Der glücklichste Sommer unseres Lebens - Ondine Khayat - E-Book
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Beschreibung

Die Trennung ihrer Eltern nimmt der 9-jährigen Colline alle Lebensfreude. Bis Clélie, eine pensionierte Bäckerin und Freundin der Familie, sie einlädt, die Sommerferien bei ihr zu verbringen. In Clélies schönem Pariser Stadthaus fühlt Colline sich gleich pudelwohl. Zumal auch die übrigen Hausbewohner mit originellen Plänen alles daransetzen, die Kleine wieder aufzupäppeln. Und Colline wiederum bezaubert Clélie und ihre Freunde mit ihrer kindlichen Neugier auf das Leben. Ein unvergesslicher Sommer wird für alle zum Geschenk ...

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungZitat12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334353637Die kleinen SonnenHinweisDanksagung

Über dieses Buch

Die Trennung ihrer Eltern nimmt der 9-jährigen Colline alle Lebensfreude. Bis Clélie, eine pensionierte Bäckerin und Freundin der Familie, sie einlädt, die Sommerferien bei ihr zu verbringen. In Clélies schönem Pariser Stadthaus fühlt Colline sich gleich pudelwohl. Zumal auch die übrigen Hausbewohner mit originellen Plänen alles daransetzen, die Kleine wieder aufzupäppeln. Und Colline wiederum bezaubert Clélie und ihre Freunde mit ihrer kindlichen Neugier auf das Leben. Ein unvergesslicher Sommer wird für alle zum Geschenk …

Über die Autorin

Ondine Khayat ist Französin mit libanesisch-armenischen Wurzeln und wurde 1974 geboren. Sie lebt in Paris und engagiert sich für verschiedene humanitäre Einrichtungen. Der glücklichste Sommer unseres Lebens ist ihr erster auf Deutsch erschienener Roman.

Ondine Khayat

Der glücklichste Sommer unseres Lebens

Roman

Aus dem Französischen vonUlrike Werner

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Éditions Michel Lafon

Titel der französischen Originalausgabe: »Les petits soleils de chaque jour«

Originalverlag: Éditions Michel Lafon, Neuilly-sur-Seine

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelillustration: © shutterstock: marcin jucha | Dmitr1ch | alicja neumiler | Kathy Kiselova

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-6127-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Élisabeth und Dominique Khayatund für meine liebe Lily

»Was nicht auf den Lippen tanzen darf, wird auf dem Grund der Seele schreien.«

Christian Bobin

Colline bemühte sich, ihr blondes Haar mit einem Gummiband zu bändigen. Mehrere kleine Locken entkamen dem Versuch und kringelten sich wie ein Heiligenschein um ihren Kopf. Sie gab den Versuch auf, kehrte zu ihrer ursprünglichen Beschäftigung zurück und konzentrierte sich. Sie hielt die Wolkenschablone, die sie zu ihrem neunten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, an die Wand und malte sie rosa aus, wie ihr älterer Bruder Martin es ihr gezeigt hatte. Auf der Wand gegenüber ihrem Schreibtisch prangten bereits drei Sonnen (eine genügte ihr nicht), mehrere rosa Wolken (weil Rosa fröhlicher aussah als Grau), zwei Vollmonde, eine Menge Vögel und viele bunte Schmetterlinge. Colline trat zwei Schritte zurück und begutachtete die zuletzt gemalte Wolke. Sie sah zwar ein wenig verbeult aus, gefiel ihr aber trotzdem. Einen Namen würde Colline ihr später geben.

Die Stimmen ihrer Eltern drangen aus dem Wohnzimmer zu ihr herüber. Sie stritten sich wieder einmal wie seit Monaten schon. Wenn Colline es richtig verstanden hatte, warf ihre Mutter ihrem Vater vor, dass er nie zu Hause war. Er reiste viel, denn er war damit beschäftigt, das Franchiseunternehmen Destempes im Ausland aufzubauen. Er sagte dann, dass er das alles immerhin für sie tue, dass die Familienbäckerei sehr gefragt sei und dass genau das die Gelegenheit biete, neue Lizenzen zu vergeben und die Eröffnung weiterer Läden an anderen Standorten zu betreiben.

