Der Geisterjäger Jubiläumsbox 3 – Gruselroman - Andrew Hathaway - E-Book

Der Geisterjäger Jubiläumsbox 3 – Gruselroman E-Book

Andrew Hathaway

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Beschreibung

Sichern Sie sich jetzt die Jubiläumsbox - 6 Romane erhalten, nur 5 bezahlen! Sie sind die Besten, und sie wissen genau, was sie tun und vor allem, mit wem und mit welchen Horrorgestalten sie es zu tun haben: Geisterjäger nehmen die größten Gefahren und Herausforderungen auf sich im gespenstischen Kampf gegen das Böse. Der dramatische Streit zwischen Gut und Böse wird in diesen Gruselromanen von exzellenten Autoren mit ungeheurer Spannung zur Entscheidung geführt.

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Seitenzahl: 879

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Inhalt

In den Fesseln des Schreckens

Geisterfalle für Chefinspektor Hempshaw

Invasion der Geister

Sklave der Leiche

Auktion des Horror

Totentanz der Unterwelt

Der Geisterjäger – 3–

6er Jubiläumsbox

13-18

Andrew Hathaway

In den Fesseln des Schreckens

Roman von Andrew Hathaway

Hank Pendergast griff nach seinem Aktenkoffer, beugte sich über seine Freundin Chicky und küßte sie noch einmal.

Sie wollte ihn festhalten, aber er richtete sich auf. Entschlossen ging er zur Tür.

»Erst muß ich diese Sache hinter mich bringen«, sagte er nervös. »Dann haben wir Zeit für uns.«

Sie stellte keine Fragen, lächelte ihm nur zu. Als er die Tür hinter sich zuschlug, sprang Chicky Fletcher aus dem Bett und lief ans Fenster.

Hanks Wagen parkte auf der anderen Straßenseite. Sie sah, wie ihr Freund die Fahrbahn überquerte. Sie sah auch den schwarzen Wagen, der auf Hank zuraste.

Und dann schrie sie gellend auf. Auf der Straße tobte ein Inferno des Grauens. Höllische Schauergestalten stürzten sich auf Hank.

Er war verloren.

*

»Wir müssen mehr Druck hinter unsere Ermittlungen setzen«, erklärte Chefinspektor Hempshaw, der an diesem 14. September eine Morgenbesprechung abhielt.

Seine Mitarbeiter hatten sich in einem der Konferenzräume von Scotland Yard versammelt. Unter ihnen saß ein Mann, der offiziell nicht zu Scotland Yard gehörte, der jedoch oft mit der berühmten Kriminalpolizei zusammenarbeitete.

Rick Masters, Londoner Geisterdetektiv mit einem weltweit anerkannten Ruf als Spezialist für Übersinnliches!

»In letzter Zeit häufen sich die Anzeigen von Leuten, die erpreßt werden«, fuhr der Chefinspektor fort. »Wenn wir davon ausgehen, daß sich nur ein Bruchteil der wirklich Erpreßten bei uns meldet, kommen wir auf eine enorme Zahl.«

Niemand unterbrach den Chefinspektor. Alle warteten, bis er ausgesprochen hatte. Danach konnten Fragen gestellt werden.

»Erpressung gibt es immer«, fuhr Hempshaw mit seiner donnernden Stimme fort. »Die Polizei kämpft ständig dagegen an. In diesem Fall ist es besonders schwierig. Wir haben es offenbar mit einer gut organisierten Gruppe von Erpressern zu tun. Diesen Leuten müssen wir das Handwerk legen, und zwar schnell. Mr. Masters wird uns dabei unterstützen. Ich habe ihn darum gebeten.«

Alle wandten sich zu dem Geisterdetektiv um, der flüchtig nickte. Er mochte es nicht, so im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

»Damit Sie alle sehen, wie dringend es ist!« rief der Chefinspektor und lenkte damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Eine Frau wurde heute morgen tot im Hyde Park gefunden. Selbstmord. Aus ihrem Abschiedsbrief geht hervor, daß sie mit einer Erpressung nicht mehr fertig wurde. Sie hat genaue Angaben gemacht, wie sie erpreßt wurde. Es war dieselbe Gruppe von Verbrechern, die auch für die anderen Fälle verantwortlich ist. Vielleicht verstehen Sie jetzt, weshalb es so wichtig ist, daß wir baldigst Ergebnisse bekommen! Fragen?«

Rick Masters stand auf. »Wo sind die Unterlagen über diesen Selbstmord? Ich möchte sofort anfangen!«

Hempshaw nickte ihm mit einem flüchtigen Lächeln zu. »Danke, Rick! Kommen Sie in mein Büro, dort erhalten Sie alle Informationen!«

*

Hank Pendergast dachte gar nicht daran, es seinen Komplicen zu leicht zu machen. Er war überzeugt, daß sie noch keine Ahnung von seinen Plänen hatten. Woher sollten sie auch wissen, daß er sie übers Ohr hauen wollte? Daß er beabsichtigte, das große Geld auf eigene Rechnung zu machen und seine Freunde auszubooten?

Bis sie dahinterkamen, daß er falsch spielte, hatte er schon längst abgesahnt und konnte mit Chicky aus dieser grauen Stadt verschwinden. Riviera, Acapulco, Rio de Janeiro, wohin sie nur wollten. Irgendwo konnten sie ein neues Leben anfangen, ein Leben in Luxus und ohne finanzielle Sorgen.

Seine Freunde konnten sie beide nicht leicht finden, wenn sie Großbritannien verließen.

Er hatte sich alles genau überlegt. Keiner seiner Komplicen kannte Chicky. Darauf hatte er von Anfang an genau geachtet. Deshalb war er auch nach seinem großen Coup nicht mehr in seine eigene Wohnung zurückgekehrt, sondern hatte bei seiner Freundin übernachtet.

Er fühlte sich vollkommen sicher, als er auf die Straße trat und zu seinem Wagen auf der anderen Seite ging. Trotzdem reagierte er sofort, als er das Aufheulen eines starken Motors und das Kreischen durchdrehender Reifen hörte.

Er wirbelte herum und sah einen schwarzen Wagen, der ein Stück weiter auf der Kensington Road gewartet hatte.

Das Auto beschleunigte mit Vollgas und raste direkt auf ihn zu.

Hank Pendergast packte seinen Aktenkoffer fester und wollte sich durch einen gewaltigen Sprung hinter die parkenden Wagen retten. Wenn er erst in Deckung lag, kam er davon! Dann konnte er den Angriff abwehren.

Er schaffte es nicht.

Er war schlagartig in einen schleimigen grauen Nebel eingehüllt, der seine Bewegungen erstarren ließ. Schauergestalten schälten sich aus den grauen Schwaden, Ausgeburten der Hölle.

Hank Pendergast sah seine Umgebung nicht mehr. Für ihn waren die Häuser in der Kensington Road verschwunden. Die höllischen Wesen schlossen ihn vollständig ab.

Der schwarze Wagen bremste dicht vor Hank Pendergast. Aus dem Seitenfenster beugte sich ein vermummter Mann. Von seinen Augen ging ein unheimliches, unmenschliches Leuchten aus.

Hank Pendergast lag auf dem Asphalt, aber er lebte noch.

Aus! fuhr es ihm durch den Kopf. Es ist aus!

Der Traum vom Sonnenstrand, vom sorglosen Leben in Luxus war ausgeträumt. Erstickt unter dem Ansturm höllischer Mächte.

Wie durch einen Schleier hindurch nahm Hank Pendergast wahr, daß die hintere Tür des schwarzen Wagens aufflog und ein zweiter vermummter Mann heraussprang.

Hanks Kopf rollte zur Seite. Sein Blick glitt an der Glasfront des modernen Apartmenthauses hinauf. Er suchte Chickys Fenster, fand sie jedoch nicht. Es waren zu viele, und sie verschwammen vor seinen Augen. Er sah nur das Haus, und das auch nur, weil sich die Höllenmächte wieder zurückgezogen hatten.

Und dann kam die große Kälte. Sie begann bei den Füßen und kroch langsam höher.

Auf den Aktenkoffer, der seiner schlaffen Hand entfallen war, achtete er nicht mehr. Und dabei hatte er alles für diesen Koffer gewagt.

*

»Hier haben Sie alles, was wir bisher über den Selbstmord im Hyde Park wissen«, sagte Chefinspektor Hempshaw und überreichte Rick Masters einen schmalen Aktenordner. »Die Frau hieß Emily Maratti. Schlaftabletten. Ihr Abschiedsbrief liegt der Akte bei.«

Rick nickte stumm und studierte die Unterlagen. Es war nicht viel. Außer dem Bericht des Streifenpolizisten, der die Tote gefunden hatte, lag der Abschiedsbrief bei. Er war in einer zittrigen Handschrift abgefaßt. Rick überflog ihn einmal und las ihn dann genauer durch.

Es war eine alltägliche Geschichte, die jedoch tödlich geendet hatte. Aus jedem einzelnen Wort klang Mrs. Marattis Verzweiflung heraus.

»Kenneth!« Rick hob den Kopf und sah seinen Freund an, der hinter seinem Schreibtisch saß. »Sieht so aus, als hätte sie den Abschiedsbrief erst im Hyde Park geschrieben, als es keine Umkehr mehr gab. Die letzten Sätze sind ziemlich verworren und auch sehr undeutlich. Aber mit diesem Material können wir vielleicht etwas anfangen.«

Der Chefinspektor blickte seinen Freund erwartungsvoll an. Von Rick versprach er sich eine ganze Menge. Der Privat- und Geisterdetektiv kam in den kniffligsten Fällen voran.

