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Nach einem langen Tag an der Uni erwartet den Geschichtsprofessor Fabian Holthausen in seinem Haus Schreckliches. Das Zimmer seiner Tochter ist verwüstet, von ihr selbst fehlt jede Spur. Auch er wird überwältigt. Als er wieder zu sich kommt, ist nichts mehr wie zuvor. Zu seinem Entsetzen befindet er sich im 14. Jahrhundert – im Körper des Grafen von Regenstein. Wie ist das möglich? Und was soll er hier? Besteht ein Zusammenhang mit der sensationellen Entdeckung seiner Doktorandin Johanna? Unversehens findet er sich in einem Wettlauf mit einem unbekannten Gegner wieder, in dessen Verlauf es nicht bei dieser einen Reise in fremde Körper und Zeiten bleiben wird.
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Seitenzahl: 713
Veröffentlichungsjahr: 2022
Tobias Pohlmann
Der Geistreisende
Thriller
Prolog
Teil 1 – Mittelalter
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Teil 2 - Drittes Reich
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Teil 3 – DDR
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Epilog
Danksagungen
Impressum
Er wusste, dass er nicht hier sein sollte. Als Mann der Kirche war es ihm nicht gestattet, Zeuge dessen zu werden, was sich in Kürze an diesem Ort ereignen würde. Doch das hatte ihn nicht davon abgehalten, sich hier einzufinden, genauso wenig wie die Gewissheit, dass er das Kommende kaum ertragen würde. Etwas in ihm – er konnte nicht genau sagen, was es war – hatte ihn entgegen jedweder Vernunft hierhergetrieben.
Ein scharfer Wind wirbelte gelbbraune Laubblätter über den festgestampften Erdboden zu seinen Füßen. Pater Lorentz presste sich fester in die Nische hinter dem Strebepfeiler und zog die Kapuze seiner braunen Kutte tiefer ins Gesicht. Er trat von einem Bein aufs andere und rieb sich die Oberarme. Es war nicht nur das unfreundliche Herbstwetter, das ihn frösteln ließ. Seit gut einer Stunde beobachtete er aus seinem Versteck an der Stadtkirche die Vorbereitungen auf dem leicht abschüssigen Platz, der sich vor ihm erstreckte. Von hier oben hatte er trotz der Entfernung eine gute Sicht. Viel zu gut! Der einsame Pfahl, der zwischen frisch aufgeschichteten Holzscheiten und Reisig in die Höhe ragte, war nicht zu übersehen. Ringsherum bildeten bewaffnete Männer einen großen Kreis und hielten all jene, die sich zu weit nach vorne wagten, auf Abstand.
Dahinter, am anderen Ende des Richtplatzes, erhob sich die Mauer der Domburg. Im Nebel zeichneten sich die Umrisse der unvollendeten Kathedrale ab: links die Türme über dem westlichen Eingangsportal, rechts der östliche Chorumgang und in der Lücke dazwischen der gedrungene Rumpf der alten Basilika, die einst dem Lang- und Querhaus würde weichen müssen. Wie konnte die Kirche – seine Kirche – dem Schöpfer zur Ehre etwas derart Prachtvolles erschaffen und gleichzeitig dessen eigenste Schöpfung und Ebenbild mutwillig vernichten?
Nach und nach hatten sich Schaulustige eingefunden: Bürger der Stadt und Bauern aus dem Umland, die am heutigen Sonntag ihre Arbeit ruhen ließen. Es waren mehr Menschen, als der Pater angesichts der verheerenden Seuche, die seit einigen Monaten in der Region wütete, erwartet hatte. Sie standen in Gruppen beieinander und unterhielten sich. Vereinzelt hörte er ein Lachen.
Er verachtete sie. Was trieb sie an, einer Hinrichtung beizuwohnen? Empfanden sie Freude an diesem grausamen Spektakel? Hofften sie auf einen wohligen Schauder, der sie ablenkte von ihrem eigenen Elend und ihrer Trauer? Jeder von ihnen hatte Angehörige, Freunde, geliebte Menschen verloren.
Und was war mit ihm? War seine Anwesenheit nicht genauso verächtlich? Warum war er hier? Aus Anteilnahme? In der Hoffnung auf eine wundersame Rettung im letzten Moment? Weil er nicht glauben konnte, dass das Unvermeidliche tatsächlich geschehen würde, wenn er es nicht mit eigenen Augen sah?
Die schlichte Holztür des Steinhauses, das sich an die Mauer der Domburg schmiegte, flog auf und riss ihn aus seinen Gedanken. Er erkannte den Kirchenvogt an seinem langen, schwarzen Mantel und der dazu passenden Stoffkappe. Ihm folgten die Henkershelfer. Der Pater zuckte zusammen, als er den Mann erblickte, den sie zwischen sich mitschleiften. Trotz der Entfernung sah er ihm das Martyrium deutlich an, das dieser erlitten hatte. Ein kärglicher Kittel hing in schmutzigen Fetzen an ihm herunter. Die nackte Haut, die der Lumpen nur spärlich bedeckte, war von roten Striemen übersät, der Kopf gesenkt, das dunkle Haar strähnig und zerzaust, der Bart ungepflegt und verfilzt. Seine Hände waren hinter dem Rücken zusammengebunden. Die beiden Gehilfen hatten ihn unter den Armen gepackt. Er konnte sich kaum selbst auf den Beinen halten.
Pater Lorentz’ eigene Knie drohten zu versagen. Er klammerte sich an den Strebepfeiler. Der Mann dort unten war nicht wiederzuerkennen. Nichts hatte er gemein mit dem stolzen Burgherrn, der vor zwei Wochen von einem Ausritt auf seine Güter nicht wieder zurückgekehrt war. Stets hatte der Pater ihn gewarnt. Mehrfach hatte er ihn gebeten – nein, angefleht – das unschätzbare Wissen, das ihm zuteilgeworden war, nicht zu seinem alleinigen Vorteil zu nutzen. Der Burgherr war unnachgiebig geblieben: Nur seine eigene Gefolgschaft sollte davon profitieren. Dass dies nicht lange im Verborgenen vonstattengehen würde, hätte ihm klar sein müssen. Es hatte keines Hellsehers bedurft, um vorauszuahnen, dass es den Bischof provozieren würde.
Nein, Pater Lorentz hatte alles in seiner Macht Stehende versucht, um abzuwenden, was sich nun vor seinen Augen abspielte. Dennoch lastete der Anblick wie ein Felsklotz auf ihm, raubte ihm den Atem und drohte ihn zu zerquetschen. Zitternd sah er mit an, wie sich der Burgherr ohne die geringste Gegenwehr in Richtung Scheiterhaufen schleifen ließ. Warum widersetzte er sich nicht? Was hatten sie mit ihm angestellt, dass sein Wille derart gebrochen war? Verzweifelte Wut überkam den Pater. Er wollte schreien, dem Burgherrn etwas zurufen. Wehrt Euch! So tut doch was, irgendwas! Lasst das nicht zu!
Er blieb stumm, klammerte sich an den Strebepfeiler und war verdammt dazu mit anzusehen, was nicht zu ertragen war.
Was war das? Für einen kurzen Augenblick, vollkommen unerwartet, richtete sich der Burgherr ruckartig auf – und mit ihm Pater Lorentz, Hoffnung schöpfend –, um sich im selben Moment mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder zusammenzukrümmen. Seine Begleiter warfen sich mürrische Blicke zu und packten ihn umso fester. Zuckend sah er hin und her, die Augen weit, mit einem Ausdruck völliger Orientierungslosigkeit. Und voller Angst! Lorentz sackte erneut zusammen. Es war ausweglos.
Die Gruppe erreichte den Scheiterhaufen. Die Henkersknechte unterdrückten jede weitere Gegenwehr mühelos und banden den Burgherrn mit den Händen im Rücken an den Pfahl. Der Kirchenvogt trat vor. Pater Lorentz wusste, dass nun der Schuldspruch verlesen wurde. Der Wind und die Weite verschluckten fast jedes Wort. Nur vereinzelt drangen Silben bis zu ihm durch, doch was man dem Verurteilten vorwarf, stand außer Frage. Ein Priester löste sich aus der Gruppe und wandte sich an den Burgherrn. Pater Lorentz’ Fingernägel gruben sich fest in seine Handinnenflächen. Den Schmerz nahm er nicht wahr. Erst als der Priester sich wieder abwandte und zügigen Schrittes davoneilte, stöhnte er auf. Der Burgherr hatte nicht widerrufen.
Der Kirchenvogt drehte sich zum Volk. Mit kreischender Stimme, die in des Paters Ohren schrillte, forderte er es zum Hinsehen auf. Er gab dem Henker ein Zeichen. Mit einer Fackel entzündete dieser an mehreren Stellen das Reisig. Seine Gehilfen fachten es mit Blasebälgen an. Schnell krochen die Flammen den Scheiterhaufen empor. Dichter Rauch umhüllte den Burgherrn. Er hustete heftig. Noch durch den Qualm hindurch stand ihm die Todesangst ins Gesicht geschrieben.
Der Pater wollte sich abwenden, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, zitterte, erlaubte ihm keine kontrollierte Bewegung. Nur mit aller Kraft gelang es ihm, seinen Kopf zu drehen. Sein Blick fiel auf eine Gestalt oberhalb der Domburgmauer. Trotz der Entfernung und obwohl sie keine Mitra trug, erkannte er sofort den Bischof, auf dessen Lippen er ein zufriedenes Lächeln auszumachen glaubte.
