Beschreibung

"Ein Trieb wird als unwiderstehlicher Drang empfunden. Pflanzen und Tiere denken gar nicht daran, diesem Trieb etwa entgegenzusetzen, wohingegen der Mensch seine Triebe immer häufiger aufschiebt oder umwandelt." Ein Roman über die Schwierigkeit, auf dem Land der Fülle des modernen Lebens zu entkommen und in Ruhe sein Gemüse zu ziehen. Und wenn sich dann zum Mann und den Kindern noch die Mutter, ein Liebhaber, ein Analytiker und Wühlmäuse in den Garten gesellen, weiß selbst die Therapeutin aus der Stadt nicht mehr weiter.

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Lola Randl

DER GROSSE GARTEN

Roman

Für meine Familie,den Liebhaber und das Dorf

INHALT

Abhängigkeit

Abhängigkeit II

Abwege

Adolf Heinrich

Adolf Heinrich II

Adolf Heinrich III

Advent

Agapanthus

Agapanthus II

Agapanthus III

Agapanthus IV

Agapanthus V

Algorithmen

Alt werden

Analytiker

Analytiker II

Analytiker III

Angst

Anthroposophie

Apfeltag

Der Apotheker

Die Apothekerin

Die Apothekerin II

Die Apothekerin III

Arbeit

Der ästhetische Kapitalismus

Auflösung

Auflösung II

August

Ausgeizen

Auslöschung

Awareness

Beet

Beet II

Beet III

Befruchtung

Die Besucher

Bienen

Bienen II

Bienen III

Bienen IV

Bienen V

Blau

Blühende Landschaften

Blüte

Der Boden

Bokashi

Bordsteinkante

Die Brache

Die Brache II

Briefmarken

Briefmarken II

Broiler

Brutapparat

Chronikgruppe

Chronikgruppe II

Chronikgruppe III

Dick

Dicke Bohne

Dicke Bohne II

Das Dorf

Das Dorf II

Das Dorf im Dorf

Druck

Dünn

Durchkitzeln

Efeu

Ehe

Eichel

Eier

Einschränkungen

Einsegnung

Eisheilige

Emily

Emily II

Ende

Das Ende der Welt

Das Ende der Welt II

Das Ende der Welt III

Endorphine

Entropie

Das Ersatzteil

Evolution

Evolution II

Explosion

Facetime

Falle

Die Familie auf dem Feld

Färberwaid

Feldmaus

Die Feuerwehr

Fiftififti

Die Frau mit dem Tuch

Freie Wahl

Freizeit

Fremd

Fremd II

Freunde aus der Stadt

Frösche

Frösche II

Frösche III

Frösche IV

Frost

Frost II

Fruchtfolge

Frühsommer

Die Fülle

Der fünfte Abschnitt

Der Garten

Geduld

Geister

Geister II

Gelbe Kniestrümpfe

Geld

Gewissen

Gewitter

Globus

Glück

Glucke

Glucke II

Glucke III

Gott

Gott II

Gott III

Gott IV

Gott V

Gott VI

Grüner Schimmer

Gruppe

Gustav

Gustav II

Gustav III

Die Hasenböcke

Hausschwamm

Die Heilerin

Hermann

Hermann und Irmgard

Hermann und Irmgard II

Der Historiker

Hochzeitsflug

Hollywood

Holunderbeeren

Hubschrauber

Hühner

Hühner II

Husten

Hybride

Hysterie

Immunsystem

Im Stall

Individualität

Internet

Irmgard

Irmgard II

Die Japaner

Die Japaner II

Die Japaner III

Die Japaner IV

Japanischer Knöterich

Johanni

Jungspinnen

Kälte

Kaninchen

Kartoffelkäfer

Kartoffeln

Kartoffeln II

Kataloge

Katastrophe

Kaulquappen

Kaulquappen II

Keimen

Kirche

Kleinbauern

Kleinstadt

Der Knecht

Der Knecht II

Kohle

Kohlweißling

Kompostklo

Kontrolle

Kosmos

Kraniche

Das Krankenhaus

Kristalle

Die Künstlerin

Die Künstlerin II

Kuratorinnen

Kuratorinnen II

Kürbisse

Kurz

Laking

Läuse

Die Leere

Lehm

Libido

Der Liebhaber

Löwenzimmer

Magier

Der Mann

Maschinenkinder

Masterplan

Materie

Maulwurf

Maulwurf II

Maulwurf III

Maulwurf IV

Maulwurf V

Maulwurf VI

Maus

Meine Mutter

Menschliche Ordnung

Midlife-Crisis

Mikroorganismen

Milchmädchen

Mist

Möglichkeiten

Mond

Mond II

Monogamie

Die Nachbarin

Die Nachbarin II

Der nächste Morgen

Nachts

Die neuen Menschen

Die neuen Menschen II

Die neuen Menschen III

Nuss

Obelisk

Obstbaumschnitt

Ohnmacht

Oswald

Oswald II

Oswald III

Oswald IV

Paradies

Partizipation

Pastinake

Pfirsichblüte

Pflanzen

Pflege

Pheromon

Picobello

Pikieren

Der Plan

Polen

Polen II

Potentiale

Quecke

Quecke II

Radieschen

Rampe

Raupe

Rauschen

Regeln

Regen

Regen II

Regen III

Regenwurm

Regenwurm II

Regenwurm III

Das Reh

Der Reichste

Rhabarber

Risograph

Das Rudel

Saatgutbörse

Salat

Salat II

Samen

Die Sau

Sauenkinder

Sauenkinder II

Schädlinge

Schädlinge II

Schafe

Schafe II

Schafe III

Schafe IV

Schafe V

Schmetterlinge

Schmetterlinge II

Schnapspralinen

Schnecken

Schnecken II

Schneeglöckchen

Schuld

Schuld II

Schwarm

Schwarm II

Schwarze Erde

Selbstverwirklichung

Sex

Siedlung

Die Sippe

Sommer

Sommerende

Sorgfalt

Spaziergangswissenschaft

Spontanvegetation

Stangenbohnen

Stare

Steine

Sturm

Sturm II

Sublimation

Sushi

Taufe

Tauschwirtschaft

Tauschwirtschaft II

Die Therapeutin

Die Therapeutin II

Therapie

Therapie II

Tod

Tod II

Traktoren

Triebe

Triebe II

Turnschuhe

Turnschuhe II

Ultra-Light

Umpfropfen

Ungeduld

Die Unmöglichkeit

Unwetter

Vasektomie

Vegan

Veronika

Verschwiegenheit

Verspannung

Verwesung

Vorziehen

Weiße Kraniche

Die Welt

Weltuntergang

Wiese

Wiese II

Wiese III

Wiese IV

Wintergemüse

Wirtschaft

Wolle

Workshop

Workshop II

Wühlmaus

Zelt

Zelt II

Zerrissenheit

Zucchini

Zucker

Der Zweitreichste

Der Zweitreichste II

PASTINAKE

Das Einzige, was im Moment im Garten wächst, ist die Pastinake. Zweieinhalb Reihen Pastinaken stehen da im tiefsten Winter. Ihr Grün ist abgestorben, aber unter der Erde hält sich beständig die weiße Wurzel. Es ist eigentlich ziemlich viel dran an einer solchen Rübe. Genau genommen ist die Pastinake aber gar keine Rübe, sondern ein Pastinak, ein Gewächs aus der Familie der Pastinaken. Diese Familie hat vierzehn Mitglieder. Wenn man die Pastinake aus der Erde zieht, duftet sie, und wenn man sie kocht, schmeckt sie süß. Aber man kann sie nicht zu oft essen, denn auf einmal mag man sie dann nicht mehr, dann ist sie einem auf einmal zu viel.

Dann kann es passieren, dass die Pastinaken, die einem zu viel sind, in den Keller kommen und man sie dort vergisst. Ganz langsam werden sie dann immer kleiner und schrumpeliger und wenn man sich dann wieder an sie erinnert, haben sie vielleicht schon wieder ausgetrieben und wollen neue Pastinaken werden. Aber schmecken tun sie trotzdem noch. Dann fragt man sich, wie man sie so lange vergessen konnte, wo sie doch so wunderbar sind.