»Diese Frau wurde erpreßt«, fuhr Rick fort, »weil sie vor drei Jahren einen anderen Mann kennengelernt hat. George Rascal. Vor einem Jahr wollte sie sich von ihrem Ehemann scheiden lassen. Dann hat sie sich jedoch von ihrem Geliebten getrennt und ist bei ihrem Mann geblieben, der bis heute nichts ahnt. Dann kam die Erpressung. Die Verbrecher haben alles ganz genau gewußt und gedroht, ihren Mann einzuweihen.«

Hempshaw zuckte die Schultern. »Wo ist da die Verbindung zu den anderen Fällen, die wir bearbeiten?«

»Hier!« Rick tippte auf die entsprechende Stelle des Briefes. »Mrs. Maratti schreibt von verschiedenen Männern, die sie angerufen haben. Das Geld mußte sie jeweils in eine Plastiktüte stecken und in einem Papierkorb hinterlegen.«

Hempshaw nickte. »Also doch das gleiche Muster wie in den anderen Fällen. Fahren wir zu Mr. Maratti.«

»Er wird uns kaum helfen können, wenn er nicht einmal wußte, daß seine Frau erpreßt wurde.«

»Über Maratti kommen wir vielleicht an Rascal heran«, erwiderte Hempshaw. »Kommen Sie, Rick!«

Auf dem Weg nach unten wandte sich der Chefinspektor noch einmal an seinen Helfer.

»Wieso kümmern Sie sich eigentlich um den Fall, obwohl Sie sonst nur Übersinnliches bearbeiten, Rick? Nur weil ich Sie gebeten habe?«

Der Geisterdetektiv zuckte die Schultern. »Vielleicht, weil ich nicht will, daß sich unschuldige Menschen das Leben nehmen, wenn sie keinen Ausweg mehr sehen«, antwortete er rauh.

Weder er noch der Chefinspektor ahnten in diesem Moment, wie bald sie schon in den Strudel Schwarzer Magie und dämonischer Kräfte gerissen werden sollten.

*

Joe Wall und Patrick O’Neill näherten sich an diesem 14. September gegen neun Uhr vormittags der Kensington Road. Sie hatten einen ruhigen Morgen hinter sich, obwohl sie in einer Millionenstadt wie London Streife fuhren. Sie kontrollierten die stilleren Viertel am Hyde Park. Deshalb war nicht viel zu tun gewesen. Ein Verkehrsunfall, ein Ladendiebstahl.

Der Schwarze Joe Wall und der rothaarige Ire Patrick O’Neill fuhren schon lange zusammen auf Streife. Sie vertrugen sich gut.

»Hier möchte ich auch ein Apartment haben«, bemerkte Joe Wall, als sie in die Kensington Road einbogen. »Das wäre etwas anderes als meine Wohnung in dem Farbigenviertel.«

»Ich weiß nicht.« Patrick O’Neill zuckte die breiten Schultern. Er saß am Steuer des Streifenwagens und musterte durch die Windschutzscheibe die Wohnblocks. »Eine verdammt anonyme Sache, das hier. Ich würde lieber in Irland eine kleine Farm kaufen.«

Joe Wall entblößte in einem breiten Grinsen seine schneeweißen Zähne, die jedem Raubtier zur Ehre gereicht hätten. »Da kommt der Ire in dir durch«, sagte er spöttelnd. »Eine Farm, ein paar Schafe, und du bist glücklich! Da hättest du nicht Streifenpolizist in London werden dürfen.«

»Meinst du, das weiß ich nicht selbst?« antwortete O’Neill und wollte noch eine freundschaftliche Bissigkeit hinzufügen, als es ihm einen Ruck gab.

Aus einem der Apartmenthäuser kam ein junger Mann und wollte die Straße überqueren. Er hatte die Fahrbahnmitte noch nicht erreicht, als weiter oben ein schwarzer Wagen anfuhr und direkt auf den Ahnungslosen zuraste.

»Oh, Mann!« schrie Joe Wall. Seine mächtige Faust hämmerte auf den Schalter für Blaulicht und Sirene.

Im selben Moment trat O’Neill das Gaspedal zum Anschlag durch.

Noch ehe der schwarze Wagen den jungen Mann erreichte, beugte sich der Beifahrer aus dem Seitenfenster. Im nächsten Moment wurde das Opfer von einem heftigen wallenden Nebel eingehüllt und brach zusammen.

Ein vermummter Mann sprang auf die Straße und wollte zu dem Reglosen laufen.

Alles spielte sich innerhalb weniger Sekunden ab. Die Sirene des Streifenwagens gellte durch die stille Straße. Das Blaulicht auf dem Dach zuckte hektisch.

Der Vermummte, der das Opfer berauben wollte, prallte zurück.

Der schwarze Wagen beschleunigte voll. Der Vermummte schaffte es eben noch, sich auf die Rücksitze zu werden. Dann raste der Wagen auch schon auf die beiden Polizisten zu.

O’Neill dachte keine Sekunde an die eigene Sicherheit. Er war Augenzeuge eines Überfalls geworden und wollte die Täter schnappen.

Mit einem harten Ruck riß der Ire das Lenkrad herum. Das Heck des Streifenwagens brach aus und schleuderte um die eigene Achse. Mit ununterbrochen gellender Sirene stellte sich der Wagen quer.

Joe Wall, der gerade den Alarm über Funk durchgab, stemmte sich mit den Beinen ab und warf sich gegen O’Neill.

Der Streifenwagen stand quer, die rechte Seite dem heranrasenden schwarzen Auto zugewandt.

Die Mörder dachten gar nicht daran zu stoppen. Mit Vollgas jagten sie auf den Streifenwagen zu.

Die Polizisten schrien auf. Im nächsten Moment prallten die beiden Fahrzeuge zusammen.

Die Verbrecher hatten das Heck des quergestellten Streifenwagens angepeilt. Ein fürchterlicher Stoß schleuderte den Polizeiwagen herum. Kreischen von verbogenem Blech und Splittern von Glas betäubte die Polizisten. Sie wurden hin und her geworfen, als ihr Fahrzeug gegen geparkte Autos prallte.

Der schwarze Wagen war schwer beschädigt, aber er fuhr noch. Vom linken Vorderrad stieg eine Rauchfahne auf, als sie die Kensington Road entlang rasten. Ein Teil der verbogenen Karosserie scheuerte am Reifen.

Weit kamen sie mit diesem Wagen nicht mehr, auf jeden Fall aber weiter als die beiden Polizisten mit ihrem Fahrzeug. Der Streifenwagen rührte sich nämlich überhaupt nicht von der Stelle. Die Hinterachse war gebrochen. Das rechte Hinterrad stand in einem spitzen Winkel zur Außenwand.

Stöhnend stieß Joe Wall die Seitentür auf. Sie klemmte, doch mit seinen Bärenkräften sprengte Wall sie auf. Keuchend stemmte er sich ins Freie, beugte sich noch einmal in den Wagen und packte O’Neill am Arm.

»Alles in Ordnung?« fragte er besorgt.

»Natürlich«, gab sein Kollege wütend zurück. »Mir geht es blendend! Los, kümmere dich um ihn!«

Er deutete auf den Mann auf der Straße und griff zum Funkgerät. Es funktionierte noch, so daß er auch den Unfall melden konnte.

Wall lief zu dem jungen Mann, der reglos auf dem Asphalt lag. Unter seinem Körper breitete sich eine Blutlache aus. Sein Hemd war auf der Brust gerötet.

Der Polizist beugte sich über den Mann, der ihn aus großen Augen ansah.

»Alles bestens«, sagte Wall und lächelte beruhigend, obwohl in seiner Kehle ein Kloß saß. »Gleich kommt ein Krankenwagen. Alles wird wieder gut!«

Doch der junge Mann konnte ihn nicht mehr verstehen. Seine Augen brachen, sein Kopf rollte auf die Seite.

Mit einem tiefen Seufzer richtete sich Joe Wall wieder auf. Warum waren sie nicht zehn Sekunden früher gekommen? Dann hätten sie die einmalige Chance gehabt, einen Mord zu verhindern. Und was war nur mit dem jungen Mann geschehen? Woher stammten die entsetzlichen Verletzungen? Doch nicht nur von dem Sturz!

Patrick O’Neill kletterte nun ebenfalls aus dem demolierten Streifenwagen und ging auf den Toten zu. Noch während er sich nach dem Aktenkoffer des Toten bückte, flog die Tür eines Apartmenthauses auf. Eine junge Frau im Morgenmantel rannte schreiend auf die Straße hinaus.

Joe Wall konnte sie eben noch aufhalten, ehe sie sich auf den Toten stürzte.

*

Die Familie Maratti wohnte im Eastend. Als Rick und der Chefinspektor klingelten, öffnete eine ungefähr zwanzig- bis fünfundzwanzigjährige Frau. Das Alter konnte Rick nicht so gut schätzen, weil sie die Haare aufgelöst und nach hinten gekämmt trug und ihre Augen verquollen waren. Sie hatte keine Schminke aufgelegt und nur ein dünnes Sommerkleid übergestreift.

»Ja«, sagte sie mit erstickter Stimme.

Hempshaw wies sich aus und stellte Rick vor. »Können wir reinkommen? Es tut mir leid, aber wir müssen ein paar Fragen stellen.«

Die junge Frau zögerte. »Mein Vater… Sie verstehen, er ist nicht gerade in der Verfassung, daß…«

»Es dauert nicht lange«, versprach der Chefinspektor.

Mrs. Marattis Tochter ließ sie trotzdem nicht ein. »Ich wohne nicht mehr hier«, antwortete sie auf Hempshaws entsprechende Frage. »Ich bin verheiratet, aber mein Vater rief mich gestern an. Mutter war nicht nach Hause gekommen.«

»Was ist denn, Lisa?« rief eine Männerstimme aus der Wohnung.

