Der geheime Zirkel I Gemmas Visionen - Libba Bray - E-Book
Beschreibung

Teil 1 der eSerie

England, 1895: Die 16-jährige Gemma wird auf einem Internat für höhere Töchter zur heiratsfähigen jungen Dame erzogen. Gemeinsam mit drei anderen Mädchen gründet sie einen geheimen Zirkel, der sich nachts zu »spiritistischen« Sitzungen trifft. Eines Tages passiert es dann: Für Gemma öffnet sich ein Tor aus Licht und mit ihren Freundinnen tritt sie in ein fantastisches Reich über, in dem alle Träume und Wünsche wahr werden. Doch bald schon erkennen sie, dass dieses magische Reich von einer schrecklichen Macht bedroht ist ...

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EPUB

Seitenzahl:493


Libba Bray

Der geheime Zirkel I

Gemmas Visionen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ingrid Weixelbaumer

Deutscher Taschenbuch Verlag

Für Barry und Josh

Dort sitzt und webt sie Tag und Nacht ein Zaubertuch von bunter Pracht. Einst hört’ sie eine Flüsterstimme, verflucht sei sie, hält je sie inne, um hinabzuschaun nach Camelot. Der Sinn des Fluchs ist ihr verborgen, so webt sie gestern, heute, morgen und kaum beschwert von anderen Sorgen, die Lady von Shalott.

In einem Spiegel rein und klar, der vor ihr hängt das ganze Jahr und der sie mit der Welt verbindet, sieht sie die Straße, die sich windet hinab zur Burg von Camelot.

~

Im Herzen scheint sie froh zu sein, sie webt ins Tuch die Welt hinein. Und oft durch nächtlich stillen Hain ein Trauerzug im Fackelschein zog hin zur Burg von Camelot. Und in so mancher Vollmondnacht hat sie der Liebenden gewacht – ein Schatten, der sie traurig macht – die Lady von Shalott.

~

Und auf des Flusses dunklem Grund ward schließlich ihr die Wahrheit kund. Denn wie in Trance, mit starrem Blick, erkennend all ihr Missgeschick, schaut sie hinab nach Camelot. Die Dämmerung sank schon herab, als sie vom Ufer legte ab und sich der Strömung übergab, die Lady von Shalott.

Aus »Die Lady von Shalott« von Alfred Lord Tennyson (1809 –1892).

21. Juni 1895

~

Bombay, Indien

1. Kapitel

Bitte sag nicht, dass die zu meinem Geburtstagsessen heute Abend gehört.«

Ich starre einer Kobra in die Augen. Eine überraschend rosafarbene Zunge züngelt aus ihrem grausamen Mund, während ein blinder Inder meiner Mutter seinen Kopf zuneigt und auf Hindi erklärt, dass Kobras eine schmackhafte Mahlzeit abgeben.

Meine Mutter streckt einen weiß behandschuhten Finger aus, um die Schlange zu streicheln. »Was meinst du, Gemma? Möchtest du Kobra essen, nun, wo du sechzehn bist?«

Schlangen sind mir ein Gräuel. »Danke, ich glaube nicht.«

Der alte, blinde Inder lächelt zahnlos und hält mir die Kobra näher hin. Ich taumle zurück und stoße gegen einen hölzernen Stand voll kleiner Statuen von indischen Gottheiten. Eine der Statuen, eine Frau mit unzähligen Armen und einem furchterregenden Gesicht, fällt zu Boden. Kali, die Vernichterin. Vor Kurzem hat mir Mutter vorgeworfen, ich hätte mir diese Göttin zu meiner persönlichen Schutzpatronin erwählt. Mutter und ich kommen in letzter Zeit nicht besonders gut miteinander aus. Sie behauptet, das liege daran, dass ich gerade in einem unmöglichen Alter sei. Ich erkläre jedem, der es hören will, es liege einzig und allein daran, dass sie sich weigert, mich nach London zu schicken.

»Ich habe gehört, in London muss man seinen Mahlzeiten nicht zuerst die Zähne ziehen«, sage ich. Wir lassen den Mann mit der Kobra stehen und tauchen in die Menschenmenge ein, die sich auf dem Marktplatz von Bombay drängt. Mutter antwortet nicht, scheucht stattdessen einen Drehorgelspieler mit seinem Äffchen fort. Es ist unerträglich heiß. Unter meinem Baumwollkleid mit den Reifröcken rinnt mir der Schweiß in Strömen am Körper hinab. Die Fliegen – meine glühendsten Verehrer – schwirren um mein Gesicht. Ich schlage nach einem der geflügelten kleinen Biester, aber es entwischt mir und ich könnte fast schwören, dass ich höre, wie es mich auslacht. Mein Elend nimmt epidemische Ausmaße an.

Über uns ballen sich dicke, dunkle Wolken zusammen, ein warnendes Zeichen, dass wir uns in der Monsunzeit befinden, wo von einer Minute zur nächsten Regenfluten vom Himmel stürzen können. Der staubige Basar summt von den Stimmen der Männer mit ihren Turbanen, sie schnattern und rufen und feilschen und strecken uns mit braunen, sonnenverbrannten Händen Seidenstoffe in leuchtenden Farben entgegen. Überall sind Karren, behängt mit Strohkörben, in denen alle möglichen Waren und essbaren Dinge zum Kauf angeboten werden – zierliche Kupfervasen, geschnitzte Holzkästchen mit verschlungenen Blumenmustern und in der Hitze reifende Mangos.

»Wie weit ist es denn noch zum neuen Haus von Mrs Talbot? Können wir nicht einen Wagen nehmen?«, frage ich mit, wie ich hoffe, merklicher Verdrossenheit.

»Es ist ein schöner Tag für einen Spaziergang. Und ich wäre dir dankbar, wenn du einen höflicheren Ton anschlägst.«

Meine Verdrossenheit wurde sehr wohl bemerkt.

Sarita, unsere langjährige Haushälterin, bietet mir in ihrer ledrigen Hand Granatäpfel an. »Memsahib, die sind sehr schmackhaft. Vielleicht bringen wir sie Ihrem Vater mit, ja?«

Wenn ich eine gute Tochter wäre, würde ich meinem Vater ein paar Granatäpfel mitbringen, würde mich darauf freuen, sein dröhnendes Lachen zu hören, während er die saftige rote Frucht aufschneidet und dann, wie ein richtiger britischer Gentleman, die winzigen Samen mit einem Silberlöffel isst.

»Er wird nur seinen weißen Anzug bekleckern«, brumme ich. Meine Mutter öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, besinnt sich eines Besseren und seufzt – wie üblich. Wir haben immer alles zusammen gemacht, meine Mutter und ich – alte Tempel besichtigt, die Bräuche der Gegend kennengelernt, Hindufeste besucht. Und wir sind oft bis tief in die Nacht aufgeblieben, um die im Kerzenlicht erstrahlenden Straßen zu sehen. Jetzt nimmt sie mich kaum noch zu gesellschaftlichen Anlässen mit. Es ist, als wäre ich eine Aussätzige.

»Er wird seinen Anzug bekleckern. Das tut er immer«, murmle ich zu meiner Verteidigung, obwohl mir niemand Beachtung schenkt außer dem Drehorgelspieler und seinem Äffchen. Sie folgen mir auf Schritt und Tritt in der Hoffnung, für ihre Darbietungen etwas Geld zu bekommen. Der hohe Spitzenkragen meines Kleides ist schweißgetränkt. Ich sehne mich nach dem kühlen, saftigen Grün Englands, das ich nur aus den Briefen meiner Großmutter kenne. Briefe voller Klatsch und Tratsch über Teegesellschaften und Bälle und Skandale in den höheren Ständen, während ich im staubigen, langweiligen Indien hocke und dem Äffchen eines Drehorgelspielers zusehe, das seit Jahren den gleichen Taschenspielertrick vorführt.

»Guckt mal, das Äffchen, Memsahib. Wie entzückend es ist!« Sarita sagt es, als wäre ich erst drei Jahre alt und hinge am Rockzipfel ihres Saris. Niemand scheint zu begreifen, dass ich erwachsene sechzehn bin und nach London will, nein, muss, in die Nähe von Theatern, Bällen und von Männern, die älter als sechs und jünger als sechzig sind.

»Sarita, der Affe ist ein dressierter Dieb, der dir im Handumdrehen deinen Lohn aus der Tasche ziehen wird«, sage ich mit einem Seufzer. Wie aufs Stichwort klettert der haarige Bengel auf meine Schulter und streckt seine flache Hand aus. »Wie würde es dir gefallen, dein Leben in einem Geburtstagseintopf zu beenden?«, frage ich mit zusammengebissenen Zähnen. Das Äffchen faucht. Mutter verzieht tadelnd das Gesicht über mein schlechtes Benehmen und lässt eine Münze in den Becher des Besitzers fallen. Das Äffchen grinst triumphierend und springt über meinen Kopf, bevor es das Weite sucht.

Ein Händler streckt uns eine Maske mit gebleckten Zähnen und Elefantenohren hin. Mutter nimmt sie wortlos und hält sie sich vors Gesicht. »Wo bin ich?«, ruft sie. Es ist ein Spiel, das sie mit mir gespielt hat, seit ich laufen kann – eine Art Versteckspiel, um mich zum Lächeln zu bringen. Ein Kinderspiel.

