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"Packend und extrem spannend erzählt. Mit Fakten und einer Story, die einen nicht mehr loslässt." WDR Eine Reihe von Morden erschüttert München. Der Täter reißt seine Opfer wie ein Tier - doch die Spuren, denen die Sonderkommission "Schatten" unter Kriminalhauptkommissar Hans Bauer folgt, führen ins Nichts. Dann kommt es zu ähnlichen Morden in Schottland, auf Hawai, bei Boston, in Los Angeles. Gemeinsam mit dem FBI versuchen die deutschen Ermittler verzweifelt den Mörder zu finden, bevor er erneut zuschlägt - oder sind es mehrere Täter? Die Lösung liegt weit jenseits von allem, womit Bauer und sein Team es je zu tun hatten. "Der fremde Wille“ ist ein hintergründiger Thriller, angereichert mit naturwissenschaftlichen und psychologischen Erkenntnissen, Thesen zu Täter-Profiling, und detaillierten Abläufen der polizeilichen Ermittlungen. [...] . Tragische Liebes- und Lebensgeschichten der Ermittler liefern die menschliche Komponente, und auch hier schlägt [der Autor] den Bogen zurück zu den großen Themen des Romans. Ein komplexes Werk, ein mitreißender Roman – mit einer überraschenden Wendung zum Schluss." Münchner Abendzeitung "Determinismus und Willensfreiheit, Schuld und Verantwortung sind die Themen des zweiten Thrillers von Markus C. Schulte von Drach. Was sich nach einer schwer verdaulichen metaphysischen Abhandlung anhört, entpuppt sich als gelungener, gut recherchierter Krimi über eine internationale Mordserie, welche die Ermittler vor viele Rätsel stellt." Spektrum Das Buch wurde 2009 im Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) erstmals veröffentlicht, 2010 ist es bei Knaur (München) unter dem Titel "Der Parasit" als Taschenbuch veröffentlicht worden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Alles, was geschieht, vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht notwendig.
Quidquid fit necessario fit.
Arthur Schopenhauer, Freiheit des Willens, 1839
Erzeugt die Krankheit das Verbrechen, oder ist das Verbrechen selbst irgendwie seiner besonderen Natur nach immer von einer Art Krankheit begleitet?
Fjodor M. Dostojewski, Schuld und Sühne, 1866
A leaf was riven from at tree,
»I meant to fall to earth«, said he.
The west wind, rising, made him veer.
»Eastward«, said he, »I now shall steer.«
The east wind rose with greater force.
Said he: »Twere wise to change my course.«
With equal power they contend.
He said: »My judgment I suspend.«
Down died the wind; the leaf, elate,
Cried: »I’ve decided to fall straight.«
»First thoughts are best?« That’s not the moral;
Just choose your own and we’ll not quarrel.
Howe’er your choice may chance to fall,
You’ll have no hand in it at all.
Ambrose Bierce, The Devil’s Dictionary, 1911
Inhalt
Der fremde Wille
30. April 2008, Republik Kongo
6. Juni 2008, München
7. Juni, München
8. Juni, München
Nacht zum 8. Juli, München
8. Juli, München
9. Juli, München
2. August, schottische Highlands nahe Arden
2. August, Hawaii, Napali-Küste
3. August, Lihue, Hawaii
3. August, Milton bei Boston
4. August, München
4. August, Lihue, Hawaii
5. August, Lihue, Hawaii
8. August, München
8. August, zwischen Los Angeles und Boston
9. August, München
10. August, München
11. August, München
15. August, München
17. August, Washington D. C.
18. August, München
19. August, München
20. August, München
29. August, Quantico, Virginia
30. August, Los Angeles
31. August, Los Angeles
31. August, München
1. September, München
1. bis 3. September, Los Angeles
2. September, München
3. September, München
4. September, München
5. September, München
6. September, München
7. September, München
11. September, Augsburg
12. September, München
13. September, München
13. September, München
13. September, München
13. September, München
14. September, Lihue, Hawaii
15. September, Lihue, Hawaii
15. September, Quantico, Virginia
16. September, München
15. September, Lihue, Hawaii
16. September, München
16. September, Quantico, Virginia
17. September, München
18. September, München
19. September, München
20. September, München
21. September, München
22. September, Lihue, Hawaii
23. September, Quantico, Virginia
25. September, München
26. September, München
3. Oktober, München
Dank
Impressum
Sadlair wischte sich mit seinem T-Shirt den Schweiß von der Stirn. Nach wenigen Sekunden bildeten sich dort neue Tropfen. Er machte einen vorsichtigen Schritt zur Seite. Unter seinen Füßen bröckelten Steinchen aus dem Felssims und fielen in den Dunst unter ihm. Er sah nach oben. Fünf Meter höher erschien Boonstras Gesicht über dem Rand der Klippe. Sadlair gab ihm ein Zeichen. Das Seil, am dem er hing, wurde nachgelassen. Er glitt an der senkrechten Wand hinab. Dann fand sein rechter Fuß wieder Halt.
»Wartet einen Augenblick.« Mit der Rechten hielt er sich am Seil fest und nahm die Baseballkappe ab. Er wischte sich erneut über die Stirn. Der provisorische Klettergurt aus Seilen drückte im Schritt.
Unter ihm schien ein Tal zu liegen, eingeschlossen von steilen Klippen. Das konnte bedeuten, dass es sich um ein isoliertes Gebiet handelte. Wer einmal da unten war, kam so leicht nicht mehr hinaus. Eine verborgene Welt mitten im afrikanischen Dschungel.
Nicht weit weg von diesem Tal, am Lac Télé, erzählten die Einheimischen immer wieder von einem Tier, das einem kleinen vierbeinigen Dinosaurier ähneln sollte, Mokélé-mbèmbé, eine Art Mini-Brontosaurier. Völlig ausgeschlossen war das nicht. Vor mehr als hundert Jahren hatten Erzählungen der Bambuti-Pygmäen über eine kleine Giraffe zum Okapi geführt. 1860 erfuhren Europäer erstmals von Affenmonstern in den Virunga-Bergen im Kongo – 1902 wurden dort die Berggorillas entdeckt. Und nachdem Wissenschaftler Geschichten von Drachen auf den Sunda-Inseln gehört hatten, entdeckten sie 1912 den Komodowaran. Andere Tiere waren sogar erst in den letzten Jahren entdeckt worden: der Himalaya-Elefant 1992, der Spindelbock 1993 und …
»Wie sieht es aus?«
Sadlair blickte hinauf. Von Boonstra war nur noch der blonde Schopf zu sehen.
»Gut«, rief er. »Weiter!«
Er hängte sich in das Seil und stemmte die Stiefel gegen den Felsen. So ging es viel besser. Unter seinem Fuß brach wieder ein Stück Felsen aus der Wand. Er verlor den Halt und krachte mit der Seite gegen den Berg.
»Alles klar da unten?«, rief Boonstra.
»Meinst du, ich schreie hier zum Spaß?«
»Leck mich!« Der Kopf des Studenten verschwand. Dafür tauchte das Gesicht von Gaines auf. »Wir überlegen gerade, ob wir nicht einfach das Seil kappen sollen.«
Sadlair ignorierte Gaines. »Nachlassen.« Diese Studenten waren echte Witzbolde. Was hatte Henry David Thoreau gesagt? Nicht in der Gesellschaft wirst du das Heil finden, sondern in der Natur. Super. In der Natur war er, aber leider in Gesellschaft.
Nach zwei Metern landete er auf einem Vorsprung, bedeckt von einer dicken Moosschicht. Unter seinen Stiefeln quoll Wasser aus dem grünen Polster und floss über die Kante hinab. Sadlair schaute über die Schulter ins Tal. Konturen von Baumkronen schälten sich aus dem Nebel.
Sie hatten das ganze Tal auf vielleicht 25 Quadratkilometer geschätzt. Es schien kreisrund zu sein. Debbie hatte es zufällig entdeckt. Debbie. Sadlair sprach alle Mitglieder der Expedition mit Nachnamen an – bis auf den Chef und Debbie. Den Chef riefen alle Chef oder nach seinen Initialen EyTee. Und die einzige Frau im Team nannten alle Debbie. Sie war blond, also hatte Sadlair an Blondie gedacht, die Band von Deborah »Debbie« Harris. Die anderen hatten den Spitznamen einfach übernommen.
Debbie hatte auch die Vermutung aufgestellt, es könnte sich um einen Meteoritenkrater handeln. Wenn es ein Einschlag gewesen war, dann musste ein Riesenbrocken auf die Erde geprallt sein. Auch Lac Télé war vermutlich ein Meteoritenkrater. Vielleicht war ja ein Teil desselben Himmelskörpers hier heruntergekommen.
Den Ausflug zum Lac Télé hatten sie nur zum Spaß unternommen. Eigentlich waren sie im Kongo, um Schimpansen zu studieren. Die Tiere im Goualougo-Dreieck im Norden von Kongo-Brazzaville waren erst vor einigen Jahren entdeckt worden und hatten noch kaum Erfahrungen mit Menschen. Deshalb zeigten sie keine Scheu und ließen sich besonders gut beobachten. Es gab hier ein 380 Quadratkilometer großes Studiengebiet für Wissenschaftler, in dem mindestens zwölf Gruppen von Schimpansen lebten.
Leider waren ihre Tiere in einen Konflikt mit benachbarten Artgenossen geraten – was interessant war. Dann hatten sie sich verzogen – was eine Katastrophe war. Die Zeit, die den Studenten im Kongo noch blieb, reichte nicht, um Studien mit anderen Schimpansen zu beginnen.
EyTee hatte schließlich eine kleine Dinosaurier-Safari in die Likouala-aux-Herbes-Sümpfe um den Lac Télé vorgeschlagen. Der See lag nicht weit entfernt im Südosten ihres Forschungsgebiets.