»Nichts, liegen bleiben!« rief sie zurück und wandte sich wieder an Rick und Hempshaw. »Ich kann mir schon denken, worum es geht. Mutter hat sich mir anvertraut, aber Vater darf auf keinen Fall etwas davon erfahren.«

»Sie wissen über die Erpressung Bescheid?« fragte Rick erstaunt. »Und über den Freund Ihrer Mutter?«

Sie nickte. »Vor ein paar Monaten hat sie mir alles gebeichtet. Ich wollte, daß sie zur Polizei geht, aber sie hat lieber gezahlt, damit Vater nichts merkt.«

»Wissen Sie, wer hinter der Erpressung steckte?« Hempshaw sprach leise, damit Mr. Maratti nichts von dem Gespräch verstand.

Lisa Biggs, wie die junge Frau hieß, zuckte die Schultern. »Ich habe keine Ahnung«, versicherte sie glaubhaft. »Aber Mutter war schon lange so merkwürdig. Sie sprach davon, daß sie in einer anderen Welt Zuflucht suche.«

Der Chefinspektor wollte diesen Punkt übergehen, doch Rick hakte nach.

»Was soll das bedeuten?« erkundigte er sich. »Was meinte Ihre Mutter mit einer anderen Welt?«

Lisa Biggs wirkte unsicher. »Ich glaube, sie hat sich mit Spiritismus beschäftigt. Sie verstehen schon, Tischrücken und solcher fauler Zauber.«

»Kennen Sie George Rascal?« warf Chefinspektor Hempshaw hastig ins Gespräch ein.

Sie nickte. »Das heißt, kennen ist zuviel gesag«, schränkte sie sofort ein. »Mutter hat mir gesagt, daß ihr Freund so heiße und daß er wesentlich jünger als sie sei. Sie war siebenundvierzig, er zweiunddreißig.«

Hempshaw zückte sein Notizbuch.

»Dann kennen Sie sicher auch die Adresses dieses Mr. Rascal.«

Die beiden schienen an diesem Tag wenig Glück zu haben. Lisa Biggs schüttelte nämlich wieder den Kopf. »Ich weiß nur, daß er in einem Fotoatelier arbeitet. Am Soho Square. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Und noch eines: Sprechen Sie nicht mit Vater darüber! Er befindet sich in einem schrecklichen Zustand. Wenn er erfährt, was alles passiert ist, bricht er vollständig zusammen. Glauben Sie mir, bitte!«

»Eines Tages wird er es erfahren müssen«, hielt Rick Masters ihr vor.

»Eines Tages, ja, aber nicht jetzt.« Lisa Biggs wollte noch etwas sagen, doch aus der Wohnung rief ihr Vater nach ihr. Sie sah Rick Masters und Chefinspektor Hempshaw noch einmal bittend an und verschwand in dem Apartment.

»Ein Fotoatelier am Soho Square.« Hempshaw seufzte. »Nicht gerade sehr aufschlußreich.«

»Aber besser als gar nichts«, erwiderte der Geisterdetektiv, während sie das Haus verließen. »So viele Fotoateliers wird es da wohl nicht geben.«

Sie wollten gerade in ihre Wagen steigen, als Hempshaw über Funk gerufen wurde. Der Chefinspektor meldete sich und schaltete den Lautsprecher ein, damit Rick mithören konnte.

Es ging um einen Mord auf offener Straße. Angeblich hatte es etwas mit dem Erpresserring zu tun, hinter dem die beiden gerade her waren.

»In Ordnung, wir kommen«, antwortete der Chefinspektor und beendete das Gespräch. »Wir treffen uns in der Kensington Road wieder, Rick«, schlug er vor. »Das Fotoatelier kann warten.«

Sie fuhren dicht hintereinander, Chefinspektor Hempshaw in seinem Dienstwagen, Rick Masters in seinem Morgan, einem Sportwagen im Oldtimer-Look. Bei dem schönen Wetter konnte er es sich sogar leisten, das Verdeck zurückzuschlagen.

Er hatte allerdings keinen Blick für den blauen Himmel über London. Seine Gedanken beschäftigten sich ausschließlich mit dem neuen, brandheißen Fall. Und mit einer Bemerkung, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging.

Zuflucht in einer anderen Welt!

Er hatte zu Hempshaw nicht weiter darüber gesprochen, weil der Chefinspektor nicht gern von Übersinnlichem hörte. Und doch wurde Rick Masters das Gefühl nicht los, daß in diesem Fall Magie sowie Geister und Dämonen eine Rolle spielten.

Er brauchte allerdings noch einen Beweis für seine Annahme, damit er tatkräftig nachhaken konnte…

*

Als das Telefon auf dem riesigen Mahagoni-Schreibtisch schrillte, zuckte Peter Sheridan zusammen.

Er starrte den Apparat wie einen persönlichen Feind an, obwohl er noch gar nicht wußte, wer anrief. Es konnte ein Geschäftspartner sein, seine Frau, vielleicht auch ein Bekannter. Trotzdem fürchtete er sich davor, abzuheben und sich zu melden. Da ihm jedoch nichts anderes übrigblieb, tat er es nach einigen Sekunden.

»Hallo!« Seine Stimme war rauh.

»Na endlich!« Der Anrufer war wütend. »Wie lange soll ich eigentlich noch warten?«

Peter Sheridan schloß die Augen. Es war also doch wieder einer dieser gefürchteten Anrufe! »Ich habe Ihnen schon erklärt, daß Sie mich in Ruhe lassen sollen«, sagte er nervös. Er mußte sich zurückhalten, damit seine Sekretärin im Nebenzimmer nichts mitbekam. »Bei mir ist es aus! Es gibt nichts mehr zu holen!«

»Das können Sie uns nicht erzählen«, erwiderte der Anrufer mit einem häßlichen Lachen. »Wir kennen Sie und Ihr Leben zu genau. Oder glauben Sie, daß wir Ihnen zuviel zumuten würden? Wir sehen durch und durch. Nichts bleibt verborgen.«

Peter Sheridan hatte diese Erfahrung bereits gemacht. Diese Leute wußten die geheimsten Dinge, über die er mit niemandem gesprochen hatte. Als ob sie Gedanken lesen könnten, dachte er.

»Ich bin pleite«, sagte er schleppend. »Dank Ihrer großzügigen Forderungen bin ich restlos pleite. Außerdem war das letzte Jahr nicht günstig für meine Firma. Sie können von mir kein Geld mehr bekommen, weil keines da ist.«

»Das wissen wir«, antwortete der Anrufer höflich. »Sie haben keinen Penny mehr.«

Peter Sheridan wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn.

»Das wissen Sie, und trotzdem rufen Sie an?« Er war nahe daran, die Beherrschung zu verlieren.

»Sie haben noch eine Ehefrau, Mr. Sheridan«, sagte der Erpresser höflich. »Eine sehr reiche Frau!«

»Ich komme an ihr Geld nicht heran.« Sheridan fuhr sich mit dem Finger unter den Hemdkragen und lockerte seine Krawatte. Schmerzlich spürte er sein Herz. Es krampfte sich unter der ungeheuren Aufregung zusammen. »Meine Frau und ich haben Gütertrennung.«

»Wie peinlich für Sie, Mr. Sheridan.« Der Anrufer machte eine kleine Pause, in der der Geschäftsmann bereits hoffte, er würde es sich anders überlegen und auf seine Forderungen verzichten. Doch dann kam die kalte Dusche. »Sie haben Geld genug, nämlich das Ihrer Frau. Sie wissen auch, wie Sie darankommen können. Wir helfen Ihnen dabei! Versuchen Sie es nur, Sie werden staunen! Wir haben mächtige Verbündete, die Sie unterstützen würden. Unsichtbare Verbündete. Wesen, die nicht von dieser Welt sind!«

Die Stimme nahm einen beschwörenden Klang an. Sheridan erkannte entsetzt, was der Anrufer meinte, nämlich glatten, eiskalten Mord. Er sagte jedoch nichts dazu, da er sich nicht gegen den eindringlichen Klang der Stimme wehren konnte.

»Wir bestehen auf unserer Forderung«, versicherte der Anrufer. »Dieses eine Mal bezahlen Sie noch, danach haben Sie für immer Ruhe!«

Es klickte. Die Verbindung war unterbrochen.

Schweißgebadet ließ Peter Sheridan den Hörer auf den Apparat sinken. Er preßte die Hand gegen sein Herz. Diese Aufregungen hielt er nicht durch!

Mit Schaudern dachte er an den Vorschlag, den ihm der Erpresser gemacht hatte. Seine Frau ermorden! Unvorstellbar!

Andererseits war es ihm unmöglich, auch nur noch ein Pfund an Schweigegeldern aufzubringen. Wie nur sollte er das machen? Er selbst hatte wirklich nichts mehr. Und Ann, seine Frau, achtete darauf, daß er ihr Vermögen nicht antastete.

Aber wenn die Polizei erfuhr, weshalb er erpreßt wurde… Auch das wäre sein Ruin gewesen.

Die Erpresser gaben sich jedoch bestimmt nicht mit einer einmaligen Zahlung zufrieden. Wenn Sheridan daran dachte, welche Summen er ihnen schon in den Rachen geworfen hatte, schüttelte er sich. Es war eine glatte Lüge, wenn sie nun behaupteten, nach einer weiteren Zahlung für immer zu verstummen. Ganz bestimmt nicht!

Trotzdem sah er keine andere Möglichkeit, als zu zahlen. Er hatte es nicht mit gewöhnlichen Verbrechern zu tun. Diese Männer besaßen unglaubliche Fähigkeiten, die sie ihm schon ein paarmal bewiesen hatten.

»Als ob sie keine Menschen wären«, murmelte der Geschäftsmann. Dann zwang er sich, wieder an die harten Tatsachen zu denken.

Wie konnte er seine Frau dazu bringen, eine größere Summe herauszurücken?

In seinem Kopf entstand eine Idee, die ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Er wagte es gar nicht, sie bis zum Ende zu führen, und doch wußte er, daß die Idee von dem Anrufer stammte.

Peter Sheridan begriff, daß er unter einen unheimlichen Einfluß geraten war, der ihn in eine bestimmte Richtung trieb.

