Der Galimat und ich - Paul Maar - E-Book + Hörbuch

Der Galimat und ich E-Book und Hörbuch

Paul Maar

4,6

Beschreibung

Plötzlich groß und stark und mutig! Ein Traum mit Hindernissen.Der zehnjährige Jim hat nur einen Wunsch: Er möchte auf der Stelle erwachsen sein. Da taucht eines Abends plötzlich der Galimat, ein kugelförmiges Wesen, in Jims Zimmer auf. Gali bringt alle Haushaltsgeräte durcheinander und materialisiert für Jim eine Pille, durch die er für kurze Zeit erwachsen wird. Jetzt kann Jim es den fiesen Mitschülern und seinem blöden Lehrer zeigen! Doch erstens macht das weniger Spaß, als er dachte, und zweitens freundet er sich genau jetzt mit Rebekka aus seiner Klasse an. Eigentlich will Jim nie wieder eine Erwachsenwerden-Pille nehmen. Aber dann braucht Rebekka seine Hilfe. Ein lustiges Abenteuer für Kinder, von dem "Sams"-Erfinder und berühmten Autor Paul Maar. Mit Illustrationen von Ute Krause.

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Seitenzahl: 185

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Zeit:3 Std. 26 min

Sprecher:Andreas Fröhlich

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Sonntagnacht

Der Galimat

Eines Abends, eigentlich war es schon fast Mitternacht, saß ein Galimat auf einem von Jims Lexikonbänden. Genauer gesagt saß er auf Band drei der Bücher, die aufgereiht auf Jims Schreibtisch standen. Links und rechts sorgten zwei kleine Metallelefanten dafür, dass der Bücherstapel nicht umkippte.

Jim hatte geschlafen, war aber aufgewacht, weil irgendwas in seinem Zimmer Fiiiiuuuuuu gemacht hatte. Erst hatte er gedacht, das Fiiiiuuuuuu käme von dem elektrischen Luftreiniger, der in der Fensternische stand und leise vor sich hin pustete. Tante Larissa hatte ihn angeschleppt, weil Jim eine leichte Bronchitis gehabt hatte. Die Erkältung war längst vorbei, aber Tante Larissa war nun mal überfürsorglich und bestand darauf, dass Jim das Gerät die ganze Nacht über laufen ließ. Aber das Fiiiiuuuuuu war gar nicht von dem Luftreiniger gekommen, sondern aus der Richtung des Schreibtischs.

Jim setzte sich im Bett auf. Hätte seine Nachttischlampe nicht gebrannt, hätte er den Galimat gar nicht entdeckt. Aber weil Jim sich vor Dunkelheit fürchtete … na ja, sagen wir: weil er Dunkelheit nicht besonders mochte … ließ er seine Lampe die ganze Nacht über an.

Und deshalb sah er den Galimat. Obwohl er natürlich noch gar nicht wusste, dass dieses kleine, kugelige Wesen, das mit eingezogenen Beinen auf dem dicken Buch saß, ein Galimat war.

Jim

Nun muss aber erst mal erklärt werden, wer Jim überhaupt ist, bevor wir zum Galimat kommen. Beim Galimat wird das nämlich etwas schwieriger werden. Bei Jim geht es relativ einfach. Er ist ein zehnjähriger Junge. Mit ganzem Namen heißt er Jim Brown.

Nun könnte man denken, dass Jim bei einer Mutter oder einem Vater wohnte, die Brown hießen. Er wohnte aber bei Larissa und Hans-Gert Spitzer. Hans-Gert war Jims Onkel, der Bruder von Jims Mutter. Schon oft hatte Tante Larissa die Geschichte von Jims Eltern erzählt. Denn Jim wollte sie immer wieder hören, auch wenn es eine traurige Geschichte war.

Jims Mutter hatte sich in einen amerikanischen Soldaten verliebt, der in Deutschland stationiert war, in Officer Robert Brown. Und da sich Jims Vater auch in Jims Mutter verliebt hatte, heirateten die beiden keine fünf Monate später.