Sadlair war nie ganz sicher gewesen, wie ernst man diese Sache mit dem Mokélé-mbèmbé nehmen sollte. Die ersten Berichte von einem mysteriösen großen Tier, das in der Gegend um den See und auch im See selbst leben sollte, gingen angeblich bis ins 18. Jahrhundert zurück. Marcellin Agnagna, ein kongolesischer Wissenschaftler, behauptete, er hätte 1982 ein riesiges Tier im Lac Télé gesehen. Roy Mackal von der University of Chicago sammelte seit 1980 Berichte von Einheimischen, die er als Beleg für die Existenz eines Dinosauriers betrachtete. Mehr als 20 Expeditionen hatten seitdem stattgefunden. Die Ergebnisse: seltsame Fußabdrücke, Tonaufnahmen von mysteriösen Rufen, Berichte über unbekannte große Tiere – aber kein einziges Foto, keine einzige bestätigte Sichtung. Es gab ein Video japanischer Forscher, auf dem etwas im See zu sehen war. Etwas, das auch ein Python sein konnte. Die einheimischen Pygmäen beschrieben Mokélé-mbèmbé mal als Dinosaurier, mal als Rhinozeros.
Also waren die frustrierten Schimpansenforscher auf dem Goualougo-Fluss Richtung Süden gefahren. Dann hatte sie ein Lastwagen einer Holzfirma auf den schmalen Straßen, die wie feine, rote Linien den Regenwald durchschnitten, nach Osten mitgenommen. Auf diese Weise waren sie bis an die Grenze des Schutzgebietes um den Lac Télé gekommen. Von hier hatten sie sich zu Fuß aufgemacht in einen der größten Sumpf- und Regenwälder der Erde: 140 000 Quadratkilometer Wildnis. Der letzte fast unberührte Dschungel Afrikas. Eine Plackerei. Und völlig sinnlos. Es gab nichts zu sehen, das sie im Goualougo-Dreieck nicht auch schon gesehen hatten. Bis sie auf dieses Tal gestoßen waren.
Endlich konnte er den Boden sehen. Sadlair drückte sich noch vier, fünf Mal von der Wand ab, dann hatte er wieder Erde unter den Füßen.
»Unten!«, schrie er, löste das Seil vom Körper und sah sich um. Der Dunst und die dichte Vegetation beschränkten die Sicht auf vielleicht 15 Meter. Er stand bis zu den Knien in schmalblättrigen Pflanzen, Stauden mit intensiv violett gefärbten Blüten. Ein süßlicher Duft stieg von den Fruchtständen auf. An der Steilwand vor ihm kondensierte der Nebel zu kleinen Strömen von Wasser. Sadlair holte ein Tuch aus der Tasche, befeuchtete es und schob es unter seine Kappe. Eine Tsetsefliege ließ sich auf seinem Unterschenkel nieder. Er schlug danach und wischte sich dann die Hand an der feuchten Wand ab. Missmutig blickte er auf die grünbraunen Streifen, die an seinen Fingern zurückblieben. Er wünschte sich zurück nach Hause, zu seinem Schreibtisch und Computer. Er kramte das Mückenspray aus der Gürteltasche und begann, sich neu einzusprühen.
Einige Meter von der Klippe entfernt begann der Wald. Zu seiner Linken konnte Sadlair eine Lücke im Grün erkennen. Ein Pfad, der mitten in den Dschungel hineinführte. Gab es hier unten Waldelefanten?
Von oben rieselten Steinchen. Sadlair schaute hoch. Ein Bündel aus Rucksäcken senkte sich herab. Sadlair löste das Seil und stellte die Rucksäcke auf die großen Findlinge, die am Fuße der Felswand lagen. Dann beobachtete er, wie sich Boonstra abseilte. Debbie, EyTee und der Pygmäe Youngi würden auch nach unten kommen. Gaines und Baya, der zweite einheimische Führer, blieben oben zurück, damit das Seil nicht verloren ging.
Boonstra erreichte den Boden erheblich schneller als Sadlair zuvor. Er zog Luft durch die Nase. »Interessanter Duft.«
Dann ließ sich Debbie hinab. Innerhalb der nächsten 20 Minuten folgten die anderen. Boonstra kletterte trotz seines leichten Übergewichts elegant ein kurzes Stück an der Wand hoch und befestigte das Ende des Strickes dort mit einem Stein. Er sprang mit einem Satz herunter und sank bis zu den Knöcheln ein. Es gab zwei schmatzende Geräusche, als er die Füße aus dem feuchten Boden löste. Dann griff er nach seinem Rucksack. »Feucht hier«, sagte er.
»Also, wo geht es lang?« Debbie wedelte sich mit der Hand einige hartnäckige Mücken aus dem Gesicht. EyTee zupfte ein Tuch aus seiner Weste, wischte über die beschlagenen Gläser seiner Brille und blickte sich um. Dann wuchtete er sich den Rucksack auf die breiten Schultern. »Wenn es da schon einen Pfad gibt.«
»Waldelefanten?« Debbie hatte offenbar den gleichen Gedanken wie Sadlair.
»Mokélé-mbèmbé?«, fragte Boonstra grinsend.
Sie folgten EyTee. Sadlair machte die Nachhut. Er blickte sich um. Der Pfad führte in Richtung Südwesten und orientierte sich offenbar an den Lücken zwischen den mindestens 20 Meter hohen Bäumen. Links und rechts stand häufig Wasser in flachen Schlammlöchern. Der Weg lag etwas höher und war abgesehen vom glitschigen Laub einigermaßen trocken. Kein Lüftchen regte sich. Es war schwül. Die Äste der von Flechten überzogenen Stämme verzweigten sich in großer Höhe. Trotzdem war der Wald hier unten nicht licht. Armdicke, von Ameisen bedeckte Lianen schlängelten sich zwischen den Bäumen bis zum Boden herab. Sadlair schaute immer wieder prüfend nach oben, aus Furcht, sie könnten eine Waldkobra aufgescheucht haben. Ein kleiner Vogel blickte mit schräg gelegtem Kopf neugierig auf ihn herab. Er sah aus, als hätte er sich eine Haube aus blau und grün schimmernden Eisenplättchen über Kopf und Schultern gestülpt. Ringsumher wuchsen mannshohe Stauden mit dunklen, blaugrün glänzenden Blättern. Dazwischen ragten immer wieder bis zu fünf Meter hohe, stabförmige Blütenstände über einem einzelnen riesigen Blatt auf. Hüfthohe Blumen glitzerten feucht in den Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen. Sadlair versuchte, sich an die Namen der Pflanzen zu erinnern. Er kam nicht drauf. Aber schließlich war er Zoologe, nicht Botaniker. Für seine Doktorarbeit hatte er diese Infos sowieso schon längst im Computer.
Hin und wieder hörte er Vögel rufen. Bei einigen klang es wie ein Quicken, bei anderen wie ein metallisches Hämmern.
Die Waldelefanten mussten den Pfad regelmäßig benutzen, sonst wäre er längst zugewachsen, überlegte Sadlair. Hätten auch andere Tiere den Weg anlegen können? Wieder einmal dachte er an große Raubkatzen. Schließlich gab es im zentralafrikanischen Dschungel Leoparden.
Mehrmals mussten sie flache Bäche durchqueren, und einmal einen kleinen Fluss, der sie zwang, die Rucksäcke auf den Köpfen zu tragen. Nervös schaute sich Sadlair nach Wasserschlangen und Krokodilen um. Nach drei Stunden Fußmarsch änderte sich die Landschaft. Sie befanden sich plötzlich nicht mehr im Dschungel, sondern in Sekundärwald aus niedrigen, schlanken Bäumen und Sträuchern. Jemand hatte den Wald gerodet. Nun holte sich die Natur das verlorene Terrain zurück. Die Wissenschaftler traten hinaus auf eine Lichtung. Vom Waldrand her fiel der Boden sanft ab. In der Mitte der Senke bildeten zehn kleine, rechteckige Lehmhütten einen Kreis. Durch das Tal und das Dorf führte ein Bachbett. EyTee hielt die Expeditionsmitglieder zurück. »Wartet. Wir wollen niemanden erschrecken.«
»Das sieht nicht aus, als würde da noch jemand wohnen«, sagte Debbie. Aus keiner Hütte kam Rauch. Die Gebäude waren verfallen. Aus den ursprünglich mit Palmblättern gedeckten Dächern ragten kahle Holzsparren. Ein Strauch wuchs aus einem der Fenster. Langsam näherten sich die Forscher der kleinen Siedlung. Nur Youngi blieb zurück. Der Weg fächerte sich in der Mitte des Dorfes auf und verband die Hütten miteinander. Vor den Türen lagen vergammelte Laubmatten. Hier wohnte schon lange niemand mehr. Sadlair stolperte über eine Kürbisflasche. Als er die Blätter, die als Stöpsel dienten, löste, krabbelte ein Käfer heraus. Er ging um eine der Hütten herum. Etwas Gestreiftes fegte an ihm vorbei. Erschrocken sprang er zu Seite. Das Tier rannte auf kurzen Beinen in den Wald.
»Hirschferkel«, hörte er Debbies Stimme hinter sich. Sadlair nickte und hoffte, dass sie nicht gesehen hatte, wie er zusammengezuckt war.
Die Sonne verschwand bereits hinter den Bäumen, es wurde schnell finster. Sie beschlossen, im Dorf zu übernachten. Über dem Wald stieg laut schreiend ein Schwarm schwarzer Vögel auf, als Sadlair zu Youngi zurückkehrte. Der Pygmäe weigerte sich, die kleine Siedlung zu betreten. Er wollte am Waldrand übernachten. Sadlair half ihm, das Abendessen zu bereiten, während die anderen die Zelte in zwei der Hütten aufbauten, die noch gut erhalten wirkten. Den Rest des Dorfes wollten sie sich am nächsten Tag anschauen.
