Der fünfte Elefant - Terry Pratchett - E-Book

Der fünfte Elefant E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Im Auftrag des Patriziers reist Sam Mumm von der Stadtwache in das geheimnisvolle Land Überwald. Dort erfährt er, dass den Zwergen die uralte Steinsemmel, das Symbol der Königswürde, gestohlen wurde. Er stellt Ermittlungen an und gerät dabei in die verwickelten Auseinandersetzungen zwischen Zwergen, Werwölfen und Vampiren...

Im Medium der Scheibenwelt erzählt Pratchett von der Annäherung fremder Nachbarn mit psychologischer Tiefe und satirischer Schärfe



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 582



Sammlungen



Inhaltsverzeichnis

DanksagungCopyright

Ich danke Peter Bleackleyfür seine Hilfe bei der ZwergenoperBlutaxt und Eisenhammer.In seiner Version war sie vermutlich viel besser(und enthielt viel mehr Lieder über Gold).

Es heißt, die Welt sei flach und werde von vier Elefanten getragen, die auf dem Panzer einer riesigen Schildkröte stehen.

Es heißt, die Elefanten hätten aufgrund ihrer Größe Knochen aus Stein und Eisen, und Nerven aus Gold, weil diese über große Entfernungen hinweg besser leiten. 1

Es heißt, dass der fünfte Elefant vor langer Zeit heulend und trompetend durch die Luft der jungen Welt raste und hart genug landete, um Kontinente zu zerreißen und hohe Berge entstehen zu lassen.

Niemand beobachtete die Landung, woraus sich eine interessante philosophische Frage ergibt: Wenn ein Millionen Tonnen schwerer zorniger Elefant vom Himmel fällt, ohne dass jemand da ist, der ihn hört – verursacht er dann, philosophisch gesehen, irgendwelche Geräusche?

Und wenn ihn niemand sah – schlug er dann wirklich auf? Mit anderen Worten: War es nicht nur eine Geschichte für Kinder, um einige interessante natürliche Ereignisse zu erklären?

Was die Zwerge betrifft, von denen diese Legende stammt, und die tiefer graben als viele andere Leute: Sie meinen, die Geschichte enthalte ein Körnchen Wahrheit.

An einem klaren Tag konnte man von einem geeigneten Ort in den Spitzhornbergen aus weit über die Ebene sehen. Im Hochsommer war es möglich, die Staubwolken der Ochsengespanne zu zählen. Jedes Ochsenpaar bewegte sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwei Meilen in der Stunde und zog zwei Karren, jeweils mit vier Tonnen Fracht beladen. Die Fracht brauchte lange, um ihren Bestimmungsort zu erreichen, aber wenn sie dort ankam, gab es viel davon. Den Städten am Runden Meer brachten die Karren Rohstoffe und manchmal auch Leute, die ihr Glück versuchten und sich eine Hand voll Diamanten erhofften.

Den Bergen brachten sie Fertigwaren, seltene Dinge von jenseits des Meeres und Leute, die Weisheit gefunden und ein paar Narben davongetragen hatten.

Für gewöhnlich betrug der Abstand zwischen den Gespannen eine Tagesreise, wodurch sich die Landschaft in eine ausgebreitete Zeitmaschine verwandelte. An einem klaren Tag konnte man den letzten Dienstag sehen.

Heliographen blitzten in der Ferne, als die Staubwolken Mitteilungen austauschten. Diese betrafen die Anwesenheit von Räubern, Ladungen und Lokale, wo man doppeltes Spiegelei, eine dreifache Portion Bratkartoffeln und Steaks bekam, die auf allen Seiten über den Tellerrand ragten.

Viele Leute waren mit den Karren unterwegs. Die Reise kostete nicht viel und war bequemer als ein Fußmarsch. Außerdem erreichte man sein Ziel, früher oder später.

Manche Leute reisten sogar gratis.

Der Kutscher eines Karrens hatte Probleme mit seinen beiden Ochsen. Sie waren unruhig. In den Bergen hätte er das erwartet, denn dort streiften Geschöpfe umher, die Ochsen für eine wandelnde Mahlzeit hielten. Aber hier gab es nichts Gefährlicheres als Kohl.

Hinter ihm, in einer Lücke zwischen den Stapeln aus Bauholz schlief jemand.

Ein ganz normaler Tag in Ankh-Morpork …

Am einen Ende der Messingbrücke, einer der wichtigsten Durchfahrtsstraßen von Ankh-Morpork, balancierte Feldwebel Colon auf einer wackligen Leiter. Mit der einen Hand klammerte er sich an der langen Stange mit dem Kasten darauf fest, mit der anderen hielt er ein selbst gefertigtes Bilderbuch vor die Öffnung im Kasten.

»Und das ist eine andere Art von Karren«, sagte er. »Siehst du?«

»Ja«, antwortete eine ganz leise Stimme aus dem Kasten.

»Na schön«, brummte Colon zufrieden. Er ließ das Buch sinken und deutete über die Brücke hinweg.

»Und nun … Siehst du die beidem Markierungen, die dort drüben aufs Kopfsteinpflaster gemalt sind?«

» Ja.«

»Und sie bedeuten …?«

»Wenn ein Karren die Strecke dazwischen in weniger als einer Minute zurücklegt, ist er zu schnell«, erklärte die leise Stimme.

»Ausgezeichnet. Woraufhin du …?«

»Ich male ein Bild.«

»Und was sollte darauf deutlich zu sehen sein?«

»Das Gesicht des Kutschers oder die Nummer des Karrens.«

»Und wenn es Nacht ist …«

»Benutze ich einen Salamander, damit es hell wird.«

»Gut, Rodney. Und an jedem Tag kommt einer von uns, um deine Bilder zu holen. Hast du alles, was du brauchst?«

» Ja.«

»Was bedeutet das, Feldwebel?«

Colon senkte den Blick und sah in ein sehr großes, braunes, nach oben gewandtes Gesicht. Er lächelte.

»Guten Tag, Enorm«, sagte er und kletterte schwerfällig von der Leiter herunter. »Was du hier siehst, Herr Jolson, ist die moderne Wache für das neue Millenienienum … num.«

»Ich weiß nicht, Fred«, erwiderte Enorm Jolson. »In dem kleinen Kasten habt ihr bestimmt nicht alle Platz.«

»Ich meine, dies ist ein Werkzeug der neuen Stadtwache, Enorm.«

»Ach so.«

»Wenn hier ein Ochsenkarren zu schnell fährt, dann sieht sich Lord Vetinari am nächsten Morgen ein Bild davon an. Die Ikonographen lügen nicht, Enorm.«

»Da hast du ganz Recht, Fred. Weil sie zu dumm sind.«

»Weißt du, Seine Exzellenz hat genug von Karren, die über die Brücke rasen, und er hat uns aufgefordert, etwas dagegen zu unternehmen. Ha, ich bin jetzt Leiter der Verkehrskontrolle!«

»Ist das gut, Fred?«

»Und ob!«, entgegnete Feldwebel Colon stolz. »Meine Aufgabe besteht darin, die, äh, Arterien der Stadt vor … Verstopfungen zu bewahren, die zu einem Zusammenbruch des Handels führen könnten, was für uns alle den Ruin bedeuten würde. Es ist also eine sehr wichtige Tätigkeit, vielleicht sogar die Wichtigste überhaupt. «

»Und nur du kümmerst dich darum?«

»Nun, hauptsächlich. Korporal Nobbs und die anderen Jungs helfen mir natürlich.«

Enorm Jolson kratzte sich an der Nase. »Ich wollte über ein ähnliches Thema mit dir reden, Fred«, sagte er.

