxmann von Buxtehude«, sagte der Rekrut leise.
»Mordelement!« donnerte der Goliath mit einem plötzlich bitterbös gewordenen Gesicht, riss seinen Arm los und gab dem Jüngling einen so gewaltigen Stoß mit der nervigen Faust vor die Brust, dass dieser rücklings zu Boden taumelte.
»Bomben und Granaten! Pulverblitz und vierundzwanzigpfündiges Donnerwetter! Willst Du mir so kommen, Bursche? Oho! Kumpan, denkst Du, ich sei ein Dummbart? Ich habe wohl mehr solcher naseweisen Burschen unter der Fuchtel gehabt. Habe mich noch von keinem narren lassen, werde auch beim roten Teufel mit Dir Flachkopf nicht anfangen. Wart’, Schlingel, wir wollen aus einem andern Tone mit Dir sprechen. Willst Du das Pfötchen nicht, sollst Du die Kralle haben. Mordelement! Kopf in die Höh’! Augen links! Vorwärts marsch!«
Der beleidigte Werber zog den Degen und fuchtelte den Rekruten um Kopf und Rücken herum, aber als dieser sogleich Ordre parierte und wie ein langgedienter Soldat kerzengerade marschierte, wagte es der aufgebrachte Offizier doch nicht, seine Rache, durch Schläge auszulassen, sondern begnügte sich, brummend und zuweilen fluchend vor der Linie herzugehen.
In Altona angelangt, wurde Flaxmann von den Übrigen getrennt und in die Kaserne gesperrt. Seine Begleiter konnten frei und ungehindert gehen, wohin sie wollten. Darüber verwundert fragte der Jüngling andere Rekruten, welche schon vor ihm hier hinter Schloss und Riegel der Stunde ihres Transports nach Kopenhagen entgegenharrten, und erfuhr, dass diese Begleiter nichts als die Spione und Lockvögel des Lieutenants Kreuz seien, mit denen er manchen wackern Kerl in Hamburg wegkapere. Unter den Rekruten befand sich ein Franzose in den mittleren Jahren, der sich schon in der ersten Viertelstunde ihres Zusammenseins an Flaxmann anschloss.
»Ich habe mich nicht kapern lassen«, sagte dieser, »sondern bin freiwillig unter die Fahnen getreten, um Geld zu erlangen, welches mir während eines dreimonatlichen Aufenthalts in Hamburg ausgegangen war. Ich kam auf einer holländischen Brigg dahin, auf welcher ich Oberbootsmann war, hatte mich aber mit dem Kapitän überworfen und blieb in Hamburg in der Hoffnung zurück, auf einem andern Schiffe eine Anstellung zu finden, welches mir aber nicht geglückt ist. Seht, Monsieur, nun habe ich mir das Handgeld zahlen lassen und trete in Kopenhagen unter das Kommando des jungen berühmten Tordenskiold. In Hamburg habe ich die Vögel, in deren Krallen Ihr gefallen seid, kennengelernt; ich geriet mitten in ihre Gesellschaft. Ihr werdet dieselben Leute in allen nobeln Wein-, Gast- und Kaffeehäusern, aber auch in allen schlechten Krügen, Schenk- und Wirtshäusern in und um Hamburg, bei allen Lustbarkeiten, auf allen Straßen und Plätzen finden, und sie spüren einen fremden Kerl, der eben angekommen ist, sogleich auf, wie Jagdhunde. Sie spielen alle Karten und Würfelspiele mit allen Kniffen und Betrügereien so fertig, dass sie einem ehrlichen und in solchen Spitzbubenschlichen unbewanderten Mann, der sich mit ihnen einlässt, bald alles Bare aus der Tasche ziehen. Lieutenant Kreuz selbst ist der fertigste Spieler. Dieser Mann weiß sich