Der große Staatsvertrag um Nathalie - Andreas Steiner - E-Book

Der große Staatsvertrag um Nathalie E-Book

Andreas Steiner

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Beschreibung

In A. Steiners neuem Roman geht es um ein äußerst lukratives Geschäft zwischen einem europäischen Staat und einem Emir aus Südjemen, auf dessen Herrschaftsgebiet Erdöl gefunden wurde. Ein Vertrag wird aufgesetzt, der dem europäischen Land das alleinige Recht gibt, das Erdöl des Emirs zu fördern und ihm gleichzeitig Waffen zu liefern. Mit der Waffenproduktion hoffen die Politiker die Wirtschaft ihres Landes anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Stolz betonen sie: »It is a real big deal!« Doch der Vertrag hat einen Haken: In einer Geheimklausel wird dem Emir – gewissermaßen als Geschenk für die vorteilhaften Geschäftsbedingungen – die junge Pianistin Nathalie Pedersen als vierte Ehefrau zugeschachert. Ließe sich die Geheimklausel nicht erfüllen, wäre der Geschäftsvertrag hinfällig. Nathalie wird entführt und bis zur Ankunft des Emirs in einem Zimmer eingesperrt. Um ihre Einwilligung wird sie nicht gefragt. Für Nathalie geht es um ein Leben in Freiheit oder um ein Dahinvegetieren als Sklavin eines Fürsten. Die Politiker ihres Landes und der oberste Staatsanwalt nehmen darauf keine Rücksicht: Für sie geht es um Milliarden ...

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Andreas Steiner

Der große Staatsvertrag

um Nathalie

Roman

Karin Fischer Verlag

Die Entführung

Der Mond war hinter einer Wolke verschwunden. Heinrich, ein sechsundzwanzigjähriger, stattlicher Mann, trat ans Fenster seines Schlafzimmers und schaute in die nächtliche Landschaft. Am vergangenen Tag war leichter Schnee gefallen, Bäume und Wiesen waren von einem silbernen Mantel überzogen. Vom Kirchturm her dröhnten elf Schläge über die Dächer der Stadt hinweg, Heinrich schaute auf seine Uhr: noch eine Stunde, dann würde der 26. Februar beginnen, ein Tag bis zum Wiedersehen! Er öffnete das Fenster, horchte in die Nacht hinaus. Sanft fuhr der Wind über sein Haar, irgendwo knurrte ein Hund. Der Mond schlich zwischen den Wolken hervor, trübes Licht legte sich über die Häuser. An der gegenüberliegenden Hausmauer sah er eine männliche Gestalt, die ihm zuwinkte. Heinrich kannte den Mann, er machte mit der Hand ein Zeichen; dann zog er seinen Mantel an und verließ das Haus. Auf der Straße begrüßte ihn der Mann.

»Nathalie will, dass Sie schon heute kommen, sie scheint in Sorge zu sein«, sagte er.

Ohne ein Wort zu erwidern, folgte Heinrich. Sie bestiegen zwei Pferde, die der Mann an einem Pfosten festgebunden hatte, und trabten über die an die Stadt angrenzende, verschneite Ebene hin. Als sie den Wald erreichten, ritten sie gemächlich zwischen den Tannen weiter. Heinrich schien erregt zu sein, die Lippen hatte er zusammengepresst. Er starrte bald in das Dunkel des Waldes, bald verfolgten seine Blicke die Stämme der Bäume bis zu ihren Kronen; sie hefteten sich an die vorübereilenden Wolken, bis diese in den Umrissen des Waldes verschwunden waren.

Schweigend ritten sie voran. Der Weg schien endlos im Dunkel zu verrinnen. Nach zwei Stunden blinkte rechts die Fläche eines Sees durch die Zweige. Heinrich, ganz in sich versunken, schien dies erst zu bemerken, als sie schon eine Weile das Ufer entlanggeritten waren. Er schaute auf das Wasser, ein Lächeln huschte über seine Lippen.