Es war ein schauerlicher Gedanke, und doch – es war etwas daran. Diese Idee konnte, wenn sie richtig ausgeführt wurde, seine Sorgen auf einen Schlag bereinigen.

Das redete sich Peter Sheridan wenigstens ein. Und je länger er nachdachte, desto besser gefiel ihm die Idee, auch wenn sie gar nicht von ihm stammte.

*

Die Szene, die Rick Masters in der Kensington Road vorfand, kannte er in hundertfacher Ausführung. Sein Beruf als Privat- und Geisterdetektiv brachte es mit sich, daß er sich oft mit den Schattenseiten des Lebens beschäftigen mußte.

Ein Toter lag auf der Straße. Polizisten, Mordkommission, Schaulustige und vielleicht auch Angehörige des Toten scharten sich um die Leiche.

Sergeant Myers war bereits vor seinem Chef eingetroffen und erstattete Hempshaw einen knappen Bericht.

»Eine sehr undurchsichtige Sache«, sagte er zur Begrüßung. »Ich bin froh, daß Sie hier sind.«

Hempshaw warf ihm nur einen kurzen Blick zu. »Was hat der Tote mit Erpressung zu tun?«

Rick dachte flüchtig an die Selbstmörderin aus dem Hyde Park. Dieser Mann hier hatte jedoch eindeutig nicht Selbstmord begangen. Er wies zahlreiche Verletzungen auf, die Rick Kopfzerbrechen bereiteten. Sie wirkten, als stammten sie nicht von einer Waffe. Fast sah es so aus, als wäre eine ganze Schlägerbande über den Unglücklichen hergefallen.

»Kommen Sie«, sagte Sergeant Myers und winkte Hempshaw und Rick zu dem Kleinbus, in dem das fahrbare Büro der Mordkommission untergebracht war.

Auf dem kleinen Klapptisch lag ein lederner Aktenkoffer. »Sie können ihn anfassen, er ist schon auf Fingerabdrücke untersucht worden. Nur die des Toten haben wir gefunden. Den Inhalt haben wir ebenfalls schon auf Spuren untersucht, aber da ist nichts Verwertbares dabei.«

»Sie machen mich neugierig«, murmelte Rick Masters und klappte den unscheinbaren Koffer auf.

Hempshaw hatte nichts dagegen einzuwenden. Schließlich hatte er selbst den Geisterdetektiv um Mithilfe gebeten.

Auf den ersten Blick sah es so aus, als könnte Rick nichts mit dem Inhalt anfangen. Das war etwas für einen Buchhalter, nicht aber für einen Geisterdetektiv oder einen Chefinspektor von Scotland Yard.

Doch dann sah Rick sich die Sache näher an. Er blätterte die Unterlagen durch, und langsam bekamen sie einen Sinn, auch wenn Rick nur die großen Zusammenhänge verstand.

»Das ist die Kundenkartei eines Erpresserringes«, sagte Rick beeindruckt. »Myers, da haben Sie wirklich einen guten Fang gemacht. Ist der Mann deshalb ermordet worden?«

Sergeant Myers nickte. »Es sieht zumindest ganz so aus. Haben Sie den demolierten Streifenwagen gesehen? Unsere Leute kamen zufällig vorbei, als dieser Hank Pendergast von einem fahrenden Wagen aus angegriffen wurde. Seltsam, übrigens! Die Polizisten sprechen von einem heftig wallenden Nebel, ohne nähere Angaben machen zu können, woher die Verletzungen stammen.«

Rick warf dem Chefinspektor einen bedeutungsvollen Blick zu, doch Hempshaw wich ihm aus.

»Einer der Mörder«, fuhr der Sergeant fort, »sprang maskiert aus dem Wagen und wollte vermutlich den Aktenkoffer mitnehmen. Die Polizisten haben ihn vertrieben.«

»Hier!« Rick tippte auf die Unterlagen aus dem Koffer. »Die Namen und Adressen von Opfern. Daneben ziemlich genaue Aufzeichnungen, wieviel jeder gezahlt hat und wann. Das gibt eine Menge Arbeit für Scotland Yard und vielleicht sogar die Lösung des Falles.«

»Ich weiß.« Sergeant Myers nickte vielsagend. »Deshalb habe ich ja auch sofort Alarm geschlagen. Zuerst war es ein ganz gewöhnlicher Mord, auch wenn die Mordwaffe unbekannt ist. Aber jetzt… Steht auch dabei, warum die einzelnen Leute erpreßt wurden?«

»Das kann ich auf den ersten Blick nicht feststellen.« Rick vertiefte sich für ein paar Minuten und nickte. »Ja, alles da, aber teilweise verschlüsselt oder nur andeutungsweise. Ich glaube, man muß die einzelnen Fälle kennen, um etwas damit anfangen zu können.«

»Wir werden es schon schaffen!« Myers war optimistisch. »Ach, ja, beinahe hätte ich es vergessen! Da gibt es noch eine Freundin des Toten, eine gewisse Chicky Fletcher. Sie wohnt schräg gegenüber in diesem Apartmenthaus. Hank Pendergast hat die letzte Nacht bei ihr verbracht und ist vor ihren Augen ermordet worden. Sie hat aber auch keine genauen Angaben über seinen Tod gemacht.«

»Wo ist unsere Augenzeugin?« fragte Rick hoffnungsvoll. »Der Fall scheint sich ja sehr schnell zu lösen. Das Mädchen müßte eigentlich gut Bescheid wissen.«

»Bei mir war sie zugeknöpft«, antwortete Sergeant Myers. »Wenigstens, was ihre Aussagen anbelangt. Ansonsten war sie viel freizügiger. Sie ist ja oben in ihrem Apartment, nachdem sie an der Leiche ihres Freundes einen Zusammenbruch erlitten hat. Dr. Sterling hat sich um das Mädchen gekümmert.«

Rick überließ seinen Freunden von Scotland Yard den Koffer und stieg aus dem Kleinbus. Er zerbrach sich den Kopf, warum Hempshaw so schweigsam war und praktisch kein Wort zu dem ganzen Fall sagte. Hing es etwa damit zusammen, daß sich das Wirken einer übersinnlichen Kraft abzeichnete? Fürchtete er, der junge Mann wäre durch magische Kräfte getötet worden?

»Ich sehe mir das Mädchen an«, rief Rick Masters zurück.

»Seien Sie vorsichtig«, riet Sergeant Myers, während Hempshaw noch immer schwieg. »Ich glaube, sie ist gefährlicher als die Leute, die ihren Freund umgelegt haben!«

Rick hielt das für einen Scherz, doch als er fünf Minuten später vor Chicky Fletcher stand, wußte er, daß Myers es bitter ernst gemeint hatte.

*

Jordan Beauly preßte den Telefonhörer so fest gegen sein Ohr, daß die Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Sag das noch einmal!« brüllte er ins Telefon.

»Die Polizei hat den Koffer«, antwortete der Anrufer. »Du kannst noch so schreien, du wirst es nicht ändern.«

Jordan Beauly glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er griff sich an die Stirn.

»Wie konnte das passieren?« fragte er stöhnend. »Habt ihr Hank nun ausgeschaltet oder nicht?«

»Wenn du zwei Minuten zuhören würdest, wüßtest du es bereits, Jordan«, sagte der Anrufer kalt. Man merkte ihm keine Erregung an. »Wir haben Hank schon früher einmal zu seiner Freundin verfolgt. Und letzte Nacht ist er bei ihr geblieben.«

»Da hättet ihr die Papiere doch aus ihrer Wohnung holen können«, fuhr Jordan Beauly dazwischen.

»Unser großer Meister beweist wenig Intelligenz«, sagte der Anrufer scharf. »Wir haben doch erst heute morgen um vier Uhr gemerkt, daß der Koffer weg ist. Und in diese Wohnung kamen wir nicht hinein. Die ist zu gut gesichert. Also haben wir vor dem Haus gewartet. Es hat sich ja auch gelohnt.«

»O ja, das merke ich«, sagte Beauly mit ätzender Schärfe. »Sehr gelohnt! Für Scotland Yard, aber nicht für uns!«

»Jordan, hör zu!« Langsam verlor der Anrufer die Geduld. »Wir haben Hank vom Wagen aus getötet. Wir haben an alles gedacht. Wir waren sogar maskiert, damit uns niemand identifizieren kann. Wir haben den Wagen vorher gestohlen. Es wäre alles gutgegangen. Aber durch einen dummen Zufall ist ausgerechnet in diesem Moment ein Streifenwagen aufgetaucht. Was sollten wir tun? Jean war schon auf der Straße und wollte den Koffer nehmen, als die Polizisten auf uns zukamen. Jean ist eben noch in den Wagen gesprungen, und dann ab die Post! Wir haben sogar noch den Streifenwagen zu einer Ziehharmonika zusammengedrückt, aber mehr konnten wir nicht tun! Oder sollten wir auch die Polizisten mit der Satanswolke umbringen?«

Jordan Beauly lehnte sich seufzend zurück. »Ich hätte mich nicht mit solchen Anfängern einlassen sollen«, sagte er bitter.

»Hör zu, Jordan!« Die Stimme des Anrufers wurde hart. »Wir haben alle eine Aufgabe zu erledigen. Und wir machen das ausgezeichnet. Es hat nie eine Panne gegeben! Wir können nichts dafür, daß sich diese Frau im Hyde Park umgebracht hat. Den hast du selbst ausgesucht.«

»Ihr habt den Koffer auf der Straße liegen lassen«, hielt ihm Beauly vor.