in der, vornehmsten, wie in der gemeinsten Gesellschaft beliebt zu machen. Euer Geld, Monsieur, teilen die Spione mit ihm, sie stellten auch die Rekruten vor, die Euch hierher begleiteten. Wenn Ihr viel verloren habt, so stolziert Kreuz morgen in einem mit goldnen Tressen besetzten Rock, einer prächtigen Allongeperücke, ja wenn er selbst noch glücklich im Spiel gewesen ist, so fährt er wohl gar in einer schönen Equipage und hat Kutscher und Bedienten drauf. Ihr aber seid verraten und verkauft.«
»Es hat nichts auf sich«, versetzte Flaxmann trocken und gleichgültig; »ob ich ein paar Taler mehr oder weniger habe, und Soldat wäre ich doch geworden. Ihr spracht aber eben, dass Ihr bei der dänischen Flotte Dienste nehmen wollt, Monsieur — wie ist Euer Name?«
»Pierre Courtin.«
»Also Monsieur Courtin, ich hätte ebenfalls Lust, mich dem Seedienste zu widmen, und ich bitt’ Euch, mir guten Rat zu geben und Euch meiner anzunehmen, da ich vom Seewesen noch nichts verstehe.«
»O ça! Dann seid Ihr mein Mann! Ventre — de — Dieu, wir wollen zusammenhalten, wie ein paar brave Schiffsleute; Ihr habt allen Anstand zu einem guten Lieutenant. Vrai — bot! Aus Euch wird was Tüchtiges.«
Der Franzose umarmte den neuen Ankömmling, vergnügt über dessen Entschluss.
Dann plapperte er noch viel von seinen Seefahrten und Abenteuern und begnügte sich, nachdem er den neuen Kameraden aufgefordert, ein Gleiches zu tun, in seiner untrübbaren Heiterkeit mit einem dürftigen Bericht desselben, worin sich dieser wieder als Joseph Flaxmann aus Buxtehude aufführte.
Nach einigen Stunden erschien der Lieutenant Kreuz mit dem Kapitän d’Armes und dem Regierungschirurgus, um Flaxmann die Montierungsstücke übergeben und ihn der Vorschrift gemäß untersuchen zu lassen.
Der Lieutenant befahl dem Rekruten mit barschem Tone, sich zu entkleiden, und als dieser zauderte, zog der Riese seinen Degen, um den Widerspenstigen mit Schlägen zum Gehorsam zu bringen. —
Der Jüngling gehorchte mit verbissener Wut. Zaudernd legte er ein Kleidungsstück um das andere ab, bis auf das Hemd, welches von feiner Leinewand war.
»Herunter mit dem Laken!« herrschte Kreuz. »Dänische Soldaten werden nicht so vornehm gehalten, dass sie Hemden tragen wie der König. Hier ist Dein Kommisshemd! ’s wird die Haut etwas kratzen, schadet aber nichts, mein Junge. Nun was wird’s? Mordelement! Kommt die zarte Fahne bald vom Leibe, soll ich sie Dir herunterreißen, Halunke?«
Der Jüngling stand unschlüssig, blass und zitternd.
Seine Hände hatten sich über die Brust gekreuzt und krampften in die Muskel, als wollte er dort ein Kleinod beschützen.
»Höllenfeuer und vierundzwanzigpfündiges Donnerwetter!« kreischte der Lieutenant, und sein kupferrotes Gesicht wurde dunkelbraun. »So soll gleich ein Mohrenbataillon mit Damaszenerklingen dreinhauen!«
Mit diesen Worten griff er in den Kragen des Hemdes und riss es dem Jüngling vom Leibe. Ein schöner, fast weiblich zarter Körper stellte sich den Blicken der Umstehenden dar. Flaxmann hielt die Hände noch immer über die Brust gebreitet, und deckte damit das Etui, welches an einem um den Hals laufenden seidenen Bande befestigt war.