»Ich sehe immer noch meine Mutter«, sage ich gelangweilt. »Die gleichen Zähne, die gleichen Ohren.«

Mutter gibt dem Händler die Maske zurück. Ich habe sie in ihrer Eitelkeit gekränkt.

»Und ich stelle fest, dass es meiner Tochter nicht sehr gut bekommt, sechzehn zu werden«, sagt sie.

»Ja, ich bin sechzehn. Sechzehn. Ein Alter, in dem die meisten anständigen Mädchen ihre Schulbildung in London erhalten.« Ich lege besondere Betonung auf das Wort anständig, in der Hoffnung, damit an ein mütterliches Grundbedürfnis zu appellieren.

»Die sieht mir noch ein wenig grün aus.« Sie betrachtet konzentriert eine Mango. Die Inspektion der Frucht nimmt ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Niemand hat versucht, Tom in Bombay festzuhalten«, sage ich, den Namen meines Bruders als letzten Trumpf ausspielend. »Er ist schon vier Jahre dort! Und jetzt beginnt er mit dem Studium.«

»Bei Männern ist das etwas anderes.«

»Das ist ungerecht. Ich werde nie eine Chance haben. Ich werde als alte Jungfer mit Hunderten von Katzen enden, die Milch aus Porzellannäpfen trinken.« Ich breche in Tränen aus. Weinen macht hässlich, aber ich bin machtlos dagegen und kann nicht aufhören zu heulen.

»Ich verstehe«, sagt Mutter schließlich. »Möchtest du in den Ballsälen der Londoner Gesellschaft wie eine Preisstute vorgeführt werden, um deine Zuchtqualitäten abschätzen zu lassen? Würdest du London immer noch so bezaubernd finden, wenn du wegen des kleinsten Regelverstoßes zum Ziel böswilliger Gerüchte wirst? London ist nicht so idyllisch, wie es in den Briefen deiner Großmutter scheint.«

»Was soll ich dazu sagen? Ich habe es ja nie gesehen.«

»Gemma …« Mutters Ton ist beschwörend, auch wenn das unveränderliche, für die Inder bestimmte Lächeln nicht aus ihrem Gesicht weicht. Sie sollen nicht denken, wir Engländerinnen seien so unfein, Meinungsverschiedenheiten auf der Straße auszutragen. Wir reden nur übers Wetter, und wenn das Wetter schlecht ist, tun wir, als bemerkten wir es nicht.

Sarita kichert nervös. »Wie ist’s möglich, dass Memsahib jetzt eine junge Dame ist? Mir scheint, als hätten Sie gestern noch im Kinderzimmer gespielt. Oh, schaun Sie nur, Datteln! Ihre Lieblingsspeise.« Sie verzieht den Mund zu einem Lächeln voller Zahnlücken, das jede einzelne der tief eingegrabenen Runzeln in ihrem Gesicht lebendig werden lässt. Es ist heiß und plötzlich möchte ich schreien und davonlaufen, weg von allem und jedem hier.

»Diese Datteln sind wahrscheinlich im Innern faulig. Genau wie Indien.«

»Gemma, jetzt reicht es.« Mutter heftet ihre durchdringenden grünen Augen auf mich. Die gleichen leuchtend grünen Augen mit den hochgewölbten Brauen, die ich auch habe. Die Inder finden sie beunruhigend, verwirrend. Als würde man von einem Geist beobachtet. Sarita lächelt auf ihre Füße hinunter und zupft mit den Händen an ihrem braunen Sari. Ich fühle einen Anflug von schlechtem Gewissen, weil ich etwas so Hässliches über ihr Heimatland gesagt habe. Unsere Heimat, obwohl ich mich gerade nirgendwo wirklich zu Hause fühle.

»Memsahib, Sie wollen bestimmt nicht nach London. Grau und kalt ist es da und es gibt keine Datteln. Es würde Ihnen nicht gefallen.«

Mit schrillem Pfiff fährt ein Zug in der Nähe der glitzernden Bucht ins Depot. Bombay. »Gute Bucht« heißt das, obwohl mir im Moment nichts Gutes dazu einfällt. Dunkler Qualm steigt aus der Lokomotive hoch bis zu den dicken Wolken hinauf. Mutter sieht gedankenverloren zu.

»Ja, kalt und grau.« Sie führt eine Hand an ihren Hals, betastet das kleine silberne Medaillon, ein Auge über einem Halbmond, das dort an einer Kette hängt. Ein Geschenk eines Dorfbewohners, sagt Mutter. Ihr Glücksbringer. Ich habe sie nie ohne dieses Amulett gesehen.

Sarita legt eine Hand auf Mutters Arm. »Es ist Zeit zu gehen, Memsahib.«

Mutter reißt ihren Blick von dem Zug los und lässt die Hand sinken. »Ja, richtig. Mrs Talbot erwartet uns. Es wird bestimmt ganz reizend werden. Ich bin sicher, sie hat köstliche Leckereien für deinen Geburtstag vorbereitet …«

Ein Mann mit einem weißen Turban und einem weiten schwarzen Mantel stolpert von hinten in sie hinein und rempelt sie hart an.

»Bitte tausendmal um Vergebung, verehrte gnädige Frau.« Er lächelt, verbeugt sich tief zur Entschuldigung für seine grobe Unachtsamkeit. Dabei sehe ich hinter ihm einen jungen Mann stehen, der den gleichen seltsamen Mantel trägt. Für einen Moment starren der junge Mann und ich einander in die Augen. Er ist kaum älter als ich, siebzehn schätzungsweise, mit brauner Haut, einem vollen Mund und den längsten Wimpern, die ich je gesehen habe. Ich weiß, ich sollte indische Männer nicht attraktiv finden, aber ich kenne nicht viele junge Männer und ich spüre, dass ich rot werde, ob ich will oder nicht. Er wendet den Blick ab und reckt den Hals, um über die Menge zu schauen.

»Können Sie nicht aufpassen«, herrscht Sarita den älteren Mann an und droht ihm mit erhobenem Arm. »Wehe, Sie sind ein Dieb, dann ergeht’s Ihnen schlecht.«

»Nein, nein, Memsahib, ich bin nur schrecklich ungeschickt.« Sein Lächeln erlischt und mit ihm auch die aufgesetzte Miene des fröhlichen Tollpatschs. Leise, in akzentfreiem Englisch flüstert er meiner Mutter zu: »Circe ist nahe.«

Diese Worte ergeben für mich überhaupt keinen Sinn, ich halte sie für das bloße Ablenkungsmanöver eines gerissenen Diebes. Das will ich meiner Mutter gerade auch sagen, doch der Ausdruck blanken Entsetzens auf ihrem Gesicht schnürt mir die Kehle zu. Mit wildem Blick fährt sie herum und sucht die überfüllten Straßen ab, als halte sie nach einem verlorenen Kind Ausschau.

»Was ist los? Was ist passiert?«, frage ich.

Die Männer sind plötzlich fort. Sie sind in der hastenden Menge verschwunden, nur ihre Fußspuren haben sie im Staub zurückgelassen. »Was hat der Mann zu dir gesagt?«

Die Stimme meiner Mutter ist scharf wie eine Stahlklinge. »Nichts. Er war offensichtlich verwirrt. Die Straßen sind heutzutage nicht sicher.« Ich habe meine Mutter noch nie so gehört. So hart. So voller Angst. »Gemma, ich glaube, ich gehe am besten allein zu Mrs Talbot.«

»Aber … aber was ist mit dem Kuchen?« Es ist lächerlich, das zu sagen, aber heute ist mein Geburtstag, und wenn ich auch nicht darauf erpicht bin, ihn in Mrs Talbots Wohnzimmer zu verbringen, so will ich mich ganz bestimmt nicht allein zu Hause langweilen, nur weil irgend so ein schwarz gekleideter Verrückter und sein Kumpan meiner Mutter einen Schrecken eingejagt haben.

Mutter zieht ihren Schal eng um ihre Schultern. »Wir werden später Kuchen essen …«

»Aber du hast versprochen …«

»Ja, aber das war, bevor …« Ihre Worte bleiben in der Luft hängen.

»Bevor was?«

»Bevor du mich so geärgert hast! Wirklich, Gemma, du bist heute nicht in der richtigen Stimmung für einen Besuch. Sarita wird dich zurückbegleiten.«

»Meine Stimmung ist ausgezeichnet«, protestiere ich, aber der Ton straft meine Worte Lügen.

»Nein, ist sie nicht!« Mutters grüne Augen treffen meine. Da ist etwas, was ich noch nie zuvor darin gesehen habe. Ein ungeheurer Zorn, der mir den Atem raubt. So schnell, wie er über sie gekommen ist, ist er verflogen und Mutter ist wieder Mutter. »Du bist übermüdet und brauchst Ruhe. Heute Abend wollen wir feiern und ich werde dir erlauben, ein wenig Champagner zu trinken.«

Ich werde dir erlauben, ein wenig Champagner zu trinken. Das ist kein Versprechen – es ist ein Vorwand, um mich loszuwerden. Es gab eine Zeit, da haben wir alles gemeinsam gemacht, und jetzt können wir nicht einmal mehr zusammen über den Basar gehen, ohne uns in die Haare zu kriegen. Ich bin eine Enttäuschung. Eine Tochter, die sie nirgendwohin mitnehmen will, nicht nach London und nicht einmal ins Haus einer alten Schachtel, die schwachen Tee macht.