»Ach nein, jetzt schlägst du große Töne an!« Der Anrufer lachte hart. »Spiel dich ja nicht auf! Nur weil du über ein paar Fähigkeiten verfügst und etwas von Schwarzer Magie verstehst! Du kannst froh sein, daß du uns getroffen hast, denn ohne uns wärst du schon längst ein Penner unter einer Themsebrücke, verstanden? Wir haben erst erkannt, wie wir deine Fähigkeiten einsetzen können! Dafür hast du uns erklärt, wie wir die Satanswolke einsetzen müssen, aber wir teilen schließlich mit dir! Wir sind Partner! Gleichberechtigte Partner. So haben wir es ausgemacht, und dabei bleibt es. Wenn es dir nicht paßt, kannst du ja aussteigen. Aber glaube nicht, daß du uns verschaukeln kannst. Bei der Polizei würden wir nämlich sagen, daß du uns den Befehl gegeben hast, Hank umzubringen. Dann bist du genau wie wir wegen Mordes fällig.«

Jordan Beauly merkte erschrocken, daß er zu weit gegangen war. Er mußte zurückstecken.

»Freddy«, sagte er hastig. »So war das nicht gemeint!«

»Und wir kommen ohne dich aus«, fuhr der Anrufer gereizt fort. »Bilde dir ja nicht ein, daß du unersetzlich bist.«

»Freddy, hör zu!« sagte Jordan Beauly beschwörend. »Ich mache dir einen Vorschlag. Ich habe Sheridan noch einmal angerufen. Er soll sich von seiner Frau Geld besorgen. Wenn nicht anders möglich, werde ich ihn dazu treiben, seine Frau umzubringen. Ich trete ihm dann einen Teil meiner magischen Fähigkeiten ab. Paß auf, wir sahnen bei Sheridan kräftig ab und verschwinden. Hören wir doch auf! Scotland Yard hat unsere Unterlagen. Bei allen diesen Leuten können wir ohnedies nicht mehr kassieren.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage!« rief der andere. »Wir haben beschlossen, daß wir weitermachen. Und zwar quetschen wir die Leute aus, von denen wir noch alles wissen. Die anderen haben eben Glück gehabt. Und du besorgst uns wie bisher gute Tips für neue Kunden. So wird es gemacht! Und um Scotland Yard brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir passen schon auf.«

Ehe Jordan Beauly etwas erwidern konnte, legte der Anrufer auf.

Tief besorgt lehnte sich Beauly zurück. Er merkte, daß seine ursprüngliche so lukrative Idee ausuferte. Seine Mitarbeiter, früher von ihm abhängig, machten sich selbständig. Sie brauchten ihn nur noch, weil er sich am besten von ihnen auf dem Gebiet der Schwarzen Magie auskannte.

Es war aber nur mehr eine Frage der Zeit, bis sie genügend Opfer an der Hand hatten, daß sie ihn ausbooten konnten.

Mit Schrecken dachte der Kundige der Schwarzen Magie daran, was dann aus ihm werden sollte.

An seine Opfer, von denen eines bereits in den Freitod gegangen war, dachte er nicht.

*

»Kommen Sie herein, Mr. Masters«, sagte Chicky Fletcher und trat zur Seite. »Wieso untersuchen Sie den Mord an Hank?«

Rick antwortete nicht sofort, weil es ihm bei ihrem Anblick den Atem verschlug. Sie trug eine enganliegende, seidig schimmernde Hose, dazu ein knappes T-Shirt mit einem aufgedruckten Tigerkopf. Das Gesicht des Tigers war stark verzerrt, weil es sich über Chickys Formen beträchtlich spannte.

Rick Masters dachte schnell an seine Freundin Hazel Kent, die seine forschenden und interessierten Blicke gar nicht gern gesehen hätte. Das half ihm, sich auf den eigentlichen Grund seines Besuches zu konzentrieren.

»Was wissen Sie vom Beruf Ihres Freundes?« erkundigte er sich und nahm sich zusammen. Er konnte sie nicht so einfach anstarren, sondern mußte an seinen Auftrag denken. »Was hat er Ihnen erzählt?«

»Daß er Vertreter ist.« Sie ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die langen, schlanken Beine übereinander. »Versicherungen. Schenken Sie mir einen Whisky ein, Mr. Privatdetektiv? Die Bar ist da drüben.«

Auf dem Weg zur Hausbar hatte Rick Gelegenheit, sich das Apartment anzusehen. Es bestand nur aus einem einzigen Raum, aber der war groß genug, um darin eine Party für hundert Personen zu geben. Die Möbel sahen aus wie aus einem modernen Einrichtungskatalog. Bestimmt hatte sie einen Innenarchitekten gehabt – und sehr viel Geld.

»Vertreter?« fragte Rick, während er aus der chromschimmernden Bar eine Whiskyflasche fischte. »Und das haben Sie geglaubt?«

»Stimmt es denn nicht?« Chicky rekelte sich auf einem rosa bespannten Sofa. Sie zog einen Schmollmund. »Masters, ich sage jedem, der es hören möchte, daß ich einen reichen Daddy hatte. Und Daddy ist vor zwei Jahren von uns gegangen. Ich habe geerbt. Seither lasse ich es mir gutgehen. Alles andere interessiert mich nicht.«

»Gehörte Hank Pendergast mit zu diesem Gut-gehen-lassen?« fragte Rick direkt.

Ihr Gesicht verdüsterte sich. »Mit Hank habe ich eine Menge Spaß gehabt. Er war ein toller Kerl. Schade um ihn.«

»Mehr sagen Sie nicht dazu?« Rick lächelte kühl. »Sie haben sich offenbar schnell getröstet. An seiner Leiche hätten Sie fast einen Zusammenbruch erlitten.«

»Das hing mit dieser Wolke zusammen.« Ihre Hand, die das Whiskyglas hielt, zitterte. »Ich habe mir eingebildet, in dieser Wolke schauerliche Fratzen zu sehen. Entsetzliche Gesichter! Aber das waren sicher nur meine Nerven, die mir einen Streich gespielt haben.«

Rick war da anderer Meinung, behielt sie jedoch für sich.

»Sie könnten mir auch gefallen«, sagte Chicky gurrend ohne Übergang.

»Ich untersuche einen Mord und eine groß angelegte Erpressung«, antwortete Rick nüchtern.

»Erpressung?« Chickys blaue Augen weiteten sich. »Sagten Sie – Erpressung?«

»Wußten Sie das nicht?« Rick wanderte durch das Apartment.

Auf der einen Seite sah man in die Kensington Road hinunter. Auf der anderen hatte man einen weiten Blick über die Stadt. In diesem Apartment ließ es sich leben.

»In dem Koffer, den er bei sich hatte, befanden sich die Unterlagen für diese Erpressungen.«

»Oh, verdammt!« Sie schüttelte heftig den Kopf. »Das habe ich nicht gewußt.«

»Es scheint Sie nicht zu stören, daß Ihr Freund ein Verbrecher war?«

Sie sah Rick groß an. »Mann! Ich hatte meinen Spaß mit ihm. Was er außerhalb meines Apartments getan hat, war mir egal.«

»Eine sehr merkwürdige Einstellung«, sagte Rick bitter. »Ihr Freund war mitschuldig, daß sich eine Frau das Leben genommen hat, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sah. Und ich möchte nicht wissen, wie viele andere Opfer mit dem gleichen Gedanken spielen. Und das geht Sie nichts an?«

»Ich kann mich nicht um jeden in dieser riesigen Stadt kümmern«, maulte sie.

Obwohl sie bereits zweiundzwanzig war, benahm sie sich wie ein kleines Mädchen – ein sehr ungezogenes kleines Mädchen.

Rick gab auf. Erfahren konnte er von Chicky Fletcher nichts, und er konnte bei ihr nicht nachholen, was offenbar ihr Daddy versäumt hatte, ihr nämlich die Begriffe Gut und Schlecht beizubringen.

»Wenn Ihnen noch etwas einfällt, das uns zu Hanks Komplicen führen könnte, rufen Sie mich an.« Er schrieb ihr seine Telefonnummer auf und ging.

Um Chicky Fletcher brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Sie würde schon einen anderen finden, mit dem sie »Spaß haben« konnte, wie sie sich ausdrückte.

Rick sollte sich sehr täuschen. Er konnte eben trotz seiner Erfahrung nicht in die Menschen hineinsehen und nicht ihre Gedanken lesen.

*

Es kam selten vor, daß das Ehepaar Sheridan gemeinsam mittags in ein Restaurant ging. Meistens war Peter Sheridan in seinem Büro und fuhr nicht extra nach Hause, sondern aß etwas in der Nähe, oder er lud Geschäftsfreunde ein – oder Freundinnen.

Um so überraschter war seine Frau gewesen, als er sie telefonisch einlud. Jetzt saß sie ihm im obersten Stockwerk eines Hochhauses in der Londoner City gegenüber. Das Terrassenrestaurant bot einen atemberaubenden Blick über die gesamte Stadt.

»Du läßt dir diese Einladung etwas kosten, Peter«, sagte sie mit einem undurchsichtigen Lächeln. »Haben wir etwas zu feiern? Unsere Silberhochzeit ist erst in drei Monaten.«

Peter Sheridan wich der Frage aus. Sie war ihm sichtlich unangenehm. Er überspielte sie dadurch, daß er bestellte. Die Zeit bis zur Vorspeise überbrückte er mit allgemeinen Dingen, und während des Essens sprach er über die Vorzüge des französischen Küchenchefs.

Ann Sheridan ließ ihn gewähren. Sie hatte in den knapp fünfundzwanzig Ehejahren gelernt, daß sie ihren Mann nicht drängen durfte, wenn sie etwas erfahren wollte.

Als er jedoch bei Kognak und Kaffee auf das Wetter zu sprechen kam, und den äußerst milden Herbst in London lobte, wurde es ihr zuviel.

