Der globale Minotaurus - Yanis Varoufakis - E-Book

Der globale Minotaurus E-Book

Yanis Varoufakis

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Beschreibung

Globalisierung, Gier und fehlende Bankenregulierung – sie alle wurden für die Krise der Weltwirtschaft verantwortlich gemacht. In Wahrheit sind dies nur Nebenschauplätze eines weit größeren Dramas. Eines Dramas, das in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurzelt und bereits seit den 1970er Jahren auf offener Bühne spielt: als die Welt wider besseres Wissen begann, mit ihrem Geld den “Globalen Minotaurus” Amerika zu nähren – so wie einst die Athener dem mythischen Fabeltier auf Kreta Tribut zollten. Heute sind die USA als Stabilisator der Weltwirtschaft selbst nachhaltig geschwächt, und die Konsequenzen des Machtvakuums zeigen sich allerorten. Sie machen vor allem eines klar: Stabilität in der Weltwirtschaft ist nicht umsonst zu haben; sie erfordert historische Entscheidungen – wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Hegemonialstellung Amerikas begann. Statt hektischer Rettungsaktionen mit immer kürzeren Verfallsdaten ist eine grundlegende Debatte über Stabilitätspolitik, ist ein Neuanfang unvermeidlich.

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Seitenzahl: 369

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YANIS VAROUFAKIS

DER GLOBALEMINOTAURUS

AMERIKA UND DIE ZUKUNFTDER WELTWIRTSCHAFT

Aus dem Englischenvon Ursel Schäfer

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Inhalt

Danksagung

KAPITEL 1    Einführung

KAPITEL 2    Zukunftslabore

KAPITEL 3    Der Globale Plan

KAPITEL 4    Der Globale Minotaurus

KAPITEL 5    Die Helfer des Untiers

KAPITEL 6    Der Crash

KAPITEL 7    Die Helfer schlagen zurück

KAPITEL 8    Die weltweite Hinterlassenschaft desMinotaurus: Eine sinkende Sonne, verwundeteTiger, ein instabiles Europa und einangstvoller Drache

KAPITEL 9    Eine Zukunft ohne Minotaurus?

Anmerkungen

Empfohlene Lektüre

Auswahlbibliografie

Grafiken, Tabellen, Kästen

Abkürzungen

Register

Danksagung

Die Metapher vom Globalen Minotaurus kam mir während endloser Gespräche mit Joseph Halevi über das, was die Welt nach den Wirtschaftskrisen der 1970er-Jahre bewegte. Unser Austausch war intensiv, regelmäßig und anregend. Er erstreckte sich über zwei Jahrzehnte, bei Begegnungen in Australien und Europa, von Angesicht zu Angesicht, per E-Mail, in allen möglichen Medien und Stimmungen. Und dabei kristallisierte sich allmählich eine kohärente Sicht des Weltwirtschaftssystems heraus, in der die amerikanischen Defizite eine zentrale und auf paradoxe Weise beherrschende Rolle spielten.

An die Öffentlichkeit gelangte diese Sicht erstmals 2003 in einem Artikel in Monthly Review mit dem Titel »Der Globale Minotaurus«. Darin präsentierten Joseph und ich die Arbeitshypothese, das definierende Merkmal der Weltwirtschaft sei die Umkehrung der Ströme bei den Handels- und Kapitalüberschüssen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Rest der Welt. Zum ersten Mal in der Weltgeschichte stärkte der Hegemon seine Hegemonie dadurch, dass er absichtlich seine Defizite vergrößerte, nachdem er seine globale Überschussposition verloren hatte. Der Trick dabei war, zu verstehen, wie Amerika das anstellte und auf welche tragische Weise der Erfolg dieser Strategie dem Finanzkapitalismus den Weg bereitete, der die amerikanische Vorherrschaft stärkte und zugleich die Saat zu ihrem möglichen Ende legte.

Es wurde eine interessante Geschichte, die offenbar gut zu dem passte, was viele ganz unterschiedliche Menschen über unsere schöne globale Welt dachten. Und als dann der Crash von 2008 kam, klang unsere Geschichte noch einleuchtender – zumindest für uns. In Reaktion auf die anschließende Krise warben Joseph und ich unseren guten Freund und Kollegen Nicholas Theocarakis an, eine noch umfassendere Geschichte zu erzählen: die Geschichte, wie die Ereignisse von 2008 sowohl für den globalen Kapitalismus als auch für die Art und Weise, wie wir ihn als Ökonomen deuten können, einen Bruch darstellten.

Das Ergebnis ist ein kürzlich erschienenes wissenschaftliches Werk mit dem Titel Modern Political Economics; in ihm ist die Präsenz des Globalen Minotaurus beinahe auf jeder Seite spürbar. Weil sich dieses Buch an unsere wissenschaftlichen Kollegen und Studenten richtet, ist die grundlegende Argumentation mit ausführlichen Diskussionen und langatmigen Exkursen verwoben, die jeden Leser außerhalb des akademischen Milieus in den Wahnsinn treiben dürften. Deshalb hatte ich die Idee, den Kern der Geschichte vom Globalen Minotaurus in dem Buch zusammenzufassen, das Sie in der Hand halten.

Als Erstes danke ich Joseph und Nicholas für die gemeinsamen Gedanken, die in die folgenden Seiten eingeflossen sind. Außerdem danke ich: George Krimpas für moralische Unterstützung, intellektuelle Führung und dringend nötige Korrekturen; Nicholas Theocarakis (noch einmal) für die gründliche Lektüre einer früheren Fassung; Alejandro Nadal für ein paar hervorragende Anmerkungen und Clive Liddiard für intelligentes Korrekturlesen. Und schließlich schulde ich Rob Langham von Routledge Dank, der mir vorgeschlagen hat, mit meiner Idee für dieses Projekt an Zed Books heranzutreten, und natürlich Ken Barlow von Zed Books, dass er meine Idee begeistert und effizient aufgegriffen hat.

Für Danaë Stratou,meine globale Partnerin

KAPITEL 1

EINFÜHRUNG

Ein Augenblick im Jahr 2008

Nichts macht uns menschlicher als eine Aporie – der Zustand massiver Verwirrung, in den wir geraten, wenn unsere Gewissheiten zu Bruch gehen, wenn wir auf einmal in einer Sackgasse stecken, nicht mehr erklären können, was unsere Augen sehen, unsere Finger berühren, unsere Ohren hören. In diesen seltenen Momenten, in denen unsere Vernunft darum ringt zu begreifen, was die Sinnesorgane ihr melden, lässt unsere Verwirrung uns demütig werden und stellt den so vorbereiteten Geist auf bis dahin unerträgliche Wahrheiten ein. Und wenn die Aporie ihr Netz sehr weit auswirft, sodass sich die ganze Menschheit darin verfängt, wissen wir, dass wir einen besonderen historischen Augenblick erleben. Der September 2008 war ein solcher Augenblick.

Die Welt hatte sich gerade auf eine Weise selbst in Erstaunen versetzt, die es seit 1929 nicht mehr gegeben hatte. Gewissheiten, die eine jahrzehntelange Konditionierung uns eingebläut hatte, waren schlagartig weg, und mit ihnen Vermögenswerte im Wert von 40 Billionen Dollar weltweit, davon allein 14 Billionen Vermögen privater Haushalte in den Vereinigten Staaten, 700.000 amerikanische Arbeitsplätze pro Monat, unzählige Häuser und Wohnungen überall, die ihre Besitzer nicht mehr halten konnten … Die Liste ist ebenso lang, wie die Zahlen unvorstellbar sind.