Wieder durchschneidet ein schriller Pfiff des Zugs die Luft und lässt Mutter zusammenfahren.

»Hier, du kannst meine Halskette tragen, hmmm? Komm schon, nimm sie. Ich weiß, dass du sie immer bewundert hast.«

Ich stehe still und stumm, während ich ihr erlaube, mir die Halskette umzulegen, die ich tatsächlich immer haben wollte. Aber jetzt drückt sie mich nieder. Ein Bestechungsgeschenk. Mutter wirft nochmals einen hastigen Blick auf den staubigen Marktplatz, bevor sie ihre grünen Augen auf mir ruhen lässt. »So. Du schaust … richtig erwachsen aus.« Sie presst ihre behandschuhte Hand an meine Wange, hält sie dort, als wollte sie sich mit ihren Fingern meine Züge einprägen. »Bis später zu Hause.«

Niemand soll die Tränen in meinen Augen sehen, also suche ich nach dem Gemeinsten, was ich sagen kann. Bevor ich über den Marktplatz davonstürme, kommt es über meine Lippen: »Es ist mir egal, ob du überhaupt wieder nach Hause kommst.«

2. Kapitel

Ich renne durch Scharen von Händlern, bettelnden Kindern und stinkenden Kamelen, weiche mit knapper Not zwei Männern aus, die eine Stange mit Saris zwischen sich tragen. Ich stürme eine schmale Seitenstraße hinunter und immer weiter, den gewundenen, verschlungenen Gassen folgend, bis ich anhalten muss, um wieder zu Atem zu kommen. Heiße Tränen rinnen über meine Wangen. Nun, wo es niemand sieht, weine ich hemmungslos.

Gott bewahre mich vor den Tränen einer Frau, denn dagegen bin ich machtlos. Das würde mein Vater jetzt sagen, wenn er hier wäre. Mein Vater mit seinen zwinkernden Augen und seinem buschigen Schnurrbart, seinem dröhnenden Lachen, wenn ich ihm Freude bereite; und seinem in die Ferne schweifenden Blick – als wäre ich Luft –, wenn ich mich wenig damenhaft benommen habe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er wahnsinnig beglückt sein wird, wenn er hört, wie ich mich verhalten habe. Schlimme Dinge zu sagen und einfach davonzurennen, ist nicht die Art von Benehmen, die im Zweifelsfall für ein Mädchen spricht, das nach London möchte. Mein Magen krampft sich zusammen, als ich mir alles noch einmal vor Augen führe. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen?

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Stolz hinunterzuschlucken, nach Hause zu gehen und um Verzeihung zu bitten. Wenn ich den Weg finde. Nichts kommt mir im Mindesten bekannt vor. Zwei alte Männer sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und rauchen kleine braune Zigaretten. Sie beobachten mich, während ich vorbeigehe. Mir wird bewusst, dass ich zum ersten Mal allein in der Stadt bin. Ohne Anstandsdame. Ohne Begleitperson. Eine vornehme Engländerin ohne Schutz und Schirm. Ich habe mich in eine skandalöse Lage gebracht. Mein Herz schlägt schneller und ich beschleunige meine Schritte.

Die Luft steht vollkommen still. Ein Unwetter ist im Anzug. In der Ferne höre ich hektisches Treiben auf dem Marktplatz, Geschäfte in letzter Minute, die rasch noch abgeschlossen werden, ehe die Waren vor dem nachmittäglichen Regenschauer in Sicherheit gebracht werden. Ich folge den Geräuschen und lande wieder an meinem Ausgangspunkt. Die alten Männer grinsen mich an, eine junge Dame allein in den Straßen von Bombay. Ich könnte sie fragen, wie ich zum Marktplatz zurückkomme, obwohl mein Hindi nicht halb so gut ist wie das meines Vaters und die Frage »Wo ist der Marktplatz?« aus meinem Mund vielleicht so klingt wie »Ich begehre die schöne Kuh deines Nachbarn«. Trotzdem, einen Versuch ist es wert.

»Verzeihung«, sage ich zu dem älteren der beiden Männer, dem mit dem weißen Bart. »Ich glaube, ich habe mich verlaufen. Könnten Sie mir sagen, wo es hier zum Marktplatz geht?«

Das Lächeln des Mannes verschwindet und macht einem angstvollen Gesichtsausdruck Platz. Er spricht zu dem anderen Mann in scharf herausgestoßenen Worten eines Dialekts, den ich nicht verstehe. Aus Fenstern und Haustüren schauen Leute, um zu sehen, was los ist. Der alte Mann ist aufgestanden und zeigt auf mich, auf die Halskette. Gefällt sie ihm nicht? Irgendetwas an mir hat ihn erschreckt. Er scheucht mich fort, geht ins Haus und schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Gut zu wissen, dass meine Mutter und Sarita nicht die Einzigen sind, die mich unausstehlich finden.

Die Menschen verharren an den Fenstern und beobachten mich. Der erste Regentropfen fällt und hinterlässt einen Flecken auf meinem Kleid. Der Himmel kann jeden Moment seine Schleusen öffnen. Ich muss zurück. Nicht auszudenken, wenn Mutter vom Regen durchweicht wird und ich daran schuld bin, weil sie mich sucht. Warum habe ich mich nur wie ein eigensinniger Fratz benommen? Jetzt wird sie mich nie und nimmer nach London schicken. Ich werde in einem österreichischen Kloster enden, umgeben von Frauen mit Schnurrbärten, halb erblindet vom Sticken komplizierter Spitzenmuster für die Aussteuer fremder Mädchen. Ich verfluche mein hitziges Temperament, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter. Schlag eine Richtung ein, Gemma – irgendeine Richtung –, nur geh. Ich nehme den Weg nach rechts. Die unbekannte Straße mündet in eine andere und diese wieder in eine andere, und gerade als ich um eine Ecke biege, sehe ich ihn kommen. Den jungen Mann vom Marktplatz.

Keine Panik, Gemma. Geh einfach nur langsam weg, bevor er dich sieht.

Ich mache zwei hastige Schritte rückwärts. Mein Absatz bleibt an einem Stein hängen, ich verliere den Halt und schlittere auf die Straße. Als ich mich aufrichte, starrt mich der junge Mann mit einem Blick an, den ich nicht deuten kann. Einen Moment lang rührt sich keiner von uns. Wir stehen so reglos wie die Luft, die uns umgibt und Vorbote eines drohenden Sturms ist.

Eine plötzliche Angst befällt mich, durchfährt mich wie ein kalter Windstoß, verstärkt durch Gesprächsfetzen, die ich im Arbeitszimmer meines Vaters aufgeschnappt habe – über das Schicksal einer unbegleiteten Frau, die von üblen Männern überwältigt wurde und deren Leben dadurch für immer zerstört war. Aber das sind nur Geschichten. Dieses hier ist ein realer Mann, der mit energischen Schritten auf mich zukommt.

Er will mich fangen, aber ich werde es nicht zulassen. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Ich raffe meine Röcke, bereit loszurennen. Ich versuche, einen Schritt zu machen, doch meine Beine zittern wie die eines Kälbchens. Der Boden unter mir schwankt.

Was geschieht da?

Bewegen. Ich muss mich bewegen, aber ich kann nicht. Ein seltsames Kribbeln befällt mich, es beginnt in meinen Fingern, wandert den Arm hinauf, in meine Brust. Mein ganzer Körper zittert. Ein schrecklicher Druck schnürt mir den Atem ab, zwingt mich hinunter auf die Knie. Panik wuchert wie Unkraut in meinem Mund. Ich will schreien. Aber ich bringe kein Wort heraus. Keinen Laut. Der Mann erreicht mich, als ich zu Boden sinke. Ich will ihm sagen, er soll mir helfen. Ich richte meinen Blick auf sein Gesicht, seine vollen, schön geschwungenen Lippen. Seine dichten dunklen Locken fallen über seine Augen, tiefe braune Augen mit endlos langen Wimpern. Erschrockene Augen.

Hilfe.

Das Wort steckt in mir fest. Ich fürchte nicht mehr, meine Unschuld zu verlieren. Ich weiß, ich muss sterben. Ich versuche, den Mund zu öffnen, um ihm das zu sagen, aber es kommt nur ein würgender Laut aus meiner Kehle. Ein starker Geruch nach Rosen und Gewürzen überwältigt mich, der Horizont verschwimmt. Meine Lider flattern, während ich krampfhaft versuche, bei Bewusstsein zu bleiben. Seine Lippen sind es, die sich öffnen, sich bewegen, sprechen.