Panisch schossen seine Augen zwischen Bischof und Scheiterhaufen hin und her, um erneut auf Letzterem haften zu bleiben. Im dichten Rauch war der Burgherr kaum noch zu sehen. Die Flammen hatten ihn fast erreicht. Wieder drohten die Beine des Paters nachzugeben, sein Magen verkrampfte sich, seine Brust schnürte sich zu. Ihn überkam ein Würgen. Reflexartig stützte er sich auf seine Knie und übergab sich halb über seine Kutte. Er keuchte. Ein Speichelfaden dehnte sich langsam von seinem Mundwinkel zu Boden. Er würgte erneut. Als alles draußen war, wischte er sich mit seinem Ärmel über den Mund.
Es war ein Fehler gewesen, hierher zu kommen. Er konnte das grausame Schauspiel nicht länger ertragen. Ohne noch einmal aufzublicken, tastete er sich die Kirchenmauer entlang. Er musste weg hier, sofort. Er setzte einen Fuß vor den anderen, richtete sich langsam auf, löste sich von der Wand. Die Aussicht auf Flucht verlieh seinem Körper neue Kraft. Fort, bloß fort! Er stolperte vorwärts, fing sich wieder, erreichte die Ecke der Stadtkirche, lief um sie herum und eilte mit hastigen Schritten davon.
Ein gellender Schrei drang an sein Ohr und ließ das Blut in seinen Adern stocken. Nicht einmal im Ansatz vermochte er sich die Schmerzen auszumalen, die der Burgherr erlitt, nun, da die Flammen ihn ergriffen. Er drehte sich nicht um, raffte seine Kutte, lief schneller und schneller, rannte. Tränen stiegen ihm in die Augen und strömten über seine Wangen. Er bekreuzigte sich, ohne anzuhalten. Der Burgherr starb. Er starb den grausamsten Tod, den es zu sterben gab.
Mochte der Herr seiner Seele gnädig sein.
Teil 1 – Mittelalter
Fabian Holthausen seufzte. Er löste seinen Blick von der Silberlinde im Hof, die seit einigen Tagen in goldgelber Blüte stand, und ging zurück zu seinem Schreibtisch, an dem eine seiner Studentinnen auf einem der Besucherstühle Platz genommen hatte. Unter Einsatz ihres gesamten weiblichen Charmes versuchte sie seit mehreren Minuten, ihn davon zu überzeugen, dass die Beurteilung ihrer Seminararbeit – er hatte sie trotz allen guten Willens durchfallen lassen müssen – doch etwas hart gewesen sei.
Vor sechs Jahren hatte er als Mittdreißiger den Lehrstuhl für spätmittelalterliche Geschichte übernommen und gehörte damit zu den Jüngeren der Berliner Professorenschaft. Es war keineswegs so, dass einige erfahrenere Kollegen ihn nicht vorgewarnt hätten, doch hatte er nicht wirklich geglaubt, etwas Derartiges eines Tages tatsächlich zu erleben.
Und nun saß sie da mit ihrem kurzen Jeansrock, der ihre langen Beine – äußerst attraktive Beine, wie er zugeben musste – sehr gut zur Geltung brachte. Mit einem Augenaufschlag blickte sie zu ihm herauf und kräuselte leicht ihre Lippen. Sie beugte sich ein wenig vor und gewährte ihm Einblick in ihren großzügigen Ausschnitt. Ihre Oberweite, vermutlich von einem Push-up-BH in Form gebracht, wurde durch ihr enges T-Shirt zusätzlich betont. Die blauen, dünnen Querstreifen ihres Oberteils erinnerten ihn unwillkürlich an die Höhenlinien einer topografischen Karte, die das dargestellte Gelände besonders plastisch wirken ließen.
Er fuhr sich durch die Strähnen seines welligen Haars und bemühte sich, ausschließlich ihr Gesicht zu fokussieren, während er sich auf seinem Schreibtischstuhl niederließ.
»Hören Sie, Yvonne …«
»Yvette!«, unterbrach sie ihn und verstärkte ihren etwas übertriebenen Schmollmund.
»Yvette, ich kann Sie mit dieser Arbeit nicht bestehen lassen, nur weil Sie mich nett anlächeln.«
»Wer sagt denn, dass Sie nur ein Lächeln von mir erwarten können?«, entgegnete sie kokett.
Holthausen war sprachlos. Unkontrolliert rutschte sein Blick wieder nach unten, was sie mit einem Zwinkern quittierte. Schnell hob er die Augen. Noch bevor er etwas erwidern konnte, flog ohne Vorankündigung die Bürotür auf und seine Tochter Sophie spazierte herein.
»Hi Daddy!«, rief sie und hielt kurz inne, als sie Yvette erblickte, die sich abrupt zurücklehnte und ihren Ausschnitt hochzog. Mit einem Grinsen ließ sich Sophie auf den zweiten Besucherstuhl plumpsen, warf ihre Tasche auf den Boden und wandte sich unverblümt an die Studentin.
»Ist ein attraktiver Kerl, mein Vater, nicht wahr? Groß, schlank, blaue Augen, dunkelbraunes, volles Haar! Kann schon verstehen, dass er dir gefällt. Und ich hätte ehrlich gesagt auch nichts dagegen, wenn mal wieder eine Frau im Haus wäre. Ist schon echt lange her.«
Irritiert blickte Yvette zwischen Sophie und Holthausen hin und her.
»Es ist wohl besser, wenn Sie jetzt gehen, Yvette«, schloss dieser das Gespräch. »Natürlich können Sie die Seminararbeit im kommenden Semester gerne wiederholen.«
Wortlos packte sie ihre Unterlagen zusammen und verließ das Büro mit einer knappen Verabschiedung. Als sich die Tür hinter ihr schloss, prustete Sophie lauthals los.
»Was war das denn eben, Daddy? Da bin ich wohl gerade noch rechtzeitig reingeschneit, um Schlimmeres zu verhindern, was?«
»Ich hatte die Situation sehr gut im Griff, danke. Du hast das Ganze höchstens ein wenig abgekürzt.«
Er musterte seine Tochter, die mit ihren inzwischen 15 Jahren zu einem bildhübschen Teenager herangewachsen war. Ihre Kleidung war sehr zu seiner Freude wesentlich legerer als Yvettes figurbetonte Aufmachung, wenngleich er mit den zerrissenen Jeans wenig anfangen konnte. Das einst runde Kindergesicht ließ sich nur noch ansatzweise erahnen. Mit ihren kastanienbraunen Haaren, die sie als modische Bobfrisur trug, und den grünen Augen ähnelte sie ihrer Mutter, an die er jedoch nicht die besten Erinnerungen hatte. Seine Tochter dagegen liebte er über alles und er war froh, dass sie so gut miteinander zurechtkamen. Natürlich gab es seit dem Beginn ihrer Pubertät immer mal wieder Auseinandersetzungen auszufechten, doch er gab sich Mühe, ein toleranter und nicht zu strenger Vater zu sein, und war der Ansicht, dass ihm das auch ganz gut gelang.
»Müsstest du nicht in der Schule sein?«, fragte er, während er eines der beiden Käsesandwichs, die er in der Mensa gekauft hatte, aus einer Papiertüte zog.
»Ferien?« Sie verdrehte die Augen.
Richtig, wie hatte er das nur wieder vergessen können? Dabei hatte sie erst vor zwei Tagen ihr Zeugnis mit nach Hause gebracht. Er nickte schuldbewusst.
»Willst du auch eins?« Fragend hielt er ihr die Tüte mit dem zweiten Sandwich entgegen.
»Ach Daddy, wann merkst du dir denn endlich, dass ich vegan lebe?«
Noch so eine Sache neben Löchern in der Jeans, die Holthausen nicht verstand. Seit einem knappen Jahr aß sie keine tierischen Produkte mehr. Vegetarisch, das konnte er noch irgendwie nachvollziehen, aber vegan? Dennoch bewunderte er sie für die Konsequenz, mit der sie ihre Entscheidung seitdem durchzog.
»Ist Johanna da? Ihre Bürotür war zu, als ich eben zu dir gekommen bin.«
Johanna Maiwald war seine Mitarbeiterin und Doktorandin. Während ihres Studiums war ihm ihre besondere Begabung aufgefallen, in mittelalterlichen Quellen bedeutsame Fundstellen aufzuspüren und sie sorgfältig und unvoreingenommen zu analysieren. Nach ihrem Studienabschluss hatte er ihr eine Promotionsstelle angeboten und sie hatte sich sofort mit Eifer in ihre Forschung gestürzt.
»Johanna ist auf einer Tagung in Erfurt und besucht anschließend die Bibliothek in Wolfenbüttel. Sie kommt erst Mitte nächster Woche zurück.«
Holthausen sah seiner Tochter ihre Enttäuschung an. Sie und Johanna verstanden sich bestens.
»Auch gut!«, sagte sie. »Sag mal, spricht etwas dagegen, dass ich heute bei Svenja übernachte? Sie gibt eine Party und ich will danach nicht noch nach Hause laufen müssen.«
»Kommen da auch Jungs?«
Sie hob eine Augenbraue und sah ihn amüsiert an. »Was wäre das denn für ’ne Party, wenn keine Jungs da wären? Mensch Daddy, ist wohl schon ’ne Weile her, dass du mal feiern warst.«
»Na schön!«, willigte er ein. Das bedeutete für ihn einen ruhigen Freitagabend allein zu Hause. »Aber Finger weg vom Alkohol!«
»Bist ein Schatz, Daddy!«, freute sie sich. Sie stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. Dann hob sie ihre Tasche auf, kramte einen Apfel hervor und legte ihn neben die mittlerweile von mehreren Fettflecken durchtränkte Papiertüte mit dem verbliebenen Käsesandwich. »Iss lieber den hier, ist gesünder.« Sie zwinkerte ihm zu und verschwand genauso schnell wieder aus seinem Büro, wie sie gekommen war.