Manche sagen »der Pastinak«, andere »die Pastinake«. Ich sage »die Pastinake«. Die zweieinhalb Reihen Pastinaken, die jetzt noch da stehen, stecken nun schon seit sieben Monaten in der Erde. Die Pflanze ist schon lange abgestorben und liegt braun und vertrocknet auf dem harten Winterboden. Aber die Wurzel ist frostfest. Alles, was der Pastinake geblieben ist, befindet sich jetzt in der Rübe. Ich denke, es ist die beste Zeit, sie herauszuholen. Aber ich sollte vielleicht erst noch fragen. Das sind ja eigentlich die Pastinaken von meiner Mutter. Nur weil ich jetzt ein Gartenbuch schreibe, darf ich noch lange nicht ihre Pastinaken ernten. Ich ernte nur eine einzige, das merkt sie gar nicht, und die schenke ich dem Liebhaber.

MEINE MUTTER

Meine Mutter schüttelt den Kopf über mein Vorhaben, ein Gartenbuch zu schreiben. Besser als jeder andere weiß sie, dass ich viel zu wenig Geduld für den Garten habe. Ich habe ihr gesagt, mein Analytiker hätte gesagt, dass ich das tun soll, aber ich bin unsicher, ob sie es glaubt. Zumindest hat sie seitdem nichts mehr gesagt.

Meine Mutter war ihr ganzes Berufsleben lang Landschaftsarchitektin. Das war zu der Zeit, als man nur einen Beruf hatte, und den meistens sein ganzes Leben lang. Seit ich meine Mutter kenne, verbringt sie mehrere Stunden am Tag im Garten. Ich denke, sie muss das einfach tun. Es handelt sich um eine schwere Form von Leidenschaft. Ich hatte noch nie die Ruhe, meiner Mutter beim Gärtnern zuzusehen. Sobald sie anfing, vom Garten zu erzählen, war ich innerhalb weniger Sekunden verschwunden. Das ging ganz automatisch. Nun ist meine Mutter 73 und ich 37 und ich stehe neben ihr, mit einem Stift und einem Zettel. Sie schüttelt den Kopf und denkt, das wäre mal wieder eine meiner Ideen. Und da hat sie natürlich auch recht.

SAMEN

Meistens sind die Samen in Tütchen verpackt und diese Tütchen in einer Schachtel. Im Winter sitzen die Gärtner mit ihrer offenen Schachtel da und sortieren ihre Samentütchen. Sie träumen von der nächsten Saison und machen sich Listen, welche Samen sie noch brauchen. Meistens führen sie Listen, die den ganzen Dezember und Januar über bearbeitet und dann Ende Januar endlich abgeschickt werden. Natürlich kann man das mittlerweile viel einfacher übers Internet bestellen und braucht gar keine Listen mehr, aber das ist nicht der Sinn der Sache. Pflanzenkataloge, die wieder und wieder durchblättert werden, und Listen, die man über Wochen verfeinert, kann das Internet nicht ersetzen.

Ich frage meine Mutter, ob der Same einer Pflanze das ist, was beim Menschen der Embryo ist. Meine Mutter versteht meine Frage nicht oder will sie nicht verstehen. Sie vermutet dahinter eine Provokation. Dabei ist das doch das Einfachste der Welt. Meine Mutter sagt, dass man nicht Samen, sondern Saatgut sagt. Ich schreibe das in mein Notizheft. Sie denkt, wenn so das Gartenbuch werden soll, kann das ja nichts werden.

SAATGUTBÖRSE

Bald werden auch wieder die selbst gemalten Plakate an den Bushaltestellen und Anschlagbrettern der Dörfer angebracht und auf Saatgutbörsen in leeren Bahnhöfen oder Turnhallen oder Permakulturhöfen hinweisen. Diese Plakate sind von Menschen gemalt, die die Welt verbessern wollen und deswegen aufs Land gezogen sind. Manchmal denke ich, ob ich nicht auch so eine Person sein könnte und was ich tun müsste, damit ich so eine Person wäre. Ich habe mir zumindest schon ein paar Bücher zu diesem Thema besorgt. Sie liegen auf meinem Nachttisch.

Auf so einer Saatgutbörse habe ich auch den Liebhaber kennengelernt. Ich hatte gar keine Samen zum Tauschen dabei, und er auch nicht. So haben wir uns gleich erkannt.

HERMANN UND IRMGARD

Ich und der Mann hatten noch nicht mal die Kisten ausgepackt, da klopfte eine resolute Frau an die Tür und sagte, sie würde gerne bei uns sauber machen, denn wir hätten uns da ja ein sehr großes Haus zugelegt. Außerdem hätte sie auch schon bei Herrn von Arnim sauber gemacht und der sei sehr zufrieden gewesen.

Irmgard ist klein, kugelrund und hat einen sehr großen Busen. Sie weiß alles, was im Dorf passiert, und schaut jeden Mittag eine Seifenoper, in der Menschen sich betrügen. Hermann ist ihr Mann, schon seit 49 Jahren. Hermann war Irmgards erster Freund, da war sie 16 und er schon 24, und an ihrem 18. Geburtstag haben sie geheiratet und sind zusammengezogen. Die Liebe auf den ersten Blick ist immer noch die beste Liebe, sagt Irmi.

Hermann und Irmi stehen jeden Morgen um 5 Uhr auf. Sie machen das so, weil sie das immer so gemacht haben. Die meiste Zeit ihres Lebens haben Hermann und Irmi bei der LPG im Stall gearbeitet. Seit sie Rentner sind, haben sie eine große Leidenschaft für ihren Garten entwickelt. Erst waren es nur ein paar Beete für den Eigenbedarf. Aber weil das Grundstück hinter ihrem gemieteten Haus noch ganz weit runtergeht, haben sie immer weitergemacht und immer mehr Beete angelegt. Und Gewächshäuser und Kaninchenställe und einen Auslauf für die Broiler und Enten und ein Plumpsklo und und und. Jetzt hat Irmi keine Zeit mehr, bei uns zu putzen. Mit Beständigkeit und großer Ordnungsliebe schleppen sie ihre üppigen Körper von morgens bis abends über das Gelände und haben bald jeden Fleck bewirtschaftet. Immer mehr Leute aus der großen Stadt halten vor Hermann und Irmis Haus, wo Irmi auf ein Schild »Gemüse und Blumen« geschrieben hat. Die Leute aus der Stadt klingeln und möchten dort Gemüse und Blumen kaufen, weil ihnen das Gemüse aus Hermann und Irmis Garten authentischer vorkommt als anderes Gemüse.

»So möchte ich auch, dass mein Leben ist«, sage ich meiner Therapeutin.

»Dann würde ich immer um 5 Uhr aufstehen und wüsste genau, was zu tun ist.«

Meine Therapeutin schaut mich nur freundlich an und fragt dann, ob ich meine Achtsamkeitsübungen gemacht habe.

ANALYTIKER

Mein Analytiker hat natürlich nicht gesagt, dass ich ein Gartenbuch schreiben soll. Mein Analytiker hat gesagt, dass ich besser zu einer Analytikerin gehen sollte, und wir haben uns von da an nur noch getroffen, um Sex zu haben. Das war, als ich noch in der Stadt lebte. Dass ich aufs Land gezogen bin, konnte er nicht verstehen. Ich habe versucht, es ihm zu erklären, aber es hatte keinen Sinn. Manchmal schickt er mir noch Nachrichten, und ganz ab und zu besuche ich ihn. Aber eigentlich gehe ich jetzt zu einer freundlichen und ausgeglichenen Therapeutin.

DIE THERAPEUTIN

Die Therapeutin sagt, das Gartenbuch sei wie alles, was ich mache, eine Flucht vor mir selbst. Das, was ich mit der Therapeutin mache, nennt man Gesprächstherapie. Der Analytiker sagt, eine Gesprächstherapie werde bei mir nichts bringen, nie und nimmer. Er glaubt, dass ich die Therapeutin sowieso nur an der Nase herumführen würde und mich kein Analytiker jemals wieder nehmen wird, weil meine Psyche durch eine Gesprächstherapie verpfuscht wäre.

»Warum wollen Sie weg von sich?«, fragt die Therapeutin mit überschlagenen Beinen und sieht mich mit ihrem nachsichtigen Lächeln an. Ihre Beine sind meistens überschlagen, wenn sie mit mir spricht.

»Was passiert, wenn Sie mit sich alleine sind?«

Mich macht das sehr unruhig, wenn die Therapeutin so langsam und sorgfältig spricht. In zwei Minuten sind 50 Minuten vorbei. Ich stehe besser jetzt schon auf, damit ich den Zug noch erwische. »Das überlege ich mir mal«, sage ich und schlüpfe in den Mantel.

DER GARTEN

Ein Garten ist ein eingefasstes Grundstück, auf dem Pflanzen und/oder Tiere gehalten werden. Man kann auch auf die sichtbare Einfassung verzichten und sie sich nur denken. Die Grenze, ob mit oder ohne Einfriedung, ist die der Kultivierung, also die durch Menschenhand auferlegte Struktur und Ordnung, die den Garten von der wilden Natur trennt. Da es bei einem Garten auch immer darum geht, einen Frieden herzustellen, den es sonst nicht gibt, macht eine Einfriedung durchaus Sinn. Diese Abschirmung kann man mit einer Mauer, einem Zaun, einer Hecke oder anderem Schutz oder Sichtschutz herstellen. Das einzige Gewerbe außer der Landwirtschaft in unserem Dorf ist ein Sichtschutzmattenhersteller. Er hat sich eine Methode überlegt, wie Plastikröhrchen, die er aus Plastikabfall von Plastikfenstern herstellt, mit einem Draht aneinandergewoben werden und so eine wunderbare Sichtschutzmatte in verschiedenen Farben ergeben. Zudem ist diese Sichtschutzmatte leicht, preiswert und auch sehr sehr lange haltbar, wenn man pfleglich mit ihr umgeht.

Einen Garten legt man an, um einen Ertrag zu erwirtschaften, sich zu ernähren, sich zurückzuziehen, sich zu entspannen oder auch aus therapeutischen Gründen. Der Garten als Therapeut kann einen beschäftigt halten und man kann sich ein Beispiel nehmen an den Pflanzen und Tieren, die gar nicht so viel grübeln, und er kostet vergleichsweise wenig.

Ein Garten ist immer ein Kampf zwischen den eigenen Vorstellungen und äußeren Gegebenheiten.

VERONIKA

Ob man will oder nicht, sieht man von unserem Haus den ganzen Tag auf den Dorfplatz. Meistens will man nicht, schaut aber dann doch immerzu aus dem Fenster. Am Mittwoch um eins kommt der Fischstand, am Dienstag der Brotstand und der Fleischstand und alle zwei Wochen der Kleiderstand. Um sieben geht die Frau Schabionke zur Arbeit und um halb drei wartet der Hubi, dass seine Mutter ihn abholt. Von sechs bis elf Uhr abends sitzen die Schwererziehbaren vom Jugendheim in der Bushaltestelle. Die aus dem Dorf sitzen in der anderen Bushaltestelle, beim Neubau. Insgesamt gibt es drei Bushaltestellen, aber nur zwei mit Häuschen.

Von unserem Fenster aus entdeckte ich auch Veronika. Sie trug einen Rock über der Hose und ein Kind um den Bauch gewickelt. Ich bin nach unten auf den Dorfplatz gerannt und dort haben wir uns kennengelernt.

Veronika war auch erst vor kurzer Zeit in das Dorf gezogen. Im Gegensatz zu mir hatte sie einen ziemlich klaren Plan. Sie war hierhergekommen, um die Welt zu verbessern.

»Aha«, sagte ich und überlegte, warum ich eigentlich hier bin. Aber sie fragte gar nicht.

Um ihren Plan mit der Weltverbesserung umzusetzen, hatte Veronika sich zusammen mit ihrer Familie einen alten LPG-Hof am Rande des Dorfes gekauft, gar nicht weit von dem LPG-Hof des Sichtschutzmattenherstellers. Der alte LPG-Hof sollte jetzt ein Permakulturhof werden.

»Aha«, sagte ich schon wieder und dann noch »sehr interessant«, um nicht nur »Aha« zu sagen. Außerdem fand ich es auch wirklich sehr interessant, von einem Permakulturhof hörte ich da zum ersten Mal.

»Wir wollen den Kreislauf wieder schließen«, sagte Veronika. Ihre langen Haare wehten im Wind und in der ledernen Hüfttasche unter dem Kind vor ihrem Bauch steckte ein nützliches Werkzeug. Mir schien das in diesem Moment sehr plausibel, also sagte ich: »Stimmt«.

Erst abends im Bett überlegte ich, welchen Kreislauf genau sie eigentlich meinte, und fragte den Mann. Aber der Mann war nicht mehr aufgelegt, über Kreisläufe zu reden, sondern bereits so gut wie eingeschlafen. Immer wenn der Mann gerade einschläft, fällt mir eine sehr wichtige Frage ein.

DER LIEBHABER

Der Liebhaber wohnt im Haus gegenüber. Also gegenüber ist natürlich die Kirche und der Liebhaber wohnt hinter der Kirche, in einem alten Fachwerkhaus, das direkt in der Kurve steht. Die Straße geht so nah am Haus des Liebhabers vorbei, dass an der schmalsten Stelle der Bürgersteig nur einen Fuß breit ist. Wenn man auf dem Bürgersteig um das Haus läuft, muss man an dieser Stelle mit einem Fuß auf der Straße und mit dem anderen auf dem kleinen Bürgersteig laufen.

Die Straße gibt es, seitdem es nach der Wende auf einmal ganz viel Geld für Asphaltstraßen gab. Die Häuser an der Straße, also unser Haus und auch das Haus des Liebhabers, versanken bei den Erneuerungen der Straße immer tiefer im Boden. Als zu DDR-Zeiten die Betonplatten verlegt wurden, versanken sie das erste Mal, und als nach der Wende der Asphalt darübergegossen wurde, versanken sie das zweite Mal. Deswegen ist unser Haus jetzt barrierefrei, früher hatte es zwei Stufen. Von unserem Esszimmer aus sehe ich die Kirche von vorne und vom Schlafzimmer des Liebhabers von hinten.

Aus der Zeit, als der Liebhaber noch kein Liebhaber war, sondern Lichtkünstler und eine Firma in China hatte, gibt es noch sein altes Wochenendhaus, ein paar Kilometer von unserem Dorf entfernt, und das ist jetzt das Liebhaberhaus. Das Haus steht frei auf den Feldern und nur ganz ab und zu fahren große Traktoren oder die kleinen weißen Autos von der Altenpflege vorbei.

DER MANN

Ich habe dem Mann vorgeschlagen, sich ebenfalls einen Therapeuten oder eine Therapeutin zu suchen, das wäre vielleicht das Einfachste, aber der Mann hält das nicht für nötig. Ich kenne den Mann schon so viele Jahre, werde aber aus ihm einfach nicht schlau. Meine Theorie ist, dass der Mann schon ganz viele Leben gelebt hat, also nicht nur ein paar Dutzend, sondern wirklich viele. Und dass er deswegen durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist und schon gar nicht durch mich. Manchmal denke ich sogar, dieses Leben hier, mit mir in dem Haus gegenüber der Kirche, ist vielleicht das letzte Leben des Mannes hier auf der Erde. Während es sich bei mir um das erste oder höchstens zweite Leben hier handelt. Für mich ist das alles noch sehr neu und deswegen ist es gut, dass ich jemanden so Erfahrenen wie den Mann an meiner Seite habe.

TRIEBE

Ein Trieb ist ein Spross, der aus einem Samen durch den Boden bricht und dann sein grünes Blatt dem Licht entgegenstreckt. Damit der Spross aus dem Samen kommt, braucht er Wärme und Wasser. Zuerst kommt die Wurzel raus und verankert den Samen in der Erde. Die Wurzel ist dafür zuständig, das Wasser aufzunehmen, das die Pflanze braucht. Dann streckt sich der Spross nach oben, dem Licht entgegen. Der Spross entwickelt Blätter, und die betreiben Photosynthese und die Wurzel wächst immer tiefer und weiter.

Die Moleküle, die die Photosynthese betreiben und Chlorophylle heißen, sind grün und wandeln Kohlendioxid in Sauerstoff um. Für die Pflanze bleibt dabei der Kohlenstoff übrig und daraus wird die Pflanze gebaut. Also die Stängel, Stiele, Äste und Blätter werden nach oben gebaut und die Wurzeln und Knollen weiter nach unten. Und dann, irgendwann, stellen die Pflanzen fest, dass sie nicht mehr wegkommen. Wenn die Pflanzen sich nun fortpflanzen wollen, brauchen sie in der Regel einen Dritten, der ihnen hilft, zueinanderzukommen. Meistens ist dieser Helfer der Wind oder Insekten, manchmal auch Schnecken, in seltenen Fällen Menschen. Viele Pflanzen brauchen auch nur sich selbst, weil sie Mann und Frau in einem sind oder weil sie sich vegetativ fortpflanzen, also ohne Sex. Dann bilden sie einfach nur einen Klon von sich und es gibt sie noch einmal neu.

VORZIEHEN

Bei Hermann und Irmi steht der halbe Esstisch und jedes Fensterbrett voll mit Plastikschachteln, in denen Samen keimen. In jede Torftablette kommt ein Same, das macht der Hermann, und die Irmi gießt dann Wasser drüber. Dann kommt der Same mit dem Torf an den wärmsten Platz im Haus, auf die Ofenbank, und wenn er mal gekeimt ist und der Spross sich streckt, muss er in die kältere Zone ans Fenster umsortiert werden. Dort soll er abgehärtet werden, für das wahre Pflanzenleben. Denn wenn der Spross auf der Ofenbank zu geil nach oben schießt, ist der Pflanze auch nicht geholfen, dann wird sie später zu schwach und gleichzeitig zu hochgewachsen sein für das Leben als Pflanze in der freien Natur. Deswegen muss die Irmi aufpassen und immer zwischen den verschiedenen Wärmezonen Wohnzimmer, Küche und Flur hin- und hersortieren.

Es hat sich herumgesprochen, wie schön die Samen bei Hermann und Irmi sprießen, und deswegen hat meine Mutter mir auch gleich noch ein paar Chilisorten und Rauchtabak und Palmkohl und Artischocken und Fenchel mitgegeben, ob Hermann und Irmi die nicht auch vorziehen könnten.

Eigentlich ist kaum mehr Platz. Überall ragen gelbe Schildchen aus den Schachteln, auf denen steht: Tomaten, Paprika, Sellerie, Mangold, Kürbis, Zucchini, Aubergine, Peperoni und Wasabi, das ist japanischer Meerrettich.

SCHNEEGLÖCKCHEN

Von einem auf den anderen Tag stehen sie da und lassen so andächtig und unschuldig ihr weißes Haupt baumeln, dass man gar nicht anders kann, als entzückt zu sein. Jeder hat die Schneeglöckchen lieb, da jeder schon ganz vergessen hat, wie es ist, wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder den Boden erwärmen und man spürt, dass der Frühling kommt, auch wenn der Winter meistens noch gar nicht vorbei ist. Aber bald wird er vorbei sein. Das zu wissen reicht, und die Schneeglöckchen sind der untrügliche Beweis.

Schneeglöckchen haben keinerlei Nutzen, was sie natürlich nur noch schöner macht. Wenn die Kinder sie abreißen und mit nach Hause nehmen, lassen sie dort nach kürzester Zeit den Kopf hängen und man weiß, dass man ihnen Unrecht getan hat. Schneeglöckchen kann man höchstens ausbuddeln und an anderer Stelle in freier Natur wieder einbuddeln, dann werden sie mit etwas Glück auch an dieser neuen, von einem selbst ausgesuchten Stelle im nächsten Jahr wieder auftauchen.

Die Schneeglöckchen selbst haben keine Ahnung, wann der Winter vorbei ist. Sie kommen einfach raus, wenn es ein paar Tage etwas wärmer ist und davor der Boden gefroren war. Der Bodenfrost erweckt sie zum Leben. Sobald der Frost vorbei ist, merken sie, dass es sie gibt, und fangen an zu wachsen. Kommt der Frost dann noch einmal wieder und sie stehen bereits als Schneeglöckchen draußen, legen sie sich einfach auf den Boden und tun so, als ob sie schlafen. Danach stehen sie wieder auf, als wäre nichts gewesen.

Es heißt zwar, Schneeglöckchen werden von Insekten bestäubt, aber in der letzten halben Stunde ist kein Insekt bei den Schneeglöckchen in unserem Garten aufgetaucht. Die meisten Insekten schlafen wahrscheinlich noch oder sind noch gar nicht geboren. Als ich fast schon keine Geduld mehr hatte, noch länger auf ein Insekt zu warten, kam eine Ameise.

EMILY

Emily wünschte sich nichts sehnlicher als einen Garten. Sie war schließlich, wie man so sagt, der Liebe wegen aus Amerika hierhergekommen, und mit ihr ihr ganzes Geld. Der Reichtum ihrer Familie hatte nicht nur dafür gesorgt, dass das heruntergekommene Stammhaus der von Arnims wieder hergerichtet werden konnte, sondern auch, dass das Vorwerk ein paar Kilometer weiter in ein Familienschloss umgebaut wurde. Das Geld hatte Emily von ihrer Oma, die die größte deutsche Zeitung in New York führte, und ihren Eltern, die eine Brauerei in Newark leiteten. Das Adligsein hatte sich Emily allerdings etwas anders vorgestellt. Sie war immer noch fremd in diesem Dorf und würde es auch immer bleiben. Das zumindest wusste sie jetzt. Es beruhigte sie sogar, das ein für alle Mal zu wissen. Zu lange hatte sie gehofft, in dieser weitverzweigten Adelsfamilie ein Zuhause zu finden und im Dorf wenigstens einen inspirierenden Literaturzirkel oder so was. Aber es gab ja nur diesen Historiker Nagel, der sich als Einziger mit Büchern beschäftigte, vor ihr aber kein Wort herausbrachte. Gerade deshalb war der Schlossgarten so wichtig. Das hatte sie ihrem Mann auch genau so gesagt, und wenn sie ihn jetzt nicht bald bekäme, ihren Schlossgarten, wäre sie weg, also nicht genau so hatte sie das gesagt, aber gemeint, und er wusste es.

Das Wichtigste würden die Mauern sein, die das Paradies vor dem Dorf würden schützen können, und das Zweitwichtigste die kalifornischen Pfirsiche. Es müssten Terrassen nach Süden angelegt werden und Mauern aus Steinen gebaut, sodass jeder brandenburgische Sonnenstrahl auf diesem Südhang eingefangen und die Früchte ihrer Heimat gedeihen könnten. Nur so würde es gehen.

OBSTBAUMSCHNITT

Wenn Veronika die Bäume schneidet, und das muss sie jetzt tun, sonst ist es bald schon zu spät, braucht sie eine sehr lange Säge, eine ziemlich lange Schere, eine kurze Schere, eine kurze Säge und eine kurze Leiter, manchmal auch noch eine lange Leiter. Sie liebt es, die Obstbäume zu schneiden, weil sie ganz genau weiß, dass jeder Baum mit wohlschmeckender Frucht immer ein Kunstwesen ist. Ein Lebewesen, das aus zwei Lebewesen zusammengebastelt wurde. Und eben weil es ein von Menschenhand gemachtes Kulturwesen war, würde es immer den Menschen brauchen, um sich von ihm in seine ideale Form bringen zu lassen. Veronika hatte sich die alten Prinzenapfelbäume um den Schlossgartentümpel vorgenommen. Sie waren schon vor über hundert Jahren gepflanzt worden und ganz verholzt. Die Aufgabe des Obstbaumschneidenden ist es, den Baum in sein physiologisches Gleichgewicht zu bringen, ihm zu helfen eine Kegelform zu entwickeln, bei der die unteren Äste sich weiter strecken als die oberen, sodass seine Früchte optimal besonnt werden und deswegen so süß und saftig werden, wie sich der Apfelliebhaber das erhofft. Und Veronika war eine große Apfelliebhaberin. Ihr schwebte bereits ein großes Apfelprojekt vor, bei dem sie jeden Apfelbaum des Dorfes bestimmen und in eine Kartei aufnehmen würde. Die allerwohlschmeckendsten würde sie retten und zu neuen jungen Bäumen veredeln und die alten würde sie in Würde sterben lassen, denn ein Baum stirbt ja nicht von heute auf morgen, sondern über viele Jahre, in denen er immer noch schmackhafte Äpfel tragen kann, aber immer weniger.

Veronika hatte im Schlossgarten einen Baum entdeckt, der schon so alt und schief war, dass er mit einem seiner Äste den Boden berührte, und dieser Ast war in die Erde hineingewachsen und nicht viel weiter als junger Baum wieder herausgewachsen, mit genauso schmackhaften Äpfeln. Der junge Baum wurde immer stärker, und der alte Baum konnte sich an den jungen anlehnen und noch lange weiterleben.

KEIMEN

Ich sitze bei Hermann und Irmi in der Stube und fotografiere den ersten Keim, der auf der Ofenbank durch die Torftablette bricht und sein winzig kleines grünes Blatt dem Licht entgegenstreckt. Ich weiß noch nicht, was aus dem Fotoprojekt werden soll, aber irgendetwas kann man bestimmt daraus machen. Der Projektmensch geht davon aus, dass in allem ein Projekt steckt. Das vermute ich auch bei diesem Keim und deswegen fotografiere ich ihn schon mal vorsorglich.

»Ist das nicht der sensationellste Augenblick an der Sache?«, sage ich und schaue Hermann an, als müsste er auch etwas dazu sagen. Hermann schüttet weiter Samen aus dem Tütchen in seine Hand und verteilt die Samen mit seinen fleischigen Fingern in den kleinen Plastikschälchen.

»Bist du glücklich, wenn da was rauskommt?«, frage ich bei Hermann noch mal nach.

»Ja«, sagt Hermann und findet meine Frage offensichtlich etwas dumm. »So ist das halt«, fügt er noch hinzu und zeigt mir sein unvollständiges Gebiss.

Dann gucken wir beide, also ich und der Hermann, dabei zu, wie Hermann den Rest der Samen verteilt, Same für Same. Das scheint mich zu beruhigen, das mit den Samen. Vielleicht sollte ich auch das Vorziehen anfangen.

NACHTS

Ich liege wach im Bett und überlege, warum ich Pflanzenkeime fotografiere, und glaube, eine Gartenenzyklopädie anlegen zu müssen. Wahrscheinlich ist es doch nur die Angst vor dem Tod, wie der Analytiker sagt. Ich knipse das Licht an und nehme eins der Weltverbesserungsbücher von meinem Nachttisch. Dieses hier geht um Terra preta. Bevor Veronika gesagt hat, dass wir jetzt alle ganz viel Terra preta machen müssen, wusste ich gar nicht, dass es Tera preta gibt. Terra preta ist eine besonders fruchtbare Erde, die wir selbst herstellen können, und wenn das ganz viele von uns machen würden, wäre das große Klimaproblem vielleicht schon gelöst. Der Mann schläft schon. Da er schon so viele Leben hinter sich hat, ist das mit dem Tod gar keine große Sache mehr für ihn. Der Liebhaber hat auch keine Angst vor dem Tod, warum weiß ich nicht. Vermutlich weil er der Sohn eines Schlachters ist und weiß, dass es schnell geht und eben einfach so ist. Der Analytiker sagt, gegen die Angst vor dem Tod hilft nur Sex. Das stimmt, aber es hilft auch nur kurz. Eine Gartenenzyklopädie hilft da schon länger. Ich lege das Buch wieder weg, knipse das Licht aus und drücke mein Gesicht ins Kissen, das hilft manchmal. Mir fällt ein, dass ich mir gar nicht notiert habe, welche Triebe ich da heute überhaupt fotografiert habe. Ich angele mir die Kamera und klicke mich noch einmal durch die Fotos. Tatsächlich sehen alle Triebe ziemlich gleich aus.

TRIEBE II

Die jungen Triebe, die da in Hermann und Irmis Wohnzimmer ihren Kopf aus der Erde strecken, haben auch keine Angst vor dem Tod. Sie machen sich keinerlei Vorstellung, wie es sein wird, so als Blume, und was passiert, sollte es irgendwann wieder kälter werden. Sie können einfach nur die Pflanze werden, die sie sind. Der Mensch möchte auch gerne der Mensch werden, der er ist. Aber für ihn ist das schwieriger. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, wer er sein könnte.

Ein Trieb wird als unwiderstehlicher Drang empfunden. Pflanzen und Tiere denken gar nicht daran, diesem Trieb etwas entgegenzusetzen, wohingegen der Mensch seine Triebe immer häufiger aufschiebt oder umwandelt.

GRÜNER SCHIMMER

Wenn man über die Felder und Wälder blickt, sind sie nicht mehr nur braun, wie sie monatelang braun waren, sondern sie sind von einem grünen Schimmer überzogen. Wenn man sehr viel näher kommt, sieht man, dass der grüne Schimmer die Blätter oder vielmehr Blättchen sind, die aus den Ästen sprießen. Die Blättchen werden aus den Ästen gedrückt, weil innen der Druck steigt, und sobald sie ihr erstes Grün gegen das Licht strecken, werden sie nicht nur gedrückt, sondern auch von außen gezogen, sodass dann auf einmal alles doppelt so schnell geht.

Zwischen dem auf einmal grünen Gras am Boden stehen Büschel wilden Schnittlauchs und Krokusse und Narzissen und Gänseblümchen und Veilchen und die Forsythie, von der man gar nicht wusste, dass es sie gibt, blüht so gelb, wie man noch nie etwas gelb hat blühen gesehen.

KÄLTE

Der plötzliche Kälteeinbruch ist eine häufige Todesursache junger Triebe und der besorgte Gärtner denkt viel ans Wetter und daran, was er macht, wenn es noch einmal Frost gibt. Meistens hat er Decken und Vlies zur Hand, um die Pflanzen rechtzeitig zu schützen. Aber die Triebe sind furchtlos. Sie haben ja auch wirklich gar keine Ahnung von Meteorologie und Gartenbau. Sie wachsen einfach drauflos und das Einzige, das ihnen klar ist, ist das, was schon immer in ihnen angelegt ist: wachsen und sich vermehren. Das ist das einzige Ziel, das sie erreichen wollen. Was die ganzen vielen Pflanzenkinder dann mal machen werden, ist ihnen keinen Gedanken mehr wert. Sie werden hinausgeschickt in die Welt, manche mit dem Wind, manche einfach an Tiere angeklebt oder sie schwimmen mit dem Regen davon.

STARE

Auch die Fliederhecke beim Liebhaberhaus ist kurz davor zu blühen und in ihr sitzen lauter Stare. Wenn ich zur Tür hinaustrete, fliegen alle Stare auf und setzen sich auf die Stromleitung ein paar Meter weiter. Wenn dann ein Auto von der Altenpflege vorbeifährt, fliegen sie wieder alle auf und setzen sich in die große Linde vor dem Liebhaberhaus, aber nur wenn ich nicht in der Tür stehe. Wenn ich in der Tür stehe, fliegen sie bis zu der Tennishalle, die neben dem Schloss steht, das jetzt ein Hotel ist. Früher war es das Familienschloss, das die Emily irgendwie noch meinte haben zu müssen. Das andere Schloss, der Stammsitz, war zwar sehr groß, mit dem Marstall, den sie noch angebaut hatten, und der Gärtnerei und dem Verwalter und dem Gesinde und dem ganzen Dorf, aber genau das machte es auch so bedrückend und unfrei. Da dachte Emily, es sei doch gut, noch ein kleines Familienschloss zu haben.

Die Stare auf der Leitung bei der Tennishalle des Wellnesshotels sind als Gruppe unterwegs. Trotzdem geht es jetzt darum, dass ein Männchen ein Weibchen beeindruckt und dieses zu einem Nistplatz lockt. Dazu separiert sich das Männchen von der Gruppe, sodass man es schön sehen kann, schlägt ein paar Töne an und spreizt sein Gefieder. Da der Star die Stimmen vieler anderer Vögel und sogar den Rasenmäher und verschiedene Handytöne nachmachen kann, muss er sich jetzt genau überlegen, welcher Laut in seiner Situation wohl der beeindruckendste wäre.

UMPFROPFEN

Veronika sitzt mit einer Gruppe von Permakulturschülern um einen Tisch und pfropft Zweige eines Apfelbaums auf die Wurzeln eines anderen Apfelbaums. Diese Kulturtechnik nennt sich veredeln und jeder Apfelbaum wohlschmeckender Äpfel ist einmal veredelt worden. Der Apfel eines Baumes, der einfach nur aus einem Apfelkern gewachsen ist, wäre nur so groß wie eine Kirsche und würde sauer und holzig schmecken. Um aber köstliches Tafelobst zu bekommen, muss man die Bäume wohlschmeckender Äpfel klonen. Dazu verbindet man den Zweig eines Apfelbaums mit der Wurzel eines anderen Apfelbaums. Den anderen Apfelbaum hat Veronika vor zwei Jahren als Apfelkern in die Erde gesteckt. Diese Kopulation, also das Aufeinanderpressen des Zweiges an eine fremde Wurzel, findet am besten am Gründonnerstag statt, sagt Veronika. Das hat ihr ein alter Bauer erzählt. Weil wenn Gründonnerstag ist, ist immer bald Vollmond, und wenn bald Vollmond ist, steigen die Säfte. Und mit gestiegenen Säften wächst der Zweig lieber an die fremde Wurzel an. Der Zweig, den die Permakulturisten an diesem Gründonnerstag auf die Wurzel pressen, ist der Hasenkopf, und die Wurzel ist ein Bittenfelder Sämling.

Dass dieser Hasenkopf ein ganz besonderer Hasenkopf ist, hat der Pomologe gleich gesehen. Der Pomologe besucht Veronika und ihre Permakulturschüler jeden Herbst am Apfeltag. Und als Veronika und der Pomologe am letzten Apfeltag durch die alte Apfelallee entlang des Baches schlenderten, hat der Pomologe den Hasenkopf gesehen und gleich erkannt, dass das ein ganz besonderer Hasenkopf ist. Ein Hasenkopf, wie es ihn vielleicht überhaupt nur ein einziges Mal gibt. Und in der Nacht vom Apfeltag hat Veronika sich entschieden, den Hasenkopf zu vermehren, damit es irgendwann wieder ganz viele Hasenköpfe geben wird. Die Teilnehmer des Seminars sind sehr glücklich, als sie endlich den Bast um die Schnittstelle herumgewickelt und mit Harz verstrichen haben. Die Transplantation scheint erst mal geglückt und die Hasenkopfklone stehen zusammen in einem Eimer Wasser. Immerhin, denken sich die Teilnehmer und haben das Gefühl, etwas geschafft zu haben.

DER BODEN

Ein Garten ist ein ausgeklügeltes System. Der eine klügelt es so aus, der andere so. Es handelt sich um eine Gesamtheit von Elementen und jedes der Elemente ist auf die eine oder andere Art mit den anderen Elementen verbunden. Die beiden wesentlichsten Elemente sind der Boden und der Gärtner selbst. Dann kommen die Pflanzen, die Tiere, die Mikroorganismen, das Wetter und dann alles andere. Wenn ich neuerdings von der Kunst des guten Bodens spreche, merke ich, wie meine Mutter mich etwas verächtlich ansieht. Dabei meint sie es bestimmt nicht böse. Sie ist sich einfach nur ziemlich sicher, dass ich keine Ahnung habe. Sie kann sich nicht vorstellen, dass mein neues Einschlafspiel darin besteht, Kompost zu schichten. Unten kommen Hölzer hin, damit der Kompost atmen kann. Dann klein geschreddertes Holz, dann Laub und abgelagerter Mist, dann frisches Heu und ein paar Eierschalen für den Kalkgehalt, ein bisschen Pipi für den Phosphorgehalt, feinste fermentierte Küchenabfälle, Tonmehl, Urgesteinmehl, Braunkohleasche, Kacka, Kaffee und ein paar Fischgräten, und dann bin ich eingeschlafen.

SCHWARZE ERDE

Wenn es nicht regnet, habe ich mir vorgenommen, Terra preta zu machen, und wenn es regnet, schaue ich Pornos. So oder so muss ich um drei Uhr die Kinder abholen. Eigentlich wollte ich auch gar keine Pornos mehr schauen. Ich finde sie auch wirklich nicht so interessant, aber die Pflanzenvideos auch nicht. Ich habe mir dann trotzdem ein Video über Terra preta angeschaut. Und das, obwohl draußen die Sonne schien und ich selbst Terra preta machen wollte. Terra preta heißt schwarze Erde und ist in Permakulturkreisen sehr hoch angesehen. Veronika hat gleich zwei große Mieten von Terra preta auf ihrem Gelände. Die schichtet sie sehr sorgfältig und begießt sie ab und zu mit Mikroorganismen. Das Video sagt, Terra preta kommt eigentlich aus dem Dschungel, also dort hat man sie vor knapp vierzig Jahren entdeckt, und seitdem gibt es verschiedene Gruppen von Weltverbesserern, die sich sehr dafür interessieren. Weil niemand das Rezept übergeben hatte, brauchte es mehrere Tausend Jahre, um herauszufinden, dass Terra preta nicht einfach so da war, sondern hergestellt wurde, und dass diese Mischung vielleicht in der Lage ist, unseren Planeten zu retten. Aber es gibt ja viele Sachen, die man machen könnte, um unseren Planeten zu retten.

REGENWURM

Im Grunde ist alles schon mal durch einen Regenwurm hindurchgegangen oder wird noch durch einen Regenwurm hindurchgehen. Und alles, was durch den Darm des Wurms gewandert ist, wird zu fruchtbarer Erde. Und dann wächst wieder etwas daraus und dann stirbt es und dann geht es wieder durch den Regenwurm hindurch und ist wieder fruchtbare Erde. Und weil die Ausscheidungen des Regenwurms der ideale Nährstoff für das Pflanzenwachstum sind, ist der Gärtner sehr darum bemüht, dass es dem Regenwurm gut bei ihm geht. Jetzt weiß ich auch, warum meine Mutter immerzu mulcht und den Boden abdeckt. Sie macht das, damit der Regenwurm sich wohl bei ihr fühlt, sich dementsprechend vermehrt und sie mehr fruchtbare Erde hat. Wenn der Regenwurm sich wohlfühlt, füllt er seinen Darm mit Erde und verrottetem Pflanzenmaterial, zerreibt es mit seinem Muskelmagen, mischt es durch mit Verdauungssaft und lässt, was er nicht verdauen kann, als Humus wieder raus. Währenddessen kriecht er kreuz und quer durch die Bodenschichten und lockert den Boden. Aber wenn es stimmt, dass es morgen wieder friert, dann rollt auch der Regenwurm sich wieder ein und verfällt in Winterstarre. Wie das dann ausgeht, kann kein Regenwurm wissen. Wenn er Glück hat, wacht er, sobald es wärmer wird, wieder aus seiner Winterstarre auf. Oder aber sein Leben ist bereits zu Ende, weil ein Maulwurf ihn gefressen hat. Oder noch schlimmer: Ein Maulwurf hat ihn gefunden und durch einen gezielten Biss ins Nervensystem gelähmt und ihn in eine seiner Vorratskammern gelegt, damit er schön frisch bleibt. So oder so wird er früher oder später selbst wieder durch einen anderen Regenwurm hindurchgehen.

EXPLOSION

Explosion meint das plötzliche Freiwerden von Energie. Die Knospe kann die Energie nicht mehr länger halten, muss aufplatzen und die Energie freigeben. Grund für die Explosion ist die ansteigende Temperatur. Über Nacht ist das Gras bis über die Knöchel gewachsen und der Raps ist schon einen halben Meter hoch. Überall liegen Duftwolken in der Luft.

Der Übergang von der Knospe zur Blüte, also die Pubertät, dauert bei den Pflanzen oft nur ein paar Minuten. Die Blüte ist dann das Geschlechtsorgan der Pflanze, das sie in die Luft hält und hofft, dass irgendetwas passiert. Das weibliche Geschlecht ist das Fruchtblatt und das männliche das Staubblatt. Außenrum stehen die Kelchblätter. Sie umrahmen das Geschlechtsorgan und sind ein guter Landeplatz für Insekten.

POLEN

Das kleine Schild »Gemüse und Blumen« hat so viele Besucher in Irmis Garten gelockt, dass die Keller jetzt leer sind, auch wenn im Garten alles blüht. Nur noch Kartoffeln liegen da, aber die sollen nicht verkauft werden, denn die Kartoffeln haben schon Augen und aus den Augen kommen dann Sprossen, und bald werden sie eingebuddelt, damit daraus dann neue Kartoffeln werden.

Die Kartoffeln, die im Liebhaberhaus unter der Spüle liegen, wollen auch neue Kartoffeln werden, dabei sollen sie nur gegessen werden. Wenn sie es nicht dunkel genug haben, denken Kartoffeln immer, dass sie jetzt austreiben müssen. Aber dem Liebhaber ist das egal, er knipst die herausgekommenen Triebe ab und isst die Kartoffeln trotzdem.

Und weil die Irmi nichts mehr zu verkaufen hat, will die Irmi losfahren und Nachschub holen, aus Polen. Diesmal bin ich dran mit Fahren. Und weil der Mann glaubte, dass ich schwindel, als ich sagte, dass ich die Irmi nach Polen fahre, sondern bestimmt mit dem Liebhaber irgendwohin, sitzen wir schließlich zu dritt vorne in unserem Bus, also die Irmi, der Mann und ich.

Gleich hinter der Grenze beginnt der Markt, wie Irmi ihn nennt. Der Markt sind einfach ein paar Buden neben der Straße, da steht »superbillig« oben drüber und bei der letzten der Buden kauft die Irmi 3 Säcke Zwiebeln, 10 Köpfe Kohl, 1 Sack Möhren, 1 Sack Riesenmöhren und 1 Kiste Lauch. Sie kauft immer bei der letzten der Buden, weil die letzte Bude hat die besten Preise. Irmi hat sich ganz genau die Preise auf einen Zettel geschrieben, das muss dann der Hermann noch einmal nachrechnen und neue Preise daraus machen. Dann bekamen wir jeder noch einen Keks und haben alles in den Bus verladen. Und dann sind wir weiter auf einen anderen Markt gefahren, da wollte die Irmi noch Wurst und Butter kaufen. Dieser Markt war eigentlich nur ein großer Parkplatz und daneben lauter Buden aus Blech, eine geschlossene Wand aus verschiedenfarbigen Blechen und an einer Stelle ein Loch, das war der Eingang. Alles war leer, nur ein Mann stand vor dem Eingang, der uns Parfüm verkaufen wollte, aber die Irmi ging schnurstracks durch die Öffnung in den großen leeren Blechverschlag zu dem einzigen offenen Stand und dort kaufte sie Wurst und Käse und Butter und Hustenbonbons und Schokobonbons und Kaffee. Und dann wollte die Irmi noch Unterhosen kaufen, aber der Stand mit den Unterhosen war geschlossen, wie alle anderen Stände auch, nur der Mann, der vorhin mit den Parfüms gekommen war, wollte uns jetzt Viagra, K.-o.-Spray oder Filzsohlen verkaufen. Dann haben wir alle gepinkelt, auf der anderen Seite vom Parkplatz in dem anderen Blechverschlag, und sind wieder heimgefahren. Das Viagra hätte mich ein bisschen interessiert, aber darauf konnte ich jetzt nicht weiter eingehen. Im Bus habe ich meinen Keks ausgepackt und in dem Kekspapier war ein Marienbildchen. Der kleine Jesus auf dem Bild drückt seinen Kopf ganz nah an den von Maria und mit seiner Hand fasst er auf ihre Wange, so als wolle er sie mehr zu sich hindrehen. Maria aber kann den Kopf nicht zu ihm hindrehen, weil sie sanftmütig schräg nach unten schauen muss. Das Kekspapier lege ich am Abend in das Buch über effektive Mikroorganismen, man weiß ja nie.

KOMPOSTKLO

Wenn man Terra preta selbst machen möchte, braucht man nur Holzkohle, ein Kompostklo, effektive Mikroorganismen und etwas Geduld. Ich habe den Liebhaber überredet, mit mir zusammen ein Kompostklo zu bauen. Das heißt, der Liebhaber hat das Kompostklo gebaut und ich habe mir im Garten die Erde angesehen. Die Erde sah eigentlich ganz gut aus, dunkel und krümelig. Ich habe versucht, an die Milliarden Mikroorganismen, Bakterien, Geißeltierchen, Wurzelfüßer, Pilze, Algen, Fadenwürmer, Springschwänze und andere Kleinstlebewesen auf meiner Hand zu denken, aber es war nicht so leicht. Der Liebhaber hat ab und zu mal rübergeschaut, gelächelt und weiter an dem Kompostklo gezimmert. Dem Liebhaber ist es egal, was wir machen, Hauptsache wir machen es zusammen. Alle anderen, also vor allem der Mann und meine Mutter, halten andere Sachen für wichtiger und wollen mit dem Kompostklo-Projekt nichts zu tun haben. Das hat mich ein bisschen wütend gemacht, weil sie immer noch nicht begreifen, was Terra preta eigentlich ist.

»Was gibt es Wichtigeres auf der Welt, als die Welt zu retten?«, habe ich sie gefragt, und später bin ich mit dem Liebhaber auf den Permakulturhof gegangen und habe mir von Veronika zwei Stunden lang alle Details am Kompostklo erklären lassen.

Am Abend habe ich mich dann demonstrativ mit Laptop ins Bett gelegt und zum Einschlafen ein neues Terra-preta-Video angemacht. Der Mann hat nur meine Hand gestreichelt und mir eine gute Nacht gewünscht. In dem Video wurde gesagt, dass man alle organischen Stoffe horten und diese dann fermentieren und zu Terra preta veredeln soll. Man soll auch all seine Nachbarn nach ihren organischen Stoffen fragen, falls diese ihre organischen Stoffe nicht selbst horten. Von dem Video über Terra preta habe ich dann zu einem anderen Video weitergeklickt über Mikroorganismen. Dabei ist mir erst klar geworden, dass überall Mikroorganismen sind. Unser ganzes Leben hängt von ihnen ab, auch wenn wir sie niemals zu Gesicht bekommen. Auf einmal war ich dann sehr müde und damit ich nicht alles wieder vergessen würde, was ich gerade gehört hatte, und nie wieder daran denke, bestellte ich noch schnell eine Flasche effektiver Mikroorganismen, EM-1.

PFIRSICHBLÜTE

Wenn es noch einmal gefrieren würde in der Nacht, würde es auch in diesem Jahr keine Pfirsiche geben, dachte Emily und hatte große Lust wütend zu werden. Es müssen dringend noch Glasscheiben vor die Südmauern gesetzt werden, um die wertvollen Pflanzen vor der kalten brandenburgischen Luft zu schützen. Felix war im Familienschlösschen geblieben, um seinen Gedanken nachzuhängen, und so ging Emily alleine hinüber in den Schlossgarten.

Die kleinen veredelten Pflänzchen hatte der Gärtner alle zwei Meter an den neu errichteten Feldsteinmauern gepflanzt. Es hatte länger gedauert als gedacht mit diesen Mauern, wie alles hier länger dauerte, als Emily sich das dachte, aber nach anderthalb Jahren waren die Mauern schließlich fertig geworden. Emily konnte kaum abwarten, bis die Pflanzgruben ausgehoben waren, und sie verstand nicht, warum man auch dann wieder warten musste. Irgendetwas sollte noch ganz wichtig sein, das noch nicht gemacht war. Diese Menschen konnten sich auch in keinster Weise verständlich machen. In Newark, in Amerika, hatte sie mit ihren Eltern und in der deutschen Community irgendwie ein anderes Deutsch gesprochen. Es kam ihr so vor, als ob die Menschen hier gar nicht wollten, dass man sie versteht, und jetzt wollte Emily auch nicht mehr.

KOHLE

In dieser Nacht träumte ich von Kohle, also Holzkohle. In meinem Traum wollte ich den Liebhaber überreden, eine Kohlefabrik aufzubauen. Ich war ganz besessen von der Idee, Kohle herzustellen. Ich glaubte, darin läge die Zukunft. Auch im wahren Leben schlage ich dem Liebhaber von Zeit zu Zeit neue Berufe vor, denn so eine Midlife-Crisis kann ja auch nicht ewig dauern. Aber er sagt immer nur, er müsse noch so viel aufräumen. Im Traum wollte er auch nichts von der Sache mit der Kohle wissen. Stattdessen hat er mir von einer Serverfarm erzählt, die er in der alten Scheune hinter seinem Haus in der Kurve unterbringen wollte. Das hat mich total wütend gemacht. Und dann hat alles gebrannt, ein riesiges Feuer. Erst hatte ich Angst, aber dann habe ich bemerkt, dass ich mit dem Mann zusammen Kohle mache. Es gab ein kleines Blechfass, das inmitten des großen Feuers glühte. Und da war die Holzkohle drin. Dann haben der Mann und ich uns an der Hand genommen und waren auf einmal ein ganz normales Paar, das zusammen Feuer macht.

ZELT

Die Pflänzchen von der Fensterbank müssen dringend umsortiert werden. Im Zelt hat die Irmi schon Radieschen ausgesät und draußen Dicke Bohnen. Wenn das Wetter so schön bleibt, will der Hermann morgen mit der Fräse den Acker vorbereiten.

»Ist das nicht zu früh?«, frage ich. Aber für den Hermann ist nie etwas zu früh. Er ist ja auch der Erste im Dorf, der aufsteht, der Erste, der Mittag macht, und deswegen auch der Erste, der die Dicken Bohnen in der Erde hat. Um halb elf gibt es beim Hermann und der Irmi Mittagessen und um halb zwei ist der Mittagsschlaf vorbei.

Die Pflanzen für meine Mutter stehen auch schon abholbereit. 25 Kletterzucchini, 5 Artischocken, Chili und Paprika. Vor allem die vielen Zucchini sind Hermann und Irmi ein Rätsel. Was will jemand mit 25 Zucchinipflanzen? Hermann hat nichts weiter gesagt, als meine Mutter die vielen Zucchinipflanzen bestellt hat, aber eigentlich sagt Hermann immer: Wer zwei Zucchini hat, kann den Nachbarn mit versorgen. Dann kann meine Mutter ja das ganze Dorf versorgen.

BEET

Ich habe jetzt mein eigenes Beet. Das musste so sein, weil überall, wo ich was angefangen habe, und es waren viele Stellen, an denen ich was angefangen habe, ging es nur so lange gut, bis meine Mutter mich fand und gesehen hat, was ich tat. Und als wieder einmal der untrügliche Beweis erbracht war, dass es so nicht ging, also so, wie ich mir das vorstellte, habe ich gesagt, dass ich jetzt mein eigenes Beet brauche, wo alles so ist, wie ich es mir vorstelle, egal, ob es geht oder gut ist oder ganz verkehrt. Und dann hat meine Mutter gesagt, na gut, wenn du meinst, und seitdem habe ich mein eigenes Beet.

Ein Beet ist ein abgegrenztes Stück Boden in einem Garten, der ein abgegrenztes Stück Land ist. Der Gärtner oder die Gärtnerin entscheidet, was in seinem Beet passiert. Wenn er sich für etwas Falsches entscheidet, weil ihm oder ihr der Einblick in die Bedingungen und Regeln der Natur fehlt, kann es sein, dass das, was er sich wünscht, nicht in Erfüllung geht. Trotzdem darf der Gärtner in seinem Beet alles falsch machen, wenn er glaubt, es ist richtig. Aber zuerst muss ich es von den Brombeerranken und Quecken befreien, die den Boden überwuchern.

SCHAFE

Eines Tages dachte ich, dass, wenn wir Schafe haben, gewisse Probleme sich wie von selbst lösen. Wir würden dann nur den Stromzaun immer ein Stückchen weiter stecken und nach und nach würden die Schafe die ganzen Quecken einfach aufessen.

Den schwarzen Bock hatten wir sofort. Jeder, der Schafe hat, hat Böcke, die er gerne loswerden möchte. Wir hätten also viele Böcke haben können, aber wir nahmen nur einen, denn es sollte ja mal eine Schafsfamilie werden, mit Vater, Mutter und Kind. Wir tauften den schwarzen Bock Abraham. Abraham war sehr hübsch und sehr ängstlich. Man merkte deutlich, dass er noch gar nicht wusste, was seine Bestimmung im Leben war. Irgendetwas fehlte ihm. Wir vermuteten, dass es wohl seine Herde sein musste, und wollten ihm deswegen so schnell wie möglich eine Frau besorgen. Mit dieser Frau würde er sich dann seine eigene Herde machen können und alles wäre gut.

Die Frau, die wir fanden, war allerdings schon schwanger. Fast alle Schaffrauen sind im März schwanger. Sie hieß Jaqueline und war weiß. Also nicht weiß, sondern wollfarben, wie Schafe eben sind. Abraham ging es mit Jaqueline gleich viel besser. Es war ihm egal, dass sie das Kind eines anderen in sich trug. Abraham machte ab jetzt einfach alles so, wie Jaqueline es machte, und das Leben erschien ihm und uns schon viel leichter.

EINSEGNUNG

Irgendwann musste Irmi sich entscheiden: Einsegnung oder Jugendweihe. Eigentlich wollte sie ja beides gerne haben, aber der Pastor hat gesagt: entweder oder. Und so hat sie sich für die Jugendweihe entschieden, weil bei der Jugendweihe gab es die besseren Geschenke. Außerdem haben alle aus der Klasse Jugendweihe genommen. Und Kirche keiner, weil mit der Kirche wäre man einfach untendurch gewesen, also damals in der DDR. Dann hätte man niemals mehr im Leben eine Arbeit gefunden. So war das eben, sagt die Irmi. Da hätte einem der liebe Gott auch nicht mehr helfen können.

Von dem Geld, das man bei der Jugendweihe bekam, kauften sich die Jungen ein Kofferradio und die Mädchen ein Fahrrad oder was zum Anziehen. Irmi kaufte sich ein Fahrrad. Und dann sind alle mit ihren neuen Kofferradios auf der Schulter oder ihren Fahrrädern gefahren oder gelaufen und waren glücklich. Aber dann, nach der Jugendweihe, durfte die Irmi nicht mehr in den Religionsunterricht, dabei war sie die Beste im Religionsunterricht gewesen. Das hätte sie jetzt davon, hat der Pastor gesagt. Und dann hat die Irmi sich gedacht, so, wenn ich nicht mehr in den Religionsunterricht kann, dann kann ich auch gleich tanzen gehen, und so kam das dann.

EISHEILIGE

»Die Eisheiligen gibt es wirklich«, sagt der Hermann, und wenn die Eisheiligen vorbei sind, darf alles raus. Auch die Bohnen und die Gurken und die Melonen. Die letzte Heilige der Eisheiligen ist die heilige Sophie oder auch kalte Sophie, obwohl dann einmal der Kalender umgestellt wurde, also nicht das erste Mal umgestellt, sondern das zweite Mal, weswegen die Eisheiligen jetzt erst knapp zwei Wochen nach der kalten Sophie vorbei sind. Aber manchmal gibt es auch einfach keine Eisheiligen, so wie dieses Jahr. Aber das ist dann auch egal, im Nachhinein.

BEET II

Und weil ich noch nicht mal die Hälfte meines Beetes von Unkraut befreit hatte, habe ich den Mann gefragt, ob es nicht vielleicht doch besser unser Beet sein soll und ob er nicht Lust hat, mit mir zusammen unser Beet von Unkraut zu befreien, und dass wir dann alles, was wir wollen, in unser Beet pflanzen können und ob das nicht wunderschön wäre. Mit dem Mann zusammen ging das Entkrauten gleich viel besser. Es wäre natürlich noch viel besser gegangen, wenn ich auch noch den Liebhaber dazugeholt hätte, aber das ging natürlich nicht. Stattdessen stellte sich meine Mutter dazu und lobte uns, wie gut und weit wir das Beet schon von Quecken befreit hätten. Und ich war stolz und vergaß dabei alle Vorsicht und erzählte ihr, was alles mal hinein soll in unser Beet. Wie ein Kind eben erzählt, wenn es gelobt werden will. Aber da schüttelte meine Mutter nur den Kopf. Alles, was ich mir ausgedacht hatte, war ungeeignet für diesen Standort und meine Mutter würde immer weiter mit dem Kopf schütteln, wenn ich mir nicht endlich über die Konsequenzen klar werden würde. Wenn ich eine rankende Pflanze einpflanzen wollte, müsste ich ein Spalier anbringen. Und überhaupt müsste ich erst einmal den Boden durcharbeiten, bevor ich ans Pflanzen denke.

»Aber ich arbeite ihn doch schon durch«, sagte ich, »ich bin sogar schon fast fertig.«

»Du machst nur das Unkraut raus«, sagte sie, »aber dann musst du noch mal drüber und dann musst du überhaupt erstmal wissen, ob der Boden sauer oder sandig oder lehmig ist.«

»Sag es mir doch einfach.«

»Es ist doch dein Beet. Du musst dich damit beschäftigen, du musst jeden Tag hier hingehen und dich damit auseinandersetzen.«

»Aber das mache ich doch gerade!«

»Aber nicht systematisch! Das ist alles nur oberflächlich.«

POTENZIALE

In der Natur geht es immer um Potenziale. Potenziale sind unausgeschöpfte Möglichkeiten. Also Energie, die irgendwo vorhanden ist und darauf wartet, dass jemand kommt, der mit dieser Energie etwas anfangen kann. Erde, Sonne, ein Tümpel, der Kompost oder ein Kadaver. Irgendeinen wird es schon geben, der sich irgendwie dafür interessiert. Der greift dann die Energie, die es dort gibt, auf und macht was draus. Und wenn es mal keinen gibt, dann muss die Natur eben einen erfinden, der eine Idee damit hat, oder einen, der eine noch bessere Idee hat als der davor. Mikroorganismen können jedenfalls mit fast allem etwas anfangen.

HÜHNER