Der Game Master - Gegen die Spielregeln - James Dashner - E-Book

Der Game Master - Gegen die Spielregeln E-Book

James Dashner

4,4
8,99 €

Beschreibung

Michael hat das Geheimnis des Cyber-Terroristen Kaine gelüftet – doch das ist erst der Anfang des Albtraums. Denn Kaine ist ein mutierter Tangent, ein Computerprogramm, das sich zu einem hochintelligenten Wesen mit eigenem Willen entwickelt hat. Und Kaine will nur eines: Die Alleinherrschaft über das VirtNet und die reale Welt! Für Michael und die VirtNet-Security beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, denn die Machtübernahme ist bereits im Gange …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 435




Foto: © Maria Wood

DER AUTOR

James Dashner ist in Georgia aufgewachsen. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Utah. Schon in frühen Jahren wollte Dashner Schriftsteller werden, arbeitete aber zunächst im Finanzwesen, bevor er sich vollständig dem Schreiben zuwandte und mit seinen Jugendbüchern in den USA die Bestsellerlisten stürmte, u. a. mit der Trilogie Mazerunner.

Von dem Autor ist bei cbt außerdem erschienen:

Der Game Master – Tödliches Netz (Bd. 1)

James Dashner

Der Game Master

Gegen die Spielregeln

Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Februar 2016

© 2014 by James Dashner

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »The Rule of Thoughts« bei Delacorte Press, an imprint of Random House Children’s Books,

a division of Random House, Inc., New York.

© 2016 für die deutschsprachige Ausgabe

by cbt Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München, 

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr

Lektorat: Kerstin Weber

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © Evelina Kremsdorf/Arcangel Images

he ∙ Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-14002-1V002

www.cbt-buecher.de

Für die Dashner Army.

Wir halten zusammen.

Kapitel 1

Fremd im fremden Zuhause

1

Michael war nicht er selbst.

Ein Fremder im Bett eines Fremden, der zu einer Decke hinaufstarrte, die er vor ein paar Stunden zum ersten Mal gesehen hatte. Eine furchtbare Nacht lag hinter ihm: Völlig verwirrt und von Übelkeit geplagt hatte er stundenlang in diesem unbekannten Zimmer, in diesem fremden Bett gelegen, traurig, zutiefst erschüttert, und war nur hin und wieder in einen kurzen, unruhigen, von Albträumen geplagten Schlaf gefallen. Sein Leben war buchstäblich aus den Fugen geraten, und er konnte keinen einzigen klaren Gedanken mehr fassen. Schon allein diese ungewohnte Umgebung war eine ständige entsetzliche und erbarmungslose Erinnerung an sein neues Leben. Angst züngelte durch jede einzelne seiner Adern.

Und seine Familie …? Was war aus seiner Familie geworden? Jedes Mal, wenn er an seine Eltern dachte, sackte er noch mehr in sich zusammen.

Der erste Schimmer der Morgendämmerung stahl sich durch die Jalousien, bedrückende, bleiche Lichtstreifen. Still und dunkel stand der Coffin neben dem Bett, so unheilvoll wie ein echter Sarg, den man einem kalten, feuchten Grab entrissen hatte. Er sah es fast bildlich vor sich: eine verrottende, halb geborstene Holzkiste, aus der menschliche Überreste quollen. Und was war mit all den anderen Sachen hier in diesem Zimmer? Waren sie überhaupt … real? Schon das Wort real war ihm irgendwie fremd geworden, er verstand einfach nicht mehr, was es bedeutete. Es war, als sei ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, als sei ihm sein ganzes Wissen über die Welt aus dem Gehirn gelöscht worden.

Verstand, Bewusstsein … Sein Gehirn konnte nichts mehr erfassen.

Sein… Gehirn?

Beinahe hätte er laut aufgelacht, aber das Lachen erstarb ihm in der Kehle.

Sein Gehirn? Tatsächlich besaß Michael ein physisches, wirkliches Gehirn erst seit zwölf Stunden. Also gerade mal einen halben Tag, wie ihm jetzt bewusst wurde. Sein Magen verkrampfte sich.

Konnte das wahr sein? Und überhaupt: Was war wahr?

Alles, was er wusste, war das Ergebnis künstlicher Intelligenz. Fabrizierte Daten, erfundene Erinnerungen. Programmierte Technologie. Ein von anderen kreiertes, künstliches Leben. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen – und jeder Punkt, der ihm in den Sinn kam, war noch schlimmer als der vorangegangene. An ihm war nichts echt, und doch war er nun hier, war durch das VirtNet und dieses entsetzliche Mortality Dogma in dieses Zimmer hier verpflanzt worden, in dem er nichts zu suchen hatte.

Und er selbst war in ein menschliches Wesen verwandelt worden. In einen lebendigen, atmenden, fühlenden Organismus. Mit einem gestohlenen Leben. Um etwas zu werden, das er nicht einmal ansatzweise begriff. Die Welt, die er kannte, war zerschmettert, vernichtet worden. Total.

Dabei war er nicht einmal sicher, ob er das überhaupt glauben sollte. Soweit er wusste, konnte er genauso gut auch nur in ein anderes Programm versetzt worden sein, von einem virtuellen Leben in ein anderes virtuelles Leben. Oder auf ein anderes Level von Lifeblood Deep. Wie sollte, wie konnte er jemals wieder darauf vertrauen, was er für real oder nicht real hielt? Eine Ungewissheit, die ihm fast den Verstand raubte.

Er wälzte sich herum und schrie in sein Kissen. Sein Kopf – sein fremder, unbekannter, gestohlener Kopf – schmerzte von den tausend Gedanken, die in seinem Gehirn pochten und tobten, und ein jeder davon kämpfte um Aufmerksamkeit. Kämpfte darum, wahrgenommen, verarbeitet, verstanden, begriffen zu werden. Und der Schmerz unterschied sich nicht einmal von dem Schmerz, den er als Tangent verspürt hatte. Was ihn nur noch mehr verwirrte. Er konnte einfach nicht akzeptieren, was er erst seit zwölf Stunden wusste: dass er bis gestern Abend nichts als ein Programm gewesen war, ein programmiertes Nichts, bestehend aus einer langen Reihe von Ziffern, Buchstaben, Sonderzeichen, aus denen er, der Tangent Michael, errechnet worden war. Genau: Ich bin nur das Ergebnis einer Rechenoperation, dachte er und lachte bitter auf. Die Kopfschmerzen wurden immer stärker, breiteten sich immer weiter aus, als würden sie jeden Augenblick seinen Kopf und seine Kehle spalten.

Er schrie erneut auf, aber auch das half nichts. Schließlich zwang er sich, die Beine über die Bettkante zu schwingen und sich aufzusetzen. Seine Füße berührten den nackten, kalten Holzboden, was ihn wieder daran erinnerte, dass er sich hier auf fremdem Territorium befand. In jener Wohnung, die er sein ganzes Leben lang sein Zuhause genannt hatte, hatten dicke Teppiche den Boden bedeckt, und sie hatten sich wärmer, sicherer und angenehmer angefühlt als diese Holzdielen. Nicht hart und rau. Er wollte mit Helga, Haushälterin und sein ehemaliges Kindermädchen, reden. Er brauchte seine Eltern.

Bei diesen Gedanken drehte er fast durch. Er hatte versucht, ihnen auszuweichen, sie hinter die tausend anderen Gedanken zu verdrängen, die ihm durch den Kopf wirbelten – aber sie ließen sich nicht vertreiben. Sie überragten alle anderen und forderten Beachtung.

Helga. Seine Eltern.

Wenn das stimmte, was Kaine behauptet hatte, dann waren sie genauso synthetisch, wie es Michaels programmierte Fingernägel gewesen waren. Sogar wie alle seine Erinnerungen. Er würde wohl nie erfahren, welche Erinnerungen von Beginn an in seinen künstlichen Verstand hineinprogrammiert worden waren und welche aus seinen eigenen Erfahrungen in der codierten Welt von Lifeblood Deep stammten. Er wusste nicht mal, wie lange er schon existierte, kannte sein wahres Alter nicht. Vielleicht war er zwei Monate alt oder drei Jahre oder hundert.