»Doktor, tut Eure Schuldigkeit!« befahl der Lieutenant dem Chirurgus. —
»Arme gerade!« kommandierte er den Rekruten, und als dieser nicht gehorchte, versetzte er ihn mit der flachen Klinge einen Hieb und riss ihm die Hände von der Brust. Alle sahen ein in roten Saffian gebundenes Büchlein in Form einer Brieftasche mit einem Schlösschen an dem Bande hängen.
»Potz, Pulver und Blei!« rief der Lieutenant verwundert und streckte die Hand nach dem Etui aus. »Was hast Du hier, Bursche? — Lass sehen!«
Das Gesicht des Jünglings hatte sich während dieser Worte so eigentümlich verändert, dass selbst der Lieutenant den vorwärts getanen Schritt wieder zurückwich und die emporgehobene Hand wieder fallen ließ. Die andern sahen mit neugierigen Augen auf den Rekruten, den der Chirurgus fragte, ob ihm nicht wohl, sei? Flaxmann schien die Frage nicht zu hören und stand wie angewurzelt.
»Mordelement!« rief Kreuz, dessen Verblüfftheit gewichen war, »willst Du wohl antworten? Was hängt da für ein Ding an Deiner Brust? Gib her! Was hat ein dänischer Soldat mit solchem Dings zu schaffen? Her damit!«
Und abermals wollte er, da keine Antwort erfolgte, danach greifen.
»Um aller Heiligen willen!« rief der Rekrut mit einer Stimme, welche der Ausdruck der höchsten Geistesempörung war. »Rührt nicht an dieses Büchlein; wir wären beide des Todes!«
Zum andern Mal fuhr Kreuz zurück; denn die Drohung schien wirklich von Seiten des Rekruten in Erfüllung zu gehen, ohne dass das Buch von einer andern Hand berührt worden war; seine Stimme klang ja schon wie die eines Sterbenden, über die blauen behänden Lippen floss Speichel und auf dem Gesichte wurde eine Art Todesschweiß sichtbar. Der Lieutenant, wenn er auch nicht an den eigenen Tod durch Berührung des Büchleins glaubte, schien doch für den Rekruten oder vielmehr für die dreißig bare Reichstaler, die er kostete, zu fürchten. Von der andern Seite stachelte ihn Neugier, so dass er ihren Versuchungen erlag, und zum dritten Mal die ungeschickten Finger nach dem Etui ausspreizte, indem er mit Hohnlachen, um seine Verlegenheit zu verbergen, rief:
»Mordelement! Lieutenant Kreuz hat sich nicht vor den Kanonen und Granaten des schwedischen Löwen gefürchtet, wird sich doch bei des Teufels Pech und Schwefel! nicht vor dem Dreckdings da fürchten sollen. Her damit! Ich habe ein Recht zu fragen, was das Brieftäschlein enthält?«
Er rührte an das Band, aber in demselben Augenblick stürzte Flaxmann ohnmächtig zusammen, und der französische Bootsmann fing den Unglücklichen auf.
»Sacre — coquin!« fluchte dieser und ballte dem bestürzten Lieutenant die Faust entgegen, »was geht Dich diese Brieftasche an? Meinst Du, wir wüssten nicht, wie Ihr marauds diesen meinen Freund mit falschen Würfeln und betrügerischen Karten ausgeplündert habt? Willst Du ihn auch hier noch berauben und das letzte Eigentum, das er vor Euern Diebskrallen verborgen, abnehmen? Ich will mich doch einmal in Kopenhagen erkundigen, ob dies der König seinen Werbeoffizieren anbefohlen oder erlaubt hat.«
Diese Worte wirkten. Kreuz schien den Franzosen zu kennen und zu wissen, wessen er fähig sei. Auch stieg wieder der Gedanke in seinem Kopfe auf, der Rekrute könne — wie der Anschein lehre — doch etwas Vornehmes sein und ihm die schlechte Behandlung einst entgelten lassen. Er steckte den Bratspieß in die Scheide, befahl dem Kapitän d’Armes, den Rekruten einzukleiden, und verließ fluchend die Stube. Bald darauf sah man ihm mit seinen Spionen und Helfershelfern auf einem Wagen nach Hamburg zurückfahren.