Seine Stimme, die sagt: »Es geschieht.«

Der Druck nimmt zu, bis ich das Gefühl habe zu zerbersten. Ein wirbelnder Tunnel aus blendenden Farben und Licht zieht mich hinab wie ein Sog. Ich falle ins Bodenlose. Bilder rasen vorbei. Ich sehe mich selbst als Zehnjährige, ich spiele mit Julia, der Stoffpuppe, die ich ein Jahr später bei einem Picknick verloren habe; ich bin sechs und Sarita wäscht mir vor dem Abendessen das Gesicht. Die Zeit dreht sich zurück und ich bin drei, zwei, ein Baby und dann ein bleiches und fremdes Etwas, ein Geschöpf nicht größer als eine Kaulquappe und genauso zerbrechlich. Der starke Sog erfasst mich abermals mit Macht, zieht mich durch einen Schleier aus Schwärze, bis ich vor mir wieder die gewundene Straße in Indien sehe. Ich bin eine Zuschauerin und bewege mich in einem Wachtraum, höre keinen Laut außer dem Klopfen meines Herzens, mein Ein- und Ausatmen, das Rauschen meines eigenen Bluts, das durch meine Adern strömt. Auf den Dächern über mir tollt das Äffchen des Drehorgelspielers herum, zähnebleckend. Ich versuche zu sprechen und stelle fest, dass ich es nicht kann. Das Äffchen springt auf ein anderes Dach. Ein Laden, wo getrocknete Kräuter von der Dachrinne hängen und ein kleines Auge-und-Mond-Symbol – das gleiche wie an der Halskette meiner Mutter – an der Tür angebracht ist. Eine Frau kommt mit schnellen Schritten die abschüssige Straße herauf. Eine Frau mit rotgoldenem Haar, einem blauen Kleid und weißen Handschuhen. Meine Mutter. Was macht meine Mutter hier? Sie sollte bei Mrs Talbot sein, Tee trinken und sich über Mode unterhalten.

Mein Name kommt über ihre Lippen. Gemma. Gemma. Sie ist gekommen, um mich zu suchen. Der Inder mit dem Turban ist direkt hinter ihr. Sie bemerkt ihn nicht. Ich rufe ihr zu, aber aus meinem Mund kommt kein Ton. Mit einer Hand stößt sie die Tür des Ladens auf und tritt ein. Ich folge ihr hinein, mein Herz schlägt immer lauter und schneller. Sie muss doch wissen, dass der Mann hinter ihr ist. Sie muss seinen Atem hören können. Aber sie schaut nur nach vorn.

Der Mann zieht einen Dolch aus seinem Mantel, aber noch immer dreht sie sich nicht um. Übelkeit steigt in mir hoch. Ich will sie aufhalten, sie fortziehen. Jeder Schritt ist wie ein Tritt in die Luft, das Heben meiner Beine eine bleierne Qual. Der Mann bleibt stehen, horcht. Seine Augen weiten sich. Er hat Angst.

Etwas lauert zusammengerollt in der dunklen Tiefe des Ladens. Es ist, als hätte die Dunkelheit selbst begonnen, sich zu bewegen. Wie ist das möglich? Aber sie tut es, mit einem unangenehmen, schlurfenden Geräusch, das mir einen kalten Schauer über die Haut jagt. Ein dunkles Etwas kriecht aus seinem Versteck, dehnt sich aus. Es wächst, bis es jeden Winkel des Raumes erreicht. Aus seinem Innern dringt ein grässliches Schreien und Stöhnen hervor.

Der Mann stürmt vorwärts und das dunkle Etwas stülpt sich über ihn. Es verschlingt ihn. Jetzt erhebt es sich über meiner Mutter und spricht zu ihr mit einer zischelnden Stimme.

»Komm zu uns, meine Schöne. Wir haben auf dich gewartet …«

Mein Schrei explodiert in mir. Mutter blickt zurück, wie Lots Weib, sieht den Dolch, der dort liegt, packt ihn. Das dunkle Etwas heult vor Wut auf. Mutter ist zum Kampf bereit. Sie wird es schaffen. Eine einzelne Träne rollt über ihre Wange, während sie ihre verzweifelten Augen schließt und sanft wie ein Gebet meinen Namen sagt: Gemma. Mit einer raschen Bewegung hebt sie den Dolch und stößt ihn sich ins Herz.

Nein!

Ein gewaltiger Sog reißt mich aus dem Laden. Ich bin zurück in den Straßen von Bombay, als wäre ich nie weg gewesen, wild schreiend und um mich schlagend, worauf der junge Inder meine Arme herunterdrückt und sie festhält.

»Was haben Sie gesehen? Sagen Sie es mir!«

Ich trete mit den Füßen nach ihm und winde mich unter seinem Griff. Ist hier niemand, der mir helfen kann? Was passiert hier? Mutter! Ich versuche, meine Gedanken unter Kontrolle zu bringen, logisch, vernünftig zu überlegen. Meine Mutter ist zum Tee bei Mrs Talbot. Ich werde hingehen und mich davon überzeugen. Sie wird ärgerlich sein und mich mit Sarita nach Hause schicken und es wird keinen Champagner geben und kein London, aber es wird mir nichts ausmachen. Sie wird lebendig und wohlauf sein und mir Vorhaltungen machen und ich werde überglücklich sein, von ihr bestraft zu werden.

Er schreit immer noch in meine Ohren. »Haben Sie meinen Bruder gesehen?«

»Lassen Sie mich los!« Meine Beine haben ihre Kraft wiedergefunden und ich trete nach ihm, so fest ich kann. Ich treffe ihn an seiner empfindlichsten Stelle. Er krümmt sich vor Schmerz und ich reiße mich los und rase blindlings die Straße hinunter und um die nächste Ecke, vorwärts getrieben von Angst. Eine kleine Menschenmenge hat sich vor einem Laden versammelt. Einem Laden, wo getrocknete Kräuter vom Dach hängen.

Nein. Das Ganze ist ein schrecklicher Albtraum. Ich werde in meinem Bett aufwachen und Vaters laute, tiefe Stimme hören, während er einen seiner endlosen Witze erzählt, und danach Mutters gedämpftes Lachen.

Auf steifen, verkrampften Beinen wanke ich auf den Menschenauflauf zu und bahne mir einen Weg durch die Menge. Das Äffchen des Drehorgelspielers springt vom Dach herunter, neigt seinen Kopf nach links und rechts und beäugt neugierig den am Boden liegenden Leichnam. Die Letzten, die noch vor mir sind, machen mir Platz. Ich nehme eine Einzelheit nach der anderen wahr. Einen umgedrehten Schuh mit abgebrochenem Absatz. Eine gespreizte Hand, die Finger starr und steif. Den Inhalt einer Handtasche verstreut im Schmutz. Einen nackten Hals, der aus dem Mieder eines blauen Kleides herausschaut. Die viel gerühmten grünen Augen offen und leer. Mutters Mund leicht geöffnet, als habe sie noch etwas sagen wollen, bevor sie starb.

Gemma.

Eine dunkelrote Blutlache breitet sich unter ihrem leblosen Körper aus. Das Blut sickert in die staubige, rissige Erde und erinnert mich an Kali, die dunkle Göttin, die Blut vergießt und Knochen zermalmt. Kali, die Vernichterin. Meine Schutzpatronin. Ich schließe die Augen und wünsche mir, das alles möge sich in nichts auflösen.

Es ist nicht wahr. Es ist nicht wahr. Es ist nicht wahr.

Aber als ich die Augen öffne, ist sie immer noch da und starrt mich anklagend an. Es ist mir egal, ob du überhaupt wieder nach Hause kommst. Das war das Letzte, was ich zu ihr gesagt habe. Bevor ich weggerannt bin. Bevor sie mir gefolgt ist. Bevor ich sie in einer Vision habe sterben sehen. Eine plötzliche Taubheit zieht meine Arme und Beine nach unten. Ich sinke zu Boden, wo das Blut meiner Mutter den Saum meines besten Kleides tränkt. Und dann bricht der Schrei, den ich bis jetzt zurückgehalten habe, aus mir heraus, ohrenbetäubend und schrill wie das Pfeifen des Zuges. Im selben Moment öffnet sich der Himmel und ein ungeheurer Regen strömt herab, der jeden Laut erstickt.

Zwei Monate später

~

London, England

3. Kapitel

Victoria Station!«

Ein stämmiger Schaffner in einer blauen Uniform geht von Abteil zu Abteil und verkündet, dass wir gleich in London ankommen werden. Der Zug wird langsamer. Dichte Dampfwolken ziehen in Schwaden am Fenster vorbei und lassen alles draußen wie einen Traum erscheinen.

Mein Bruder Tom, auf dem Platz mir gegenüber, wacht auf, streicht seine schwarze Weste glatt und prüft penibel, ob seine Kleidung in Ordnung ist. In den vier Jahren, die wir getrennt waren, ist er sehr in die Höhe geschossen und seine Brust ist ein wenig breiter geworden, aber er ist immer noch dünn und mit seiner blonden Haarlocke, die ihm modisch über seine blauen Augen fällt, wirkt er jünger als zwanzig. »Mach kein so finsteres Gesicht, Gemma. Du wirst nicht ins Zuchthaus gesteckt. Spence ist eine sehr gute Schule und steht in dem Ruf, bezaubernde junge Damen hervorzubringen.«

Eine sehr gute Schule. Bezaubernde junge Damen. Es ist Wort für Wort das, was meine Großmutter sagte, nachdem wir zwei Wochen auf Pleasant House, ihrem englischen Landsitz, verbracht hatten. Sie hatte mich mit einem langen, zweifelnden Blick betrachtet, meine sommersprossige Haut und die widerspenstige Mähne roten Haars, mein verdrießliches Gesicht, und war zu dem Schluss gekommen, ein anständiges Mädchenpensionat müsse her, wollte ich je auf eine passende Heirat hoffen. »Ein Wunder, dass du nicht schon vor Jahren nach Hause geschickt wurdest«, meinte sie. »Jeder weiß, dass das Klima in Indien schlecht fürs Blut ist. Ich bin sicher, das wäre auch der Wunsch deiner Mutter gewesen.«

Ich hätte sie gern gefragt, wie sie wissen könne, was der Wunsch meiner Mutter war, aber ich biss mir auf die Zunge und unterdrückte die Frage. Meine Mutter wollte, dass ich in Indien blieb. Ich wollte unbedingt nach London und jetzt, wo ich hier bin, könnte ich gar nicht unglücklicher sein.