Seine Eltern. Helga. Vielleicht waren sie Fakes. Oder verschwunden. Oder tot. Vielleicht hatte es sie überhaupt nie gegeben. Nichts davon ergab einen Sinn.

Sorgen und Angst legten sich wie eine Klammer um seine Brust, Trauer überwältigte ihn. Er ließ sich wieder aufs Bett zurückfallen, drehte sich zur Wand und zog das Kissen über den Kopf. Zum ersten Mal in seinem Leben weinte er als wirkliches menschliches Wesen. Aber die Tränen brannten genauso in den Augen und schmeckten genauso salzig wie die, die er als Tangent vergossen hatte.

2

Der Augenblick abgrundtiefer Trauer verging schneller als erwartet. Gerade als er dachte, dass ihn die Verzweiflung voll und ganz verschlingen würde, wich sie zurück. Vielleicht hatten seine Tränen diese Erleichterung bewirkt. In seinem Tangent-Leben hatte er selten geweint, wahrscheinlich seit seiner Kindheit nicht mehr. Er war einfach nicht der Typ dafür gewesen. Zumindest hatte er das immer gesagt. Jetzt bereute er es, denn die Tränen schienen den Schmerz erträglicher zu machen.

Wieder unternahm er einen Versuch, aus dem Bett zu kommen, und diesmal schaffte er es. Stand mit beiden Beinen auf dem harten, kalten Holzboden, hatte seine Gefühle unter Kontrolle. Höchste Zeit, das zu tun, was er gestern Abend nicht mehr geschafft hatte: herauszufinden, wer er in dieser Welt eigentlich geworden war. Da niemand ins Zimmer gestürzt war, als er geschrien hatte, vermutete er, dass er sich allein in der Wohnung befand.

Er ging durch das gesamte Apartment und zog die Jalousien hoch, um die Strahlen der Morgensonne hereinzulassen. Er wollte jedes Detail dieses seltsamen Ortes, seines neuen Zuhauses, sehen, um dann zu entscheiden, ob er es einfach dabei belassen konnte. Oder sollte.

Die Stadt, die er durch die Fenster erblickte, war nicht dieselbe, die er von seinem alten Apartment aus gesehen hatte. Aber immerhin war es eine Stadt, was schon mal ein bisschen Vertrautheit mit sich brachte. Graue Betongebäude reihten sich aneinander und ragten in den Himmel, Autos schlängelten sich durch die Straßen, Hovercars schwebten durch die Luft und der typische Smog verschleierte die Sicht. Menschen eilten geschäftig über die Gehwege. Keine einzige Wolke trübte den eintönig blauen Himmel.

Er wandte sich ab und begann mit der Durchsuchung.

Nichts Ungewöhnliches in den Schlafzimmern. Kleider, Möbel, in jedem Zimmer ein WallScreen, auf dem in langsamer Abfolge Fotos erschienen und wieder verblassten. Vor dem großen WallScreen im Elternschlafzimmer blieb Michael stehen und besah sich eine Weile die Familienfotos – Mutter, Vater, Sohn, Tochter füllten nacheinander den Monitor. Er erinnerte sich daran, wie er selbst jetzt aussah, und es verstörte ihn, diesen Junge in so vielen Situationen zu sehen, die für Michael absolut bedeutungslos waren. Ein Familienporträt, aufgenommen bei strahlendem Sonnenschein am Ufer eines von riesigen Eichen gesäumten Flusses; die Kinder waren noch klein, der Junge saß auf dem Schoß des Vaters. Dann ein ziemlich neues Porträt des Jungen, aufgenommen in einem Studio vor grobkörnigem grauem Hintergrund. Es war seltsam, das Gesicht, das Michael lange Zeit im Spiegel angestarrt hatte, nun auf dem großen WallScreen zu sehen.

Es gab noch andere, ungezwungenere Aufnahmen. Der Junge mit einem Baseballschläger in Aktion. Das Mädchen beim Spiel mit silbernen Bausteinen auf dem Boden, während sie lächelnd zum Fotografen aufblickt. Die gesamte Familie beim Picknick. In einem Restaurant. Am Strand. Beim Spieleabend.

Schließlich ertrug er es nicht länger und wandte den Blick ab. Es tat weh, eine glückliche Familie zu sehen, nachdem er selbst gerade seine Familie verloren hatte, womöglich für immer. Missmutig ging er ins nächste Zimmer, das offensichtlich dem Mädchen gehörte. Auf ihrem WallScreen tauchte kein einziges Familienfoto auf, stattdessen eine Abfolge ihrer Lieblingsbands und -filmstars – Michael kannte sie alle aus Lifeblood. Auf dem Nachttisch neben dem ganz in Rosa getauchten Bett stand ein altmodischer Bilderrahmen mit einem richtigen, auf Papier gedruckten Foto. Es zeigte das Mädchen mit seinem Bruder – ihm selbst! –, beide mit dem typischen breiten, etwas dümmlichen Fotogrinsen. Michael schätze das Mädchen ungefähr zwei Jahre älter als den Jungen.

Da die Fotos Michaels Stimmung nur noch verdüsterten, richtete er seine Aufmerksamkeit lieber auf die Schränke und Schubladen. Vielleicht konnten ihm reale Gegenstände mehr über die Leute sagen, die hier wohnten. Er entdeckte zwar nicht viel, fand aber immerhin heraus, dass die Familie Porter hieß und dass das Mädchen auf den Vornamen Emileah hörte – eine ziemlich seltsame Schreibweise von Emily.

Dann endlich raffte er seinen ganzen Mut zusammen und ging in das Zimmer des Jungen zurück. In sein Zimmer. Das Zimmer mit der zerwühlten Bettdecke und dem Sarg und den harten, kalten Holzdielen. Und tatsächlich entdeckte er nun das, wonach er gesucht und wovor er sich zugleich gefürchtet hatte: den Namen des Jungen. Des Jungen, dessen Leben er gestohlen hatte. Er stand auf einer Geburtstagskarte, einer richtigen Karte aus Papier, die auf der Kommode stand.

Jackson.

Jackson Porter.

Kleine rote Herzchen waren von Hand über die ganze Karte gekritzelt worden. Süß. Im Innern ein Geburtstagsgruß von einem Mädchen namens Gabriela, das Jackson seine unsterbliche Liebe versicherte und einem gewissen unteren Körperteil diverse Formen der Folter androhte, sollte er diese Karte jemals irgendwen lesen lassen. Natürlich gefolgt von einem Smiley. Ganz unten war das Papier ein bisschen gewellt, als sei eine Träne drauf gefallen, direkt nach einer Bemerkung über einen Jahrestag. Schuldbewusst warf Michael die Karte auf die Kommode zurück. Es war, als hätte er in ein verbotenes Zimmer geblickt.

Jackson Porter.

Michael konnte nicht anders, er ging in das Elternschlafzimmer zurück und betrachtete noch einmal den großen WallScreen. Doch jetzt mit ganz anderen Augen. Den Namen des Jungen zu wissen, veränderte irgendwie alles. Er sah ein Gesicht und einen Körper – sein Gesicht und sein Körper – bei verschiedenen Aktivitäten: wie er herumlief, aß, lachte, seine Schwester mit dem Gartenschlauch bespritzte … Jackson schien ein fröhlicher Typ zu sein.

Gewesen zu sein.

Jetzt gab es ihn nicht mehr.

Jackson war seiner Familie und seiner Freundin gestohlen worden. Sein ganzes Leben war ihm gestohlen worden.

Seltsamerweise empfand Michael kaum Schuldgefühle, dafür umso größere Trauer. Er konnte ja nichts dafür, dass es so gekommen war, es war ja nicht seine Entscheidung gewesen, seine Tat. Und doch war er so verzweifelt wie noch nie zuvor.

Er wandte er sich vom WallScreen ab und machte sich an die weitere Durchsuchung des Apartments.

