»Der Hass hat uns geeint« - Birgit Rommelspacher - E-Book

»Der Hass hat uns geeint« E-Book

Birgit Rommelspacher

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Beschreibung

Kameradschaft suchen sie, Anerkennung und politische Orientierung. Und sie wollen provozieren, rebellieren gegen Schule und Elternhaus. Sie fühlen sich wohl mit den Kameraden, hassen alle, die anders sind. Doch oft kommt es zu Enttäuschungen, und der meist nicht einfache Weg heraus aus der rechten Szene beginnt.

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Rommelspacher, Birgit

»Der Hass hat uns geeint«

Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2006. Campus Verlag GmbH

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E-Book ISBN: 978-3-593-40240-6

|9|Vorwort

In den letzten Jahren sind rechtsextreme Jugendliche immer wieder Thema der Berichterstattung in den Medien und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Zumeist geht es dabei um die Frage, warum sich Jugendliche rechtsextremen Gruppen und Organisationen zuwenden. Mit der Frage, warum diese Jugendlichen nach einigen Jahren zum Teil wieder aussteigen und wie dieser Ausstieg erfolgt, hat sich bislang kaum jemand beschäftigt. In diesem Buch geht es genau darum – um die Erfahrungen der Aussteiger aus der rechten Szene. Sie zeigen nicht nur, was den Rechtsextremismus für viele so attraktiv macht, sondern auch, was die Bedingungen seines Scheiterns sind beziehungsweise sein können. Die Biografien und Erzählungen von Aussteigern sind eine Chance, das »Innenleben« rechter Gruppen genauer zu betrachten. Es wird dabei deutlich, wie groß die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in diesen Gruppen oft ist und wie schnell die anfängliche Begeisterung in Ernüchterung, Enttäuschung, ja in ein Gefühl des Verrats münden kann.

Um zu verstehen, was diese Enttäuschungen ausmacht, bedarf es der Klärung, warum sich die Einzelnen der rechten Szene anschließen und was sie von ihr erwarten. Dabei zeigt sich, dass beim Einstieg meist mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Gerade bei jungen Menschen, um die es in dieser Untersuchung geht, spielen psychische, soziale und ideologische Motive eng zusammen, befinden sie sich doch in einer Phase, in der sie sich zum einen von ihrer Familie lösen und zum anderen einen eigenständigen Platz in der Gesellschaft suchen müssen. Oft sind es rechte Gruppierungen, die das jugendliche Bedürfnis nach Abenteuer, Selbstbehauptung und Protest aufgreifen. Durch die enge Einbindung in die Gruppenaktivitäten übernehmen die Jugendlichen zunehmend die Ideologie, und ihre zunächst vagen Vorstellungen von der Gesellschaft formen sie zu einem Weltbild, in dem sie sich selbst als Elite imaginieren und als Retter der Nation begreifen. Viele wachsen allmählich in die Szene hinein, |10|während andere sich wiederum eine eigene Ideologie zusammenbasteln und selbst eine neue Gruppe gründen. Wie unterschiedlich auch immer der Zugang zur rechten Szene sein mag, in jedem Fall ist zu fragen, warum es gerade eine rechte Gruppierung ist und nicht ein andere, denn Action und Thrill oder Zugehörigkeit und Orientierung bieten auch andere Jugendkulturen an.

Deshalb wird in den folgenden Kapiteln zunächst näher auf die Frage eingegangen, was unter Rechtsextremismus zu verstehen ist. Tatsächlich ist hier keinesfalls von einer einheitlichen Position auszugehen, ja die Szene ist so vielfältig und zersplittert, dass man sich zuweilen fragt, was diese verschiedenen Gruppierungen überhaupt gemeinsam haben. Die breite Palette unterschiedlicher Positionen und Politikformen ist wiederum Basis zahlreicher Spannungen innerhalb der Szene, die auch die Aussteiger in ihren Erzählungen anschaulich schildern.

Anschließend wird der Bezug des Rechtsextremismus zur »Mitte« der Gesellschaft untersucht, behaupten die Rechtsextremen doch, im Auftrag der Gesellschaft zu handeln und nur das in die Tat umzusetzen, was die meisten Menschen »wirklich« denken. In dem Zusammenhang fragt sich, was »Ausstieg« eigentlich bedeutet und inwiefern mit diesem Begriff nicht ein Gegensatz zwischen der »Mitte« und dem »Rand« der Gesellschaft unterstellt wird, der so gar nicht existiert. Oft erleben die Rechtsextremen Zustimmung oder gar Anerkennung von Seiten ihrer Familien, Freunde und Bekannten – zugleich jedoch auch harsche Zurückweisung, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Das ist Ausdruck eines ambivalenten Verhältnisses der Gesellschaft gegenüber den Rechtsextremen. Einerseits, so wird in Kapitel 4 gezeigt, sind in vielerlei Hinsicht inhaltliche Übereinstimmungen mit dem Rechtsextremismus sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch bei den verschiedenen politischen Strömungen und Parteien zu finden. Auf der anderen Seite wird er jedoch von der »Mitte« entschieden abgelehnt, insbesondere seine gewalttätige Form. In Bezug auf die Inhalte sind die Grenzen fließend und die Bekämpfung des Rechtsextremismus konzentriert sich vor allem auf das Verbot rechter Organisationen oder auf seine Bearbeitung als ein psychologisches und soziales Problem. Dabei wird der Rechtsextremismus auf bestimmte Problemgruppen in der Gesellschaft projiziert und entpolitisiert.

Demgegenüber wird im 5. Kapitel ein Konzept vorgestellt, das den Rechtsextremismus als eine radikalisierte und politisierte Form der in der Gesellschaft abgewehrten Dominanzansprüche versteht. Die Dominanzansprüche |11|müssen abgewehrt werden, weil sich diese Gesellschaft als egalitär und demokratisch versteht. Das steht jedoch im Widerspruch zu den existierenden hierarchischen Strukturen – etwa in Bezug auf ethnische Herkunft, Geschlecht, Leistungsfähigkeit oder sexuelle Orientierung –, die in allen gesellschaftlichen Bereichen reproduziert werden. Der Rechtsextremismus wird als eine politische Ideologie verstanden, die diese Spannung zwischen Dominanzansprüchen und Egalitätskonzepten einseitig in Richtung Hierarchisierung zu »lösen« versucht. Das bedeutet, dass der Rechtsextremismus zwar in der Mitte der Gesellschaft verankert ist, aber auch im Widerspruch zum Selbstverständnis dieser Gesellschaft steht.

Die Erfahrungen der Rechtsextremen zeigen auf vielfältige Weise, welche Spannungen und Konflikte aufgrund ihrer widersprüchlichen Beziehung zur Gesellschaft wie auch aufgrund der zahlreichen internen Widersprüche entstehen. So herrschen etwa bei aller beschworenen Treue und »Kameradschaft« in Wirklichkeit vielfach Konkurrenz, Misstrauen und Gewalt innerhalb der Szene. Differenzen sind hier nicht vorgesehen. Sie müssen also im Kampf gegeneinander beseitigt oder durch unermüdliche Inszenierungen der »Blutsgemeinschaft« abgewehrt werden. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird dabei immer größer. Die Parolen werden unglaubwürdig, die Phrasen hohl und die Gesten leer.

Enttäuschungen und Konflikte führen jedoch keineswegs notwendig zum Ausstieg. Dazu bedarf es spezifischer Konstellationen. Es müssen Erfahrungen gemacht werden, die nicht nur die Widersprüche innerhalb der Szene immer deutlicher zu Tage treten lassen, sondern die nachhaltig zu irritieren vermögen. So etwa wenn die Rechtsextremen Menschen begegnen, die eigentlich ihre »Feinde« sind, die ihnen jedoch mit Interesse und Respekt begegnen; oder wenn die eigene »Überlegenheit« konkret auf den Prüfstand gestellt und gefragt wird, worin sie denn bestehe bzw. wer eigentlich zu den »Übermenschen« gehöre und wer nicht. Die Konfrontation mit den Konsequenzen der eigenen Ideologie – und zwar sowohl auf der persönlichen wie auf der politischen Ebene – lässt manche an ihrem bisher eingeschlagenen Weg zweifeln. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese Konfrontation mit einer persönlichen Krise einhergeht.

Schließlich wird im letzten Kapitel gefragt, welche Möglichkeiten bestehen, den Ausstieg von Rechtsextremen zu unterstützen, etwa von Seiten der Eltern oder von Professionellen, und wie diese Arbeit mit Aussteigern in eine allgemeine Strategie gegen den Rechtsextremismus eingebunden werden kann. In dem Zusammenhang wird genauer auf das |12|Konzept von EXIT und Eltern-EXIT eingegangen, Organisationen, die Betroffene beim Ausstieg unterstützen und Eltern rechtsextremer Jugendlicher beraten. Sie waren Anstoß für diese Untersuchung, denn im Rahmen der Evaluation dieser Projekte kam ich in Kontakt mit Aussteigern und führte Interviews mit ihnen durch. Für die vorliegende Untersuchung habe ich, um die empirische Basis zu erweitern, weitere Interviews mit Aussteigern hinzugezogen sowie vor allem Biografien, in denen sie ihre Geschichte selbst aufgeschrieben haben (vgl. Quellenverzeichnis am Ende des Buches).

Zu den Gesprächen mit den Aussteigern noch eine persönliche Anmerkung: Mich hat dabei sehr irritiert, wie schnell sich von meiner Seite Verständnis, ja Sympathie ihnen gegenüber entwickelten. Diese Form der partiellen Identifikation wird auch von anderen ForscherInnen berichtet (vgl. etwa Prokop 2003). Dabei wurde mir deutlich, wie schwer es ist, die Balance zwischen Verständnis und Kritik, zwischen menschlicher Anerkennung und inhaltlicher Zurückweisung zu finden und sie aufrechtzuerhalten. Genau diese ist jedoch erforderlich – wie die folgende Analyse zeigen wird –, wenn die Rechtsextremen eine Chance haben sollen, aus ihrer Szene auszusteigen.

|13|1. Der Einstieg: Anlässe und Motive

Wenn wir verstehen wollen, warum Rechtsextreme aus ihrer Szene aussteigen, müssen wir wissen, warum sie eingestiegen sind. Allerdings fragt sich zunächst, ob die Motive überhaupt so eindeutig auszumachen sind. Bei manchen erscheint die Wahl der Gruppe fast zufällig, andere hingegen wissen sehr genau, was sie wollen, und suchen sich gezielt eine rechte Gruppe oder gründen gar selbst eine Kameradschaft. Beim einen stehen eher persönliche Bedürfnisse, beim anderen mehr politische Überlegungen im Vordergrund. Oft lassen sich diese Motive jedoch nicht trennen; vielmehr spielen, wie wir sehen werden, bei allen sowohl psychische als auch soziale und politische Faktoren eine Rolle – wenn auch mit je unterschiedlichem Gewicht.

1.1 Aktionismus und Gewalt

Viele wenden sich rechten Cliquen zu, weil diese Aktion und Thrill versprechen. So berichtet etwa Gunda Hernandez, dass sie nur Abenteuer und Freiheit im Kopf hatte – alles was spannend klang, musste ausprobiert werden. (32) Ähnlich sagt Stefan Tscheuschner, dass es ihm hauptsächlich darum ging, Spaß zu haben und sich auszuprobieren. Christine Hewicker erzählt, dass in ihrem Dorf die NPD-Kameradschaft die einzige Gruppe war, die etwas unternahm, weshalb sie sich ihnen anschloss, obwohl sie zunächst deren Ideologie ablehnte. Sie beschreibt sich selbst als abenteuerlustig und begeisterungsfähig. (29) Bei ihr wie bei den anderen scheint es eher zufällig zu sein, dass sie sich der rechten Szene anschließen, denn das Wichtigste ist für alle, dass sie etwas erleben.

Anders ist die Situation dann, wenn die Betreffenden in einem Gewaltmilieu aufwachsen und die rechte Ideologie wichtig wird, weil |14|sie es erlaubt, diese Gewalt zu rechtfertigen – wie das bei dem Schweden Kent Lindahl der Fall ist. Er hat schon von seinem Vater gelernt, dass man nur mit Gewalt durchs Leben kommt, und das hat er auch am eigenen Leib erfahren müssen. Er soll im Folgenden ausführlicher zu Wort kommen, weil an seinem Beispiel der Einstieg in den Rechtsextremismus aus einem gewalttätigen Umfeld heraus besonders gut veranschaulicht werden kann.

Der Vater erklärt Lindahl die Welt folgendermaßen: Die Wirklichkeit ist nun mal kein Boxring … Da gibt es keinen Schiedsrichter und kaum Regeln … sondern da geht es nur darum, zu gewinnen. Und es ist auch kein Schönheitswettbewerb. Also hau aufs Gesicht, auf die Nase. Das tut verdammt weh. Aber man gewinnt. (24) So hat der Vater ihm frühzeitig das Kämpfen beigebracht und zugleich ein sozialdarwinistisches Weltbild vermittelt.

Zunächst war Lindahl ein schwächlicher kleiner Junge – in der Schule immer das potenzielle Opfer: Brillenschlange und Bleichgesicht. Er wurde ständig gehänselt und geschlagen. Besonders die Erlebnisse in einem Jugendlager sind ihm unauslöschlich in Erinnerung geblieben, in dem er von aller Welt verlassen, gedemütigt, den Wölfen ausgeliefert war. (17) Er wurde von den Größeren schikaniert, bedroht, gequält und sexuell missbraucht. Die Jüngeren waren absolut machtlos und Lindahl resümiert: Dieser Besuch im Ferienlager hinterließ in mir tiefe Spuren. Teils, weil keiner von den Erwachsenen sah, was sie hätten sehen und wo sie hätten eingreifen müssen. Teils wegen der Erniedrigung. (18) Er hat seinen Eltern nie erzählt, wie es ihm im Ferienlager ergangen war. Es schien keinen Sinn zu machen und sie fragten auch nie. (19) In seiner Familie herrschen Kälte und Gleichgültigkeit.

Er lernt daraus, dass er von den Erwachsenen keine Unterstützung erwarten kann, dass er also allein zurechtkommen und seine Probleme auf seine Weise lösen muss. Und das heißt: Krieg gegen alle und alles. (20) Er hat nie Mitgefühl erfahren und kann es auch anderen gegenüber nicht empfinden. Für ihn gibt es nur noch den Weg der Gewalt, um zu seinem Recht zu kommen. Bei den Mitschülern erntet er damit nicht nur Respekt, sondern auch Bewunderung.

Von Seiten der Schule gibt es keinerlei Sanktionen. Niemand ruft zu Hause an oder beschwert sich. Schule schwänzen, miserable Noten, die Provokation der Lehrer, nichts führt zu irgendwelchen Reaktionen. Ihm werden also keine Grenzen gesetzt. Er kann sich nicht selbst erfahren, erhält keine Resonanz, er bewirkt nichts bei den Erwachsenen. |15|So lernt er, sich selbst vor allem in der Gewalttätigkeit und im Tabubruch gegenüber den Gleichaltrigen zu beweisen. Entweder gehört man zu den harten Jungs oder aber man ist gut in der Schule, denn der Einsatz im Kampf schließt, wie er sagt, eine Konzentration auf Schulleistungen aus. Somit ist der weitere Weg, Schulabbruch und später Abbruch der Lehre, vorgezeichnet.

Die Gewalt ist nun nicht mehr allein für das Überleben notwendig, sondern wird für ihn zunehmend zu einer Lebensform, die er genießt,… die Süße des Sieges. Es fühlt sich gut an. (42) Als er einmal auf einem Bahnhof einen Musiker zusammenschlägt, ist das für ihn ein ganz besonderes Erlebnis: … Was ich in dem Augenblick empfand: ein absolutes Glück, Euphorie, Machtrausch, Siegestaumel, als ob man plötzlich lebte, als ob man unverwundbar und unschlagbar wäre. (73) Er rasiert sich die Haare ganz ab und wird zum Skinhead: Das war, als ob ich innerlich wachsen würde. Im Laufe der Jahre bin ich bestimmt drei Meter groß geworden, ich wuchs jedes Mal, wenn ich mich prügelte und gewann, einige Zentimeter. (74) Die Gewalt, die ursprünglich zur Selbstverteidigung notwendig war, wird nun zur vornehmlichen Quelle seiner Selbstbestätigung. Dabei wird die abschließende Demütigung bei Prügeleien für ihn furchtbar wichtig. Das war die endgültige Markierung, die Verachtung des Schwachen. (76) Er steht nun auf der anderen Seite und kann sich am anderen stellvertretend für seine früher erlittenen Demütigungen rächen.

Der Weg in die Gewalt ist für Lindahl jedoch nicht nur von seinen persönlichen Gewalterfahrungen bestimmt, sondern wird frühzeitig ideologisch vorbereitet, da er von klein auf, wie er sagt, von der Theorie des Übermenschen fasziniert ist. Schon als Kind spielt er gerne mit Zinnsoldaten, Uniformen und Waffen und begeistert sich für die Militärgeschichte. Vor allem beeindruckt ihn die deutsche Wehrmacht mit ihren Schrecken einflößenden Uniformen, auf denen Totenköpfe und andere merkwürdige Symbole prangten. Die Passion für alles Deutsche erstreckte sich von den Uniformen über das Waffensystem und die Kampftaktik bis hin zu den berühmten Schlachten, der militärischen Disziplin und dem Drill. (27) Und weiter: Hitler und Napoleon faszinierten mich vor allen anderen. Beide waren sie von dem Traum erfüllt, die Welt zu erobern. … Ihm und seinen Truppen haftete etwas Pompöses, Großartiges an. (48) Immer wieder ist es die Idee von der Elite, vom Übermenschen, die ihn fasziniert. Lindahl identifiziert sich mit dem christlichen Ritter, der gegen »die Ungläubigen« kämpft, ebenso wie mit dem Nazi, der mit den »niederen Rassen« aufräumt.

|16|Entscheidend ist für Lindahl schließlich auch die Zeit in der Armee, also die Erfahrung, selbst Soldat zu sein. Hier genießt er Disziplin, Zucht und Ordnung. Er gewinnt Selbstvertrauen, indem er andere schikanieren kann. In dieser Zeit beginnt er Nietzsche zu lesen und über dessen Thesen vom Übermenschen nachzudenken. In der Uniform fühlt er sich wichtig, und er begeistert sich für Werte wie Männlichkeit, Mut und Kühnheit. Er sammelt während der Zeit beim Militär auch Bücher über die Waffen-SS, die bald zur Grundlage seiner nazistischen Überzeugung werden.

Mitte der achtziger Jahre werben die nationalsozialistischen Parteien Schwedens verstärkt um Skinheads. Daraufhin schließt Lindahl sich der »Schweden-Partei« an. Zudem findet er bei seinen Arbeitsstellen bei der Post oder später bei einem privaten Wachdienst Unterstützung für seine rassistischen Ideen. So schlägt er mit seinen Kollegen immer wieder Afrikaner zusammen, einfach weil sie Afrikaner sind.

Lindahls Entwicklung zum Rechtsextremismus ist ein eindrückliches Beispiel für den Prozess der Ideologisierung von Gewalt. Die Gewalt bekommt über ihre anfängliche Rolle in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit den anderen, über das Motiv der Selbstverteidigung und auch der Selbstbestätigung hinaus, zunehmend ideologische Bedeutung. Begründet wird diese Gewalt mit einer sozialdarwinistischen Theorie, die unterstellt, dass ohnehin ständig jeder gegen jeden kämpft, und sie wird weiter dadurch ideologisch überhöht, dass in diesem Kampf sich die »Übermenschen« gegenüber den Schwachen beweisen müssen. Schließlich wird sie zu einem gesellschaftlichen Auftrag erklärt, demzufolge mutige Männer für Frauen und Kinder die Gesellschaft von ihren Widersachern »reinigen« müssen – gibt es doch in der Geschichte genügend Vorbilder, die diesen Weg vorgezeichnet haben.

1.2 Gemeinschaft und soziale Anerkennung

Für Peter Olsen beginnt der Weg in den Rechtsextremismus damit, dass er sich nach dem Umzug in einer neuen Stadt zunächst schwer zurechtfindet. Er hat keine Freunde und fühlt sich in der Schule |17|unwohl. So schließt er sich in der Klasse einem anderen Jungen an, der ebenfalls als Außenseiter gilt. Beide stoßen dann gemeinsam auf eine Gruppe von Rechten, die, wie er sagt, dort zum normalen Alltagsbild gehörten. Und ich fand das ganz interessant, diese Gruppierung … da ich auch schon ein bisschen Defizite da hatte …, daß man keine Bekanntschaften und keine weiteren sozialen Kontakte außerhalb des Elternhauses hatte. Mir wurde das Bild vermittelt, das mir sehr gut gefallen hat, also dieses Bild von einer zusammenhängenden Gruppe, die nach außen Stärke demonstriert, die Freundschaft, Zusammenhalt zeigt und ähnliches. Das fand ich nicht schlecht … Es war einfacher … die Suche nach Sozialkontakten und nach Freizeitgestaltung. (1)

Einen etwas anderen Akzent setzt Bert Altmann, um sein Motiv für den Beitritt zu einer rechten Gruppe zu schildern. Ich habe da den Eindruck gehabt, dass ich dann irgendwo zu einer bekannten Gruppe gehöre, praktisch Mitglied bin in einem riesengroßen Club. Wie in einer großen Menschenvereinigung.… Und von daher war das nicht nur dazugehören, sondern auch irgendwie was lernen … irgendjemand sein. (1) Es geht ihm also nicht allein um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als solcher, sondern um eine Gruppe, die den engen Rahmen seines unmittelbaren sozialen Milieus überschreitet, einer Gruppe, die ihm Anerkennung gewährt und in der er etwas lernt – vermutlich etwas anderes als das, was die Schule ihm anbietet.

Plötzlich gab es Leute, die Interesse an mir zeigten und mir vermittelten, dass ich zu ihnen passen würde, beschreibt Jörg Fischer die Attraktivität der NPD-Gruppe. (13) Er war begeistert, dass sich für ihn, den 13-Jährigen, sogar erwachsene Männer interessierten. Über einen Sachbearbeiter beim Versorgungsamt, bei dem er seinen Schwerbehindertenausweis beantragt, wird er für die Szene der Jungen Nationaldemokraten (JN) angeworben. Er findet Aufnahme in einer Gruppe, in der auf »Kameradschaftsabenden« nicht nur erzählt und getrunken wird, sondern auch Aktionen für die örtliche NPD geplant werden. Hier ist die Zugehörigkeit zur Gruppe direkt mit gezielten politischen Aktivitäten verknüpft.

Fischer kommt aus einer Familie mit sozialdemokratischem und kommunistischem Hintergrund. Dementsprechend ist seine Mutter entsetzt, als er ihr eröffnet, dass er sich der NPD anschließen möchte. Dass er die Bedenken seiner Mutter und auch seine eigenen ersten Vorbehalte rasch über Bord wirft, könnte mehrere Gründe haben: Jörg Fischer hat seinen Vater, der schon in frühen Jahren die Familie verlassen hat, als sehr gewalttätig erlebt. Nun wendet sich ihm ein älterer |18|Mann zu und wirbt aktiv um sein Vertrauen. Er fühlt sich geschmeichelt und anerkannt. Später, bei seinem Ausstieg, wird ihm gerade der Abschied von seinem – wie er ihn nennt – politischen Ziehvater durchaus schwer fallen.

Ein weiteres Moment ist, dass er als ein Kind, das früh durch Diabetes schwer beeinträchtigt ist, keinen Sport treiben darf und von seiner Mutter fürsorglich und ängstlich von der jugendlichen Szene fern gehalten wird, so dass er sich selbst als Außenseiter fühlt. Nun findet er Aufnahme in einer Gemeinschaft und, wie er mit großem Erstaunen feststellt, auch Anerkennung bei seinen Klassenkameraden. Er wird in seiner Klasse zum Agitator für die NPD. Ich war aus der Masse herausgetreten, etwas Besonderes. Ich war plötzlich wer, denn ich machte etwas, was andere nicht machten. Meine Aktivitäten sprachen sich schnell in der Klasse herum. Ich wurde darauf angesprochen und erzählte vom Infostand, von den Stammtischen und meinen neuen Freunden. (18f.)

Schließlich werden seine ideologischen Vorbehalte dadurch beschwichtigt, dass die NPD sich zunächst nicht als nationalistische und revisionistische Partei zu erkennen gibt. In ihren Broschüren ist viel zu lesen über Umweltschutz, Atomenergie und Ausbildung, aber nichts über Hitler oder das Dritte Reich. Die NPD betont immer wieder, dass sie eine demokratische Partei sei und mit Neonazis nichts zu tun habe. Dazu kommt, dass während der wöchentlichen Stammtische nicht so sehr die Politik im Mittelpunkt steht, sondern die »Kameradschaft«, ein Begriff, der ihm zunächst wenig sagt und unter dem er sich eigentlich nichts Konkretes vorstellen kann. (12) Erfahrbar wird Kameradschaft für ihn bei Ereignissen wie Sonnenwendfeiern und Zeltlagern, die ihm sehr zusagen.

Als in der Fußgängerzone in Nürnberg ein Infostand errichtet wird und er Flugblätter für die NPD verteilen soll, zögert er zunächst. Schließlich erklärt er sich bereit mitzumachen und fühlt sich zunehmend wohler, als er merkt, dass er damit bei der Bevölkerung vielfach Zustimmung findet. Die Passanten nehmen das Flugblatt ab. Nur eine junge Frau beschimpft ihn als Nazi. Aber das führt bei ihm lediglich zu einer Trotzreaktion, und er fühlt sich erst recht der Gruppe zugehörig.

Nun fängt er an, die programmatischen Schriften der NPD genauer zu lesen und sich mit ihren Aussagen zu beschäftigen. Das tut er mit großem Engagement: Wie ein trockener Schwamm sog ich auf, was ich las und |19|was Rust mir sagte. (20) Der Identifikationsprozess mit der Gruppe und die Verdrängung von Widerständen werden ihm dadurch erleichtert, dass ihm ständig erklärt wird, mögliche Vorbehalte kämen daher, dass die Medien, die Regierung und die Linken Lügen über die NPD verbreiten würden, um sie als unliebsame Konkurrenz auszuschalten. Die NPD sei das Opfer eines Komplotts. (21) In dieser Phase greifen also bereits Selbstimmunisierungsstrategien, bei denen jede Kritik an der eigenen Position in eine Bestätigung uminterpretiert wird.

Kurz nach seinem 14. Geburtstag wird Fischer Mitglied der Jungen Nationaldemokraten. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, echte Freunde gefunden zu haben. (30) Seine Freizeit, seine ersten Diskobesuche, alles wurde nun von den neuen Freunden, vom neuen Umfeld bestimmt. Immer gab es etwas zu organisieren, Kameradschaftsabende, Infostände, Höhlenfeste und schließlich, für das junge Mitglied ein Höhepunkt, das Deutschlandtreffen zum 17. Juni, im Jargon der NPD des »mitteldeutschen Volksaufstandes«. Es gibt zahlreiche Aufmärsche, mehr als 1000 Parteianhänger versammeln sich im Veranstaltungssaal. Ehemalige SS-Angehörige halten große Reden; abschließend werden alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen. Obgleich er damit immer noch Schwierigkeiten hat, ist Fischer beeindruckt von der Größe der Veranstaltung, dem disziplinierten Auftreten der Fahnenträger, der Fanfarengruppe, dem Gemeinschaftserlebnis. Ich nahm am Treffen einer mächtigen, verschworenen Gemeinschaft teil, einer Elite, die umgeben war von Feinden. Die Selbstinszenierung der Partei, ihr Hang zur mythischen Überhöhung ergriff mich ganz und gar. (33)

Fast jeden Tag ist er nun mehrere Stunden mit seinen »Kameraden« unterwegs. Es werden nachts Plakate für die NPD geklebt, Parolen an Fassaden gesprüht. Solche klandestinen Aktionen und das ständige Zusammensein bildeten einen starken Zusammenhalt. … Die Abschottung nach außen und der Stellenwert dieses sozialen Umfeldes – verstärkt durch die fast schon mystische Überhöhung von Begriffen wie ›Treue‹, ›Kameradschaft‹, ›Hingabe‹ – bewirkten bei mir und den andern eine gewisse psychische Abhängigkeit von der Szene: Es war wie in einer Sekte. (37)

Nun ist er in der rechten Bewegung angekommen. Er wird ernst genommen, ist wichtig und wird gebraucht. Er ist nun Teil eines »Großen Ganzen« und gehört zur Elite, zur Gemeinschaft der »Wissenden« und »Kämpfenden«, wird ihm doch der Auftrag dazu von den älteren Männern übertragen. Er lernt dabei die Geschichte aus dem |20|Blickwinkel ehemaliger SS-Angehöriger zu sehen und die Welt in »innen« und »außen«, in Freund und Feind aufzuteilen. Er lernt auch, dass Politik bereits bei der Wahl von Begriffen beginnt – etwa mit der Bezeichnung des 17. Juni als »mitteldeutscher Volksaufstand«, und dass es um solche Begriffe in der Öffentlichkeit zu kämpfen gilt. Fischer ist also zum Rechtsextremen geworden, ganz der Sache verpflichtet und innerlich überzeugt. Ausschlaggebend waren dabei auch die Reaktionen seiner Umwelt, der Schulkameraden ebenso wie der Öffentlichkeit. Zuvor in der Klasse ein Außenseiter, wird er jetzt teilweise sogar bewundert – zumindest jedoch anerkannt.

Bei Fischer wie bei vielen anderen Jugendlichen, die sich rechten Gruppen zuwenden, stehen also zunächst das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und die Sehnsucht nach Kameradschaft und Geborgenheit im Vordergrund. Lindahl etwa schreibt: Wir bildeten eine Art Gemeinschaft, wenn auch eine asoziale. Aber irgendeine Gemeinschaft war besser als keine. (39) Auch sind die rechten Gruppen nach Lindahl oft die ersten, die einen mit offenen Armen empfangen. Sie sind für alle da: … für dicke wie dünne, große wie kleine, Jugendliche ohne irgendwelche besonderen Talente. (262) Man braucht nur zur »White Power« zu gehören. Es bedarf also keiner besonderen Leistung, um Mitglied zu werden. Die Konkurrenz untereinander und der Leistungswettbewerb scheinen in der Gruppe aufgehoben zu sein. Nicht der Einzelne zählt, sondern die Gemeinschaft. Hier kann man mit den anderen verschmelzen und in der Gruppe untertauchen. Oft wird dafür die Metapher der Familie gebraucht: Man lebt wie in einer Familie zusammen oder wie in einer Sekte. Austritte sind nicht vorgesehen. Endet die Kameradschaft, so endet alles.

Das mag auch einer der Gründe sein, warum Jungen viel stärker von diesen Cliquen und Kameradschaften angezogen sind als Mädchen, denn auf den Jungen lastet der Druck, sich persönlich beweisen zu müssen, oft stärker und unerbittlicher. Zu einer »Kameradschaft«– oder allgemeiner einer »Volksgemeinschaft« – gehört man allein aufgrund seiner Herkunft. Zur »White Power« gehört man allein aufgrund seiner Hautfarbe. Man wird ermächtigt ohne eigenes Zutun. Das ist verführerisch, gerade in einer Altersphase, in der der Prozess der Individuation ansteht und der Einzelne sich zur individuellen Persönlichkeit heranbilden muss. Er/sie muss seine/ihre spezifischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, sich einen eigenen Standpunkt erarbeiten und eine eigenständige Lebensperspektive entwickeln.

|21|Die neue Gemeinschaft versichert sich durch Rituale, durch gemeinsame Musik, durch Uniformen und Codes immer wieder ihrer selbst. Viele beschreiben es als einen Rausch, eine kollektive Ekstase, wie bei einer Massenpsychose. (Lindahl: 119) Man verschreibt sich der Gruppe völlig. So delegiert man an sie die eigenen Individuationsansprüche, indem man die eigenen Zielvorstellungen, Überzeugungen und Moralvorstellungen durch die der Gruppe ersetzt. Man erarbeitet sich nicht selbst einen eigenen Standpunkt und entwickelt in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sichtweisen eine eigene Perspektive, sondern übernimmt die der Gruppe, und das nicht aus Überzeugung, sondern qua Identifikation. Psychoanalytisch gesprochen geht es um eine Regression in die Symbiose, bei der das Überich wie auch das Ich auf die Gruppe übertragen werden. Im Gegenzug darf man an der »Größe« der Gruppe teilhaben, sich durch die Übernahme ihrer Größenfantasien selbst aufwerten.

Außerdem geht es in dieser Zeit darum, sich von der eigenen Familie zu lösen – und was wäre nahe liegender, als diese Ablösung unter Zuhilfenahme einer neuen »Familie« zu bewerkstelligen. Unter ihrem Schutz und mit ihrer Autorität ausgestattet, lässt es sich leichter gegen die bisherigen Autoritäten angehen – eine Funktion, die im Übrigen auch allen anderen Jugendkulturen zukommt.

Dabei hat diese Gemeinschaft spezifisch männliche Züge. Die jungen Männer werden wie im Fall Fischers durch die Älteren in die geschlossene Gesellschaft der Männerbünde eingeführt oder aber sie bilden in der Gleichaltrigengruppe eine »Kameradschaft«, quasi eine »Brüderhorde«, die sich ewige Treue schwört. Diese schotten sich ab gegen Frauen und gegen alles, was mit Weiblichkeit in Zusammenhang gebracht werden könnte. Hier sind Härte und Mut gefragt, »Schwächen« wie Empfindsamkeit, Zögerlichkeit und Angst haben hier keinen Platz. Das Gruppenerlebnis wird durch den gemeinsamen Tabubruch intensiviert. Die Jugendlichen bilden eine »verschworene« Gemeinschaft und suchen dabei zugleich die Anerkennung derer, die draußen stehen. Die Paradoxie dieser Art von Anerkennung liegt darin, dass die Rechtsextremen sich zwar immer wieder die Anerkennung der anderen abtrotzen können, aber sie imponieren ihnen vor allem als Außenseiter. Insofern ist die Reaktion der Umwelt in der Regel ambivalent: Angst mischt sich mit Anerkennung, Ablehnung mit (heimlicher) Bewunderung. Darin drückt sich die ebenfalls vielfach |22|ambivalente Position der Bevölkerung zum Rechtsextremismus aus: Viele stimmen mit einer großen Zahl rechter Ansichten und Forderungen überein, möchten diese jedoch nicht so eindeutig, so radikal oder gar gewalttätig geäußert wissen (wir kommen in Kap. 4 ausführlich darauf zurück). Diese Ambivalenz empfinden auch die Rechten so. Sie fühlen sich als Elite, als politische Vorhut, die offen und kompromisslos das ausspricht, was die anderen nur ansatzweise zu artikulieren wagen.

Damit ist zum Teil schon die Frage beantwortet, was diese Gemeinschaft von anderen unterscheidet. Denn wenn es den Jugendlichen in erster Linie um Anerkennung und Geborgenheit geht, warum suchen sie nicht Anschluss an eine der anderen Jugendkulturen, die ebenfalls oft verschworene Gemeinschaften bilden? Die rechten Gruppen thematisieren etwas, mit dem die Jugendlichen Aufmerksamkeit erregen können und selbst in der Ablehnung eine neue Wichtigkeit erfahren. In den rechten Gruppen selbst werden ihre Größenfantasien unmittelbar angeheizt in Form von Inszenierungen, die das eigene Elitebewusstsein und »Übermenschentum« zelebrieren. Und diese Größenideen werden durch den ständig beschworenen Bezug zu einer Geschichte gestützt, in der diese Fantasien in vielerlei Hinsicht Wirklichkeit geworden sind.

Jugendliche finden also in diesen Gruppen Anerkennung, Zugehörigkeit und Orientierung, allerdings auf eine für den Rechtsextremismus spezifische Weise. Die Anerkennung gewinnt der Einzelne durch das Aufgehen in der Gruppe. Er wird groß und bedeutend, weil die Gruppe sich selbst als großartig imaginiert. Diese Anerkennung ist voraussetzungslos. Es bedarf keiner Vorleistung oder besonderer Qualifikationen. Die »richtige« Herkunft und Hautfarbe genügen, um Teil der »Elite« zu werden. Und die Anerkennung umfasst die ganze Person. Die jungen Rechten verschreiben sich, wie einige von ihnen schildern, ihrer Gruppe ganz und gar. Die Gruppe bietet ihnen Sinn und Perspektive.

Der Gewinn liegt also nicht nur in der Zugehörigkeit als solcher, im Erleben von Gemeinschaft und Verbundenheit, sondern auch in der Entlastung von den Mühen der eigenen Individuation. Der Preis dafür ist jedoch die Unterwerfung unter die Gruppe. Die so leicht gewonnene Anerkennung ist zudem nur eine »geliehene«, denn sie gilt primär der Gruppe und nicht dem Einzelnen. So bleibt das Selbstbewusstsein |23|instabil, denn es kann sich nicht wirklich auf Erfahrungen mit dem eigenen Selbst stützen. Dies gilt für einen Teil der jugendlichen Rechtsextremen. Andere wiederum suchen nicht so sehr sozialen Halt und Anerkennung in der rechten Szene, sondern wenden sich durchaus selbstbewusst dem Rechtsextremismus zu, um gegen die bestehenden Verhältnisse zu protestieren, sei es in der Familie, der Schule oder der Gesellschaft.

1.3 Protest und Politik

Rechte Symbole und rechte Sprüche sind besonders geeignet, das Umfeld zu provozieren. Dabei ist dieser Protest anfangs meist diffus und unartikuliert. Die Jugendlichen wollen sich selbst im Protest erproben und Grenzen austesten. So schreibt etwa Stefan Tscheuschner: Ich hatte es satt, immer mit den ›Normalen‹ zu rennen … Meine Lehrer habe ich gerne geärgert, nicht weil es meine feste Überzeugung gewesen ist, nein, einfach um des Widerstands willen. (44) Der Protest muss also keineswegs von Anfang an grundsätzlicher Natur sein. Aus einem »normalen« Pubertätskonflikt heraus oder gar aus reinem Spaß an der Provokation kann sich der Konflikt mit dem Umfeld allerdings derart hochschaukeln, dass sich die Jugendlichen im Laufe dieses Prozesses immer mehr mit Ideologie und Lebensweisen der Rechten identifizieren. Dafür ist die Biografie von Nick Greger ein gutes Beispiel:

Greger schildert seine Familienverhältnisse als intakt. Er habe immer eine gute Beziehung zu seinen Eltern gehabt. Seine Eltern kümmerten sich intensiv um ihn als Einzelkind. Alles habe sich um ihn gedreht. Der Kontakt zur rechten Clique ergibt sich für ihn über einen älteren Jungen aus der Nachbarschaft. Und da hat man sich getroffen am Wochenende, hat ein bißchen Feuer gemacht. Da wurde die damalige Musik gehört – es gab nicht viel, ein paar Nazi-Bands: ›Störkraft‹, ›Endstufe‹ oder die ›Böhsen Onkelz‹ … Und da ist man das erste Mal mit dieser Musik in Berührung gekommen, die schon außergewöhnlich war. Die Texte waren provokativ, die waren aggressiv, kämpferisch, also genau das, was man so ein bißchen ausdrücken wollte. Politisch habe ich mich eigentlich zu dem Zeitpunkt noch weniger auseinandergesetzt. Es war halt, daß man sein Reichskriegsflaggen-T-Shirt getragen hat, provoziert hat mit ein paar Aufnähern, die Musik – das war der Background zu der ganzen Geschichte. (b1)

|24|Die Gruppengründung geht auf die neonazistischen Aufmärsche im Zusammenhang mit der Beerdigung von Rudolf Hess in Wunsiedel zurück, von wo Greger stammt. Als der Vater das erste Mal Skinhead-Musik bei seinem Sohn entdeckt, nimmt er sie ihm weg und vernichtet sie. Also das hat mich überhaupt gar nicht beeindruckt, diese Sanktionen, ganz im Gegenteil, ich hab dann noch mehr angeschraubt. Auch die Versuche des Vaters, mit seinem Sohn zu reden, schlagen fehl. Aber da habe ich mich dann schon so reingesteigert gehabt, eben dadurch, daß er die Kassetten kaputtgemacht und weggeworfen hat, und da hat dann das Reden auch nichts mehr gebracht. Ich sag also, da bleibe ich jetzt dabei und innerlich war das sogar noch ein Sieg, weil der Vater am Ende, wo ich noch so jung war, schon kapituliert hat. Er hat gar nicht mehr versucht, Sanktionen zu erlassen, sondern er hat gesagt, Junge hör doch mal zu – warum machst denn so was? Und da habe ich da schon meinen ersten Triumph praktisch gefeiert. (4f.)

Die harsche Reaktion des Vaters scheint für Greger aus heiterem Himmel zu kommen. Die Frage ist allerdings, ob dieser nicht früher schon entsprechende Anzeichen bei seinem Sohn wahrgenommen oder sie nicht beachtet hat und erst in dem Augenblick, als es ihm »zuviel« wird, besonders heftig reagiert. Eine solche Interpretation legen die Berichte vieler Eltern nahe (vgl. Kap. 8), die zunächst auf Anzeichen rechter Sympathien ihrer Kinder nicht eingehen. Sie glauben (und hoffen), dass dies nur eine vorübergehende Erscheinung sei, die sich mit der Zeit von selbst erledigen würde. Erst wenn sie sich eingestehen müssen, dass sich hier etwas zu verfestigen scheint, und vor allem, wenn sie Angst bekommen, dass ihr Kind sozial auffällig wird oder gar Straftaten begehen könnte, werden sie aktiv. Dann reagieren sie meist sehr heftig und auf eine aus Sicht des Kindes unberechenbare und überzogene Art und Weise. Diese Situation führt dann wie bei Greger in die weitere Eskalation und zur Verhärtung der Frontlinien.

Dabei scheinen die Schulen ähnlich wie die Eltern zu reagieren: Sie »übersehen« lange Zeit die einschlägigen Aktivitäten und reagieren dann »plötzlich« mit Sanktionen. Das jedenfalls zeigt das Beispiel von Greger, denn an eine inhaltliche Auseinandersetzung in der Schule kann er sich nicht erinnern, nur an die Verbote.

Und natürlich gab’s dann auch einmal Sanktionen von Seiten der Schule. Also daß man zum Beispiel die Stiefel nicht in der Schule anziehen darf, und das habe ich mir natürlich nicht sagen lassen, weil ich hab ja nicht umsonst rebelliert ein bisschen und – ja, so fing der Kreislauf an. Also man hat erstens Druck vom Elternhaus gekriegt und |25|auch Druck von der Schule, und – ja, man versucht, dann wieder Gegendruck zu erzeugen. Und dann fängt’s schon an, sich zu drehen. (2)

Die Reaktionen von Eltern und Schule führen zu einer Verfestigung der jeweiligen Positionen. Ein Ausweg scheint nicht mehr möglich. Greger geht nun den einmal eingeschlagenen Weg weiter, und so wird sein jugendliches Protestverhalten immer mehr zu einer politischen Aktionsstrategie. Das nimmt ihn als Person so sehr gefangen, dass er trotz der Auflösung der Gruppe diesen Weg allein weitergeht und sein ganzes Leben davon bestimmen lässt. Und ich hab nun einen Haufen Scheiß schon gebaut in dieser Zeit und stand dann plötzlich allein da und dachte mir, ja was machst du denn jetz? Ich war aber auch zu stolz, jetzt auch einfach aufzuhören. Ich hab gesagt, also wenn sie jetzt alle aufhören, mich brecht ihr nicht. So ein Denken hatte ich damals dann schon. Das ging sehr schnell … Und ich hab halt viel in der Presse mitgekriegt, Dresden war jetzt geheime ›Hauptstadt der Neonazis‹ und Leipzig, eine ›Stadt unter braunem Terror‹, das waren die Schlagzeilen. Und da habe ich mir gedacht, also jetze hau ich ganz einfach ab, laß den ganzen Ärger, wo ich mir jetzt schon aufgehalst hab, bei uns in Bayern, den laß ich hinter mir und flüchte mich praktisch nach Dresden zur geheimen Hauptstadt der Neonazis. (7) In Dresden erfüllen sich all seine Träume: Man hat sich wahnsinnig toll gefühlt und keiner hat sich auf der Straße umgedreht und hat gesagt, ach guckt euch mal den an! oder so, das gehörte einfach zum Stadtbild, diese Leute und diese Szene. (11) Greger hat also ein soziales Umfeld gefunden, in dem er sich »zu Hause« fühlt.

Weniger aus einem gezielten und bewussten Protest, sondern mehr aus einer pubertären Aufmüpfigkeit heraus findet Greger Anschluss an die Gruppe. Er ist ein eher verwöhnter junger Bursche und will sich mit den Eltern und den Autoritäten in der Schule messen. Durch die heftigen Reaktionen des Vaters und die Verbote in der Schule wird sein Oppositionsgeist nur noch mehr angestachelt. Er genießt seinen »Sieg« über den Vater und über die anderen Autoritäten. Durch die Mitgliedschaft in der rechten Gruppe und die immer weiter zunehmenden Straftaten gerät er mehr und mehr ins soziale Abseits. Nun will er diesen Weg konsequent weitergehen und findet auch das entsprechende Milieu.

Sehr viel gezielter und deutlich politischer ist der Protest, der Ingo Hasselbach in die rechte Szene treibt. Aufgewachsen in Ostberlin, kommt er frühzeitig in Kontakt mit oppositionellen Gruppen und wehrt sich von klein auf gegen die Lebensformen in der DDR, gegen |26|den Staat und gegen seine Eltern, insbesondere seinen Vater. Der Protest gegen den Staat ist bei Hasselbach untrennbar verbunden mit dem gegen die Familie.

Zunächst beginnt es mit einfachen Vergehen: kleinen Diebstählen, Schuleschwänzen und Trinken. Hasselbach wird schon als kleiner Junge von Hippies im Prenzlauer Berg in Ostberlin aufgenommen und erlebt dort eine lustvolle, alternative Lebensweise, die vor allem dem normalen »sozialistischen Alltag« seiner Eltern widerspricht. Allmählich wird ihm dieser Protest jedoch zu brav, und er landet bei den Punks, von denen gezielte Provokationen ausgehen. Schon allein ihr Aussehen mit grüner Hose und Irokesenschnitt schockiert die Anwohner in der Neubausiedlung in Berlin-Lichtenberg. Das abweichende Verhalten verfestigt sich, indem er immer häufiger stiehlt, Alkohol trinkt und Benzin und andere Substanzen schnüffelt. Sein Leben spielt sich immer mehr auf der Straße ab.

Die Eltern, beide Journalisten, nehmen davon keine Kenntnis. Als er zum ersten Mal verurteilt wird, reagieren sie jedoch schockiert. Dennoch machen sie keinen Versuch, sich um ihn zu kümmern. Eltern und Sohn scheinen in verschiedenen Welten zu leben. Vor die Wahl gestellt, ins Gefängnis zu gehen oder zu seinem Vater, entscheidet er sich für seinen Vater. Bisher hatte er bei seiner Mutter gewohnt. Der Vater ist nun entschlossen, ihn völlig »umzuerziehen«, und fordert ihn auf, den DDR-Rundfunk und das DDR-Fernsehen zur Kenntnis zu nehmen. Das aber empfindet der junge Hasselbach als »Agitationsschrott«. Die Versuche, ihn ideologisch zu beeinflussen, schlagen fehl, insbesondere, weil er sich dabei nie als Mensch und Sohn ernst genommen fühlt: Ich kann mich nicht daran erinnern, daß wir uns mal über andere Dinge als Politik unterhalten hätten. (20) Diese Aussage ist insofern wichtig, als er später seinen Ausstieg unter anderem damit begründet, dass er einen Menschen getroffen hat, der ihn akzeptiert und respektiert jenseits seiner politischen Einstellungen.

Mit dem Ruf »Die Mauer muss weg« wird er bereits mit 13 zu einem »potenziellen Störer des sozialistischen Systems«. Später wird er verhaftet und gerät in die berüchtigte Haftanstalt Rummelsburg. Als »politischer Gefangener« wird er unverzüglich in Einzelhaft genommen. Das belastet ihn ungemein, er weiß mit der Situation nicht umzugehen und ist dem Wahnsinn nahe. Er kann nur dadurch überleben, dass er alle Gefühle in sich abtötet und der Umwelt mit |27|absoluter Gleichgültigkeit entgegentritt. Diese Gefühllosigkeit ist für ihn ein schrecklicher Zustand, gegen den er sogar noch Jahre nach dem Ausstieg ankämpfen muss.

Die Zeit im Gefängnis war für ihn, wie er sagt, die beste Vorbereitung für den Rechtsextremismus, denn hier herrschte der blanke Sozialdarwinismus: Anderen Gefangenen gegenüber durfte man keinerlei Gefühle zeigen und nicht die geringsten Schwächen sichtbar werden lassen; niemandem konnte man trauen. Die Älteren missbrauchten ihre jüngeren Mithäftlinge auf verschiedene Weise, oft auch sexuell: Ich glaube, daß diese Eigenschaften, im Knast angeeignet, für das spätere Leben in der Neonaziszene geradezu ideal sind. Für viele junge Menschen ist der Knast nicht nur ein fruchtbarer Boden für die Aufnahme des Gedankenguts der Nazis, das ihnen durch ältere Mitgefangene übermittelt wird, er ist auch eine Art Charakterschule, welche auf die Existenz in einer Gemeinschaft ohne Skrupel vorbereitet. (33)

Nachdem Hasselbach aus der Haft entlassen wird, schließt er sich zunächst einer Gruppe von Punks an: Ich hatte große Freude daran, in die geschockten Gesichter der Leute aus unserem Wohngebiet zu sehen, die ich alle für Stasispitzel hielt. Ich fühlte mich stark, und es gefiel mir, zu einer Gruppe von jungen Leuten zu gehören, die sich von niemandem mehr etwas sagen ließen und die durch nichts zu beeindrucken waren. Endlich hatte ich durch mein Auftreten eine eigene Identität gewonnen. (16)

Die Gruppenmitglieder stacheln sich gegenseitig immer mehr durch rechte Musik an. Sie schauen sich Filme aus dem Zweiten Weltkrieg an, beschäftigen sich mit Nazi-Literatur, denn Hasselbach wird misstrauisch gegenüber der offiziellen Darstellung des Nationalsozialismus durch die Schule und vor allem durch seinen Vater: Es muss ja auch Gründe gegeben haben, warum die Deutschen so begeistert davon gewesen sind. Er gründet mit seinen Kumpels zusammen die »Bewegung 30. Januar«. Das ist eine besondere Provokation, da es als das größte Tabu in der DDR galt, nationalsozialistische Ideen zu vertreten. Insofern kann er damit am besten gegen die DDR rebellieren, die er abgrundtief hasst und als einen großen Knast empfindet.

Der Bezug zum Nationalsozialismus bleibt dennoch zunächst sporadisch und unsystematisch, denn das Wichtigste ist zu der Zeit für Hasselbach, aus der DDR ausreisen zu können, was ihm letztlich gelingt – wenige Tage bevor die Mauer fällt. Die eigentliche ideologische Schulung beginnt erst nach dem Fall der Mauer und wird vor |28|allem durch seinen Kontakt zu Michael Kühnen vorangetrieben. Von nun an setzt er sich systematisch mit dessen Konzept auseinander und wird überzeugter Neonazi.

Hasselbachs Protest gegen die Eltern greift also schnell über das Elternhaus hinaus, bezieht zunächst das soziale Umfeld ein und richtet sich dann gegen »das System«. Gleichzeitig wird sein Protest immer radikaler; er versucht, die Gesellschaft systematisch zu bekämpfen. Bei vielen anderen ist der Protest unspezifischer: Die Lust an der Provokation, am Verbotenen und am Tabubruch sind oft lediglich Ausdruck des erwachenden jugendlichen Selbstbewusstseins, der Experimentierfreude und des Durchsetzungswillens der Jugendlichen. Dieser pubertäre Protest wird im Laufe der Integration in die rechte Szene jedoch immer zielgerichteter und aussagekräftiger. Bei einem solchen Politisierungsprozess greifen immer verschiedene Sozialisationsinstanzen ineinander: Familie, Schule, peer group und rechte Szene oder Partei. Und so sehr es bei dem einen oder anderen als Zufall erscheint, dass er sich gerade einer rechten Clique und nicht einer anderen angeschlossen hat, so sehr scheinen die meisten doch in irgendeiner Weise darauf vorbereitet zu sein.

Ein eindrückliches Beispiel für dieses Ineinandergreifen von psychologischen, sozialen und politischen Faktoren ist die Biografie von Stefan Michael Bar: So werden wie meine Eltern, das wollte ich sowieso nicht, das war Spießbürgertum pur. (12) Das steht für Bar ziemlich früh fest. Sein Vater und seine Mutter unterrichten am selben Gymnasium, an dem er zur Schule geht. Er war von seinen Eltern adoptiert worden. Gleich nach der Geburt wurde er seinen leiblichen Eltern weggenommen und in ein Heim gebracht. Seine Mutter war bei seiner Geburt 15 Jahre alt, sein Vater ein nur wenig älterer Gastarbeiter aus Italien. Vom Heim wird er dann in sein neues Elternhaus vermittelt. Spätestens als ich anfing, politisch eigenständig zu denken, kam ich mit meinen Eltern nicht mehr klar. In dem, was sie repräsentierten, verkörperten sie alles, was ich ablehnte, verachtete, haßte.… ›Schon über dreißig Jahre im Staatsdienst‹ … treue Musterdemokraten, die alle vier Jahre ihr Kreuz an der politisch korrekten Stelle machten, … dagegen mußte ich was machen. … Den vorgegebenen Weg würde ich nicht gehen, ich würde meinen Weg machen. (38)

Aufgrund seiner Biografie richtet sich sein Protest aber auch von Anfang an gegen den Staat: Dieser Staat hat sich in mein Leben eingemischt, versucht, mir meine Identität zu nehmen, hat mir meine Familie genommen. Das ist |29|etwas, was ich nicht verzeihen kann und nicht verzeihen will – wer gab ihm dazu das Recht?! (Ebd.)

Bar kommt relativ früh mit dem Nationalsozialismus in Berührung: … vielleicht mit neun oder zehn. Die Eltern meiner Eltern hatten die damalige Zeit, den Krieg miterlebt, erzählten viel. Ganz einfach, weil ich Fragen beantwortet haben wollte, neugierig war. … Opa war bei einem Granatangriff im Rußlandfeldzug schwer verletzt worden. … Die ganzen Bilder in Soldatenuniform, die Orden und Erzählungen, das machte Eindruck auf mich, für mich war er ein Held. Ein lebendiger, keiner aus dem Fernsehen oder irgendeinem Comic-Heftchen. (11) … Im Krieg hatte er an fast allen Fronten gekämpft und ging als SA-Leutnant in britische Gefangenschaft. Auch er war für mich schon Vorbild; der glaubte, wofür er kämpfte, handelte aus Überzeugung. (31)

Dazu kam, dass der Großvater in der Landsmannschaft zu einem Funktionär aufgestiegen und bis ins hohe Alter dort ehrenamtlich tätig war. Innerlich hatte meine Familie die alte Heimat niemals aufgegeben, auch nach annähernd sechzig Jahren nicht. Zumindest für meine Großeltern ist und bleibt es ihre Heimat (31) … Mein Vater hatte die Vertreibung miterlebt, das war etwas, was ihn irgendwie sein ganzes Leben verfolgte. Traumatische Erinnerungen … Dennoch war der Krieg zu Hause tabu. … In dem Alter hatte ich nicht die geringste Ahnung von Politik, keinerlei Vorstellungen von Nationalsozialismus, was das ist, nur war mir klar, das ist etwas, womit du provozieren kannst. Auf das Thema sind die Erwachsenen nicht gut zu sprechen, kriegen einen roten Kopf, werden verlegen. Als ich in der sechsten Klasse zur großen Pause aufgefordert wurde, die Tafel zu wischen, malte ich mit dem Schwamm ein riesiges Hakenkreuz auf. (11) So bricht er das Familientabu.

Bar wendet sich auch gegen die Religion seiner Familie, gegen das Christentum: Er habe, wie er sagt, die Bibel gehasst und sei von rechten Sprüchen begeistert gewesen: Wir wollen euren Jesus nicht, das alte Judenschwein. Denn zu Kreuze kriechen, kann nichts für Arier sein. Die Bibel und das Kruzifix, die soll der Geier holen, wir wollen eure Pfaffen nicht und euren Schweine-Papst aus Polen! (30) Er weigert sich in den Religionsunterricht zu gehen, weil diese Religion für ihn als »jüdische Lehre« nicht akzeptabel ist.

Seine Politisierung beschreibt er als einen langen Entwicklungsprozess: Es war Protest gegen das Elternhaus, Protest gegen den Staat, Protest gegen die Gesellschaft. … Es war Provokation. Es war etwas, bei dem man gegen den Strom geschwommen ist, es hat Aufsehen erregt. … Man fängt als Sympathisant an, dann wird man Mitläufer, irgendwann nimmt man das Gedankengut an. (a46) Von den »Kameraden« besorgt er sich die einschlägige Literatur: … rasch hatte ich |30|mir ein wirres Weltbild angelesen. Was ich nicht verstand, übernahm ich einfach so, wie es geschrieben stand oder mir erklärt wurde … Warum die Juden unsere erklärten Feinde waren, verstand ich anfangs nicht so recht. Für mich war Christentum gleich Judentum, Hass auf die Kirche. Wenn man mir nun erzählte, die Juden allein seien Schuld an Kriegen, Wirtschaftskrisen und Hungersnöten, hätten die Weltherrschaft an sich gerissen, konnte das nur richtig sein. (30)

Bisher hat er lediglich aufgenommen, was sich ihm anbot. Nun wird er selbst aktiv und organisiert für sich und seinen Freund Propagandamaterial. Er erhält Post aus den USA von Lauck, dem Leiter der Auslands- und Aufbauorganisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, und gilt nun als Teil des NSDAP/AO–Zellsystems, dessen Kennnummer ihm mitgeteilt wird: Für uns Pickelgesichter klang das wahnsinnig aufregend, vor allem, niemandem etwas sagen zu dürfen, es ging ja ›um die Sache‹ um ›das Reich‹. Auf einmal schienst du wichtig zu sein, kamst dir vor wie im Film, Post aus Amerika ist schon was Tolles. (35) Die Faszination bahnt den Weg zur Identifikation mit der Gruppe. Diesen Prozess beschreibt er so: Schließt man sich den Nazis an, heißt das, sich nicht nur wie sie zu kleiden, man unterwirft sich ihren Riten, Kulten und Gepflogenheiten. Das bedeutet auch, wie sie zu denken, sich wie sie zu artikulieren. Man wird Teil von ihnen, über kurz oder lang geht man in der ›Bewegung‹ auf, verschmilzt mit ihr. Da gehört die Leugnung des Holocaust ebenso dazu wie der Glaube an die Überlegenheit des eigenen Ichs. (37)

Er verschreibt sich vollkommen »der Sache« und ist bereit, sich freiwillig zu melden, um die »Kameraden« in Kroatien im Krieg zu unterstützen: Man funktioniert einfach, tut genau das, was vorgegeben ist. Ohne zu fragen oder eigenen Willen, geschweige denn darüber nachzudenken. Die ›kroatischen Kameraden zu unterstützen‹ sei ›unsere Pflicht‹. … Das hat uns ›Baby-Nazis‹ immer begeistert, Soldatenromantik wie in den Landser-Heftchen. Männlich. Heroisch. Für die meisten waren das wohl nur Sprüche, ich nahm das ernst. Vielleicht begann ich damals zu funktionieren, genau das ist es ja, worauf es ankommt. (21)

Allerdings lässt er sich das zunächst nicht anmerken: Nach draußen hin spielte ich den ›braven Bubi‹, eine Rolle, in der ich mir gefiel. Ich fand es lustig, mich spießig-brav zu geben, obwohl ich das gar nicht war … untereinander wurde mit einem strammen ›Heil dir‹ oder ›Sieg Heil‹ gegrüßt … Es war, als wäre eine Droge injiziert worden, es gab nichts anderes mehr, wofür ich mich hätte begeistern können. Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf Hitler mein Gott … Für die tägliche Dröhnung an Politik sorgte nicht nur ich selbst, sondern auch das soziale Umfeld. … selbst langjährige Freundschaften ließ ich im Sande verlaufen … schnell verlor man da den Bezug zur Gesellschaft, zu ganz normalen Leuten. (37)

|31|Wenn wir also fragen, warum Bar sich der rechten Szene so sehr verschrieben hat, steht sicherlich der Protest gegen die Eltern im Vordergrund, der Protest gegen ihre Beziehungslosigkeit, ihr Spießertum und gegen ihre Religiosität. Er will seinen eigenen Weg gehen, sich selbst beweisen. Er sucht in den politischen Aktionen Lebendigkeit und Spannung. Denn alles um sich herum empfindet er als tot, leer und vorgestanzt. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass sich sein Hass so intensiv gegen das Christentum und die Kirche richtet. Als der Religionslehrer ihn zwingen will, mit ihm zum Unterricht zu gehen, schlägt er ihn. Kurzerhand hängt er das Kreuz über seinem Bett ab und schmeißt alle christliche »Propaganda« inklusive Bibel in die Mülltonne. In seinem grenzenlosen Hass versucht er sogar, eine Kirche in Brand zu setzen.