Drei Stunden lang, während der Zug auf seiner Fahrt durch grünes, hügeliges Weideland Meile um Meile zurücklegte und der Regen eintönig gegen die Fensterscheiben prasselte, hatte Tom geschlafen. Und ich hatte an das gedacht, was ich zurückgelassen hatte. Die heiße Ebene Indiens. Die Fragen der Polizei: Hatte ich jemanden gesehen? Hatte meine Mutter Feinde? Was hatte ich allein auf der Straße gemacht? Und was war mit dem Mann, der sie auf dem Marktplatz angesprochen hatte – ein Kaufmann namens Amar? Kannte ich ihn? Waren er und meine Mutter (und dabei blickten sie verlegen drein und traten von einem Fuß auf den anderen, während sie nach einem Wort suchten, das nicht zu taktlos war) »alte Bekannte«?

Wie konnte ich ihnen sagen, was ich gesehen hatte? Ich wusste ja selbst nicht, was ich glauben sollte.

An den Fenstern des Zugs rattert immer noch die blühende englische Landschaft vorbei. Aber das Rütteln des Waggons erinnert mich an das schaukelnde Schiff, das uns von Indien herbrachte. Die Küste Englands, die wie eine Warnung Gestalt annimmt. Meine Mutter, tief begraben in der kalten, unbarmherzigen Erde Englands. Mein Vater, mit glasigem Blick auf den Grabstein starrend – Virginia Doyle, geliebte Gattin und Mutter –, durch ihn hindurchschauend, als könnte er allein durch seinen Willen das Geschehene ungeschehen machen. Und da es nicht gelang, zog er sich in sein Arbeitszimmer zu der Laudanumflasche zurück, die seine ständige Begleiterin geworden war. Manchmal fand ich ihn schlafend in seinem Sessel, die Hunde zu seinen Füßen, die braune Flasche in Reichweite, der schwere Atem mit einem süßlichen Arzneigeruch getränkt. Dieser einst große, kräftige Mann war dünner geworden, abgemagert durch Kummer und Opium. Und ich, die ich an allem schuld war, musste untätig zusehen, hilflos und stumm. Die Trägerin eines Geheimnisses, so schrecklich, dass ich Angst hatte, überhaupt zu sprechen. Ich fürchtete, es könnte wie Kerosin aus mir herausfließen und jeden verbrennen.

»Du grübelst schon wieder«, sagt Tom und sieht mich misstrauisch an.

»Tut mir leid.« Ja, es tut mir leid, unendlich leid, alles.

Tom stößt die Luft aus, lange und heftig, und verleiht seiner Stimme den nötigen Nachdruck. »Es braucht dir nicht leidtun. Hör schon auf damit.«

»Ja, leid«, sage ich, ohne zu denken. Ich berühre das Amulett. Es hängt jetzt um meinen Hals, eine Erinnerung an meine Mutter und an meine Schuld, verborgen unter dem steifen schwarzen Krepp meines Trauerkleids, das ich nun sechs Monate lang tragen werde.

Durch den sich lichtenden Nebel vor unserem Fenster sehe ich die Gepäckträger am Zug entlangeilen, mit den Wagen Schritt haltend, bereit, Holztreppen an die geöffneten Türen zu schieben, damit wir aussteigen können. Endlich kommt unser Zug ächzend und mit einem Schwall von Dampf zum Halten.

Tom steht auf und streckt sich. »Los. Gehen wir, bevor alle Träger vergeben sind.«

~

Victoria Station – der Bahnhof mit seiner Betriebsamkeit raubt mir den Atem. Auf dem Bahnsteig wimmelt es von Menschen. Am weit entfernten Ende des Zuges klettern die Passagiere der dritten Klasse heraus, ein Knäuel aus Armen und Beinen. Kofferträger schleppen das Gepäck und Pakete für die Passagiere der ersten Klasse. Zeitungsjungen halten die Tageszeitungen mit den sensationellsten Schlagzeilen hoch in die Luft. Blumenverkäuferinnen gehen am Zug entlang, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, das ebenso hart und abgenutzt wirkt wie die hölzernen Tabletts, die sie vor sich hertragen. Ein Mann mit einem unter den Arm geklemmten Regenschirm saust so knapp an mir vorbei, dass er mich fast über den Haufen rennt.

»Verzeihung«, murmle ich ärgerlich. Er nimmt keine Notiz von mir. Als ich einen Blick zum Ende des Bahnsteigs werfe, erspähe ich etwas Seltsames. Einen weiten schwarzen Mantel, der mein Herz schneller schlagen lässt. Mein Mund wird trocken. Es kann unmöglich sein, dass er hier ist. Dennoch bin ich sicher, dass er es ist, der soeben hinter einem Kiosk verschwindet. Ich versuche, näher zu kommen, aber das Gedränge ist zu groß.

»Wo willst du hin?«, fragt Tom, als ich wie wild gegen den Strom ankämpfe.

»Ich will mich nur umsehen«, sage ich und hoffe, dass er die Angst in meiner Stimme nicht bemerkt. Ein Mann kommt hinter dem Kiosk hervor, mit einem Bündel Zeitungen auf der Schulter. Sein Mantel, schwarz und ein paar Nummern zu groß, hängt wie ein weiter Umhang an ihm. Ich lache fast vor Erleichterung. Siehst du, Gemma? Du fängst an, dir Dinge einzubilden. Lass es gut sein.

»Wenn du dich schon umsehen willst, dann schau, ob du einen Träger für uns findest. Weiß der Teufel, wo die alle so schnell hin sind.«

Ein magerer Zeitungsjunge, der gerade vorbeikommt, bietet uns an, für zwei Pence eine schöne Droschke zu besorgen. Mühsam schleppt er den Koffer mit meinen wenigen irdischen Habseligkeiten: eine Handvoll Kleider, das Tagebuch meiner Mutter, ein roter Sari, ein geschnitzter indischer Elefant und der geliebte Kricketschläger meines Vaters, eine Erinnerung an ihn aus glücklicheren Tagen.

~

Tom hilft mir in den Wagen und der Kutscher lässt die imposante, feine Dame namens Victoria Station hinter sich und rollt klipp-klapp dem Herzen von London entgegen. Die Luft ist trüb, geschwängert vom Rauch der Gaslaternen, die die Straßen Londons säumen. Das neblige Grau taucht den späten Nachmittag bereits in ein Dämmerlicht. Alles Mögliche könnte sich auf solch dunklen Straßen von hinten an einen heranschleichen. Ich weiß nicht, wieso ich das denke, aber ich tu’s.

Über den düsteren Umrissen der Schornsteine ragen die nadeldünnen Türme des Parlamentsgebäudes hervor. Unten auf der Straße buddelt ein Trupp Männer schweißgebadet tiefe Gräben in das Kopfsteinpflaster.

»Was tun die da?«

»Sie legen Leitungen für elektrisches Licht«, antwortet Tom und hustet dabei in ein weißes Taschentuch, das in einer Ecke sein schwarz eingesticktes Monogramm trägt. »Das Gaslicht wird bald der Vergangenheit angehören und damit auch diese Husterei.«

Händler mit ihren Karren, von denen sie mit ihrem speziellen, unverwechselbaren Ruf – Scharfe Messer, frische Fische, Äpfel, saftig und süß – kommen Sie, schauen Sie, probieren Sie! – ihre Waren feilbieten, bevölkern die Straßen. Milchmädchen tragen die letzte Milch des Tages aus. Auf merkwürdige Weise erinnert die gesamte Szenerie an Indien. Die Schaufenster der Läden locken mit allem, was man sich nur vorstellen kann – Tee, Wäsche, Porzellan und schöne Kleider nach der neuesten Pariser Mode. Ein Schild an einem Fenster im zweiten Stock bietet Büroräume zur Vermietung an, Auskünfte im Haus. Fahrräder sausen an den vielen zweirädrigen Droschken auf den Straßen vorbei. Ich klammere mich fest für den Fall, dass das Pferd scheut, aber die Mähre, die uns zieht, scheint vollkommen uninteressiert. Sie kennt das alles schon, im Unterschied zu mir.

Ein Omnibus, gedrängt voll mit Passagieren, überholt uns, gezogen von einem Gespann prächtiger Pferde. In den Sitzen auf dem Oberdeck hockt eine Gruppe feiner Damen. Um der Schicklichkeit Genüge zu tun, verdeckt eine lange Holzlatte mit einer Seifenreklame die Knöchel der Damen. Der Anblick ist unbeschreiblich und weckt in mir den Wunsch, einfach immer weiter durch die Straßen von London zu kutschieren und die Atmosphäre in mich aufzunehmen, die ich nur von Fotografien kenne. Männer in dunklem Anzug und Melone treten aus Amtsgebäuden, um nach Dienstschluss zufrieden den Heimweg anzutreten. Ich sehe die weiße Kuppel der Sankt-Pauls-Kathedrale, die sich über den rußgeschwärzten Dächern erhebt. Ein Plakat lädt zu einer Aufführung von »Macbeth« mit der amerikanischen Schauspielerin Lily Trimble ein. Sie ist atemberaubend, mit ihrem offenen, wilden kastanienbraunen Haar und dem roten, schamlos tief ausgeschnittenen Kleid. Ich bin neugierig, ob die Mädchen in Spence genauso reizend und unbefangen sein werden.