»Peter, du hast mich zu einem bestimmten Zweck eingeladen«, sagte sie energisch. »Ich weiß, daß ich mit neunundvierzig Jahren noch immer eine attraktive Frau bin, aber deshalb bezahlst du bestimmt nicht eine hohe Rechnung in einem französischen Restaurant. Wenn du nicht sofort mit der Sprache herausrückst, gehe ich, und du hast dich umsonst in Unkosten gestürzt. Du kannst dich entscheiden.«

Er seufzte. »Du setzt doch immer deinen Kopf durch, Ann. Also gut, es geht um die Firma. Ich bin pleite. Restlos.«

Sie hob überrascht die feingeschwungenen Augenbrauen und fischte eine Zigarette aus ihrem goldenen Etui. Sofort gab Peter ihr Feuer.

»So schlimm steht es?« fragte sie leise. »Das hätte ich nicht gedacht. Ich habe gewußt, daß du Schwierigkeiten hast, mein Lieber. Aber daß du wirklich schon am Ende bist… Ja, und? Willst du einen guten Rat von mir? Oder Mitleid?«

Peter preßte die Lippen zusammen. Sein Gesicht wurde kantig. Seine

dunklen Augen musterten seine Frau mit verhaltener Wut. Noch antwortete er jedoch nicht, da sich vor seine Augen ein undurchdringlicher Nebel zu schieben schien.

Er wischte sich über das Gesicht, doch der Nebel blieb. In den grauen Schwaden glaubte er, grauenhafte Ungeheuer zu erkennen. Ausgeburten der Hölle grinsten ihm entgegen, Wesen, die einen gewöhnlichen Menschen durch den bloßen Anblick den Verstand kosten konnten.

Peter Sheridan fürchtete sich nicht vor ihnen. Sie erschienen ihm wie vertraute Bekannte. Außerdem taten sie ihm nichts, sondern wandten sich gegen seine Frau, die er verschwommen durch den Nebel hindurch erkannte.

Im nächsten Moment war die Erscheinung verschwunden. Seine Frau wartete ungeduldig auf eine Antwort. Er riß sich zusammen und bemühte sich um einen verbindlichen Ton.

»Du weißt genau, Ann, was ich will und was ich brauche, wenn ich nicht untergehen soll.« Er machte eine kleine Pause und hoffte, sie würde das Wort aussprechen. Sie tat ihm nicht den Gefallen. »Ich brauche Geld.«

Sie sah ihn durchdringend und mit völlig steinerner Miene an. Sie genoß ihren Triumph, ohne es offen zu zeigen. Nichtsdestoweniger fühlte ihr Mann, daß sie ihn jetzt für alle Fehler in seiner Ehe büßen ließ – und das war eine ganze Menge.

»Wieviel?« fragte sie knapp und geschäftsmäßig.

»Einhunderttausend Pfund«, antwortete er und verschwieg, daß er davon die Hälfte an Erpresser zahlen sollte. Für die Sanierung seiner Firma brauchte er nur fünfzigtausend Pfund.

Ann Sheridan zog erst ein paarmal an ihrer Zigarette, ehe sie antwortete. Er kannte diese Antwort im voraus, hoffte jedoch noch immer, daß sich das Blatt wenden würde.

»Nein«, sagte sie endlich ungerührt. »Nicht ein einziges Pfund. Du bist mein Mann. Wenn du nichts mehr hast, ist es für mich selbstverständlich, daß wir weiterhin in unserem Haus wohnen und daß wir den Haushalt wie bisher führen. Es ist mir egal, ob wir das von deinem oder meinem Geld bezahlen.«

Ann Sheridan kümmerte sich nicht um die wütenden Blicke ihres Mannes.

»In dieser Hinsicht wird es also keine Schwierigkeiten geben«, fuhr sie fort. »Aber du mußt dich von deiner geliebten Firma trennen. Ich kann und will es nicht ändern. Und an meinem Testament ändert sich auch nichts. Unsere Tochter erbt alles. Du behältst nur das Haus und eine Rente bis an dein Lebensende.«

Aber deine Lebensversicherung ist zu meinen Gunsten ausgestellt, ergänzte Peter Sheridan in Gedanken.

Ann erhob sich und lächelte ihm genauso rätselhaft wie zu Beginn des Essens zu.

»Vielen Dank für die Einladung, Darling«, sagte sie, hauchte ihm einen Kuß auf die Wange und verließ das Restaurant.

Sie ahnte nicht, daß sie soeben ihren Mörder geküßt hatte.

Peter Sheridan blieb wie erstarrt zurück. Und wieder tauchte vor seinen Augen die graue Wolke mit den höllischen Fratzen auf. Er sah Pranken mit messerscharfen Klauen, Zähne wie Dolche. Und er begriff, daß diese seltsame unerklärliche Wolke ein ideales Mordwerkzeug war.

*

Rick Masters wußte, daß der Koffer bereits im Labor von Scotland Yard gelandet war. Er rechnete aber nicht damit, daß es neue Erkenntnisse geben würde. Viel interessanter war der Inhalt.

Rick Masters fuhr zuerst in sein Wohnbüro. Dort hatte er Dracula, seinen kleinen Mischlingshund, zurückgelassen. Jetzt führte er ihn spazieren und fuhr mit ihm anschließend zum Yard.

So winzig Dracula war, so mutig war er, wenn er jemanden nicht mochte. Chefinspektor Hempshaw mochte er gar nicht. In seiner Nähe mußte Rick den Hund immer auf den Arm nehmen, sonst geriet Hempshaws Hose in Gefahr. Dracula hatte mehr als eine Hose des Chefinspektors auf dem Gewissen.

Als Rick Masters das Büro seines Freundes betrat, knurrte Dracula auch sofort. Rick hielt ihn fest und setzte sich. Fragend blickte er den Chefinspektor an.

»Ich werde verlangen, daß Sie für diesen bissigen Hund einen Waffenschein brauchen«, sagte Hempshaw gespielt grimmig und mußte sich ein Lachen verkneifen. »Zum Ernst des Lebens! Ich habe das Material aus dem Aktenkoffer auf zehn Leute aufgeteilt. Auch die Dechiffrierspezialisten arbeiten daran. Meine Leute besuchen die Personen, die auf der Liste aufgeführt sind. Vielleicht haben wir Glück, und eines der Opfer gibt uns einen entscheidenden Hinweis.«

Die Tür öffnete sich. Sergeant Myers brachte ein Tablett mit Sandwiches, eine Thermosflasche mit Kaffee und einen ungefähr dreißigjährigen Mann herein, der wie aus dem Herrenmodenjournal ausgeschnitten wirkte. Er war modisch von den Haaren bis zu den Stiefeletten. Bestimmt hatte es viel Mühe gekostet, alle diese extravaganten Kleidungsstücke in den verschiedenen Boutiquen aufzustöbern.

Rick Masters brauchte nicht lange darauf zu warten, daß Myers den Besucher vorstellte.

»Das ist Mr. Rascal«, sagte er und übergab die Sandwiches an den Chefinspektor. »George Rascal.«

Rick wußte Bescheid. Der ehemalige Freund von Mrs. Maratti, die im Hyde Park Selbstmord begangen hatte.

»Mr. Rascal weiß angeblich von nichts«, fuhr Myers fort.

»Nicht angeblich, Sergeant!« fuhr Rascal ihn an. »Ich weiß wirklich nichts. Emily und ich haben uns vor einem Jahr getrennt. Eine Weile wollte sie mich ja sogar heiraten. Um Himmels willen! Es war recht amüsant, aber gleich heiraten? Nein!«

»Die Affäre mit Ihnen hat Mrs. Maratti ein paar hundert oder tausend Pfund und das Leben gekostet«, hielt Chefinspektor Hempshaw ihm vor.

Rascal zuckte die Schultern. »Sie hat mir nie etwas davon erzählt, daß sie erpreßt wird. Das habe ich erst von dem Sergeanten hier erfahren.«

»Wer hat Schluß gemacht, Sie oder Mrs. Maratti?« erkundigte sich Rick Masters.

Der Mann schickte ihm einen wütenden Blick zu. »Hören Sie, das geht Sie gar nichts an!«

»Immerhin waren Sie zwei Jahre lang miteinander befreundet«, fuhr Rick unbeeindruckt fort. »Es geht aus Mrs. Marattis Abschiedsbrief hervor.«

»Das ist nicht verboten.« Rascals blasiertes Gesicht wurde noch einen Schein abweisender. »Mein Privatleben ist meine Sache. Ich habe mit der Erpressung nichts zu tun. Vielleicht erkundigen Sie sich einmal bei diesem Zirkel, zu dem Emily gelaufen ist.«

»Zirkel?« Rick überlegte. Richtig! Mrs. Marattis Tochter hatte erwähnt, daß ihre Mutter Trost bei seltsamen Leuten gesucht habe. Zuflucht in einer anderen Welt, oder so ähnlich hatte sie sich ausgedrückt. »Was für ein Zirkel war das? Tischrücken, Spiritismus?«

»Na, so ähnlich.« George Rascal war unschlüssig. »Nein, Tischrücken war es nicht. Sie hat sich an irgendeine Beratungsstelle gewandt. Hilfe mit den Mächten aus einer anderen Welt. Sie hat es aus der Zeitung gehabt. Eine Annonce. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.«

Sie stellten Rascal noch einige Fragen, doch er verwickelte sich in keine Widersprüche. Endlich ließen sie ihn gehen und baten ihn, sofort anzurufen, wenn ihm etwas einfiel.

»Fehlanzeige«, murmelte der Chefinspektor und griff nach seiner Tasse. »Und dabei habe ich mir so viel von Rascal versprochen.«

»Trotzdem ist es interessant«, entgegnete der Geisterdetektiv. »Ich glaube, ich habe da so eine Idee.«

Ungeniert griff er zu und bediente sich bei Hempshaws Sandwiches. Auch das gehörte zu seiner Zusammenarbeit mit Scotland Yard.

*

Kaum war sie in ihrem Apartment wieder allein, als Chicky Fletcher packte. Sie hatte es eilig wie noch nie.

Hank hatte gedacht, sie wäre dumm. Er hatte tatsächlich geglaubt, sie hätte nichts mitbekommen. Natürlich wußte sie, daß er Mitglied einer Erpresserbande war.