Die kollektive Aporie wurde durch die Reaktion der Regierungen noch verstärkt, die bis dahin unbeirrt den fiskalischen Konservatismus – die vielleicht letzte Massenideologie des 20. Jahrhunderts – hochgehalten hatten: Auf einmal schütteten sie Billionen von Dollar, Euro, Yen und so weiter in ein Finanzsystem, das noch wenige Monate zuvor glänzend gelaufen war, sagenhafte Gewinne angehäuft und behauptet hatte, den Goldtopf am Ende des globalisierten Regenbogens gefunden zu haben. Und als das nicht ausreichte, begannen unsere Präsidenten und Regierungschefs, Männer und Frauen mit untadeligen neoliberalen Überzeugungen, die Staatsinterventionismus ablehnten, mit einem Eifer, der Lenins Großtaten nach 1917 in den Schatten stellte, Banken, Versicherungen und Autohersteller zu verstaatlichen.

Im Gegensatz zu früheren Krisen – wie dem Platzen der Dotcom-Blase 2001, der Rezession von 1991, dem Schwarzen Montag1, dem Debakel in Lateinamerika in den 1980er-Jahren, dem Abgleiten der Dritten Welt in eine tückische Schuldenfalle und sogar der verheerenden Depression in Großbritannien und Teilen der Vereinigten Staaten in den 1980er-Jahren – war die Krise von 2008 nicht auf eine geografische Region, eine soziale Schicht oder bestimmte Branchen beschränkt. Alle Krisen vor 2008 waren in gewisser Weise lokal begrenzt gewesen. Diejenigen, die langfristig unter ihnen litten, hatten für die amtierenden Mächte meist keinerlei Bedeutung, und wenn (wie beim Schwarzen Montag, dem Zusammenbruch des Hedgefonds Long-Term Capital Management, LTCM, 1998 oder dem Platzen der Dotcom-Blase zwei Jahre später) doch auch die Mächtigen den Schock spürten, eilten die Behörden rasch und wirksam zu Hilfe.

Demgegenüber hatte der Crash von 2008 sowohl global wie im neoliberalen Kernland verheerende Folgen. Mehr noch: Seine Folgen werden uns noch sehr, sehr lange begleiten. In Großbritannien war dies wahrscheinlich die erste Krise seit Menschengedenken, die die reicheren Regionen im Süden traf. In den Vereinigten Staaten hatte die Subprime-Krise zwar in den alles andere als reichen Gebieten dieses großen Landes begonnen, erfasste aber nach und nach auch die letzten Schlupfwinkel der privilegierten Mittelschicht mit ihren bewachten Wohnanlagen, ihren grünen Vorstädten, ihren Eliteuniversitäten, an denen sich die Wohlhabenden versammeln und für die höheren sozioökonomischen Positionen in Stellung bringen. In Europa hallt der gesamte Kontinent vom Getöse einer Krise wider, die nicht vergehen will und europäische Illusionen bedroht, die sechs Jahrzehnte unerschüttert überstanden hatten. Migrationsströme kehrten sich um, als polnische und irische Arbeiter Dublin und London verließen und nach Warschau oder Melbourne zogen. Selbst China, das wundersamerweise mit einer gesunden Wachstumsrate der Rezession entging, als weltweit die Wirtschaft schrumpfte, steckt in der Klemme, weil der Konsumanteil seines Volkseinkommens zurückgeht und der hohe Anteil staatlicher Investitionsprojekte eine gefährliche Blase nährt – zwei Omen, die nichts Gutes verheißen in einer Zeit, in der fraglich ist, ob der Rest der Welt langfristig Chinas Exportüberschüsse aufnehmen kann.

Zu der allgemeinen Aporie kommt noch hinzu, dass die Großen und Mächtigen zugeben müssen, dass auch sie von den neuen Wendungen der Realität überfordert sind. Im Oktober 2008 bekannte Alan Greenspan, der ehemalige Chef der amerikanischen Notenbank (Fed), der lange als moderner Merlin galt, er sehe »einen Fehler in dem Modell, das ich für die entscheidende Struktur gehalten habe, die festlegt, wie die Welt funktioniert«.2 Zwei Monate später sagte Larry Summers, ehemals Finanzminister in der Regierung Clinton und später oberster Wirtschaftsberater (Vorsitzender des Nationalen Wirtschaftsrats) des gewählten Präsidenten Obama, »in dieser Krise ist es riskanter, zu wenig zu tun, als zu viel zu tun«. Wenn der Große Zauberer einräumt, dass seine ganze Magie auf einem fehlerhaften Modell basiert, wie die Welt funktioniert, und der ranghöchste Wirtschaftsberater des Präsidenten dazu rät, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen, kapiert auch die Öffentlichkeit, was los ist: Unser Schiff steuert in trügerische, unbekannte Gewässer, die Crew ist ratlos, der Kapitän in Panik.

Und so sind wir in einen Zustand der greifbaren, allgemeinen Aporie geraten. Geistige Trägheit wich ängstlichen Zweifeln. Die Entscheidungsträger scheinen ihrer Entscheidungsgewalt beraubt. Die Politik hangelt sich von einem Tag zum nächsten. Beinahe sofort hat eine verwirrte Öffentlichkeit ihre Antennen in alle Richtungen ausgefahren, verzweifelt bemüht, Erklärungen für die Vorgänge und ihre Ursachen zu finden. Wie um zu beweisen, dass das Angebot nicht stimuliert werden muss, wenn die Nachfrage reichlich vorhanden ist, legte nun auch die Presse los. Bücher, Aufsätze, Essays, sogar Filme kamen heraus und erzeugten eine Flut von Erklärungen, was schiefgegangen war. Doch auch wenn in einer Welt im Schockzustand immer eine Fülle von Theorien über ihre Notlage heranreifen, garantiert die Überproduktion von Erklärungen noch keine Lösung der Aporie.

Sechs Erklärungen für das, was geschehen ist

1. »Vor allem hat das kollektive Vorstellungsvermögen vieler kluger Leute … dabei versagt, die Risiken des Systems insgesamt zu begreifen«

Das war die Kernaussage eines Briefs, den die Queen am 22. Juli 2009 von der Britischen Akademie erhielt als Antwort auf eine Frage, die sie einer Versammlung von Professoren mit hochroten Köpfen an der London School of Economics gestellt hatte: »Warum haben Sie es nicht kommen sehen?« Fünfunddreißig britische Spitzenökonomen antworteten in ihrem Brief: »Ups! Wir haben die Große Spekulationsblase für die Schöne Neue Welt gehalten.« Der Kern ihrer Antwort lautete, sie hätten zwar den Finger am Puls der Zeit gehabt und die Augen fest auf die Zahlen geheftet, bei der Diagnose aber zwei miteinander zusammenhängende Irrtümer begangen: den Irrtum, zu extrapolieren, und den (eher noch schlimmeren) Irrtum, auf ihre eigene Rhetorik hereinzufallen.

Jeder konnte sehen, dass die Zahlen Amok liefen. In den Vereinigten Staaten war die Verschuldung des Finanzsektors von bereits beachtlichen 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (oder BIP) im Jahr 1981 auf 117 Prozent im Sommer 2008 in die Höhe geschossen. Unterdessen stieg die Verschuldung der amerikanischen Haushalte von 66 Prozent im Jahr 1997 auf 100 Prozent des Volkseinkommens zehn Jahre später. Alles zusammengenommen, lag die Gesamtverschuldung der Vereinigten Staaten 2008 bei 350 Prozent des BIP, während sie 1980 bei 160 Prozent und damit auch schon sehr hoch gelegen hatte. In Großbritannien häufte die Londoner City (der Finanzsektor, in den die britische Gesellschaft nach der rapiden Deindustrialisierung Anfang der 1980er-Jahre vor allem investiert hatte) eine kollektive Verschuldung auf, die sich auf das Zweieinhalbfache des britischen BIP belief, und die britischen Familien standen gleichzeitig mit einer Summe in der Kreide, die größer war als das jährliche BIP.

