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In 'Der Held von Trenton' entführt uns Franz Treller in die facettenreiche Welt eines Protagonisten, der sich inmitten tumultartiger historischer Umbrüche behaupten muss. Der Roman vereint geschickt Elemente der historischen Fiktion mit emotionalem Tiefgang, indem er nicht nur die individuellen Herausforderungen des Helden darstellt, sondern auch die sozialen und politischen Strömungen seiner Zeit reflektiert. Trellers literarischer Stil ist geprägt von einer klaren, eindringlichen Sprache und einer sorgfältigen Charakterentwicklung, die den Leser fesselt und zum Nachdenken anregt. Franz Treller, ein versierter Schriftsteller mit einem starken Hintergrund in Geschichtswissenschaft und Literatur, schöpft aus seinen fundierten Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen, um authentische Charaktere und realistische Szenarien zu kreieren. Seine Auseinandersetzung mit historischen Themen ist nicht nur eine Hommage an die Vergangenheit, sondern auch ein persönliches Anliegen, das ihn dazu motiviert, die Lektionen vergangener Zeiten in die Gegenwart zu übertragen. 'Der Held von Trenton' ist eine außergewöhnliche Lektüre für all jene, die sich für Geschichte und die menschliche Natur interessieren. Trellers meisterhafte Erzählweise und die packende Handlung machen das Buch zu einem unverzichtbaren Werk, das den Leser nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken über die Komplexität des Heldentums anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Schwer war während des siebenjährigen Krieges[1] auch das Hessenland heimgesucht worden, denn treu haben die Hessen in dem Riesenkampfe, den der große Preußenkönig gegen eine Welt in Waffen führte, an seiner Seite gestanden, hatten für ihn gefochten und gelitten.
Zweimal war ihre Hauptstadt, das alte Kassel im Laufe des Krieges belagert worden und arge Verwüstungen der Umgegend hatten die Belagerungen zur Folge gehabt.
Langsam, nach und nach erst erhoben sich die kleinen Gartenhäuser im Umkreis der Stadt, die der Krieg zerstört hatte, wieder aus Schutt und Asche und selbst im Jahre des Heils 1776 waren die Spuren des blutigen Ringens um deren Besitz noch zahlreich zu schauen, trotzdem ihr der Landgraf durch Schleifung der Festungswälle Licht und Luft geschafft hatte.
Das Häuschen der Witwe Rübenkönig, das vor dem Ahnaberger Tore lag, stand bereits wieder freundlich da wie einst und der kleine Garten, der es umgab, trug von neuem Bäume und Obststräucher.
Es war ein bescheidenes aber trauliches Heim, das die Frau ihr eigen nannte.
Still ruhte es im Abendschatten da, und nur ein matter Lichtschein, der durch die Spalte des hölzernen Fensterladens drang, gab Kunde, daß es bewohnt sei.
In ihrem kleinen Stübchen saß die Witwe Rübenkönig, an dem wärmenden Ofen im Sorgenstuhle. Die schon bejahrte Frau saß gebückt da und hatte das Antlitz in den Händen verborgen.
Unter der weißen Mütze mit dem sauberen Faltenstrich quoll das schon graue Haar hervor.
Ganz stille war's um sie her, nur die Wanduhr ließ ihr eintöniges Ticktack hören.
Ein schmerzlicher Seufzer unterbrach das Schweigen, und das greise Haupt vergrub sich noch tiefer in den mageren Händen.
Leise öffnete sich die Türe, die Frau vernahm es nicht, und herein trat ein Sergeant in der schmucken Uniform der Grenadiere des Leibregiments, der fast die Decke des niedrigen Zimmers mit dem Scheitel berührte. So geräuschlos war der stattliche Kriegsmann eingetreten, oder so sehr hatte bittere Sorge die Frau eingenommen, daß sie auch davon nichts vernommen hatte.
Er stand still und warf einen teilnahmsvollen Blick auf die zusammengebeugte Gestalt, die in der schon eingetretenen Dämmerung schattengleich am Ofen saß, schwach beleuchtet von einigen Strahlen des durch die Ofenritzen dringenden Scheins.
Der Soldat trat hinzu und faßte die Hände der alten Frau, löste sie der Erschreckten von den feuchten Augen und fragte sanft: »Warum weint die Frau Mutter?«
Die Frau warf einen Blick auf die hohe Kriegergestalt vor ihr und brach statt zu antworten in Tränen aus.