Als die Sonne untergegangen war und zwischen den Bäumen die ersten Glühwürmchen auftauchten, zogen sie sich zurück. Eine Weile ließ EyTee eine Sturmlampe brennen. Es dauerte nicht lange, dann war der Lichtkreis der Lampe erfüllt vom Flügelschlag Hunderter kleiner weißer Motten, die bizarre Schattenspiele auf den Boden warfen. Schließlich löschte EyTee das Licht, und es wurde so ruhig, wie es im Dschungel werden konnte.
Der abendliche Chor der Zikaden und Frösche wurde immer wieder durch das laute Schreien einer Eule unterbrochen, die ganz in der Nähe in einem der Sträucher sitzen musste. Sadlairs Fuß tat weh. Vor einigen Tagen hatte er sich mit dem Messer die Eier eines Sandflohs unter einem Fußnagel entfernt. Seitdem trug er wieder seine Stiefel. Wenn man davon las oder Bilder im Fernseher sah, wirkte der Dschungel unheimlich, exotisch, geheimnisvoll, gefährlich. Hielt man sich darin auf, war er unheimlich, geheimnisvoll, gefährlich – aber vor allem banal. Ordinär. Einfach die Umgebung, in der man eben war. Blutegel, vor denen man sich daheim im Wohnzimmer schon beim Gedanken ekelte, saßen bald zwischen den Zehen (wenn man, wie es üblich war, nur Sandalen trug). Und dann verwandelten sich diese Tiere schnell in ein gewöhnliches Problem. Wie die Mücken. Mücken! Die waren hier wirklich ein Problem. Nicht nur, weil einige Malaria übertrugen. Man musste sich ständig einsprühen, wollte man nicht leer gesaugt werden. Und Bienen. Einige kamen in der Dämmerung und krabbelten unter die Kleidung. Andere, winzig klein, stürzten sich in dichten Schwärmen auf die Menschen und landeten in Ohren, Augen und Nasenlöchern. Der Dschungel war einfach nur anstrengend.
Im schwachen Licht einer Taschenlampe machte Sadlair sich noch Notizen. Plötzlich bemerkte er die Stille. Insekten, Vögel, Affen – alles, was sonst keine Ruhe geben mochte, schwieg. Lautes Donnergrollen erschütterte unvermittelt die Luft. Dann begann es über ihm zu rauschen. Regen prasselte auf das Dorf herab. Sadlair war froh, dass sie das Dach der Hütte mit den herumliegenden Palmenblättern noch notdürftig geflickt hatten. Sie würden trocken bleiben. Er dachte an Youngi, den die Zeltplane nicht so gut vor dem Regen schützen würde. Nach einer halben Stunde zog das Unwetter nach Südosten in Richtung Lac Télé weiter. Insekten und Vögel nahmen ihr nächtliches Konzert wieder auf, untermalt vom Rhythmus der Wassertropfen, die wie ein Echo des Regens vom Dach fielen, und dem Knacken und Knistern von nassem Holz.
Die Luft war kühl und klar. Langsam schob sich der Duft der feuchten Erde in die Hütte und in Sadlairs Zelt. Doch da war noch etwas anderes. Der Geruch von nassem Fell. Langsam zog Sadlair den Reißverschluss auf, mit dem das Moskitonetz seines Zeltes verschlossen war, und schaute vorsichtig heraus. Auch Boonstra hatte sein Zelt geöffnet.
»Wir haben Besuch«, flüsterte er. Ein Knacken von draußen brachte ihn zum Schweigen. Etwas war auf einen Ast getreten. Ein Schnüffeln war zu hören. Aus der Nachbarhütte, in der EyTee und Debbie ihre Zelte aufgeschlagen hatten, ertönte ein lautes Rumpeln, gefolgt von einem unterdrückten Fluch. Dann hörte Sadlair nur noch, wie sich etwas in Richtung Nordosten entfernte. Das Tier schien denselben Pfad zu nutzen, über den sie hergekommen waren. »Hat jemand eine Ahnung, was das war?«, hörte er EyTee leise fragen.
»Ein Schimpanse.« Debbie gab die Kürbisflasche, an der sie gerochen hatte, an Sadlair weiter. Er gab ihr recht. Gestern hatte er die Flasche mitten auf dem Weg liegen gelassen. Jetzt war Debbie in der Tür der Hütte darüber gestolpert.
»Die Tiere sind hier genauso zutraulich wie im Goualougo-Dreieck«, sagte Boonstra und gähnte die blasse Morgensonne an. »Dann haben sie mit den früheren Dorfbewohnern keine schlechten Erfahrungen gemacht. Oder die sind schon lange weg.«
»Wie lange dauert es eigentlich, bis so ein Sekundärwald entsteht?«, fragte Debbie. Niemand antwortete.
»Meint ihr, die früheren Bewohner sind noch irgendwo im Tal?«, fragte Sadlair.
EyTee kratzte sich am Handgelenk, wo sich ein Mückenstich entzündet hatte. »Warum hätten sie dann das Dorf aufgeben sollen?«
»Also, ich würde mich hier gern noch mal umschauen.« Sadlair drehte sich zu den anderen.
»Klar. Spielen wir Anthropologen«, stimmte EyTee zu.
Die Hütten, in denen sie übernachtet hatten, waren völlig leer gewesen. Auch in den nächsten fanden sie nichts als Schlafstellen, über die Ameisen krabbelten, und leere Gefäße. Sadlair trat durch die niedrige Türöffnung in die fünfte Hütte und stieß auf eine Wiege. Darin lag ein winziges Skelett.
Sie standen eine Weile schweigend um das Kinderbettchen herum.
»Wieso haben sie ein Kind zurückgelassen?«, fragte Debbie, die als erste die Sprache wiederfand.
»Vielleicht hatte es eine ansteckende Krankheit«, sagte Boonstra leise. »Sie wollten es nicht mehr anfassen.« Debbie schüttelte ungläubig den Kopf.
»Das würde immerhin erklären, warum das Dorf verlassen ist«, verteidigte Boonstra seine Idee.
EyTee musste sich mit seinen fast zwei Metern Körpergröße in der niedrigen Hütte ducken. Er ging in die Hocke und beugte sich über die kleinen Knochen. »Vielleicht. Aber seltsam ist es doch.«
Sadlair begann vorsichtig, die nächste Hütte zu untersuchen. Ein Teil der Dachkonstruktion war herabgestürzt. Er räumte eine Schicht Palmblätter beiseite. Hätte er nicht bereits das Skelett des Babys gesehen, hätte er das, was vor ihm lag, für einen trockenen, grauen Ast gehalten. Jetzt erkannte er einen Knochen, der zwischen den Blättern hervorragte.
Gemeinsam mit Boonstra schaffte er das Holz und die restlichen Blätter beiseite.
Darunter fanden sie das Skelett eines etwa 1,30 Meter großen Menschen.
»Wenn wir davon ausgehen, dass es sich hier um ein Pygmäendorf handelt, dann war das hier ein Erwachsener«, sagte EyTee. »Eine Frau.« Er deutete auf den Beckenknochen.
»Ich weiß nicht, ob die an einer ansteckenden Krankheit gestorben ist«, sagte Boonstra und deutete auf den linken Arm der Toten. Sadlair sah, was er meinte. »Die Unterarmknochen sind gebrochen. Außerdem liegt das Skelett hier einfach auf dem Boden an der Wand, während die Pygmäen eine Kranke doch sicher auf eine Art Lager oder in eine Hängematte gelegt hätten.« Niemand sagte etwas, bis wieder Debbie als erste sprach.
»Ich finde das ziemlich unheimlich.«
Sie suchten das Dorf weiter ab. Im Schatten der niedrigen Bäume am südöstlichen Rand der Lichtung entdeckten sie zwei Dutzend grüne Grabhügel.
»Seltsam. Die sind ganz verschieden groß und alle nicht besonders alt. Sonst würden darauf junge Bäume wachsen«, sagte Debbie.
»Du meinst, die sind alle fast gleichzeitig gestorben? Und die Frau und das Baby waren die letzten Überlebenden?«, fragte Sadlair.
»Aber warum liegt sie nun mit gebrochenem Arm in einer anderen Hütte als das Kind?« Debbie schüttelte den Kopf.
Schließlich kamen sie zu der Stelle, wo Youngi übernachtet hatte. Das Zelt war da, von dem Pygmäen keine Spur. Verwirrt schauten sie sich um.
»Meint ihr, er hat sich verlaufen?«, fragte Debbie.
EyTee schüttelte den Kopf. »Kann ich mir nicht vorstellen.«
In der Baumkrone über ihnen rief ein Zwergbartvogel. Es war einer der wenigen Vögel, die Sadlair erkannte. Die Tiere sangen nicht, sondern gaben ein typisches Ticken von sich. Sadlair legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben. »Na, hast du gesehen, was hier passiert ist?«, fragte er leise. Debbie sah ihn skeptisch von der Seite an. Er senkte den Blick. Das Laub unter seinen Füßen war dunkel und feucht. Dunkler als das übrige Laub. Und es wimmelte dort von besonders vielen Ameisen. Er bückte sich, tupfte auf eines der glänzenden Blätter und betrachtete seine Fingerkuppe. Sie war braunrot. Aber nicht so wie die Erde.
»Schaut mal her.« Er hielt den anderen seinen Finger unter die Nase.
»Blut?«, entfuhr es Boonstra.
»Und es kann erst nach dem Regen gestern Nacht hierhergekommen sein.«
»Augenblick. Ihr denkt doch wohl nicht … Das kann doch von sonst wo herstammen«, protestierte EyTee, aber er klang so unsicher, wie Sadlair sich fühlte. »Irgendein Tier, das ein anderes Tier hier getötet hat.«
»Gibt es hier Krokodile?«, fragte Boonstra. Er starrte in das dämmrige Gewirr aus Baumstämmen, Stelzenwurzeln, Stauden, Blumen und Lianen um sie herum.