»Lily Trimble ist sehr schön, nicht wahr?«, sage ich, um ein wenig Konversation mit Tom zu machen. Ein Fehlschlag, wie sich zeigt.

»Eine Schauspielerin«, entgegnet Tom verächtlich. »Was für eine Art von Leben ist das für eine Frau, ohne ein Zuhause, ohne Ehemann und ohne Kinder? Als sei sie ihr eigener Herr und Meister. Mit Sicherheit wird sie in der Gesellschaft nie als eine richtige Dame akzeptiert werden.«

Das kommt davon, wenn man Konversation machen will.

Einerseits möchte ich Tom für seine Überheblichkeit einen Tritt gegens Schienbein verpassen. Andererseits muss ich leider zugeben, dass es mich brennend interessiert, was Männer bei einer Frau suchen. Mein Bruder mag arrogant und aufgeblasen sein, aber er weiß gewisse Dinge, die für mich von Nutzen sein könnten.

»Ich verstehe«, sage ich leichthin, als wollte ich mich erkundigen, was einen hübschen Garten ausmacht. Ich bin taktvoll. Höflich. Damenhaft. »Und was macht eine richtige Dame aus?«

Mit einem Gesicht, als hätte er eine Pfeife im Mund, antwortet er: »Ein Mann möchte eine Frau, die ihm das Leben leicht macht. Sie soll attraktiv sein, wohlerzogen, sie soll etwas von Musik, Malerei und der Haushaltsführung verstehen, vor allem aber soll sie Unannehmlichkeiten von ihm fernhalten und niemals die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken.«

Das kann doch nur ein Scherz sein. Bestimmt wird er im nächsten Moment lachen und sagen, dass er einen Spaß gemacht hat, aber das selbstgefällige Lächeln weicht nicht aus seinem Gesicht. Ich denke nicht daran, diese Beleidigung unwidersprochen hinzunehmen. »Mutter war Vater ebenbürtig«, sage ich kühl. »Er erwartete nicht, dass sie wie ein unterwürfiges, willenloses Dummchen hinter ihm ging.«

Toms Lächeln schwindet. »Genau. Und du siehst, wohin es uns gebracht hat.« Dann herrscht wieder Schweigen. Draußen vor den Fenstern der Droschke rollt London vorüber. Tom wendet sein Gesicht von mir ab und schaut hinaus. Zum ersten Mal nehme ich seinen Schmerz wahr, erkenne ihn daran, wie er sich mit den Fingern durchs Haar fährt, ein ums andere Mal, und ich verstehe, was es ihn kostet, all das zu verbergen. Aber ich weiß nicht, wie ich dieses bedrückende Schweigen durchbrechen kann, und so fahren wir weiter, alles aufmerksam betrachtend, ohne viel zu sehen, ohne zu reden.

»Gemma …«, Tom setzt zum Sprechen an. Er kämpft mit sich, irgendetwas brodelt in ihm und will heraus. »An jenem Tag mit Mutter … warum zum Teufel bist du weggelaufen? Was hast du dir dabei gedacht?«

Meine Stimme ist ein Flüstern. »Ich weiß es nicht.« Auch wenn es stimmt, so ist es doch keine befriedigende Antwort.

»Die weibliche Unlogik.«

»Ja«, sage ich, nicht weil ich ihm zustimme, sondern weil ich ihm entgegenkommen will, irgendwie. Ich sage es, weil ich möchte, dass er mir verzeiht. Vielleicht könnte ich dann anfangen, mir selbst zu verzeihen. Vielleicht.

»Kanntest du diesen …«, er beißt sich an dem Wort fest, »Mann, den sie mit ihr ermordet aufgefunden haben?«

»Nein«, flüstere ich.

»Sarita sagt, du seist hysterisch gewesen, als sie und die Polizei dich fanden. Du hättest andauernd von einem indischen Jungen geredet und einer Vision von … von irgendwas.« Er schweigt und reibt die Handflächen an seiner Hose. Er sieht mich noch immer nicht an.

Meine Hände zittern in meinem Schoß. Ich könnte es ihm sagen. Ich könnte ihm sagen, was ich bisher fest in mir verschlossen habe. Jetzt, in diesem Moment, mit dieser Haarlocke, die ihm in seine Augen fällt, ist er der Bruder, den ich vermisst habe, der mir einstmals Steine aus dem Meer gebracht hat und behauptete, es seien Juwelen eines Radschas. Ich möchte ihm sagen, dass ich Angst habe, langsam verrückt zu werden, und dass mir nichts mehr vollkommen real erscheint. Ich möchte ihm von der Vision erzählen, möchte, dass er mir auf diese ungelenke Art den Kopf streichelt und dass alles eine völlig einleuchtende medizinische Erklärung findet. Ich möchte ihn fragen, ob es sein kann, dass ein Mädchen von Geburt an nicht liebenswert ist, oder ob es erst im Laufe der Zeit so wird. Ich möchte, dass er alles erfährt und dass er versteht.

Tom räuspert sich. »Was ich sagen wollte, ich meine, ist dir etwas passiert? Hat er … bist du ganz in Ordnung?«

Ich schlucke die Worte, die ich schon fast auf der Zunge hatte, wieder hinunter. »Du möchtest wissen, ob ich noch unberührt bin.«

»Wenn du es so direkt ausdrücken willst, ja.«

Jetzt erkenne ich, wie lächerlich es von mir war zu glauben, er möchte wissen, was wirklich geschehen ist. Es geht ihm ausschließlich darum, dass ich der Familie nicht irgendwie Schande bereitet habe. »Ja, ich bin, um deine Ausdrucksweise zu gebrauchen, ganz in Ordnung.« Über eine solche Lüge kann ich nur lachen – selbstverständlich bin ich nicht in Ordnung. Aber es funktioniert, genau wie ich es erwartet habe. So ist das Leben in der feinen Gesellschaft – eine einzige, große Lüge. Eine Illusion, wo jeder wegschaut und so tut, als würde überhaupt nichts Unangenehmes existieren, keine finsteren Dämonen, keine Seelenpein.

Tom strafft erleichtert seine Schultern. »Dann ist’s ja gut.« Der Augenblick einer menschlichen Regung ist vorbei und er hat sich wieder voll unter Kontrolle. »Gemma, der Mord an Mutter ist eine Schande für unsere Familie. Es wäre ein Skandal, wenn die Wahrheit bekannt würde.« Er starrt mich an. »Mutter ist an der Cholera gestorben«, sagt er mit Nachdruck, als würde er die Lüge jetzt selbst glauben. »Ich weiß, du bist damit nicht einverstanden, aber als dein Bruder sage ich dir, je weniger darüber geredet wird, desto besser. Es ist zu deinem eigenen Schutz.«

Er lässt nur seinen Verstand sprechen, nicht sein Herz. Seine Vernunft wird ihm später als Arzt von Nutzen sein. Ich weiß, dass er recht hat, aber ich hasse ihn dafür, ich kann nicht anders. »Bist du sicher, dass es mein Schutz ist, um den du dir Sorgen machst?«

Sein Unterkiefer versteift sich wieder. »Diese letzte Bemerkung will ich überhört haben. Wenn du schon nicht an mich denkst und an dich selbst, so denk an Vater. Er ist ein gebrochener Mann, Gemma. Es ist nicht zu übersehen. Die Umstände von Mutters Tod haben ihn zugrunde gerichtet.« Er zupft an den Manschetten seines Hemds. »Wahrscheinlich weißt du, dass Vater in Indien einige sehr schlechte Gewohnheiten angenommen hat. Mit den Indern Wasserpfeife zu rauchen, mag ihn zu einem beliebten Geschäftsmann gemacht haben, aber es war seiner Gesundheit nicht zuträglich. Er hat sich immer ganz dem Genuss hingegeben. Der Flucht aus dem Alltag.«

Vater kam meistens spät und völlig erschöpft von seinen Tagesgeschäften nach Hause. Ich erinnere mich, wie Mutter und die Dienstboten ihn zu Bett gebracht haben – oft, nicht nur gelegentlich. Trotzdem tut es weh, das zu hören. Ich hasse Tom dafür, dass er mir das sagt. »Warum lässt du dann zu, dass er das Laudanum trinkt?«

»An Laudanum ist nichts auszusetzen. Es ist Medizin«, entgegnet er hitzig.

»In Maßen …«

»Vater ist nicht süchtig. Vater doch nicht«, sagt er, als müsse er ein Geschworenengericht überzeugen. »Er wird sich erholen, jetzt wo er wieder in England ist. Bloß denk daran, was ich dir gesagt habe. Kannst du mir wenigstens so viel versprechen? Bitte?«

»Ja, klar«, sage ich und fühle mich innerlich tot. Die in Spence wissen nicht, was sie erwartet, wenn sie mich bei sich aufnehmen, den Geist eines Mädchens, das nicken und lächeln und seinen Tee trinken wird, aber nicht wirklich da ist.

Der Kutscher ruft uns zu: »Sir, der Weg führt durchs East, falls Sie die Vorhänge zuziehen wollen.«

»Was meint er damit?«, frage ich.