Sie wußte aber noch eine ganze Menge mehr. Es hatte Spaß gemacht, Hank als Freund zu haben. Darüber hinaus war er für Chicky die Möglichkeit gewesen, an das große Geld zu kommen. Ihr Erbteil reichte nicht mehr lange, wenn sie diesen Lebensstil weiterführen wollte. Danach blieben ihr nur noch zwei Möglichkeiten:

Eine reiche Heirat oder Arbeit.

Beide Möglichkeiten waren ihr zu mühsam. Daher war sie fest entschlossen gewesen, Hank auszunutzen. Als er noch lebte, hatte sie ihn eine Weile beobachtet. Sie hatte gesehen, mit wem er sich getroffen hatte. Sie war den Leuten gefolgt, hatte ihre Namen und Adressen festgestellt und war nach und nach hinter das gesamte System der Gruppe gekommen.

Sie hatte auch gemerkt, daß diese Leute mit anderen Methoden als gewöhnliche Verbrecher arbeiteten. Sie mußten übersinnliche Fähigkeiten besitzen.

Bisher hatte sich Chicky keine großen Gedanken darüber gemacht. Es war ihr gleichgültig gewesen, wie die Erpresser ihr Geld machten, ob mit oder ohne Magie, von der sie ohnedies nicht viel hielt.

Erst seit dem Mord an Hank dachte sie anders darüber. Sie hatte erkannt, daß sie diese Leute unterschätzt hatte. An der Magie war doch mehr dran, als sie ursprünglich angenommen hatte. Sie mußte sich vorsehen, wenn sie nicht auf die gleiche Weise wie ihr Freund ums Leben kommen wollte.

Was ihr zuletzt noch gefehlt hatte, waren die Unterlagen gewesen. Dann hätte sie auf eigene Rechnung groß absahnen können.

Hank hatte gar nicht bemerkt, daß sie ihm den Floh ins Ohr gesetzt hatte, seine Komplicen zu betrügen. Sie hatte immer davon gesprochen, daß man den Mut haben mußte, auf einen Schlag einen großen Coup zu landen. Immer wieder war die Sprache darauf gekommen, bis er es tatsächlich getan hatte.

Als er mit dem Koffer zu ihr kam, wußte sie sofort Bescheid. Er hatte seinen Komplicen die Erpresserunterlagen gestohlen. Jetzt brauchte sie nur noch abzuwarten, daß er Kapital daraus schlug.

Sie war sich seiner vollkommen sicher gewesen. Er war ihr restlos verfallen. Sein Geld war auch das ihre.

Und dann der Mord vor ihrem Haus! Die schauerlichen Geisterwesen in der grauen Wolke!

Chicky war verzweifelt. Hank hatte ihr immer versichert, niemand wisse, daß sie beide miteinander befreundet seien. Das stimmte offenbar nicht.

Chicky konnte sich an zwei Fingern abzählen, wie lange es wohl dauerte, bis die Erpresser bei ihr auftauchten. Sie war mit Hank zusammengewesen, und es gab die Möglichkeit, daß sie mehr über die Bande und ihre Methode wußte, als gut war.

Sie mußte so schnell wie möglich verschwinden. Diesen Leute mit ihren magischen Fähigkeiten hatte sie nichts entgegenzusetzen. Sie packte nur das Nötigste ein, Bargeld, Schmuck, Schecks. Mehr brauchte sie nicht.

Endlich stand sie in der Tiefgarage des Apartmenthauses und stieg in ihren kleinen weißen Sportwagen. Mit quietschenden Reifen fuhr sie die Rampe hinauf.

Erst als sich ihr Wagen in den fließenden Verkehr einreihte, atmete sie auf. So leicht fand sie jetzt keiner, mit oder ohne Magie. Und das war wichtig, da sie nicht die Absicht hatte, auf das große Geld zu verzichten.

Na schön, Hank war tot. Die Polizei hatte jetzt die Erpresserunterlagen. Aber da waren noch die Erpresser selbst. Chicky kannte ihr System und wußte, wo sie zu finden waren. Sie wollte für die nächsten Tage in einem Hotel untertauchen. Vorher stoppte sie aber noch an einer Telefonzelle und rief die Nummer an, die sie selbst herausgefunden hatte und an die Hank sich immer gewandt hatte.

»Ja, bitte!« sagte eine klangvolle Stimme.

»Ich bin gerührt, mit Ihnen persönlich sprechen zu dürfen, obwohl man sonst nur Ihre Sekretärin erreicht«, sagte Chicky mit beißendem Spott. »Mir kommen die Tränen!«

Der Mann am anderen Ende der Leitung – Jordan Beauly – zögerte. »Was soll das?« fragte er unbehaglich, als ahnte er schon die drohenden Schwierigkeiten.

»Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum«, sagte Chicky kaltschnäuzig. »Ihr habt euren treuen Mitarbeiter Hank Pendergast mit dieser scheußlichen Wolke ausgebootet. Ich bin sozusagen seine Nachfolgerin. Und ich verlange meinen Anteil. Die Summe nenne ich Ihnen später, Mr. Beauly.«

Sie legte hastig auf und stellte sich das Gesicht des Anhängers der Schwarzen Magie vor. Lachend lief sie zu ihrem Sportwagen zurück und fand die ganze Welt wunderbar.

*

Beim dritten Sandwich war Ricks Idee fertig.

»Wir mischen mit, Kenneth«, sagte er zu seinem Freund, der sich noch einmal ein volles Tablett mit Sandwiches aus der Kantine hatte schicken lassen. »Und zwar suchen wir uns jemanden aus den Unterlagen der Erpresser heraus, der schon eine Menge gezahlt hat. Er wird bestimmt weiter bluten müssen. Diese Vampire lassen nicht locker.«

»Verstehe!« Chefinspektor Hempshaw spülte mit einem Schluck Kaffee nach, damit Rick ihn überhaupt verstehen konnte. Mit vollem Mund besprach man keinen Einsatzplan. »Sie meinen, daß jemand, der schon viel gezahlt hat, am ehesten sprechen wird.«

»Genau das meine ich.« Der Geisterdetektiv nickte zufrieden.

»Sie vergessen etwas«, wandte Hempshaw ein. »Wer so viel bezahlt, muß eine Menge auf dem Kerbholz haben. Darum wird er uns gegenüber keinen Ton sagen.«

»Ich werde es allein versuchen«, schlug Rick vor. »Ich bin nicht von Scotland Yard. Vielleicht haben die Leute mehr Vertrauen zu mir. Danach komme ich wieder zu Ihnen und erstatte Bericht. Aber lassen Sie ein paar Sandwiches für mich über.«

»Ich werde mich bemühen«, versprach der Chefinspektor lächelnd.

Rick nahm sich einen kleinen Vorrat mit, weil er noch nicht viel gegessen hatte, und zog los. Er hatte in den Unterlagen der Erpresser einen viel versprechenden Fall gefunden. Der Mann hieß Peter Sheridan, hatte ein Büro in der Londoner City und ein Haus in Westminster, und er hatte schon eine ganze Menge Federn gelassen. In den Unterlagen war allerdings nicht verzeichnet, weshalb er zahlen mußte.

Rick rechnete trotzdem mit einem Erfolg. Vielleicht entschloß sich Mr. Sheridan zum Sprechen, wenn Rick ihm einen Weg zeigte, wie er nicht mehr zahlen mußte.

Erst hatte er allerdings eine Schwierigkeit zu überwinden. Dracula versuchte nämlich ständig, ihm seine Sandwiches abzujagen. Nur mit äußerster Mühe schaffte es Rick, das Essen für sich zu retten.

*

Meistens vermieden es die Mitglieder des Erpresserringes, persönlich zusammenzutreffen. Es war zu riskant und obendrein unnötig. Telefonische Absprachen genügten, und ihre einmal erworbenen übersinnlichen Fähigkeiten gingen nicht verloren. Sie mußten sie nicht in irgendwelchen Beschwörungen oder Schwarzen Messen erneuern. Das war für sie ein unschätzbarer Vorteil.

Diesmal jedoch rief Jordan Beauly die anderen zusammen. Sie trafen sich in dem Stadtteil Richmond in einem Autokino. Beauly war der erste und stellte seinen Wagen verabredungsmäßig in die hinterste Reihe. Einige Minuten später kamen die anderen drei, parkten neben ihm und stiegen in seinen Wagen um.

»Kannst du uns verraten, was das soll?« fragte Freddy Aile gereizt. »Wir wollten uns doch nicht treffen. Es ist auch nicht nötig. Jeder von uns verfügt noch über die Satanswolke. Wir sind voll einsatzbereit.«

»Ich glaube, Jordan ist einfach nervös geworden«, spottete Jean Lecomte.

»Er wird alt«, sagte Art Craddock seufzend und spielte den Betrübten.

Jordan Beauly preßte die Lippen zusammen. Diese drei jungen Burschen hätten seine Söhne sein können, verkrachte Existenzen, die er irgendwo aufgelesen hatte. Er war mit seinen vierundfüngzig Jahren mit Abstand der älteste. Craddock war dreiundzwanzig, Aile zweiundzwanzig und Lecomte einundzwanzig. Aus ihm unerfindlichen Gründen fühlten sie sich ihm hoch überlegen und wollten nicht einsehen, daß ohne ihn nichts lief. Schließlich war alles seine Idee gewesen, und er kannte die magischen Formeln, die in seiner Familie überliefert worden waren, seit er denken konnte. Allerdings hatte er sich dazu entschlossen, sie auf verbrecherische Weise zu nutzen.

»Spottet ruhig!« Beauly fand seine Beherrschung wieder. »Das Lachen wird euch bald vergehen. Hanks Freundin will uns erpressen.«

Für einen Moment herrschte Schweigen, dann redeten alle gleichzeitig. Es war kein Wort zu verstehen.