Als er seine Eltern das letzte Mal gesehen hatte, war Jim ungefähr drei Jahre alt gewesen. Er erinnerte sich noch an den Abschied. Seine Mutter hatte ein geblümtes Kleid angehabt und einen Koffer getragen, und sie hatte Jim geküsst, bevor sie ging. Die Erinnerung an seinen Vater war undeutlicher. Jim wusste nur noch, dass er eine blaue Sportjacke getragen und ihm eine Tüte Popcorn dagelassen hatte.

Seitdem waren die beiden aus seinem Leben verschwunden. Von Tante Larissa wusste Jim, dass sein Vater so eine Art Spion für die amerikanische Regierung gewesen war. Er war heimlich in ein fremdes Land gereist (in welches, wusste Tante Larissa auch nicht genau) und hatte dort wichtige Geheimnisse ausgekundschaftet. Doch dann kam ihm der Geheimdienst des fremden Landes auf die Spur, und Jims Eltern mussten untertauchen. Nun reisten sie von Land zu Land, immer auf der Flucht, weil der fremde Geheimdienst sich rächen wollte, und spionierten gleichzeitig neue Geheimnisse aus.

Jim hatten sie bei Onkel Hans-Gert und Tante Larissa gelassen, damit er in Sicherheit war.

Und so bekam Jim von seinen Eltern nur Postkarten, in denen sie ihn wissen ließen, dass sie an ihn dachten. Leider verrieten sie darin nie ihre genaue Adresse, denn der Geheimdienst hätte ja mitlesen können. Was Jim aber besonders ärgerte: Nie war auf den Karten ein Meer oder ein exotischer Urwald oder ein Gebirge zu sehen. Stattdessen schickten seine Eltern ihm Karten mit Tieren oder Pflanzen, wie es sie auch im Geschäft in der Schützenstraße gab. Das war nicht gerade spannend.

Jim sah Onkel Hans-Gert und Tante Larissa aber sowieso schon fast wie seine richtigen Eltern an. Und sie waren auch genauso liebevoll zu ihm. Na ja, vielleicht war Onkel Hans-Gert ein bisschen streng, aber letztlich merkte Jim, dass der Onkel ihn mochte.

Nur wenn Jim im Bett lag und nicht gleich einschlafen konnte, stellte er sich manchmal vor, dass seine Eltern kämen, um ihn abzuholen. Und er hatte fast ein schlechtes Gewissen ihnen gegenüber, weil er spürte, dass er die Tante und den Onkel inzwischen so lieb hatte, dass er gar nicht von ihnen wegwollte.

Jetzt aber zurück zum Galimat

Nun wird es aber Zeit, sich den Galimat näher anzuschauen. Wobei, wie gesagt, auch Jim keine Ahnung hatte, was für ein Wesen da auf seinem Lexikon saß. Er stieg vom Bett und betrachtete den Galimat aus der Nähe. Das schien dem Kleinen nicht zu gefallen, denn er streckte Jim eine lange Zunge heraus und machte so was Ähnliches wie »Bähhhuuh!«.

»Kannst du außer ›Bähu‹ noch was sagen?«, fragte Jim. »Wer oder was bist du überhaupt?«

»Galimat«, sagte der Galimat missmutig und spuckte aus. »Galimat.«

»Wie bitte?«, fragte Jim. »Du musst lauter sprechen! Aber spuck bitte nicht mein Lexikon voll.«

»Galimat, Galimat, Galimat!«, wiederholte der Galimat. »Hast du es jetzt kapiert, kapiert?«

»Ist das dein Name, oder nennt man alle von eurer Sorte so?«, fragte Jim.

»Welche Sorte denn, denn?«, fragte der Galimat und spuckte schon wieder aus. Diesmal im hohen Bogen über den Schreibtisch hinweg auf den Teppich.