Wenn also die unkontrollierte Akkumulation von Schulden mehr Risiken aufhäufte, als die Welt ertragen konnte, warum sah dann niemand den Crash kommen? Das war letztlich der Tenor der ganz vernünftigen Frage, die die Queen gestellt hatte. Die Mitglieder der Britischen Akademie bekannten sich in ihrer Antwort zähneknirschend zu der doppelten Sünde arroganter Rhetorik und linearer Extrapolation. Beide Sünden zusammen hatten zu der selbstgefälligen Überzeugung geführt, ein Paradigmenwechsel habe stattgefunden und die Welt sei in der Lage, risikolos unbegrenzte, harmlose Schulden zu machen.

Die erste Sünde kam in der Gestalt mathematisch verbrämter Rhetorik daher. Sie wiegte Politiker und Wissenschaftler in dem Irrglauben, durch Finanzinnovationen sei es gelungen, das Risiko aus dem System zu eliminieren; die neuen Finanzinstrumente ermöglichten eine neue Art der Verschuldung, die die Eigenschaften von Quecksilber aufwies. Darlehen wurden geschaffen, in kleine Stücke aufgeteilt und zu Paketen zusammengeschnürt, die unterschiedlich große Risiken enthielten,3 und dann weltweit verkauft. Durch die breite Streuung des finanziellen Risikos, so das Mantra, lief kein einzelner Akteur eine nennenswerte Gefahr, betroffen zu sein, wenn ein paar Schuldner ausfallen sollten. Es war ein esoterischer Glauben an die Macht des Finanzsektors, »risikoloses Risiko« zu erzeugen, und er kulminierte in der Ansicht, der Planet könnte künftig Schulden tragen (und Wetten auf diese Schulden), die ein Vielfaches des aktuellen globalen Einkommens ausmachten.

Vulgärempirismus stützte solche mystischen Überzeugungen: 2001, als die sogenannte »New Economy« kollabierte und einen Großteil des nur auf dem Papier bestehenden Reichtums vernichtete, den die Dotcom-Blase und Gauner vom Schlag von Enron geschaffen hatten, hielt das System stand. Und die New-Economy-Blase von 2001 war tatsächlich schlimmer als die Blase mit den ausfallgefährdeten Hypotheken, die sechs Jahre später platzte. Doch die negativen Auswirkungen wurden von der Politik wirksam begrenzt (auch wenn sich der Arbeitsmarkt erst 2004/2005 wieder erholte). Wenn es gelang, einen so großen Schock so gut abzufangen, konnte das System doch sicher kleinere Schocks wie 500 Milliarden Dollar Verluste mit Subprime-Hypotheken in den Jahren 2007/2008 verdauen.

Nach der Erklärung der Britischen Akademie (die, das muss betont werden, von vielen geteilt wird) passierte der Crash von 2008 – ohne dass Heerscharen superschlauer Männer und Frauen, deren Job es war, es besser zu wissen, ihn vorausahnten –, weil mittlerweile die angeblich risikolosen Risiken alles andere als risikolos waren. Banken wie die Royal Bank of Scotland, die 4000 »Risikomanager« beschäftigte, versanken in einem schwarzen Loch von Risiken, die schiefgegangen waren. Nach dieser Lesart zahlte die Welt den Preis dafür, dass sie ihrer eigenen Rhetorik geglaubt und angenommen hatte, die Zukunft werde nicht viel anders aussehen als die jüngste Vergangenheit. Weil unsere von den Finanzmärkten durchdrungene Welt glaubte, sie hätte das Risiko erfolgreich verteilt, schuf sie so viel Risiko, dass sie davon verschlungen wurde.

2. Regulatorische Handschellen

Märkte regeln den Preis für Zitronen. Das tun sie mit minimalem institutionellem Input, denn die Käufer erkennen gute Zitronen, wenn sie im Angebot sind. Für Anleihen oder, noch schlimmer, synthetische Finanzprodukte gilt das nicht. Die Käufer können das »Produkt« nicht schmecken, können es nicht drücken, um den Reifegrad zu testen, oder daran riechen. Sie verlassen sich auf externe, institutionelle Informationen und wohl definierte Regeln, die eigens dafür aufgestellt wurden und von leidenschaftslosen, unbestechlichen Behörden überwacht werden. Diese Rolle spielten – vermeintlich – die Ratingagenturen und staatlichen Regulierungsbehörden. Beide Einrichtungen versagten nicht nur, sondern handelten schuldhaft.

Wenn beispielsweise ein verbriefter Schuldtitel (Collateralized Debt Obligation, CDO) – ein Wertpapier, in dem viele verschiedene Scheibchen vieler verschiedener Schuldtitel zusammengefasst sind4 – mit AAA bewertet wurde und seine Rendite einen Prozentpunkt über der von kurzfristigen amerikanischen Schuldverschreibungen (US Treasury Bills5) lag, war das eine doppelte Botschaft: Der Käufer konnte darauf vertrauen, dass er ein solides Papier kaufte, und wenn der Käufer eine Bank war, konnte er das Stück Papier genauso (als wäre es nicht ein Jota riskanter) behandeln wie das reale Geld, das er dafür bezahlt hatte. Diese Vorspiegelung ermöglichte den Banken aus zwei Gründen atemberaubende Gewinne:

1. Wenn die Banken ihre vielen neu erworbenen CDOs behielten – und denken Sie daran: für den Staat waren CDOs genauso gut wie Dollarnoten mit demselben Nennwert –, mussten sie sie nicht einmal in die Berechnung ihres Eigenkapitals6 einbeziehen. Das bedeutete, dass sie ungestraft Einlagen ihrer Kunden dafür verwenden konnten, mit AAA geratete CDOs zu kaufen, ohne dass sie dadurch in ihrer Fähigkeit eingeschränkt waren, anderen Kunden und anderen Banken neue Darlehen zu gewähren. Solange sie höhere Zinsen fordern konnten, als sie bezahlten, erhöhte der Kauf von CDOs mit AAA-Rating die Profitabilität von Banken, ohne ihre Möglichkeiten zur Kreditvergabe einzuschränken. Die CDOs waren somit die Instrumente, um die Regeln zu beugen, die das Bankensystem vor sich selbst schützen sollten.

2. Die Alternative dazu, die CDOs im Tresor der Bank zu lagern, bestand darin, sie bei einer Zentralbank (zum Beispiel der Fed) als Sicherheit für Kredite zu verpfänden, mit denen die Banken dann machen konnten, was sie wollten: sie an Kunden ausleihen, an andere Banken oder noch mehr CDOs für sich selbst kaufen. Der springende Punkt dabei ist, dass für die Kredite, die die Zentralbanken gegen die als Sicherheit verpfändeten AAA-CDOs ausliehen, nur sehr geringe Zinsen gezahlt werden mussten. Wenn dann ein CDO-Titel mit einem Zinssatz von einem Prozentpunkt über dem, was die Zentralbank verlangte, fällig wurde, behielten die Banken die Differenz für sich.