Bei einem großen Haus, das durch eine Wiese vom See getrennt war, machten sie Halt. Sie stiegen von den Pferden, banden sie an einem Holzzaun fest. Mächtige Bäume umsäumten das Haus, die Fenster waren dunkel. Zwischen den Ästen der Bäume zeigte sich der Mond, er warf lange Schatten auf die von einer dünnen Schneeschicht bedeckte Wiese. Die Wolken waren verschwunden, kalt wölbte sich der Himmel über der Erde. Es herrschte Stille, der See lag glatt und regungslos da. »Oh, Ort meines Glücks!«, murmelte Heinrich, die Augen auf das Haus gerichtet. Lange verharrte er unbeweglich, dann, als hätte ihn jemand gerufen, schritt er auf die Türe zu. Leise klopfte er, niemand antwortete. Er klopfte stärker, klopfte mit beiden Fäusten, im Haus rührte sich nichts. Schließlich tastete er nach dem Schloss, dieses schien beschädigt zu sein, die Türe war nicht verschlossen. Er trat ein und schaltete das Licht an.

Der Begleiter hatte inzwischen die beiden Pferde im Stall untergebracht, er wollte eben das Haus betreten, als ihm Heinrich entgegenrannte, ihn am Arm packte.

»Walter, kommen Sie, kommen Sie!«, sprach er hastig. »Um Himmelswillen erklären Sie mir …!«

Heinrich zerrte den Mann in den Hausgang, leuchtete ihm ins Gesicht. »Wo ist sie? Was geht hier vor? Ich war in ihrem Zimmer. Alle Schränke stehen offen, Kleider sind über den Boden verstreut; das Kästchen, in dem sie meine Briefe aufbewahrte, ist aufgebrochen und leer, sie ist nirgends zu finden. Antworten Sie mir, was wird hier gespielt?«, rief er halb wütend, halb ängstlich.

Der andere zog seinen Hut vom Kopf. Er war ein gedrungener Mann mit eckigen Gesichtszügen, aus denen zwei Augen nervös blinzelnd auf Heinrich blickten.

»Aber Heinrich!«, sprach er, »ich weiß ebenso wenig wie Sie, was passiert ist. Heute Abend rief mich Nathalie zu sich, sie saß am Fenster. Als ich sie sah, glaubte ich zu spüren, dass sie traurig war. Aber verstehen Sie, Heinrich, ich bin ein einfacher Mann.«

»Was hat sie zu Ihnen gesagt?«, fragte Heinrich.

»›Lieber Walter‹, sprach sie, ›bringen Sie Heinrich hierher, so schnell als möglich. Bevor Sie gehen, schließen Sie alle Türen und Fenster, und …‹, sie wartete einen Augenblick, eine Träne lief über ihre Wangen, dann fügte sie bei: ›Passen Sie auf Heinrich auf, hören Sie, bringen Sie ihn heil zu mir! Gott sei mit Ihnen!‹«

»Weiter nichts?« Heinrich war noch unruhiger geworden.

»Nein, nichts weiter, ich kann mir nicht vorstellen, wohin Nathalie verschwunden ist.«

Walter stieg eine Treppe hinauf, Heinrich hörte ihn im oberen Stock rumoren. Er hatte sich auf eine Bank gesetzt, starrte ins Leere. »Nathalie«, flüsterte er, »Nathalie, haben uns die Träume doch nicht betrogen!«

»Heinrich, kommen Sie!«, hörte er Walter im oberen Stock rufen. Heinrich eilte die Treppe hinauf, der Alte stand im zentralen Raum des Hauses und hielt ihm einen Fetzen Papier entgegen. »Hier, lesen Sie! Ich habe es unter dem Pult gefunden; sie hat es an Sie geschrieben.«

Heinrich riss ihm das Papier aus der Hand; er ließ sich auf einen Stuhl fallen, dann las er:

»Liebster Heinrich, eine nicht erklärliche Angst hat sich meiner bemächtigt. Ich glaube, etwas Unheimliches steht mir bevor, zwingt mich, dir diese Zeilen zu schreiben, obschon du ja in zwei Tagen zu mir zurückkehren wirst. Hoffentlich wirst du diesen Brief nie lesen müssen! Meine Gedanken sind bei dir, mein Herz schlägt schnell, so groß ist meine Freude, dich wiederzusehen. Ich sitze am Fenster, sehe dich in Gedanken vor mir stehen. Plötzlich fällt mir ein Traum ein, der mich eines Nachts während deiner Abwesenheit gequält hat. Ich glaubte, ihn vergessen zu haben. Mir träumte, wir gingen über eine Waldwiese, es war Mittag, die Sonne schien, die Bienen summten über den Blumen. Plötzlich erschien ein Mann zwischen den Bäumen, den ich früher einmal gekannt hatte, ein Mann, den ich verabscheue. Er winkte, und ich musste zu ihm hin, obgleich ich bei dir bleiben wollte. Du bliebst stehen, ich rief: ›Heinrich, komm!‹ Du machtest einen Schritt vorwärts, da tat sich zwischen uns die Erde auf. Es war ein Abgrund, der tiefer und breiter wurde, je mehr wir einander zuriefen. Zuletzt waren wir weit voneinander entfernt. Ich schrie mit allen meinen Kräften: ›Fliege, Heinrich, fliege!‹ Der Mann lachte höhnisch, er sagte: ›Fliegen ist nicht möglich! Nur in der Tiefe des Abgrunds könnt ihr euch vielleicht begegnen. Der Abstieg wird mühsam sein; niemand weiß, ob ihr je die Kraft haben werdet, wieder emporzusteigen.‹ Da erhob sich ein Nebel und hüllte dich ein. – Nicht wahr, Heinrich, dieser Traum ist verrücktes Zeug! Ich hatte ihn beim Aufwachen vergessen, aber das Gefühl, etwas Schreckliches könnte geschehen, beherrscht mich seit jener Nacht. Wie ich nun heute Abend am Fenster sitze, bemerke ich auf dem See ein Licht, das sich langsam näher bewegt. Plötzlich taucht in meiner Erinnerung der Traum wieder auf, Angst erfasst mich. Was bedeutet das Licht auf dem See, im Winter, da nie gefischt wird? Ach, Heinrich, wärest du schon bei mir! Mir ist, als werde ich gezwungen … jemand poltert an die Türe, man bricht sie auf …«

Hier hörte der Brief auf, die letzten Worte waren rasch, kaum leserlich geschrieben, kein Lebewohl, auch der Name Nathalie fehlte. Das Papier war unordentlich gefaltet, die unbeschriebene Seite beschmutzt.

Heinrich saß regungslos auf dem Stuhl, er starrte auf den Brief. Walter, der inzwischen die anderen Räume des Hauses durchsucht hatte, trat auf Heinrich zu. »Beppo, der Hund, ist tot«, sagte er kaum hörbar.

Heinrich sprang auf, folgte dem Alten in die Küche. Dort lag ein Schäferhund in einem See geronnen Blutes, er hielt den Hals gestreckt, hatte das Maul weit aufgerissen, zwischen den Augen klaffte ein Loch. Heinrich beugte sich über das tote Tier, streichelte es. Er weinte. »Beppo, lieber Freund«, murmelte er, »Wächter meiner Nathalie, ist das der Lohn für deine Treue? Du wolltest Nathalie beschützen, du musstest dafür mit deinem Leben bezahlen. Nathalie, wo ist sie? Sprich, wer war der Räuber, der unser Glück zerstörte?«

Heinrich sprang auf, er blickte Walter fest entschlossen an. »Die Polizei wird vorläufig nicht benachrichtigt, sie brächte alles, was vorgefallen ist, an die Öffentlichkeit. Was gehörte dann von unserer Liebe noch uns, wenn es in den Zeitungen breitgeschlagen würde? Hier liegt kein Raubüberfall vor! Was sucht ein Räuber in diesem Haus, etwa Nathalies Schmuck? Dabei vergisst er die goldene Halskette auf dem Schreibpult, und die Wanduhr mit den Diamanten im Zifferblatt lässt er weiterticken. Die kostbarsten Dinge lässt er zurück, weil … weil er das Allerkostbarste, das Unersetzliche rauben wollte, weil er es auf sie abgesehen hatte!«, sagte er.