Jim seufzte. »Ich meine: Gibt es noch mehr Galimats? Das musst du doch wissen.«

»Ich muss überhaupt nichts wissen«, sagte der Galimat. »Ich bin ein Galimat, und deswegen heiße ich auch Galimat. Ist doch logisch, logisch.«

»Das ist überhaupt nicht logisch«, sagte Jim. »Ich bin ein Mensch, aber ich heiße Jim.«

»Wie interessant: ein Mensch«, sagte der Galimat. »Du denkst wohl, ich würde dich für ein Meerschweinchen halten, halten?«

»Musst du eigentlich immer alles wiederholen? Das nervt!«, sagte Jim. »Ist das ein spezieller Galimat-Sprachfehler?«

»Sprachfehler?! Es ist eine Freundlichkeit. Ihr Menschen könntet ruhig auch so höflich sein. Man sagt das letzte Wort seiner Rede zweimal, damit der andere weiß, dass die Rede zu Ende ist und er antworten darf, darf«, sagte der Galimat. Er stand auf und begann, so was Ähnliches wie Kniebeugen auf dem Lexikonband zu machen. Genauer gesagt fuhr er seine Beine aus, machte sie immer länger, bis sich sein runder Körper mindestens einen halben Meter über dem Buch befand, und fuhr sie dann wieder ein.

Jim stand staunend davor. »Wahnsinn! Das sieht aus wie bei der Teleskopstange in unserem Duschvorhang«, sagte er. »Die kann man auch so lang ziehen.«

»Duschvorhang, Vorhang?«, fragte der Galimat.

»Duschvorhang: eine Spritzschutzvorrichtung für Dusche und Badewanne«, zitierte Jim das Lexikon. »Übrigens sitzt du auf dem falschen Band. Band drei geht von Dachfirst bis Efeu. Setzt dich gefälligst auf Band fünf: G bis H.«

»Aha, aha«, sagte der Galimat und machte einen großen Schritt von Band drei zu Band fünf. Dort zog er seine Beine fast ganz ein, sodass nur seine langen Füße unter dem runden Körper hervorragten.

Jim überlegte laut, wie wohl der Eintrag für den Galimat aussehen würde, wenn es ihn im Lexikon gäbe.

»Galimat. Würde voraussichtlich zwischen Galgen und Galle stehen. Der Galimat ist ungefähr so groß wie ein Fußball. Sein Kugelkörper ist zugleich sein Gesicht. Direkt darunter befinden sich zwei große Füße und zwei Hände mit jeweils drei Fingern. Oben auf dem Kopf sieht man zwei starre Haare. Die schmalen, spitzen Ohren sind beweglich und stehen vom Kugelgesicht ab, das an das Gesicht eines Kindes erinnert.«

Der Galimat hatte aufmerksam zugehört und zustimmend genickt.

Jim fragte: »Kann man das so sagen? Bist du noch ein Kind?«

»Ich bin ein Galimat, Galimat«, antwortete der Galimat.

Jim fragte weiter. »Ich meine: Wie alt bist du? Gibt es dich schon lange?«

»Mich gibt es schon, seit ich denken kann, kann«, sagte der Galimat.

»Aha«, machte Jim. Das war zwar keine sehr klare Antwort, aber mehr war wohl nicht aus dem Kleinen herauszukriegen.

Jims Spezial-Talent

Jim hatte aber noch eine andere wichtige Frage: »Wie kommst du überhaupt hier herein? Das Fenster ist doch zu.«

»Materialisiert, materialisiert«, sagte der Galimat. Er fing wieder an zu turnen und spuckte aus.

»Wie bitte?«, fragte Jim.

»Ma-te-ri-a-li-siert, siert«, wiederholte der Galimat ungeduldig.

»Ach so«, sagte Jim. »Lexikon Band acht. Warte, gleich habe ich es!«

»Was hast du gleich, gleich?«, fragte der Galimat.