Flaxmann, wieder zu sich gekommen, sah sich mit scheuen Blicken um. Da er den Lieutenant nicht erblickte, verlor sich seine Unruhe. Courtin redete ihm gutmütig zu und gab ihm die Versicherung, so lange sie beide zusammen wären, sollte ihm kein Haar vom Kopfe, geschweige das Kleinod entrissen werden. Darauf warf er dem Erschütterten das Kommisshemd und die Soldatenkleider über. Sorgfältig verbarg der Jüngling das Etui auf der Brust und stand bald als dänischer Soldat bei den andern.
Die Rekruten lebten einige Tage in der Kaserne, bis ein Transport Neuangeworbener hinzukam. So ging es fort, bis die Nachricht einlief, dass ein dänischer Schoner im Hafen zu Travemünde auf die Rekruten warte, um sie nach Kopenhagen zu führen.
Am bestimmten Tage wurden sie unter starker Bedeckung über Lübeck bis zum Bord des Schiffes transportiert, welches am folgenden Morgen die Anker lichtete.
Während des Marsches hatte Flaxmann Gelegenheit, den lustigen Franzosen als einen gutgesinnten gefälligen Mann kennenzulernen, der ihm alles zuliebe tat, was er ihm an den Augen absehen konnte.
Die Fregatte, welche des berühmten tapfern Generals und Lieblings Karls des Zwölften, des Grafen Mörner, Namen trug, war eines jener berüchtigten und gefürchteten Kaperschiffe, welche der kriegerische Schwedenkönig zum Schrecken seiner zahlreichen Feinde in die Nord- und Ostsee, ja in das atlantische Meer sendete.
Es ist bekannt, dass Karl der Zwölfte nach seinem seltsamen fünfjährigen Aufenthalt in der Türkei als ein gemeiner Kurierreiter plötzlich in Stralsund angelangt, entschlossen war, kühne Pläne zu Schwedens Ruhm und Größe auszuführen. Dänemark, Russland, England und Holland hatten mehr oder minder Ursache, sich über Karls feindseligen Sinn zu beklagen; denn der unbeugsame König hatte seinen zahlreichen Kaperern Befehl erteilt, die Schiffe aller dieser Mächte aufzubringen und als Prisen nach Schweden zu führen. Nach den Niederlagen, welche er von den Dänen erlitten, namentlich nach dem Verlust von Stralsund, Rügen, Wismar, nach dem unglücklichen Feldzuge in Norwegen und der vergeblichen Belagerung von Friedrichshall, ließ der starrsinnige Schwedenkönig noch einmal so viele Kaperschiffe ausrüsten, und wenn erst höchstens zehn die Meere durchstreift hatten, so liefen zu manchen Zeiten nun vierundzwanzig aus den schwedischen Häfen aus. Kein Fahrzeug der ihm feindlichen Mächte war sicher, Handel und Verkehr litten und Europa seufzte unter der Last dieses Kriegszustandes.
Eins der schönsten und ansehnlichsten schwedischen Kaperschiffe war die Fregatte, welche seit dein Frühling 1716 der Führung des Kapitäns John Norcroß anvertraut war. Ihr Kiel war mit den nordischen Wasserstraßen vertraut, und John Norcroß im deutschen und baltischen Meere wie zu Hause.
Stolz stieg der Graf-Mörner eines Morgens aus den Nebelmassen hervor, die zur Herbstzeit auf der Ostsee liegen; schon flogen die obersten Hüllen flatternd um die Spieren, Masten und Raaen des majestätischen Schiffs, dessen Hauptsegel eingerefft waren. Die siegreichen Strahlen der Sonne drückten die Nebel herab, in schneller Flucht eilten sie verschwindend und zerrinnend über die ruhigen Gewässer und gaben das Takelwerk und den Rumpf der Fregatte mit seinen Planken und Stückpforten den Blicken der Sonne preis. In behaglicher Ruhe schaukelte sich der Bau auf der sanft bewegten Meerflut, und an den kreuzweis gegeneinander gestellten kleinern Segeln konnte man die Absicht erkennen, das Schiff still zu halten.