Der Sergeant nahm einen Stuhl und setzte sich neben sie, ruhig wartend, bis die Tränen milder flossen.
Dann sagte er: »Spreche die Mutter und mache sich das Herz leicht.«
»Was bin ich unglücklich, Heinrich,« schluchzte die Frau.
»Nun sage mir die Mutter, was Sie quält.«
»Meine Schwäche, meine Schwäche, Gott wird mir's nicht verzeihen.«
Der Soldat legte liebevoll den Arm um ihre Schulter und sagte: »Hat die Mutter kein Vertrauen zu mir?«
»Ach Heinrich, ich schäme mich vor dir, ich schäme mich vor mir selbst.«
»Wieder der Hans?«
»Ja, der Hans, der Hans –.«
»Und was hat's gegeben?«
»Er macht sich und mich, uns Alle unglücklich, ach, Heinrich, ich fürchte, es führt zu keinem guten Ende.«
Der Soldat erschrak und fragte unruhig: »Was hat er wieder getan, Mutter?«
»Er hat gewildert –.«
»Und –?«
»Ist ertappt worden vom Forstlaufer.«
»Hat er auf ihn geschossen?« fragte der Soldat merklich erschreckend.
»Nein, das nicht –.«
»Gott sei Dank.«
»Er hat sich losgekauft.«
»Wie, losgekauft?«
»Der alte Mehlmann, der Forstlaufer, du kennst ihn ja, hat dem Hans schon lange aufgelauert, wie dieser sagt. Vorgestern hat der wilde Junge, da unten an der Fulda bei Wolfsanger herum, eben einen Bock geschossen, als der Mehlmann im Anschlage vor ihm steht und sagt: »Komm' mit, Bursche, dich hätten wir.«
»Der Hans parliert mit ihm, denn Schwatzen kann der Junge, und bietet ihm Geld, wenn er ihn laufen lassen wollte. Der Mehlmann ist habgierig und verspricht, keine Anzeige machen zu wollen, wenn ihm der Hans am anderen Tage zehn Taler zusteckte.« Die Frau schwieg.
»Und?« fragte der Sergeant.
»Der Junge war in Verzweiflung –, ich habe ihm das Geld gegeben.«
»Hat er es dem Mehlmann gebracht?«
»Ja.«
»Und weiter?«
»Ich habe lange Monate an dem Geld gespart, Heinrich, denn ich verdiene nur wenig, sehr wenig, meine alten Augen wollen nicht mehr, und von meinen ehemaligen Kunden lassen nur Einzelne noch bei mir waschen und kräuseln. Du gibst mir ja, guter Heinrich, ach Gott, daß ich das nehmen muß, aber der Hans braucht auch, und morgen muß der Zins an Steinmetz bezahlt werden, dazu hatte ich das Geld gespart – oder der harte Mann läßt mir Haus und Hof verkaufen.«
Die Frau schluchzte wieder leise, und der Soldat sah nachdenklich ins Feuer.
»Ich habe augenblicklich nur wenig, Mutter, aber ich will Rat schaffen, sei Sie unbesorgt. Und nun weine Sie nicht mehr.«
Die alte Frau trocknete ihre Tränen, stand auf und zündete mit einem Spahn das Hangelicht an, welches über dem Tisch von der Decke herniederhing und alsbald eine trübe Helle verbreitete.
Nach einer Weile sagte der Soldat: »Er kommt ins Stockhaus, wenn das so fortgeht, Mutter.«
»Gott verhüt's! Gott verhüte es!«
»Der Junge ist ja nicht schlecht,« fuhr sie dann eifrig fort, »er hat ein gutes Herz – aber leichtsinnig, wild ist er, und die unselige Jagdleidenschaft stürzt ihn ins Verderben, kein Bitten, keine Ermahnungen helfen. Vorteil hat er gar keinen davon, denn die Beute verwendet sein Kumpan, der Taugenichts Fischer.«
»Die Frau Mutter hat den Jungen verzogen.«
»Heinrich!«
»Die Mutter, und ich auch. Er ist wie ein Wilder aufgewachsen.«
»Schlecht ist der Hans nicht.«
»Leidenschaft und Leichtsinn führen auch zu Verbrechen. Es geht so nicht länger, Mutter,« setzte er ernst hinzu, »er darf uns keine Schande machen – es muß etwas geschehen.«
»Aber was?«
»Der Junge muß fort von hier.«
»Ach, Heinrich!«
»Er muß auf andere Wege gebracht werden. Ich würde ihn ja in meine Kompagnie nehmen, aber der Junge ist so verzogen und verwildert, das er sich der Disziplin nicht fügen und mir nur Schande machen würde.«
Die Tür wurde hastig geöffnet, und herein stürmte ein hochgewachsener Jüngling, dessen jugendlich männliche Schönheit selbst seine ärmliche Tracht nicht verbergen konnte.