3

Michael durchwühlte eine Schublade nach der anderen, bis er überzeugt war, dass er nichts Neues mehr entdecken würde. Vielleicht waren die Antworten auf seine Fragen auch gar nicht hier in der Wohnung zu finden. Zeit, das zu tun, was eigentlich ganz oben auf seiner To-do-Liste hätte stehen sollen, was er aber unbedingt hatte vermeiden wollen.

Er musste wieder online gehen.

Gestern, nachdem er in seinem neuen Körper aufgewacht war, hatte er seine Mails zwar gecheckt, aber nur, weil Kaine es ihm befohlen hatte. Der NetScreen war fast völlig leer gewesen – bis auf eine einzige Mitteilung, die von Kaine persönlich stammte und enthüllte, was geschehen war. Die Mail, die sein Leben komplett verändert hatte. Allerdings ging Michael davon aus, dass Kaine Jacksons Online-Präsenz nur für kurze Zeit gehijackt hatte, um diese eine Mail zu senden, sodass Jacksons Postfach jetzt wiederhergestellt war. Michael musste also nur kurz auf den EarCuff drücken, um wahrscheinlich mehr über den Jungen zu erfahren, als er jemals wissen wollte.

Aus irgendeinem Grund kam ihm das nicht richtig vor, was natürlich nicht viel Sinn ergab. Schließlich hatte Michael einen großen Teil seines Lebens damit verbracht, sich durch das VirtNet zu hacken, ohne jemals auch nur die geringsten Gewissensbisse zu verspüren. Trotzdem, das hier war irgendwie was anderes. Er brauchte weder Programmier- noch Hackerkenntnisse. Er musste nur ein bisschen klicken oder scrollen. Dabei hatte er doch bereits das reale Leben eines Menschen gestohlen. Ihm jetzt auch noch sein virtuelles Leben zu stehlen und seine privaten Mails zu lesen, erschien ihm einfach zu viel.

Er zögerte eine Weile, aber im Grunde war ihm klar, dass er gar keine andere Wahl hatte. Jackson Porter – oder jedenfalls das, was ihn zu einer Person machte – war vermutlich für immer verschwunden. Wenn Michael weiterkommen wollte, musste er das als Tatsache akzeptieren. Und selbst wenn Jackson nicht für immer verschwunden war, selbst wenn es irgendwie möglich sein sollte, seinen Verstand wieder in seinen Körper zurückzutransferieren, dann würde Michael das nur herausfinden, wenn er sich jetzt einfach in diese Sache stürzte.

Er holte einen Stuhl – einen ganz gewöhnlichen, langweiligen Stuhl, der in keiner Weise vergleichbar war mit dem wolkenweich gepolsterten, anschmiegsamen Sessel in seinem früheren Leben – und setzte sich neben ein Fenster. Er schloss die Jalousien, um das grelle Tageslicht wieder auszublenden. Sein letzter Blick durch die sich schließenden Lamellen erfasste eine Stadt, die bereits in ihren alltäglichen Rhythmus gefunden hatte – voller Chaos, Hektik und Lärm. Irgendwie verspürte er eine gewisse Eifersucht auf diese Menschen, die keinen Schimmer davon hatten, dass ein verrücktes Computerprogramm die Fähigkeit besaß, ihnen ihre Körper zu stehlen. Oder dass überhaupt etwas nicht stimmte auf dieser Welt.

Michael schloss die Augen und holte tief Luft, dann drückte er auf den EarCuff. Ein schwacher Lichtstrahl formte sich zu einem großen virtuellen Bildschirm, der etwa eine Armlänge entfernt vor ihm in der Luft schwebte.

Es war genau so, wie er vermutet hatte. Nach Kaines kurzzeitigem Hijacking war Jackson Porters persönliches Online-Leben wiederhergestellt. Auf dem Desktop leuchteten jede Menge Icons auf, von sozialen Netzwerken über Online-Spiele bis hin zu Unterrichtsmaterialien. Michael war erleichtert. Trotzdem zögerte er. Wie sollte er nun weiter vorgehen? Weiterhin so tun, als sei er Jackson? In die Welt hinaus fliehen und versuchen, sich vor Kaine zu verstecken? Oder sich jemandem von der VirtNet Security anvertrauen, in der Hoffnung, dass die VNS eine Lösung für Michaels Probleme finden würde?

Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er anfangen sollte. Aber egal, wie er sich entschied, eines brauchte er immer: Informationen. Eine Menge Informationen. Die er sich am besten verschaffte, bevor jemand nach Hause kam.

Was erneut Fragen aufwarf: Wo waren eigentlich Jacksons Eltern? Und seine Schwester? Hatte Kaine sie etwa beseitigt? Schließlich hatte er ja auch Michael unumwunden klargemacht, dass er seine Eltern hatte verschwinden lassen.

Nachdem er sich erfolglos durch verschiedene soziale Netzwerke gescrollt hatte, stieß er endlich auf Jacksons Mailpostfach und überflog die Nachrichten. Einige davon stammten von Gabriela, Jacksons Freundin; allein an diesem Morgen hatte sie schon drei E-Mails geschickt. Widerstrebend öffnete Michael die letzte Mitteilung.

Jax,

wie jetzt … in der Dusche ausgerutscht, Kopf oder noch was Schlimmeres angeschlagen? Liegst du etwa in einer Pfütze aus Seifenschaum und Kotze? Aber selbst das würde deinem Sweet&Sexy-Faktor keinen Abbruch tun. Miss you! Kommst du? Ich hab jetzt schon die zweite Tasse Kaffee vor mir und am nächsten Tisch sitzt so ein Typ, der mich ständig anbaggert. Handelt bestimmt mit Aktien oder Drogen oder Organen oder so. Bitte komm und rette mich. Dann kriegst du vielleicht sogar einen Kuss mit Kaffeearoma.

Beeil dich!

Gabriela

Ein Foto war angehängt, eine unscharfe, schlecht belichtete Aufnahme von einem Mädchen, das wahrscheinlich Gabriela war – dunkle Haut, dunkles Haar, hübsch, Schmollmund. Ihr Finger zeichnete den Weg einer imaginären Träne auf ihrer Wange nach. Die braunen Augen in gespielter Trauer halb geschlossen. Schweren Herzens wischte Michael das Bild vom Screen und scrollte weiter durch das Postfach.

4

Er musste nicht lange suchen.

Ein paar Puzzleteile fielen wie von selbst an die richtigen Stellen, als er eine Nachricht von Jacksons Dad fand, die früher an diesem Morgen abgeschickt worden war:

Jax,

ich hoffe, bei Dir ist alles klar? Bestimmt bist Du schon auf den Beinen und zeigst es allen, richtig? Richtig? RICHTIG?:)

Alles okay bei uns. Puerto Rico ist wunderschön. Zum Millionsten Mal, es tut uns leid, dass Du nicht mitkommen konntest. Aber ich weiß natürlich, dass Du diese Woche ein paar wichtige Dinge erledigen musst. Wir denken an Dich.

Halte uns auf dem Laufenden. Sei vorsichtig, wenn Du auf unser Konto zugreifst. Pass bitte genau auf, dass niemand den Code erfährt! (Das soll ich von Deiner Mum ausrichten!)

Wir sehen uns nächste Woche wieder. Ist Gabby schon zu Besuch bei ihrem Vater? Sag ihr schöne Grüße. Wir sind grad erst ein paar Tage weg, aber Du fehlst uns schon jetzt, Jax.

Dad.

Also war es Jackson noch gut gegangen, als seine Familie in den Urlaub abgereist war. Was bedeutete, dass sein Körper zu diesem Zeitpunkt noch nicht dahinvegetiert war, hirntot, nur noch durch Maschinen am Leben erhalten, wie so viele andere, die man weltweit aufgefunden hatte. Waren das alles irgendwelche Tests gewesen?, fragte sich Michael. War es Kaine auf diese Weise gelungen, das Mortality Dogma zu perfektionieren, bevor er es bei Michael angewandt hatte? Oder war Michael einfach nur der erste, bei dem es eben funktioniert hatte? Wie auch immer, es war auf jeden Fall ein grausiger, entsetzlicher Gedanke. Denn sobald es danach aussah, als hätten die Angriffe aufgehört, würde sich niemand mehr über das VirtNet Sorgen machen. Und Kaine konnte ungestört und ohne jede Vorwarnung eine ganze Armee von Tangents auf die Welt loslassen.