Kaum aber hatten die verflogenen Nebel eine Aussicht über die Meeresfläche vergönnt, als man auf den Wink des auf dem Verdeck stehenden Kapitäns die Pfeife des Bootsmanns durch alle Räume des Schiffs schrillen hörte, und das Gewühl der Matrosen auf den Treppen, an den Kanonen, an den Tauen und Segeln, von jenen Ausrufungen, die nur ein Seemannsohr gut verträgt, begleitet, über das Schiff hin brauste, um gleich darauf einer großen Stille Platz zu machen, in welcher jeder an dem ihm gehörigen Platze des befehlenden Wortes gewärtig war.
Augenblicklich erschallte durch das Sprachrohr der Ruf: »Lasst die Segel los! Dreht das Bramsegel! Setzt noch ein Vordersegel bei! Legt Euch vor den Wind und geht ins Fahrwasser!«
Nun sah man die Matrosen wie Katzen an den Tauen hinaufklettern und sich an den Raaen festklammern, und alsobald stürzte die schwere beteerte Leinewand an den Masten herab und hing, während man nur das Klappern der Taue und des Holzes hörte, schlaff herab, bis sie allmählich ein vom Meere herüberstreichender Ostwind aufblähte, und der Steuermann das Schiff in den Wind brachte, welches, von diesem Morgengruße erfreut, leicht und sicher dahinschoss. Die Sonne hatte ihre siegreiche Herrschaft über die Gewässer ausgebreitet und Kapitän Norcroß ließ sich, rüstig und frohen Mutes über das Verdeck schreitend, von ihren Strahlen bescheinen und vom frischen Morgenhauch umwehen. Des Kapitäns Anzug war von dem, welchen er im Kaffeehause zu Hamburg getragen, so verschieden, dass man ihn schwerlich würde wiedererkannt haben, wenn nicht sein ausgezeichnetes Gesicht alle übrigen Äußerlichkeiten entbehrlich gemacht hätte. Über die unscheinbaren großen Schnallen seiner breiten Laschenschuhe hing jetzt die weite gestreifte Matrosenhose, um den dunkelgrünen Rock war über den Hüften die rote Tuchschärpe gebunden, welche ihn als Befehlshaber der Fregatte bezeichnete; an der Seite steckte der kurze Degen, welchen nur Seeoffiziere zu tragen pflegen; das schwarze Halstuch hing weitgeknüpft um den Hals, aus dessen weißen Hemdkragen sich statt der Perücke die natürlichen Locken eines glänzenden braunen Haars herabringelten. Leicht darauf gestülpt war die lederne Seemannskappe, die den dreieckigen Hut verdrängt hatte. Unter dem Arme hielt er das Sprachrohr, und sein scharfes Auge überblitzte bald die Meerfläche, bald die kräftigen Bursche, die in beteerten Jacken umhersprangen und dem jungen Tage ihre Freude entgegenjubelten.
»Ausgucker! Schläfst Du, Kerl? Siehst Du nichts?« rief jetzt der Kapitän der im Mastkorbe sitzenden Wache zu.
»Es schwebt Backbord, Südwest-Süd am Horizonte, wie eine Möwe«, versetzte eine jugendliche Stimme von oben.
»Haben sie Dich wieder hinaufgesteckt, kleine Wasserratte?« sagte der Kapitän. »Lieutenant Gad, wie kömmt’s, dass Juel Swale wiederum im Korbe sitzt? Ich habe es doch ausdrücklich verboten«, rief er dem am Gangspill stehenden Lieutenant zu.
»Ich weiß ebenso wenig wie Ihr davon«, versetzte Gad.