Holthausen besann sich einen Moment lang und klappte seinen Laptop auf, der leise surrend aus dem Ruhemodus erwachte. Kurz vor ihrer Abreise hatte Johanna ihm ein Manuskript für einen wissenschaftlichen Artikel gemailt. Er suchte die Nachricht in seinem E-Mail-Programm und öffnete den Anhang.
Einige Monate zuvor hatten sie gemeinsam erste Erkenntnisse ihrer jüngsten Forschungsarbeit in der historischen Fachzeitschrift Nuntia mediaevalia veröffentlicht. Inzwischen hatte Johanna weitere Details herausgefunden. Ihre Entdeckung war schlicht und ergreifend unglaublich. Auf der Tagung, an der sie teilnahm, würde sie einen Vortrag darüber halten und er war sich sicher, dass dieser einschlagen würde wie eine Bombe.
Holthausen versank in der Lektüre des Manuskripts. Er schreckte hoch, als etwa zehn Minuten später das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte.
»Hier ist ein Herr, der Sie unbedingt sprechen möchte«, sagte seine Sekretärin am anderen Ende der Leitung. Ihre Stimme klang hörbar verzweifelt.
»Hat er seinen Namen genannt und verraten, worum es geht?«
»Weder noch! Er behauptet, ausschließlich mit Ihnen persönlich über sein Anliegen sprechen zu können.«
»Dann teilen Sie ihm bitte mit, dass ich beschäftigt bin. Er soll sagen, was er will, und einen Termin vereinbaren.«
Holthausen war im Begriff aufzulegen, führte den Hörer jedoch wieder zurück an sein Ohr, als er bemerkte, dass seine Sekretärin weitersprach.
»Er ist wirklich sehr hartnäckig und lässt sich nicht abwimmeln, ich habe schon alles versucht«, wisperte sie. Es klang, als schirme sie mit ihrer Hand den Hörer ab.
Holthausen überlegte kurz. Ihm stand nicht der Sinn nach einem unangemeldeten Besucher, der noch dazu sein Anliegen nicht preisgeben wollte. Aber anscheinend war nicht zu erwarten, dass diese Person verschwand, ohne mit ihm gesprochen zu haben.
»Also gut, lassen Sie ihn reinkommen. Ich werde versuchen, ihn schnell wieder abzuwimmeln.«
Wenige Augenblicke später klopfte es an der Tür und ein Mann trat ein, schlank und von großer Statur, mit kurz geschorenen dunklen Haaren, die erste Anzeichen von Grautönen aufwiesen. Er trug einen anthrazitfarbenen Maßanzug aus einem eindeutig hochwertigen Stoff. Schurwolle mit Kaschmiranteil oder etwas in der Art. Vielleicht war auch ein bisschen Seide beigemischt, denn der Anzug schimmerte dezent. Das Büro füllte sich mit dem holzig-würzigen Geruch eines mutmaßlich teuren Männerparfüms.
»Guten Tag, Professor Holthausen! Schneider mein Name!« Der Mann streckte ihm über den Schreibtisch hinweg die Hand entgegen. »Danke, dass Sie mich auch ohne Voranmeldung empfangen.« Er setzte ein breites Lächeln auf, wie man es in einem Verkaufsseminar für Versicherungsvertreter nicht besser hätte lernen können.
»Sie haben meiner Sekretärin anscheinend gar keine andere Wahl gelassen«, entgegnete Holthausen und bemühte sich nur halbherzig, seinen Unmut zu verbergen. Dennoch erwiderte er den Handschlag. »Nehmen Sie bitte Platz! Was kann ich für Sie tun?«
Der Mann setzte sich, schlug die Beine übereinander und umfasste sein Knie mit beiden Händen.
»Gut, kommen wir also gleich zur Sache. Sie sind ein Experte auf dem Gebiet der spätmittelalterlichen Forschung und kennen sich bestens aus mit den Umständen und Gepflogenheiten dieser Epoche.«
»Wie die meisten meiner Kollegen, die auf diesem Gebiet tätig sind. Was führt Sie ausgerechnet zu mir?«
»Sie können die mittelniederdeutsche Sprache nicht nur flüssig lesen, sondern genauso gut sprechen, wie man hört.«
»Das mag sein. Für mittelalterliche Ohren dürfte meine Aussprache allerdings nicht ganz akzentfrei sein. Und natürlich gab es viele regionale Unterschiede.« Holthausen fragte sich, wohin dieses Gespräch führen sollte.
»Seien Sie nicht so bescheiden, Professor Holthausen. Ich bin mir sicher, dass Sie meinem Auftraggeber mit Ihrer Expertise wertvolle Dienste leisten können.«
Holthausen sah den Mann fragend an. »Ihr Auftraggeber? Das klingt ja recht ominös. In wessen Namen sind Sie denn hier, wenn ich fragen darf?«
»Natürlich dürfen Sie! Ich bitte aber um Verständnis, dass ich Ihnen zum gegenwärtigen Zeitpunkt darüber keine Auskunft geben kann. Zunächst möchten wir Ihre generelle Bereitschaft zur Zusammenarbeit erfragen. Für weitere Details muss ich Sie um die Unterzeichnung einer Verschwiegenheitserklärung bitten. Aber so viel kann ich Ihnen schon verraten: Sie würden nicht nur meinem Auftraggeber, sondern der gesamten Menschheit einen großen Dienst erweisen.«
Holthausen lachte auf. »Finden Sie das nicht ein bisschen zu dick aufgetragen? Ich bin Geschichtsprofessor, nicht der Retter der Welt!«
Unbeirrt fuhr der Mann fort. »Ihre Mitarbeit wird leider nicht ganz ungefährlich sein, wie ich einräumen muss. Selbstverständlich wird mein Auftraggeber Ihre Dienste angemessen vergüten.«
Holthausen entschied sich, auf die angedeuteten Risiken zunächst nicht einzugehen. »Und von welchem Betrag genau sprechen wir hier?«, fragte er stattdessen.
Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes, als habe er geahnt, Holthausens Neugier mit dieser Bemerkung doch noch wecken zu können. Ohne zu fragen, riss er einen Zettel von einem Notizblock auf Holthausens Schreibtisch ab, nahm einen Kugelschreiber aus der Stiftablage und notierte etwas. Dann drehte er den Zettel um und schob ihn zu Holthausen hinüber.
»Fünf Nullen?« Holthausen wusste nicht, was das bedeuten sollte.
»Ergänzen Sie die fehlende Ziffer davor nach Ihrem Belieben. Mein Auftraggeber weiß Ihr Engagement sehr zu schätzen.«
Holthausen ließ einen Luftstoß zwischen seinen Lippen entweichen. »Wenn ich eine Fünf davorsetze, zahlt mir Ihr Auftraggeber 500.000 Euro?«
Der Mann nickte.
»Und wenn ich eine Neun davorsetze?« Holthausen starrte den Mann ungläubig an.
»Setzen Sie eine Zehn davor, wenn Sie wollen. Ihre Expertise ist es wert.«
Holthausen schnappte nach Luft. Er brauchte einen Moment, bis er sich wieder halbwegs gefasst hatte.
»Hören Sie, Herr Schneider, oder wie auch immer Sie heißen. Das ist heute schon das zweite unmoralische Angebot, das ich erhalte, und genau wie das erste lehne ich es ab. Sie tauchen unangemeldet hier auf, machen lediglich vage Andeutungen und bieten mir eine exorbitante Summe, so dass ich davon ausgehen muss, dass mit Ihnen und Ihrem Auftraggeber etwas schwer im Argen liegt. Ich muss Sie daher nun bitten, mein Büro zu verlassen.«
»Seien Sie nicht zu voreilig, Professor Holthausen. Überlegen Sie mal, was Sie sich und Ihrer Tochter mit diesem Geld alles ermöglichen können.«
»Bisher war meine Professorenbesoldung vollkommen ausreichend und das wird sie auch in Zukunft sein. Und jetzt gehen Sie bitte!«
Der Mann machte keinerlei Anstalten, sich von seinem Stuhl zu erheben. Holthausen nahm den Telefonhörer und wählte die Durchwahl seiner Sekretärin. Noch bevor sie abnehmen und er sie darum bitten konnte, die Polizei zu rufen, erhob sich der Mann und legte den Finger auf die Gabel.
»Sie machen einen Fehler, Professor. Das könnten Sie bald bereuen.«
»Ist das eine Drohung?«, fragte Holthausen bebend und erhob sich ebenfalls, den Hörer weiterhin in der Hand haltend.
»Nennen wir es einen freundschaftlichen Rat.«
»Auf Ihre Freundschaft kann ich gut und gerne verzichten. Und jetzt fordere ich Sie ein letztes Mal auf zu gehen.«
Der Mann deutete zum Abschied ein leichtes Nicken an und verließ ohne ein weiteres Wort das Büro.
Holthausen sank auf seinen Stuhl zurück und atmete tief durch. Aus dem Hörer, den er nach wie vor umklammerte, ertönte leise der Wählton. Er legte auf und stellte fest, dass seine Hand zitterte.
Der historische Hörsaal war fast voll besetzt. In den Stuhlreihen, die sich vor ihr erstreckten, machte Johanna Maiwald nur wenige frei gebliebene Plätze aus, was für die erste Vortragsreihe direkt nach der Mittagspause eher ungewöhnlich war.
Über die Einladung, einen Vortrag auf der diesjährigen Erfurter Mittelaltertagung zu halten, hatte sie sich mehr als gefreut: In ihrem Büro hatte sie einen kleinen Freudentanz aufgeführt.