Colline hielt sich die Ohren zu, um ihre Eltern nicht mehr zu hören. Sie konnte diese Streitereien nicht ertragen, denn sie machten sie unsicher, und sie fürchtete sich. Leise summte sie ein Lied, das sie kürzlich von Clélie gelernt hatte:

Eines Tages werde ich ein Vogel, damit ich wegfliegen kann.

Eines Tages werde ich eine Fee, um lieben zu lernen.

Eines Tages werde ich ein Himmel und breite meine Flügel aus …

Das Mädchen dachte an Clélie. Was sie wohl gerade machte? Sie war die einzige Erwachsene, die sie mit »echten Augen« ansah. Martin hatte Colline einmal gefragt, was sie mit »echten Augen« meinte, und sie hatte ihm geantwortet: »Es sind Augen, die wirklich sehen.«

Colline selbst hatte auch »Augen, die wirklich sehen«. Ihre sahen allerdings manchmal zu klar und verursachten den Leuten, die sie anschaute, ein unbehagliches Gefühl. Schon als kleines Kind hatte sie diesen bohrenden und ernsten Blick gehabt, und ihre Mutter hatte sie mehr als einmal ermahnt, die Leute, die ihr begegneten, nicht so anzustarren. Die anderen Kinder in der Schule nannten sie deshalb »Hexe«. Wenn Colline die Leute jedoch fixierte, lag es daran, dass sie Dinge wahrnahm, die andere nicht sehen konnten. Einmal hatte sie versucht, mit ihrem Vater darüber zu sprechen, aber der hatte nur geseufzt und gemeint, sie solle mit dem Unsinn aufhören, und sich wieder seiner Arbeit gewidmet. Erst an dem Tag, als sie alle um den Esstisch versammelt gewesen waren und sie ihn unverwandt angesehen hatte, hatte er reagiert. Sie sagte ihm rundheraus, sie wisse, dass er gerade an seine hübsche Assistentin Cécile denke, und dass er gar nicht erst abzustreiten brauche, dass er in sie verliebt sei. Statt einer Antwort wurde Colline fürchterlich ausgeschimpft und ohne Abendbrot in ihr Zimmer geschickt. Es war nicht das Essen, um das es ihr leidtat – das war ihr egal. Sie war traurig wegen der Ungerechtigkeit. Schließlich wusste sie ganz genau, dass ihr Vater eben an Cécile gedacht hatte, und sie verstand nicht, warum sie es nicht aussprechen durfte, obwohl es die reine Wahrheit war.

Die Gedanken und Gefühle von Menschen bildeten für sie kleine Wölkchen über ihren Köpfen, wie die Sprechblasen in Comics, und Colline konnte darin lesen. Sie sah Sonne oder Regen und viele unterschiedliche Landschaften. Oft spürte sie, was andere fühlten, und zwar so deutlich, dass sie manchmal nach Luft schnappen musste.

Vor zwei Jahren, als bei ihren Eltern noch alles gestimmt hatte, hatte sie plötzlich gewusst, dass sie sich scheiden lassen würden. In heller Panik hatte sie darüber mit ihrem Großvater Yves Destempes gesprochen, den sie vergötterte. Er war der Einzige, der ihr nicht ständig erklärte, sie solle mit dem Unsinn aufhören, und oft fand sie Zuflucht bei ihm. Er hatte sie mit ernster Miene betrachtet und ihr Gesicht in seine Hände genommen.

»Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Ich werde immer in deiner Nähe sein.«

Colline erinnerte sich noch genau daran, dass sie ihn plötzlich in einem Krankenhausbett gesehen hatte, als er das zu ihr gesagt hatte. Sechs Monate später war er tot gewesen. Colline hatte mehrere Nächte hintereinander Albträume gehabt, denn sie hielt sich für schuldig an seinem Tod. Hätte sie diese Vision nicht gehabt, wäre Großvater Yves noch am Leben.