Die Kombination dieser beiden Faktoren bedeutete, dass die Emittenten von CDOs ein Interesse daran hatten,

a) so viel wie nur möglich davon auszugeben;

b) sich so viel Geld wie möglich zu leihen, um CDOs anderer Emittenten zu kaufen;

c) große Mengen solcher Wertpapiere in ihren Büchern zu halten.7

Leider war das eine offene Einladung, sein eigenes Geld zu drucken! Kein Wunder, dass Warren Buffett nach einem Blick auf die sagenumwobenen CDOs befand, es handele sich dabei um Massenvernichtungswaffen. Die Verlockung verbreitete sich wie ein Flächenbrand: Je mehr die Finanzinstitute sich liehen, um CDOs mit AAA-Rating zu kaufen, desto mehr Geld verdienten sie. Der Traum vom eigenen Geldautomaten im Wohnzimmer war wahr geworden, zumindest für die privaten Finanzinstitute und die Menschen, die sie leiteten.

Angesichts dieser Fakten fällt der Schluss nicht schwer, dass der Crash von 2008 das unvermeidliche Ergebnis des Umstands war, dass man die Wilderer zu Wildhütern gemacht hatte. Sie hatten enorme Macht, und ihr Renommee als moderne Zauberer, die neuen Reichtum produzierten und neue Paradigmen schufen, war grenzenlos. Die Banker bezahlten die Ratingagenturen dafür, den AAA-Status auf die CDOs auszuweiten, die die Banken ausgaben; die Regulierungsbehörden (einschließlich der Zentralbank) akzeptierten die Ratings als koscher; und die ehrgeizigen jungen Männer und Frauen, die einen schlecht bezahlten Job gegen einen Job bei einer Ratingagentur eingetauscht hatten, begannen, von einer Karriere bei Lehman Brothers oder Moody’s zu träumen. Kontrolliert wurden sie alle von Scharen von Finanzministern und Staatssekretären, die zuvor entweder bei Goldman Sachs oder Bear Stearns und Co. gearbeitet hatten oder darauf brannten, nach dem Ausscheiden aus der Politik in diesen magischen Zirkel vorzudringen.

In einem Umfeld, in dem die Champagnerkorken knallten und die Motoren funkelnder Porsches und Ferraris dröhnten, in einer Landschaft, in der sich aus den Banken Sturzbäche von Boni in bereits reiche Gebiete ergossen (dabei den Immobilienboom weiter anfachten und neue Blasen von Long Island und dem Londoner Eastend bis in die Vororte von Sydney oder die Hochrisikoviertel von Shanghai entstehen ließen), in einer Welt des sich scheinbar von selbst vermehrenden Reichtums auf dem Papier hätte man heroisch – und rücksichtslos – sein müssen, um die Alarmglocken zu läuten, die unbequemen Fragen zu stellen und Zweifel anzumelden, dass die mit AAA bewerteten CDOs tatsächlich risikolos waren. Selbst wenn ein unverbesserlich romantischer Regulierer, Händler oder leitender Banker Alarm geschlagen hätte, hätte man ihn übertönt, und er wäre als tragische, gescheiterte Figur in der Gosse der Geschichte geendet.

Bei den Brüdern Grimm gibt es das Märchen von einem Zaubertopf, der die frühen Träume des Industriezeitalters verkörperte – ein automatisches Füllhorn, das all unsere Wünsche befriedigt und niemals versiegt. Das Märchen ist aber auch eine trostlose, warnende Geschichte, die zeigt, wie schnell aus industriellen Träumen Albträume werden. Denn gegen Ende der Geschichte läuft der Wundertopf Amok und überflutet das Dorf mit süßem Hirsebrei. Die Technik ist böse geworden, genau wie Mary Shelleys genialer Doktor Frankenstein erlebt, dass sich sein eigenes Geschöpf boshaft gegen ihn wendet. Genauso überschwemmte der virtuelle Geldautomat, den die Wall Street, die Ratingagenturen und die Regulierer, die mit ihnen gemeinsame Sache machten, ersonnen hatten, das Finanzsystem mit dem süßen Brei unserer Tage, an dem schließlich beinahe die ganze Welt erstickte. Und als im Herbst 2008 der Geldautomat nicht mehr funktionierte, kam eine an synthetischen Brei gewöhnte Welt knirschend zum Stillstand.

3. Unbezähmbare Gier

»Es liegt in der Natur des Menschen«, lautet die dritte Erklärung. Menschen sind gierige Wesen, die zivilisiertes Benehmen nur vortäuschen. Wenn sich die kleinste Chance bietet, werden sie stehlen, plündern und andere drangsalieren. Dieser düstere Blick auf uns Menschen lässt keinen Raum für einen Funken Hoffnung, dass intelligente Raufbolde Regeln zur Eindämmung von Raufereien zustimmen werden. Und selbst wenn sie zustimmen – wer wird die Regeln durchsetzen? Nur eine Art Leviathan mit außerordentlicher Macht könnte den Raufbolden Angst machen. Aber dann stellt sich wieder die Frage: Wer wird den Leviathan in die Schranken weisen?

So denkt der neoliberale Geist und kommt zu dem Schluss, dass Krisen wohl notwendige Übel sind und dass keine menschliche Vorkehrung einen wirtschaftlichen Zusammenbruch abwenden kann. Seit ein paar Jahrzehnten, beginnend mit Präsident Roosevelts Bemühungen nach 1932, die Banken zu regulieren, ist die Leviathan-Lösung weithin akzeptiert: Der Staat kann und soll die Rolle von Hobbes’ Leviathan bei der Regulierung der Gier spielen und Gier und Besitz einigermaßen ins Gleichgewicht bringen. Der Glass-Steagall Act von 1933 ist wahrscheinlich das am häufigsten zitierte Beispiel für solche Regulierungsbemühungen.8

Doch in den 1970er-Jahren rückte man immer mehr von diesem regulatorischen Rahmen ab und kehrte zu der fatalistischen Sicht zurück, dass die menschliche Natur immer Wege finden wird, ihre eigenen guten Absichten zu sabotieren. Der »Rückzug in den Fatalismus« fiel mit einer Phase zusammen, als Neoliberalismus und Finanzmarktkapitalismus ihre hässlichen Häupter reckten. Es war eine neue Version des alten Fatalismus: Die überwältigende Macht des Leviathan ist zwar nötig, um die Raufbolde in Schranken zu halten, aber sie erstickt Wachstum, behindert Innovation, hemmt die Fantasie in Finanzdingen und zwingt so der Welt eine langsame Gangart auf, wo doch technologische Innovationen uns gerade ermöglichen, uns in höhere Ebenen von Entwicklung und Wohlstand emporzuschwingen.

1987 beschloss Präsident Reagan, Paul Volcker (den die Regierung Carter ernannt hatte) als Präsident der Notenbank abzulösen und durch Alan Greenspan zu ersetzen. Einige Monate später erlebten die Finanzmärkte den schlimmsten Tag ihrer Geschichte, den berüchtigten Schwarzen Montag. Greenspans geschickter Umgang mit den Folgen brachte ihm den Ruf ein, nach einem Crash am Finanzmarkt effizient aufzuräumen.9 Dieses »Wunder« sollte er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2006 mehrfach wiederholen.10

Reagans stramme Neoliberale hatten Greenspan nicht trotz, sondern wegen seiner festen Überzeugung gewählt, die Möglichkeiten und Verdienste der Regulierung würden überschätzt. Greenspan zweifelte sehr, dass irgendeine staatliche Institution, die Fed eingeschlossen, der menschlichen Natur Zügel anlegen und die Gier effizient beschränken könnte, ohne zugleich Kreativität, Innovation und letztlich Wachstum abzuwürgen. Seine Überzeugung führte ihn zur Anwendung eines schlichten Rezepts, das die Welt gut neunzehn Jahre lang prägte: Da nichts die menschliche Gier so diszipliniert wie die unnachgiebigen Herren Angebot und Nachfrage, überlässt man die Märkte am besten sich selbst, und der Staat hält sich bereit, einzugreifen und aufzuräumen, wenn das unvermeidliche Desaster eingetreten ist. Wie ein liberaler Elternteil, der seine Kinder in allerlei Missgeschicke geraten lässt, erwartete Greenspan Ärger, aber zog es vor, an der Seitenlinie zu warten, stets bereit, nach einer wilden Party aufzuräumen oder die Wunden und gebrochenen Gliedmaßen zu versorgen.