Sie war Historikerin durch und durch. Ihr Geschichtsstudium hatte sie mit großem Enthusiasmus absolviert, und die Arbeit als Wissenschaftlerin hatte ihre Leidenschaft weiter angefacht. Wenn sie in Bibliotheken und Archiven saß und mittelalterliche Handschriften durchforstete, versank sie in der damaligen Zeit und vergaß alles andere um sich herum. Es faszinierte sie, wie die Menschen vor hunderten von Jahren gelebt hatten, was sie bewegte, wie sie dachten und fühlten. Dabei mitzuwirken, weitere Facetten einer vergangenen Epoche ans Licht zu bringen, war für sie, mehr als irgendetwas sonst, eine Erfüllung.
Es war nicht ihr erster Vortrag auf einer Konferenz, jedoch der erste vor einer so großen Zahl an Zuhörern. Ihr war etwas flau im Magen. Bei so viel geballter Expertise war nicht auszuschließen, dass jemand im Publikum saß, der das Haar in der Suppe suchte und nur darauf wartete, die Arbeit einer jungen Nachwuchswissenschaftlerin zu zerpflücken.
Ihre Hand glitt in die Seitentasche ihrer weißen Stoffhose und tastete nach der Silbermünze, einem echten Denar aus dem 13. Jahrhundert, den sie zu ihrem zehnten Geburtstag von ihrem Vater bekommen hatte. Sanft strich sie mit dem Zeigefinger über die geprägte Oberfläche. Unzählige Male schon hatte sie das Profilbild des Königs mit dem Lilienzepter auf der einen und den Falken auf der anderen Seite der Münze betrachtet. Zuverlässig wie immer entfaltete der Talisman seine beruhigende Wirkung. Sie atmete tief durch. Es würde schon schiefgehen. Sie forschte sorgfältig und präzise. Was hatte sie zu befürchten?
Die Moderatorin sagte ein paar Sätze zu Johannas Biografie, stellte das Thema ihres Vortrags vor und erteilte ihr das Wort. Johanna zog ihre türkisblaue Bluse glatt, ging zum Rednerpult und bog das Mikrofon ein wenig nach unten. Neben dem Laptop mit ihrer Präsentation stand ein Glas Wasser für sie bereit. Die roten Vorhänge vor den schmalen, hohen Fenstern des Saals waren zugezogen und das Licht der Kronleuchter gedimmt. Ein Projektor warf den Titel ihres Vortrags an eine riesige Leinwand hinter ihrem Rücken. Eine Strähne ihres fast schulterlangen, rotblonden Haars hing vor ihrem Gesicht. Sie strich sie hinter ihr Ohr und schob ihre rahmenlose Brille ein Stück nach oben.
»Ich freue mich sehr über Ihr Interesse an Professor Holthausens und meiner jüngsten Forschungsarbeit«, begann sie ihren Vortrag. »Wie Sie der Kurzfassung im Tagungsband sicherlich schon entnommen haben, beschäftigen wir uns mit der ersten großen Pestwelle des Mittelalters, die ab 1347 in Europa wütete und etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung auslöschte, mindestens 20 Millionen Menschen, vermutlich wesentlich mehr. Unser Augenmerk liegt auf regionaler Ebene, aber lassen Sie mich Ihnen kurz noch einmal den Verlauf der Ausbreitung dieser Krankheit über den europäischen Kontinent in Erinnerung rufen.«
Johanna drückte eine Taste auf dem Laptop. Auf der Leinwand erschien eine Karte Europas, des Mittelmeerraums und des nördlichen Teils Vorderasiens. Die Landmasse war in Blau-, Lila- und Rottöne eingefärbt, die aufzeigten, in welchen Jahren die Seuche in den verschiedenen Regionen erstmalig aufgetreten war. Pfeile verdeutlichten die Ausbreitungswege über Land und entlang der Küsten.
»Der Ursprungsort der Pestepidemie lag höchstwahrscheinlich in der Gegend des Balchaschsees im heutigen Kasachstan. Nach Europa gelangte die Pest über die Stadt Caffa, dem heutigen Feodossija auf der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer. Seit 1346 wurde die genuesische Handelsniederlassung von den Mongolen belagert. Als unter diesen ein Jahr später die Pest ausbrach, fand sie schließlich auch ihren Weg über die Mauern in die belagerte Stadt.«
Mit einem Laserpointer zog Johanna auf der Leinwand eine Linie von Caffa durch das Schwarze Meer und den Bosporus ins Mittelmeer bis nach Messina auf Sizilien.
»Auf genuesischen Handelsschiffen erreichte die Pest im Oktober 1347 zunächst Sizilien und in den folgenden Wochen Venedig, Pisa, Genua und Marseille. Von dort befiel sie innerhalb weniger Monate ganz Italien und verbreitete sich in Südfrankreich.«
Anhand der Farben auf der Karte erläuterte Johanna die weitere Ausbreitung. Die spanische Halbinsel wurde über den Seeweg und die Pyrenäen gleich aus drei Richtungen in die Zange genommen. Nordfrankreich und Südengland erreichte die Pest 1348 über die Hafenstädte im Ärmelkanal und drang von dort ins Landesinnere vor. Von England gelangte sie über die Nordsee nach Skandinavien.
»Wie Sie sehen können, wurden 1348 mit Österreich und Tirol die ersten deutschsprachigen Gebiete des Heiligen Römischen Reichs aus Richtung Italien über die Alpen erreicht«, fuhr Johanna mit ihren Erläuterungen fort. »Von Frankreich her kam ein zweiter Vorstoß. Bis Ende 1349 bildete die Pest eine Front von Köln über Frankfurt bis nach Wien. 1350 befiel sie den Rest des Reichs und Dänemark und setzte ihren Weg nach Osteuropa fort, bis sie 1353 schließlich auch Moskau erreichte.«
Mit ihrem Laserpointer umkreiste sie ein hellgelbes Oval mit Prag und Warschau an seinem Rand.
»Bis heute ungeklärt ist die Frage, warum Teile Böhmens, Mährens und Schlesiens von dieser ersten großen Pestwelle weitestgehend verschont blieben. Möglicherweise hatten die Bewohner dieser Gegenden einfach Glück. Zunächst, muss man sagen, denn im Laufe späterer Pestepidemien traf es sie umso härter.«
Johanna ließ ihren Blick über das Publikum schweifen. Nur wenige Zuhörer beschäftigten sich mit ihren Smartphones oder tippten vermeintlich wichtige Dinge in ihre Notebooks. Die meisten waren mit ihrer Aufmerksamkeit bei ihrem Vortrag. Ermutigt wechselte sie zur nächsten Grafik, einer Karte des Mittelgebirges, dem das eigentliche Interesse ihrer Forschungsarbeit galt.
»Was Sie hier sehen, sind die Herrschaftsgebiete im Harz Mitte des 14. Jahrhunderts, darunter zwei Fürstentümer, mehrere Grafschaften, die Gebiete des Stifts Quedlinburg und des Reichsstifts Walkenried und die Reichsstadt Goslar. Im nördlichen Harzvorland lag das Fürstbistum Halberstadt.«
Per Tastendruck färbte Johanna die Karte in ein dunkles Rot.
»Die gesamte Region wurde im Jahr 1350 von der Pest heimgesucht. Mit einer Ausnahme!«
Mit dem Laserpointer umkreiste sie mehrere Male ein kleines Gebiet am nördlichen Harzrand, das als einziges weiß geblieben war.
»Wir können mit großer Gewissheit sagen, dass die Pest die Grafschaft Regenstein komplett verschonte. Diese Erkenntnis verdanken wir einem Lokalhistoriker, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts über die Grafen von Regenstein forschte. In den Beständen der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel sind wir auf eines seiner Manuskripte gestoßen.«
Dieser Fund war ein wahrer Glücksfall für Johannas Promotionsvorhaben gewesen. Nur zu gut erinnerte sie sich an die kribbelnde Mischung aus Anspannung und Erregung, die sie überkommen hatte, als die frühneuzeitliche Handschrift im Lesesaal der Bibliothek zum ersten Mal vor ihr lag. Das Manuskript in den zum Teil unerforschten Tiefen der Bibliothek ausfindig zu machen, hatte einiger Anstrengung bedurft. Mehrere Tage hatte sie einen handschriftlichen Katalog aus dem Jahr 1871 durchforstet, bis sie auf den Eintrag zu einer Sammelmappe gestoßen war, der besagte, dass diese ein Manuskript über das Haus Regenstein enthielt. Umgehend hatte sie sich die Mappe aus dem Magazin der Bibliothek in den Lesesaal bestellt. Schnell war ihr klar geworden, welch bemerkenswerten Schatz sie zu Tage gefördert hatte.
»Die Grafen von Regenstein waren bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts eine bedeutende Adelsfamilie der Harzregion. 1599 starb das Geschlecht derer von Blankenburg-Regenstein aus. Die Grafschaft fiel zurück an die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel. Das Schriftgut der Grafen verblieb im Schloss Blankenburg. Als Herzog Ludwig Rudolf zu Braunschweig und Lüneburg zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Grafschaft Blankenburg regierte, öffnete er die Schlossbibliothek für die Einwohner Blankenburgs, so dass der Lehrer Georg Theiss in ihren Beständen forschen konnte.«
Nach einem weiteren Tastendruck auf ihrem Laptop erschien ein Foto der Handschrift, das Johanna im Lesesaal der Bibliothek gemacht hatte.