Die Zimmertür wurde geöffnet, und ihr Vater trat ein. »Komm bitte mal, Colline. Deine Mutter und ich müssen mit dir reden.«

Colline wich einen Schritt zurück. »Es geht gerade wirklich nicht. Meine Wolken sind noch nicht fertig.«

»Die kannst du später fertig malen.«

Zögernd folgte sie ihrem Vater ins Wohnzimmer. Ihre Mutter saß auf der Couch. Colline sah sofort, dass sie geweint hatte, und bekam es mit der Angst zu tun. Am liebsten wäre sie auf der Stelle in ihr Zimmer zurückgekehrt, blieb aber wie gelähmt stehen und schloss die Augen. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr fühlen …

Ihr Vater führte sie zum Sessel gegenüber dem Sofa und räusperte sich. »Colline …«

Sie wusste längst, was er sagen würde, doch sie wollte nicht, dass er die Worte aussprach. Verzweifelt suchte sie nach etwas Lustigem, nach einer witzigen Geschichte, die sie erzählen könnte. Davon kannte sie eigentlich eine ganze Menge, aber leider fiel ihr in diesem Moment keine ein.

»Schatz, deine Mutter und ich lassen uns scheiden.«

Ihr war, als würde ihr jemand das Herz aus der Brust reißen und es auf den Boden werfen, wo es in tausend Stücke zerbrach. War sie wirklich eine Hexe, deren Visionen Wirklichkeit wurden? Eine unaussprechliche Angst überkam sie. »Nein, das ist nicht möglich …«

Die Heftigkeit ihrer Reaktion verwirrte ihre Eltern.

»Ach, komm, Liebes, so schlimm ist es doch auch wieder nicht«, sagte ihr Vater.

Colline rang die Hände und bekam kaum noch Luft.

Ihr Vater redete weiter. In seiner Stimme lag wie immer Autorität – anders konnte er gar nicht sprechen. »Du musst jetzt eine wichtige Entscheidung treffen. Ich muss auch gleich wieder zur Arbeit …«

»Wie soll sie sich denn so kurzfristig entscheiden?«, mischte ihre Mutter sich ein. »Und weißt du überhaupt, was du da sagst? Deine Arbeit ist dir offenbar wichtiger als deine Tochter.«

»Unsinn, Teresa! Entschuldige bitte, dass ich arbeite und so viel verdiene, dass du dir deine teuren Einkaufsbummel leisten kannst.«

Die beiden waren so mit ihrem Streit beschäftigt, dass sie ihre Tochter nicht einmal weinen hörten. Colline hielt sich die Ohren zu und schrie sie plötzlich an, sofort aufzuhören. Überrascht forderte ihr Vater sie auf, sich zu beruhigen. Ihre Mutter nahm sie in die Arme und redete auf sie ein wie auf ein zweijähriges Kind.

Ihr Vater fühlte sich offenbar von alldem überfordert, und dieses Gefühl konnte er grundsätzlich nicht ertragen. Vielleicht versuchte er deshalb jetzt, das Problem kühl und vernünftig anzugehen. »Colline, du musst eine sehr wichtige Wahl treffen. Wir lassen dir natürlich Zeit zum Nachdenken, aber du musst uns irgendwann sagen, ob du lieber bei Mama oder bei mir wohnen möchtest.«

Colline blickte ihn entsetzt an. Das Letzte, was sie sah, ehe sie das Bewusstsein verlor, war sein verstohlener Blick auf die Armbanduhr.

Als sie die Augen wieder öffnete, lag sie im Bett. Ihre Mutter saß neben ihr. Die beiden Vollmonde an der Wand leuchteten stumm. Die laue Luft des letzten Samstags im Juni wehte durch das halb geöffnete Fenster. Colline umarmte ihr großes Plüschkaninchen Lapinou. Sie schwor sich, niemals wieder eine dieser Visionen zu haben, die nur Unglück brachten. Dann sank sie in einen schweren Schlaf voller Albträume.