Greenspan blieb bei jedem Abschwung während seiner Amtszeit bei seinem Rezept und seiner Weltsicht. Bei allen Aufschwüngen saß er einfach da und tat beinahe nichts, außer hin und wieder ein sibyllinisches Wort der Ermunterung zu äußern. Wenn dann eine Blase platzte, griff er aggressiv ein, senkte massiv die Zinssätze, flutete die Märkte mit Geld und setzte überhaupt alles daran, das sinkende Schiff wieder flottzumachen. Das Rezept schien gut zu funktionieren – zumindest bis 2008, eineinhalb Jahre nach seinem vergoldeten Ruhestand. Da funktionierte es auf einmal nicht mehr.

Man muss Greenspan zugutehalten, dass er bekannte, den Kapitalismus missverstanden zu haben. Schon allein wegen dieses mea culpa sollte die Geschichte milde über ihn urteilen, denn es gibt sehr wenige Beispiele, dass mächtige Männer willens und in der Lage sind, etwas einzugestehen – besonders wenn ihre einstigen Gefolgsleute bei ihrer Verleugnung bleiben. Tatsächlich ist Greenspans Modell der Welt, dem er selbst abgeschworen hat, immer noch lebendig, wirksam und erlebt ein Comeback. Begünstigt und unterstützt durch steigende Kurse an der Wall Street, die alle ernsthaften Regulierungsversuche nach 2008 aggressiv abzuwehren versucht, ist die Überzeugung wieder da, dass man der menschlichen Natur keine Zügel anlegen kann, ohne zugleich unsere Freiheit und unseren langfristigen Wohlstand zu gefährden. Wie ein kriminell fahrlässiger Arzt, dessen Patient durch Glück überlebt hat, fordert das Establishment aus der Zeit vor 2008 Absolution mit dem Argument, schließlich habe der Kapitalismus überlebt. Und wenn manche von uns weiterhin unbedingt einen Sündenbock für den Crash von 2008 suchen, warum soll man dann nicht der menschlichen Natur die Schuld geben? Sicher wird ehrliche Introspektion zeigen, dass jeder von uns eine tadelnswerte dunkle Seite hat. Die Wall Street bekennt sich allein zu der Sünde, diese dunkle Seite auf eine große Leinwand projiziert zu haben.

4. Kulturelle Ursprünge

Im September 2008 blickten die Europäer selbstgefällig über den großen Teich, in der festen Überzeugung, endlich bekämen die Anglo-Kelten ihre verdiente Strafe. Jahrelang hatten sich die Europäer anhören müssen, wie überlegen das anglo-keltische Modell war, welche Vorzüge flexible Arbeitsmärkte hatten, wie dumm es war zu glauben, Europa könne sich im Zeitalter der Globalisierung ein großzügiges soziales Netz leisten, welche Wunder eine aggressiv individualistische Unternehmerkultur bewirkte, zu welchen Kunststücken die Wall Street in der Lage war und wie brillant die City of London nach dem Big Bang dastand. Da erfüllte die Nachricht vom Crash, als sie in Wort und Bild die ganze Welt erreichte, die Herzen der Europäer mit einer zwiespältigen Mischung aus Schadenfreude und Angst.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Krise auch Europa erfasste. Dabei verwandelte sie sich in etwas Schlimmeres und Bedrohlicheres, als die Europäer sich jemals vorgestellt hätten. Dennoch sind die meisten Europäer immer noch davon überzeugt, dass der Crash seine Wurzeln in der anglo-keltischen Kultur hat. Sie verweisen darauf, dass die Menschen in englischsprachigen Ländern um jeden Preis Wohneigentum haben wollen. Sie finden es schwierig, ein ökonomisches Modell nachzuvollziehen, das abenteuerliche Hauspreise produziert, indem es Mieter als angebliche Leibeigene von Vermietern stigmatisiert und Immobilienbesitzer in den Himmel hebt, obwohl diese womöglich den Banken stärker ausgeliefert sind.

Europäer und Asiaten sahen gleichermaßen die obszöne relative Größe des anglo-keltischen Finanzsektors, der seit Jahren auf Kosten der Industrie gewachsen war, und kamen zu dem Schluss, der Weltkapitalismus sei von Verrückten geentert worden. Als die Krise dann genau an diesen Orten ihren Anfang nahm (in Amerika, Großbritannien, Irland, am Häusermarkt und an der Wall Street), fanden sie sich bestätigt. Das Gefühl der Europäer, recht gehabt zu haben, bekam durch die nachfolgende Eurokrise einen schweren Dämpfer, aber die Asiaten können sich immer noch ordentlich Selbstgefälligkeit leisten. Tatsächlich heißen der Crash von 2008 und seine Folgen in weiten Teilen Asiens »Nordatlantikkrise«.

5. Toxische Theorie

Im Jahr 1997 ging der Wirtschaftsnobelpreis an Robert Merton und Myron Scholes für ihr »bahnbrechendes finanzmathematisches Modell zur Bewertung von Finanzoptionen«. Ihre Methode, tönte das Nobelpreiskomitee in seiner Presseerklärung, »hat den Weg für ökonomische Bewertungen in vielen Bereichen gewiesen. Es hat auch neue Arten von Finanzinstrumenten entstehen lassen und ein effizienteres Risikomanagement in der Gesellschaft ermöglicht.« Hätte das Nobelkomitee bei seiner glücklosen Entscheidung nur geahnt, dass das »bahnbrechende Modell« wenige Monate später einen spektakulären Milliarden-Dollar-Crash verursachen würde: den Zusammenbruch eines großen Hedgefonds (des berüchtigten LTCM, in den Merton und Scholes ihr gesamtes Renommee investiert hatten) und natürlich seine Rettung durch die allzeit hilfsbereiten amerikanischen Steuerzahler.

Der wahre Grund für den Zusammenbruch von LTCM – der Testlauf für den größeren Crash von 2008 – war ganz einfach: hohe Investitionen im Vertrauen auf die nicht zu überprüfende Behauptung, man könne die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen abschätzen, die das eigene Modell als nicht nur unwahrscheinlich, sondern theoretisch gar nicht fassbar wegdenkt. Eine logisch inkohärente Annahme in der eigenen Theorie ist schlimm genug. Aber wenn man die Reichtümer des Weltkapitalismus auf solche Annahmen verwettet, ist das fast schon kriminell. Wie konnten die Wirtschaftswissenschaftler damit davonkommen? Wie überzeugten sie die Welt und das Nobelkomitee, dass sie die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen einschätzen konnten (wie den reihenweisen Ausfall von Schuldnern), die nach ihren eigenen Modellen nicht einzuschätzen waren?