»Sind Sie von dem, was Sie sagen, überzeugt?«

»Ich las Nathalies Brief, ich bekam den Eindruck, sie hätte gewusst oder mindestens geahnt, was ihr bevorsteht. Vor meiner Abreise sagte sie zu mir: ›Heinrich, was immer geschehen mag, gesetzt auch, wir würden voneinander getrennt, die Liebe in meinem Herzen gehört dir allein.‹ Als ich sie fragte, warum sie von Trennung spreche, antwortete sie, dass vor Gott nichts unmöglich sei. ›Doch‹, fügte sie bei, ›ich hoffe, dass ich dir nie entrissen werde!‹ Ich hoffe, sagte sie und dachte dabei – jetzt weiß ich es – an etwas Bestimmtes! Auch ich träume seither wirres Zeug: Ich träumte, ich stände am Ufer dieses Sees und sie führe in einem Boot davon, die Arme nach mir ausgestreckt. Aber ich konnte mich nicht vom Fleck rühren, jemand hielt mich an den Füßen fest, es war ein Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte.«

»Der Brief ist merkwürdig«, antwortete Walter. »Ich habe mir erlaubt, ein wenig darin zu lesen. Ich werde aus dem, was sie schreibt, nicht klug. Aber das Licht auf dem See, daran erinnere ich mich, ich habe es auch gesehen. Langsam bewegte es sich seeaufwärts. Doch als ich das Haus verließ, um Sie zu holen, war, soweit ich das Wasser überblicken konnte, nichts mehr zu sehen, auch nichts zu hören. Auf dem Weg traf ich keinen Menschen. Wenn jemand hier eingedrungen ist, muss er über den See gekommen sein, von drüben vielleicht, aus dem Dorf Zeerwald, oder vom oberen Ende her, wo die Fischerhütten stehen.«

»Hören Sie, Walter«, rief Heinrich. »Sobald der Tag anbricht, werde ich den See umreiten und alle Leute fragen, ob gestern irgendwo ein Boot gesehen, gemietet oder gekauft wurde. Die Ufer sind kaum besiedelt, ich hoffe, in zwei Tagen wieder hier zu sein. Sie werden inzwischen dieses Haus hüten und nochmals alles, auch die Umgebung, durchsuchen. Vielleicht, dass sie etwas finden, das uns das Verschwinden Nathalies erklären könnte, vielleicht, dass Luise, ihre Frau, die Sie ja morgen aus der Stadt zurückerwarten, etwas weiß.«

»Jetzt fällt mir ein«, unterbrach Walter, »ungefähr vor fünf Tagen, nachdem Sie uns bereits verlassen hatten, erhielt Nathalie einen Brief, nicht von Ihnen! Luise erzählte mir, dass Nathalie, nachdem sie den Brief gelesen hatte, lange geweint und den Brief schließlich ins Feuer geworfen habe. Gleichwohl hat Nathalie meiner Frau gegenüber, der sie ja viel anvertraut, den Inhalt des Briefes mit keinem Wort erwähnt.«

Durch Heinrichs Kopf schwirrten Gedanken, es war unmöglich, sie auf einen Punkt zu bringen. »Nathalie«, murmelte er immer wieder, »unsere gemeinsame Hoffnung!« Doch plötzlich wurde er ruhig. »Ich kann mir das alles nicht erklären, aber es muss eine Lösung geben. Ich werde Nathalie finden!«, sagte er zu Walter.

»Ruhen Sie sich jetzt aus, morgen reiten wir zusammen um den See«, meinte der Alte.

»Nicht zusammen! Sie bleiben hier!«, antwortete Heinrich. »Wenn jemand versucht, uns zu kontaktieren, wird er hierherkommen. Einer von uns muss hier bleiben.«

Heinrich verließ die Küche, stieg die Treppe hinauf und betrat Nathalies Schlafzimmer. Er warf sich auf das Bett. Er starrte auf die Schatten an der Decke, die im flackernden Licht einer Kerze, die Heinrich angezündet hatte, hin und her wankten. In seinen Gedanken versuchte er, Nathalies Bild zu fixieren, aber es entschlüpfte ihm; ihr Gesicht war in seiner Vorstellung eigenartig verschwommen, der Klang ihrer Stimme war dumpf und undeutlich. Bald schlief er ein.

Früh am Morgen stieg Heinrich auf sein Pferd, das Walter bereit gemacht hatte.