»Doch nicht in diesen flachen Schlammlöchern«, sagte Sadlair. Er stützte sich auf den Oberschenkeln ab und seufzte. »Aber es gibt hier Pythons.«
»Youngi lässt sich doch nicht von einem Python fressen«, sagte Boonstra empört.
»Leute«, rief Debbie. »Was machen wir denn jetzt?«
»Das klärt sich sicher auf«, sagte EyTee. »Ich meine, es gibt ja nicht viele Möglichkeiten.«
»Vielleicht ist er zu Gaines und Baya zurück«, schlug Boonstra vor.
»Wieso das denn?«, fragte Debbie.
Boonstra zuckte mit den Achseln. »Dass er in den Dschungel hineingerannt ist, ist doch genauso unwahrscheinlich, oder nicht?« EyTee blickte in die Runde. »Ich würde vorschlagen, einer von uns geht den Weg zurück zu Gaines, und wir anderen suchen in Gottes Namen hier den Wald ab. Irgendwo muss er ja stecken.«
»Aber bis zu Gaines sind es sechs Stunden hin und zurück«, sagte Boonstra.
»Hast du eine bessere Idee?« EyTee setzte sich auf einen umgestürzten Baum. Dann zog er seine Pfeife aus einem Plastikbeutel, stopfte sie und rauchte, während sein Team verwirrt um ihn herumstand.
»Ich gehe zurück zu Gaines«, sagte Sadlair schließlich.
EyTee nickte. »Okay.« Er blickte sich um. »Und wir suchen hier weiter.«
Gegen Mittag kam Sadlair zu der Steilwand, wo sie hinabgestiegen waren. Das Seil hing noch dort. Allerdings war der Stein heruntergefallen, mit dem Boonstra es fixiert hatte. Das Ende baumelte kurz über dem Boden. Youngi war also tatsächlich hier gewesen und hinaufgeklettert. Den oberen Rand der Klippe konnte Sadlair durch den Dunst nicht erkennen.
»Hey, Gaines«, rief er. Ein Schwarm schwarzer Haubenperlhühner flog gackernd aus den Bäumen hinter ihm auf. Oben blieb es ruhig. Ein riesiger, purpurner Schmetterling schwebte über den Blumen um seine Stiefel und senkte den Rüssel in die Blütenkelche. Er musste hinaufklettern, wenn er sichergehen wollte, dass Youngi zurückgekehrt war. In Filmen sah das so einfach aus. Aber ohne Sicherung und gezwungen, sich allein auf die Kraft und Ausdauer seiner Arme und Hände zu verlassen, war der Aufstieg mühsam. Immer wieder ruhte sich Sadlair auf den Vorsprüngen aus. Und immer wieder rief er Gaines’ Namen. Aber er bekam keine Antwort.
Endlich hatte er die obere Kante erreicht. Eine helfende Hand wäre jetzt gut gewesen.
»Gaines«, rief er erneut. Wieder flogen Vögel kreischend aus einer Baumkrone auf. Dann eben nicht, dachte Sadlair und wuchtete sich nach oben. Er blieb einen Augenblick liegen, um Luft zu holen. Als er sich aufrappelte, erwartete er, das Zelt von Gaines und Baya zu sehen. Aber da war nichts. Verwirrt schaute er sich um. Der Boden senkte sich von der Klippe weg sanft hinunter in den Sumpfwald. Zwischen den Bäumen zu seiner Linken entdeckte er schließlich das Zelt. Es lag flach auf dem Boden. Sadlair hob die Plane an. Gaines’ Rucksack und Bayas Machete befanden sich darin.
Sadlair legte die Hände trichterförmig an den Mund und brüllte noch einmal Gaines’ Namen. Sollte er suchen? Aber wo? Er setzte sich auf die Zeltplane. Waren die zwei überfallen worden? Hier herrschte kein Bürgerkrieg. Einheimische, die sich an Besuchern hätten bereichern wollen, gab es auch nicht.
Sadlair verstand es nicht. Sollte er warten, bis Gaines und Baya wieder auftauchten? Wenn sie wieder auftauchten. Was denn sonst, dachte er. Natürlich werden sie zurückkommen. Er wartete eine Stunde und kämpfte mit einem Schwarm Stechfliegen. Eine Affenfamilie traf sich in den nahen Bäumen und beschimpfte ihn aus sicherer Entfernung. Sadlair beobachtete die Grauwangenmangaben eine Weile. Es blieb ihm wohl nichts übrig, als zu den anderen zurückzukehren. Er überprüfte den Knoten, mit dem das Seil am Baum befestigt war. Dann stapfte er zum Rand des Kraters. Der Nebel zog sich langsam ins Tal zurück.
Zum zweiten Mal stieg Sadlair in den Krater hinab. Auf halber Höhe blieb er auf einem der Vorsprünge stehen und legte eine Pause ein. Er blickte hinunter ins Tal. Etwa zehn Meter von der Stelle entfernt, wo das Seil über dem Boden baumelte, lag etwas zwischen den Sträuchern. Die Farbe erinnerte ihn an etwas. Natürlich. Gaines’ khakifarbene Weste, über die er sich wegen der Safari-Anmutung immer lustig gemacht hatte.
Sobald Sadlair den Boden erreicht hatte, kämpfte er sich durch die kniehohen, dichten Blumen hinüber zu den Sträuchern. Und dort lag nicht nur Gaines’ Weste.
Ameisen krabbelten über Gaines’ Augen, in seine Nasenlöcher und in seine Ohren. Sadlair beugte sich über ihn. Seine Hände zitterten, als er Wangen und Hemd berührte. Gaines musste hinuntergestürzt sein. Er lag auf einem Steinbrocken, der ihm das Genick gebrochen hatte. Sicher war er sofort tot gewesen. Sadlair blieb eine Weile hocken und versuchte zu begreifen, was passiert war. Dann wandte er sich ab, setzte sich auf einen der Findlinge am Fuße der Klippe und stützte den Kopf in die Hände. Warum war Gaines hinabgestürzt? Was hatte er am Rand der Klippe zu suchen gehabt? Und wo war der zweite Führer, Baya?
Sadlair sprang auf. »Baya«, brüllte Sadlair. »Baya.« Die Wand warf seine Schreie zurück, das Echo verklang dumpf in der dichten Vegetation. Er hörte die Verzweiflung in der eigenen Stimme und verstummte. Auch der Wald um ihn herum war still geworden.
Er blickte wieder zu Gaines. Insekten schwirrten um die Leiche. Sadlair zwang sich, erneut hinüberzugehen. Er schloss dem Toten die Augen und versuchte, einen Zipfel der Weste über Gaines’ Gesicht zu legen. Aber der steife Stoff rutschte immer wieder herunter. Ein Schweißtropfen fiel von Sadlairs Kinn auf die Lippen des Toten. Sadlair hielt inne und wischte mit seinem großen Stofftaschentuch über den Mund der Leiche. Er schaute ratlos auf das Tuch in seiner Hand und bedeckte schließlich damit das Gesicht.
Vom Wald klang ein scharfes Knacken herüber. Sadlair sprang auf. »Baya?« Es blieb still. Er machte einige Schritte in Richtung Wald. Doch dann setzte er sich erneut auf den Stein und versuchte, sich zu beruhigen. Nachzudenken. Eines war klar: Die Expedition war vorbei. Er sollte zu den anderen zurückkehren. Wie in Trance schlich er hinüber zum Pfad. Vom Waldrand aus blickte er noch einmal zurück. Von hier war Gaines nicht mehr zu sehen. Voller Schuldgefühle machte er sich auf den Weg.
Als Sadlair nach etwa drei Stunden die Stelle erreichte, wo Youngi übernachtet hatte, war von seinen Kollegen nichts zu sehen.
»EyTee!«, brüllte er in den Wald hinein. »Boonstra! Debbie!«
Wieso waren die nicht hier? Er wollte nicht allein sein. Er musste ihnen von Gaines erzählen. »Wo seid ihr, verdammt noch mal?«
Wütend warf er seine Baseballkappe auf den Boden. Dann schüttelte er den Kopf. Unterwegs hatte er ständig das Bild von Gaines’ Gesicht und den Ameisen darauf vor Augen gehabt. Mehrmals wäre er beinahe umgekehrt, um sich zu vergewissern, dass er sich das nicht eingebildet hatte. Und er hatte gehofft, es würde besser, wenn er wieder mit den anderen zusammen wäre. Er musste irgendetwas tun. Sich mit etwas beschäftigen. Er nahm eine Blechtasse und den Gaskocher aus Youngis Rucksack und kochte einen Kaffee.
Vielleicht hätte er …
In der Ferne hörte er einen Schlag. Jemand bahnte sich mit einer Machete einen Weg durch den Dschungel. Sadlair sprang auf und ging dem Geräusch entgegen. Debbie tauchte auf, gefolgt von EyTee und Boonstra. Die beiden Männer zerrten etwas Schweres hinter sich her. Dann sah Sadlair Youngis Kopf, der leblos von einer Seite zur anderen baumelte. Sie legten ihn erschöpft am Zeltplatz ab. Sadlair blickte auf Youngis Leichnam hinunter. »Was ist passiert?«, fragte er leise.
EyTee nahm seinen breitkrempigen Hut ab und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Wir haben ihn einige Hundert Meter von hier, im Sumpf, gefunden«, antwortete er ebenso leise.
»Wir müssen uns ihn genauer ansehen«, sagte Boonstra. Der junge Student wirkte wie um Jahre gealtert. Vorsichtig drehten sie den Toten auf den Rücken. Nasser, rötlicher Lehm bedeckte den Pygmäen. Seine Kleidung war zerrissen, sein Körper mit Wunden übersät.
Erst Gaines, dachte Sadlair, nun Youngi. Was passierte hier?