Am Sonntagmorgen war die Sonne noch nicht ganz über Paris aufgegangen und überpuderte den Himmel mit einem Hauch von Rosa. Die trockene, klare Luft roch noch nicht nach Abgasen. Eine sehnsüchtige Stille umhüllte den anbrechenden Tag, der voller Versprechen zu sein schien.

Clélie trat auf ihren Balkon. Gleich gegenüber stand ein majestätischer Baum. Seine sattgrünen Blätter glänzten vom Tau. Clélie atmete tief ein und blickte zum Himmel hinauf. Ein paar übrig gebliebene Sterne schienen noch zu dösen und die Wohltat der Morgensonne zu genießen. Schließlich hatten auch sie einen Anspruch auf Sonntagsruhe. Eine Amsel feierte den anbrechenden Tag mit einem lebendigen, fröhlichen Lied.

Clélie setzte sich in ihren Rattansessel und stellte die Kaffeetasse vor sich auf den Tisch. Es war kaum fünf Uhr. Ein Gefühl friedlicher Ruhe durchdrang sie. Wie gut sie sich fühlte! Schon immer hatte sie die frühen Morgenstunden besonders geliebt. In der Stille konnte sie sich sammeln. In der Morgendämmerung hörte man das Herz der Welt schlagen. Und wenn man angestrengt lauschte, vernahm man die tiefe Stimme des Lebens – immer dann, wenn die Stille keine Ablenkung mehr gestattete und Erinnerungen, Worte und Gefühle ins Bewusstsein zurückkehrten. Clélie saß reglos da und stimmte ihren Atem auf den Rhythmus der Stadt ein. Ein Flugzeug, das hoch am Himmel einen orangefarbenen Kondensstreifen hinterließ, schien Wolken zu transportieren.

Je weiter die Zeit fortschritt, desto weißer wurde das Licht. Die Stimmung veränderte sich schnell, und schon blieb fast keine Spur mehr von der süßen Intimität, die Clélie so liebte. »Morgen wieder«, sagte sie und seufzte leise.

Sie stand auf, ging in die Küche und spülte die Tasse. Im Badezimmer griff sie nach der Bürste mit den weichen Borsten, zog sich aus und begann, mit sanften Bewegungen ihren Körper abzubürsten. Ihre rosige Haut erwärmte sich, und wohlige Schauder überliefen sie. Hingebungsvoll bearbeitete sie die Füße, die Waden, die Oberschenkel … Die leichte Massage entschlackte und ließ Blut und Lymphflüssigkeit zirkulieren. Anschließend duschte sie kalt. Sie liebte es so. Als sie ein Kind gewesen war, hatte es nicht immer heißes Wasser gegeben, und sie hatte sich an kaltes gewöhnen müssen. Ihr fiel ein, wie sie im Heim einmal das Eis auf der Waschschüssel hatte zerbrechen müssen. Aber schnell verscheuchte sie dieses Bild wieder, wie sie es mit den meisten Erinnerungen an ihre Kindheit tat. Irgendwann waren ihr die kalten Duschen unentbehrlich geworden. Ihnen verdankte sie zu großen Teilen ihre bewundernswert geschmeidige, straffe und leuchtende Haut. Clélie war neunundsechzig Jahre alt und schön – sie war eine dieser Schönheiten, die niemals altern und ihre Frische behielten.