»Spätestens morgen Abend werde ich wieder hier sein«, sagte er dem Alten. »Wenn Ihre Frau zurückkehrt, reiten Sie in die umliegenden Dörfer. Versuchen Sie dort einiges zu erfahren, es könnte uns beim Suchen nach Nathalie weiterhelfen.«

Dann galoppierte Heinrich das Ufer entlang, seeaufwärts nach Osten. Der Weg führte zuerst durch Wald, dann über eine Ebene, die mit wenig Schnee bedeckt war und sich bis zu den Fischerhütten erstreckte. Dann und wann hatten Hasen und einmal ein Reh den Weg gekreuzt, menschliche Spuren waren nirgends zu sehen. Wie er vermutet hatte, waren die Fischerhütten, die nur im Sommer von den Fischern aus Zeerwald benutzt wurden, verlassen. An einer Stelle sah er verwehte Abdrücke von Schuhen. Sie führten vom Ufer zu einer Hütte und wieder zurück zum See.

Es war Mittag geworden, er setzte sich auf einen Baumstrunk, der vor einer Hütte lag, und aß, was Walter ihm mitgegeben hatte. Er blickte auf den See hinaus, das Wasser hatte eine grünliche Farbe, die sanft ins Weiß des Ufers überging. Darüber wölbte sich der wolkenverhangene Himmel. Am Horizont tauchte ein Boot auf, es fuhr langsam das südliche Ufer entlang auf ihn zu, ein Ruderboot, wie es die Fischer benützten. Auf dem Feld, das sich vor ihm zum Ufer erstreckte, tummelten sich zwei Krähen; mit ihren Schnäbeln stocherten sie im verschneiten Boden. Heinrich atmete auf, er war froh, sich nicht allein in dieser Einöde zu wissen.

Von den Krähen schweifte Heinrichs Blick wieder auf den See, das Boot hatte sich genähert. Heinrich würgte seinen letzten Bissen hinunter. Er schwang sich auf sein Pferd und galoppierte auf die Stelle zu, wo sich das Boot befand. Er kannte den Mann, der im Boot stand, es war Markus, ein Fischer aus Zeerwald. Er winkte ihm, Markus ruderte ans Ufer, wo Heinrich vom Pferd gestiegen war.

»Was machen Sie hier in Kälte und Einsamkeit?«, fragte der Fischer.

»Ich suche Frau Pedersen, sie ist verschwunden; ich vermute, man habe sie in der Nacht über den See entführt. Habt ihr im Dorf gestern Nacht etwas Außerordentliches wahrgenommen?«

»Den Lärm von drüben!«, sagte Markus.

»Welchen Lärm?« Heinrich hielt den Atem an.

»Zuerst bellte ein Hund, dann hörte ich einen Schuss, später wurde ein Motor gestartet, kein Licht war zu sehen. Das Knattern des Motors zog sich schnell über den See hin, ans untere Ende; es wurde leiser, plötzlich hörte es auf.«

»Wer besitzt ein Motorboot?«, fragte Heinrich.

»Niemand hier!«

»Also hat jemand – so muss ich schließen – ein Boot mit Motor herangeschafft, es ins Wasser gesetzt und wieder mitgenommen. Waren Sie gestern Abend auf dem See?«

»Nein!«

»Als es schon dunkel war, hat Walter ein Licht gesehen, das sich seeaufwärts bewegte. Haben Sie eine Ahnung, wer es gewesen sein könnte?«

»Niemand aus Zeerwald, wir fahren in den Winternächten nicht aus.«

»Dann muss es ein Boot gewesen sein, das jemand von außen hergebracht hat. Um nicht gehört zu werden, hat er anfangs den Motor abgestellt. Nachdem er sich der Beute bemächtigt hatte, fuhr er mit aufgedrehtem Motor zurück!«

»Beute?« Erstaunt blickte Markus auf Heinrich.

»Frau Pedersen! Ich habe Ihnen doch gesagt, sie sei verschwunden!«

»Vielleicht kann Ihnen Martin, der Straßenwart, eine bessere Auskunft geben; er wohnt am unteren Ende des Sees, bei der Stelle, wo die Fahrstraße am Ufer verläuft. Dort wäre es möglich, mit einem Wagen hinzufahren und ein Motorboot ins Wasser zu kippen.«

»Ich werde mich umschauen!«, rief Heinrich, »ich danke Ihnen, Markus. Wenn Sie mehr erfahren, sagen Sie es Walter.« Er grüßte den Fischer und schwang sich aufs Pferd.