»Meint ihr, das war ein Leopard?«, fragte Debbie.
»Was denn sonst?«, fragte Boonstra. Er rieb sich die Nase.
»Gaines«, begann Sadlair. Er stockte. Nach und nach lösten sich die Blicke, die auf den toten Körper am Boden gerichtet waren. Alle sahen jetzt zu Sadlair.
»Was ist mit Gaines?«, frage Boonstra. »Er …« Sadlair holte Luft. »Gaines ist auch tot.«
Niemand sagte etwas.
»Er ist offenbar die Klippe runtergestürzt.« Plötzlich wurde Sadlair bewusst, dass er noch immer seine Tasse mit Kaffee in den Händen hielt. Er ging einen Schritt zur Seite und kippte die Flüssigkeit in den Wald.
»Und was ist mit Baya?«, fragte Debbie.
Sadlair schüttelte den Kopf. »Er war nicht da.«
»Du bist zu ihnen raufgeklettert?«, fragte EyTee.
Sadlair nickte. »Das Zelt war zusammengefallen. Die Rucksäcke waren noch drin. Ich habe gewartet. Aber dann bin ich irgendwann wieder runtergeklettert. Und dabei habe ich ihn entdeckt. Gaines meine ich.«
»Was hast du gemacht?« Debbie sah ihn aus verweinten Augen an.
»Was meinst du wohl? Ich bin hierhergekommen.« Sadlair hob seine Baseballkappe auf. »Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte.«
EyTee hob die Hände. »Schon gut. Das überlegen wir jetzt zusammen.«
»Wie lange dauert es noch, bis es dunkel wird?«, fragte Boonstra.
Die Sonne war bereits hinter dem Waldrand verschwunden. EyTee blickte auf die Uhr. »Nicht lange genug, um unsere Sachen hier zu packen und das Tal zu verlassen.«
»Verdammt, was machen wir denn jetzt?« Debbies Stimme zitterte. In ihren Augen standen immer noch Tränen.
»Wir … keine Ahnung«, stotterte EyTee. »Am besten, wir kehren in das Dorf zurück, in die Hütten. Und dann rufen wir über das Satellitentelefon Hilfe.«
»Hier bringt etwas Leute um.« Boonstra ging zu Youngi hinüber und zeigte auf den Toten, als hätte er ihn gerade erst entdeckt. Auf seinen Wangen hatten sich rote Flecken gebildet. »Irgendwas bringt hier Menschen um.«
Gleich fällt er in Ohnmacht, dachte Sadlair.
»Ich denke, die beste Idee ist wirklich, wir übernachten hier. Morgen sehen wir dann weiter.« EyTee war bemüht, ruhig zu klingen, aber alle hörten die Unsicherheit in seiner Stimme.
»Und was machen wir mit Youngi?«, fragte Debbie. Sadlair richtete sich auf. »Boonstra«, forderte er den Studenten auf. »Hilf mir, ihn in die Zeltplane zu wickeln. Wir nehmen ihn mit ins Dorf. Vielleicht lässt sich morgen ein Hubschrauber organisieren, der ihn und Gaines abholt.«
»Und uns«, rief Boonstra. »Ich bleibe keinen Tag länger in diesem Dschungel.« Sadlair nickte.
In der am besten erhaltenen Hütte wollten sie übernachten. Das Dach und alle Löcher besserten sie aus, so gut es ging. Die Tür verrammelten sie mit einigen Dachsparren aus der Nachbarhütte. Dann hatten sie zwei Zelte aufgebaut. Jetzt saßen sie auf kurzen Holzbalken auf dem Boden. An der Decke hing die Sturmlampe, um die Mücken und Motten flatterten. Boonstra kam aus einem der Zelte und trat in den Lichtkegel. »Bargh organisiert einen Hubschrauber. Aber er konnte nicht sagen, bis wann. Er muss die Armee um Hilfe bitten.« Er blickte sich in der Hütte um. »Ein Leopard kommt hier sicher nicht rein?«
»Wir sind hier drin sicher.« Wie um seine Behauptung zu betonen, klopfte EyTee seine Pfeife aus und zog sich in sein Zelt zurück. Boonstra blickte ihm nervös hinterher. »Ich glaube, ich bleibe wach und passe auf.«
»Mach das, wenn du meinst«, sagte Sadlair. »Ich gehe auch schlafen.« Debbie schloss sich ihm an.
Es war Debbie, die Sadlair weckte. Ihr Mund war so dicht an seinem Ohr, dass er ihren Atem auf der Haut spürte.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Bitte wach auf.«
»Ich bin wach.« Er drehte sich auf den Rücken. »Was ist denn los?«
»Ich muss mal«, antwortete Debbie. »Ich habe versucht, es aufzuschieben, aber es geht einfach nicht mehr. Und ich will ganz bestimmt nicht allein rausgehen«, flüsterte sie. Die Sturmlampe brannte noch. Sadlair richtete sich auf und tastete nach seiner Taschenlampe, während Debbie den Reißverschluss des Moskitonetzes öffnete und hinausschlüpfte. Auf dem Boden vor dem Zelt lag Boonstra und schlief. Seine Hände und sein Gesicht waren völlig zerstochen, ebenso seine Knöchel zwischen Socken und Hose. Sadlair nahm sein Mückenspray und trug es vorsichtig auf die Haut des Studenten auf. Der Student schnaubte, schlief aber weiter. Unterdessen hatte Debbie die Dachsparren vor der Tür beiseitegeräumt und verließ die Hütte. Sadlair folgte ihr. Der Mond stand über der Lichtung und tauchte alles in ein silbrig-blaugraues Licht. Ein feiner Nebelschleier lag auf dem Gras und dämpfte das Zirpen der Zikaden. Debbie ging um die nächste Hütte und bat Sadlair, an der Ecke zu warten.
Hinter einer Hütte hörte Sadlair ein leises Kratzen. Es war nicht die Hütte, hinter der Debbie verschwunden war. Er schaute angestrengt hinüber. Es war die Hütte, in der sie Youngis Leiche abgelegt hatten. Ein Knirschen ließ ihn herumfahren. Debbie war zurück.
»Ich …«, begann die Studentin, aber er hob den Finger an den Mund. Erneut war ein leises Kratzen zu hören. Sadlair schaltete die Taschenlampe an, richtete den Strahl jedoch auf den Boden. Etwas schnüffelte an der Rückseite der Hütte. Langsam folgte Sadlair dem Geräusch. Vor ihm stand ein Tier, schwarzgefleckt und -gestreift. Es hatte kurze Beine, einen dicken Schwanz und war nicht größer als ein Hund. Eine Zibetkatze. Sie fuhr zusammen und rannte davon. Erleichtert drehte Sadlair sich um.
Der Lichtkegel seiner Lampe fiel zufällig auf die niedrigen Sträucher neben der Hütte. Zwei helle Lichtpunkte strahlten aus einem Gewirr der Äste und Blätter zurück. Dann glitt etwas Großes nahezu geräuschlos an Sadlair vorbei, jagte mit eleganten Sprüngen durch den Nebel und verschwand im Wald.
Sadlairs Herz hatte kurz ausgesetzt, jetzt stieß er erleichtert die Luft aus, während Debbie stocksteif dem Schatten hinterherstarrte.
»Was war das?«, flüsterte sie.
»Ein Leopard.« Dankbar tätschelte Sadlair die Lampe in seiner Hand.
»Dann wissen wir jetzt, wer Youngi getötet hat?«
Vermutlich wussten sie das jetzt. Die Frage, warum der Leopard den Pygmäen gerissen, dann seine Beute aber einfach liegen gelassen hatte, verkniff er sich.
»Ein Leopard.« EyTee schaute nachdenklich in die Wolken, die sich vor der morgendlichen Sonne zusammenballten. »Wir müssen uns also ab der Dämmerung in der Hütte verschanzen. Aber am Tage brauchen wir keine Angst zu haben.«
Sadlair nickte. Die nächtliche Begegnung war nach dem grauenhaften Fund von Youngis Leiche, der Nachricht von Gaines’ Tod und Bayas Verschwinden etwas … Handfestes. Youngi war nicht mehr das Opfer einer nicht fassbaren Bedrohung, sondern eines Wesens aus Fleisch und Blut – mit Angst vor Taschenlampen.
Boonstra kam mit dem Satellitentelefon in der Hand herüber. »Bargh hat einen Hubschrauber. Er hofft, dass der uns alle aufnehmen kann. Aber vor morgen Mittag sollen wir nicht mit ihm rechnen.«
»Wir müssen also noch einmal übernachten«, stellte Debbie fest.
»Wir sollten Gaines hierherholen«, schlug Sadlair vor. »Hier kann der Hubschrauber landen.«
Die Stelle, wo Gaines gelegen hatte, war deutlich zu erkennen. Die vom Gewicht des Körpers niedergedrückten Pflanzen richteten sich langsam wieder auf, ihre Blätter zeigten hier und dort rötliche Flecken. Gaines war fort. Aber noch bevor Sadlair etwas sagen konnte, hatte Boonstra den Toten entdeckt. Etwa 15 Meter entfernt hatte sich eine Wolke aus Insekten gebildet. Boonstra ging hinüber.
»Mein Gott«, sagte er. »Etwas hat ihn angefressen.« Er drehte sich zur Seite und übergab sich.
EyTee näherte sich langsam dem Toten. »Uns bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu bergen.« Er trat einige Schritte zurück und blickte hinauf zum Klippenrand. »Wir sollten Gaines’ Sachen holen und ihn in seine Zeltplane wickeln. Das ist wohl das Beste«, sagte er zu sich selbst. Dann rief er nach Boonstra.
»Wie sieht es mit deinen Kletterkünsten aus?«, fragte er und deutete auf das Seil. Boonstra kam herüber. »Was soll ich denn da oben?«
»Hol die Sachen von Gaines und Baya. Wir wickeln Gaines in die Zeltplane.«
Der Student nickte, packte das Seil und zog sich zügig Hand um Hand hinauf.