Die Antwort ist eher in der Massenpsychologie zu suchen als in der Ökonomie: Die Wirtschaftswissenschaftler tauften die Unwissenheit um und vermarkteten sie erfolgreich als eine Form von provisorischem Wissen. Dann bauten die Finanziers auf der Grundlage der umbenannten Unwissenheit neue Formen von Schulden zusammen und errichteten Pyramiden auf der Annahme, das Risiko sei beseitigt. Je mehr Investoren sich überzeugen ließen, desto mehr Geld verdienten alle Beteiligten und desto besser gelang es den Ökonomen, alle zum Schweigen zu bringen, die es wagten, ihre Grundannahmen in Zweifel zu ziehen. Auf diese Weise verstärkten sich toxisches Finanzgebaren und toxische ökonomische Theoriebildung gegenseitig.

Während die Mertons der Finanzwelt Nobelpreise einsammelten und im selben Atemzug sagenhafte Gewinne einstrichen, änderten ihre Pendants an den großen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ihr theoretisches »Paradigma«. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da bemühten sich führende Wirtschaftswissenschaftler um Erklärungen; jetzt war Umbenennung der neue Trend. Sie kopierten die Strategie der Finanziers, Unwissenheit als provisorisches Wissen auszugeben und Unsicherheit als risikoloses Risiko, und bezeichneten unerklärliche Arbeitslosigkeit (zum Beispiel eine Arbeitslosenquote von 5 Prozent, die sich einfach nicht bewegte) neuerdings als natürliche Arbeitslosenquote. Die Schönheit des neuen Begriffs lag darin, dass Arbeitslosigkeit auf einmal natürlich erschien und deshalb keiner Erklärung mehr bedurfte.

Es lohnt sich, an diesem Punkt etwas tiefer in den raffinierten Schwindel der Ökonomen einzutauchen: Wann immer sie nicht erklären konnten, warum das menschliche Verhalten von ihren Vorhersagen abwich, definierten sie erstens solches Verhalten als »aus dem Gleichgewicht« geraten und behaupteten zweitens, es sei zufällig und lasse sich am besten mit einem Zufallsmodell erfassen. Solange man »Abweichungen« unter den Tisch fallen ließ, funktionierten die Modelle, und die Finanziers profitierten. Aber als Panik einsetzte und der Sturm auf das Finanzsystem begann, erwiesen sich die »Abweichungen« als ganz und gar nicht zufällig. Und ganz natürlich kollabierten die Modelle zusammen mit den Märkten, die sie mit geschaffen hatten.

Jeder, der sich unvoreingenommen mit diesen Vorfällen befasste, hätte, so glauben viele, zu dem Schluss kommen müssen, dass es sich bei den ökonomischen Theorien, an die einflussreiche Leute (im Bankensektor, bei den Hedgefonds, in der Fed und der EZB – einfach überall) glaubten, um kaum verschleierte betrügerische Konstruktionen handelte, die die »wissenschaftlichen« Feigenblätter lieferten, hinter denen die Wall Street die Wahrheit über ihre »Finanzinnovationen« zu verstecken versuchte. Die Theorien kamen mit eindrucksvollen Namen daher: Effizienzmarkthypothese (EMH, Efficient Market Hypothesis), rationale Erwartungshypothese (REH) und Theorie realer Konjunkturzyklen (RBCT, Real Business Cycle Theory). Tatsächlich wurden hier Theorien groß vermarktet, deren mathematische Komplexität lange Zeit erfolgreich ihre Schwächen verbarg.

Drei toxische Theorien, die das Denken des wirtschaftswissenschaftlichen Establishments vor 2008 prägten

EMH: Niemand kann auf Dauer damit Geld verdienen, dass er klüger zu sein versucht als der Markt. Warum? Weil die Finanzmärkte dafür sorgen, dass in ihren aktuellen Preisen alle den Marktteilnehmern bekannten Informationen verarbeitet sind. Manche Marktteilnehmer reagieren zu stark auf neue Informationen, andere reagieren zu wenig. Und wenn alle sich irren, hat der Markt »recht«. Eine Theorie nach Voltaires Dr. Pangloss!

REH: Niemand sollte erwarten, dass eine Theorie menschlichen Handelns langfristig genaue Voraussagen liefert, wenn die Theorie annimmt, dass die Menschen sie systematisch missverstehen oder gänzlich ignorieren. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, ein brillanter Mathematiker hätte eine Theorie entwickelt, wie man beim Poker wirkungsvoll blufft, und Ihnen beigebracht, die Theorie anzuwenden. Die Theorie würde nur funktionieren, wenn Ihre Gegner entweder keinen Zugang dazu hätten oder sie missverstünden. Denn würden Ihre Gegner die Theorie ebenfalls kennen, könnten alle sie anwenden und herausfinden, wann Sie bluffen, und damit Ihren Bluff vereiteln. Schließlich würden Sie die Theorie aufgeben und Ihre Gegner ebenso. Nach der REH können derartige Theorien Verhalten nicht gut voraussagen, weil die Menschen sie durchschauen und gegen ihre Postulate und Vorhersagen verstoßen. Das klingt radikal anti-bevormundend. Demnach können Theoretiker, die glauben, sie würden die Gesellschaft besser verstehen als Otto Normalverbraucher, nicht viel erhellende Erkenntnisse liefern. Aber beachten Sie den Knackpunkt: Damit die REH zutrifft, müssen die Irrtümer der Menschen (bei der Voraussage einer ökonomischen Variablen wie Inflation, dem Weizenpreis, dem Preis eines Derivats oder einer Aktie) immer zufällig sein – das heißt, sie dürfen kein Muster aufweisen, nicht zusammenhängen und nicht in einer Theorie zu fassen sein. Man muss nur einen Augenblick überlegen, um zu erkennen, dass die REH vor allem in Verbindung mit der EMH niemals eine Rezession oder gar eine Krise voraussagen wird. Warum? Weil Rezessionen definitionsgemäß systematische Ereignisse sind, die einem Muster folgen. So überraschend eine Rezession kommt, sie läuft nach einem festen Muster ab, jede Phase hängt eng mit der vorangegangenen zusammen. Wie reagiert nun ein Anhänger der EMH-REH, wenn seine Augen und Ohren laut an das Gehirn melden: »Rezession, Crash, Krise!« Er wendet sich der RBCT zu in der Hoffnung auf eine beruhigende Erklärung.

RBCT: Ausgehend von EMH und REH beschreibt die RBCT den Kapitalismus als gut funktionierende Gaia. Sich selbst überlassen, wird alles harmonisch bleiben und niemals eine Krise auftreten (wie die von 2008). Allerdings kann es »Angriffe« von »außen« geben (durch Einmischung der Regierung oder einer launischen Zentralbank, von verabscheuungswürdigen Gewerkschaften, arabischen Ölproduzenten oder Aliens), und das erfordert eine Reaktion und Anpassung. Wie eine gütige Gaia auf den Einschlag eines großen Meteoriten reagiert, reagiert der Kapitalismus effizient auf äußere Schocks. Es kann eine Weile dauern, bis die Schockwellen absorbiert sind, und möglicherweise gibt es viele Opfer, aber es ist immer am besten, den Kapitalismus allein mit der Krise fertigwerden zu lassen, statt dass ihm Politiker, die ihre eigenen Interessen verfolgen, und ihre Gesinnungsgenossen (die behaupten, sie würden sich für das Allgemeinwohl einsetzen, und doch nur an sich denken) neue Schocks zufügen.

Zusammenfassend können wir sagen: Toxischen Derivaten lagen toxische ökonomische Annahmen zugrunde, die nichts anderes waren als theoretische Selbstrechtfertigungen im Eigeninteresse; fundamentalistische Traktate, die Fakten nur dann anerkannten, wenn sie den einträglichen Glaubenssätzen nicht im Wege standen. Trotz ihrer hochtrabenden Namen und der technischen Fassade waren die ökonomischen Modelle nur mathematische Versionen des rührenden Aberglaubens, dass die Märkte es immer am besten wissen, in ruhigen Zeiten und ebenso, wenn es hoch hergeht.