So schnell es möglich war, ritt er auf dem Weg, der durch Wald und Gestrüpp führte, das südliche Seeufer entlang nach Westen. Zwei Stunden später erreichte er Zeerwald. Das Dorf befand sich in Unruhe. Martin, der Straßenwart, ein kräftiger Mann von ungefähr vierzig Jahren, stand auf dem Dorfplatz und erzählte den Leuten, die sich um ihn herum gruppiert hatten, eine Geschichte von Männern, die gestern am unteren Seeende aufgetaucht seien. Auf einem Lastwagen hätten sie ein Motorboot mitgeführt, das sie mit einem Kran auf das Wasser setzten. Als er sie darauf hinweisen wollte, dass es verboten sei, auf diesem See mit Motoren herumzufahren, hätten sie ihn davongejagt. Sie seien ihm sogar in sein Haus gefolgt und hätten sein Telefonkabel aus der Wand gerissen. Auch sein Handy hätten sie ihm weggenommen. Dann hätten sie ihm und seiner Frau mit vorgehaltener Pistole befohlen, zuhause zu bleiben, ansonsten … das Schießgerät! Sie hätten sofort verstanden. Die Männer seien dann doch nicht mit dem Motor auf dem See gefahren, sie hätten gerudert! Erst später seien sie mit ratterndem Motor zurückgekehrt. In großer Eile hätten sie das Boot auf den Lastwagen gehisst und sich davongemacht, ohne sich um ihn und seine Frau zu kümmern. Er wäre schon früher nach Zeerwald gekommen, doch er musste zuerst sein Telefon und sein Handy suchen. Beide Apparate habe er im Straßengraben gefunden. Das Telefon konnte er reparieren, er wisse, wie das gehe, habe er doch früher bei einem Elektriker gearbeitet. Sein Handy funktioniere nicht mehr.

Heinrich stand wie auf Nägeln, als er diesen Bericht hörte.

»War eine Frau bei den Männern, als sie zurückkehrten?«, fragte er.

»Das kann ich nicht sagen, wohlweislich bin ich in meinem Hause geblieben«, antwortete der Straßenwart.

»Wie haben die Kerle ausgesehen?«, wollte Heinrich wissen.

»Es waren drei Männer, zwei davon klein, dick, unrasiert, sie haben mich bedroht, drangsaliert, geschlagen. Im Hintergrund befand sich ein Dritter, ein Hochgewachsener! So viel ich sehen konnte, war er elegant gekleidet: wahrscheinlich der Chef der Bande!«

»Beschreiben Sie sein Gesicht!«, sagte Heinrich.

»Nicht möglich! An die brutalen Fressen der beiden Dicken erinnere ich mich; das Gesicht des Großen konnte ich in der Dunkelheit nicht sehen.«

»Welche Sprache redeten diese Männer?«, fragte Heinrich

»Die beiden Brutalos: ein gebrochenes Deutsch!«

»Und der Chef?«

»Kein Wort!«

»Was sagt die Polizei dazu?«, wandte sich Heinrich an Märkel, den Dorfpolizisten von Zeerwald, der eifrig in sein Notizbuch schreibend neben dem Straßenwart stand.

»Ich schaue mir das später an und werde einen Bericht schreiben. Mehr kann ich nicht tun«, sagte der Polizist mit ärgerlicher Stimme.

Heinrich wollte nicht über das Verschwinden von Nathalie sprechen, bereits bereute er, dass er sich Markus anvertraut hatte. Nathalie ging diese Leute nichts an, die Polizei würde ihm nicht helfen, sie würde aus dem, was ihm heilig war, eine widerliche Geschichte zusammenstellen. Er allein musste sich mit Nathalies Verschwinden befassen! Da es bereits dunkelte, bezog er ein Zimmer im Gasthof von Zeerwald. In der Gaststube aß er, was der Wirt auftischte: Speck, Käse, Brot, Tomaten, eine Flasche Klevner. Dann zog er sich in sein Zimmer zurück, setzte sich auf das Bett und versuchte, seine Gedanken zu ordnen: ›Wie ließ sich das Verschwinden Nathalies erklären? War sie genötigt, war sie mit Gewalt geraubt worden? War sie freiwillig mitgegangen? Warum diese Brutalität: den Straßenwart bedroht, Beppo, den Hund, getötet, der Motorenlärm auf dem See, das rätselhafte Schreiben Nathalies! Wer steckte hinter dieser Entführung? Die zwei Grobiane schienen lediglich Helfer zu sein! Aber der hochgewachsene Mann? Hatte ihn Nathalie bereits im Traume gesehen, kannte sie ihn? Ja!‹ Laut sagte Heinrich zu sich selbst: »Dieser Mann ist für Nathalie kein Unbekannter!« Plötzlich war es Gewissheit: Diesen Mann, der seine Liebste geholt hatte, kannte Nathalie! Sie fürchtete sich vor ihm, sie ahnte, etwas Schlimmes könnte geschehen! Deshalb schickte sie Walter zu ihm!