»Wir müssen durchs East End fahren. Meine Güte, die Slums, Gemma«, sagt er und bindet schon die Vorhänge auf beiden Seiten seines Fenster los, um die Armut und den Dreck auszusperren.

»Ich habe Slums in Indien gesehen«, sage ich und lasse meine Vorhänge, wo sie sind. Der Wagen rumpelt über Kopfsteinpflaster durch schmuddelige, enge Straßen. Dutzende schmutziger Kinder streunen herum und starren uns in unserer vornehmen Kutsche an. Es bricht mir das Herz, ihre mageren, dreckigen Gesichter zu sehen. Mehrere Frauen hocken zusammengedrängt unter einer Gaslaterne und nähen. Es lohnt sich für sie, das Licht der Straßenbeleuchtung zu nützen und nicht ihre eigenen kostbaren Kerzen für diese undankbare Arbeit zu vergeuden. Der Gestank in den Straßen – eine Mischung aus Kohl, Pferdeäpfeln, Urin und Verzweiflung – ist in der Tat schrecklich und ich fürchte, mich übergeben zu müssen. Laute Musik und Geschrei dringen aus einer Taverne. Ein betrunkenes Paar taumelt auf die Straße hinaus. Die Frau hat feuerrote Haare und ein stark geschminktes Gesicht. Sie suchen Streit mit unserem Kutscher und halten uns auf.

»Was ist denn los?« Tom klopft gegen das Verdeck des Wagens, um den Kutscher anzutreiben. Aber die Frau beschimpft den Kutscher, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Es scheint, als müssten wir die ganze Nacht hierbleiben. Der betrunkene Mann schielt nach mir, winkt, macht obszöne Gesten.

Angewidert drehe ich mich weg. Tom lehnt sich aus seinem Fenster. Ich höre, wie er herablassend und ungeduldig versucht, das Paar auf der Straße zur Vernunft zu bringen. Aber irgendetwas ist komisch. Seine Stimme klingt plötzlich gedämpft, wie das Rauschen einer Muschel, die man ans Ohr hält. Und dann höre ich nur noch mein Blut, das durch meine Adern rast und hart in meinen Schläfen pocht. Ein gewaltiger Druck erfasst mich und schnürt mir den Atem ab.

Es geschieht abermals.

Ich will nach Tom rufen, aber ich kann nicht. Wieder falle ich durch jenen Tunnel aus Farben und Licht. Und ebenso schnell gleite ich aus dem Wagen, trete leichtfüßig hinaus in eine sich verdunkelnde schmale Gasse mit flimmernden Rändern. Da ist ein kleines Mädchen von ungefähr acht Jahren, das auf dem schmutzigen, strohbedeckten Boden sitzt und mit einer zerlumpten Stoffpuppe spielt. Ihr Gesicht ist dreckverschmiert, doch davon abgesehen scheint sie nicht hierher zu passen, mit ihrem rosa Haarband und ihrer gestärkten weißen Schürze, die eine Nummer zu groß für sie ist. Sie singt ein paar Takte einer Melodie, die eine ferne Erinnerung an ein altes englisches Volkslied in mir weckt. Als ich näher komme, schaut sie hoch.

»Ist mein Püppchen nicht niedlich?«

»Du kannst mich sehen?«, frage ich.

Sie nickt und beginnt wieder, mit ihren Fingern das Haar der Puppe zu kämmen. »Sie sucht dich.«

»Wer?«

»Mary.«

»Mary? Was für eine Mary?«

»Sie hat mich geschickt, damit ich dich finde. Aber wir müssen vorsichtig sein. Es sucht auch nach dir.«

Die Luft bewegt sich und bringt eine feuchte Kälte mit. Ich zittere unkontrolliert. »Wer bist du?«

Hinter dem kleinen Mädchen bemerke ich eine Bewegung in der undurchdringlichen Dunkelheit. Ich blinzle, um klar zu sehen, aber es ist keine Täuschung – die Schatten bewegen sich. Blitzschnell erhebt sich das dunkle Etwas und nimmt seine furchterregende Gestalt an, das blasse Skelettgesicht, die rot umrandeten Augenhöhlen. Der Mund öffnet sich und ein krächzendes Stöhnen entweicht.

Komm zu uns, mein schönes, schönes …

»Lauf.« Das Wort ist ein ersticktes Flüstern auf meiner Zunge. Das dunkle Etwas wächst und kommt noch näher. Das Heulen und Stöhnen in seinem Innern lässt jede Zelle meines Körpers zu Eis erstarren. Ein Schrei bahnt sich seinen Weg in meine Kehle. Wenn ich ihn herauslasse, werde ich nie mehr aufhören zu schreien.

Noch einmal, während mein Herz hart gegen meine Rippen klopft, sage ich, lauter diesmal: »Lauf!«

Das dunkle Etwas zögert, weicht zurück. Es schnuppert in die Luft, als würde es einen Geruch aufspüren. Das kleine Mädchen wendet sich mir zu. »Zu spät«, sagt es, gerade als das Monster seine blicklosen Augen auf mich richtet. Die vermoderten Lippen klaffen auseinander, Zähne wie spitze Nägel entblößend. O Himmel, das Monster grinst mich an. Es öffnet seinen schrecklichen Mund weit und kreischt – ein Laut, der mir endlich die Zunge löst.

»Nein!« Und schon bin ich zurück in der Kutsche, lehne mich aus dem Fenster und schreie das Paar dort draußen an. »Gebt den verdammten Weg frei – sofort!« Gleichzeitig schlage ich mit meinem Schal nach dem Hinterteil des Pferdes. Die Mähre wiehert und bäumt sich auf, worauf das Paar schleunigst das Weite sucht und in die Taverne flüchtet.

Der Kutscher beruhigt sein Pferd, während mich Tom in den Wagen zurückzieht. »Gemma! Was zum Teufel ist in dich gefahren?«

»Ich …« Ich schaue nach dem Monster aus und sehe es nicht. Da ist nur eine Straße, mit trübem Licht und ein paar schmutzigen Kindern, deren Lachen von Ställen und halb verfallenen Schuppen widerhallt. Die Szene verschwindet hinter uns in der Nacht.

»Sag schon, Gemma, ist alles in Ordnung?« Tom ist ehrlich besorgt.

Ich werde verrückt, Tom. Hilf mir.

»Ich wollte einfach nur weiter.« Der Laut, der aus meinem Mund kommt, ist eine Mischung aus einem Lachen und einem Heulen, wie das unartikulierte Lallen einer Verrückten.

Tom betrachtet mich wie eine seltene Krankheit, gegen die er kein Mittel weiß. »Um Himmels willen! Nimm dich zusammen. Und bitte achte in Spence auf deine Ausdrucksweise. Ich will dich nicht schon wenige Stunden später wieder abholen, nachdem ich dich dort abgeliefert habe.«

»Ja, Tom«, sage ich, während der Wagen auf dem Kopfsteinpflaster ins Leben zurückrattert, fort von London und den dunklen Schatten.

4. Kapitel

Hier ist die Schule, Sir«, ruft der Kutscher.

Eine Stunde lang sind wir durch hügeliges, mit Bäumen durchsetztes Gelände gefahren. Die Sonne geht unter, der Himmel ist in blaues Zwielicht getaucht. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich nichts als einen Baldachin von Zweigen über mir und durch das Blätterwerk den Mond, reif wie eine Melone. Unser Kutscher scheint auch unter Sinnestäuschungen zu leiden, denke ich schon, doch da erreichen wir einen Hügelkamm und Spence liegt in seiner ganzen Pracht vor uns.

Ich hatte ein hübsches kleines Anwesen erwartet, wie sie in Groschenromanen beschrieben werden, wo Mädchen mit rosigen Wangen auf gepflegtem grünem Rasen Tennis spielen. Spence hat nichts Heimeliges an sich. Das Gebäude ist riesig, das vergessene Schloss eines Größenwahnsinnigen, mit mächtigen runden Ecktürmen und unzähligen kleinen Türmchen. Zweifellos würde man ein Jahr brauchen, nur um alle Räume in seinem Innern zu besuchen.

»Brrr!« Der Kutscher hält mit einem Ruck den Wagen an. Irgendjemand ist auf der Straße.

»Wer ist da drin?« Eine Frau kommt auf meine Seite der Kutsche und schaut herein. Eine alte Zigeunerin. Ein reich bestickter Schal ist fest um ihren Kopf geschlungen und ihr Schmuck ist aus purem Gold, aber sonst trägt sie nur Lumpen am Leib.

»Und was nun?«, seufzt Tom.

Ich strecke meinen Kopf hinaus. Als das Mondlicht auf mein Gesicht fällt, werden die Züge der Frau weich. »Oh, du bist’s. Du bist zurückgekommen.«

»Tut mir leid, Madam. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.«

»Oh, aber wo ist Carolina? Wo ist sie? Habt ihr sie mitgenommen?« Die Frau beginnt leise zu wimmern.

»Kommen Sie, gute Frau, lassen Sie uns vorbei«, ruft der Kutscher. »Na also, warum nicht gleich.«

Mit einem Schnalzen der Zügel setzt sich die Kutsche wieder in Bewegung und die alte Frau ruft uns hinterher. »Mutter Elena sieht alles. Sie kennt dein Herz! Sie weiß Bescheid!«

»Gütiger Gott, sie haben ihre eigene Hellseherin«, spöttelt Tom. »Wie vornehm!«

Tom hat gut lachen, aber ich kann es kaum erwarten, aus der Kutsche und der Dunkelheit herauszukommen.