Sadlair schaute ihm zu und rieb sich die Bartstoppeln, die seit vier Tagen ungehindert aus seinen Wangen sprossen. Boonstra verschwand über den Rand der Klippe.
»Irgendeine Spur von Baya?«, rief EyTee hinauf.
»Nein«, tönte es von oben. Die Rucksäcke und die Zeltplane flogen herab. Dann hing Boonstra schon wieder am Seil und beeilte sich, zurückzukehren.
»Debbie, Boonstra, kommt«, forderte Sadlair die Studenten auf. Er vermied es, einen genauen Blick auf Gaines zu werfen. Er wollte nicht sehen, was die Tiere in der Nacht getan hatten. Deshalb warf er, sobald er sich der Leiche genähert hatte, die Zeltplane darüber. Dann schob er zusammen mit Boonstra und Debbie die Plane unter den Körper und verschnürte ihn mit den Riemen.
Gaines Leiche stank bereits nach Verwesung. Sadlair atmete durch den Mund, griff nach einem Zipfel der Plane und zog Gaines zum Pfad hinüber. EyTee betrachtete das Bündel mit zusammengepressten Lippen.
»Ich schlage vor, wir binden ein Band um seinen Körper und ziehen ihn hinter uns her. Dann müssen wir ihn nicht tragen«, sagte Sadlair. EyTee nahm seine Pfeife und begann, sie mit zitternden Fingern zu stopfen. Als er den Tabak anzündete, roch es nach Kirschen. Der Duft mischte sich mit dem Geruch der Blüten und der Verwesung. Sadlair wusste nicht, ob man auch von Gerüchen träumen konnte. Aber dieser Geruch war eine Mischung für Albträume.
Boonstra holte ein Taschenmesser heraus, löste die Nylonseile von Gaines’ Zelt und verknüpfte sie zu einem Seil. Gaines’ Füße schauten aus der aufgerollten Zeltplane heraus. Boonstra band das Seil darum. Dann sprang er auf, um sich erneut zu übergeben. EyTee knotete Schlaufen in das andere Seilende, sodass zwei Personen gleichzeitig daran ziehen konnten.
»Kann es losgehen?«, fragte Sadlair.
EyTee blickte ihn durch eine Rauchwolke seiner Pfeife nachdenklich an. »Das wird eine ziemliche Plackerei, sagte er heiser. »Lass uns noch ausruhen.«
Eine Stunde später waren sie unterwegs. Es war mühselig, Gaines’ Leiche zu schleppen. Sie wechselten sich ab, aber bis zum Nachmittag hatten sie erst die Hälfte des Weges geschafft.
Boonstra stöhnte. »Kommen wir überhaupt an, bevor die Sonne untergeht?«
Debbie schaute ihn erschrocken an. EyTee blickte auf seine Uhr. »Ja, wenn wir uns beeilen«, sagte er. Sadlair marschierte am Anfang des »Leichenzugs«, wie er die Kolonne insgeheim nannte. Als EyTee nach ihm rief, kehrte er um und übernahm zusammen mit ihm das »Geschirr«. Gaines’ rechte Hand war aus der Plane gerutscht. Die toten Finger krümmten sich, als würden sie versuchen, sich am Boden festzuhalten. Fliegen surrten um die Plane herum, Dutzende hatten sich auf der toten Hand niedergelassen. Als EyTee und Sadlair an der Leiche zogen, flogen die Insekten auf und schwebten hinter Gaines her wie eine lebendige Fahne.
Eine Stunde später wechselten sich die beiden wieder mit Debbie und Boonstra ab. EyTee blickte auf die Uhr. Es war der dritte Blick innerhalb der letzten zwanzig Minuten, schätzte Sadlair. Es würde nicht mehr lange dauern bis zur Dämmerung.
»Noch eine Viertelstunde.« Sadlair versuchte, optimistisch zu klingen.
EyTee kratzte sich am Hals. »Und genauso lange bleibt es auch noch hell.«
Der Weg wand sich in etlichen Kurven durch die Stauden und Baumstämme. Sadlair und EyTee bemerkten nicht, dass die beiden Studenten mit der Leiche immer mehr zurückblieben. Fast 50 Meter lagen schon zwischen ihnen. Jetzt wurde es schnell finster. Sie erreichten gerade Youngis Zeltplatz, als sie einen Schrei hörten.
»Das war Debbie«, rief EyTee und rannte los. Sadlair sah ihm entsetzt hinterher. Dann folgte er ihm.
»Debbie! Pass auf! Da … renn doch!« Boonstras Stimme überschlug sich.
Dann hörte er Debbie schreien. »Was soll denn das! Geh weg! Heeee …«
Ihre Stimme brach abrupt ab.
»Debbie!« Wieder brüllte Boonstra verzweifelt. Dann standen Sadlair und EyTee vor der Zeltplane mit Gaines’ Leiche. Boonstras Baseballmütze lag auf dem Weg. Ein großer, gelb gestreifter Schmetterling saß darauf und schlug langsam mit den Flügeln.
EyTee zeigte auf etwas in einer der Schlammpfützen, das Sadlair für ein großes Stück Holz gehalten hatte. Aber es war kein Holz.
Debbie lag auf dem Rücken, an einen umgestürzten Baumstamm gelehnt, Arme und Beine von sich gestreckt, halb im Wasser. Sadlair griff nach ihrem Arm. Die Studentin öffnete die Augen und schreckte vor ihm zurück. »Debbie, ich bin es«, sagte Sadlair. Sie stand auf und zeigte in den Dschungel hinein, ohne ein Wort herauszubringen.
»Saaaaadlair!« Boonstras Stimme klang aus der Ferne herüber. Er musste in Richtung Süden in den Wald gelaufen sein. Ohne nachzudenken, rannten Sadlair und EyTee los. Wasser und roter Schlamm spritzten um ihre Füße. Nach wenigen Metern geriet Sadlair in ein Dickicht von Stauden. Die dünnen Äste peitschten ihm schmerzhaft ins Gesicht und brachten ihn zur Besinnung. So geht das nicht, dachte er. Neben ihm drang EyTee durch das Unterholz.
»He«, schrie er. »So haben wir uns in einer Sekunde verlaufen.« EyTee blieb stehen und blickte ihn mit rot unterlaufenen Augen an. Er sah aus wie ein Stier, der jemanden auf die Hörner nehmen wollte. Dann schnaubte er und richtete sich auf. »Verdammt«, fauchte er. »Was sollen wir machen?« »Debbie«, rief Sadlair.
Als sie antwortete, fand Sadlair die Orientierung wieder. Sie liefen zurück. Debbie stand am ganzen Leibe zitternd bei der Leiche von Gaines. Wieder wollte sie etwas sagen, brachte jedoch keinen Ton heraus.
»Sadlair!« Sie hörten Boonstras Stimme nur noch leise. »Maaaaaa …«
Sadlair ballte in hilfloser Wut die Fäuste. Plötzlich verwandelten sich die Rufe in eine Reihe kurzer, abgehackter Schreie. Dann war es still.
Inzwischen war es so dunkel, dass sie vielleicht noch zehn Meter weit in den Wald hineinsehen konnten. Der Pfad dagegen lag deutlich vor ihnen.
Sadlair war in die Hocke gegangen, die Fingerspitzen am Boden. Langsam richtete er sich auf. »Wir sollten sehen, dass wir ins Dorf kommen«, flüsterte er.
EyTee fasste Debbie unter den Arm und sie gingen los. Sie kamen bis zur kleinen Lichtung.
Sadlair hätte nicht sagen können, wie groß das Wesen war. Er hätte nicht sagen können, ob es tatsächlich ein Leopard war. Aber es nahm offenbar den direkten Weg durch den Dschungel auf sie zu.
»Schnell«, schrie er. »Zur Hütte.«
Sie rannten los. Sadlair spürte, wie der kleine Beutel, den er sich auf den Rücken geschnallt hatte, von einem Schulterblatt zum anderen hüpfte. Darin befand sich die Taschenlampe. Die Lampe, mit der er den Leoparden verjagt hatte.
Sie hatten die große Lichtung fast erreicht.
Sadlair spürte die Nähe des Wesens. Ungelenk versuchte er den Rucksack abzunehmen, ohne dabei an Tempo zu verlieren. Als er den Beutel endlich in den Händen hielt, hatten sie das Dorf fast erreicht. Es waren nur noch wenige Meter. Ein heftiger Stoß brachte Sadlair aus dem Gleichgewicht. Er stolperte und landete auf Händen und Knien. Etwas drückte ihn zu Boden. Die Luft entwich aus seiner Lunge. Er hörte es knacken. Waren das seine Rippen? Dann flog ein Schatten über ihn weg. Er blickte auf. Debbie und EyTee hatten die Hütte fast erreicht. EyTee wollte nach der Tür greifen, als der Schatten ihn erreichte. Sadlair hörte Schreie. Debbie. Der Schatten ließ von EyTee ab und sprang sie an.
Sadlair war wieder auf den Füßen, die Taschenlampe in der Hand.
»Heeeeee, du Arschloch«, brüllte er. In dem Moment, als das Wesen sich zu ihm drehte, schaltete er die Taschenlampe an. EyTee nutzte die Gelegenheit und öffnete die Tür.
Nun stand das Wesen in voller Größe vor Sadlair. Das, dachte er, ist eindeutig kein Leopard. Debbie und EyTee krochen vorsichtig in die Hütte. Und, dachte Sadlair, dieser Gegner lässt sich nicht von einer Lampe verjagen. Plötzlich war die Angst verflogen. Er war nur noch wütend.
»Du Arschloch.« Schwarze Augen starrten ihn an. Dann holte Sadlair mit der Lampe aus und schlug sie gegen den Schädel des Wesens. Es taumelte ein Stück zur Seite – und dann ging die Lampe aus.
Sadlair wusste nicht, wo sich die Hütte befand. Da war der Mond. Langsam gewöhnten sich seine Augen wieder an die Dunkelheit. Er sah die Tür. Und davor stand das Wesen.
Das ist gar nicht gut, dachte Sadlair, das war es dann wohl. Er richtete sich zur vollen Größe auf, trommelte sich auf die schmerzende Brust, wie er es bei Gorillas gesehen hatte, und brüllte seine Wut und Verzweiflung hinaus. Das Wesen rannte ihn um und sprang auf seine Brust. Wieder knackte es, und ein scharfer Schmerz durchfuhr ihn. Ein kurzer Blitz, dann verlor er die Besinnung.
Er hätte nicht die Abkürzung durch den Englischen Garten nehmen sollen. Nicht um diese Uhrzeit, nicht durch diesen Teil der Anlage. Und nicht bei diesem Wetter. Es war still. Und es war dunkel. Nur hin und wieder sah man den Mond, rund und hell zwischen den grauen Wolkenschleiern. Er tauchte den Nebel, der aus den Wiesen stieg, in blasses, bläuliches Licht. Kein Stern war zu sehen. Aber auf dieser Strecke brauchte er bis nach Hause erheblich weniger Zeit. Zeit, die darüber entscheiden konnte, ob seine Frau seine Lügen glauben würde.
Der Wind wehte den Verkehrslärm vom Isarring herüber. Er nahm die Brücke über den Oberstjägermeisterbach. Es raschelte in den Büschen. Nur ein kleines Tier. In der Ferne konnte er die Lichter der Studentenstadt sehen. Noch etwa dreihundert Meter bis zur Osterwaldstraße mit ihren hellen Laternen. Hier dagegen wurde es noch finsterer.
Seine Frau war nicht besonders eifersüchtig. Er selbst war da schlimmer. Aber sie würde sich Sorgen machen und zu Recht wissen wollen, wo er so lange geblieben war. Die Wahrheit konnte er ihr schlecht sagen. Obwohl … er wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn herauskam, dass er sie betrog. Vielleicht wäre sie ganz ruhig. Würde sich über ihn lustig machen und die Sache vergessen. Oder – und das schien ihm wahrscheinlicher – sie würde die Koffer packen und ihn verlassen. Oder seine Koffer packen und vor die Tür stellen. Verdammter Mist. Wieso hatte er nicht früher auf die Uhr geschaut? Der Wind fuhr ihm unter die Trainingsjacke. Er zog die Ärmel über die Handgelenke und schloss den Reißverschluss.
Etwas streifte seinen Kopf. Er erschrak. Es hatte sich angefühlt, als würde jemand nach ihm greifen. Nur ein tiefhängender Ast. Die Blätter waren feucht. Er fühlte nasse Streifen auf der Wange. Noch etwa 150 Meter trennten ihn von der Stelle, wo der Weg in die Schwedenstraße mündete.
War da ein Tier, das sich in den Büschen bewegt hatte? Er lauschte angestrengt in die Finsternis. Nichts. Er ging langsam weiter. Nach einigen Schritten hörte er erneut ein Geräusch, diesmal direkt vor ihm. Ein leises Zischen. Eine Katze? Erneut blieb er stehen, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, und horchte. Nach einer halben Minute kam er zu dem Schluss, dass er sich getäuscht hatte.
Mit lautem Krachen brach es durch das Unterholz. Er fuhr zusammen und ging in die Hocke. Doch der Schatten verschwand sofort wieder im Nebel. Er hatte es keuchen gehört.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Da war ein leises Röcheln. Er konnte sich nicht bewegen. Nach einer Weile wurden die Konturen der Sträucher schärfer, er sah einzelne Zweige. Etwas funkelte dort. Er bekämpfte seine Angst und ging hinüber. Aus dem Gras drang Feuchtigkeit in seine Schuhe. Um den kleinen, hellen Punkt am Boden erkannte er eine Hand. Ein schmaler Ring an einem Finger spiegelte das Licht der fernen Straßenlaternen wider.
Sein Magen füllte sich mit kaltem Glas. Jemand lag unter dem Strauch. Der Körper einer Frau. Ihre Kleidung war nur noch Fetzen. Er drehte sich zur Seite und übergab sich in die Büsche.
Blaues Licht, der nasse Asphalt schimmerte kalt. Fünf Streifenwagen standen dort, wo der Spazierweg durch den Englischen Garten in die Schwedenstraße mündete, außerdem eine Ambulanz und der Tatortbus, mit dem die Spurensicherung gekommen war.
Thomas Born ließ den Wagen ausrollen und zog die Handbremse an. Es hatte während der Fahrt erneut angefangen zu nieseln. Der Kriminalbeamte schlug den Kragen seiner Jeansjacke hoch und knöpfte sie zu.
»Habe ich schon gesagt, dass ich Bereitschaftsdienst hasse?«, fragte Bernd Adam vom Beifahrersitz und gähnte. Der Kriminaloberkommissar stieg aus und schlug die Autotür zu.
»Dreimal in der letzten Viertelstunde«, antwortete Born leise und schwang sich vom Fahrersitz. Ein Streifenpolizist zog ein Absperrband quer über den Spazierweg.
»Guten Morgen«, begrüßte er die zwei Beamten der Mordkommission. »Wir haben eine weibliche Leiche.«
Born verzog das Gesicht. Ein guter Morgen mit einer Leiche?
»Sie ist offenbar überfallen worden und aufgrund einer schweren Halsverletzung verblutet«, fuhr der Streifenbeamte fort. »Der Erkennungsdienst ist schon da.« Der junge Beamte kratzte sich unter seiner Mütze. »Wir waren als erste da und haben nichts angerührt.«
»Ist das für Sie das erste Mal, dass Sie den Erstzugriffsbeamten spielen?«, knurrte Adam ihn an. »Erstens kann eine Leiche nicht an einer Halsverletzung verbluten. Eine Leiche ist nämlich schon tot. Zweitens haben Sie natürlich nichts angerührt.« Er schaute den Streifenbeamten scharf an. »Oder vielleicht doch?«
Der junge Kollege stand verdutzt im Regen und warf Born einen scheuen Blick zu. Born nickte lächelnd. »Scheißwetter, was? War ein Notarzt bei der Leiche?«
»Ja. Er hat nur einen Blick auf die Tote geworfen, den Puls gemessen und sie für tot erklärt.«
Aus der Parkanlage kam ein älterer Kollege.
»Scheißwetter, was?« Der Polizist strich sich über den Kaiser-Wilhelm-Bart und stellte sich als Außendienstleiter West vor. Demnach war er einer der drei für die Einsätze der Funkwagen in ganz München verantwortlichen Beamten. Die zwei weiteren Bereiche waren Mitte und Ost. Der Mann fummelte an einem Funkgerät herum, aus dem laute Störgeräusche krachten. Dann reichte er den Kriminalbeamten den vorläufigen Totenschein, den der Arzt bereits ausgefüllt hatte. »Zehn Erstzugriffsbeamte sind schon im Einsatz. Wir haben weiträumig abgesperrt und begonnen, die nähere Umgebung zu überprüfen.«
»Ist der Leichenschauer schon da?«, fragte Born.
»Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst haben das Gerichtsmedizinische Institut angerufen. Ein Professor Alfieri ist offenbar unterwegs.«
Früher war bei unklaren Todesursachen oder Mordfällen lediglich ein Arzt als Leichenschauer gerufen worden. Inzwischen kam grundsätzlich ein Mediziner des Bereitschaftsdienstes am Gerichtsmedizinischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität an einen Tatort. Aber dass gleich ein Professor kam, klang ungewöhnlich, dachte Born.
»Wer ist die Tote?«, fragte er.
»Regine Schmidt«, antwortete der Außendienstleiter. »Laut Ausweis 38 Jahre alt. Wohnt in der Heimstättenstraße beim Nordfriedhof.« Ihr älterer Kollege sah zu einem Hubschrauber auf, der im Süden in niedriger Höhe den Park überflog. »Den habe ich auch angefordert. Vielleicht spüren die mit ihren Wärmekameras ja den Täter auf.«
»Wer hat sie gefunden?«, mischte sich Adam wieder ein.
»Der Mann heißt Klaus Bogner. War auf dem Weg nach Hause. Er ist dort hinten beim Notarzt und lässt sich aufpäppeln. Das ist aber auch ein scheußlicher Anblick.«
Born blickte zurück zur Schwedenstraße. Neben der Ambulanz gab ein junger Bursche in einer roten Jacke mit gelben Reflektorstreifen einem etwa 40-jährigen Mann im Trainingsanzug gerade eine Spritze. Der Mann zuckte nicht einmal zusammen.
»Sollten wir nicht eine Einsatzhundertschaft anfordern, die die Gegend hier absucht?«, fragte Adam.
»Schon passiert. Und hier kommt der KDD.« Der Außendienstleiter wirkte erleichtert, als sich ein dunkelhäutiger Mann in einer grünen Regenjacke zu ihnen gesellte.
Born wies in Richtung des Notarztwagens. »Ihr habt euch den Zeugen schon angesehen?« Der Kollege vom Kriminaldauerdienst nickte.
»Und hat er was gesagt?«, fragte Adam.