Blicke zurück

Auf dem Bett des Gasthofs sitzend, dachte Heinrich lange über die vergangenen Monate nach. Heinrich war sechsundzwanzig Jahre alt; in der zweiten Juliwoche, vor etwas weniger als acht Monaten, hatte er sein Medizinstudium beendet. Kurz vor dem Abschluss des Studiums waren seine Eltern in den Ferien tödlich verunglückt. Nachdem Heinrich das Arztdiplom erhalten hatte, war er in sein Elternhaus im Städtchen Waldbrücken zurückgekehrt, wo er seine Kindheit verbracht hatte. Das Haus stand am östlichen Stadtrand; nur zehn Minuten davon entfernt begann ein Wald, der sich über mehrere Quadratkilometer erstreckte.

Heinrich genoss die Freiheit, über die er plötzlich verfügte, nachdem er jahrelang in der Hauptstadt für seine Examen gebüffelt hatte. Endlich hatte er Zeit, sich Klarheit zu verschaffen, was er in der Zukunft tun werde, ob er sich in einer medizinischen Spezialität weiter ausbilden oder im Elternhaus eine Arztpraxis einrichten solle. Er unternahm ausgedehnte Wanderungen im Wald, der auf ihn eine magische Anziehungskraft ausübte. Bald spazierte er auf Wegen, bald kämpfte er sich durch Dickicht und Gestrüpp. Kaum je begegnete er einem Menschen, nur einmal einem Förster, ein anderes Mal sah er von Weitem einen Jäger.

An einem warmen Tag, Mitte August, nachdem er drei Stunden in östlicher Richtung drauflosmarschiert war, hörte der Wald plötzlich auf. Heinrich trat auf eine Wiese, die an einem See lag. Etwas von ihm entfernt stand ein einsames Haus, das, wie er vermutete, zu einer Farm gehörte. Der obere Teil des Hauses war aus Holz gebaut, es hatte ein steiles, weit ausladendes Dach, an seinen Wänden wucherten wilde Reben und Efeu. Um das Haus herum standen Lindenbäume und Birken. Heinrich trat näher hinzu, ein Hund fing an zu bellen. Hinter dem Haus hatte es einen Stall, in dem drei Pferde standen, Kühe oder Schafe sah Heinrich nicht. Zwei Fahrräder waren an die Hauswand gelehnt, es gab kein Auto, es gab auch keine Wagenspuren, ja, der Weg, der zum Hause hinführte, war so schmal, dass auf ihm ein gewöhnliches Auto nicht hätte fahren können. Noch immer bellte der Hund. Heinrich wunderte sich, wer hier einsam und fern aller Bequemlichkeiten wohne. Er sah keinen Menschen, er hörte nichts außer dem Hundegebell und dem Rauschen des Windes in den Bäumen.

Heinrich klopfte an die Türe, die sich in der zum See hin gewandten Wand des Hauses befand, das Bellen wurde lauter, doch nichts regte sich. Als er zum zweiten Mal klopfte, hörte er Schritte, ein ungefähr fünfzigjähriger Mann, der einen Wolfshund am Halsband hielt, öffnete die Türe. »Beppo, beruhige dich! Ruhig!«, befahl er dem Hund, als dieser an Heinrich hinaufspringen wollte. Heinrich begrüßte den Mann und fragte, ob er ein Glas Wasser haben könne.

»Kommen Sie herein!«, sagte der Mann. »Falls Sie hungrig sind, haben wir auch etwas zum Essen.«

»Vielleicht ein Stück Brot«, antwortete Heinrich, der keinen Proviant mitgenommen hatte.

Der Mann führte Heinrich in eine Küche mit einer offenen Feuerstelle und rußgeschwärzter Decke. »Setzen Sie sich!« Der Mann stellte einen Krug Wasser und ein Glas auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, auf einem Teller brachte er Brot und Käse. Der Hund hatte sich beruhigt, er hatte sich auf einem Teppich vor der Feuerstelle ausgestreckt.