»Dieses Manuskript, das Theiss 1729 schrieb, vermachte er zusammen mit zahlreichen anderen Werken nach seinem Tod der Bibliothek in Wolfenbüttel. Es enthält unter anderem eine Abhandlung über eine handschriftliche Chronik des Hauses Regenstein aus dem 14. Jahrhundert. Die Chronik schildert, wie die Pest 1350 die Bevölkerung im Harz dezimierte, die Grafschaft und seine Bewohner aber ausnahmslos verschonte. Theiss zitiert zudem aus einigen buchhalterischen Aufzeichnungen, denen er entnahm, dass die Einnahmen der Grafen während der Pest unverändert hoch blieben. Die Zahl der Bergleute in den Eisenerzbergwerken am Büchenberg und bei Hüttenrode, deren Bergzehnt die Grafen innehatten, konnte sogar noch gesteigert werden, zusammen mit der Menge an geförderten Erzen. Dafür, dass im restlichen Harz der florierende Bergbau in dieser Zeit fast vollständig zum Erliegen kam, ist diese Entwicklung äußerst bemerkenswert.«
Johannas Blick schweifte durch den Saal. Die Aufmerksamkeit des Publikums war ungebrochen, obwohl einigen Zuhörern das bisher Gesagte sicherlich schon aus ihrem Fachartikel in der Nuntia mediaevalia bekannt war. In vereinzelten Gesichtern in den vorderen Reihen erkannte sie neben Verblüffung auch Skepsis. Zwei oder drei Zuhörer schüttelten kaum merklich den Kopf, und einer hob die Hand für eine Zwischenfrage. Johanna glaubte, in dem kräftigeren Mann einen älteren Geschichtsprofessor einer bayerischen Universität zu erkennen, dessen Name ihr jedoch nicht einfiel. Huber, Heberle, Herbert, etwas in der Art. Sie widerstand dem Impuls, auf seine Meldung einzugehen. Am Ende des Vortrags würde genug Zeit für eine Diskussion bleiben. Zunächst wollte sie lieber die bisher unveröffentlichten Ergebnisse ihrer Arbeit vorstellen, die sie in den vergangenen Wochen zusammengetragen hatte.
»Wir stellten uns die Frage, ob weitere lokale Bergwerke ihre Produktion aufrechterhalten konnten, was ein Indiz dafür wäre, dass auch andere Gebiete im Harz von der Pest weniger stark oder gar nicht betroffen waren. Leider sieht die Quellenlage in Hinblick auf buchhalterische Aufzeichnungen der Bergwerksbetreiber eher schlecht aus. Lediglich bei Klöstern, die im Harz ebenfalls am Bergbau beteiligt waren, ist entsprechendes Schriftgut in weit größerem Maß überliefert. Das Zisterzienserkloster Walkenried kann man ohne Übertreibung als ein Schwergewicht der mittelalterlichen Harzer Montanwirtschaft bezeichnen. Es betrieb eigene Gruben am Rammelsberg bei Goslar und andernorts und ließ Blei-, Zink-, Kupfer- und Silbererze abbauen. Und in der Tat hatten wir Erfolg bei unserer Suche. Am Standort Wolfenbüttel des Niedersächsischen Landesarchivs konnten wir einige buchhalterische Aufzeichnungen des Klosters aus jener Zeit ausfindig machen. Entsprechend den bisherigen Erkenntnissen über den Harzer Bergbau brachen auch die Fördermengen der Zisterzienser ab 1350 massiv ein. Das deutet darauf hin, dass die Grafschaft Regenstein tatsächlich ein Sonderfall war.«
Johanna nahm einen Schluck Wasser. Sie war im Begriff weiterzureden, als ihr der Mann aus der zweiten Reihe, dessen Handzeichen sie ignoriert hatte, zuvorkam. Sein Name lag ihr auf der Zunge. Er erhob sich mit einem leisen Schnaufen, wobei er sich mit beiden Händen auf den Armlehnen abstützte. Er wartete nicht ab, bis sie ihm das Wort erteilte, sondern begann direkt mit seinem Einwand.
»Frau Maiwald, Sie stützen sich auf eine Sekundärquelle, die im 18. Jahrhundert von einem Hobbyforscher geschrieben wurde, um es mal etwas salopp zu sagen. Halten Sie das für seriös? Würde eine gewissenhafte Forscherin nicht versuchen, die Originalquellen ausfindig zu machen, auf die sich Ihr Herr Theiss beruft?«
Johanna spürte, wie warmes Blut in ihre Ohren strömte. Sie hatte mit Einwänden gerechnet, konnte diese körperliche Reaktion jedoch nicht unterdrücken. Sie atmete tief ein und vergegenwärtigte sich ihre sorgfältige Arbeitsweise. Es gab keinen Grund, sich einschüchtern zu lassen. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf, bevor sie antwortete.
»Selbstverständlich würde ich gerne einen Blick in die Originalquellen werfen, die Theiss vorlagen. Allerdings sind diese verschollen. Vermutlich verbrannt, 1943 im Landesarchiv in Hannover bei einem Luftangriff.«
Johanna war mit ihrer Antwort zufrieden, stellte jedoch fest, dass der Professor mit seinem Einspruch noch nicht fertig war.
»Immerhin haben Sie sich bei den Auswertungen zum Walkenrieder Bergbau um Primärquellen bemüht. Aber denken Sie wirklich, dass Fördermengen von Harzer Bergwerken ein geeigneter Indikator dafür sind, wo im Harz die Pest wütete und wo nicht?«
Johanna seufzte innerlich. Der Mann wollte einfach nicht lockerlassen.
»Am praktischsten wäre es natürlich, wenn wir in alten Kirchenbüchern nachlesen könnten, wie viele Menschen damals in den Harzer Gemeinden starben. Leider gab es Kirchenbücher damals noch nicht. Vor diesem Hintergrund denke ich in der Tat, dass Informationen über die damalige Bergbautätigkeit gute, wenngleich indirekte Hinweise auf das Wirken der Pest geben können.«
Johanna startete einen neuen Versuch, ihren Vortrag fortzusetzen, aber der Mann fuhr ungerührt fort.
»Dann nehmen wir für einen Moment mal an, Frau Maiwald, dass Ihre gewagte Hypothese, die Pest habe in der Grafschaft Regenstein keine Opfer gefordert, korrekt sei. Sie erwecken bei mir den Eindruck, als hielten Sie das für etwas Besonderes. Dabei ist es doch eine bekannte Tatsache, dass die Pest in verschiedenen Gegenden unterschiedlich stark wütete. Sie selbst haben erwähnt, dass Böhmen so gut wie nicht betroffen war. Auch dürfte Ihnen bekannt sein, dass ganze Städte wie Mailand, Würzburg und Nürnberg von der ersten Pestwelle verschont geblieben sind.«
Johanna fand den Mann zunehmend anstrengend, bemühte sich aber, professionell zu bleiben.
»In Mailand schloss man rigoros die Tore, als die Pest herannahte, und ließ alle Besucher gründlich überprüfen, bevor man sie hereinließ. Die wenigen Familien, die dennoch innerhalb der Stadtmauern erkrankten, wurden in ihren Häusern kurzerhand eingemauert. Auch bei Würzburg und Nürnberg handelt es sich um Städte, die sich abriegeln ließen. Dass dies selbstverständlich keine Garantie für einen wirkungsvollen Schutz darstellte, zeigen die vielen anderen europäischen Städte, denen weniger Glück beschert war. Und letztendlich wissen wir auch im Falle der drei genannten Städte nicht, warum sie zunächst von der Pest verschont blieben. Vergleichbar mit der Grafschaft Regenstein, deren Territorium nicht durch eine Mauer begrenzt war, sind sie aber keinesfalls. Und auch mit Böhmen kann man die Grafschaft nicht vergleichen. Dort waren die Grenzen des Gebiets, das die Pest aussparte, fließend und nicht deckungsgleich mit herrschaftlichen Grenzen. Die Grafschaft Regenstein ist das einzige bisher bekannte Herrschaftsgebiet ohne befestigte Umgrenzung, in dem die Pest keinerlei Todesopfer forderte.«
Dem Professor war sein Unmut trotz ihrer Argumente weiterhin deutlich anzusehen. »Angenommen dem wäre so«, setzte er seine Kritik fort, »wollen Sie damit etwa andeuten, die Bewohner der Grafschaft hätten einen wirkungsvollen Schutz vor der Pest besessen?«
Ein Lächeln huschte über Johannas Gesicht.
»Anhand des Manuskripts von Theiss lässt sich diese Annahme nicht ableiten. Allerdings gehen wir dennoch davon aus, dass die Bewohner der Grafschaft nicht nur von der Pest verschont blieben, sondern auch von ihr genasen, wenn sie sich doch infiziert hatten.«
Der Professor hob die Augenbrauen und schnaubte. »Das ist ja ganz und gar lächerlich. Woher nehmen Sie diese Erkenntnis? Sie sagen ja selbst, dass Ihre Quelle das nicht hergibt.« Seine Gesichtsfarbe hatte inzwischen ein leuchtendes Rot angenommen.
Johanna hielt dem spöttischen Blick des Professors stand. Ihr war bewusst, dass sie mit ihrer letzten Aussage dem Rest ihres Vortrags vorgegriffen hatte. Ihren größten Trumpf hatte sie noch nicht ausgespielt.
»Gerne beantworte ich Ihnen und allen anderen hier im Saal diese Frage, wenn Sie mich fortfahren lassen. Nach meinem Vortrag stehe ich Ihnen für weitere Fragen zur Verfügung, Herr Professor Hübner.« Sein Name war ihr unverhofft wieder eingefallen.
Der Professor ließ sich ächzend zurück auf seinen Stuhl sinken und zog dabei einen Mundwinkel nach oben. Johanna deutete das missglückte Lächeln als eine Mischung aus Hohn und Entzückung darüber, dass sie ihn kannte. Die Eitelkeit einiger Professoren verwunderte sie immer wieder.
Sie spürte ein Kribbeln im Bauch. Die unwiderlegbare Bestätigung ihrer Erkenntnisse hatte sie für den Schluss aufgehoben. Sie drückte eine Taste. Auf der Leinwand erschien klar und deutlich lesbar das Foto einer mittelalterlichen Handschrift.