»Hört doch zu!« schrie Jordan Beauly, als es ihm zuviel wurde. »Benehmt euch nicht wie Kinder, sondern denkt nach, was wir tun können!«

»Woher weißt du überhaupt, daß es Chicky ist?« fragte Freddy Aile hitzig. »Vielleicht ist es eine unserer Kundinnen, die den Spieß umdrehen möchte.«

Beauly wehrte ab. »Sie hat gesagt, daß sie Hanks Nachfolgerin ist. Das bedeutet, daß sie darauf anspielt…«

»Okay, wir haben schon verstanden.« Jean Lecomte winkte abfällig. »Dann werden wir dem Mädchen eben den Mund stopfen. So einfach ist das. Tote Erpresser sprechen nicht.«

»Daran solltet ihr ständig denken«, konterte der Kundige der Magie.

Die drei jungen Männer wurden blaß, fingen sich jedoch schnell wieder.

»Diese Chicky kaufen wir uns«, zischte Art Craddock und stieß die Tür auf. »Eine Behandlung mit der Satanswolke, und die Dämonen erledigen den Rest. Los, worauf warten wir noch? Fahren wir?«

»Bleibt sitzen!« befahl Beauly scharf.

Sie zuckten beim Klang seiner Stimme zusammen, zogen die Türen wieder zu und sahen ihn unsicher an. Er atmete auf. Sie hörten auf ihn, und er konnte ihnen beweisen, wie dringend sie ihn brauchten.

»Ich habe schon bei Chicky Fletcher angerufen», sagte er leise. »Sie meldet sich nicht. Ihr glaubt doch nicht, daß sie so dumm ist, zu Hause zu bleiben? Ihr habt ihren Freund vor ihrer Wohnung getötet. Sie muß die magische Wolke gesehen haben. Sie kann sich an ihren Fingern abzählen, daß ihr ihren Namen und ihre genaue Adresse kennt. Und sie weiß, daß sie von den Dämonen zerrissen wird, wenn ihr sie findet. Also taucht sie unter, ehe sie ihre Erpressung startet.«

Freddy Aile schob nervös seinen Kaugummi von einer Wange in die andere, Jean Lecomte biß sich auf die Unterlippe, und Art Craddock trommelte mit den Fingern auf die Sitzlehne.

»Ihr seid ja ein entschlossener Haufen«, spottete Jordan Beauly, der Kundige der Schwarzen Magie. »Sonst den Mund bis zu den Ohren offen, aber wenn es schwierig wird, fällt euch nichts mehr ein, nicht wahr?«

»Und ob uns etwas einfällt«, begehrte Jean auf. »Wir tauchen ebenfalls unter, dann kann uns Chicky gar nichts!«

»Sehr intelligent.« Beauly schüttelte den Kopf. »Ihr habt keinen Verstand. Wenn wir untertauchen, geht Chicky zu einem unserer Opfer und verkauft ihm unsere Namen. Sie könnte sich auch mit Scotland Yard arrangieren. Wie gefällt euch das?«

»Gar nicht«, murmelte Art Craddock. »Was sollen wir nur tun?«

»Wir machen weiter, als wäre nichts geschehen«, bestimmte der Kundige. »Wir kassieren bei unseren Klienten und bringen das Geld auf die Seite. Wenn Chicky Forderungen stellt, gehen wir zum Schein darauf ein.«

»Verstehe!« Freddys Gesicht begann zu strahlen. »Und bei der Übergabe…«

Er zog seinen Daumennagel über die Kehle. Die anderen grinsten erleichtert. Eine Lösung zeichnete sich ab. Die magischen Kräfte des Kundigen würden ihnen helfen.

»Wir werden auf jeden Fall dafür sorgen, daß uns diese Frau nicht mehr erpreßt«, sagte Jordan Beauly düster.

Im Grunde genommen war er Chicky sogar dankbar. Sie hatte dafür gesorgt, daß er bei seinen Komplicen wieder im Ansehen stieg. Ohne sie wäre er vielleicht jetzt schon ausgebootet worden. Aber nun glaubten sie, daß sie eventuell noch öfters auf seine Kenntnisse über Geister und Dämonen angewiesen waren.

Es hatte eben alles zwei Seiten, dachte der Kundige, als er das Autokino verließ.

*

Aus den Unterlagen der Erpressergruppe war nicht hervorgegangen, welches Geschäft Peter Sheridan betrieb. Rick entnahm es dem Schild an seiner Bürotür. Er war Börsenmakler.

Der Sekretärin im Vorzimmer sagte er nur seinen Namen und daß er dringend mit Mr. Sheridan sprechen müsse.

Sie runzelte die Stirn und blickte auf ihre Uhr. »Es ist gleich Büroschluß, Mr. Masters, und Mr. Sheridan hat noch eine Menge Arbeit. Ich fürchte, es wird heute nicht mehr…«

»Wetten wir, daß es wird?« fragte Rick lächelnd. »Sagen Sie Mr. Sheridan, ich käme in einer sehr heiklen privaten Angelegenheit. Dann wird es gehen.«

Sie sah den Detektiv skeptisch an, verschwand aber dann doch im Büro ihres Chefs. Zehn Sekunden später war sie wieder da.

»Bitte«, sagte sie nur und betrachtete Rick Masters wie eines der sieben Weltwunder, weil es ihm gelungen war, den Zutritt zu erkämpfen.

Mr. Sheridan stand nicht zu Ricks Begrüßung auf. Die rechte Schreibtischschublade war einen Spalt breit geöffnet. Und in seinen Augen stand ein verräterisches Glitzern.

Das alles registrierte Rick, während er darauf wartete, daß die Sekretärin das Büro wieder verließ und die Tür hinter sich schloß.

»Was wollen Sie?« fragte Sheridan scharf. Seine Hand schwebte in bedenklicher Nähe der Schublade.

»Ich bin Privatdetektiv und arbeite mit Scotland Yard zusammen.« Rick präsentierte seinen Ausweis. »Sie können sich bei Chefinspektor Hempshaw erkundigen und sich alles bestätigen lassen.«

Sheridan wurde abwechselnd blaß und rot und zog verlegen seine Hand zurück.

»Sie brauchen also nicht nach Ihrem Revolver in der Schublade zu greifen«, fuhr Rick fort.

»Sie müssen das richtig verstehen, Mr. Masters«, sagte Sheridan stotternd. »Eine reine Vorsichtsmaßnahme. In der heutigen Zeit… Sie waren noch nie bei uns. Man kann nie wissen.«

»Aber ich weiß.« Unaufgefordert setzte sich der Geisterdetektiv, nahm Dracula auf den Schoß, der ihn wie fast immer begleitete. »Sie hatten vermutlich gedacht, ich wäre einer der Erpresser, der Ihnen persönlich einen Besuch abstattet.«

Sheridans Augen wurden groß. Er hielt für einen Moment die Luft an, bekam sich jedoch sehr schnell wieder in die Gewalt.

»Erpresser?« Er runzelte die Stirn. »Wovon sprechen Sie?«

Rick musterte ihn ausgiebig. Er hatte schwarze Haare und buschige graue Augenbrauen. Er wirkte groß und drahtig, auch wenn er saß. Die scharfe Nase und das kantige Kinn deuteten auf Entschlußkraft und festen Willen hin.

»Mr. Sheridan!« Rick Masters ließ sich absichtlich Zeit. »Wir haben genaue Unterlagen, daß Sie erpreßt werden. Und das schon seit einiger Zeit und um beträchtliche Summen. Ich komme nicht als Gegner, sondern weil ich Ihnen helfen will. Und aus einem zweiten Grund: Die Erpresser – Ihnen sage ich es offen – arbeiten mit Schwarzer Magie. Vielleicht halten Sie mich für verrückt, aber es stimmt. Sie besitzen magische Fähigkeiten und können Geister und Dämonen für ihre bösen Zwecke einsetzen. Deshalb ist es ein Fall für mich. Ich bin auf diese Dinge spezialisiert.«

Sheridans Blick hing zwar wie gebannt an Ricks Lippen, aber er gab durch nichts zu erkennen, daß er wußte, wovon der Geisterdetektiv sprach.

»Ich verstehe kein Wort«, murmelte der Makler, lehnte sich zurück und steckte sich eine Zigarette an. »Hier muß es sich um einen großen Irrtum handeln.«

»Sie wissen so gut wie ich, daß es kein Irrtum ist.« Rick hatte mit Schwierigkeiten gerechnet. Deshalb ließ er sich auch nicht so leicht entmutigen. »Mir ist klar, daß es einen dunklen Punkt in Ihrer Vergangenheit gibt. Und ich erwarte nicht, daß Sie mir sofort alles sagen. Aber Sie sollten sich überlegen, wie es weitergeht. Diese Leute werden immer kassieren. Sie werden nie Ruhe haben! Und denken Sie auch daran, daß es keine gewöhnlichen Verbrecher sind. Es geht ihnen zwar um Geld, aber sie verfügen über Fähigkeiten, die…«

»Mr. Masters!« fuhr Sheridan dazwischen. »Das ist alles aus der Luft…«

Rick hob die Hand. »Hören Sie auf!« sagte er energisch. »So hat es doch keinen Sinn! Es muß ein Ende haben. Ich bin sicher, daß es für Sie nicht schlimmer sein kann, wenn ich den dunklen Punkt aufdecke, als wenn Sie zeit Ihres Lebens erpreßt werden. Und zwar um große Summen. Sie werden schon keinen Mord begangen haben, oder?«

Sheridan wich Ricks Blick aus und lachte nervös. »Ich hätte nie gedacht, daß ein Detektiv so viel Phantasie entwickeln kann, Mr. Masters. Meine Zeit…«

Das Telefon unterbrach den Rausschmiß, zu dem Sheridan eben ansetzte. Hastig hob der Makler ab und war sichtlich froh, daß er sich nicht weiter mit Rick beschäftigen mußte.