6. Systemversagen

Was wäre aber, wenn wir weder der menschlichen Natur noch der ökonomischen Theorie die Schuld am Crash geben können? Wenn er nicht deshalb passiert ist, weil die Banker gierig waren (obwohl die meisten gierig sind) oder weil sie mit toxischen Theorien operierten (obwohl die meisten das zweifellos taten), sondern weil der Kapitalismus in eine Falle geraten war, die er sich selbst gestellt hatte? Was wäre, wenn der Kapitalismus kein »natürliches« System ist, sondern vielmehr ein ganz spezielles System mit einer Tendenz zum Systemversagen?

Die Linke mit ihrem ursprünglichen Propheten Marx hat immer davor gewarnt, dass der Kapitalismus als System danach strebt, uns zu Automaten zu machen und unsere Marktgesellschaften in Dystopien im Matrix-Stil zu verwandeln. Aber je näher der Kapitalismus diesem Ziel kommt, desto näher kommt er seinem Ende – so ähnlich wie Ikarus in der Mythologie. Nach dem Crash rappelt er sich im Gegensatz zu Ikarus wieder auf, schüttelt den Staub aus seinen Kleidern und fängt wieder von vorn an.

Laut dieser letzten Erklärung auf meiner Liste scheinen unsere kapitalistischen Gesellschaften dazu bestimmt, regelmäßige Krisen zu produzieren, die immer schlimmer werden, je weiter sich die menschliche Arbeitskraft vom Produktionsprozess entfernt und das kritische Denken uns von der öffentlichen Debatte. All jenen, die menschlichem Geiz, menschlicher Gier und menschlichem Egoismus die Schuld geben, entgegnete Marx, ihr Instinkt sei richtig, aber sie suchten an der falschen Stelle. Das Geheimnis des Kapitalismus sei seine Neigung zur Widersprüchlichkeit: seine Fähigkeit, zugleich gewaltigen Reichtum und unerträgliche Armut zu produzieren, großartige neue Freiheiten und die schlimmsten Formen der Sklaverei, schimmernde mechanische Sklaven und elende menschliche Arbeit.

Der menschliche Wille mag nach dieser Lesart dunkel und geheimnisvoll sein, doch im Zeitalter des Kapitals ist er eher eine abgeleitete Kraft als ein erster Beweger. Denn das Kapital hat die Rolle der ursprünglichen Kraft usurpiert, die unsere Welt gestaltet, unseren Willen eingeschlossen. Die selbstreferenzielle Dynamik des Kapitals macht den menschlichen Willen, den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer gleichermaßen zunichte. Obwohl das Kapital – das Kürzel für Maschinen, Geld, verbriefte Derivate und alle Formen, in denen sich Wohlstand kristallisiert hat – unbelebt ist und keinen Verstand hat, entwickelt es sich rasch so, als wäre es selbst ein Akteur in der Wirtschaft, und benutzt menschliche Akteure (Banker, Bosse und Beschäftigte gleichermaßen) als Bauern in seinem Spiel. Genau wie unser Unbewusstes erzeugt auch das Kapital in unseren Köpfen Illusionen – vor allem die Illusion, dass wir, wenn wir ihm dienen, wertvoll, außergewöhnlich, mächtig werden. Wir sind stolz auf unsere Beziehung zum Kapital (entweder als Finanziers, die an einem einzigen Tag Millionen »schaffen«, oder als Arbeitgeber, von denen zahllose Arbeitnehmerfamilien abhängen, oder als Arbeitnehmer, die privilegierten Zugang zu der schimmernden Maschinerie haben oder zu kümmerlichen Dienstleistungen, die illegalen Migranten verwehrt bleiben) und ignorieren die tragische Tatsache, dass in Wahrheit das Kapital uns alle besitzt und wir ihm dienen.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer warf uns modernen Menschen vor, wir würden uns selbst täuschen, wenn wir meinten, unsere Überzeugungen und Handlungen würden von unserem Bewusstsein gesteuert. Nietzsche pflichtete ihm bei und sagte, alles, woran wir irgendwann glaubten, spiegele nicht die Wahrheit wider, sondern die Macht eines anderen über uns. Marx fügte in dieses Bild noch die Wirtschaft ein und tadelte uns alle, weil wir die Realität ignorierten, dass das Kapital und sein Drang zur Akkumulation unsere Gedanken okkupiert hätten. Natürlich entwickelt sich das Kapital ohne Verstand, auch wenn es seiner eigenen stahlharten Logik folgt. Niemand hat den Kapitalismus entworfen, und niemand wird ihn bändigen, jetzt, wo er seine volle Dynamik entfaltet.

Indem der Kapitalismus sich einfach entwickelt hat, ohne dass jemand zustimmte, hat er uns von den primitiveren Formen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation befreit. Er hat Maschinen und (materielle und finanzielle) Instrumente hervorgebracht, die uns erlaubten, die Herrschaft über den Planeten zu übernehmen. Er versetzte uns in die Lage, uns eine Zukunft ohne Armut vorzustellen, in der unser Leben nicht länger der Gnade einer feindlichen Natur ausgeliefert ist. Doch wie die Natur mit denselben Mechanismen Mozart und Aids hervorbrachte, produzierte der Kapitalismus zugleich auch katastrophale Kräfte mit einer Tendenz, Unfrieden, Ungleichheit, industrielle Kriegführung, Umweltzerstörung und natürlich auch finanzielle Abstürze zu erzeugen. Auf einen Streich schuf er – ohne Logik und Grund – Reichtum und Krisen, Entwicklung und Entrechtung, Fortschritt und Rückständigkeit.

War der Crash von 2008 womöglich nichts anderes als unsere regelmäßig wiederkehrende Chance zu erkennen, wie sehr wir bereits zugelassen haben, dass unser Wille vom Kapital unterjocht wird? War es ein Stoß, der uns aufrütteln sollte, damit wir einsehen, dass das Kapital die Kraft ist, »der wir uns beugen müssen«, eine Macht, die eine »kosmopolitische, allgemeine, jede Schranke, jedes Band umwerfende Energie entwickelt, um sich als die einzige Politik, Allgemeinheit, Schranke und Band an die Stelle zu setzen«?11

Die Herausforderung der Parallaxe

Ein Stock, der halb im Wasser liegt, sieht gekrümmt aus. Wenn man um ihn herumgeht, ändert sich der Blickwinkel, und jedes Mal ergibt sich eine andere Perspektive. Wenn dann noch die Strömung des Flusses den Stock hin und her schiebt, sind sowohl die »Realität« des »gekrümmten« Stocks wie unser Verständnis davon dauernd in Bewegung. Physiker bezeichnen dieses Phänomen als Parallaxe. Ich führe es hier an, um zu zeigen, dass viele Beobachtungen zu dem Crash von 2008 gleichzeitig zutreffend und irreführend sein können.

Damit soll nicht die objektive Realität des Stocks (das heißt, dass er nicht gekrümmt ist) und des Crashs und seiner Folge, der Krise, bestritten werden. Es bedeutet nur, dass verschiedene Standpunkte »wahre« Beobachtungen liefern können und trotzdem die Wahrheit des Phänomens, das sie untersuchen, nicht enthüllen. Wir brauchen etwas jenseits der Vielfalt potenzieller Erklärungen und Perspektiven, um zu erfassen, was mit dem Stock tatsächlich los ist. Wir brauchen einen theoretischen Sprung, wie ihn die Physiker machen, der uns erlaubt, uns über die unvereinbaren Beobachtungen zu erheben bis zu einem konzeptuellen Ort, von dem aus die Sache einen Sinn ergibt. Diesen »Sprung« nenne ich die Herausforderung der Parallaxe.