Aber im Moment hatte Michael dringlichere Sorgen – zum Beispiel, was er in Bezug auf Jackson Porter unternehmen sollte. Die beiden Mails hatten ihm eines klargemacht: Er würde niemals dazu fähig sein, in die Rolle einer anderen Person zu schlüpfen. Schon die bloße Vorstellung, dass er Jacksons Familie und seinen Freunden vorspielen könne, er sei Jackson, kam ihm lächerlich vor – besonders, wenn Gabriela auftauchte und ihm süße gemeinsame Geheimnisse ins Ohr flüsterte.

Was also sollte er tun?

Er schaltete den NetScreen aus und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Eins war sicher: Hier konnte er auf keinen Fall bleiben. Vielleicht würde er einfach eine Nachricht zurücklassen, damit sie wussten, dass es ihm gut ging. Er konnte sogar per E-Mail mit ihnen in Kontakt bleiben, um die Täuschung noch eine Weile aufrechtzuerhalten. Was sicherlich besser für sie war, als erfahren zu müssen, dass ein Computerprogramm ihrem Sohn, Bruder und Freund das Gehirn gelöscht und es durch ein künstliches ersetzt hatte.

Allerdings gab es da noch ein Problem: Er brauchte Geld.

Plötzlich schlug etwas hart und laut gegen die Wohnungstür. Michael fuhr entsetzt auf.

Unsicher blickte er Richtung Tür.

Bumm. Bumm. Bumm.

Wieder dieses unheimliche Hämmern. Als würde ein schwerer, harter Gegenstand gegen die Tür geschmettert. Wie Holz auf Metall.

Und noch mal.

Michael rannte durch die Küche und den Flur zur Wohnungstür. Noch zwei weitere Male ertönte das Krachen, und inzwischen war er ziemlich sicher, dass jemand versuchte, die Tür mit einem Rammbock einzuschlagen.

Mit einem entsetzlichen Knirschen verbog sich der Türrahmen, die Metalltür sprang aus den Scharnieren und flog Michael förmlich entgegen. Er drückte sich an die Wand und riss die Arme hoch, um seinen Kopf zu schützen. Die Tür verfehlte ihn nur um Haaresbreite und krachte auf den Boden. Sein Herz pochte bis zum Hals, als er zum Eingang aufblickte.

Zwei Männer, beide in Jeans und karierten Flanellhemden, ein altertümliches Werkzeug in den Händen – es war tatsächlich ein Rammbock. Beide waren groß und muskulös, der eine hatte dunkles Haar, der andere war blond. Sie hatten sich schon seit einigen Tagen nicht mehr rasiert, und die Anspannung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Und wenn sich Michael nicht täuschte, wirkten sie sogar ein klein wenig überrascht.

Sie ließen den Rammbock fallen und kamen auf ihn zu.

Michael wich zurück und floh in die Küche, bis er gegen die Arbeitsplatte stieß und das Gleichgewicht verlor. Er stürzte zu Boden. Die beiden Männer blieben vor ihm stehen und blickten mit einem spöttischen Grinsen auf ihn hinab.

»Ich muss wohl gar nicht erst fragen, wer ihr seid?«, stieß Michael hervor. Er wünschte, er würde sich mutig fühlen – würde mutig sein –, aber gegen diese beiden Typen, die wie Schwergewichtsboxer aussahen, hatte er nicht die geringste Chance.

Die Männer gaben keine Antwort, stattdessen warfen sie einander nur verblüffte Blicke zu. Um Zeit zu gewinnen, redete Michael hastig weiter. »Na, vielleicht sollte ich doch fragen«, murmelte er. »Also: Wer seid ihr?«

Sie richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihn.

»Kaine schickt uns«, sagte der Dunkelhaarige. »In den vergangenen Tagen hat sich eine Menge verändert. Wir sollen dich zu einem Treffen … abholen. Er hat große Dinge mit dir vor, mein Junge.«

Michael rutschte das Herz in die Hose. Er hatte gehofft, mehr Zeit zu haben. Alle möglichen Fragen schossen ihm durch den Kopf, aber was er schließlich herausbrachte, klang einfach nur idiotisch.

»Dafür hättet ihr nicht die Tür einzuschlagen brauchen. Klingeln hätte gereicht …«

Kapitel 2

In der Klemme

1

Die Männer halfen ihm auf die Füße, der Blonde klopfte ihm sogar unsichtbaren Staub von der Hose, allerdings ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Die ganze Situation kam Michael allmählich völlig absurd vor.

»Also«, begann er schließlich, »mehr habt ihr mir nicht zu sagen? Darf ich wenigstens eure Namen erfahren?« Dass ihm der Blonde die Kleider abgeklopft hatte, hatte ihn seltsamerweise irgendwie beruhigt.

Der Dunkelhaarige richtete sich auf und verschränkte die Arme. Sein Gesicht zeigte keinerlei Regung. »Ich heiße Kinto, mein Partner heißt Douglas. Wir dachten eigentlich, dass du noch mitten in der Indoktrinierung bist und wir dich aus dem Coffin holen müssten.«

»Sieht so aus, als wären wir … falsch informiert gewesen«, fügte Douglas mit heiserer Stimme hinzu.

»Jep«, nickte Kinto. »Sieht so aus.«

Michael war immer noch verwirrt. Diese beiden Männer wussten also über Kaine und das Mortality Dogma Bescheid, aber … »Soll das heißen, dass Kaine jetzt auch in einem menschlichen Körper …?«

Mit einer heftigen Handbewegung schnitt Kinto ihm das Wort ab.

»Halt. Die. Klappe.« Noch immer diese völlig unbeteiligte, sachliche Miene. »Wenn Kaine will, dass du etwas erfährst, wird er schon dafür sorgen. Alles andere geht dich nichts an.«

»Du hast etwas Großartiges geschenkt bekommen«, ergänzte Douglas. »Das Leben. Damit solltest du dich erst mal zufriedengeben. Sei einfach glücklich darüber und tu, was dir gesagt wird.«

»Kein Problem«, antwortete Michael. Aber in seinem Innern herrschte ein wahrer Orkan – Blitz, Donner, Sturm, Regen, das ganze Programm, während er sich darum bemühte, sich nichts anmerken zu lassen und ruhig zu bleiben. In letzter Zeit war er für seinen Geschmack etwas zu oft entführt worden; darauf hätte er gerne verzichten können. Aber es war wohl besser, alles zu tun, was diese Typen von ihm verlangten. Jedenfalls so lange, bis er eine Möglichkeit sah abzuhauen. Oder bis ihm was Schlaueres einfiel.

»Kein Problem?«, fragte Douglas ungläubig. Offenbar hatte er nicht mit einer einfachen Antwort wie dieser gerechnet.

»Nein, kein Problem«, wiederholte Michael knapp. Von nun an würde er solange wie möglich den Mund halten und sich folgsam zeigen.

Kinto gestikulierte zur Tür. »Gut, gehen wir. Ich muss dir wohl nicht erst raten, keine Dummheiten zu machen. An Flucht brauchst du nicht mal zu denken. Douglas geht voraus, dann du, dann ich. Ganz nett und entspannt, wir drei.«

»Das Leben könnte so einfach sein«, brummte Douglas ein wenig mürrisch, lächelte dann aber freundlich. »Du folgst mir, Kinto folgt dir, und Glück und Eintracht herrschen hier.«

Offenbar erwartete er keinen Beifall für seine Dichtkunst, denn er machte auf dem Absatz kehrt und steuerte zur Tür. Michael folgte ihm gehorsam, Kinto dicht hinter ihm. Sie schritten durch den zertrümmerten Türrahmen in den Flur des Apartmentgebäudes, in dem völlige Stille herrschte. Nur ihre Schritte hallten von den Wänden wider.