~

Das Pferd zieht uns in den steinernen Bogengang und durch ein Tor, hinter dem sich ein herrlicher Park befindet. Ich kann eine wunderschöne grüne Fläche erkennen, ideal, um Rasentennis oder Krocket zu spielen, und direkt daneben üppige, blühende Gärten. Etwas weiter entfernt liegt ein Hain von hohen Bäumen, dicht wie ein Wald. Auf einem Hügel, der sich hinter den Bäumen erhebt, thront eine Kapelle. Das Ganze wirkt, als habe die Zeit seit Jahrhunderten stillgestanden.

Die Kutsche holpert den Weg hinauf, der zur Eingangstür von Spence führt. Ich recke meinen Kopf aus dem Fenster, um das ganze wuchtige Ausmaß des Gebäudes in mich aufzunehmen. Irgendetwas ragt aus dem Dach heraus. Im schwindenden Licht ist es schwer zu erkennen. Der Mond gleitet unter einer Wolkenbank hervor und ich sehe es deutlich: Wasserspeier. Mondlicht erhellt das Dach und beleuchtet Einzelheiten – einen spitzen Zahn, ein geiferndes Maul, hervorquellende Augen.

Willkommen im Mädchenpensionat, Gemma. Lerne sticken, Tee servieren, Höflichkeit. Oh, und übrigens, du könntest eines Nachts von einem grässlichen geflügelten Geschöpf vom Dach vernichtet werden.

Die Kutsche kommt ächzend zum Stehen. Mein Koffer wird auf den breiten steinernen Stufen vor der hölzernen Eingangstür abgestellt. Tom schlägt den schweren Messingring des Türklopfers an. Er kann es nicht lassen, mir während des Wartens noch ein paar brüderliche Ratschläge zu erteilen.

»Denk daran, es ist jetzt sehr wichtig, dass du während deines Aufenthalts in Spence ein geziemendes Benehmen an den Tag legst. Es ist nett, zu den geringeren Mädchen freundlich zu sein, aber vergiss nicht, dass ihr einander nicht ebenbürtig seid.«

Geziemendes Benehmen. Geringere Mädchen. Nicht ebenbürtig. Es ist wirklich zum Totlachen. Schließlich bin ich die missratene Tochter, die für den Tod ihrer Mutter verantwortlich ist, diejenige, die Visionen hat. Ich tue so, als würde ich im spiegelblanken Messing des Türklopfers meinen Hut zurechtrücken. Jeder Hauch einer bösen Vorahnung wird wahrscheinlich verschwinden, sobald die Tür aufgeht und eine freundliche Haushälterin mich liebevoll in die Arme nimmt und mit einem warmen Lächeln willkommen heißt.

Genau. Ich bin ein ordentliches, gediegenes Mädchen, wie es jedes Internat mit dem größten Vergnügen bei sich aufnehmen würde. Die schwere Eichentür öffnet sich und vor uns steht ein Bollwerk von einer Haushälterin, mit schroffen Gesichtszügen, plumper, formloser Taille und der Wärme eines Wals im Januar. Sie schaut mich durchdringend an, während sie ihre Hände an ihrer gestärkten weißen Schürze abwischt.

»Sie müssen Miss Doyle sein. Wir haben Sie vor einer halben Stunde erwartet. Sie haben die Direktorin warten lassen. Kommen Sie. Folgen Sie mir.«

~

Die Haushälterin bittet uns, einen Augenblick in dem großen, schlecht beleuchteten Empfangszimmer voll staubiger Bücher und vertrockneter Farne zu warten. Im Kamin brennt ein Feuer. Es knistert und prasselt, während es das trockene Holz verschlingt. Gelächter dringt kurze Zeit später durch die offene Tür, ich sehe mehrere jüngere Mädchen in weißen Kittelschürzen durch die Halle schlendern. Eine schaut herein, sieht mich und geht weiter, als wäre ich nicht mehr als ein Möbelstück. Aber im nächsten Moment ist sie mit ein paar anderen zurück. Sie fallen halb in Ohnmacht wegen Tom, der sich vor ihnen aufplustert und huldvoll verbeugt, was sie zum Erröten und Kichern bringt.

Lieber Gott, hilf!

Ich fürchte, ich werde mit dem Schürhaken auf meinen Bruder losgehen müssen, um diesem Theater ein Ende zu machen. Zum Glück bleibt es mir erspart, meinen Mordgelüsten nachzugeben. Die humorlose Haushälterin ist wieder da. Für Tom und mich heißt es nun Abschied nehmen, was hauptsächlich darin besteht, dass wir beide auf den Teppich starren.

»Also dann. Ich nehme an, wir sehen uns nächsten Monat am Familientag.«

»Ja, wahrscheinlich.«

»Mach, dass wir stolz auf dich sein können, Gemma«, sagt er zum Schluss. Keine sentimentale Beteuerung – Ich hab dich lieb; es wird bestimmt alles gut gehen, du wirst schon sehen. Er lächelt ein letztes Mal der Schar seiner Bewunderinnen zu, die sich immer noch in der Halle rumdrücken, und dann ist er fort. Ich bin allein.

»Hier entlang, Miss, wenn Sie erlauben«, sagt die Haushälterin. Ich folge ihr in ein riesiges offenes Foyer, das von einer imposanten Doppeltreppe beherrscht wird. Ein leichter Wind, der durch ein offenes Fenster hereinstreicht, lässt die Kristalle des Kronleuchters über mir klirrend aneinanderschlagen. Staunend betrachte ich dieses Wunderwerk; Tropfen aus kostbarem Kristallglas, die an kunstvoll geschmiedeten, schlangenförmigen Metallarmen hängen.

»Vorsicht, Miss«, warnt die Haushälterin, »die Stufen sind steil.«

Die Treppenstufen winden sich scheinbar meilenweit hoch. Wenn ich über das Geländer schaue, sehe ich weit unten das Rautenmuster der schwarzen und weißen Marmorfliesen. Das Gemälde einer Frau mit silbernem Haar und in einem Kleid, das vor zwanzig Jahren oder so der letzte Schrei gewesen sein mag, begrüßt uns am oberen Ende der Treppe.

»Das ist Mrs Spence«, informiert mich die Haushälterin.

»Oh«, sage ich. »Wunderschön.« Das Porträt ist kolossal – als würde das Auge Gottes über dich wachen.

Wir gehen weiter, einen langen Flur entlang bis zu einer massiven Doppeltür. Die Haushälterin klopft mit ihrer fleischigen Faust, wartet. Eine Stimme antwortet von der anderen Seite der Tür und ich trete in einen Raum mit einer dunkelgrünen, mit Pfauenfedern gemusterten Tapete. An einem großen Schreibtisch sitzt eine einigermaßen gewichtige Person mit hoch aufgetürmtem, ergrauendem Haar und einer mit Draht eingefassten Brille auf der Nase.

»Danke, Brigid«, sagt sie und entlässt damit die warmherzige, liebevolle Haushälterin. Die Direktorin kehrt zu ihrer Korrespondenz zurück, während ich auf dem Perserteppich stehe und so tue, als sei ich restlos fasziniert von der Porzellanfigur eines kleinen deutschen Bauernmädchens, das Milcheimer auf seinen Schultern trägt. In Wirklichkeit würde ich am liebsten kehrtmachen und aus der Tür stürzen.

Tut mir schrecklich leid, mein Fehler. Ich hätte mich wohl besser in einem anderen Internat vorstellen sollen, das von menschlichen Wesen geleitet wird, die einem Mädchen Tee oder wenigstens einen Stuhl anbieten.

Eine Standuhr tickt einschläfernd und verstärkt die Müdigkeit, gegen die ich ankämpfe.

Endlich legt die Direktorin ihren Federhalter beiseite. Sie weist auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs. »Setzen Sie sich.«

Kein »Bitte«. Kein »Nehmen Sie freundlicherweise Platz«. Alles in allem fühle ich mich so willkommen wie eine Flasche Lebertran. Der Drachen versucht, einen liebenswürdigen Blick aufzusetzen, den man mit einem Hauch kalter Zugluft verwechseln könnte.

»Ich bin Mrs Nightwing, die Direktorin der Spence-Akademie für junge Damen. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, Miss Doyle?«

»O ja, danke.«

Tick-tack. Tick-tack. Tick-tack.

»Hat Brigid Sie freundlich empfangen?«

»Ja, danke.«

Tick, tick, tick, tack.

»Normalerweise nehme ich keine Mädchen in diesem fortgeschrittenen Alter auf. Es fällt ihnen sehr schwer, sich an unseren Lebensstil in Spence zu gewöhnen.« Das ist also schon mal ein Minuspunkt für mich. »Aber unter den gegebenen Umständen empfinde ich es als unsere christliche Pflicht, eine Ausnahme zu machen. Herzliches Beileid.«

Ich erwidere nichts und hefte meinen Blick auf das alberne kleine Bauernmädchen. Es lächelt mit rosigen Wangen, wahrscheinlich befindet es sich gerade auf dem Heimweg in irgendein Dorf, wo seine Mutter wartet und keine dunklen Schatten lauern.