»Die Kröte hat sich angebettelt«, sagte der Steuermann, der ohnfern den beiden seinen Platz hatte; »lässt doch der Seekrebs den Matrosen keine Ruhe, bis sie ihm die Wache auf dem Mars abgetreten haben, und wenn Ihr denkt, er träumt in seiner Hängematte von den Honigfladen seiner Mutter, klettert er wie eine wilde Katze durch das Tauwerk, reitet auf den Raaen und schaukelt sich im Korbe. ’s ist ein Teufelsjunge und macht Euch schon einen Timmerstich, wie jeder Bursch, der zehn Jahre Seeluft geschluckt hat. Grade wie ich, in diesem Alter! Drum hab’ ich auch den Jungen ins Herz geschlossen, wie wenn er mein eignes Kind wäre, und Ebbe Reetz hat noch keinen verderben gesehen, dem er seine Gunst geschenkt hatte.«
Nach dieser Expektoration zugunsten des Schiffsjungen Juel Swale versank die Stimme des Steuermanns, indem er seine breiten knorrigen Hände an das Steuer legte, wieder in jene abgerissenen Töne, mit welchen er gewöhnlich sein Steuer, wie ein lebendes und verständiges Wesen, wohl auch das Schiff selbst und die rollenden Wellen des Meeres anredete.
»Eure Neigung, Meister Reetz, trifft mit der meinigen zusammen«, sagte der Kapitän mit herablassender Würde; »auch ich bin dem Buben gewogen, und hoffe, einen tüchtigen Seemann aus ihm zu erziehen. Aber meine Hoffnung wird einmal mit ihm nächtlicher Weise aus dem Tauwerk herab den Hals auf dem Hackebord brechen, oder im Meere ersaufen. — Siehst Du noch nichts weiter, Teufelsjunge?« rief Norcroß dem jungen Ausgucker abermals zu.
»Es scheint mir, als wenn sich die Möwe in ein Segel verwandle. Ja, es ist ein Boot mit einem Raasegel.«
Der Kapitän nahm das Glas und sah nach der bezeichneten Richtung.
»Der Junge hat recht, und Augen wie ein Falke. Er weiß wohl, dass er am besten in den Mastkorb passt, drum sitzt er auch immer oben, wie ein Adler auf seinem Horst. Sie sind’s und stechen dem Wind Steuerbord in die Flanken. Sie haben Not, gegen die Meerflut zu werpen und werden die Riemen wacker streichen müssen. Wendet Backbord, Meister Reetz und fallt etwas vom Winde ab; wir wollen den Burschen Mühe ersparen.«
Im Nu wurden die Befehle befolgt, und langsam glitt das Schiff, die Strömung der Meereswellen in schiefer Richtung durchschneidend, der Himmelsgegend zu, in deren Strich das Boot wahrgenommen wurde. Nach einer Viertelstunde waren die beiden Fahrzeuge einander nahe, und der Oberbootsmann bot vom kleinen Fahrzeuge herüber seinem Kapitän aus dem großen einen guten Morgen.