»Zum Wohl! Möchten Sie mit Fräulein Pedersen sprechen?«, fragte der Mann.

Heinrich stellte sich eine alte, unverheiratete Frau vor, die hier ihre letzten Jahre verbrachte.

»Ja, ich möchte gerne dem Fräulein guten Tag sagen«, sagte er höflich.

Der Mann verschwand, Heinrich hörte, wie er eine Treppe hinaufstieg. Er trank das Wasser, aß das Brot und den Käse, dann betrachtete er die Küche. In ihrer Aufmachung war sie altertümlich, doch immerhin gab es an der Wand einen modernen elektrischen Herd und einen Kühlschrank. Der Mann kehrte zurück.

»Fräulein Pedersen empfängt Sie. Wenn Sie Ihre Mahlzeit beendet haben, folgen Sie mir!«

Heinrich stopfte den bereits abgeschnittenen Käse und das Brot in den Mund, hinter dem Mann stieg er die Treppe hinauf.

Vor einer Doppeltüre mit geschnitzten Pflanzenornamenten auf Türfläche und Türrahmen machten sie Halt.

»Es ist ein bisschen altertümlich bei uns«, sagte der Mann, bevor er die Türe öffnete, »aber die Eigentümerin will nichts ändern, außer in diesem Zimmer hier, wie Sie sehen werden.«

»Kein Problem!«, murmelte Heinrich.

Der Mann öffnete den rechten Türflügel, sie betraten einen Raum mit weißgestrichenen Wänden, der, wie es Heinrich schien, mindestens die Hälfte des Grundrisses des Hauses einnahm. An der Wand links der Türe hingen Bilder, Heinrich sah einen Braque, einen Miró, einen Kokoschka. Die anschließende Wand war bis zuoberst von einem Gestell eingenommen, Bücher unterschiedlicher Größen und Farben waren dort eingeordnet. Im Osten und Süden des Raumes gab es hohe Fenster, durch die man auf den Wald und den See blickte. Vor einem der Fenster stand ein Schreibtisch, darauf türmten sich Papiere und Bücher. In der hinteren Hälfte des Raumes, vor dem Büchergestell, befand sich ein weißer Flügel, Notenblätter standen im Halter des aufgeklappten Deckels. In der Raummitte stand eine weiße, lederne Sitzgruppe: ein Sofa und zwei Sessel gruppierten sich um einen niedrigen Glastisch. In einem der Sessel, mit dem Rücken gegen die Türe, saß jemand; über der Rückenlehne sah Heinrich Haare hervorquellen.

»Guten Tag«, sagte er, »ich hoffe, ich störe Sie nicht!«

Die Person erhob sich, sie trat auf Heinrich zu, dieser wich einen Schritt zurück. Wo er ein altes Fräulein erwartet hatte, stand vor ihm eine junge Frau, fast ein Mädchen, eine schlanke Gestalt in blauem Kleid. Um die Schultern hatte sie eine weiße, gestrickte Jacke gelegt, aus ihrem ebenmäßigen, dunkelblond umwallten Gesicht blickten zwei blaue Augen auf Heinrich. Ein freundliches Lächeln umspielte ihren Mund. Der Junge fühlte sich geblendet, als hätte ihn ein Lichtstrahl getroffen.

»Seien Sie willkommen in der Einsamkeit!«, sagte die Frau; der Ton ihrer Stimme war sanft.

»Ich bin erschüttert, ich dachte nicht, jemanden wie Sie hier zu finden«, antwortete Heinrich etwas ungestüm, dann fügte er mit höflicher Stimme bei: »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Was bringt Sie her?«

»Meine Wanderungen im Wald! Heute bin ich weiter als je zuvor gelaufen. Nach einem anstrengenden Marsch bin ich auf diese Wiese, an diesen See gelangt.«

»Setzen Sie sich, möchten Sie etwas trinken?«

»Der ältere Herr hat mir bereits Wasser gegeben.«

»Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

»Nein danke, machen Sie sich bitte keine Mühe.«

Heinrich setzte sich in den Sessel der Frau gegenüber.

»Wohnen Sie schon lange hier?«, fragte er.