»Dies ist ein Brief, geschrieben auf Papier im Jahr 1350. Der Absender ist ein Zisterziensermönch, der Empfänger das Kloster Walkenried, dem der Mönch von den Beobachtungen auf seiner Reise durch den Harz berichtet. Entdeckt haben wir den Brief in den buchhalterischen Aufzeichnungen des Klosters. Die Rückseite ist beschrieben mit Fördermengen einer Walkenrieder Grube.«
Johanna verzichtete auf eine Erläuterung, warum die Rückseite des Briefes für buchhalterische Zwecke verwendet worden war. Ihren Fachkollegen war klar, dass Papier im Europa des 14. Jahrhunderts ein wertvoller Beschreibstoff war. Die Mönche hatten den Brief schlicht und ergreifend recycelt.
»Wir sind der Meinung, dass dies eine ganz ausgezeichnete Primärquelle ist«, sagte sie und konnte sich einen triumphierenden Blick in Richtung des Professors nicht verkneifen, während sie das Wort Primärquelle betonte. Dann lenkte sie die Aufmerksamkeit ihres Publikums auf eine Passage des Briefs und begann, deren Übersetzung ins Hochdeutsche vorzulesen.
»Viel Elend sah ich auf meiner Reise durch den Harz. Menschen spuckten Blut, das Fleisch schwoll ihnen unter der Haut und sie litten unermessliche Schmerzen. Mancher brach mitten auf der Straße zusammen. Vielerorts säumten Leichen den Weg. Wer sich infizierte, dem blieben nur noch Tage, wenn nicht Stunden. Nun bin ich dort, wo die Grafen von Regenstein regieren. Gänzlich anders ist es hier. Die Menschen gehen ihrem Tagewerk nach, als sei die Welt um sie herum nicht Gottes Zorn anheimgefallen. Und zeigt doch einer erste Anzeichen der Seuche, so sieht man ihn am nächsten oder übernächsten Tage wohlauf und ohne jede Pein. Doch fragt man ihn, was ihm widerfahren ist, so hüllt er sich in Schweigen. Nur Gott allein weiß, warum er diesen Flecken Erde von seiner bitteren Rache verschont.«
Durch die Türen zum Foyer, wo das Personal der Cateringfirma die Reste des Mittagsbuffets abräumte, drang das gedämpfte Klirren von Geschirr. Im Saal dagegen war nicht ein Hüsteln oder Rascheln zu hören. Auch die letzten Tippgeräusche waren verstummt.
Johanna schwieg und ließ den Text wirken. Das Fazit ihres Vortrags war eindeutig: Den Bewohnern der Grafschaft Regenstein hatte eine Möglichkeit zur Verfügung gestanden, Pestkranke zu heilen. Ihr Blick fiel auf Professor Hübner. Sein Unterkiefer malmte, doch er unternahm keinen weiteren Angriff.
Sie tastete nach der Silbermünze in ihrer Hosentasche. Ihr Vater wäre stolz auf sie gewesen.
Die Abendsonne tauchte den Himmel am Horizont in ein zartes Rot, während der silbergraue Skoda Octavia Richtung Norden glitt. Holthausen war mal wieder viel zu lang im Büro geblieben. Wenigstens umging er so den dichten Feierabendverkehr. Und seine Tochter war ohnehin nicht zu Hause.
Er lenkte den Wagen, ohne der Strecke besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Er kannte sie auswendig. Seit fünf Jahren fuhr er sie beinahe täglich. Er hatte es mit der S-Bahn probiert, aber die war ihm zu voll. Zu viele Menschen auf zu engem Raum. Der Berliner Straßenverkehr war eindeutig das kleinere Übel.
Früher hatten sie – seine Frau, Sophie und er – in einem Mietshaus in Charlottenburg gewohnt. Nach seinem Amtsantritt als Professor hatten sie ein Haus aus den Sechzigern mit Garten in einem Wohnviertel in Hermsdorf gekauft und modernisiert. Die ruhige Anliegerstraße mit ihren alten Bäumen war ideal für eine Familie mit einer zehnjährigen Tochter. Doch das Familienglück währte nicht lange. Weniger als ein Jahr nach dem Umzug eröffnete ihm seine Frau, dass sie ihn verlassen würde. Er hatte geahnt – nein, gewusst –, dass es eines Tages so kommen würde.
Es grenzte an ein Wunder, dass sie überhaupt zusammengekommen waren: er ein strebsamer Geschichtsstudent, der seine Bücher liebte und viel Zeit in der Bibliothek verbrachte; sie eine Kunststudentin, den Kopf voller kreativer Ideen, ein Freigeist, der mit Konventionen nichts anfangen konnte. Auf der Geburtstagsfeier irgendeines längst aus den Augen verlorenen Kommilitonen waren sie am Buffet ins Gespräch gekommen. Sie war spontan, offen, unkompliziert im Umgang mit anderen. Ihn, den Sachlichen, Zurückhaltenden, hatte das fasziniert. Als er sie später fragte, was genau an ihm sie angezogen hätte, sagte sie, dass sie seine Ernsthaftigkeit schätze, seine Beständigkeit und seine Verlässlichkeit.
Sie durchlebten eine Beziehung mit Höhen und Tiefen, in der ihre Gegensätzlichkeit immer wieder zu Tage trat. Die Frage, ob und wie es weitergehen würde, schwebte unablässig über ihnen. Dann wurde sie schwanger. Trotz aller Unterschiede waren sie sich einig, dass sie das Kind behalten würden. Und dass es in einer richtigen Familie aufwachsen sollte. Für ihn stand fest, dass dazu ein Trauschein gehörte. Er machte ihr einen Antrag; sie erbat sich Bedenkzeit. Als sie vor den Standesbeamten traten, war sie hochschwanger. Sie lächelte, er auch.
Echte Glücksgefühle kamen mit der Geburt ihrer Tochter. Sophie verzauberte sie im Handumdrehen, und sie waren fest entschlossen, ihr ein intaktes Familienleben zu bieten. Dafür waren sie bereit zurückzustecken. Finanziell waren sie auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen, bis er sein Studium beendete und eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität annahm. Sein Gehalt war nicht üppig, aber es reichte zum Leben ohne großen Luxus. Sie stieg erst später wieder ins Studium ein und machte ihren Abschluss zwei Jahre nach ihm.
Familienausflüge und Verwandtschaftsbesuche unternahmen sie gemeinsam. Zu Kunstausstellungen und Kulturveranstaltungen ging sie meist allein, während er sich seiner Forschung widmete, in Büchern versank und seine Doktorarbeit vorantrieb. Sie hatten sich arrangiert, alles zum Besten ihrer Tochter. Er hätte wissen müssen, dass sie sich auf Dauer eingesperrt fühlen würde. Nur zögerlich stimmte sie zu, dass er die Professur annahm und sie das Haus kauften, das sie sich mit seiner Besoldung nun leisten konnten. Die Anzeichen und Gesten, mit denen sie ihm ihre wahren Gefühle mitzuteilen versuchte, wollte oder konnte er nicht wahrnehmen. Das Ideal der Familie mit Haus, Garten und geregeltem Einkommen war sein Ideal, nicht ihres. Es entsprach nicht ihrem Naturell.
Am Ende kam, was kommen musste: Auf einer Vernissage lernte sie einen amerikanischen Künstler kennen, der ihr unverblümt Avancen machte. Sie ergriff die Gelegenheit, dem Leben, das sie so nie gewollt hatte, zu entfliehen. Als sie ihm offenbarte, dass sie mit ihrem Liebhaber ein neues Leben in Übersee beginnen würde, hatte ihn das nicht einmal überrascht. Dass sie ihn verlassen hatte, schmerzte ihn, aber er konnte es ihr nicht verübeln. Was er ihr verübelte, war, dass sie Sophie verlassen hatte.
Der Kies auf der Einfahrt knirschte unter den Reifen des Skodas, als der Wagen vor der Garage zum Stehen kam. Wie so oft war er zu Hause angekommen, ohne sich an die Einzelheiten der Fahrt zu erinnern.
Er stellte den Motor ab und griff nach dem Buch auf dem Beifahrersitz. Mehrere Wochen hatte er auf das neue Werk eines Kollegen gewartet. Heute hatte es die Poststelle endlich in sein Büro gebracht. Behutsam strich er über den glatten Schutzumschlag. Der Geruch des frisch bedruckten Papiers weckte in ihm die Vorfreude auf den Abend. Mit dem Buch und einem Glas Wein würde er es sich im Sessel gemütlich machen. Sophie war auf ihrer Party, niemand würde ihn stören. Außerdem würde ihn die Lektüre daran hindern, erneut über den seltsamen Besucher nachzudenken, der ihn vorhin im Büro noch eine ganze Weile beschäftigt hatte.
Er stieg aus, nahm seine Tasche von der Rückbank und verschloss das Auto mit der Fernbedienung, während er die wenigen Schritte zur Haustür zurücklegte. Er stutzte, als er den Schlüssel im Schloss drehte. Es war nicht abgeschlossen. Wollte seine Tochter nicht längst bei ihrer Freundin sein? Irritiert betrat er die Diele.
»Sophie«, rief er die Treppe hinauf, bekam jedoch keine Antwort. Er legte seinen Schlüsselbund in die Schale auf der Kommode neben den ihren. Ihre Schuhe standen unter der Garderobe. Vermutlich hörte sie wieder mit Kopfhörern Musik auf ihrem Smartphone. Das tat sie unentwegt.
Er ging ins Wohnzimmer. Der Parkettboden glänzte im Licht der Abenddämmerung, das durch das großflächige Panoramafenster fiel. Das Buch legte er auf den Beistelltisch neben der Couch. Auf dem Tischchen stand eine Bronzestatue. Die schmale Figur – ein stilisierter Frauenkörper mit überlangen Armen und Beinen – war ein Kunstwerk seiner Ex-Frau, eine der wenigen verbliebenen Erinnerungen an sie in diesem Haus. Sophie und er mochten die Figur, also hatten sie sie behalten.