»Kein Problem, Enorm.«

»Vor meinem Restaurant ist etwas Seltsames geschehen, Fred.«

Feldwebel Colon folgte dem großen Mann um die Ecke. Er mochte Enorms Gesellschaft, weil er im Vergleich zu ihm geradezu dünn wirkte. Enorm Jolson war ein Mann, der in einem Atlas erschien und die Umlaufbahnen kleiner Planeten veränderte. In einem riesigen Körper vereinte er Ankh-Morporks besten Koch und hungrigsten Esser. Für ihn bestand das Paradies zum größten Teil aus Kartoffelbrei. An den eigentlichen Vornamen des Mannes erinnerte sich Feldwebel Colon nicht. Seinen Spitznamen verdankte Jolson dem Umstand, dass alle, die ihn zum ersten Mal sahen, staunten: »Der Mann ist ja enorm.«

Ein großer Karren stand auf dem Breiten Weg und behinderte den Verkehr. Andere Wagen versuchten, an dem Hindernis vorbeizugelangen.

»Gegen Mittag wurde das Fleisch geliefert, und als der Fuhrmann auf die Straße zurückkehrte …« Jolson deutete auf ein großes, dreieckiges Gebilde an einem Rad des Karrens. Es bestand aus Eichenholz und Stahl und war gelb angestrichen.

Fred klopfte vorsichtig darauf. »Ich erkenne dein Problem ganz deutlich«, sagte er. »Wie lange war der Fuhrmann bei dir?«

»Nun, er hat von mir ein Mittagessen bekommen …«

»Und deine Mittagessen sind sehr gut, Enorm, das habe ich immer gesagt. Was war deine heutige Spezialität?«

»Steak à la Dichhautsum mit Cremesoße und Leckerbeilage«, sagte Enorm Jolson. »Zum Nachtisch Meringe à la Schwarzer Tod.«

Einige Sekunden war es still, während sich beide die Mahlzeit vorstellten. Fred Colon seufzte leise.

»Mit Kräuterbutter auf der Leckerbeilage?«

»Du willst mich doch nicht beleidigen, indem du andeutest, ich hätte sie weggelassen.«

»Bei so einem Essen kann ein Mann recht lange verweilen«, sagte Fred. »Das Problem ist: Der Patrizier mag keine Karren, die länger als zehn Minuten auf der Straße parken, Enorm. Er hält das für eine Art Verbrechen.«

»Es ist kein Verbrechen, sich zehn Minuten für eine meiner Mahlzeiten zu nehmen, Fred – so etwas ist eine Tragödie. Hier steht: Stadtwache, fünfzehn Dollar für die Entfernung, Fred. Das ist der Verdienst von zwei Tagen, Fred.«

»Es liegt am Papierkram, verstehst du?«, erwiderte Fred Colon. »Ich kann das Ding nicht einfach so verschwinden lassen, so sehr ich das auch bedauere. Der Dorn in meinem Büro steckt voller Kontrollabschnitte. Wenn ich Kommandeur der Wache wäre, sähe die Sache natürlich anders aus. Aber leider sind mir die Hände gebunden …«

Die beiden Männer standen nicht zu dicht beieinander, die Hände in den Hosentaschen. Sie vermieden es, sich anzusehen. Nach einer Weile begann Colon leise zu pfeifen.

»Ich weiß das eine oder andere«, sagte Enorm vorsichtig. »Die Leute glauben, Kellner hätten keine Ohren.«

»Ich weiß jede Menge, Enorm«, meinte Colon und ließ das Wechselgeld in der Tasche klimpern.

Eine Zeit lang blickten beide Männer zum Himmel empor.

»Vielleicht ist noch etwas Honigeis von gestern da …«

Feldwebel Colon sah an dem Karren herab.

»Na so was, Herr Jolson«, entfuhr es ihm überrascht. »Irgendein Idiot hat eine Klammer an dem Rad befestigt. Nun, das haben wir gleich.«

Colon zog zwei weiße, paddelartige Objekte hinter dem Gürtel hervor und wandte sich dem Semaphorturm des Wachhauses zu, der hinter der alten Limonadenfabrik aufragte. Er wartete, bis ihm der Dienst habende Wasserspeier ein Zeichen gab. Dann begann er mit steifen Armen zu winken, wie jemand, der zwei Tischtennisspiele gleichzeitig spielte.

»Es dauert sicher nicht lange, bis die Leute hier eintreffen. Ah, sieh nur …«

Etwas weiter unten an der Straße waren zwei Trolle damit beschäftigt, das Rad eines Heuwagens mit einer Klammer zu blockieren. Nach einer Weile blickte einer von ihnen zum Wachturm, stieß seinen Kollegen an, holte selbst zwei Schläger hervor und winkte damit, wobei er weniger Elan zeigte als zuvor Colon. Die Antwort vom Wachturm veranlasste die beiden Trolle sich umzudrehen. Sie bemerkten Colon und wankten in seine Richtung.

»Ta-da!«, sagte Colon stolz.

»Erstaunlich, diese neue Technik«, meinte Enorm Jolson bewundernd. »Die Entfernung betrug bestimmt … vierzig oder fünfzig Meter, oder?«

»Ja. Früher musste ich eine Pfeife benutzen. Dann wären sie hierher gekommen und hätten gewusst, dass das Pfeifsignal von mir kam.«

»Jetzt brauchen sie nur aufzusehen und dich zu erkennen«, sagte Jolson.

»Na ja«, räumte Colon ein und begriff: Was gerade geschehen war, ließ die Kommunikationsrevolution nicht im besten Licht erscheinen. »Es hätte natürlich ebenso gut funktioniert, wenn die Burschen mehrere Straßen entfernt oder sogar auf der anderen Seite der Stadt gewesen wären. Und damit nicht genug. Wenn ich den Wasserspeier angewiesen hätte, das Signal über den großen Turm auf dem Haufen weiterzuleiten, wäre die Nachricht innerhalb weniger Minuten in Sto Lat eingetroffen.«

»Und das sind zwanzig Meilen.«

»Mindestens.«

»Bemerkenswert, Fred.«

»Die Zeit vergeht, Enorm«, sagte Fred, als die Trolle sie erreichten.

»Obergefreiter Hornstein, wer hat Sie aufgefordert, am Karren meines Freundes eine Klammer anzubringen?«, fragte er.

»Nun, Feldwebel, heute Morgen du sagen, wir sollen anbringen Klammer an jedem Karren, der …«

»Aber doch nicht an diesem«, betonte Colon. »Nimm sie sofort weg, dann betrachten wir diese Angelegenheit als erledigt, klar?«

Obergefreiter Hornstein schien zu dem Schluss zu gelangen, dass man ihn nicht fürs Nachdenken bezahlte, und das war auch gut so, denn Feldwebel Colon zweifelte ohnehin daran, dass Trolle in dieser Hinsicht etwas taugten. »Wie meinen du, Feldwebel …«

»Während du die Klammer abnimmst, plaudern Enorm und ich ein wenig, nicht wahr, Enorm?«, fragte Fred Colon.

»Gern, Fred.«

»Allerdings beschränke ich mich bei der Plauderei auf die Rolle des Zuhörers, weil ich den Mund voll habe.«

Schnee rieselte von den Tannenzweigen. Der Mann bahnte sich einen Weg durchs Unterholz und verharrte einige Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen. Dann setzte er den Weg fort und lief über die Lichtung.

Auf der anderen Seite des Tals erklang ein Horn.

Ihm blieb also eine Stunde, wenn er ihnen trauen konnte. Vielleicht schaffte er es nicht bis zum Turm, aber es gab noch andere Auswege.

Er hatte Pläne. Er konnte sie überlisten. Den Schnee meiden, so weit es möglich war, in der eigenen Spur zurückkehren, Bäche ausnutzen … Es ließ sich bewerkstelligen. Vor ihm hatten es andere geschafft; er glaubte fest daran.

Einige Meilen entfernt huschten schlanke Leiber durch den Wald. Die Jagd hatte begonnen.

An einem anderen Ort in Ankh-Morpork stand das Gebäude der Narrengilde in Flammen.

Das war ein Problem, denn die Feuerwehr der Gilde bestand größtenteils aus Clowns.

Und das war ein Problem, denn wenn man einem Clown einen Eimer Wasser und eine Leiter zeigt, kennt er nur eine Reaktion. Jahrelange Ausbildung steuert die Reflexe. Es ist ein Gebot der roten Nase, dem er sich nicht widersetzen kann.

Sam Mumm, Kommandeur der Stadtwache von Ankh-Morpork, lehnte an einer Mauer und beobachtete das Schauspiel.

»Wir sollten dem Patrizier erneut eine städtische Feuerwehr vorschlagen«, sagte er. Auf der anderen Seite der Straße griff ein Clown nach einer Leiter, drehte sich um und stieß so den Clown hinter sich in einen Eimer Wasser. Dann drehte er sich erneut, um festzustellen, was der Aufruhr hinter ihm bedeutete, wodurch er das aufstehende Opfer erneut in den Eimer stieß. Der Vorgang wurde von einem überraschenden Geräusch begleitet – es klang nach einer verborgenen Tröte. Die Zuschauer sahen stumm zu. Clowns befassten sich nicht mit lustigen Dingen.

»Die Gilden sind dagegen«, erwiderte Hauptmann Karotte Eisengießersohn, Mumms Stellvertreter, während jemand dem Clown mit der Leiter einen Eimer Wasser in die Hose goss. »Sie meinen, wir würden damit ihre Rechte verletzen.«

Das Feuer breitete sich in einem Zimmer des ersten Stocks aus.

»Wenn wir es brennen lassen, steht der Stadt ein interessantes Spektakel bevor«, sagte Karotte ruhig.

Mumm musterte ihn kurz. Es war eine für Karotte typische Bemerkung. Sie klang völlig unschuldig, aber man konnte die Sache auch anders verstehen.

»Ja, zweifellos«, erwiderte der Kommandeur. »Aber wir lassen es besser nicht so weit kommen.« Er trat vor und wölbte die Hände trichterförmig vor dem Mund. »Also gut, hier spricht die Wache!«, rief er. »Eine Eimerkette formen!«

»Oh, muss das sein«, fragte jemand in der Zuschauermenge.

»Ja, es muss sein«, bestätigte Karotte. »Na los, alle helfen mit. Wenn wir zwei Ketten bilden, haben wir das Feuer im Nu gelöscht ! Und wer weiß – vielleicht macht’s sogar Spaß!«

Mumm stellte fest, dass die Leute der Aufforderung nachkamen. Karotte behandelte alle so, als seien es freundliche, hilfsbereite Personen, und irgendetwas hielt sie davon ab, ihm zu beweisen, dass er sich irrte.

Sobald die Clowns entwaffnet waren und von zuvorkommenden Leuten fortgeführt wurden, dauerte es zur großen Enttäuschung der Menge tatsächlich nicht lange, bis das Feuer keinen Schaden mehr anrichten konnte.

Karotte kehrte zurück und wischte sich die Stirn ab, als Mumm eine Zigarre anzündete.

»Dem Feuerschlucker muss übel gewesen sein«, sagte er.

»Vielleicht vergibt man uns nie«, erwiderte Mumm, als sie die Streife fortsetzten. »O nein … Was ist denn jetzt?«

Karotte blickte zum nächsten Nachrichtenturm. »Krawall in der Ankertaugasse«, sagte er. »Die Mitteilung gilt ›allen Wächtern‹, Herr.«

Sie liefen los, denn die Nachricht betraf »alle Wächter«. Vielleicht waren die eigenen Leute in Schwierigkeiten.

Als sie sich der Ankertaugasse näherten, begegneten sie immer mehr Zwergen, und Mumm wusste, die Zeichen zu deuten. Die Zwerge wirkten besorgt und gingen alle in die gleiche Richtung.

»Es ist vorüber«, sagte Mumm, als sie um eine Ecke traten. »Man sieht es an der plötzlichen Zunahme verdächtig unschuldiger Zuschauer.«

Woraus auch immer der Notfall bestanden hatte – es musste ein ziemlich großer gewesen sein. Trümmer lagen auf der Straße, und auch recht viele Zwerge. Mumm wurde langsamer.

»Das dritte Mal in dieser Woche«, sagte er. »Was ist bloß los?«

»Schwer zu sagen, Herr«, entgegnete Karotte. Mumm warf ihm einen Blick zu. Karotte war unter Zwergen aufgewachsen. Und er log nie, wenn er es vermeiden konnte.

»Das bedeutet etwas anderes als Ich weiß es nicht, oder?«

Der Hauptmann wirkte verlegen.

»Ich glaube, es … äh … handelt sich um eine politische Angelegenheit«, sagte er.

Mumm bemerkte eine Wurfaxt, die in einer Mauer steckte.

»Ja, das ist nicht zu übersehen«, meinte er.

Etwas kam über die Straße – wahrscheinlich der Grund für das Ende des Krawalls. Obergefreiter Flußspat war der größte Troll, den Mumm je gesehen hatte. Er ragte empor. In einer Menge fiel er deshalb nicht auf, weil er die Menge war. Die Leute sahen ihn nicht, weil er ihnen den Blick versperrte. Und wie viele zu groß geratene Personen war er von sanftem, schüchternem Wesen. Er neigte dazu, sich von anderen sagen zu lassen, was er tun sollte. Hätte ihn das Schicksal zu einem Bandenmitglied gemacht, wäre er zweifellos der »Gorilla« gewesen. In der Wache diente er als Schutzschild. Andere Wächter spähten hinter ihm hervor.

»Offenbar begann der Aufruhr in Gimlets Feinkostbude«, sagte Mumm, als sich der Rest der Wache näherte. »Lass Gimlet aussagen. «

»Das ist keine gute Idee, Herr«, sagte Karotte mit fester Stimme. »Er hat nichts gesehen.«

»Woher willst du wissen, dass er nichts gesehen hat? Du hast ihn doch noch gar nicht gefragt.«

»Ich bin ganz sicher, Herr. Er hat nichts gesehen und auch nichts gehört.«

»Obwohl wütende Zwerge sein Restaurant verwüstet haben und draußen übereinander hergefallen sind?«

»Ja, Herr.«

»Ah. Verstehe. Niemand ist so taub wie derjenige, der nicht hören will.«

»Etwas in der Art, Herr, ja. Jetzt ist alles vorbei, Herr. Bestimmt wurde niemand ernsthaft verletzt. Es wäre sicher besser, wenn wir die Sache einfach vergessen, Herr.«

»Ist es eine dieser privaten Zwergenangelegenheiten, Hauptmann ?«

»Ja, Herr …«

»Nun, wir sind hier in Ankh-Morpork, Hauptmann, nicht in irgendeinem Bergwerk, und meine Aufgabe besteht darin, für Ordnung zu sorgen. Dies hier sieht mir nicht nach Ordnung aus, Hauptmann. Was sollen die Leute von Krawallen in den Straßen halten?«

»Sie würden sagen: Dies ist ein weiterer Tag im Leben einer großen Stadt«, erwiderte Karotte steif.

»Ja, ich nehme an, da hast du Recht. Allerdings …« Mumm hob einen stöhnenden Zwerg hoch. »Wer hat dich so zugerichtet?«, fragte er. »Und komm mir bloß nicht mit irgendwelchen Ausflüchten. Einen Namen will ich von dir hören!«

»Agi Hammerklau«, brummte der Zwerg und zappelte.

»Na schön.« Mumm ließ ihn los. »Schreib den Namen auf, Karotte. «

»Nein, Herr«, sagte Karotte.

»Wie bitte?«

»Es gibt keinen Agi Hammerklau in der Stadt, Herr.«

»Kennst du jeden Zwerg?«

»Ich kenne viele von ihnen, Herr. Einem gewissen Agi Hammerklau kann man nur in Bergwerken begegnen, Herr. Er ist eine Art boshafter Geist, Herr. Wenn zum Beispiel jemand sagt ›Steck es dorthin, wo Agi seine Kohle aufbewahrt‹, so meint er damit …«

»Ja, ich verstehe«, sagte Mumm. »Soll das heißen, ein Phantom hat den Krawall begonnen?« Der Zwerg war klugerweise hinter der nächsten Ecke verschwunden.

»Mehr oder weniger, Herr. Bitte entschuldige.« Karotte trat über die Straße und zog zwei weiße Paddel hinter dem Gürtel hervor. »Von hier aus kann man den Turm sehen. Ich schicke besser eine Nachricht.«

»Warum?«

»Weil wir einen Termin beim Patrizier haben und ihm mitteilen sollten, dass wir uns ein wenig verspäten.«

Mumm holte seine Uhr hervor und starrte darauf hinab. Allem Anschein nach war es wieder einer von diesen Tagen … so wie man sie in letzter Zeit jeden Tag erlebte.

Das ist die Natur des Universums: Eine Person, die einen stets zehn Minuten warten lässt, ist an jenem Tag, an dem man sich verspätet, zehn Minuten früher zugegen – und vermeidet dann jeden Hinweis darauf.

»Bitte entschuldige die Verspätung, Herr«, sagte Mumm, als sie das Rechteckige Büro betraten.

»Oh, ihr seid zu spät?«, fragte Lord Vetinari und blickte von diversen Dokumenten auf. »Ich habe es gar nicht bemerkt. Der Grund ist hoffentlich nichts Ernstes?«

»Ein Brand im Gebäude der Narrengilde, Herr«, sagte Karotte.

»Viele Opfer?«

»Nein, Herr?«

»Nun, das freut mich«, entgegnete der Patrizier vorsichtig und legte seinen Stift beiseite.

»Was gibt es zu besprechen …?« Er zog ein weiteres Dokument heran und las es rasch.

»Ah, wie ich sehe, haben die Verkehrskontrollen den gewünschten Effekt.« Er deutete auf einen großen Stapel Papier. »Die Gilde der Fuhrleute und Kutscher beschwert sich dauernd. Gute Arbeit. Bitte richtet Feldwebel Colon und seinen Mitarbeitern meinen Dank aus.«

»Ja, Herr.«

»An nur einem Tag wurden Klammern an siebzehn Karren, zehn Pferden, achtzehn Ochsen und einer Ente angebracht.«

»Sie parkte an einer verbotenen Stelle.«

»Zweifellos. Das lässt ein sonderbares Muster erkennen.«

»Herr?«

»Viele der Fuhrleute sagten aus, sie hätten nicht in dem Sinne geparkt, sondern nur angehalten, während eine sehr alte und sehr hässliche Alte die Straße sehr langsam überquerte.«

»Das behaupten sie, Herr.«

»Sie wussten, dass es eine Alte war, weil sie dauernd ›Ach, meine armen alten Füße‹ und Ähnliches murmelte.«

»Klingt tatsächlich nach einer alten Frau, Herr«, meinte Mumm mit hölzerner Miene.

»In der Tat. Seltsam ist allerdings die Aussage einiger Zeugen, nach der die alte Frau anschließend ziemlich schnell durch eine Gasse davonging. Unter anderen Umständen würde ich solche Behauptungen einfach ignorieren, aber erstaunlicherweise hat man die Alte nur kurze Zeit später dabei beobachtet, wie sie ein ganzes Stück entfernt wiederum sehr langsam über eine Straße ging. Ein echtes Rätsel, Mumm.«

Der Kommandeur hob kurz die Hand vor die Augen. »Ich bin fest entschlossen, es schnell zu lösen, Herr.«

Der Patrizier nickte und schrieb eine kurze Notiz auf die Liste vor ihm. Dann legte er sie beiseite, und zum Vorschein kam ein wesentlich schmutzigeres und mehrfach zusammengefaltetes Stück Papier. Mit zwei Brieföffnern entfaltete er den Zettel und schob ihn Mumm zu.

»Weißt du etwas davon?«, fragte Lord Vetinari.

Mumm las die großen, runden, mit Buntstift gemalten Buchstaben:

»LiBa Här, Es iSt aine SCHAnnde wiEh grAUsam Man dieh stREUnigenden HunDE in dIesER STatt beHANdelt, Wasse wiLl diE WacHE dageHIgen UnterNEhmen GezaiCHnet dieh LIGa geGeN MiSseHANdlung vON HunDEn.«

»Hab nicht die geringste Ahnung, was das bedeuten soll«, sagte Mumm.

»Von meinen Sekretären weiß ich, dass fast jeden Abend ein solches … Schreiben unter der Tür durchgeschoben wird«, erklärte der Patrizier. »Den Autor hat bisher niemand gesehen.«

»Soll ich Ermittlungen einleiten?«, fragte Mumm. »Es dürfte nicht schwer sein, jemanden zu finden, der beim Schreiben sabbert und noch mehr Rechtschreibfehler macht als Karotte.«

»Danke, Herr«, sagte Karotte.

»Die Wächter haben niemanden bemerkt«, sagte der Patrizier. »Gibt es irgendeine Gruppe in Ankh-Morpork, denen das Wohlergehen der Hunde besonders am Herzen liegt?«

»Das bezweifle ich, Herr.«

»Dann schenke ich dieser Sache pro tempore keine Beachtung.« Vetinari ließ den feuchten, durchweichten Zettel in den Papierkorb fallen.«

»Kommen wir zu dringenderen Angelegenheiten«, sagte er forsch. »Nun … Was weißt du von Bums?«

Mumm starrte nur.

Karotte hüstelte freundlich. »Meinst du den Fluss oder den Ort, Herr?«

Der Patrizier lächelte. »Ah, Hauptmann, du überraschst mich schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Ich spreche von dem Ort.«

»Es ist eine der größten Ortschaften in Überwald, Herr«, sagte Karotte. »Exportiert wertvolle Metalle, Leder, Holz und natürlich Fett aus den tiefen Fettminen bei Schmalzberg …«

»Es gibt wirklich einen Ort, der Bums heißt?«, fragte Mumm und wunderte sich darüber, wie schnell sie von einem feuchten Brief über Hunde zu diesem Thema gelangt waren.

»Eigentlich lautet der Name Burums, Herr«, sagte Karotte.

»Trotzdem …«

»Und in Burums klingt das Wort Morpork wie die dort übliche Bezeichnung für ein ganz bestimmtes Teil der Damenunterwäsche«, fuhr Karotte fort. »Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Silben in der Welt, wenn man genauer darüber nachdenkt.«

»Woher weißt du das alles, Karotte?«

»Oh, ich schnappe das eine oder andere auf. Hier und dort.«

»Tatsächlich? Und welches Teil der …«

»In einigen Wochen wird dort etwas sehr Wichtiges stattfinden«, sagte Lord Vetinari. »Ich meine etwas, das auch für die zukünftige Prosperität von Ankh-Morpork große Bedeutung hat.«

»Die Krönung des Niederen Königs«, sagte Karotte.

Mumms Blick wanderte zwischen dem Patrizier und Karotte hin und her.

»Gibt es irgendein Rundschreiben, das mich bisher nicht erreicht hat?«, fragte er.

»Seit Monaten reden die Zwerge praktisch über nichts anderes, Herr.«

»Im Ernst?«, erwiderte Mumm. »Meinst du damit die Krawalle ? Und die abendlichen Schlägereien in den Zwergenkneipen?«

»Hauptmann Karotte hat Recht, Mumm. Die Repräsentanten vieler Regierungen werden bei diesem Ereignis zugegen sein. Und natürlich auch Gesandte von den verschiedenen Fürstentümern in Überwald, denn der Niedere König herrscht nur über die unterirdischen Bereiche jener Region. Wir legen großen Wert auf sein Wohlwollen. Borograwien und Gennua werden ebenfalls vertreten sein, wahrscheinlich sogar Klatsch.«

»Aber Klatsch ist noch weiter von Überwald entfernt als Ankh-Morpork ! Warum sollten sie von dort jemanden schicken?«

Mumm zögerte einige Sekunden und fügte dann hinzu: »Ha. Ein dumme Frage. Wo ist das Geld?«

»Wie bitte, Kommandeur?«

»Das sagte mein alter Feldwebel immer, wenn ihn etwas verwirrte, Herr. Finde heraus, wo das Geld steckt – dann hast du den Fall halb gelöst.«

Vetinari stand auf, ging zum großen Fenster und blickte nach draußen.

»Überwald ist ein großes Land«, sagte er zum Glas. »Dunkel. Geheimnisvoll. Alt …«

»Dort gibt es große, bisher noch unerschlossene Vorkommen an Kohle und Eisenerz«, sagte Karotte. »Und natürlich Fett. Die besten Kerzen, Lampenöle und Seifen stammen aus den Schmalzberg-Lagerstätten. «

»Warum? Wir haben doch unser eigenes Schlachthaus.«

»Ankh-Morpork verbraucht ziemlich viele Kerzen, Herr.«

»Dafür wird hier an Seife gespart«, sagte Mumm.

»Fett und Talg lassen sich auf vielfältige Weise verwenden, Herr. Wir könnten uns nicht selbst damit versorgen.«

»Ah«, sagte Mumm.

Der Patrizier seufzte. »Ich hoffe natürlich auf eine Verbesserung unserer Handelsbeziehungen mit den verschiedenen Nationen in Überwald«, sagte er. »Die Situation dort ist ausgesprochen unbeständig. Kennst du die Verhältnisse in Überwald, Kommandeur Mumm?«

Mumms geographisches Wissen war bis zu einem Umkreis von fünf Meilen um Ankh-Morpork mikroskopisch genau. Jenseits davon verdienten seine Kenntnisse die Bezeichnung »mikroskopisch klein«.

Er nickte zaghaft. »Nun, eigentlich ist Überwald gar kein Land in dem Sinne«, sagte Vetinari. »Es …«

»Es ist ein Gebiet in einem Stadium, bevor es ein richtiges Land ist«, sagte Karotte. »Überwald besteht größtenteils aus befestigten Städten und Lehnsgütern ohne echte Grenzen und mit viel Wald dazwischen. Immer findet irgendwo eine Fehde statt. Gesetze gibt es nur dort, wo lokale Regenten sie durchsetzen, und an Banditen aller Art herrscht kein Mangel.«

»Also herrschen dort ganz andere Verhältnisse als in unserer Stadt«, kommentierte Mumm leise. Der Patrizier bedachte ihn mit einem gelassenen Blick.

»In Überwald haben Zwerge und Trolle ihren alten Zwist noch nicht überwunden«, fuhr Karotte fort. »Große Bereiche werden von feudalen Vampir- oder Werwolf-Clans kontrolliert. An vielen Stellen ist die gewöhnliche Hintergrundmagie stärker als andernorts. Eine wahrhaft chaotische Region, in der man kaum glauben könnte, dass wir im Jahrhundert des Flughunds sind. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Dinge bald bessern und Überwald sich frohgemut der Staatengemeinschaft anschließt.«

Mumm und Vetinari wechselten einen Blick. Manchmal klang Karotte wie ein Staatsbürgerkunde-Aufsatz, geschrieben von einem verträumten Chorknaben.

»Das hast du gut ausgedrückt«, sagte der Patrizier schließlich. »Aber bis zu jenem freudigen Tag bleibt Überwald ein Geheimnis innerhalb eines Rätsels, umhüllt von einem Mysterium.«

»Mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe«, sagte Mumm. »Überwald ist wie ein großer Talgpudding, den plötzlich alle bemerkt haben, und die Krönung dient uns nun als Vorwand dafür, mit Messer, Gabel und Löffel loszueilen, um uns möglichst viel auf den Teller zu schaufeln.«

»Dein Verständnis der politischen Realität ist meisterhaft, Mumm. Nur dein Vokabular lässt zu wünschen übrig. Ankh-Morpork muss natürlich einen Repräsentanten schicken. Einen Botschafter, um ganz genau zu sein.«

»Du denkst dabei doch nicht etwa an mich, oder?«, fragte Mumm.

»Oh, ich könnte auf keinen Fall den Kommandeur der Stadtwache entsenden«, erwiderte Lord Vetinari. »In den meisten Ländern von Überwald gibt es die moderne, zivile Truppe zur Friedenssicherung nicht einmal als Konzept.«

Mumm entspannte sich.

»Stattdessen schicke ich den Herzog von Ankh.«

Mumm saß kerzengerade.

»Wir haben es dort zum größten Teil mit Feudalsystemen zu tun«, fuhr Vetinari fort. »Sie messen dem Rang große Bedeutung bei …«

»Ich lasse mir nicht befehlen, nach Überwald zu reisen!«

»Befehlen, Euer Gnaden?« Vetinari wirkte schockiert und besorgt. »Meine Güte, da muss ich Lady Sybil falsch verstanden haben … Gestern meinte sie, ein Urlaub weit von Ankh-Morpork entfernt wäre ein echter Segen für dich.«

»Du hast mit Sybil gesprochen?«

»Beim Empfang für den neuen Präsidenten der Schneidergilde. Du bist früh gegangen, wenn ich mich recht entsinne. Wegen irgendeines Notfalls. Lady Sybil erwähnte zufälligerweise, dass du dauernd bei der Arbeit bist, wie sie es ausdrückte. Eins führte zum anderen. Oh, ich hoffe, ich habe keinen Ehestreit verursacht …«

»Ich kann die Stadt gerade jetzt nicht verlassen!«, brachte Mumm verzweifelt hervor. »Es gibt so viel zu tun!«

»Sybil ist der Ansicht, dass du die Stadt gerade deshalb verlassen solltest«, sagte Vetinari.

»Aber das neue Ausbildungszentrum …«

»Inzwischen läuft dort alles reibungslos, Herr«, warf Karotte ein.

»Im Brieftaubensystem herrscht heilloses Durcheinander …«

»Wir haben das Problem mit neuem Futter aus der Welt geschafft, Herr. Außerdem funktionieren die Nachrichtentürme recht gut.«

»Die Flusswache muss eingerichtet werden …«

»Erst nach der Bergung des Bootes, was ein oder zwei Wochen dauern dürfte …«

»Die Abflussröhre der Wache in der Kröselstraße …«

»Die Klempner sind bereits bei der Arbeit, Herr.«

Mumm wusste, dass er verloren hatte. Er hatte in dem Augenblick verloren, als Sybil an der Sache beteiligt wurde, denn sie war eine Belagerungsmaschine, gegen die seine Wehrwälle nichts ausrichten konnten. Aber er wollte nicht kampflos untergehen.

»Du weißt, dass ich mit diplomatischem Gerede nicht gut zurechtkomme«, sagte er.

»Ganz im Gegenteil, Mumm«, widersprach Lord Vetinari. »Das diplomatische Korps hier in Ankh-Morpork hast du sehr überrascht. Dort ist man nicht an offene Worte gewöhnt. Was hast du letzten Monat dem istanzianischen Botschafter gesagt?« Der Patrizier schob die Unterlagen auf seinem Schreibtisch hin und her. »Die Beschwerde müsste hier irgendwo liegen … Ah, da ist sie. Es ging um militärische Vorstöße über den Fluss Slipnir. Du meintest, weitere Aktionen dieser Art hätten direkte Konsequenzen für den Botschafter. Du hast angedroht, ihn mit einem Krankenkarren nach Hause zu schicken.«

»Tut mir sehr Leid, Herr. Aber es war ein langer Tag, und er ging mir wirklich auf die …«

»Seitdem haben sich die istanzianischen Truppen so weit zurückgezogen, dass sie fast im nächsten Land stehen«, fuhr Lord Vetinari fort und schob das Dokument beiseite. »Ich muss sagen, dass deine Bemerkung nur ganz allgemein in die Richtung meiner eigenen Meinung zielt, aber wenigstens waren deine Worte unmissverständlich. Der Botschafter betonte auch die Tatsache, dass du einen drohenden Blick auf ihn gerichtet hättest.«

»Ich habe ihn ganz normal angesehen.«

»Zweifellos. Nun, in Überwald brauchst du die Leute nur freundlich anzusehen.«

»Ah, aber du möchtest bestimmt nicht, dass ich Dinge sage wie ›Wie wär’s, wenn ihr uns euer Fett ganz billig verkauft?‹, oder?« Mumms Verzweiflung wuchs.

»Es ist nicht erforderlich, dass du an irgendwelchen Verhandlungen teilnimmst, Mumm. Darum kümmert sich einer meiner Sekretäre, der eine provisorische Botschaft einrichtet und solche Angelegenheiten mit den zuständigen Personen an den unterschiedlichen Höfen von Überwald diskutiert. Alle Sekretäre sprechen die gleiche Sprache. Du versuchst einfach nur, so herzoglich wie möglich zu sein. Und natürlich wird dich ein Gefolge begleiten. Mitarbeiter«, fügte Vetinari hinzu, als er die Verwirrung im Gesicht des Kommandeurs bemerkte. Er seufzte. »Einige Personen werden dich begleiten. Ich schlage Feldwebel Angua, Feldwebel Detritus und Korporal Kleinpo vor.«

»Ah«, sagte Karotte und nickte ermutigend.

»Wie bitte?«, erwiderte Mumm. »Ich glaube, ich habe gerade einen Teil des Gesprächs verpasst.«

»Ein Werwolf, ein Troll und ein Zwerg«, erklärte Karotte. »Ethnische Minderheiten, Herr.«

»Aber in Überwald sind es ethnische Mehrheiten«, sagte Lord Vetinari. »Die drei genannten Wächter stammen ursprünglich von dort, soweit ich weiß. Ihre Anwesenheit wird Bände sprechen.«

»Bisher hat sie mir noch nicht einmal eine Postkarte geschickt«, entgegnete Mumm. »Ich würde lieber jemand anderen mitnehmen, zum Beispiel …«

»Es wird den Bewohnern von Überwald zeigen, dass Ankh-Morpork eine multikulturelle Gesellschaft ist, Herr«, meinte Karotte.

»Oh, ich verstehe«, brummte Mumm. »›Leute wie wir.‹ Leute, mit denen man Geschäfte machen kann.«

Vetinaris Züge verhärteten sich ein wenig. »Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Kultur des Zynismus bei der Wache …«

»Unzulänglich ist?«, beendete Mumm den Satz. Einige Sekunden herrschte Stille. »Na schön«, seufzte er. »Ich gehe jetzt besser, um die Knäufe meiner Krone zu putzen.«

»Wenn mich meine heraldischen Kenntnisse nicht trügen, hat die herzogliche Krone keine Knäufe. Sie ist vielmehr recht … spitz.« Der Patrizier schob einen kleinen Stapel Papiere über den Schreibtisch. Ganz oben lag eine Einladungskarte mit goldenem Rand. »Gut. Ich lasse sofort eine … Nachricht übermitteln. Einzelheiten erfährst du später. Bitte richte der Herzogin meine Grüße aus. Und nun möchte ich dich nicht länger aufhalten …«

»Das sagt er immer«, murmelte Mumm, als er zusammen mit Karotte die Treppe hinuntereilte. »Er weiß, dass es mir nicht gefällt, mit einer Herzogin verheiratet zu sein.«

»Ich dachte, du und Lady Sybil …«

»Oh, ich habe nichts dagegen einzuwenden, mit Sybil verheiratet zu sein«, sagte Mumm rasch. »Nur das mit der Herzogin stört mich. Wo sind die anderen heute Abend?«

»Korporal Kleinpo kümmert sich um die Tauben. Detritus ist mit Knuddel Winzig auf Streife. Und Angua hat mit einem Sondereinsatz in den Schatten begonnen, Herr. Erinnerst du dich? Mit Nobby?«

»Oh, meine Güte, ja. Nun, wenn sie morgen zurückkehren, sollten sie besser mir Bericht erstatten. Da fällt mir ein … Nimm Nobby die blöde Perücke weg und versteck sie irgendwo.« Mumm blätterte in den Unterlagen. »Ich habe noch nie etwas vom Niederen König der Zwerge gehört. Ich dachte immer, der ›König‹ der Zwerge sei eine Art Chefingenieur oder so.«

»Oh, der Niedere König stellt etwas Besonderes dar«, sagte Karotte.

»Warum?«

»Nun, es beginnt alles mit der Steinsemmel, Herr.«

»Der was?«

»Was hältst du davon, wenn wir auf dem Weg zur Wache einen kleinen Umweg machen, Herr? Dann wird alles klarer.«

Die junge Frau stand an einer Straßenecke in den Schatten. Ihre Haltung verriet, dass sie im Sprachgebrauch dieses Viertels eine »wartende Dame« war. Besser gesagt: eine Dame, die auf Herrn Richtig beziehungsweise Herrn Der-richtige-Betrag wartete.

Sie schwang ihre Handtasche.

Dies war ein unmissverständliches Signal für jeden, der auch nur die Intelligenz einer Taube hatte. Ein Mitglied der Diebesgilde wäre vorsichtig auf der anderen Straßenseite vorbeigegangen und hätte der Frau höchstens auf freundliche, betont nicht aggressive Weise zugenickt. Selbst die weniger höflichen freischaffenden Diebe, die sich hier herumtrieben, hätten es sich genau überlegt, einen Blick auf die Handtasche zu werfen. Bei der Näherinnengilde waltete die Justiz sehr schnell und irreversibel.

Der dürre Schuldige Schuft hatte allerdings nicht die Intelligenz einer Taube. Seit fünf Minuten klebte sein Blick an der Handtasche fest, und der Gedanke daran, was sie wohl enthielt, hypnotisierte ihn geradezu. Er glaubte, das Geld bereits fühlen zu können. Mit eingezogenem Kopf setzte er sich auf den Zehenspitzen in Bewegung, stürmte aus der Gasse, griff nach der Handtasche und kam einige Zoll weit, bevor die Welt hinter ihm explodierte und er im Schlamm landete.

Etwas sabberte direkt neben seinem Ohr. Er hörte ein leises, lang gezogenes Knurren, das die Tonart nicht veränderte und deutlich klarstellte, was mit ihm geschehen würde, wenn er sich von der Stelle rührte.

Er hörte Schritte und sah aus dem Augenwinkel den Saum eines Kleids.

»Ach, der Schuldige Schuft«, erklang eine Stimme. »Bist du jetzt zum Handtaschendieb geworden? So tief bist du gesunken? Musst wirklich in Schwierigkeiten stecken. Es ist nur Schuft, Fräulein. Du kannst ihn aufstehen lassen.«

Das Gewicht erhob sich von Schufts Rücken, und er hörte, wie etwas davontapste.

»Ich hab’s getan, ich hab’s getan!«, rief der kleine Dieb verzweifelt, als ihm Korporal Nobbs auf die Beine half.

»Ja, ich weiß, ich habe dich dabei gesehen«, erwiderte Nobby. »Und hast du eine Ahnung, was mit dir passiert wäre, wenn dich die Diebesgilde beobachtet hätte? Dann lägst du tot im Fluss, ohne irgendwelche Privilegien wegen guter Führung.«

»Die Gilde hasst mich, weil ich so gut bin«, behauptete Schuft durch seinen verfilzten Bart. »He, erinnerst du dich an den Überfall bei Enorm Jolson im letzten Monat? Das war ich.«

»Natürlich, Schuft. Du bist es gewesen, völlig klar.«

»Und der ausgeräumte Goldtresor in der letzten Woche … Auch dafür bin ich verantwortlich. Da stecken keineswegs Kohlenfresse und seine Jungs hinter.«

»Du hast es getan, was, Schuft?«

»Und dann die Sache beim Goldschmied. Alle behaupten, es sei der Knirschende Ron gewesen …«

»Aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit hast du das Ding gedreht, stimmt’s?«

»Genau«, bestätigte Schuft.