Wenn man versucht, den Crash von 2008 zu verstehen, wird man mit der Herausforderung der Parallaxe in ihrer schwierigsten Form konfrontiert. Wer kann überzeugend bestreiten, dass Ökonomen und Risikomanager das systemische Risiko massiv falsch eingeschätzt haben? Gibt es den geringsten Zweifel, dass die Wall Street und der Finanzsektor insgesamt durch unstillbare Gefräßigkeit, durch kriminelle Praktiken und durch Finanzprodukte, die eine anständige Gesellschaft hätte verbieten müssen, tatsächlich fett geworden sind? Bot das Verhalten der Ratingagenturen nicht Lehrbuchbeispiele für akute Interessenkonflikte? Wurde die Gier nicht als neue Qualität gepriesen? Scheiterten die Regulierer nicht spektakulär, weil sie der Versuchung erlagen, auf der »richtigen« Seite der Banker zu bleiben? Waren die anglo-keltischen Gesellschaften nicht anfälliger als andere für die kulturellen Tricksereien des Neoliberalismus und verkündeten dem Rest der Welt von der Kanzel herab, »Skrupel« seien überflüssig, nur das Eigeninteresse zähle, es sei die einzige Triebkraft? Ist es nicht so, dass der Crash von 2008 die entwickelte Welt härter traf als die sogenannten aufstrebenden Volkswirtschaften? Kann man die einfache Aussage bestreiten, dass der Kapitalismus als System die unheimliche Fähigkeit besitzt, sich selbst ein Bein zu stellen?

Wie bei einer schlichten optischen Parallaxe, bei der je nach dem eigenen Standpunkt alle Perspektiven gleich plausibel sind, erhellen auch alle oben zitierten Erklärungen wichtige Aspekte dessen, was 2008 geschah. Und trotzdem lassen sie uns unbefriedigt zurück, mit dem nagenden Gefühl, etwas Wichtiges zu verfehlen – dass wir zwar viele wichtige Manifestationen des Crashs erkannt haben, seine Quintessenz sich uns aber immer noch entzieht. Warum ist er wirklich passiert? Und wie konnten Heerscharen eifriger und motivierter, technisch hochgradig versierter Marktbeobachter schiefliegen? Wenn nicht Gier und Gaunerei, lockere Moral und noch lockerere Regulierung den Crash und die nachfolgende Krise verursachten, was dann? Und wenn die Erwartung der Marxisten, dass die inneren Widersprüche des Kapitalismus immer zum Ausbruch drängen, zu simpel ist als Erklärung der Vorgänge, die zu den Ereignissen von 2008 führten, was ist dann das fehlende Bindeglied?

Meine bildlich ausgedrückte Antwort lautet: Der Crash von 2008 passierte, als ein Ungeheuer, das ich den Globalen Minotaurus nenne, lebensgefährlich verwundet wurde. Solange es den Planeten regierte, war seine eiserne Faust mitleidlos, und seine Herrschaft kannte kein Erbarmen. Trotzdem: Solange es sich robuster Gesundheit erfreute, hielt es die Weltwirtschaft in einem Zustand des ausgeglichenen Ungleichgewichts. Es sicherte ein gewisses Maß an Stabilität. Aber als das unausweichliche Schicksal es ereilte und es 2008 in einen komatösen Zustand verfiel, stürzte die Welt in eine schwelende Krise. Solange wir keinen Weg gefunden haben, um ohne das Ungeheuer zu leben, werden radikale Ungewissheit, anhaltende Stagnation und immer wieder aufflammende erhebliche Unruhe an der Tagesordnung sein.

Der Globale Minotaurus: Ein erster Blick

Der Zusammenbruch des Kommunismus 1991 war der Schlusspunkt einer Tragödie mit klassischen Untertönen, ein verhängnisvoller Wendepunkt (eine Peripetie, wie Aristoteles gesagt hätte), der begann, als die hehren Absichten der revolutionären Sozialisten zunächst von machthungrigen Zeloten usurpiert wurden und in der Folge sich ein auf die Dauer nicht lebensfähiger industrieller Feudalismus entwickelte, in dem es nur Opfer und Bösewichte gab. Im Gegensatz dazu hatte der Crash von 2008 die Aura einer vorklassischen, geradezu mythologischen und daher kruderen Abfolge von Ereignissen. Aus diesem Grund spielt der Titel dieses Buchs auf eine Zeit vor der Erfindung der Tragödie an.

Ich hätte das Buch auch anders nennen können, zum Beispiel Der Globale Staubsauger. Der Begriff beschreibt ziemlich gut das Hauptmerkmal der zweiten Nachkriegsphase, die 1971 mit einer kühnen strategischen Entscheidung der amerikanischen Regierung begann: Statt das doppelte Defizit abzubauen, das sie in den späten 1960er-Jahren aufgebaut hatten (das Haushaltsdefizit des amerikanischen Staates und das Handelsbilanzdefizit der amerikanischen Wirtschaft), beschlossen Amerikas führende Politiker, beide Defizite absichtlich großzügig weiter zu erhöhen. Und wer sollte für die roten Zahlen aufkommen? Ganz einfach: der Rest der Welt! Wie? Durch einen anhaltenden Tsunami von Kapital, der ununterbrochen über die beiden großen Meere rauschte, um das doppelte Defizit Amerikas zu finanzieren.

So wirkte das doppelte Defizit der amerikanischen Wirtschaft jahrzehntelang wie ein gigantischer Staubsauger, der die Überschüsse anderer Völker an Waren und Kapital aufsaugte. Dieses »Arrangement« war die Verkörperung des größten denkbaren Ungleichgewichts auf dem Planeten und erforderte, wie Paul Volcker es anschaulich beschrieb, die »kontrollierte Desintegration der Weltwirtschaft«. Trotzdem entstand etwas, das einem globalen Gleichgewicht ähnelte: ein internationales System sich rapide beschleunigender asymmetrischer Finanz- und Handelsströme, die den Anschein von Stabilität und stetigem Wachstum erweckten.

Angetrieben durch das doppelte Defizit Amerikas, spuckten die führenden Überschussökonomien der Welt (Deutschland, Japan und später China) Güter aus, und die Amerikaner verschlangen sie. Fast 70 Prozent der Gewinne, die diese Länder weltweit einstrichen, wurden dann in Form von Kapitalströmen an die Wall Street zurück in die Vereinigten Staaten transferiert. Und was machte die Wall Street damit? Sie verwandelte die Kapitalströme sofort in Direktinvestitionen, Aktien, neue Finanzinstrumente, neue und alte Formen von Anleihen, und nicht zuletzt fiel auch ein »hübscher Verdienst« für die Banker ab. Durch dieses Prisma betrachtet, ergibt auf einmal alles Sinn: der Aufschwung des Finanzmarktkapitalismus, der Triumph der Gier, der Rückzug der Regulierer, die Dominanz des anglo-keltischen Wachstumsmodells. Alle diese für die Ära typischen Phänomene erscheinen auf einmal als bloße Nebenprodukte der massiven Kapitalflüsse, die nötig waren, um das doppelte Defizit der Vereinigten Staaten zu kompensieren.

Der »Globale Staubsauger« hätte das Thema des vorliegenden Buchs tatsächlich treffend wiedergegeben. Die bescheidene Herkunft des Begriffs aus dem Reich der Haushaltsgeräte hätte sich beim Marketing vielleicht als hinderlich erwiesen, ihn aber nicht per se