Die lange Schrankwand reichte bis unter die Decke und war voller Bücher, zwischen denen einige gerahmte Fotos von Sophie standen. Und von seinen Eltern und der Familie seiner Schwester, die er viel zu selten sah, geschweige denn anrief. Sie wohnten weit weg in der Nähe von Karlsruhe. Er war der Einzige aus seiner Verwandtschaft, den es ans andere Ende der Republik verschlagen hatte.
Sein Magen knurrte. Seit dem Sandwich in seinem Büro und dem Apfel, den Sophie ihm dagelassen hatte, hatte er nichts mehr gegessen. Er ging hinüber in die offene Wohnküche und warf einen Blick in den Kühlschrank. Es war noch ein Rest von dem Kartoffelauflauf da, den Sophie vor zwei Tagen gemacht hatte, und der auch ohne dicke Käsekruste obendrauf erstaunlich gut schmeckte. Er schaufelte eine Portion auf einen Teller und stellte ihn in die Mikrowelle. Dann ging er nach oben, um sich etwas Bequemeres anzuziehen. Auf dem Weg zum Schlafzimmer kam er an Sophies Tür vorbei. Sie war angelehnt. Er klopfte an und stieß sie ein Stück weiter auf.
Das Bild, das sich ihm bot, ließ ihn erstarren. Das Regal war umgekippt und auf das Bett gestürzt. Die Bettdecke lag auf dem Boden. Bücher, Hefte, Stifte und Fotos, die Sophie mit einigen ihrer Freundinnen zeigten, waren überall verstreut. Wie betäubt machte Holthausen einen Schritt in den Raum und betrachtete die andere Hälfte des Zimmers. Ein langgezogener Sprung verlief quer über die Spiegeltür des Kleiderschranks. Auf dem Teppich davor lag Sophies Smartphone, das Display schwarz und zerschmettert.
Holthausen hielt sich an der Tür fest. Sein Magen verkrampfte sich. Was hatte sich hier abgespielt? Alles sah nach einem Kampf aus. Er hastete zurück in den Flur. »Sophie«, schrie er mehrmals, während er alle Türen aufriss und nacheinander in sein Schlafzimmer, ins Bad und ins Gästezimmer rannte. Keine Spur von seiner Tochter. Wo war sie? Panik hatte von ihm Besitz ergriffen. Sein rasender Herzschlag pochte deutlich spürbar in seinen Halsschlagadern und das Blut rauschte in seinen Ohren.
Er stürmte die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend, und stürzte zurück ins Wohnzimmer. Die Ladestation des Telefons stand an ihrem Platz auf der Anrichte. Sie war leer. Wo war das verdammte Telefon? Er wirbelte herum und zerrte alle Kissen von der Couch. Nichts! Er fegte die Zeitschriften vom gläsernen Couchtisch. Kein Telefon! Sein Blick sprang wild hin und her. Dann entdeckte er es hinter der Obstschale auf dem Esstisch. Mit zwei Sätzen war er dort und griff danach. Er wählte den Notruf, vertippte sich, legte auf, versuchte es erneut.
»Das lassen Sie besser sein, Professor.«
Er fuhr herum. Vor Schreck glitt ihm das Telefon aus der Hand, prallte auf den Parkettboden und fiel auseinander. Der Akku schlitterte davon. Er erkannte die Stimme sofort. Schneider stand wenige Schritte von ihm entfernt, aufgetaucht wie aus dem Nichts. Er trug immer noch denselben schimmernden Anzug und jetzt bemerkte Holthausen auch wieder den holzigen Männerduft. War er die ganze Zeit im Haus gewesen?
Holthausen schnaubte. »Wo ist meine Tochter?« Mit einer Wut, die er von sich nicht kannte, stürmte er auf den Eindringling zu. Dessen Faust traf ihn vollkommen unerwartet mitten in die Magengrube. Ächzend ging er zu Boden. Auf allen vieren schnappte er nach Luft, doch seine Lunge gab nur ein pfeifendes Geräusch von sich.
»Ihrer Tochter geht es den Umständen entsprechend gut. Noch besser ginge es ihr, wenn Sie das Angebot von heute Nachmittag angenommen hätten. Das wäre für alle Beteiligten erfreulicher gewesen.«
Holthausen gelangen ein paar kurze Atemzüge, doch aufrichten konnte er sich nicht. Stattdessen kroch er langsam in Richtung Couch. An Sprechen war nicht zu denken. Schneiders Monolog drang zu ihm wie durch Watte.
»Ihre Expertise ist für uns von unschätzbarem Wert«, fuhr dieser fort, als wäre dies ein normales Gespräch. »Wenn Sie erst einmal wissen, worum es geht, werden Sie verstehen, dass wir darauf nicht verzichten können.«
Holthausen hatte die Couch erreicht und zog sich daran entlang in Richtung Beistelltisch. Der Schmerz in der Magengrube ließ ein wenig nach und seine Lunge erlaubte ihm, wieder tiefer Luft zu holen. Er stellte einen Fuß auf den Boden, richtete seinen Oberkörper auf und versuchte, seine Hände vom Blickfeld seines Gegners abzuschirmen, der irgendwo hinter ihm stand. Er griff die Bronzestatue mit beiden Händen am unteren Ende, stieß sich mit aller Kraft mit dem aufgestellten Fuß vom Boden ab und schoss nach oben. Mit ausgestreckten Armen schleuderte er die Statue wie einen Baseballschläger herum. Der Schlag ging ins Leere. Die Energie des Schwungs riss ihn mit sich. Er spürte Schneiders festen Griff an seinem rechten Oberarm und der linken Hüfte. Im nächsten Augenblick wirbelte er über Schneiders Schulter durch die Luft und krachte mit voller Wucht rücklings auf den gläsernen Couchtisch, der unter ihm zerbarst. Japsend lag er inmitten der Scherben. Er war wie gelähmt. Mit aufgerissenen Augen sah er, wie Schneider zu ihm hinabblickte.
»Professor Holthausen, bitte ersparen Sie sich und mir weitere Unannehmlichkeiten. Wir benötigen Ihre Hilfe und wir werden sie bekommen. Es ehrt Sie, dass Sie sich nicht kampflos unterwerfen, aber Sie haben keine Chance. Fügen Sie sich! Das macht es leichter für uns alle.«
Holthausen versuchte, sich zu bewegen, aber sein ganzer Körper schmerzte. Selbst das Sprechen tat ihm weh.
»Was …, was wollen Sie von mir?«, brachte er mit kaum hörbarer Stimme hervor.
»Das erfahren Sie früh genug. Es hat keinen Sinn, Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt irgendetwas zu erklären. Sie würden mir ohnehin nicht glauben. Seien Sie in nächster Zeit einfach besonders aufmerksam. Halten Sie Ausschau nach dem Hirschgeweih eines Achtenders. Über diesem finden Sie Ihre Instruktionen.«
Holthausen verstand kein Wort. War es der Schock, der seine Auffassungsgabe benebelte, oder redete Schneider einfach nur sinnloses Zeug? Der Mann war ein Irrer in einem Albtraum, der an diesem Nachmittag in seinem Büro begonnen hatte. Wo war Sophie? Was wollten Schneider und sein Auftraggeber von ihm und seiner Tochter?
Holthausen wollte etwas erwidern, doch ihm fehlte die Kraft. Er sah, wie Schneider einen Gegenstand aus der Innentasche seines Jacketts zog, länglich, schwarz schimmernd. Das Bild auf Holthausens Netzhaut verschwamm. Er kniff die Augen zusammen. Es war … eine Waffe! Grundgütiger, Schneider hatte eine Pistole in der Hand! Blanke Panik durchflutete alle Zellen seines Körpers. Schneider würde ihn erschießen. Und Sophie, was würden sie mit seiner Tochter machen?
Holthausen riss den Mund auf und setzte an zu einem Schrei. Den Schmerz spürte er schon nicht mehr, als der Griff der Pistole mit einem heftigen Schlag auf seinen Kopf niederging. Um ihn herum war nur noch Schwärze.
Die satten Strahlen der Mittagssonne, die durch das imposante Kirchenfenster des südlichen Querschiffs fielen, warfen bunte Lichtflecken auf den Steinboden zu Johannas Füßen. Sie hatte in der ersten Reihe der hölzernen Bestuhlung Platz genommen und verharrte schweigend. Der Halberstädter Dom raubte ihr immer wieder den Atem. Die schiere Höhe des Langhauses, die kunstvollen Figuren und Ornamente und die detailreichen Glasmalereien erfüllten sie mit Ehrfurcht vor dem, was die Menschen im Mittelalter geleistet hatten. Und sie genoss die Stille. Nur die leisen Schritte einiger Touristen waren zu hören, die andächtig durch die Kirche wandelten.
Am frühen Morgen hatte sie aus ihrem Hotel in Erfurt ausgecheckt und in ihrem roten Toyota Yaris die knapp zweistündige Fahrt nach Halberstadt im nördlichen Harzvorland angetreten. Der Ort lag auf dem Weg nach Wolfenbüttel, wo sie die nächsten Tage für ihre weitere Forschung verbringen würde. Ein Zwischenstopp bot sich geradezu an.
Wie immer, wenn sie hier war, hatte es sie zuallererst in den Dom gezogen, mit dessen Baugeschichte sie bestens vertraut war. Das ehemalige Bistum Halberstadt hatte die gotische Kathedrale vom 13. bis ins 15. Jahrhundert errichten lassen, beginnend mit dem Westportal und den ersten drei Jochen des Langhauses. Danach folgte der gegenüberliegende Chor. Mit dem dazwischen verliebenen Rumpf des Vorgängerbaus, einer ottonischen Basilika, musste das Ganze für Zeitgenossen ein kurioser Anblick gewesen sein. Schließlich wich auch dieser Torso dem restlichen Langhaus und dem Querhaus.