»Und außerdem warst du es, der den Göttern das Feuer gestohlen hat, nicht wahr?«, fragte Nobby und grinste unter seiner Perücke.

»Ja, da hast du völlig Recht.« Schuft nickte und schniefte. »Damals war ich natürlich jünger.« Er musterte Nobby Nobbs kurzsichtig.

»Warum hast du ein Kleid an, Nobby?«

»Das ist streng geheim, Schuft.«

»Oh, na gut.« Verlegen verlagerte der Schuldige Schuft das Gewicht von einem Bein aufs andere. »Du hast nicht zufällig etwas Geld für mich, oder? Seit zwei Tagen habe ich nichts mehr gegessen. «

Kleine Münzen glänzten in der Dunkelheit.

»Verschwinde«, sagte Korporal Nobbs.

»Danke, Nobby. Wenn du irgendwelche ungelösten Fälle hast … Du weißt ja, wo du mich finden kannst.«

Schuft schlurfte durch die Nacht davon.

Feldwebel Angua erschien hinter Nobby und legte ihren Brustharnisch an.

»Armer alter Kerl«, sagte sie.

»Früher war er ein guter Dieb«, meinte Nobby. Er holte ein Notizbuch aus der Handtasche und kritzelte einige Zeilen.

»Es war sehr freundlich von dir, ihm zu helfen«, lobte Angua.

»Ich nehme mir das Geld aus der Portokasse«, sagte Nobby. »Außerdem wissen wir jetzt, wer die Goldbarren verschwinden ließ. Herr Mumm wird sich freuen. Vielleicht bringt mir dies eine neue Feder am Hut ein, sozusagen.«

»Am Häubchen, Nobby.«

»Was?«

»An deinem Häubchen, Nobby. Es ist von einem recht hübschen Blumenband umgeben.«

»Oh … ja …«

»Ich will mich nicht beschweren«, sagte Angua. »Aber als wir mit diesem Einsatz beauftragt wurden, sollte ich der Lockvogel sein und mir von dir helfen lassen.«

»Ja, aber du bist …« Nobby schnitt eine Grimasse, als er sich auf unvertrautes linguistisches Terrain wagte. »… mor… pho…lo…gisch begabt …«

»Du meinst, ich bin ein Werwolf, Nobby. Ich kenne das Wort.«

»Ja. Und deshalb kannst du wesentlich besser auf der Lauer liegen als ich, und … Es ist nicht richtig, dass Frauen bei der Polizeiarbeit als Lockvogel fungieren müssen …«

Angua zögerte, was oft geschah, wenn sie versuchte, Nobby schwierige Dinge zu erklären. Sie hob die Hände und bewegte sie so, als wollte sie den Teig ihrer Gedanken kneten.

»Es ist nur …«, begann sie. »Ich meine, die Leute könnten … Weißt du, wie die Leute Männer nennen, die Perücken und Kleider tragen?«

»Ja, Fräulein.«

» Wirklich?«

»Ja, Fräulein. Die Leute nennen sie Anwälte.«

»Äh, gut, ja«, erwiderte Angua langsam. »Und sonst noch?«

»Äh … Schauspieler, Fräulein?«

Angua gab auf. »Taft steht dir gut, Nobby«, sagte sie.

»Glaubst du nicht, dass ich darin zu dick wirke?«

Angua schniefte. »O nein … «, kam es leise über ihre Lippen.

»Das Parfüm habe ich wegen der Auatenzität aufgelegt«, sagte Nobby hastig.

»Was? Oh …« Angua schüttelte den Kopf und atmete tief durch. »Ich … rieche … etwas … anderes …«

»Das überrascht mich, weil dieses Zeug ziemlich geruchsintensiv ist. Um ganz ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass es echter Maiglöckchenduft ist …«

»Ich meine kein Parfüm.«

»… aber mit dem Lavendelwasser in dem Laden hätte man Messing reinigen können …«

»Kannst du allein zur Wache in der Kröselstraße zurückkehren, Nobby?«, fragte Angua. Trotz der sich verdichtenden Panik fügte sie in Gedanken hinzu: Ich meine, was könnte ihm schon passieren?

»Ja, Fräulein.«

»Es gibt da etwas, um das ich mich … kümmern muss.«

Angua eilte fort, und der neue Geruch beanspruchte ihre ganze olfaktorische Aufmerksamkeit. Es war tatsächlich eine ganze Menge nötig, um Eau de Nobbs in den Hintergrund zu drängen, und diesem speziellen Geruch gelang das mühelos. O ja …

Nicht hier, dachte sie. Nicht jetzt.

Nicht er.

Der fliehende Mann hangelte sich an einem schneefeuchten Ast entlang und schaffte es schließlich, einen tiefer gelegenen Ast zu erreichen, der zu einem anderen Baum gehörte. Inzwischen war er schon ein ganzes Stück vom Bach entfernt. Wie gut mochte ihr Geruchssinn sein? Ziemlich gut, das wusste er. Aber so gut?

Er hatte den Bach an einem überhängenden Ast verlassen. Wenn sie den Ufern folgten – und zweifellos waren sie klug genug, eine solche Entscheidung zu treffen –, konnten sie wohl kaum feststellen, an welcher Stelle er an Land zurückgekehrt war.

Links von ihm erklang dumpfes Heulen.

Er wandte sich nach rechts und hastete durch die Düsternis des Waldes.

Mumm hörte, wie Karotte in der Dunkelheit umhertastete, und dann drehte sich ein Schlüssel im Schloss.

»Ich dachte, das Komitee Gleiche Höhe Für Zwerge verwaltet diesen Ort«, sagte der Kommandeur.

»Es ist sehr schwer, Freiwillige zu finden«, erwiderte Karotte. Er geleitete Mumm durch die niedrige Tür und zündete eine Kerze an. »Ich komme jeden Tag hierher, um die Dinge im Auge zu behalten, aber ansonsten scheint niemand sehr interessiert daran zu sein.«

»Der Grund dafür ist mir ein Rätsel«, sagte Mumm und sah sich im Zwergenbrotmuseum um.

Das einzig Positive, das sich über die hier ausgestellten Brotprodukte sagen ließ, war vermutlich: Sie waren ebenso genießbar wie an jenem Tag, an dem man sie gebacken hatte.

Eigentlich war es in diesem Zusammenhang besser von »geschmiedet« zu sprechen. Zwergenbrot war nicht nur als Notration gedacht, sondern auch als Waffe und Währung. Zwerge hielten nicht viel von Religion, soweit Mumm wusste, aber ihre Einstellung dem Brot gegenüber konnte man durchaus fromm nennen.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Fifth Elephant« 1999 bei Transworld Publishers, London

Manhattan Bücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH

1. Auflage

Copyright © 1999 by Terry und Lyn Pratchett

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2000 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

eISBN 3-641-06044-2

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