Clélie liebte das Leben, obwohl das Leben es ihr nicht immer gedankt hatte. Mit drei Jahren wurde sie von ihren Eltern verlassen und wuchs erst bei einer, dann bei einer anderen ihrer Tanten auf, ehe sie in ein mehr oder weniger einladendes Kinderheim abgeschoben wurde. Diese Erlebnisse jedoch hatten sie nicht etwa eingeschüchtert, sondern, im Gegenteil, ihren Charakter gefestigt. Schon sehr früh kam sie zu der Einsicht, dass es eine große Chance war, auf diese Weise durch das Leben zu reisen und von einem Ort zum nächsten, von einer Pflegefamilie zur nächsten, von einem Traum zum nächsten zu wechseln. Clélie war eine Nomadin und hatte sich nie wirklich auf irgendetwas festgelegt. Für sie gab es weder vorgefertigte Gedanken noch endgültige Gewissheiten, vor allem kein endgültiges »Nein«. Das Leben war eine großartige Reise, und sie hatte schon immer in der ersten Reihe sitzen wollen, um das Universum zu entdecken.

Ihr gesamtes Berufsleben wurde durch die Bäckereien der Familie Destempes geprägt. Yves Destempes’ Tod vor anderthalb Jahren hatte sie sehr getroffen. Yves war wie ein Vater für sie gewesen, hatte sie das Bäckerhandwerk gelehrt und ihr erlaubt, ihre eigene, von Destempes lizenzierte Bäckerei zu eröffnen. Sie hatte Erfolg gehabt und sich diese charmante Vierzimmerwohnung an der Place des Ternes gekauft, in der sie jetzt lebte. Vierzig Jahre in einer Bäckerei. Vierzig Jahre, in denen sie Glück verkaufte. Am besten gelangen Clélie die bei Empfängen so beliebten Überraschungsbrote. Nicht jeder konnte sich mit Überraschungen anfreunden, das war Clélie schon seit Langem klar. Es gab Leute, die keine Überraschungen mochten, weil sie zu viel Angst vor dem hatten, was sie entdecken könnten. Andere wiederum nahmen alles mit, was sie bekommen konnten, aus Angst, ihnen könnte etwas entgehen. Wieder andere sagten niemals Danke. Clélie hingegen liebte Überraschungen, und zwar sowohl die guten als auch die schlechten. Im Leben konnte man alles annehmen, wenn man nichts erwartete. Das war der Vorteil.

Die Bäckereien der Familie Destempes waren im Laufe der Jahre modernisiert worden. Geräumig und hell glitzerten sie mit tausend Lichtern. In allen gab es zwei unterschiedliche Abteilungen, eine für Biobrot und Teilchen, die andere für Konditoreiwaren. Clélie liebte den Duft von frischem Brot, das gerade aus dem Ofen kam. Beim Anblick der goldenen Kruste der Baguettes, der kräftigen Vollkornbrote und anderer herrlicher Backwaren überkam sie eine lebhafte Gemütsbewegung.

Der frühe Morgen war immer wie ein stummes Ballett abgelaufen: erst das Bereitstellen der Zutaten, dann das Kneten, Formen und Backen … und zum Schluss das Einräumen der frischen Backwaren in die entsprechende Abteilung je nach Kategorie. Und erst die Kuchen! Charlotten, Köstlichkeiten aus Blätterteig, Torten, Rum-Savarins und viele andere Gaumenkitzel mehr. Sobald die Leckereien in ihren hellen Vitrinen standen, erschien das Leben weniger glanzlos.

Clélie kehrte noch immer jeden Sonntag in »ihre« Bäckerei zurück, die Yves Destempes’ Tochter Teresa – die Clélie schon seit ihrer Geburt kannte – übernommen hatte. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Im Handumdrehen war es kurz vor acht geworden. Clélie beendete ihre morgendlichen Vorbereitungen und ging leichten Schrittes zur Bushaltestelle der Linie 92 in der Avenue Niel. Sie trug einen langen, fuchsiafarbenen Rock, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte – ein etwas unvernünftiger Kauf –, den sie mit einer orangen Bluse kombiniert hatte. Sie mochte Dinge, die nicht zueinanderpassten. Oder besser gesagt: Sie hasste Dinge, die aufeinander abgestimmt waren wie Höschen und BH oder Sofa und Vorhänge. So etwas hatte ihr schon immer Unbehagen bereitet.