»Dass er hier um die Ecke wohnt und im Park gelaufen ist. Das Opfer hat noch gelebt, als er sie gefunden hat. Jedenfalls will er sie noch röcheln gehört haben. Er hat die Kollegen in der Einsatzzentrale dann mit dem Handy alarmiert.« Der Polizist zückte einen Notizblock. »Das war um 22:23 Uhr. Als wir ankamen, war die Frau eindeutig tot. Und das Gleiche hatten die Erstzugriffsbeamten und der Notarzt zuvor auch schon festgestellt.«
»Kommt er als Täter in Frage?«
»Bei den Verletzungen, die das Opfer davongetragen hat, müsste der Täter voller Blut sein. Aber der Mann da hat keinen einzigen Tropfen Blut an der Kleidung oder den Händen. Der Kerl hat uns mehr Antworten gegeben, als wir Fragen gestellt haben. Er kam offensichtlich von einem Schäferstündchen mit seiner Geliebten.«
»Und wenn er sich vor der Meldung zu Hause umgezogen hat?«
Der Beamte vom KDD zuckte mit den Achseln. »Da müsst ihr seine Frau fragen. Wir haben bei ihr angerufen, um ihr zu erklären, wo ihr Mann bleibt. Klang nicht so, als hätte sie ihn gerade dabei beobachtet, wie er blutige Kleider in die Waschmaschine stopft.« Der Kollege räusperte sich.
»Was gibt’s noch?«, fragte Born, während Adam in den Himmel starrte und Regentropfen in seinen offenen Mund fallen ließ.
»Also, dieser Bogner behauptet, er hätte den Mörder aufgescheucht. Der Täter sei fauchend weggerannt. Seine Worte, nicht meine.«
Born sah den Kollegen überrascht an. »Fauchend?« Er schüttelte den Kopf. »Also wirklich. Und sonst?«
»Wir haben einen Fährtenhund kommen lassen.« Der Kollege zeigte in Richtung Park. »Ihr bekommt dann morgen unseren Bericht«, kündigte er an und verabschiedete sich. Ein weiteres Auto hielt kurz vor der Brücke. Born sah, wie Elisabeth Geyer ausstieg. Die Kriminalhauptkommissarin öffnete einen Regenschirm und kam herüber.
Während Adam Geyer kurz informierte, schaute Born irritiert auf den Bauch der Kollegin. Elli Geyer trug eine dieser Hosen, bei denen der Schneider am Bund zehn Zentimeter Stoff gespart hatte; dazu unter der Jacke ein Top, das den Bauchnabel freiließ. Eine für die Tatortarbeit ziemlich unpassende Kleidung. Besonders bei diesem Wetter. Außerdem, dachte Born, musste Geyer ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein oder eine völlig falsche Selbstwahrnehmung haben, wenn sie mit ihren 80 Kilo solche Sachen trug. Er kannte Geyer noch nicht lange genug, um zu entscheiden, was von beidem zutraf. Er hielt das Absperrband für die beiden Kollegen hoch und folgte ihnen dann in den Park. Links und rechts vom Weg standen Bäume, unter denen sich einige Sträucher ins Gras duckten. Etwa 30 Meter weiter kreuzte einer der vielen schmalen Fußwege, die sich durch den Park schlängelten, den Ernst-Penzoldt-Weg. Dort schnitten Taschenlampen Lichtschneisen in die neblige Dunkelheit. Drei Männer in weißen Schutzanzügen bauten zwischen den Sträuchern, wo offenbar die Leiche lag, ein Zelt auf, ein weiterer hantierte an einem großen Scheinwerfer. Die Beamten von der Mordkommission hielten Abstand, um die Kollegen vom Erkennungsdienst nicht zu stören. Geyer winkte dem Leiter des Teams zu. Der große, hagere Mann unterbrach seine Arbeit und kam herüber.
»Warum muss ausgerechnet ich heute Kapitalbereitschaft haben?«, fluchte er und reichte den drei Neuankömmlingen die Hand. »Ich fürchte, ihr werdet diesmal richtig Spaß haben. Ich habe gleich zwei zusätzliche Kollegen alarmiert und den Tatortbus genommen, als ich die Schilderung des KDD gehört habe.« Er machte eine ausholende Geste. »Ist auch ein ziemlich weiträumiger Tatort, nicht wahr?«
Born überlegte, wie der Mann vom Erkennungsdienst hieß, konnte sich aber nicht daran erinnern, ob er ihm schon begegnet war oder nicht.
»Mein lieber Schwan«, sagte Geyer.
Born erinnerte sich. Schwan. So hieß der Mann tatsächlich.
»Der Täter muss viel Blut abgekriegt haben«, erklärte Schwan. »Vielleicht hat er eine Spur hinterlassen, die uns zu ihm führt wie die Steinchen Hänsel und Gretel aus dem Wald hinaus.«
»Hatte der Kollege vom KDD nicht was von einem Fährtenhund gesagt?«, fragte Born.
»Der ist dort drüben.« Der Außendienstleiter wies in die Richtung, wo sich der Weg nach Norden hin im Dunkeln verlor.
»Und der versucht grad, die Blutspur zu verfolgen, die der Täter hinterlassen haben muss?«
»Richtig.«
»Welcher Staatsanwalt ist Jourbeamter?«, fragte Adam.
»Winnie Puh«, sagte Geyer.
Adam nickte. »Immerhin etwas. Kommt er her?«
»Er bleibt in der Nähe des Telefons. Wir sollen uns melden, wenn wir ihn brauchen«, antwortete Geyer. »Das Gleiche gilt übrigens für den Chef.« Sie schüttelte sich. »Eigentlich müsste Hans ja hier draußen sein, nicht ich.«
Ein Blitzlicht tauchte die Tote in ein grelles, blauweißes Licht, sodass Born die Leiche zum ersten Mal sah. Einer der Erkennungsdienstler stand zwischen den Büschen und fotografierte den Fundort von allen Seiten.
Die Kriminalbeamten näherten sich dem Opfer auf mehrere Meter – vorsichtig, um keine Spuren zu zerstören. Erst wenn die Kollegen vom Erkennungsdienst ihre Arbeit um die Leiche herum abgeschlossen hatten, würden sie das Opfer genauer betrachten können. Doch auch vom Weg aus konnte man einiges erkennen.
Born richtete seine Taschenlampe auf das Opfer. Die Frau lag auf dem Bauch, Arme und Beine von sich gestreckt. Born war erleichtert. Von hier aus konnte er ihren entblößten Unterleib kaum erkennen. Zumindest vorerst würde er ihre Intimsphäre nicht verletzen. Klar, sie war tot. Sie war ein Job. Schwerverletzte gingen ihm näher als die Toten. Schmerz und Leid rührten an. Der Tod verwandelte Menschen in Objekte. Aber er hatte noch immer den Anspruch, die Würde der Toten zu wahren.
Die blanken schwarzen Augen der Leiche glitzerten im Licht der Taschenlampe. Die Kleidung hing zerrissen am Körper der Frau. Jemand hatte versucht, ihr Rock, Jacke, Hemd und Unterwäsche mit Gewalt auszuziehen.
Plötzlich wurde Born von gleißendem Licht geblendet. Die Leute von der Spurensicherung hatten ihre Schweinwerfer eingeschaltet. Ein Summen erfüllte die Luft. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, betrachtete er konzentriert den Tatort. Das Laub unter dem Oberkörper des Opfers war dunkler als in der Umgebung und glitzerte feucht. Eine Blutlache.
Born bückte sich und fuhr erschrocken zurück. Die Kehle der Frau war weit aufgerissen, der Hals zerfetzt. Er wandte den Blick ab und schüttelte sich. Er hatte schon häufig die Folgen von Gewaltverbrechen gesehen, aber das hier …
»Das ist extrem.« Geyer schlang fröstelnd die Arme um ihren Oberkörper und trat einige Schritte von der Leiche zurück. »Unglaublich. Das ist ja wie in einem Horrorfilm.«
Born stimmte ihr zu. »Was war denn das für eine Waffe?«, fragte er.
»Eine Säge?«, vermutete Geyer heiser.
Born schaute sie überrascht an.
»Also, bei so einer Wunde?«, erklärte die Ermittlerin.
»Das ist wirklich extrem.« Born schüttelte sich erneut.
»In so einer Nacht muss man mit allem rechnen.« Geyer wies hinauf in den Nachthimmel, wo der Vollmond zwischen den Wolken aufgetaucht war.
Adam war ein Stück um die Leiche herumgegangen. »Eine Säge ist etwas zu groß, um sie in einer Jackentasche herumzutragen«, sagte er und knöpfte seinen Mantel mit fahrigen Fingern zu.
»Es muss ja keine Kettensäge gewesen sein«, verteidigte Geyer ihre Vermutung. Adam zog skeptisch die Augenbrauen hoch. Das Flutlicht hatte ihn voll erfasst. Seine Wangen wirkten noch eingefallener als sonst.
»Okay«, sagte Geyer betont langsam. »Zeit für erste Spekulationen: Für eine Beziehungstat ist das ein ungewöhnlicher Ort.«
»Vielleicht waren ja Drogen im Spiel«, warf Adam ein. »Bei so viel Gewalt …«
»Schon klar. Natürlich überprüfen wir zuerst ihren Mann und alle Männer in der engeren Verwandtschaft oder Bekanntschaft. Bester Freund des Mannes, Freund der Mutter. Aber das hier war bestimmt nicht der böse Onkel.«
»Ein Raubmord war das auch nicht«, sagte Born. »Und über eine Vergewaltigung, nach der der Täter das Opfer umbringt, geht es weit hinaus.«
Geyer ging jetzt ebenfalls um die Leiche herum. »Klar. Ein normaler Vergewaltiger hat doch eher ein Messer dabei als eine … Säge.«
Ein normaler Vergewaltiger, dachte Born. Man musste diesen Job schon eine Weile machen, damit einem so etwas über die Lippen kam.
Adam rieb sich nachdenklich das Kinn. »Wir wissen noch gar nicht, ob sie vergewaltigt wurde.«
»Wahrscheinlich ist das Ganze unter den Bäumen passiert«, sagte Born. »Da, wo sie liegt. Nicht auf der Wiese oder dem Weg. Zu wenig Deckung.«
Der Wind fuhr in die Bäume. Regenwasser prasselte von den Blättern auf die Ermittler nieder. Born zog den Kopf ein.