»Stör mich nicht, ich muss nachsehen«, sagte Jim.

»Hä? Aber da, wo du hinguckst, ist doch nur Luft, Luft«, sagte der Galimat.

»Ich gucke ja auch innerlich nach. Und du sollst mich dabei nicht stören!«, sagte Jim. »Gut, dass ich schon beim Buchstaben O bin!«

Jim hatte nämlich ein ganz besonderes Talent: Er konnte sich jede einzelne Seite seines Lexikons vor Augen führen und sich Zeile für Zeile daran erinnern, was in den Beiträgen stand. Das klappte allerdings nur bis Band neun Nierenstein bis Opossum. Die übrigen Bände hatte er noch nicht auswendig gelernt.

»Mater… Material …«, überlegte er. »Da habe ich es! Materialisation: Umwandlung von Strahlungs- oder Bewegungsenergie in materielle Teilchen. Du bist also so was wie ein materielles Teilchen?«

»Haha, materielles Teilchen! So ein Blödsinn«, schimpfte der Galimat und rollte die Augen. »Ich weiß gar nicht, weshalb ich mir überhaupt von einem Menschen alberne Fragen stellen lasse und …«

»… und durch die Gegend spucke«, vollendete Jim den Satz.

»Stört dich das, das?«, fragte der Galimat.

»Spucke finde ich schlimm schleimig«, sagte Jim.

»Auch in deinem Mund, Mund?«, fragte der Galimat.

»Nein, natürlich nicht. Nur wenn sie aus dem Mund draußen ist«, sagte Jim.

»Spucke ist flüssig. Flüssiges muss weg«, verteidigte sich der Galimat. »Außerdem habe ich nur einmal auf deine Lexikone da gespuckt, gespuckt.«

»Lexika«, verbesserte Jim.

»Wie bitte, bitte?«, fragte der Galimat.

»Die Mehrzahl von Lexikon heißt nicht Lexikone, sondern Lexika!«

»Haha! Warum nicht gleich Lexikaka?«, fragte der Galimat. »Und die Mehrzahl von Telefon heißt nicht Telefone, sondern Telefa, ja, ja?«

»Sehr witzig«, sagte Jim. »Erklär mir lieber, was du hier willst.«

»Gar nichts«, sagte der Galimat. »Ich bin nur zwischengelandet. Das rote Licht hier hat mich angezogen. Und dieses Elektrogerät hat so schön gepustet. Da habe ich mich mal kurz materialisiert. Deswegen kannst du mich sehen, sehen.«

»Du meinst den Luftbefeuchter?«, fragte Jim und stellte das Gerät aus. »Der hat jetzt genug gepustet.«

»Schade«, sagte der Galimat. »Hat so schön gekitzelt, gekitzelt.«

»Ich habe noch nie was von einem Galimat gehört«, sagte Jim. »Und im Lexikon stehst du auch nicht.«

»Es soll mich ja auch niemand sehen«, sagte der Galimat. »Dass ich jetzt sichtbar bin, ist ein Anfängerfehler, Fehler.«

»Und wo willst du als Nächstes hin, wenn du hier nur mal zwischengelandet bist?«, fragte Jim.

»Erst ins Elektro und von da aus weiter, weiter«, sagte der Galimat.

Mit dieser Antwort konnte Jim nicht besonders viel anfangen. Deshalb fragte er: »Und wie funktioniert das? Ich meine, wie verschwindest du wieder?«

»Ganz einfach«, sagte der Galimat. »Ich drücke auf meinen Nasel, und schwupp – entmaterialisiere ich mich und bin weg, weg.«

»Was ist denn ein Nasel?«, fragte Jim.

»Na, das hier, hier«, sagte der Galimat und zeigte mit einem Finger auf den kleinen Knubbel mitten in seinem Kugelkörper. Dabei konnte er seine Hand, die vorher fest mit dem Körper verbunden schien, genauso ausfahren wie vorher seine Beine. Fast so, als seien die dünnen Arme, die da zum Vorschein kamen, aus Gummi.