Von außen waren die drei Bauabschnitte anhand der unterschiedlichen Strebepfeiler leicht zu erkennen. Im Inneren dagegen musste man schon etwas genauer hinsehen, um die verschiedenartige Gestaltung der Pfeiler und der Kreuzgratgewölbe zu bemerken. Johanna staunte jedes Mal aufs Neue über den harmonischen Gesamteindruck des Innenraums, dem man seine 250 Jahre andauernde Bauzeit nicht ansah.
Ihre Begeisterung für Geschichte hatte sie von ihrem Vater. Ohne ihn würde sie heute zweifelsohne einem anderen Beruf nachgehen. Schon als sie ein kleines Mädchen war, hatte er die Leidenschaft für die Welt des Mittelalters, die in ihm glühte, auch in ihr geweckt. Abends am Bett lauschte sie seinen Geschichten über vergangene Zeiten. Manchmal nahm er sie mit ins Deutsche Historische Museum, wo er als Kurator arbeitete, und zeigte ihr seltene Exponate: Münzen, Schwerter, Kleidungsstücke. Er erklärte ihr, wie die Menschen diese Gegenstände hergestellt und benutzt hatten. An den Wochenenden verreisten sie oft und besichtigten Burgen und Kathedralen. Letztere hatten es Johanna besonders angetan. Wenn sie in einer Kathedrale stand, ihr Vater sich neben sie kniete und ihr von den Handwerkern erzählte, die das gewaltige Bauwerk errichtet hatten, konnte sie das Hämmern, Meißeln, Sägen und Schleifen regelrecht hören. Sie sah die Gläubigen, die zu hohen Feiertagen aus dem ganzen Umland in Scharen herbeiströmten und sich im Kirchenschiff drängten. Ihr Vater – und ihre Fantasie – hatten das Mittelalter für sie lebendig werden lassen.
Dann, als sie zehn Jahre alt war, kam dieser eine Tag: ein wunderschöner, warmer Sommertag, und zugleich der schrecklichste in ihrem bisherigen Leben. Sie war mit ihrer Mutter zum Einkaufen gegangen. Ihr Vater war zu Hause geblieben und hatte im Garten ihres kleinen Häuschens in Potsdam gearbeitet, das ihre Eltern nach der Wende gekauft hatten. Er liebte seine Beete. Der Garten war seine zweite große Leidenschaft.
Die Bilder nach ihrer Rückkehr vom Einkauf hatten sich tief in Johannas Gedächtnis eingebrannt. Sie verfolgten sie bis heute. Seltener zwar als früher, aber ihre Intensität war dieselbe geblieben. Wie in Zeitlupe liefen sie vor ihrem inneren Auge ab. Wie sie durchs Haus zur Terrassentür läuft, nach ihrem Vater ruft und lacht. Wie sie in den Garten springt, erneut nach ihm ruft, ihn nicht sieht. Sich umschaut und plötzlich seine Gartenstiefel entdeckt, die hinter dem kleinen Gewächshaus hervorschauen. Hat Papa sich hingelegt, um sich auszuruhen? Sie rennt zur Ecke des Gewächshauses und blickt dahinter. Sie schreit auf. Er liegt auf dem Boden, reglos, die Augen weit geöffnet. Seine Arme und sein Gesicht sind mit rötlichen Flecken und Schwellungen übersät. Sie will sich zu ihm herunterbeugen, doch jemand hält sie zurück. Ihre Mutter zieht sie weg, zerrt sie durchs Haus auf die Straße, bringt sie zur Nachbarin, die gerade den Gehweg fegt, rennt zurück. Johanna heult, schreit, die Nachbarin hält sie fest und redet auf sie ein. Johannas Schreie werden zu einem Schluchzen. Ein Krankenwagen kommt, rot gekleidete Männer springen heraus, ziehen eine Trage mit sich, laufen ums Haus. Kurz darauf hasten sie mit der Trage zurück zum Wagen. Ihr Vater liegt darauf. Sie laden ihn ein und rasen davon. Ihre Mutter steht auf der Straße und blickt dem Wagen hinterher. Johanna läuft zu ihr, schlingt die Arme um sie und presst den Kopf an ihre Brust. Ihre Mutter drückt sie fest an sich und streicht ihr immer wieder über das Haar. So stehen sie da – eine Ewigkeit – und weinen.
Was ein anaphylaktischer Schock ist, verstand Johanna damals noch nicht, aber sie lernte an diesem Tag, dass ein Bienenstich ausreichen kann, um ihn auszulösen. Und dass man daran sterben kann.
Johanna blinzelte und begann, die Umgebung um sich herum wieder wahrzunehmen. Ihr Blick ruhte auf der hölzernen Figurengruppe über dem reich verzierten, kleinen Steinbauwerk direkt vor ihr, dem Lettner, der die Abtrennung zum dahinterliegenden Chor bildete. In der Mitte der Gruppe hing Jesus am Kreuz, links und rechts daneben standen Maria und Johannes, flankiert von zwei Engeln. Marias Gesichtsausdruck war ernst, die großen Augen starr geradeaus gerichtet, die Hände vor dem Kinn gefaltet. Johanna konnte den Schmerz und die tiefe Trauer spüren, die die Figur empfand. Sie fühlte denselben Schmerz und dieselbe Trauer, auch nach so vielen Jahren noch. Sie hatte ihren Vater sehr geliebt. Die Marienstatue verschwamm vor ihren Augen. Eine Träne lief über ihre Wange.
»Hallo Frau Maiwald, wie schön, Sie mal wieder bei uns zu sehen.«
Die sonore Stimme riss Johanna aus ihren bitteren Erinnerungen. Der Klang war ihr sofort vertraut. Sie senkte den Kopf, zog ihre Brille ein wenig nach oben und wischte sich rasch die Tränen aus den Augen, bevor sie leise schniefend ein Lächeln aufsetzte und sich erhob. Sie streckte ihrem etwas fülligen Gegenüber die Hand entgegen.
»Guten Tag Herr Steinkamp, freut mich ebenfalls. Mit Ihnen habe ich hier an einem Samstag gar nicht gerechnet.«
»Darum konnte ich meinen Talar heute auch im Schrank lassen.« Er lächelte ihr freundlich zu. »Aber auch ohne Gottesdienst gibt es hier immer das ein oder andere für mich zu tun. Und Sie? Wollten Sie mal wieder nach ihrem Schützling sehen, dem guten Bernhard von Regenstein? Dann haben Sie sicher schon von den Ereignissen der vorletzten Woche gehört.«
Johanna setzte ein fragendes Gesicht auf. Natürlich wusste sie, von wem er sprach. Bernhard II. von Regenstein war ein Angehöriger des Adelsgeschlechts, für dessen Grafschaft sie sich so brennend interessierte. Nach seinem Tod im Jahre 1358 hatte man ihn in einem Sarkophag bestattet, zunächst im Rumpf der alten Basilika und später im vollendeten Dom. Immer wenn sie hier war, schaute sie an seiner Grabstätte vorbei, aber heute war sie noch nicht dort gewesen. Das hatte sie sich für den Schluss ihres Besuchs aufgehoben.
»Nein, davon habe ich noch nicht gehört! Was meinen Sie?«
Steinkamp runzelte die Stirn, hielt kurz inne und machte einen einladenden Wink mit der Hand, während er sich umdrehte.
»Dann kommen Sie mal mit, ich zeige es Ihnen. Sie haben doch starke Nerven, oder?« Er zwinkerte ihr zu. »Eigentlich soll ich niemanden hinführen, aber die Polizei hat die Spurensicherung ohnehin schon abgeschlossen. Und Sie, gewissermaßen eine enge Vertraute der Regensteiner, dürfte das besonders interessieren.«
Mit flinken Schritten, die Johanna angesichts seiner Statur nicht unbedingt erwartet hätte, ging der Pfarrer voran und bog in den nördlichen Chorumgang ein. Hier, in einer Nische in der Außenwand, kurz vor dem östlichen Scheitelpunkt des Domes, stand der Sarkophag. Warum Bernhard von Regenstein seine letzte Ruhestätte in diesem Dom gefunden hatte, war der Geschichtsforschung ein Rätsel geblieben. Sein Vater, Albrecht II., führte zeitlebens eine Fehde mit dem Bischof von Halberstadt, ebenfalls ein Albrecht, ebenfalls der Zweite, allerdings aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg. Der Bischof hatte Bernhards Vater im Jahre 1349 sogar überfallen und umbringen lassen. Es gab keinen plausiblen Grund dafür, dass er einer Bestattung eines Regensteiners in seiner Kirche zugestimmt hätte.
Bereits aus der Ferne erkannte Johanna eine provisorische Sperrwand aus Pressholz, die auf Höhe der Nische über die ganze Breite des Chorumgangs errichtet worden war. Als sie näherkamen, bemerkte sie eine Tür in der Wand, die aus demselben Material gezimmert und daher nicht gleich zu erkennen war. Im Gehen zog Steinkamp einen Schlüssel aus der Tasche. Wenige Sekunden später schritten sie durch die Tür, die Steinkamp hinter ihnen sofort wieder schloss. Ein paar Meter vor sich sah Johanna eine zweite Wand, die zusammen mit der ersten den Bereich des Chorumgangs vor der Nische mit dem Sarkophag abtrennte.
»Na, was sagen Sie dazu?«, fragte der Pfarrer.
Johanna schaute sich um. Der Sarkophag stand an seinem Platz, so schlicht, wie sie ihn in Erinnerung hatte, mit der ihr vertrauten Inschrift auf der Vorderseite:
