Der Gesang der Bäume - David G. Haskell - E-Book

Der Gesang der Bäume E-Book

David G. Haskell

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Beschreibung

David G. Haskell hat ein Dutzend Bäume in verschiedenen Weltgegenden und ihre Verbindungen mit Pilzen, Bakterien, Tieren und anderen Pflanzen erforscht. Ein Kapokbaum im Amazonasgebiet macht das reiche Ökosystem in einem tropischen Urwald, aber auch die Gefahren, die von nahe gelegenen Ölfeldern ausgehen, sichtbar. Tausende von Kilometern davon entfernt, in Kanada, überleben die Wurzeln einer Balsamtanne in kargem Boden nur in Partnerschaft mit Pilzen. An fossiler Holzkohle, die von Eiszeitmenschen hinterlassen wurde, und versteinerten Redwoods in den Rocky Mountains zeigt Haskell, wie sich das Klima durch das Netzwerk der Bäume, der Bodenorganismen und der Atmosphäre entwickelt hat. Haskell erforscht aber auch Bäume in von Menschen dominierten Räumen – einen Pfirsichbaum in Manhattan, einen Olivenbaum in Jerusalem, einen Bonsai in Japan – und macht klar, dass kein Geschöpf ohne die wilden biologischen Verflechtungen leben kann. Diese vernetzte Sicht auf das Leben bereichert unser Verständnis von Biologie, menschlicher Natur und Ethik. Wenn wir Bäumen, den großen Netzwerkern der Natur, zuhören, lernen wir, wie wir Beziehungen leben können, die dem Leben Substanz und Schönheit verleihen.

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Seitenzahl: 451

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Zum Buch

Der Gesang der Bäume, ihr lebendiges Gedächtnis, erzählt von einer Lebensgemeinschaft, einem Beziehungsnetzwerk, dessen Teil auch wir Menschen sind.

David Haskell hat ein Dutzend Bäume in verschiedenen Weltgegenden und ihre Verbindungen mit Pilzen, Bakterien, Tieren und anderen Pflanzen erforscht. An einem Kapokbaum im Amazonasgebiet macht er das reiche Ökosystem in einem tropischen Urwald sichtbar, aber auch dessen Gefährdung. Tausende von Kilometern davon entfernt, in Kanada, überleben die Wurzeln einer Balsamtanne in kargem Boden nur in Partnerschaft mit Pilzen. An fossiler Holzkohle und versteinerten Redwoods in den Rocky Mountains zeigt Haskell, wie sich das Klima durch das Netzwerk der Bäume, der Bodenorganismen und der Atmosphäre entwickelt hat.

Er erforscht aber auch Bäume in von Menschen dominierten Räumen – eine Wildbirne in Manhattan, einen Olivenbaum in Jerusalem – und macht klar, dass kein Geschöpf ohne die wilden biologischen Verflechtungen leben kann. Seine vernetzte Sicht auf das Leben bereichert unser Verständnis von Biologie, menschlicher Natur und Ethik.

Über den Autor

David G. Haskell lehrt als Professor für Biologie an der University of the South und lebt in Sewanee, Tennessee. Neben wissenschaftlichen Arbeiten hat er Essays und Gedichte veröffentlicht.

Für Das verborgene Leben des Waldes (Kunstmann 2015) erhielt er 2013 den Best Book Award der National Academies und war Finalist für den Pulitzerpreis.

David George Haskell

DER GESANG DERBÄUME

Die verborgenen Netzwerke der Natur

Aus dem Englischen vonChristine Ammann

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für meine Eltern, Jean und George Haskell

Inhalt

Vorwort

ERSTER TEIL

Kapokbaum

Balsamtanne

Palmettopalme

Rotesche

Zwischenspiel: Mitsumata-Strauch

ZWEITER TEIL

Hasel

Mammutbaum und Gelbkiefer

Zwischenspiel: Ahorn

DRITTER TEIL

Pappel

Chinesische Wildbirne

Olivenbaum

Mädchenkiefer

Dank

Literatur

Register

Vorwort

DIE GRIECHEN HOMERS besangen kleos, den ewigen Ruhm. Menschliche Taten lebten in Heldengesängen, Schwingungen der Luft fort.

Wer zuhörte, erfuhr, was bleibt.

Ich habe nach ökologischem kleos gesucht und den Bäumen zugehört. Ich fand keine Helden oder Individuen, um deren Taten sich die Geschichte dreht. Der Gesang der Bäume, ihr lebendiges Gedächtnis, erzählt von einer Lebensgemeinschaft: einem Beziehungsnetzwerk. Wir sind, als Verwandte, Teil der Gemeinschaft und der Erzählung.

Wer zuhört, vernimmt unsere Stimmen und die unserer Familie.

In jedem Kapitel dieses Buchs lausche ich dem Gesang eines anderen Baums: wie er klingt, welche Geschichten er erzählt und wie wir körperlich, emotional und geistig darauf reagieren. Vielfach verbirgt sich der Gesang unter der akustischen Oberfläche.

Wer zuhört, legt ein Stethoskop an die Landschaft und erfährt, was sich darunter regt.

Die Orte, die ich aufgesucht habe, scheinen auf den ersten Blick recht unterschiedlich. Die ersten Kapitel handeln von Bäumen fernab der Menschen. Doch auch diese Bäume sind mit unserem Leben, mit Vergangenheit und Zukunft verwoben. Manche der Verflechtungen sind so alt wie das Leben selbst, andere wiederholen ein altes Thema, vom industriellen Zeitalter neu interpretiert. In den mittleren Kapiteln wende ich mich den exhumierten Überresten von Bäumen zu, die schon lange tot sind: Fossilien und Holzkohle. Beide lassen uns den Erzählbogen erkennen, der die biologischen und geologischen Geschichten zusammenhält und vielleicht auch auf die Zukunft verweist. In den letzten Kapiteln lausche ich Bäumen, die in der Stadt und auf Feldern wachsen: in scheinbar vom Menschen dominierten Räumen, in denen die Natur abwesend oder außer Kraft gesetzt scheint. Doch kein Geschöpf kann ohne die wilden biologischen Verflechtungen leben.

Wo immer ich den Bäumen zugehört habe, ist ihr Gesang aus einem Beziehungsgeflecht entstanden. Auch wenn der massive Baumstamm scheinbar als Individuum, »in edler Einfalt und stiller Größe«, in der Landschaft steht, verweigert er sich bei näherer Betrachtung dem atomistischen Blick. Wir alle, ob Bäume, Menschen, Insekten, Vögel oder Bakterien, sind nicht eins, sondern viele. Leben heißt unweigerlich Netzwerk. Doch herrscht in dem Netzwerk keine allumfassende Harmonie. Dort wird vielmehr die ökologische und evolutionäre Spannung zwischen Kooperation und Konflikt verhandelt. Und häufig ist der Sieger nicht das starke, unabhängige Selbst, sondern das Selbst löst sich in einer Beziehung auf.

Wenn Leben Netzwerk heißt, dann kann es auch keine vom Menschen gesonderte »Natur« oder »Umwelt« geben. Dann sind wir Teil einer Lebensgemeinschaft, die aus der Beziehung zu »anderen« besteht. Die Dualität Mensch-Natur, die von vielen Philosophen gehegt und gepflegt wird, ist aus biologischer Sicht eine Illusion. Wir sind keine Durchreisenden auf dieser Erde, wie manches Volkslied sagt. Aber auch keine entfremdeten Geschöpfe, aus der Natur in den »trüben Teich« der Kunst gefallen, wo wir »die Wesensart der Dinge zerstören«, wie William Wordsworth schreibt. Unsere Körper und unsere Gehirne sind so wild und natürlich wie eh und je.

Wir können uns dem Gesang des Lebens nicht entziehen. Seine Melodie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Der Gesang ist unsere Natur.

Unsere Ethik muss daher eine Ethik der Verbundenheit sein, umso mehr, als der Mensch die biologischen Netzwerke heute weltweit entflechtet, neu knüpft und zerreißt. Wer den Bäumen zuhört, den großen Mittlern der Natur, erfährt, wie man die Beziehung lebt, aus der Ursprung, Wesen und Schönheit des Lebens erwachsen.

Erster Teil

 

 

Kapokbaum

Ceiba pentandra

Nahe dem Tiputini-Fluss in Ecuador

0°38‘10.2“S 76°08‘39.5“W

DAS MOOS HAT SICH in die Luft erhoben. Es fliegt mit Flügeln, so zart, dass das durchscheinende Licht es kaum bemerkt: Die Sonne schenkt ihm nur einen Hauch von Farbe. Das Moos breitet seine Blättchen aus und schwebt an langen Fäden, von einem Faseranker an das Pilz- und Algengewirr gekettet, das alle Äste bedeckt. Anders als seine geduckten oder gebeugten Verwandten in der übrigen Welt lebt es dort, wo das Wasser scheinbar keine Oberfläche, keine Begrenzung kennt. Die Luft ist hier das Wasser. Das Moos wächst wie Seegras im offenen Meer.

Der Wald legt seinen Mund auf alle Lebewesen und atmet aus. Wir atmen ein: Heiß und voller Gerüche kriecht die Luft, beinah wie der Atem eines Tiers, in unsere Lungen. Lebendig, stickig und bedrohlich nah. Während die Moose mittags schweben, legen wir Menschen uns hin und liegen zusammengerollt im fruchtbaren Leib des Lebens. Ich befinde mich im Yasuní-Biosphärenreservat im westlichen Ecuador, um mich sechszehntausend Quadratkilometer Regenwald in einem Naturpark, einem ethnischen Reservat und einer Pufferzone, und noch dahinter die Wälder von Kolumbien und Peru. Vom Satellitenauge aus betrachtet, liegt hier einer der größten grünen Flecken unserer Erde.

Regen. Alle paar Stunden Regen, in einer Sprache, die nur dieser Wald spricht. Doch der Amazonasregen ist nicht nur durch seinen mächtigen Redeschwall so einzigartig – dreitausendfünfhundert Millimeter im Jahr, sechs Mal so viel wie im grau verhangenen London –, auch Vokabular und Satzbau suchen vergeblich ihresgleichen. In der dunstigen Luft über dem Kronendach wimmelt es von unsichtbaren Sporen und Pflanzenstoffen, Aerosolen, an denen sich Wassertropfen anlagern und langsam anschwellen. Tausend oder mehr sind in einem einzigen Teelöffel Luft enthalten, und trotzdem ist es hier zehn Mal weniger diesig als anderswo. Wo immer Menschen in größerer Zahl siedeln, schleudern sie, aus Motoren und Schornsteinen, Milliarden von Partikeln in den Himmel. Ähnlich wie das Sandbad der Vögel lässt der kraftvolle Flügelschlag unseres industrialisierten Lebens eine Staubwolke entstehen. Und aus jedem Staubkörnchen, ob Rußpartikel oder Spore, kann ein Regentropfen werden. Doch der Regenwald ist groß und seine Luft daher meist von ihm selbst und nicht von Zivilisationsvögeln erzeugt. Obwohl der Wind manchmal Staub aus Afrika oder den Smog der Städte herüberweht, kann der Regenwald meist ungestört in seiner Sprache sprechen. Weil seine Luft weniger Teilchen und reichlich Wasserdampf enthält, können die Regentropfen zu gewaltiger Größe anwachsen. Der Regen fällt hier in langen, schweren Silben, die völlig anders klingen als die zurechtgestutzte Regensprache anderer Landstriche.

Wenn es regnet, hören wir nicht, wie das Wasser leise herabrieselt, sondern wie vielfältig die Regentropfen von den Gegenständen, auf die sie treffen, interpretiert werden. Im Regenwald gibt es – wie bei jeder Sprache, besonders, wenn sie so reichlich strömt und viele Interpreten hat – eine Fülle an Ausdrucksformen: Wolkenbrüche schreien und kreischen auf den blechernen Dächern; unzählige Regentropfen pladdern auf Hunderte Fledermausflügel, zerplatzen und stürzen in den Flusslauf unter der flatternden Flugbahn; schwere Wolken hängen im Kronendach und benetzen die Blätter, ohne dass ein Tropfen fällt. Sie streichen über das Blattwerk wie ein weicher Tuschepinsel über Papier.

Durch die Blätter der verschiedenen Pflanzen hat sich eine äußerst vielfältige Sprache entwickelt. Der Artenreichtum im Amazonasgebiet sucht weltweit seinesgleichen: Sechshundert Baumarten wachsen auf nur einem Hektar, mehr als in ganz Nordamerika. Und auf dem nächsten Hektar, den wir untersuchen, kommen noch weitere hinzu. Angesichts solch botanischer Wirrungen und Wonnen ist mein rettender Fixpunkt im Regenwald ein Kapokbaum, Ceiba pentandra, von der lokalen Bevölkerung Ceibo (gesprochen »säibo«) genannt. Um ihn zu umrunden, mitsamt seiner Stützwurzeln, die sich in Kopfhöhe strahlenförmig vom Stamm zum Boden neigen, brauche ich neunundzwanzig Schritte. Sein Stammdurchmesser beträgt drei Meter, ein Meter mehr als die Säulen des Parthenon-Tempels auf der Akropolis. Dennoch ist der Baum längst nicht so alt wie manche Kiefern, Oliven- oder Mammutbäume in kühleren und trockeneren Klimazonen, die Jahrtausende alt werden können. Im Regenwald mit seinen gefräßigen Pilzen und Insekten werden nur wenige Kapokbäume älter als ein paar Jahrhunderte. Dieses Exemplar schätzen Ökologen auf hundertfünfzig bis zweihundertfünfzig Jahre. Der Baum ist nicht aufgrund seines Alters so groß, sondern weil junge Kapokbäume pro Jahr zwei Meter wachsen, worunter Holzdichte und chemische Abwehrkraft allerdings leiden. Die Kapokbaumkrone erhebt sich wie eine Kuppel über ihren vierzig Meter und damit mindestens zehn Gebäudestockwerke hohen Nachbarbäumen, die sie noch um weitere zehn Meter überragt. Wenn ich auf meinem Hochsitz im Kapokbaum sitze, breitet sich unter mir ein Kronendach aus, das mit den gleichmäßigen Wipfeln gemäßigter Wälder wenig gemein hat. Ich zähle bis zum Horizont ungefähr zehn Kapokbäume, die wie Hügelkuppen aus einer unregelmäßigen, zerklüfteten Landschaft ragen.

Der Kapokbaum ist ein Baumriese. Auch eine Weltachse? Axis mundi? Vielleicht. Doch das Rauschen des Regens führt jeden Gedanken ad absurdum, den Baum von seiner Gemeinschaft zu trennen. Die Regentropfen prallen auf Blättertrommeln: Der botanische Reichtum wird vom Regentrommler vertont. Jede Pflanzenart erzeugt ihren eigenen Regenklang. Im Geräusch des Regens spiegelt sich die Blättervielfalt des Kapokbaums und anderer Arten, die auf und neben ihm leben.

Auf dem fliegenden Moos mit seinen ausgebreiteten Blättchen tickt der Regen. Ein Aronstabblatt in der Nähe, ein schmales, armlanges Herz, lässt ein Tack-Tack ertönen, das leise nachklingt, wenn sich die Aufprallenergie verteilt. Daneben ein helles, hohes Schnipsen von steifen Tellerblättern, wie Funken sprühendes Metall. Die Blattlanzen einer Clavija-Rosette zucken im Regen, plopp, ein flacher Ton, längst nicht so drängend wie der festerer Blätter. Avocadoblätter reagieren auf Regen mit einem tiefen, hölzernen, klaren Klopfen.

Diese Regengeräusche kommen aus der unteren Baumschicht, von Pflanzen, die unter den ausladenden Kapokbaumästen und im weichen Humus um den Stamm wachsen. Wenn das Regenwasser unten ankommt, hat es bereits zahlreiche Blätter weiter oben überwunden. Die meisten Blätter oben im Kronendach besitzen eine für die Tropen typische Form: Ihre glatte Oberfläche endet in einer schmalen Spitze oder Fäden. Dort, an der sogenannten Träufelspitze, sammelt sich der Regen als große Träne. Wenn sie anschwillt, wird sie zur lichtbrechenden Linse, die den Wald kopfüber zurückwirft. Doch weil die Träne nur an der schmalen Spitze Halt findet, fällt sie alle paar Sekunden herab, und es baucht sich eine neue Linse aus, in der, bevor sie abtropft, der gespiegelte Wald aufblitzt. Da das Regenwasser auf diese Weise abfließen und die Blattoberfläche trocknen kann, wird das Wachstum feuchtigkeitsliebender Pilze und Algen gehemmt. Die Träufelspitzen in den oberen Regenwald-Stockwerken vergrößern noch die ohnehin riesigen Regentropfen und schicken sie weiter baumabwärts, wobei die größeren Blätter den meisten Regen auffangen und ihn auch schneller weiterleiten. Der Trommelrhythmus weiter unten entsteht aus der Blättervielfalt der Kapokbaumkrone, die unteren Blätter mit ihren endlosen Größen, Formen, Stärken, Texturen und Härten verleihen der Regenmelodie dann Struktur. Sogar die Laubstreu am Waldboden singt hier mit einer mir bis dahin unbekannten Inbrunst. Ich höre im verrottenden, verfallenden Wirrwarr Zigtausend tickende Uhren, Tick-Tack, Tick-Tack.

In der Kapokbaumkrone ist die akustische Vielfalt geringer. Die Tropfen hier sind kleiner, und aus den Blättern der umstehenden Bäume kommt ein Rauschen wie von Stromschnellen, das die Klangvariationen der einzelnen Blätter dämpft. Doch weil ich hoch oben in der Krone eines Baumriesen stehe, der alle anderen überragt, rauschen die Stromschnellen unter mir. Ich fühle mich wie auf den Kopf gestellt, wie das Spiegelbild im Tropfen: Verwirrt lausche ich dem Waldregen unter meinen Sohlen. Mein Aufstieg gen Himmel, über ein vierzig Meter hohes Metallgerüst, hat mich durch die verschiedenen Regenschichten geführt: Der Regen auf dem Waldboden und den unteren Pflanzen verklingt nach ein bis zwei Metern; danach klatscht er sparsam und unregelmäßig auf die spärlichen Blätter und Stängel, die sich dem Licht entgegenwinden, oder auf Wurzeln, die zum Boden streben. Ab zwanzig Metern wird das Blattwerk dichter, und die Stromschnellen beginnen zu rauschen. Als ich weiterklettere, drängen sich nach und nach die Regengeräusche einzelner Bäume in den Vordergrund, ehe sie wieder verebben: das rasante Schreibmaschinengeklapper einer Würgefeige, dann knarzen Tropfen auf die borstigen Blätter einer Kletterpflanze. Als ich die Stromschnellen schließlich hinter mir lasse, entfernt sich das Tosen, und ich höre, wie der Regen auf die fleischigen Orchideenblätter prasselt, über die Bromelien glitscht oder dumpf auf die Elefantenohren eines Philodendrons klatscht. Der Kapokbaum ist über und über mit Pflanzen bedeckt, seine Krone wurde von Hunderten Pflanzenarten gekapert.

Die menschlichen Erfindungen zum Schutz vor Regen sind hier meist sinnlos und betäuben nur das Gehör. Regenjacken mögen Wasser abweisend sein, aber sie verstärken durch die synthetischen Materialien noch die tropische Hitze und werden von innen schnell schweißnass. Der Regen erzeugt zudem so viele akustische Informationen, dass das Knallen, Puffen und Klatschen der Tropfen auf Polyester, Nylon oder Baumwolle das Ohr nur behindert und ablenkt. Dagegen sind Haut und Haar des Menschen, weil elastisch und schwach texturiert, lautlos, zumindest fast. Meine Hände, Schultern und mein Gesicht fühlen den Regen, reagieren darauf aber nicht mit Geräuschen. Als die westlichen Missionare hier ankamen, verlangten sie von ihren kolonialisierten und evangelisierten Untertanen, Kleidung anzulegen. Doch dadurch wandten diese ihre Ohren unweigerlich dem Ich zu und vom Wald ab, und die Tür zur akustischen Beziehung mit Pflanzen und Tieren schloss sich bei vielen. Bei meinen Gesprächen mit dem indigenen Volk der Waorani, das hier lebt, hat mir fast jeder ungefragt berichtet, wie unwohl und eingezwängt er sich fühlt, wenn er bei Stadtbesuchen Kleidung tragen muss. Die Waorani leben seit Jahrtausenden im Regenwald, doch heute sind ihr Leben und ihre Kultur durch Außenstehende bedroht. Die Kleidung ist aus vielen Gründen eine schwere Bürde, aber vermutlich auch, weil dadurch die Verbindung zur akustischen Lebensgemeinschaft gekappt wird, ein herber Verlust für Menschen, die in einem artenübergreifenden Beziehungsgeflecht leben. So wie Stahlarbeiter durch Maschinenlärm ertauben und »Watte in den Ohren« haben, können auch die Träger von verwobener Watte ihr Gehör verlieren.

In der Kapokbaumkrone wird das pflanzliche Trommeln von Tiergeräuschen überlagert, von Meckern, Heulen, Jaulen, Pfeifen, Kreischen, Summen oder Murmeln. Jedes akustische Verb hat hier seinen Meister gefunden, und viele Arten kommunizieren mit Lauten, für die unsere Sprache kein Wort kennt. Die flirrenden Flügel einer Schwalbennymphe dröhnen, punktiert von scharfem, peitschenähnlichem Pfeifen. Der Kolibri, ein daumengroßes Schillern in Blau und Grün, taucht seinen Schnabel in den roten Blütenbogen einer gestreiften Lanzenbromelie. Ein Frosch quakt zwischen den aufragenden fleischigen Blättern der Pflanze quak-quak-quaAK!, was umgehend von einem Dutzend weiterer Frösche beantwortet wird, die sich im Bromeliendickicht der Kapokbaumäste verstecken. Anders als Träufelblätter können die aufrechten Blattrosetten der Bromelien das aufgefangene Wasser festhalten. In dem Trichter zwischen den Blattansätzen kann eine Bromelie vier Liter Wasser sammeln: ein hervorragender Laichplatz für Frösche und Hunderte andere Arten. Die Bromelien in den Baumwipfeln fangen auf einem Hektar Wald fünfzigtausend Liter Wasser auf, zumeist in den Ästen der Baumriesen. Der Kapokbaum ist ein Himmelsteich.

Doch Teiche sind nicht das einzige Habitat im Kronendach. In den Ästen dieses Kapokbaums gibt es so viele Mikroklimazonen wie sonst auf Hunderten Hektar gemäßigter Wälder. In manchen Astgabeln haben sich Sümpfe gebildet und in einigen Astlöchern Feuchtgebiete, die bald wieder trockenfallen. In der Krone ist durch das herabgefallene Laub von Jahrzehnten eine Erdkrume entstanden, die genauso tief und nährstoffreich ist wie die des Waldbodens. Der Humus bleibt auf den breiten Ästen liegen oder im Gewirr der Schlingpflanzen hängen. Ein Feigenbaum, mit einem Stamm, so mächtig wie ein menschlicher Torso, wurzelt dort inmitten anderer Bäume: ein Wald, fünfzig Meter über dem Erdboden. Er gedeiht vor allem auf der Nord- und Ostseite des Kapokbaums, wo die Kronendach-Erde so feucht und das Blätterdach beinah so dicht ist wie in einer schattigen Schlucht. Auf den südwestlichen Ästen der Wetterseite erduldet eine Gemeinschaft aus Kakteen, Flechten und rasiermesserscharfen Bromelien dagegen ein Wechselbad aus Wolkenbruch und Wüste: Bei Regen schwellen die Pflanzen an, um unter der erbarmungslosen Äquatorsonne wieder zu schrumpfen. Die senkrechten Stämme der Bäume sind mit einem Geflecht aus Kletterpflanzen und Orchideengärten bedeckt, mit einer Wasser speichernden Matte, in der auch Farne wurzeln. Und über all dem sind noch die meist achtfingrigen Blätter des Kapokbaums aufgefächert, die nicht größer sind als eine Kinderhand. Sie schweben an ihren Stielen wie hauchdünne Schleier. Sie scheinen nicht zum Wesen des riesigen Baums zu passen, doch sie müssen, anders als die geschützten Pflanzen weiter unten, Stürmen und Fallböen standhalten. Bei Sturm gibt der Kapokbaum nach und klappt die kleinen Fächerblätter ein.

Die Tropen wurden bislang meist vom Boden aus erforscht. Erst seit Kurzem klettern Biologen über Türme, Strickleitern und Kräne bis in die Kronen. Und haben dabei entdeckt, dass mindestens die Hälfte aller Regenwaldpflanzen ausschließlich im Kronendach wächst. Eigentlich ist der biologische Fachbegriff »Kronendach« zu eindimensional für diese komplexe Welt.

Um den Reichtum des Kapokbaums besser zu begreifen, kann man auch Weltkarten zur Artenvielfalt betrachten. Sie stellen die Vielfalt der Pflanzen, Amphibien, Reptilien und Säugetiere – zugegeben nur eine Teilmenge, aber die uns bekannteste – farblich dar und zeigen so, wo die jeweils artenreichsten Orte liegen. In einem Punkt stimmen alle Karten überein: Die Artenvielfalt ist im östlichen Ecuador und nördlichen Peru, also im westlichen Amazonasgebiet, am beeindruckendsten. Das wird auch von Tabellen bestätigt, die die Gattungen der großen taxonomischen Gruppen in eine Rangordnung bringen: Nach den meisten Kennzahlen ist die Artenvielfalt unserer Erde in diesem Gebiet am größten. Das Leben im westlichen Amazonas hat sich unter Regen und tropischer Hitze entwickelt. Die Evolution hatte zudem Zeit, ihre Gewächshauskultur zu verfeinern. Seit Millionen oder gar Zehnmillionen von Jahren wächst am Amazonas tropischer Regenwald. Über die geologische Geschichte der Region wissen wir noch wenig, doch ihre Lage zwischen den aufwärts strebenden Anden und der wandernden Atlantikküste dürfte dazu geführt haben, dass aus den Bergen und dem Meer neue Arten einwandern konnten, die die Artenvielfalt weiter förderten.

Einen vielleicht weniger offiziellen, aber ebenso informativen Einblick in die Artenvielfalt des Regenwalds kann ein Spaziergang mit einem Botanikfachmann bieten, etwa einem Biologen oder erfahrenen Ranger. Sie kennen nicht nur bestens die biologischen und kulturellen Hintergründe aller gängigen Pflanzen und die Rolle, die sie für den Menschen spielen, sondern auch die Namen und Geschichten der von ihnen jahrelang erforschten Untergruppen. Doch sind auch sie weit davon entfernt, die Mehrzahl aller Arten zu kennen, geschweige denn ihre Geschichten. Noch unbekannte, von der westlichen Wissenschaft nicht beschriebene Arten sprießen überall. Erst kürzlich hat ein Biologe auf dem Weg zur Kantine seiner Forschungsstation wieder eine neue Art entdeckt. Der Regenwald hält für die Biologie eine ernüchternde Erkenntnis bereit: Was das Leben unserer Verwandten betrifft, leben wir noch immer in tiefster Unwissenheit.

Oben im Kapokbaum lässt der Regen nach. Ara! Ara! Ein hellrotes Ara-Pärchen, ein Jubilieren aus Klängen und Farben, zischt auf seinem Flug von Horizont zu Horizont dicht an meinem Kopf vorbei. Die sangesfreudigen Insekten im Baum haben die Oktaven unter sich aufgeteilt: Jede Art behauptet mit Klicken, Surren oder rhythmischem Schwirren ihren Platz auf der Tonleiter. Eine Weintaube gurrt eine simple, tiefe Melodie, begleitet vom kichernden, niesenden Karneval anderer Vögel: Ich sehe Haubentangare, Weißstirntrapisten und Blauscheiteltrogone. Mindestens vierzig verschiedene Vogelarten hocken auf nur wenigen Ästen. Ungefähr einen Kilometer von hier rufen Brüllaffen, sie klingen wie ein dröhnendes Flugzeug in der Ferne. Neun oder zehn Affenarten leben in dieser Gegend. Mit Pfeifen, Schlagen und Schreien punktieren sie den Gesang der Insekten.

Die Wolken verwandeln sich in senkrechten Nebeldunst und lösen sich schließlich auf. Die Sonne brennt herab, die Temperatur steigt um zehn Grad. Meine Haut ist in nur zwei Minuten getrocknet. Die durchweichte Kleidung ist dagegen noch nach Tagen klamm. Hunderte von schweißliebenden Bienen lassen sich auf mir nieder, viele so winzig, dass sie durch das Moskitonetz meines Sonnenhuts gelangen, den ich mittlerweile aufgesetzt habe. Die Bienen stürzen sich, mit strampelnden, kratzenden Beinen, auf meine Augen. Die Augen beginnen zu jucken. Nach einer Stunde gebe ich auf, verlasse die Bienengefilde in der Baumkrone und steige hinab in die düstere Welt der Zweibeiner.

Wie jemand, der in Platos Höhle zurückkehrt, bin ich bei meiner Rückkehr in die vertraute Welt nicht mehr derselbe. Ich weiß nun, dass weit über mir unvergleichlich schöne, komplexe biologische Welten liegen. Ich bewege mich in der Ebene, doch durch meinen Kopf und über den Boden, auf dem ich gehe, flirren das Echo und die Schatten der oberen Welt.

Es wird niemals still im Regenwald. Die Lebensstränge sind so eng geknüpft und dicht gepackt, dass die Luft Tag und Nacht vibriert. Wir können dort daher erleben, wie das Netzwerk des Lebens wirklich beschaffen ist.

Es scheint vor allem durch starke, ja sogar furchterregende Konflikte geprägt. Das Kriegsgeschrei und die Klagegesänge sind ohrenbetäubend. Für Menschen, die im Kapokbaum hocken oder sich auf den schlammigen Pfaden bewegen, gilt darum: Niemals nach dem erstbesten Ast greifen, wenn man ausrutscht oder das Gleichgewicht verliert. Die Borken der Bäume sind mit ihren Stacheln, Nadeln und Raspeln das reinste Waffenarsenal. Und selbst wer glücklicherweise eine weiche Borke erwischt, lernt seine Lektion schnell: Ameisen und Schlangen warten schon. In der Luftsuppe aus Bakterien und Pilzsporen eitern die Verletzungen zudem rasch.

Doch auch anderswo lauern Gefahren. Als ich mich nach meinem Notizbuch bücke, fällt eine 24-Stunden-Ameise aus den Zweigen genau in die Lücke zwischen Hemdkragen und meinem Nacken. Sie landet mit einem leisen Pak. In der weltweiten Schmerzrangliste der Entomologen, die die ganze Bandbreite Insekten-bedingter Schmerzen freiwillig erkundet haben, nimmt die 24-Stunden-Ameise den ersten Platz ein. Als die Ameise den Giftstachel ihres Hinterleibs in meinen Nacken senkte, spürte ich einen Schmerz, als schlüge jemand auf eine Glocke aus reinster Bronze: ein heller, metallischer, anhaltender Ton. Ich wusste nicht, dass meine Nerven so klingen können – bis ich durch kleinkalibrigen Beschuss vom Baum »erhoben und zum Klingen gebracht wurde«. Ich schlug mit der linken Hand auf den Stich und schleuderte den Angreifer weg. Doch ehe er zu Boden fiel, skalpierte er mit den Mundwerkzeugen noch meinen Zeigefinger und zog zwei tiefe Furchen. Diesmal war der Schmerz nicht klar und hell, sondern kreischend und brennend, ein Aufruhr, der sich minutenlang auf meiner Hand ausbreitete. Kakofonie und Panik, meine Hand war schweißgebadet. Eine Stunde lang konnte ich den Arm nicht bewegen, und der linke Brustmuskel fühlte sich an wie gezerrt oder geprellt. Dank Schmerzmitteln waren Biss und Stich, nach Stunden, nur noch ein heißes Heulen, durchdringend wie ein Hornissenstich, aber nicht mehr ohrenbetäubend. Mit diesem Initiationsritus wurde ich in die eine Wirklichkeit des Urwalds eingeführt. Von wegen »unbeschreibliche Unschuld und Güte der Natur«, wie bei Thoreau: Nirgends sind biologische Kriegskunst und Kriegslist so hoch entwickelt wie im Regenwald.

Von dem Angriff der Ameise blieb nur eine kleine Narbe an meinem Finger zurück. Andere Insekten hinterlassen langlebigere und gefährlichere Andenken. Zu den leiseren Insekten, die mich in der Kapokbaumkrone umschwirrten, gehörte auch ein königsblau schimmernder Moskito, etwa so groß wie eine Brosche. Als ich einen Moment abgelenkt war, stach er mich in die Hand, um zu trinken. Der Blutverlust war eine Bagatelle, doch beim Trinken sabberte er Spucke in meine Kapillaren, ein Einfallstor für Viren. Der Moskito der Gattung Haemagogus ist ein Baumkronenspezialist, der seine Eier in feuchten Ritzen ablegt; der Regen erweckt die Larven zum Leben. Durch seine Vorliebe für Affenblut und seine Langlebigkeit ist das Moskitoweibchen ein ausgezeichneter Krankheitsüberträger. Ich hatte mir eine schmutzige Nadel mit Wollaffen geteilt. Oder waren es Brüll-, Klammer-, Kapuziner-, Nacht-, Spring-, Seidenaffen, Sakis, Tamarine oder Totenkopfäffchen? Die Baumkronen sind für Viren ein Primatenblut-Sumpf, in den Moskito-Bäche fließen. Hinzu kommen noch Nebenflüsse von zig Fledermaus- und Nagetierarten. Ein fruchtbarer Nährboden also für alle Viren, Bakterien, Protisten und andere Blut liebende Pathogene.

Glücklicherweise bin ich nach dem Moskitostich von Buschgelbfieber oder anderem verschont geblieben. Doch er erinnerte mich wieder daran, dass uns Pumas, Schlangen oder Piranhas – »Zahn und Klaue«, wie Alfred Lord Tennyson schreibt – im Regenwald zwar schwer beeindrucken, das eigentliche biologische Kampfgetümmel für uns aber unsichtbar bleibt. Wie DNA-Proben zeigen, leben im Blut und Fleisch aller Lebewesen Parasiten. Doch die Folgen sehen wir nur selten. Als ich darauf lauschte, wie das Wasser von einer Bromelie tropfte, entdeckte ich eine Ameise, die sich mit ihren Mundwerkzeugen am Blattrand festklammerte. Sie war tot; der letzte Akt in ihrem Leben war der entschlossene Biss gewesen. Ein parasitischer Pilz, Ophiocordyceps, hatte sie von innen aufgefressen und ihr dann »befohlen«, zu einem windgepeitschten Blatt zu krabbeln und sich daran festzuklammern. Nun ragte aus dem Ameisenhals ein Stängel mit geblähtem Beutel, aus dem infektiöse Pilzsporen auf die Ameisen weiter unten rieselten.

Auch die Blättertrommeln, die den Regen in vielfältige Musik verwandeln, sind verschiedensten Angriffen ausgesetzt. Bakterien und Pilze bohren sich in Oberhäute und Atemporen. Insekten knabbern an den zarten Trieben. Die jungen Blätter von Inga, einer gut erforschten Pflanzengattung, bestehen gewichtsmäßig zur Hälfte aus Gift: eine ziemlich teure Verteidigungsstrategie. Und das ist nicht etwa die Laune eines botanischen Sonderlings. Inga gehört zu den meistverbreiteten, artenreichsten Gattungen im Regenwald. Ihre jungen Blätter müssen oft trotz Gift beträchtliche Schäden überstehen; am Ende ihrer verletzlichen Jugend gleichen sie häufig durchlöcherten Schießscheiben. Ältere, härtere Blätter enthalten zwar etwas weniger Gift, investieren aber in die chemische Abwehr noch immer bis zu einem Drittel ihres Gewichts. Sie reagieren damit auf die Allgegenwart pathogener Keime, darauf, dass an ihnen ununterbrochen geknabbert und gezupft wird.

Der harte Überlebenskampf ist zugleich Ursache und Folge des Artenreichtums im Regenwald. Wo viele Arten auf engstem Raum zusammenleben, ist der Konkurrenzdruck zwangsläufig groß, und Gelegenheiten zur Ausbeutung bieten sich zuhauf. Solche antagonistischen Beziehungen beflügeln den Erfindungsreichtum der Evolution und damit die Artenvielfalt. Wenn eine Art überhandnimmt, wächst auch die Zahl der Feinde, die sie wieder ausdünnen. Und Seltenheit kann auch ein Vorteil sein: So kann man seinen Feinden einfacher entwischen. Man kann beispielsweise biochemisch selten sein. Wenn eine Pflanze von nahen Verwandten umgeben ist, aber einen eigenen chemischen Abwehrmix besitzt, gedeiht sie besser als die anderen. Die Pflanzengemeinschaft in den Tropen ist auch darum so vielfältig, weil es vor Pilzen und Raupen nur so wimmelt. Auf nur einem Hektar können sechzigtausend Insektenarten oder eine Milliarde Individuen leben, von denen die eine Hälfte nichts anderes tut, als Pflanzen anzuknabbern und sich zu paaren. Wie viele Pilz- und Bakterienarten oder -exemplare dort leben, hat bislang niemand genau gezählt, es dürften aber ebenso viele sein.

Das große Konfliktpotenzial zwingt dem Leben, so sollte man meinen, ein atomistisches Muster auf: Jedes Individuuum muss kämpfen, Opfer gegen Feind, endlos in kreiselnde Konflikte verstrickt. Der Kampf ist hart, dennoch zerfällt das Leben nicht in Atome. Im darwinistischen Überlebenskampf entsteht ein Schmelztiegel, in dem sich das Individuum auflöst. Grenzen werden niedergerissen und ebenso mächtige wie vielseitige Netzwerke geknüpft.

In den menschlichen Kulturen der Region lassen sich einige der Netzwerke erkennen. Die Waorani leben schon seit Jahrtausenden im westlichen Amazonasgebiet, die meiste Zeit als Jäger, Sammler und Bauern. Mit den Missionaren und anderen Kolonialherren kamen Krankheiten und »Assimilierung«, die Menschen und Kultur umbrachten. Heute leben noch ungefähr zweitausend Waorani in und um das Yasuní-Biosphärenreservat, in Siedlungen mit staatlichen Schulen und Krankenhäusern oder, freiwillig isoliert, in den Wäldern. In der Kultur der Waorani gibt es keine Taxonomie der Pflanzen wie bei Linné. Vielmehr haben viele Arten mehrere Namen, und die Pflanzen sind vor allem nach ihren ökologischen Beziehungen oder ihrer Nutzung durch den Menschen benannt. Wie die Anthropologin Laura Rival schreibt, konnten die Waorani, auch wenn man sie im Gespräch dazu drängte, keine »Baumart« benennen, ohne zugleich den ökologischen Kontext wie etwa die umgebende Vegetation zu beschreiben. In der Gesellschaft der Waorani gibt es auch keine Entsprechung für den Höhleneremiten im Himalaja oder die Hütte, in der Thoreau seinen »Lebensunterhalt einzig durch seiner Hände Arbeit erwarb«. Die Waorani »leben wie einer«, wie sie sagen. Obwohl Individualität, Eigenverantwortung und meisterliches Können hoch geschätzt werden, zeigen sie sich nur im Kontext von Beziehung und Gemeinschaft. Wer in den Wäldern allein und autark leben will, gilt als hochgradig verrückt und zum Tode verdammt. Die »Eigen«-namen der Waorani werden von der Gruppe bestimmt. Wer die Gruppe verlässt, um in einer anderen zu leben, verliert seinen Namen. Er muss eine neue Persönlichkeit annehmen und kann nie mehr zurückkehren.

Auch noch so walderfahrene Waorani fürchten sich davor, sich im Wald zu verlaufen, erst recht nachts oder allein. Wer sich dennoch verirrt, sucht nach einem Kapokbaum und verwandelt ihn in einen Tieftöner: Er hämmert auf die Brettwurzeln und versetzt den Stamm so in Schwingungen. Sofort stößt der Baum, in basso-profondo, einen Hilferuf nach Freunden und Familie aus, einen Schrei, der die lebenserhaltenden menschlichen Beziehungen neu knüpft. Der Baumriese brüllt lauter als jeder Mensch, und jeder, der ihn hört, eilt schnellstens herbei. Besonders Kindern kann das helfen, denn alle Familien wissen, wo die großen Kapokbäume stehen. Der Schrei ist Hilferuf und Orientierungspunkt zugleich. Jäger und Krieger zeigen damit zudem Jagderfolge oder den Tod von Feinden an. Wohl nicht zufällig ist der Kapokbaum in der Schöpfungsgeschichte der Waorani der Baum des Lebens. Dort treffen unzählige Lebewesen zusammen, und er rettet Leben, weil er die lebensspendenden Fäden zusammenhält und neu verwebt.

Der Kapokbaum und seine Lebensgemeinschaft können im Regenwald nur überleben, weil sie ihre Individualität zugunsten der Beziehung aufgegeben haben. Die Kriegskunst mag hier hoch entwickelt sein, aber Überleben heißt auch, zu kapitulieren und das Selbst für ein Bündnis aufzugeben. Bündnisse können innerhalb einer Art geschmiedet werden. Ob die 24-Stunden-Ameise, die mich gebissen hat, die Heeresameise, die den Waldboden mit ihren Legionen erzittern lässt, oder die Blattschneiderameise, die ballenweise Grünzeug in unterirdische Nester schleppt: Ihre Identität wird von der Kolonie und nicht der einzelnen Ameise bestimmt. Mein Aufstieg in den Kapokbaum hat mich an vielen solchen Arrangements vorbeigeführt. Am Fuß des Baums bietet ein Spinnwebengewirr zig sozialen Spinnen eine Heimat, und jede trägt ihren Teil zu Netzbau und Verteidigung bei. Soziale Spinnen können nur als Gruppe überleben oder scheitern. Die Individualität der einzelnen Spinne spielt nur insofern eine Rolle, als sie etwas zur Gemeinschaft beiträgt. Die natürliche Zuchtwahl hat bestimmte Zusammensetzungen der Spinnenbündnisse begünstigt: Das Schicksal des Kollektivs hat die evolutionäre Entwicklung der Spinnengesellschaft bestimmt. Auch die Familienverbände vieler Vogelund Affenarten werden häufig auf ähnliche Weise durch gegenseitige Abhängigkeiten zusammengehalten.

Viele Bündnisse sind aber auch zwischen entfernten Verwandten entstanden. So bilden die Wurzeln und Blätter des Kapokbaums mit mutualistischen Pilzen und Algen eine Gemeinschaft, bei der die Interessen und Identitäten der einzelnen Bestandteile verschwimmen. Derartige Beziehungen sind in den uralten, nährstoffarmen Böden des Amazonasgebiets ein Muss. Insbesondere Phosphor ist hier extrem knapp, und durch das verzweigte Pilz-Netzwerk wird die verfügbare Absorptionsfläche erheblich vergrößert. Der Baum revanchiert sich dafür mit Zucker aus seinen Blättern, und so kann das Pflanzen-Pilz-Bündnis auf den kargen Böden gedeihen.

Die Pilze halten wiederum viele Ameisen am Leben. Auch wenn die Ameise, die sich an die Bromelie klammert, von Pilzen getötet wurde, haben andere Pilze ihr Schicksal mit dem der Ameisen verknüpft. So arbeitet die Blattschneiderameise für Pilze – oder umgekehrt. In einem Bündnis gibt es diese Unterscheidung nicht. Meterlange, manchmal sogar Hunderte Meter lange Ameisenstraßen versorgen in ihren unterirdischen Kammern Pilzgärten mit frischen Blättern. Die Ameisen ernähren den Pilz, und der Pilzkörper ernährt die Ameise. Zudem wird der Pilz von Pseudonocardia, einem Bakterium, das in der Körperbehaarung der Ameisen lebt, gehegt und gepflegt: Durch Absonderung chemischer Stoffe hält es fremde Pilzeindringlinge fern. Was Ameise, Pilz und Bakterium im Innersten zusammenhält, ist ihre Beziehung. Ohne das Zusammenspiel mit »anderen« würden die einzelnen Mitglieder der Gemeinschaft sterben. Blattschneiderameisen sind dabei nur eine von über zweihundert Attini-Ameisenarten, die auf Pilzgärten vertrauen.

In den Trichtern der Bromelien sind Hunderte von Bakterien-, Protisten-, Schwamm- und Schalentierarten auf Frösche angewiesen, die von einem Teich zum nächsten wandern. An die Haut der Frösche haben sich Muschelkrebse, winzige, shrimpsähnliche Lebewesen, geklammert. An ihnen kleben wiederum Wimperntierchen, einzellige Protisten, die sich von der Bakterienbrühe in der Bromelie ernähren. Und diese werden von kleineren Bakterien und Pilzen belagert. Alle diese Lebewesen koten, ebenso wie die Larven von Fluginsekten, in den Bromelienteich und reichern ihn mit Stickstoff und anderen Pflanzennährstoffen an. Bromelien bauen also ihren eigenen Dünger an. Die Bromelien-Tier-Bakterien-Netzwerke sind dabei, wie die Blattschneider-Partnerschaften, so stark verflochten, dass die einzelnen Mitglieder kaum mehr voneinander zu trennen sind. Der Regenwald ist keine Ansammlung von Einzelwesen, die durch Netzwerke verbunden sind, sondern ein Beziehungsgeflecht.

In der Philosophie der Regenwaldbewohner kommt genau das zum Ausdruck. Die Menschen, die seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden am Amazonas leben – Waorani, Shuar, Quechua und andere –, betrachten den Wald nicht als etwas biologisch oder physisch »anderes«. Obwohl sich die Kulturen im Regenwald hinsichtlich Sprache, Geschichte und Glauben genauso unterscheiden wie andere auch, eint sie doch eins: Was für die westliche Wissenschaft ein Waldökosystem mit einzelnen Bestandteilen ist, ist für sie ein Ort, an dem sich Geister, Träume und »wache« Realität mischen. Der Regenwald mit seinen menschlichen Bewohnern ist eine »Vereinigung«, aber ohne einzelne Bestandteile: Wir alle leben von Anfang an in einer spirituellen Beziehung mit Geistern, die nicht in einem Jenseits wie Himmel oder Hölle existieren, sondern in der Natur. Als geerdete, bodenständige Waldwesen verbinden sie die Erde mit der geistigen Welt. Die Spiritualität im Amazonasgebiet entsteht seit Generationen aus einem pragmatischen Empirismus.

Wenn wir uns Gedanken über diese Geister machen wollen, fehlen uns, weil wir woanders herkommen, die passenden Wörter und Vorstellungen. Besonders deutlich hat mir diese Verständnishürde Mayer Rodríguez vor Augen geführt, ein Ranger, der mit Hunderten amerikanischen Forschern und Studenten gearbeitet hat. Wie er sagte, würden wir die Geistergeschichten nicht nur nicht glauben, sondern könnten sie auch gar nicht verstehen. Wir hören die Worte, aber sie dringen nicht wirklich zu uns vor. Die Geschichten könne man nur verstehen, wenn man in der Waldgemeinschaft lebe und sie einem in Fleisch und Blut übergegangen sei. Die Beziehungen, die Voraussetzung für das Verständnis seien, würden Generationen zurückreichen und das gesamte Netzwerk der biologischen Beziehungen umfassen. Was Rodríguez sagt, lässt uns die Geistergeschichten, von außen betrachtet, besser verstehen, heißt aber auch, dass wir sie letztendlich nicht wirklich begreifen können. Wissen bedeutet Beziehung, spirituelles Wissen setzt Zugehörigkeit voraus. Das westliche Gehirn erkennt und begreift abstrakte Theorien, Regeln, Prozesse, Verbindungen oder Muster. Obwohl sie unsichtbar sind, sind sie für uns genauso real wie »Objekte«. Vielleicht kann man die Waldgeister am Amazonas am ehesten mit unseren westlichen Träumen von Geld, Zeit oder Nationalstaaten vergleichen.

Nach einem meiner Waldbesuche habe ich mich mit einem der Waorani-Männer unterhalten, die den Kapokbaum vermessen und das Leitergerüst gebaut hatten, über das ich in die Krone gestiegen war. Er ist politisch aktiv und daher gefährdet; seinen Namen kann ich deshalb nicht nennen. In der Zeit des Gerüstbaus hat er nachts den Baum besucht, einen Kreis aus Naranjilla-Früchten um den Stamm gelegt, um den Geist des Jaguars zu bannen, und den Baum um Verzeihung gebeten. Zu seinem und zum Schutz des Baums entzündete er kleine Feuer. Er hat mir das erzählt, als ginge es um eine Person, nicht um einen Baum. Der Baum, so sagte er, werde durch die Bolzen verletzt, die man in seine Äste schraubt. Es wäre besser, wenn das Gerüst, ohne Schrauben und Metallanker, auf den Ästen schweben könnte. Dann könnte man die Waorani-Kinder ins Kronendach bringen, wo sie einen Ort für Musik und Kunst hätten. Während des Baus war er Tag und Nacht aufgewühlt, und noch Jahre später sah ich in seinen Augen Trauer und Resignation. Seine Mitarbeiter aus Ecuador und Nordamerika, keine Waorani, freuten sich dagegen, dass sie in wunderbarer Umgebung ein elegantes Leitergerüst bauen konnten, und ärgerten sich über seine Skrupel.

Die Waorani verletzen oder töten andere Lebewesen durchaus. Sie beschneiden Pflanzen, jagen Affen und andere Tiere und verteidigen ihre Kultur gegenüber Siedlern und anderen Amazonas-Völkern mit oft tödlicher Effizienz. In den Siedlungen ist die Abhängigkeit vom Wald durch importierte Lebensmittel und ausgedehntere Landwirtschaft nicht so groß, aber auch dort kommen Machete und Gewehr oft zum Einsatz. Der Kletterer empfand die Verletzung des Kapokbaums nicht als problematisch, weil er Rodungen oder das Töten generell ablehnte. Doch der Kapokbaum, erklärte er, sei der Lebensbaum, und »ohne ihn sterben wir«. Wer Bolzen in den Baum treibe, schädige und verhöhne den Lebensquell. Außerdem war ihm wohl suspekt, dass ein westlich denkender Mensch dank Stufen und Geländer so einfach in das Kronendach gelangen konnte. Das Gerüst war für die Besucher ein Mittel zum Zweck und damit Ausdruck einer Gedankenwelt, die das Verhältnis zwischen Mensch und Wald und das Wesen des Waldes auf eine bestimmte Weise definierte. Der Bau und die Nutzung des Gerüsts hatten somit auch eine moralische Dimension. Das Klackern, das bei jedem Tritt auf eine Leitersprosse ertönte, stand für eine Denkweise, die häufig nicht mit der der Menschen in Einklang zu bringen war, die den Wald am besten kennen.

Paradoxerweise können Außenstehende die Folgen dieser unterschiedlichen Denkweisen erst durch das Leitergerüst wirklich begreifen. Wenn wir auf den oberen Sprossen stehen und von dort das Land der Waorani und Quechua überblicken, hören und sehen wir, wie sich die importierte Denkweise ausgewirkt hat. Und wir ahnen, dass die Waldgeister wahrscheinlich noch erheblich stärker verletzt wurden als durch das Gerüst.

Ein Pampashuhn singt das Abendgebet des Waldes. Der truthahngroße Emu-Verwandte ist selten zu sehen, doch in jeder Abenddämmerung erklingt seine helle, klare Melodie, wie von einem Silberschmied kunstvoll verschmolzen und verziert. Ton und Timbre der Quena-Flöte der Anden sind sicherlich vom Pampashuhn, dem Meistersänger, inspiriert. Weiter unten im Wald herrscht bereits tiefe Dunkelheit, aber hier in der Kapokbaumkrone dämmert es noch eine halbe Stunde. Als wir den Liedern des Pampashuhns lauschen, dringt das grau-orange Licht des Sonnenuntergangs ungehindert bis zu uns.

Während die letzten Strahlen langsam verlöschen, quaken, glucksen und grummeln die Bromelienfrösche in den Teichen. Sie rufen ungefähr fünf Minuten lang, dann herrscht plötzlich Stille. Doch jedes Geräusch löst neues Quaken aus: der Ruf eines verirrten Froschs, eine menschliche Stimme, das Meckern eines schlafenden Vogels, den ein Artgenosse getreten hat. Dann fallen drei Eulenstimmen in das Quaken ein: Weiter unten stöhnen die Haubenkäuze auf. Sie versichern sich der Anwesenheit von Partner, Nachbarn und Jungen, die in den unteren Ästen eines Inga-Baums versteckt sind. Woanders ruft ein Brillenkauz: Seine tiefen, gummierten Laute schwabbeln wie ein schlecht ausgewuchteter Reifen um eine schiefe Achse. Und in der Ferne singt eine Watsoneule: to-to-to-to, in einer endlosen, stechenden Ellipse. Insekten bohren schrill und rhythmisch, surren hell und streichend, sägen und klingeln. Die Affen und Papageien, deren Töne tagsüber dominieren, sind eingeduselt. Die Kapokbaumblätter oben im Wipfel schnaufen noch ein letztes Mal, weil mit dem Sonnenuntergang Böen aufgekommen sind, dann ruhen Wind und Wald.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang: Wir sind so tief im Waldesinneren, dass der Himmel eigentlich nur eine schwarze Kuppel mit strahlend weißem Sternenstaub sein dürfte. Wir sind eine Tagesreise per Straße und Fluss von Coca, der nächsten Stadt, entfernt. Es gibt hier, abgesehen von Taschenlampen und einem Generator, der unseren Essplatz abends kurzzeitig erhellt, keinen Strom. Dennoch ist der Himmel lichtverschmutzt. Die Gasflammen und dieselbetriebenen elektrischen Lampen der etwa fünf Kilometer entfernten Ölfelder leuchten so hell wie eine Stadt: Sie gießen ihr Licht in die Schwärze und trüben den Blick auf die Sterne. Wenn der Kapokbaum ruht, fegen die Generatoren und Kompressoren rumpelnd durch seine Wipfel. Im westlichen Amazonas wächst das üppige Leben auf dem Friedhof einer kreidezeitlichen Küste. Das Sonnenlicht, das die Algen in Flussmündungen und flachen Seen vor hundert Millionen Jahren gedeihen ließ, hat tief unten in der Erde ölige Rückstände hinterlassen. Während die einen Landkarten Ecuador und Nord-Peru als globale Zentren der Artenvielfalt ausweisen, zeigen andere an selber Stelle große Ölvorkommen. Unter diesen Wäldern liegen zehn oder sogar hundert Milliarden Dollar an Wert.

Die Hälfte seiner Exporteinnahmen und ein Drittel seines Staatshaushalts verdankt Ecuador dem Öl. Und nachdem das Land Schulden aus westlichen Anleihen nicht zurückzahlen konnte, hat es nun Schulden gegenüber China, die es mit Öllieferungen begleichen muss. Wenn in einem Land viele Menschen ihre materiellen Bedürfnisse befriedigen möchten und den wirtschaftlichen Aufstieg herbeisehnen, muss ihnen der Verkauf von Öl aus dem Amazonasgebiet äußerst verlockend erscheinen, vor allem, wenn Kredite und Ölgewinne in Sozialausgaben investiert werden. Sprudelnde Ölquellen sind zudem für jede Regierung eine sichere Geldquelle und der sicherste Weg zur Wiederwahl.

In den meisten Ländern der Welt werden Ölbohrungen nicht oder kaum infrage gestellt. In Nordamerika werden nur wenige Ölfelder kontrovers diskutiert. Die meisten werden wie selbstverständlich erschlossen. In der Nordsee stehen zahlreiche Ölplattformen nordeuropäischer Länder, und höchstens Kriege und Marktinteressen können den Ölfluss aus dem Nahen Osten begrenzen. Doch ausgerechnet in Ecuador, das es sich aus ökonomischen Gründen kaum leisten kann, seine Ölvorkommen nicht zu nutzen, haben die Ölbohrungen im Amazonas ein Ferment aus Protest und kreativen Ideen entstehen lassen – und zwar auf allen Ebenen, von der Regierung über die Zivilgesellschaft bis zu den kleinen Gemeinschaften im Wald.

Das Öl gehört in Ecuador zuallererst dem Staat. Private Schürfrechte gibt es nicht, auch wenn Privat- und Staatsunternehmen Konzessionen für Ölbohrungen erhalten. Der Staat entscheidet, wer wo bohren darf. Die umstrittensten Ölfelder liegen nur wenige Hundert Meter vom Kapokbaum entfernt, in den Wäldern des Yasuní-Nationalparks. Der Nationalpark gehört zum Yasuní-Biosphärenreservat und umfasst fast zehntausend Quadratkilometer des »Hotspots« der Artenvielfalt, der auf den Karten der biologischen Vermesser verzeichnet ist. Er grenzt an das sechstausend Quadratkilometer große Reservat der Waorani. Einige Waorani im Nationalpark und im Reservat leben bewusst von anderen Kulturen isoliert. Mittlerweile werden für die nördliche Hälfte des Yasuní-Nationalparks Ölkonzessionen vergeben. Allein im Ishpingo-Tambococha-Tiputini-Feld (ITT) an der Nordostgrenze des Parks schlummern schätzungsweise über achthundert Millionen Barrel Öl, zwanzig Prozent der ecuadorianischen Erdölvorkommen. Der Nationalpark grenzt zudem an bereits ausgebeutete Ölfelder. Schon in den 1970er-Jahren haben US-Firmen riesige Schneisen im Wald in ölige Müllhalden verwandelt, und bis heute wird vor Gericht darüber gestritten, wer für die immer wieder verschobenen Aufräumarbeiten verantwortlich ist.

Die Zugangsstraßen, die den Wald durchschneiden, wirken sich ebenfalls tief greifend auf die Lebensgemeinschaft Wald aus. Dank der neuen Straßen in Richtung Markt können die Jäger den Wald von essbaren Tieren leer fegen. Die Siedler nehmen den indigenen Gruppen Land ab und verwandeln den Wald in Felder und Plantagen. Wenn sie von den Sicherheitskräften der Ölgesellschaften verscheucht werden, siedeln sich einst nomadische indigene Gruppen entlang der Straßen an. Ob man mit den Unternehmen zusammenarbeiten oder sie bekämpfen soll, ist eine Frage, die viele Dörfer spaltet, ebenso wie die Frage, wer Geld und Unterstützung von den Unternehmen bekommen soll. Subventionen und Arbeitsplätze sind materiell verlockend, doch die industrielle Wirtschaftswelt bringt oft nur einen kurzen Segen, weil die indigenen Gemeinschaften schnell von Siedlern verdrängt werden. Die Straßen verändern auch die Bäume, die noch nicht gefällt wurden. An der Via Auca, der Hauptverkehrsader zu den älteren Ölfeldern, wachsen auf den Bäumen so gut wie keine Bromelien mehr, und somit fehlen auch die Tiere, die in ihnen leben. Die Ölstraßen werden von einst häufigen Vogelarten gemieden. Wenn der Kapokbaum die Kettensäge überlebt, verliert er seine Lebensgemeinschaft und wird stumm. Nach Öl zu bohren, sagte mir ein Waorani, sei, als beraube man einen Kapokbaum seiner Gliedmaßen. Man amputiere den Baum des Lebens. Andere Waorani haben mit den Unternehmen Verträge ausgehandelt und versuchen, mit der fremden Horde, die heute in ihr Land kommt, zusammenzuarbeiten.

Vor einigen Jahren schien es, als habe Ecuador, allem unter der Erde schlummernden und dringend benötigten Ölwohlstand zum Trotz, einen Weg gefunden, um seine Wälder zu schützen. Im Jahr 2007 erklärte Präsident Rafael Correa, Ecuador wolle das Erdöl für immer im Boden lassen, wenn die internationale Staatengemeinschaft dafür die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung seines Landes in Höhe des halben Werts der im ITT-Feld lagernden Erdölvorkommen fördern würde. Breit aufgestellte Strukturen innerhalb der UN und OPEC sollten, wie Correa später ergänzte, die Entwicklungsländer dabei unterstützen, Ölvorkommen und Klimawandel in Einklang zu bringen. Zugleich legte die ecuadorianische Regierung für ihr eigenes Handeln neue Richtlinien fest. So schützt die ecuadorianische Verfassung seit 2008 das Recht von Pacha Mama, der Natur, »zu der wir alle gehören«. Sie schreibt unter anderem das Recht alles nicht-menschlichen Lebens fest, sich zu erhalten und zu entwickeln, sowie das Recht des Menschen auf sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung. Der Vorschlag für den Yasuní-Nationalpark schien vielversprechend und ein Vorbild für künftiges Umweltengagement.

Nach Correas Plan sollte im Yasuní-Nationalpark nicht mehr nach Erdöl gebohrt werden, sondern der Kohlenstoff für immer in seinem Grab verschlossen bleiben. Letzteres ist besonders in globaler Hinsicht bedeutsam. Wenn wir noch irgendwie hoffen wollen, die durchschnittliche globale Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und somit das erklärte Ziel der aktuellen Klimagipfel zu erreichen, müssen wir die im Boden lagernden Brennstoffe dort lassen, wo sie sind. Wir müssen, auch mit der Schatzkarte vor Augen, das Kreuzchen Kreuzchen sein lassen. Da gäbe es manches, von dem wir die Finger lassen müssen. Die heute bekannten globalen Energievorkommen sind drei Mal so groß wie die, die wir verbrennen dürften, wenn wir unsere Klimaziele einhalten wollen.

Correas Plan ist gescheitert. Wenn Ecuador sein Öl im Boden lassen will, muss es die Kosten der ungenutzten Chance allein schultern. Diejenigen, die bislang den meisten fossilen Kohlenstoff in die Atmosphäre geblasen haben, die Bürger der reichen Industrieländer, waren nicht bereit, sich an den finanziellen Kosten des Verzichts zu beteiligen. Dafür können sie jetzt einfach Öl kaufen. Darum hört der Kapokbaum nun tagsüber Maschinenlärm und wird nachts von riesigen Abgasflammen erhellt, die höher sind als der höchste Regenwaldbaum. Seismische Studien, bei denen sich das Öl im Echo erddurchdringender akustischer Schockwellen offenbart, sind in Planung.

Wie jeder gute Stratege hatte Correa noch etwas in der Hinterhand. Seine Alternative wird heute umgesetzt: Die Ölfelder werden erschlossen. Im März 2016 hat das staatliche Ölunternehmen Petroamazonas erstmals im ITT nach Öl gebohrt, direkt an der nördlichen Grenze des Nationalparks. Und Correa ist nicht der Einzige unter den politischen Führungskräften der Region, der so denkt. Im westlichen Amazonas wurden von staatlicher Seite schon über siebenhunderttausend Quadratkilometer Wald als Öl- und Gasfelder ausgewiesen. Dazu gehören der größte Teil des Regenwalds in Ecuador und Peru sowie große Regenwaldteile in Kolumbien und Brasilien. Mittlerweile werden auf sechzig Prozent der ausgewiesenen Felder Öl und Gas gefördert oder Probebohrungen durchgeführt, großteils entlang von Straßen, die man neu durch den bislang straßenlosen Wald gebaut hat. Zu einigen Förderstätten führen keine Straßen, sondern Pipelines. Der Zugang erfolgt dort per Boot oder Flugzeug. Die anderen vierzig Prozent der ausgewiesenen Felder befinden sich in der Vermarktungsphase und wurden noch keinem Unternehmen zugesprochen.

Betrachtet man die Landkarten, scheint es fast unvermeidlich, dass im überwiegenden Teil des westlichen Amazonasregenwalds künftig großflächig nach Öl gebohrt wird. Die meisten Ecuadorianer haben allerdings andere Vorstellungen. Die große Mehrheit möchte keine Ölförderung im Yasuní-Nationalpark. Siebenhundertfünfzigtausend Menschen haben eine entsprechende Petition unterschrieben, weit mehr als für eine landesweite Abstimmung erforderlich. Doch die Wahlkommission, von Correa politisch instrumentalisiert, hat die meisten Unterschriften für ungültig erklärt. Heute werden die Gegner der Bohrungen verfolgt. Wer Pacha Mama verteidigt, verliert schnell seinen Job und mehr. Die Gerichte werden von unbotmäßigen Richtern gesäubert. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind besorgt. Abweichende Meinungen, sagen sie, werden im Namen des Fortschritts kriminalisiert.

Der Widerstand gegen die Erdölbohrungen hat viele Formen angenommen. Demonstranten marschieren nach Quito, NGO-Mitarbeiter und Wissenschaftler veröffentlichen Studien und Pressemitteilungen, Aktivisten erobern mit ihren Aktionen das Internet, und Ausländer denken laut darüber nach, wie Ecuador seine Angelegenheiten regeln sollte. Was diesen Kampf jedoch von vielen anderen unterscheidet, ist, dass in seinem Zentrum menschliche Gemeinschaften stehen, die in der Ökologie des weltweit artenreichsten Walds Akteure und Zuhörer sind. Ihre Lebensphilosophie hat in den politischen Diskurs und die Verfassung des Landes Eingang gefunden. Die Gedanken aus den Wäldern, die Gedanken des Waldes durchdringen heute den Nationalstaat.

Diese Gedanken stellen eine ähnliche Herausforderung dar wie die Geister des Waldes. Wenn wir sie hören, errichten wir, weil wir voreingenommen sind, eine Schranke aus abwehrenden, abwiegelnden oder verzerrenden Vorurteilen. In Coca, der Ölstadt am Rand des Waldes, wird aus dem Rassismus kein Hehl gemacht. So taucht Auca, »der primitive Wilde«, im Namen eines Taxiunternehmens auf – Cooperativa de Taxis Auca Libre –, im Namen eines Hotels – El Auca – oder in der Via Auca, der Hauptstraße zu den Ölfeldern. Meine Waorani-Freunde werden im Restaurant offen abschätzig behandelt. Auch die Shuar und Ashuar im Süden klagen über rassistische Beschimpfungen. Die Sarayaku Quechua werden vom Militär schikaniert und von anonymen Schlägern angegriffen. Und manches Vorurteil kommt in wohlmeinendem Gewand daher. Wenn Nordamerikaner und Westeuropäer nach der »ewigen Weisheit« der Waldbewohner suchen, projizieren sie ihre Wunschvorstellungen auf indigene Völker und verkennen dabei, dass sich alle Kulturen wandeln und »modern« sind, ob ihre Wurzeln am Amazonas oder in Athen liegen. Es gab hier, noch vor Ankunft der Spanier, Revolutionen, die durch interkulturelle Auseinandersetzungen ausgelöst wurden, es gab die völlige Entwurzelung von Menschen durch die Inkas oder die Dezimierung durch Seuchen, und mit den Spaniern kamen dann Jahrhunderte kolonialistischer Intrigen. Durch die industrielle Revolution hat sich der Wandel durch äußere Einflüsse dann noch erheblich beschleunigt. Dazu kommen innere Entwicklungen, wie es sie in jeder Kultur gibt. Die indigenen Völker werden durch den Mythos vom urzeitlichen, von der Moderne unberührten Menschen ebenso als auca verunglimpft, dabei bringt jede Kultur ihre moderne Identität nur anders zum Ausdruck.

Die Weltauffassung der indigenen Völker im Amazonasgebiet nimmt, wie die aller Völker, Bezug auf ihre Vergangenheit. Doch auch sie entwickelt sich weiter und drückt sich je nach Kontext und Persönlichkeit gegenüber Außenstehenden selektiv oder pragmatisch aus. Die Melodie des Regens wird durch die Träufelspitzen geformt und interpretiert; wir hören nicht den Regen selbst, sondern den interpretierten Regen. Vorurteile und Missverständnisse stellen unser Gehör vor große Herausforderungen, machen uns aber nicht taub. Als ich mich mit den Leuten unterhielt, konnte ich, so glaube ich zumindest, die Bäume durch meine Zerrfilter hören.

Teresa Shiki, eine Shuar, Heilerin, Aktivistin und Lehrerin, ist vor Missionaren geflohen, weil diese ihr schlechtes Essen gaben, ihr von Heiligen und Märtyrern erzählten und verboten, die eigene Sprache zu sprechen. Sie ist in den Wald gerannt, um nach ihrer Großmutter zu suchen. Bei ihr hat sie gelernt, auf die Pflanzen zu hören, darauf, was sie den Menschen schenken. Jeder Baum ist ein lebendes Wesen, mit einer Sprache. Der Kapokbaum steht für das Leben aller Pflanzen. Man kann nicht auf »einen« Baum lauschen, kein Baum lebt für sich allein. Wenn sie durch den Wald läuft, hört sie zu, und sie hört zu, wenn Pflanzen im Traum zu ihr sprechen. Zwischen unseren Träumen, den Wurzeln der großen und kleinen Pflanzen und unseren Vorfahren gibt es eine Verbindung. Ölförderung? Ausdruck eines kranken Hirns, eines Gehirns, das in trägen Fantasien schwelgt. In der industrialisierten Wirtschaft, die ihre Gemeinschaft verändert, sieht sie einen Menschen, der über glühende Kohlen rennt: der vergeblich versucht zu fliehen. Das Rennen führt zu nichts. Wenn die schrecklichen Träume kommen, muss man zum Kapokbaum zurückkehren, genau hinhören und aus dem Baum heraus leben, man darf ihn nicht loslassen. Wir können unsere Geister nur durch die Baumenergie wiederbeleben und so hoffen, zu überleben. Wir können nur durch die stumme Beziehungzum Baum neue Kraft gewinnen. Auf einem aufgelassenen Ölfeld hat sie neuen Wald angepflanzt. Die von ihr geleitete Omaere Foundation bringt Einheimischen und Fremden das Wissen und die Heilmittel des Waldes wieder näher und versucht, die Beziehungen neu zu knüpfen, die Mensch und Wald ausmachen.

Ein Quechua stellt mir seinen Großvater vor, den Sohn eines mächtigen Schamanen. Der alte Mann erzählt; sein Enkel fädelt unterdessen eine Lichterkette durch einen Plastik-Weihnachtsbaum, eine knisternde Tanne. Die Missionare haben uns Bibelgeschichten beigebracht, das Schreiben. Wir haben uns nicht mehr für die Bäume interessiert. Vorher haben wir dem Wald gelauscht, um zu jagen, Tiere aufzuspüren. Heute ist das meiste vergessen. Der Enkel lernt, was in zwei Generationen verloren ging, die Sprache des Waldes, und erzählt anderen davon, Besuchern aus aller Welt. Nur der Kapokbaum, kein anderer Baum, kann einem Sturm widerstehen. Er fängt den Wind unter seinen ausladenden Ästen ein und schickt die gewaltigen Kräfte gen Boden. Wenn wir den Kapokbaum fällen, verlieren wir diese Stärke. Die Schamanen sind schwächer geworden, viele sind Betrüger. Ein Kapokbaum im Regenwald, der abseits von Ölbohrungen und Industrie steht, sammelt andere Lebewesen um sich und beschützt sie. Zwischen seinen Ästen lagern Jaguare ihre Futtervorräte. Schlangen und Schildkröten legen ihre Eier in den weichen Boden um den Stamm. Tapire durchwühlen den Boden, weil es dort nach vergammelten Früchten riecht. Schnecken, Tausendfüßler oder Fledermäuse leben an seinem Stamm und in den Untiefen seiner Stützwurzeln. Der Mann führt uns zum größten Kapokbaum nahe der Stadt, inmitten von Viehweiden und Gehöften. Schnecken und Tausendfüßler zuhauf. Eine junge Frau, die in unmittelbarer Nähe wohnt, erzählt uns, dass sie nachts Geister hört, die wie Vögel in dem Stamm und der Krone plappern. Sie fürchtet sich. Manchmal lässt Gott einen Blitz in den Kapokbaum fahren, damit die Geister sterben. Missionare, Erdölbranche und Gott machen gemeinsame Sache.

Quechua in Anzug und Krawatte arbeiten im Bürgermeisteramt der Stadt oder mit diesem zusammen. Die nationale Regierung beschädigt und tötet unsere Mutter, den Kapokbaum, Stück für Stück. Sogar Baumschutzprogramme animieren die Menschen, Bäume zu fällen. Wir verlieren unsere Heilmittel und unsere Jagdgründe. Die staatlichen Schutzprogramme lassen die indigene Bevölkerung verkümmern. Ohne ein intaktes Territorium, das der indigenen Gemeinschaft gehört und von ihr verwaltet wird, zerfällt der Wald, und die Gemeinschaft zerbricht. Wir gehen zu unserer Mutter, dem Kapokbaum, umarmen sie und bitten sie um Kraft, besonders vor Verhandlungen mit den Leuten aus der Öl- und Chemieindustrie. Die Geräusche des Waldes zeigen uns den Weg und helfen uns. Sie können glücklich oder traurig machen. Unsere Mutter hat wie jeder Baum ihren eigenen Klang. Ein großer Kapokbaum schenkt uns durch seine Berührung und seinen Gesang gute Energien.

Ein anderer Quechua, der teils im Wald lebt, sich aber auch am politischen Kampf gegen die industrielle Zerstörung des Lands seines Volkes beteiligt: Die Bäume sind voller Musik. Die Flüsse leben und singen. Sie lehren uns unsere Lieder. Wenn wir sagen, die Bäume singen, halten uns die Leute für verrückt. Doch nicht wir sind verrückt, sondern die Leute, die uns schlechtmachen. Unsere Politik sieht so aus: Wir wollen zeigen, dass Bäume und Flüsse voller Musik, voller Lieder und Leben sind. Damit aus den sogenannten Nationalparks lebendige Wälder werden. Damit man unser Land als einen Garten voller blühender, musikalischer Bäume betrachtet. Das Land ist nicht leer. Wir kennen die Waldgesänge schon seit sehr langer Zeit, weil wir gemeinsam mit Millionen anderer Wesen in dem Wald leben. Doch das nationale »Gesetz über leere Landstriche und Besiedlung« sagt: Dort leben keine Menschen.