»Ich würde das eher deinen Nabel nennen«, sagte Jim.

»Ist es ja auch, auch«, sagte der Galimat.

»Und warum sagst du dann ›Nasel‹ dazu?«

»Weil es auch meine Nase ist. Nase und Nabel gibt Nasel. Ist doch logisch, logisch«, erklärte der Galimat.

»Dann mach doch mal!«, sagte Jim. »Drück doch mal auf deinen Nabel. Nabel: Rundliche Vertiefung in der Mitte des menschlichen Leibes.«

»Warum? Willst du mich weghaben, haben?«, fragte der Galimat.

»Nein. Ich will einfach sehen, wie das geht mit dem Entmaterialisieren!«

Der Galimat drückte mit dem Finger auf den Knubbel. Es schien so, als würde sein ganzer Körper wackeln und zittern, dann wurde der Galimat immer blasser, und schließlich war nichts mehr von ihm zu sehen – bis auf seine langen Ohren. Die standen wie vorher waagerecht in der Luft.

»Na, was sagst du dazu?«, fragte der Galimat und wurde wieder sichtbar. »Entmaterialisiert und wieder materialisiert. Und das ganz ohne Flöten, Flöten.«

»Flöte: längliches Holzblasinstrument«, wusste Jim.

»Ich meine: ganz ohne Geflöte. Ein normaler Anfänger macht immer Fiiiiuuuuuu dabei. Oder zumindest Fiiuu. Aber ich habe es geschafft, mich völlig lautlos zu entmaterialisieren. Perfekt, was, was?«

»Lautlos?« Jim dachte an das Geräusch, das ihn geweckt hatte, und musste grinsen. Aber er wollte den Kleinen nicht enttäuschen, deshalb sagte er nur: »Du warst zwar lautlos, aber trotzdem nicht perfekt. Deine Ohren waren immer noch zu sehen.«

»Meine Ohren? Zu sehen?«, fragte der Galimat erschrocken. »Ich habe es gespürt. Zu viel Materie im oberen Bereich. Ich muss es gleich noch mal versuchen, versuchen.«

Wieder drückte er auf seinen Nasel, und wieder wurde er zunehmend durchsichtig, dann unsichtbar – bis auf seine Füße mit den langen Zehen.

»Na, na?«, fragte der Galimat, als er sich wieder materialisiert hatte.

»Die Füße waren noch da …«, sagte Jim.

»Ich wusste es!«, schimpfte der Galimat und rollte wieder die Augen. »Ich habe es gespürt. Es klappt nicht. Es klappt nicht, es klappt nicht. Jetzt kann es Tage dauern, bis ich wieder aufgeladen bin. Wenn nicht Wochen, Wochen!«

Jim überlegte. Aufladen: etwas auf ein Fahrzeug laden. Nein, das war es wohl nicht. Was stand da noch? Etwas mit elektrischem Strom füllen. Batterien aufladen. Das war es wohl!

»Und was machst du jetzt?«, fragte er.

»Ich muss einen Suchstrahl losschicken, damit sie mich finden, finden«, sagte der Galimat.

»Dann los!«, sagte Jim. »Ich bin schon gespannt, wer dich findet.«

»Mich wird keiner finden«, sagte der Galimat. »Weil es keinen Suchstrahl gibt. Muss erst aufgebaut werden. Dazu brauche ich Elektro und Vibrationen, Vibrationen.«

»Vibrationen? Was meinst du damit?«, fragte Jim.

»Guck doch in deinem Kopflexikon nach, nach!«, schlug der Galimat vor.