Die Fallreetreppe wurde von der Fregatte hinabgelassen, und die Seeleute stiegen aus dem Boote, nachdem dasselbe am Schlepptau befestigt worden war, in die Fregatte. Hier fanden erst jene umständlichen Begrüßungen statt, von welchen man damals noch, aus Furcht, etwas an Respekt zu verlieren, der doch zur Erhaltung der Mannszucht und guten Ordnung so unumgänglich nötig war, kein Haar breit abweichen zu dürfen glaubte; sobald die Zeremonien vorüber waren, redete der Kapitän den angekommenen Bootsmann an:
»Ihr habt auf Euch warten lassen, Meister Pehrson, und während Eurer Abwesenheit haben wir bereits eine gute Prise gemacht. Ein russischer Kutter, der nächstens im Hafen von Kopenhagen einzulaufen gedachte, kam uns vor den Schnabel, indem er sich aus Vorsicht weit von den schwedischen Küsten und den deutschen nahe hielt. Und gerade diese Vorsicht führte mir den stämmigen Burschen zu, der zu Anfang sich anstellte, als wollte er sich sehr wehren, nachher aber, als ich ihm eine volle Ladung hatte geben lassen, die Flügel umso schneller hängen ließ. Es war ein guter Fang und ist bereits nach Stockholm abgeführt.«
»Gratuliere!« versetzte der Bootsmann. »So uns der Himmel heute noch mit Wind und Wetter verschont und seine Sonne scheinen lässt, so denk’ ich, unsers allergnädigsten Königs Majestät soll diesen Abend auch um einen neuen dänischen Schoner reicher sein, ein Schiffchen so nett und blank, wie ein gesottenes Ei, wenn man’s aus der Schale löst; sein Segeltuch ist erst vom Webestuhl herab, und an seinen Rippen und Planken kann man noch alle Nägelköpfe zählen. Nicht zu verachten sind auch die Bursche, die in die dänischen Kasernen geführt werden sollen; ich denke, sie sind gut für unsern tapfern König, und mancher ist dabei, der schon sein Seising knüpfen, Segel einreffen, Raaen brassen und mit Lot und Anker umgehen lernte; ich denke, wir können manchen brauchen, Kapitän.«
»Wenn sie sonst keine Maulwürfe sind, so sollen sie gutes Leben bei uns haben, Meister Pehrson«, versetzte der Kapitän. »Doch erstattet mir Bericht über Eure Expedition.«
»Wir legten, wie Ihr befohlen, zwei Meilen nördlich von Travemünde an und versteckten unser Boot hinter Fels und Schilf. Gegen Abend schlich ich mich mit Jonas Bök in den Hafen. Wir fanden den Schoner, aber die Rekruten noch nicht; doch erfuhren wir noch in der Nacht auf der Streu von einem alten Bootsknecht, dass sie täglich erwartet würden. Wir trieben uns am Tage umher, und gaben vor, wir suchten Dienste. Die Plattköpfe vertrösteten uns auf die Rekruten und meinten, wir würden wohl Handgeld erhalten. Gestern Nachmittag kamen die Bursche richtig anmarschiert, und ich nahm sie mir in Augenschein. Jungen, schlank und stark wie ein Reefseising, und aufgetakelt, dass mir das Herz im Leibe lachte. Wir machten uns noch gestern Abend auf und davon und stachen in See. Meine Jungen mussten die Nacht hindurch die Riemenblätter streichen, dass ihnen der Atem schier ausging. Da uns aber der Wind nicht günstig war, so hatten wir unsre liebe Not. Diesen Morgen ist der Schoner ausgelaufen — so war’s gestern Abend beschlossen — und muss, wenn der Wind nicht abfällt, gegen Mittag in unsrer Nähe sein.«
»Ist der Schoner gut besetzt?«
»Er hatte eine Reihe Zähne, deren jeder aber nicht mehr als zwölf bis sechzehn Pfund verarbeitet; das Schiffsvolk scheint mir eben nicht aus Helden zu bestehen, und der Lieutenant, der das Schiffchen führt, ist ein alter Mann. Wenn ich so gewiss Schout-by-Nacht vor der königlich schwedischen Flotte wäre, als der Schoner unser ist, so wollt’ ich mich diesen Morgen noch einrichten, die schwedische Seemacht gen Rügen und Stralsund zu führen, um beides den dänischen Katzen wieder aus den Zähnen zu reißen.«
Nach dieser Versicherung des handfesten Oberbootsmannes gab der Kaperkapitän die Befehle zur Bekämpfung eines feindlichen Schiffs. Die Kanonen wurden losgekettet und geladen, die Schotten gerückt, die Matrosen durch die gellende Bootsmannspfeife an ihre Plätze gerufen, die Wache im Mastkorbe abgelöst und nun begann das Schiff jenen geschickten Lauf, welchen man in der Schiffssprache mit »kreuzen« bezeichnet. So bestreifte die Fregatte eine geraume Fläche des Meeres, welches die dänischen Inseln, die Südspitze von Schweden und mecklenburgischen Küsten bespült, und hielt, bald von Ost nach Südwest, bald von West nach Nordost steuernd, die Straße von Lübeck nach dem Sund besetzt; zuweilen kam es den Inseln Falster und Möen so nahe, dass man in der Ferne die Ufer derselben erblicken konnte.
Eben war die Schiffsmannschaft daran, ihre Mittagsration einzunehmen, als der Ruf des Matrosen im Korbe: »Ein Segel! Ein Segel!« sie an ihre Posten rief. Der Kapitän Norcroß entdeckte am Rande des Horizontes den schwarzen beweglichen Punkt in der erwarteten Richtung. Unverzüglich wurde die Fregatte in einen Segelwald gehüllt, und schneller als ein Adler aus den Lüften auf seine Beute stürzt, schoss der majestätische Graf-Mörner über die Wasser. Bald trat das kleine dänische Schiff deutlich hervor, aber nicht sobald hatte es das schwedische Kaperschiff gewahrt, als es rasch wendete, schnell alle Segel losließ und nach der deutschen Küste zu entfliehen suchte.
Zwar hatte der Däne die Leichtigkeit seines Gebäudes vor dem Schweden voraus, aber dieser war ihm offenbar in der Kunst der Schiffsführung überlegen und hatte bei weitem mehr Mittel, seinen Kiel zu beflügeln.
Also war noch keine Stunde vergangen, als Kapitän Norcroß zum ersten Mal Feuer geben ließ. Zwar erreichte dieser Schuss, der eigentlich nur das Signal des gebotenen Kampfes sein sollte, den Schoner nicht; aber dieser sah ein, dass er der Fregatte nicht entfliehen könnte, wendete daher entschlossen, kehrte ihr Steuerbord zu und legte sich sie erwartend vor den Wind.
In demselben Augenblicke spien beide Schiffe Feuer und Dampf aufeinander los, ein gewaltiges Krachen erfüllte die Luft und über das Verdeck des Graf-Mörner pfiffen die dänischen Kugeln.
»Sie müssen’s besser lernen!« jubelte eine kleine lebhafte Gestalt unsern dem Kapitän auf einer eben abgebrannten Kanone reitend, ein Knabe von ohngefähr zwölf Jahren in Matrosentracht und mit viel Teer an der Jacke. Das Bürschchen schob die Kappe hell auflachend auf ein Ohr, warf sich mit dem flachen Leib auf die Kanone und versuchte mit scharfem Blick durch den Pulverdampf zu dringen und zu erspähen, wie den Dänen auf dem Schoner der Mittagsgruß bekommen sei. Einen Augenblick darauf stand er schon wieder auf den Beinen, wie durch die magische Kraft einer Zauberrute emporgeschnellt.
»Sie haben ihre Schlüsselbüchsen, weil sie vorn nicht schwerer wiegen, als Euer Degenknopf, Kapitän, zu hoch gestellt; die Fockraaen haben sie uns zersplittert und durch das Marssegel einige Pillen gejagt; ich wär’ im Korb gefährdeter gewesen, als hier unten hinter meinem herjedal’schen OchsenNote 1), der die dänische Bestie da drüben angebrüllt hat, dass ihr das Herz im Leibe zittert.«
»Deine Luchsaugen haben recht gesehen, Juel«, erwiderte der Kapitän dem kecken Schiffsjungen, der’s auf der ganzen Fregatte allein wagen durfte, in solchem Augenblick dem Befehlshaber mit Geschwätz zu stören, und fixierte das dänische Schiff.
»Oho! Seht Ihr nicht, wie wir ihm einige Rippen eingeschlagen haben?« kreischte der Junge weiter, und des Kapitäns Auge folgte der Bewegung von Juels Hand. »Sie verkeilen eben das Loch. Soll ich sie mit einem meiner Spielbälle auf die Finger werfen?«