Michaels Gedanken kehrten zu Lifeblood Deep zurück – wie sehr er sich danach gesehnt hatte, es irgendwann mal in den Deep zu schaffen, das höchste, schwierigste Level des ganzen VirtNet, was nur den allerbesten Gamern gelang –, und eine Welle der Traurigkeit erfasste ihn. Wie er jetzt wusste, hatte er immer schon im Deep gelebt. Ja, es war wirklich eine Ironie des Schicksals, sich sein ganzes Leben lang nach dem Deep zu sehnen, ohne zu merken, dass man bereits sein ganzes Leben dort verbrachte. Und wo hat mich das hingeführt?, dachte er bitter. Auf die Verliererstraße.

Niedergeschlagen folgte er Douglas.

2

Sie fuhren mit dem Lift zur Eingangshalle hinunter und traten auf die Straße. Es herrschte reges Leben. Douglas marschierte geradewegs zur nächsten Subway-Station. Während Michael eingezwängt zwischen den beiden Männern in der U-Bahn saß, musste er unentwegt an Jackson Porter denken. An seine Familie. Und an seine Freundin, Gabriela.

Was war mit dem Bewusstsein des Jungen geschehen? War für ihn alles vorbei? Waren sein Verstand und damit auch seine Persönlichkeit einfach ausgelöscht worden? Oder waren sie vielleicht irgendwo irgendwie zwischengelagert? Denn wenn es möglich war, Michaels künstliche Intelligenz in Jacksons Hirn hochzuladen, war es dann nicht auch denkbar, dass man Jacksons Bewusstsein auslagern konnte?

Wieder kamen ihm Jacksons Eltern und Schwester in den Sinn, die sich irgendwo an einem Strand in Puerto Rico einen Sonnenbrand holten, ohne zu ahnen, dass sie gerade Sohn und Bruder verloren hatten. Schuldgefühle überwältigten Michael. Es hatte zwar nicht in seiner Macht gestanden, aber er hatte ein Menschenleben gestohlen. Er wünschte, er könnte den Porters diesen schweren Verlust ein wenig erträglicher machen.

Kein Wort war mehr zwischen ihm und den Männern gefallen, seit sie das Apartment verlassen hatten, wenn man das Grunzen außer Acht ließ, mit dem sich die Typen wenn nötig verständigten.

Schweigend verharrte Michael zwischen ihnen, während die U-Bahn in die nächste Station einfuhr und anhielt. Die Türflügel glitten auseinander. Geistesabwesend schaute er zu, wie die Leute ein- und ausstiegen, brav wie eine Schafherde. Ein paar lächelten oder murmelten Entschuldigungen, wenn sie mit anderen zusammenstießen. Die waren aber eher die Ausnahme. Die meisten von ihnen blickten mürrisch und distanziert drein. Eine Frau schaffte es gerade noch durch die sich schließenden Türen, in denen sich jedoch eine Ecke ihrer Schultertasche verfing. Sie musste mit aller Kraft am Schulterriemen zerren, um sie freizubekommen, sodass sich die Türen vollends schließen konnten.

Diese kurze Szene löste bei Michael einen neuen Gedankengang aus. Sein Blick wanderte von der Frau zu ihrer Tasche und weiter zur Tür, und allmählich kristallisierte sich immer deutlicher eine Idee heraus. Konnte er es wagen? Und was um alles in der Welt sollte er dann tun? Er kannte buchstäblich niemanden, hatte kein Zuhause, kein Geld, keine Kleider. Und keinen Schimmer, wo er überhaupt anfangen sollte. Trotzdem: War es wirklich richtig, diesen Männern wohin auch immer brav zu folgen? Sollte er sich tatsächlich mit Kaine treffen, um herauszufinden, welche Pläne dieser Game Master mit ihm, Michael, hatte? Er wusste, dass ihm seine Fragen nur der Tangent selbst beantworten konnte, aber die Sache war nicht ungefährlich. Sollte er es wirklich wagen, sich in eine Situation zu bringen, aus der es vielleicht keinen Ausweg mehr gab?

Seine Verzweiflung wuchs. Er vermisste seine Familie, seine Freunde. Sie konnten doch unmöglich alle Fakes sein – er weigerte sich schlichtweg, das zu glauben.

Die U-Bahn ratterte weiter durch den dunklen Tunnel, der ab und zu von einzelnen Lichtern erhellt wurde. Michael musterte die realen Menschen um ihn herum – manche dösten vor sich hin, andere lasen, viele starrten nur einfach ausdruckslos ins Leere. Ebenso wie Kinto und Douglas rechts und links von ihm.

Da schoss Michael ein weiterer Gedanke durch den Kopf: Zumindest in einem Punkt hatte ihm Agentin Weber von der VNS gestern Abend die Wahrheit gesagt – nämlich dass er nicht allein war. Irgendwo da draußen in der großen, grausamen Welt lebten die beiden besten Freunde, die er sich wünschen konnte. Sie waren keine Tangents – waren nie Tangents gewesen. Sie waren real. Jedenfalls hatte Agentin Weber das behauptet.

Bryson und Sarah.

3

Je länger Michael über seine Freunde nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er sich vor einer Begegnung mit ihnen hier, in der realen Welt, fürchtete. Was mochten sie von ihm denken? Schließlich war er verdammt noch mal nur ein Tangent. Änderte sich dadurch alles? Plötzlich hatte er die furchtbare Vision, wie sie voller Entsetzen vor ihm zurückwichen, ja, sogar vor ihm flohen, vor ihm, dem Freak, der es irgendwie geschafft hatte, sich in den Körper eines echten Menschen einzunisten. Einem Menschen den Körper zu stehlen.

Aber … würden sie wirklich so reagieren? Oder würden sie es nicht vielleicht verstehen?

Doch, entschied er, ich glaube, sie würden es verstehen.

Die Bahn holperte und ratterte über eine Weiche. Die Leute starrten weiter ins Leere oder auf den Boden, selbst als die Innenbeleuchtung hell aufblitzte, dann kurz erlosch und schließlich flackernd wieder ansprang. Seine beiden Begleiter blieben unbewegt und stumm.

In diesem Moment stand sein Entschluss fest: Er durfte nicht mit ihnen gehen. Unmöglich. Okay, er brauchte Antworten auf seine Fragen. Er musste einen Weg finden, Kaine gegenüberzutreten und ihn mit dem Warum? zu konfrontieren. Aber nicht auf diese Weise. Nicht, solange der Tangent die Spielregeln bestimmte.

Michael brauchte Bryson und Sarah. Er dankte dem Himmel, dass die Frau mit der Schultertasche in sein Abteil gehetzt war, denn das hatte ihn erst auf die Idee gebracht.

Er musste jetzt die Ruhe bewahrten. Er zwang sich, absolut still zu sitzen, wie zu einer Wachsfigur erstarrt, bis der richtige Augenblick kam. Die U-Bahn wurde langsamer und fuhr in die nächste Station ein. Wieder glitten die Türen auseinander, wieder strömten die Passagiere aus dem Waggon und stießen mit den Einsteigenden zusammen. Eine Herde hinein, die andere hinaus. Die neuen Fahrgäste suchten sich einen Sitzplatz, wer keinen mehr fand, drängte sich im Einstiegsbereich bei den Türen zusammen und klammerte sich an den Haltestangen an der Decke fest, die sich durch den ganzen Waggon zogen. Ein lautes Signal ertönte und die Türen begannen sich zu schließen.

Jetzt. Urplötzlich sprang Michael auf, stieß die stehenden Passagiere brutal beiseite und schnellte zu der sich schließenden Tür. Er stolperte über etwas, eine abgestellte Tasche vielleicht, taumelte, fing sich aber wieder und warf sich durch den jetzt bereits ziemlich schmalen Türspalt. Kopf, Rumpf und das linke Bein schafften es nach draußen, doch sein rechtes Bein wurde eingeklemmt. Die Gummidichtungen der beiden Türflügel schlossen sich um seine rechte Wade und gaben sie nicht mehr frei. Michael stürzte auf den Bahnsteig, schaffte es aber, sich im Fallen umzudrehen. Er sah, dass die beiden Männer aufgesprungen waren, sich durch die Passagiere hindurchdrängten und ihn durch die Tür anstarrten. So ernst und unbewegt, als könne sie sein Fluchtversuch nicht im Geringsten erschüttern, und genau das jagte ihm mehr Angst ein, als es die scharfen Reißzähne und Klauen der KillSims vermocht hätten.

Douglas beugte sich gelassen zu Michaels eingeklemmtem Fuß hinunter, packte ihn mit beiden Händen und zog daran. Sein Griff war eisenhart, schockierend kraftvoll. Währenddessen versuchte Kinto, die beiden Türhälften auseinanderzuschieben. Was ihm allerdings nicht gelang. Ein durchdringender, schriller Warngong ertönte, dann eine mechanische Stimme.

»Bitte von den Türen zurücktreten!«

Leichter gesagt als getan. Michael biss die Zähne zusammen. Mit dem freien Fuß kickte er gegen die Tür und versuchte gleichzeitig, das eingeklemmte Bein durch schnelle Drehbewegungen herauszuwinden. Die Gummimanschetten der Tür scheuerten seine Haut auf, und je verzweifelter seine Versuche wurden, desto heftiger wurden die Schmerzen. Eine Frau im Waggon schrie so schrill und durchdringend, dass es sogar das Alarmsignal übertönte – vielleicht war ihr klar geworden, dass Douglas keineswegs versuchte, Michael zu helfen.

Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Mit einem heftigen Ruck wurde Michael über den rauen Beton des Bahnsteigs gezogen. Und weit und breit nichts, woran er sich hätte festhalten können. Ein zweites Alarmsignal ertönte, diesmal kein schriller Gong, sondern ein elektronischer, hart und metallisch klingender Schlag, der die Luft erbeben ließ. Abrupt kam der Zug zum Stehen. Michaels Bein fühlte sich an, als stünde es in Flammen. Endlich gaben die Gummidichtungen seine Wade mit einem schmatzenden Geräusch frei, und die Türhälften glitten auseinander. Aber Douglas hielt Michaels Fuß noch immer eisenhart fest. Und dann verdrehte er ihn brutal. Jetzt begriffen auch die umstehenden Passagiere, dass er nicht an Michaels Wohlergehen interessiert war. Ein paar Männer brüllten Douglas an, Michael sofort loszulassen, und im nächsten Moment traf eine Faust auf Douglas’ Kopf. Der Schlag blieb jedoch wirkungslos: Auf seinem Gesicht zeigte sich weder Schmerz noch überhaupt irgendeine Regung. Wie benommen beobachtete Michael das Gerangel, so als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Als hätte sich sein Verstand von seinem schmerzenden Körper gelöst.

Wieder wollte sich die Tür schließen, doch diesmal packten noch andere Hände Michaels Bein, die nicht daran zogen, sondern es durch den Türspalt zu schieben versuchten. Kinto und ein bulliger Mann kämpften miteinander – sie stürzten zu Boden, sodass Douglas den Halt verlor und Michaels Bein loslassen musste. Das war seine Chance. Michael richtete sich auf und kickte mit dem freien Bein gegen die Waggontür. Wieder schrillte der Alarm in ohrenbetäubender Lautstärke. Auf dem Bahnsteig rannten zwei Uniformierte auf Michael zu und brüllten schon von Weitem Befehle, die er aber in all dem Lärm und Chaos nicht verstand. Die Passagiere im Zug schrien wild durcheinander und deuteten durch die Fenster auf ihn.

Endlich glitt sein Bein durch den Türspalt und die beiden Türhälften schlugen krachend zu.

Michael rieb sich die schmerzende Wade und das Schienbein, während sich der Zug ruckartig in Bewegung setzte. Der Alarm verstummte und der übliche U-Bahn-Lärm, das Quietschen, Rattern und Klappern, setzte wieder ein. Er blickte dem Zug nach, wie er im Tunnel verschwand – und sah Douglas, der jetzt ganz hinten stand und ihn durch das verschmierte, von unzähligen Fingerabdrücken übersäte Rückfenster anstarrte, ohne auf das chaotische Gerangel zu achten, das sich immer noch im Waggon abspielte.

Und jetzt sah der Blonde zum ersten Mal richtig wütend aus.

Kapitel 3

Der Haken an der Sache

1

Michael zeigte Douglas den hochgereckten Daumen, dann wandte er sich ab. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb er sich das Bein. Das Quietschen und Kreischen der U-Bahn tönte nur noch als verklingendes Echo aus dem Tunnel. Hastige Schritte waren zu hören – die Polizisten waren herangekommen und halfen ihm aufzustehen. Vorsichtig setzte er den verletzten Fuß auf den Boden und verlagerte probeweise das Gewicht darauf. Ein heftiger Schmerz durchzuckte das Schienbein, aber es war nicht gebrochen. Er bedankte sich bei den Uniformierten.

Die schimpften noch ein, zwei Minuten lang mit ihm, und er musste ihnen versprechen, nie mehr etwas derart Dummes zu tun, bevor sie ihn endlich gehen ließen. Tatsächlich schien niemand bemerkt zu haben, dass zwei eiskalte Männer mit ausdruckslosen Gesichtern versucht hatten, ihn wieder in den Zug zurückzuzerren – dass er gerade haarscharf einer Entführung entkommen war. Aber Michael konnte das nur recht sein, er wollte auf keinen Fall noch mehr Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er klopfte sich die Kleider ab und versuchte noch einmal, das Bein zu belasten. Es schmerzte, war aber voll funktionsfähig, sodass er aus der U-Bahn-Station und auf die Straße hinaushumpeln konnte.

Dort blieb er erst einmal stehen, um sich zu orientieren und sich an die Umgebung zu gewöhnen. Überall Leute und Autos, die sich durch die vom Verkehr verstopften Straßen quälten. Eine Welt voller Lärm – Hupen ertönten, Motoren röhrten, Menschen redeten, lachten, riefen. Ein Hovercar – eine Polizeiluftstreife – jagte über die Köpfe der Passanten hinweg. Das grelle Tageslicht blendete ihn, ließ alles zu einem wogenden Meer aus Bewegung und Lärm verschwimmen. Erst jetzt spürte Michael, dass er am ganzen Körper zitterte – der Schock seiner um Haaresbreite gescheiterten Flucht und die Angst vor Kinto und Douglas wirkten noch nach. Es dauerte eine Weile, bis er sich allmählich beruhigt und an die wiedergewonnene Freiheit gewöhnt hatte.

Er betrat einen kleinen Park und setzte sich auf eine Bank, um seinem Bein ein wenig Erholung zu gönnen und in Ruhe nachdenken zu können. Seit er die Mails von Gabriela und Jacksons Dad gelesen hatte, war er ja förmlich in einen Strudel von Ereignissen gerissen worden. Was ging hier eigentlich vor? Kaine war wahrscheinlich der Einzige, der ihm eine Antwort darauf geben konnte, trotzdem bereute Michael seine Flucht nicht. Er musste ihm unter allen Umständen so lange wie möglich aus dem Weg gehen. Diesem übermächtigen Game Master konnte er auf keinen Fall vertrauen.

Er stützte die Ellbogen auf die Knie, verbarg das Gesicht in den Händen und zwang sich, ein paar Minuten lang so gleichmäßig wie möglich zu atmen. Nach und nach konnte er wieder klare Gedanken fassen. Er musste Bryson und Sarah finden. Er brauchte unbedingt was zu essen. Und für beides brauchte er etwas, das er nicht hatte.

Geld.

Sein Magen knurrte vor Hunger, und beinahe hätte er laut aufgelacht. Komisch, wie ähnlich sich sein altes »gefaktes« Leben und sein neues »echtes« Leben doch waren! Wenn er nicht betteln gehen oder Mülltonnen durchsuchen wollte, musste er sich etwas einfallen lassen, wie er seinen Geldbeutel mit Electronic Cash auffüllen konnte. Erst da wurde ihm ein noch größeres Problem bewusst: Er hatte gar keinen Geldbeutel. Er hatte überhaupt nichts. Der Junge, der früher Michael gewesen war, existierte nicht mehr.

Aber Jackson Porter existierte. Und die E-Mail seiner Eltern besagte deutlich, dass er während ihrer Abwesenheit auf ihr Konto zugreifen konnte.

Sofort hatte er wieder Gewissensbisse. Bis Michael sich klarmachte, dass nicht er, sondern Kaine die alleinige Schuld an dem trug, was dem Jungen zugestoßen war. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf diesen einen Gedanken, aber auch das konnte ihn nicht restlos überzeugen. Aufgrund seiner Existenz in der realen Welt würde Jacksons Familie nie mehr dieselbe sein wie zuvor.

Trotzdem, er hatte keine andere Wahl – er musste Jacksons Eltern Geld stehlen, wenn auch nur so viel, wie er tatsächlich benötigte, um die nächsten paar Tage über die Runden zu kommen. Wenn die Porters aus dem Urlaub zurückkehrten, würden sie natürlich merken, dass er nicht mehr da war … Vielleicht konnte er tatsächlich einfach so tun, als sei er Jackson. Vielleicht konnte er ihnen vorspiegeln, dass ihr Sohn noch lebte und nur mal eben ein bisschen in der Welt herumreisen wollte. Ihr Ärger und ihre Enttäuschung darüber, dass er einfach so abgehauen war, waren immer noch besser, als die Wahrheit, die ihr Leben zerstören würde.

Im Moment war jedoch wichtig, dass er einen besseren Platz fand als diese Parkbank hier – ein wenig dunkler, um den NetScreen besser sehen zu können, wenn er sich ins VirtNet einloggte. Eine Zeitlang irrte er durch die Stadt, bis er eine Sackgasse entdeckte, in der er sich in eine einigermaßen akzeptable Ecke setzen konnte. Er achtete darauf, dass immer wieder Passanten vorbeikamen, sodass er keinen erneuten Überfall befürchten musste. Er lehnte sich an die Mauer und konzentrierte sich. Ein Klick auf den EarCuff, und Jackson Porters grün glimmender, personalisierter Screen leuchtete auf.

Da ließ ihn ein neuer, erschreckender Gedanke frösteln: Was, wenn seine Programmierfähigkeiten genauso gefaked waren wie sein Leben im Sleep? Was, wenn der Code im Wake irgendwie anders war? Hier, im echten Wake.

Er versuchte, diesen unerträglichen Gedanken beiseitezuschieben, stürzte sich in die Arbeit – und stellte schon kurz darauf fest, dass seine Furcht unbegründet war.

Er tippte und scrollte, codierte und programmierte, was seine Kenntnisse und seine Kreativität hergaben, und grub sich immer tiefer in das Leben von Jackson und seiner Familie. Er durchsuchte das Netz nach Codes, Dateien und geheimen Webseiten, die er schon einmal benutzt oder von denen er gehört hatte, um Passwörter zu knacken, eine falsche Identität anzunehmen oder die Firewalls und Sicherheitssysteme der Banken auszutricksen. Es dauerte eine Weile, doch am Ende hatte er ein völlig neues menschliches Wesen konstruiert – das er auf den Namen Michael Peterson taufte.

Kaine kannte natürlich Michaels Vornamen, aber der war schließlich nicht gerade selten – wahrscheinlich gab es Tausende von Michaels auf der Welt. Wenn nicht sogar Hunderttausende. Aber wie auch immer, er brachte es einfach nicht über sich, einen völlig fremden Namen zu benutzen – sein Vorname war schließlich alles, was ihm aus seinem alten Leben geblieben war. Und Kaine würde vermutlich viel eher damit rechnen, dass er seinen Namen komplett änderte.

Glücklicherweise litten die Porters nicht an Geldmangel. Michael begann, bestimmte Beträge zu transferieren, legte dabei aber sichtbare Spuren, sodass sie glauben mussten, Jackson habe sämtliche Abhebungen vorgenommen. Zu Michael Peterson konnten die Vorgänge nicht zurückverfolgt werden.

Alles lief völlig problemlos, weitaus besser, als er sich hätte träumen lassen. Doch gerade als ihm die Sache richtig Spaß zu machen begann, ging plötzlich etwas schief. Eine hellblaue, diagonale Linie erschien auf dem NetScreen. Sie war nicht einmal für eine Sekunde sichtbar, aber das reichte schon, um sein Herz für ein paar Schläge aussetzen zu lassen. Ein Glitch, ein Störimpuls. Jemand versuchte, in sein System einzudringen.

Noch eine Linie. Heller diesmal. Und sofort eine weitere.

Hektisch flogen Michaels Hände zwischen dem Screen und der Tastatur hin und her. Er folgte jetzt nur noch seinem Instinkt, baute provisorische Firewalls auf und verschlüsselte seine digitalen Signale – oder vielmehr Jackson Porters digitale Signale. Dann schrieb er schnell ein paar Blockerprogramme, um dem Eindringling den Zugriff auf seine Daten zu verwehren. Doch die Pushback-Signale waren so stark, dass ihm rasch klar wurde: Der Eindringling musste über gewaltige Kenntnisse verfügen.

Ohne jeden Zweifel: Es war Kaine.

2

Lange konnte er ihn nicht mehr abwehren. Natürlich hatten Douglas und Kinto seine Flucht inzwischen ihrem Boss gemeldet, und Kaine war über diese neue Entwicklung ganz bestimmt nicht glücklich.

Fieberhaft arbeitete er weiter. Er musste unbedingt noch ein paar Dinge auf die Reihe kriegen, bevor er sich ausloggte. Er musste seine neue Identität als Michael Peterson so absichern, dass er sie später jederzeit wieder annehmen konnte, und er musste zugleich dafür sorgen, dass es Kaine nicht gelang, ihn aufzuspüren. Außerdem musste er das Konto abschirmen und sicherstellen, dass er immer und überall Zugriff auf das Geld hatte. Und er musste auf die Mail der Porters antworten, damit sie wussten, dass es ihrem Sohn gut ging.

Aber da war noch etwas, und das war sogar noch wichtiger als alles andere.

Bryson und Sarah.

Er musste die beiden finden.

Wenigstens einen von beiden. Oder wenigstens die ungefähre Gegend, in der sie lebten. Und das musste er jetzt tun, solange er noch Jacksons VirtNet-Account benutzen konnte. Denn nachdem Kaine den Account angegriffen hatte, würde Michael in nächster Zeit nicht mehr darauf zugreifen. Das Risiko war zu hoch.

Wie aufs Stichwort blitzte erneut eine grelle Linie über den NetScreen, diesmal noch kräftiger und viel länger sichtbar als zuvor. Ein Wirbel von Zahlen, Buchstaben und Codes schwirrte über den Screen und war im nächsten Augenblick verschwunden. Kaine wandte nun offenbar seine ganzen unglaublichen Kenntnisse an, griff Jacksons Account von allen Seiten und auf mehreren Ebenen zugleich an und versuchte, ihn zu sabotieren, statt einfach nur zu hacken. Michael wusste Bescheid, schließlich hatte er das selbst viele Jahre lang gemacht. Rasch versuchte er, sich mit einem eigenen Wirbel von Codes gegen den Angriff zu wehren, wohl wissend, dass ihm das bei der nächsten größeren Attacke nicht mehr gelingen würde.

Wieder ließ er sich nur von seinem Instinkt leiten. Er suchte und suchte und wühlte sich durch die Archive von Lifeblood, jenem Spiel, das ihm noch vor kurzer Zeit so viel bedeutet hatte. Daten über bestimmte Gamer, die extrem hohe Punktzahlen erreicht hatten, wann und wo sie erzielt wurden, Ereignislogs. Kurz durchzuckte ihn die Erinnerung an Tanya, das Mädchen, das von der Golden Gate Bridge gesprungen war. Damals war Michael nur ein Tangent gewesen, der sich – nicht ahnend, dass er sich bereits im Lifeblood Deep befand – in das Spiel geliftet hatte. Aber Bryson und Sarah waren real – zumindest hatte ihm Agentin Weber das versichert. Irgendwo in der riesigen Lifeblood-Datenmenge mussten sich also ein paar Codeschnipsel finden lassen, die ihm Informationen aus der Echtwelt lieferten, bevor es Kaine gelang, die digitale Existenz von Jackson Porter völlig zu löschen.