»Das kann ich nicht. Ich bin erst mitten im O. Das V kommt viel weiter hinten.« Jim hatte aber noch eine andere wichtige Frage: »Bleibst du jetzt hier, bis du diese Vibrationen aufgebaut hast? Soll ich dich morgen Onkel Hans-Gert und Tante Larissa vorstellen?«

»Was ist ein Onkel, Onkel?«, fragte der Galimat.

»Onkel: der Bruder der Mutter oder des Vaters«, sagte Jim.

»Aha. Bitte sag dem Bruder der Mutter oder des Vaters nicht, dass ich hier gelandet bin«, sagte der Galimat. »Schlimm genug, dass du mich siehst, siehst.«

»Was ist so schlimm daran?«

»Wenn ein Galimat von mehr als sechs Augen gesehen wird, bekommt er zur Strafe ein Jahr lang Materialisationsverbot, Verbot.«

»Wahrscheinlich bist du längst von mehr als sechs Augen gesehen worden«, sagte Jim.

»Mehr als sechs, sechs?«, fragte der Galimat erschrocken.

»Ja. Hier gibt es bestimmt einige Fliegen und vielleicht eine Spinne …«, sagte Jim.

»Ach so«, sagte der Galimat. »Tiere gelten nicht, nicht.«

»Pssst! Ich glaube, ich habe eine Tür gehört. Schnell, versteck dich!«, bat Jim.

»Nichts leichter als das, das!«, sagte der Galimat und drückte auf seinen Nasel.

Jim rannte zu seinem Bett und hechtete unter die Bettdecke. Gerade noch rechtzeitig, bevor Tante Larissa die Tür öffnete.

»Jim?«, flüsterte sie. »Ich habe mir eingebildet, ich hätte bei dir Stimmen gehört. Entschuldige, wenn ich dich geweckt habe. Gute Nacht, Jim. Schlaf gut!«

»Gute Nacht«, murmelte Jim. »Lass bitte das Licht an!«

Er bemühte sich, nicht in Richtung seines Schreibtischs zu blicken. Wäre Tante Larissa nämlich seinem Blick gefolgt, hätte sie zwei lange, schmale Ohren waagerecht über den Lexikonbänden schweben sehen.

Energiestufe Blau

Nachdem Tante Larissa gegangen war, wartete Jim eine Weile. Dann rief er halblaut: »He, Galimat! Du kannst dich wieder materialisieren. Die Tante ist weg.«

Und wirklich wurde der Galimat gleich darauf wieder sichtbar.

»Du hörst mich also auch, wenn du dich entmaterialisiert hast«, stellte Jim fest.

»Nur wenn ein Teil von mir noch da ist«, sagte der Galimat.

»Ach so! Dann ist es ja gut, dass zu viel Materie oben oder unten in dir steckt«, sagte Jim.

»Ist gut für dich, schlecht für mich«, sagte der Galimat. »Weil ich jetzt hierbleiben muss.«

»Findest du das sehr schlimm?«, fragte Jim.

»Nein, nur ein bisschen schlimm«, gab der Galimat zu. »Ich hätte ja auch bei diesem Bruder der Mutter landen können. Wäre nicht so lustig gewesen wie bei dir, dir.«

»Du findest mich lustig?«, fragte Jim.

Der Galimat nickte. Oder besser: Er fuhr die Beine aus und neigte den ganzen runden Körper vor und zurück.

»Was ist denn lustig an mir?«, fragte Jim weiter.

»Dass du die Lexikone Lexikaka nennst«, antwortete der Galimat lachend. Dabei zog sich sein Mund quer über den ganzen Körper. »Und dass du immer eine Erklärung machen musst, musst.«

»Die anderen aus meiner Klasse finden das gar nicht lustig«, sagte Jim. »Die halten mich für einen Angeber.«

»Lass sie dich doch einfach halten, halten«, schlug der Galimat vor.

»Du hast gut reden!« Jim gähnte.

»Bist du müde, müde?«, fragte der Galimat.

Jim nickte und blickte auf den Wecker. »Es ist ja auch schon ein Uhr! Schläft ein Galimat eigentlich auch?«

»Ein Galimat schläft nicht, er wechselt nur die Farbe«, sagte der Galimat. »Rot ist meine Wach-Farbe, Blau die Schlaf-Farbe. Ich werde jetzt auf Blau umstellen. Ich wünsche guten Energiefluss, Fluss!«

»Gute Nacht, Gali«, sagte Jim.

»Gali?«, fragte der Galimat. »Gali?«

Jim lachte. »Warum nicht? Das klingt doch gut!«

»Gali«, wiederholte der Galimat. »Na gut. Klingt wenigstens besser als Gulli. Gute Nacht, Jim, Jim.«

Als Jim schon fast eingeschlafen war, wurde er noch mal durch ein leises »Jim, Jim!« geweckt.

»Was ist denn noch?«, fragte er schlaftrunken.

Gali stand neben seinem Bett. Er hatte die Beine lang gemacht und flüsterte Jim ins Ohr: »Ich muss noch mal spucken, spucken.«

»Dann nimm wenigstens den Papierkorb«, murmelte Jim. »Papierkorb: Behälter für Papierabfälle. Und dann wechselst du bitte schön deine Farbe!«

»Bin ja schon blau, blau«, flüsterte Gali.

Damit war er endgültig still, und Jim schlief ein.

Montag

Energiestufe Rot

Am nächsten Morgen wurde Jim wie immer durch das Weckerklingeln geweckt. Nur dass das diesmal etwas anders klang als gewohnt. Auf den normalen Piepton folgte nämlich ein Pfeifen, und das wiederum wurde durch ein tiefes Trommeln abgelöst. Schließlich ging das Trommeln über in ein Brummen wie von einem Lastwagenmotor. Und all diese Geräusche kamen ganz eindeutig aus dem Wecker.

Jim setzte sich erschrocken auf und streckte die Hand aus, um den Wecker abzustellen. Der Wecker fing nun auch noch an, ein Trompetensolo zu spielen.

»Sehr gutes kleines Elektro«, sagte eine Stimme neben dem Bett. »Geht von diesem Weckgerät direkt in meinen Nasel und zurück. Kitzelt schön, schön.« Natürlich gehörte die Stimme dem Galimat. Er strahlte schon in einem leuchtenden Rot.

»Machst du das alles?«, fragte Jim. Der Wecker zwitscherte inzwischen wie ein Vogel.

»Nein, das macht dein Wecker«, sagte Gali. »Ich habe ihm nur ein bisschen Elektro zugeführt. Das Piep-piep ist doch langweilig. Findest du nicht auch, auch?«

Jim stellte den Wecker endlich aus.

»Guten Morgen, Gali«, sagte er, während er aus dem Bett stieg. »Du bist also immer noch hier.«

»Wo denn sonst, sonst?«, fragte der Galimat.

»Keine Ahnung. Aber was machen wir denn jetzt mit dir? Ich muss gleich zur Schule. Was ist, wenn Tante Larissa ins Zimmer kommt?«

»Du kannst mich ja verstecken«, sagte der Galimat. Er blickte sich im Zimmer um. »Vielleicht dort, dort?«

»Du meinst den Kleiderschrank? Ja, das geht. Darf ich dich anfassen? Anfassen: berühren, ergreifen.«

Jim wartete die Antwort gar nicht ab, sondern fasste den Galimat vorsichtig links und rechts und trug ihn zum Kleiderschrank. Der kleine Kugelkörper fühlte sich fest an, wie ein prall gefüllter Lederball.

»Ich hab eine Idee«, sagte Jim. »Unten im Schrank stehen meine Skischuhe.«

»Und, und?«, fragte der Galimat.

»Stell dich da rein! Ja, gut so! Und jetzt entmaterialisiere dich wieder! Und zwar so, dass man nur deine Füße sieht!«

Gleich darauf war der Galimat verschwunden. Denn seine Füße steckten gut verborgen in Jims Skischuhen.

»Langweilst du dich nicht, wenn du den ganzen Vormittag im Schrank stehst?«, fragte Jim.

»Was ist langweilen, langweilen?«, fragte Gali.

»Das Gegenteil von kurzweilen«, sagte Jim lachend.

Er war jetzt bester Laune. Wer außer mir hat einen Galimat im Zimmer?, sagte er sich. Das war jetzt sein Geheimnis.

Er fing sogar an zu singen: »Guli, Goli, Galimat, ich geh ins Bad, ich geh ins Bad!«

»Teilen alle Menschen einander singend mit, dass sie ins Bad gehen, gehen?«, fragte Gali aus dem Schrank.

»Nein, das machen sie nur, wenn sie einen Galimat versteckt haben«, sagte Jim. »Dann aber immer!«

Die Morgenübung

Tante Larissa und Onkel Hans-Gert saßen schon am Frühstückstisch, die Kaffeetassen vor sich, als Jim frisch geduscht aus dem Badezimmer kam.

»Guten Morgen, Jim. Du scheinst ja gut gelaunt zu sein. Ich hab dich schon in deinem Zimmer singen hören«, sagte Tante Larissa, während sie ihm eine Tasse Kakao einschenkte. »Was war das für ein Lied? Irgendwas mit ›Automat‹?«

Onkel Hans-Gert wartete Jims Antwort gar nicht ab und sagte: »Jim, du bist reichlich spät dran heute. Und das Lexikon hast du auch nicht dabei!«

»Hab ich vergessen.« Jim gähnte und setzte sich zu ihnen. »Hab wohl zu wenig geschlafen.«

»Hole trotzdem mal H bis O!«, befahl Onkel Hans-Gert.

Jim stand auf und kam kurz darauf mit den Bänden zurück.

»Wir haben gerade die Wunschliste noch mal durchgesehen«, sagte Tante Larissa, als er sich wieder setzte. »Onkel Hans-Gert hat einen neuen Wunsch geäußert. Ich habe ihn gleich ins Wunschlisten-Heft eingetragen. Willst du ihn hören?«

»Warum nicht«, sagte Jim und gähnte schon wieder.

»Larissa, ist das nun dein Wunsch oder meiner?«, fragte Onkel Hans-Gert und blickte Tante Larissa streng an.

»Natürlich deiner. Hab ich doch gesagt«, antwortete sie.

»Na also, dann werde ich meinen Wunsch doch auch selbst vortragen dürfen«, sagte er und las vor: »Ein Gartengrundstück mit einem gut gesicherten Gartenhaus mit Blitzableiter und Alarmanlage! – Na, was hältst du davon, Jim?«

»Das ist bestimmt nicht billig«, sagte Jim.

»Ich kann ja dafür den Mercedes streichen«, sagte Onkel Hans-Gert schnell.

»Aber unser Afrika-Urlaub bleibt!«, bestimmte Tante Larissa.

»Erst müssen wir mal die Million kriegen«, sagte Jim.

»Du musst sie kriegen, Jim! Nur du«, sagte Onkel Hans-Gert. »Und deshalb werden wir gleich mit der Morgenübung anfangen.«

Vielleicht muss hier erst mal erklärt werden, was das für ein Wunschlisten-Heft ist und was mit der Morgenübung gemeint war. Beides hing mit Jims besonderem Talent, seinem Spezial-Gedächtnis, zusammen. Das hatte Onkel Hans-Gert schon vor einiger Zeit erkannt und einen Plan gefasst: Jim würde das ganze Lexikon, vom Buchstaben A bis zum Z, auswendig lernen. Mit diesem umfassenden Wissen würde er dann bei der Fernseh-Quizsendung Superwisser teilnehmen. Kandidaten, die alle vierzehnFragen richtig beantworteten, gewannen dort eine Million.