Sie stieg in den Bus und begrüßte den Fahrer. Busfahrer waren ebenfalls Nomaden.

Die Straßen von Paris waren noch leer. Der Bus fuhr die Avenue Mac-Mahon hinauf und fädelte sich ohne Schwierigkeiten in den Kreisverkehr der Place de l’Étoile ein. Clélie bewunderte den Arc de Triomphe, der im Morgenlicht prunkte. Das Schaukeln des Busses und die Ruhe draußen lullten sie ein. Beinahe wäre sie eingedöst. Sie kämpfte gegen die Müdigkeit an und freute sich über den Anblick der Brücke Pont de l’Alma, die der Bus überquerte, um das siebte Arrondissement zu erreichen.

Um halb neun betrat sie die Bäckerei. Die Stammkunden drängten sich bereits vor der Theke, um ihre Croissants zu kaufen. Clélie bemerkte sofort, dass Teresa gerötete Augen hatte. So sahen sie sonst nicht aus. Normalerweise waren sie blau und schauten offen in die Welt. Schnell huschte Clélie hinter die Theke und band sich die Schürze um.

Teresa gab ihr zwischen zwei Kunden einen Begrüßungskuss und unterdrückte dabei ein Schluchzen. Geduldig bedienten die beiden Frauen die Frühaufsteher dieses Sonntags. Clélie ermutigte Teresa regelmäßig mit kleinen Zeichen, Teresa antwortete ihr mit einem Zwinkern. Nach einer Stunde jedoch nahm Clélie die Angelegenheit selbst in die Hand und ging Teresas Sohn Martin wecken. Martin war siebzehn, hochgewachsen und eigentlich ein reizender Junge, aber ein Langschläfer. Auf Clélies Drängen hin zog er sich an, kam nach unten und übernahm den Dienst hinter der Ladentheke, während Clélie seine Mutter ins Hinterzimmer entführte.

»Was ist los, Teresa?«

Teresa begann zu schluchzen. Clélie ließ sie gewähren. Wenn Teresa weinen wollte, sollte sie weinen.

Nach einiger Zeit trocknete sie die Tränen und setzte sich in einen weißen Rattansessel, der seinen Unmut darüber mit einem klagenden Knarren äußerte.

»Was ist passiert?«, fragte Clélie.

»Es geht um Colline.«

»Was ist mit ihr?«

»Wir haben ihr gesagt, dass wir uns scheiden lassen.«

»Dann ist es also so weit.«

»Ja. Aber ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Colline wurde ohnmächtig und hat danach die halbe Nacht hindurch geweint. Und seit ihr Vater fort ist, ist sie nicht mehr dieselbe. Sie isst nicht mehr. Jede Mahlzeit ist ein Kampf. Und das bei Eltern, die Bäcker sind!«

Clélies Herz und Seele zitterten vor Mitleid. Sie dachte an die Trauer der kleinen Colline, die sie seit ihrer Geburt kannte und vom ersten Augenblick an geliebt hatte. »Hast du Croissants mit Mandeln ausprobiert?«

»Natürlich.«

»Rosinenstuten?«

»Ohne Erfolg.«

»Erdbeertörtchen? Die liebt sie doch!«

»Sie isst höchstens die Erdbeeren. Meinem kleinen Mädchen geht es nicht gut, Clélie. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Wir finden eine Lösung. Bisher haben wir es noch immer geschafft, nicht wahr?«

Teresa fühlte sich offensichtlich etwas besser. Wenn Clélie etwas sagte, konnte man ihr gewöhnlich vertrauen, das wusste sie.

»Ist sie in ihrem Zimmer?«

»Ja, sie schläft. Komm mit.«

Teresa öffnete langsam die Tür. Colline schlief tief und fest in ihrem kleinen blauen Zimmer. Sie lag unter einem schmiedeeisernen, von darüber schwebenden Engeln behüteten Betthimmel. Der Nachttisch daneben war rosa.