Da blitzten drei gleißend grelle Linien über den NetScreen und löschten den Pfad, auf dem Michael gerade den Code durchsucht hatte. Wieder hüpften Zahlen und Buchstaben durcheinander, ein wilder Wirbel, der den Screen völlig verschwimmen und sogar den Hintergrund verblassen ließ. Michael wischte ihn mit dem buchstäblich letzten ihm verbliebenen Abwehrcode weg, einem Code, der absolut illegal war. Aber das war ihm jetzt egal. Der NetScreen stabilisierte sich noch einmal, und Michael tauchte erneut in die Datenarchive von Lifeblood ab.

Vor Konzentration schmerzten und tränten seine Augen. Schweiß rann ihm von der Stirn und über die Schläfen. Der Lifeblood-Code war höchst kompliziert und unglaublich gut gesichert. Aber Michael war ebenfalls gut – nicht umsonst war er selbst Teil dieses Codes gewesen. Er suchte weiter nach Background- oder Profil-Dateien, die es über seine Freunde geben mochte. In der virtuellen Welt galten persönliche Informationen als unantastbar. Als heilig.

Währenddessen versuchte Kaine unentwegt, Jacksons System zum Absturz zu bringen. Der Druck war fast körperlich spürbar, als ob ein tonnenschwerer Betonblock auf ihn herabgesenkt würde. Michael versuchte, den Druck so gut wie möglich zu ignorieren. Er schwamm in einem Meer aus Daten, suchte, suchte, suchte …

Da! Ein Spielerprofil mit all seinen Erfahrungspunkten lag plötzlich vor ihm. Die Daten kamen ihm vertraut vor, alles passte zu den Suchkriterien, die Michael eingegeben hatte. Vieles davon erkannte er auf Anhieb wieder, so vieles, dass er keinerlei Zweifel mehr hatte: Mit diesem Gamer war er schon oft zusammen gewesen.

Sarah.

Der Druck wurde immer stärker. Die Ziffern und Buchstaben zuckten wild umher, drehten sich und wirbelten über den Screen, wie Michael es noch nie gesehen hatte. Die obere rechte Ecke des Screens leuchtete immer heller, zuerst nur ganz klein, doch dann wuchs der leuchtende Fleck rasch an und dehnte sich als große Lichtblase über den gesamten Screen aus. In letzter Sekunde entdeckte Michael den Speicherort der Datei und prägte ihn sich exakt ein. Sarah. Er hatte Sarah gefunden! Sie war real. Unendliche Erleichterung und ein völlig ungewohntes Glücksgefühl überkamen ihn.

Und dann stürzte alles ab.

Grelle Blitze zuckten über den NetScreen. Michael reagierte sofort: Er drückte auf den EarCuff, auch wenn er wusste, dass es nicht mehr viel nutzen würde. Der NetScreen, der in der Luft schweben blieb, hatte seine klaren Konturen verloren. Die Ränder wirkten verschwommen, die noch immer herumwirbelnden Zahlen und Buchstaben waren hinter dem gleißend hellen Lichtersturm kaum noch zu erkennen. Ein durchdringendes Summen ertönte und schwoll immer weiter an. Dann begann der Screen, aggressiv zu pulsieren, als wollte er Michael ins Gesicht springen. Unwillkürlich zuckte er zurück und prallte mit dem Kopf gegen die Mauer, an der er lehnte. Ein massiver, totaler Cyberangriff.

Es knallte, gefolgt von einem letzten grellen Aufblenden. Michael schloss die Augen und wandte sich ab, doch es schien, als habe sich der grelle Screen auf seiner Netzhaut eingebrannt. Sein ganzer Körper war in Schweiß gebadet. Dann brach das Summen abrupt ab, und er hörte wieder die ganz normalen Alltagsgeräusche – Verkehrslärm von der Straße, das Rascheln der Abfälle, die vom Wind durch die Gasse gefegt wurden.

Vorsichtig öffnete er die Augen. Der NetScreen schwebte immer noch vor ihm, wenn auch weiter entfernt, an der Mauer gegenüber. Und jetzt war er völlig schwarz, sodass die weiße Schrift darauf umso greller leuchtete.

DUHÄTTESTMEINENBEFEHLBEFOLGENSOLLEN, MICHAEL.

WIRBRAUCHENEINANDER.

Entsetzt las er die Botschaft, einmal, zweimal, dreimal, starrte sie fassungslos an, bis sie allmählich verblasste und mit dem schwarzen Hintergrund verschmolz. Kurz darauf erlosch der Screen. Michael musste gar nicht erst auf den EarCuff drücken, er wusste auch so, dass Jacksons Screen nie mehr funktionieren würde.

Kapitel 4

Ein Wirbel von Farben

1

Michael war nicht nur müde, er war erschöpft. Nicht unbedingt körperlich, sondern geistig.

Obwohl sein Magen bereits vor Hunger schmerzte, überlagerte seine mentale Erschöpfung alles. Er merkte nicht einmal, wie rau und schmutzig der Asphalt war, auf dem er saß. Er ließ sich einfach zur Seite sinken, bettete den Kopf in die Arme, zog die Beine an den Körper und schloss die Augen.

Es war ihm egal, ob ihn hier irgendjemand sah. Eingelullt, fast hypnotisiert vom gedämpft in die Sackgasse dringenden Verkehrslärm schlief er ein.

2

Als er aufwachte, war es dunkel.

Er hatte sich im Schlaf nicht gerührt. Das Erste, was er erblickte, war der Asphalt, keinen Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt. Langsam wandte er den Kopf und streckte sich. Muskeln und Gelenke schmerzten – wie bei einem Achtzigjährigen, dachte Michael –, als er sich langsam aufrichtete und auf die Füße kam. Noch einmal reckte er sich, und dann kehrte die Erinnerung zurück. Kaines Cyberangriff. Sein Magen drehte sich fast um. Plötzlich verspürte er einen unbändigen Hunger, dessen gierige Krallen seine Eingeweide zu zerreißen schienen.

Er. Musste. Etwas. Essen.

Der Typ hinter dem Tresen des Coffeeshops um die Ecke schaute ihn schockiert an, als Michael drei verschiedene Sandwiches und zwei große Portionen Pommes bestellte. Ungerührt setzte sich Michael in eine der Tischnischen und verschlang gierig seine Mahlzeit, während er mit leerem Blick durch das Fenster auf die Lichter der Stadt starrte und über die Daten nachdachte, die er über Sarah gefunden hatte. Sie wohnte nicht in der Nähe. Ganz im Gegenteil: Sie lebte Hunderte Meilen entfernt. Er wusste selbst nicht genau, warum, aber der Gedanke, von hier wegzugehen und zu einer so weiten Reise aufbrechen zu müssen, machte ihn traurig. Was eigentlich total idiotisch war, da ihm Jackson Porters Zuhause gar nichts bedeutete.

Er hatte überhaupt kein Zuhause. Nirgends. Es war also völlig egal, wohin er ging.

Nach dem zweiten Sandwich gab er auf. Seine Augen waren mal wieder größer als sein Magen gewesen, wie sein Dad – sein gefakter Dad – immer zu sagen pflegte. Als er aufstand und den Coffeeshop verließ, schmerzten seine Glieder und Gelenke immer noch vom Schlaf auf dem harten Asphalt. Die Reste seines Essens, das übrige Sandwich und die zweite Tüte Pommes, schenkte er einer Obdachlosen, die neben dem Eingang herumlungerte. Seltsamerweise beneidete er sie ein wenig. Sie hatte zwar auch kein Zuhause, aber wenigstens wusste sie, in welche Welt sie gehörte. Seine eigene war ihm genommen worden.

Er hatte noch eine Menge Dinge zu erledigen, bevor er die Stadt verlassen konnte. Während er die Straße entlangging, stellte er in Gedanken eine Liste zusammen. Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme.

»Jax? Jax!«