Um das frische Antlitz mit den blitzenden blauen Augen flatterte lang das Haar, vom eiligen Laufe hatte sich das Nackenband gelöst, welches die Fülle desselben zusammenhielt.
Er warf einen Blick auf den ernst dreinschauenden Soldaten, einen zweiten auf die verweinten Augen der Mutter, eilte auf die alte Frau zu, faßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit in die Arme und küßte sie auf Wangen und Augen.
»Nein, nein, weine mir nur nicht, Alte. Alles kann ich ertragen, nur weinen sehen kann ich dich nicht. Ich bin ja ein grundschlechter Kerl, ich weiß es ja, aber Alte – ich werde mich bessern, gewiß – sollst noch Freude an mir haben – na – na – nun weine nicht mehr, sonst fange ich mit an – Herzensmutterchen, sei gut –« und er streichelte ihr die Wange – und mitten durch Tränen brach ein glückseliges Lächeln der Mutter.
Der Soldat sah ruhig zu.
Der Jüngling wandte sich zu ihm, streckte ihm die Hand entgegen und sagte herzlich: »Guten Abend, Heinrich.«
Dieser nahm die Hand nicht und blickte den um zehn Jahre jüngeren Bruder nur ernst an.
»Ach so,« sagte dieser und ließ die dargebotene Rechte sinken, während ein helles Rot in seinem hübschen Gesichte erschien, »der Herr Bruder verachtet mich.«
Der Sergeant erhob sich, die machtvolle Gestalt überragte nur wenig die des Jünglings, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte dann: »Wer sich nicht scheut, der,« – und er deutete dabei auf die Mutter – »die uns in bitterer Not und Sorge erzogen hat, Tränen zu erpressen, der hat kein Herz, schäme dich, Hans.«
Der Jüngling schlug den Blick nieder bei der ernsten Rede des Bruders, dann warf er sich ihm ungestüm an die Brust und brach in Tränen aus.
»Du hast Recht, Heinrich, Recht, ich bin ein Tunichtgut, Gott verzeih's mir. Ich schäme mich ja vor mir selber, ich könnte mich umbringen. Wenn's nur Krieg wäre, Franzosen wollte ich noch lieber aufs Korn nehmen als Rehböcke. Sie haben mir den Vater bei Minden erschossen, ich wollt's ihnen heim geben.«
»Komm' morgen nach der Wachtparade zu mir in die Kaserne, Hans. Es kann nicht so fortgehen, wenn du die Mutter nicht fürs ganze Leben unglücklich machen willst. Kommst du?«
»Ich bin um zwölf Uhr dort.«
»Gute Nacht, Mutter,« sagte der Sergeant und reichte der alten Frau die Hand – »schlafen Sie ohne Sorgen, ich schaffe Hilfe. Gute Nacht, Hans.«
Der ernste stattliche Mann entfernte sich.
Hans aber nahm die Mutter in die Arme und herzte sie.
»Nun sei wieder munter, Altchen, ich werde es sein lassen, der Schreck steckt mir noch in den Gliedern, den mir der Mehlmann eingejagt hat. Es war ein Glück, daß ich nicht geladen hatte, sonst hätte ich vielleicht noch Schwereres auf dem Gewissen. Morgen schaffe ich dir auch dein Geld wieder, sei nur ruhig.«
Nun weinte die Mutter Freudentränen in dem Arm des schönen Lieblings, der als ein teueres Vermächtnis des in der Schlacht bei Minden gefallenen Gatten, welcher dort, als er an der Spitze der hessischen Grenadiere mit dem Bajonett die französischen Reiter angriff, den Heldentod gestorben war, von ihr mit übergroßer Zärtlichkeit geliebt ward.
»'s ist ein Mann, der Heinrich,« fuhr Hans fort, »ein echter Mann, ich wollte, ich wäre wie er.«
Es war noch früh am Tage, die Uhr der St. Martinskirche hatte eben neun geschlagen, als der Sergeant Rübenkönig auf den Teil der am Müllertor liegenden Kasernen zuschritt, welcher die Jäger beherbergte. Er fragte die Schildwache, ob Hauptmann Ewald anwesend sei, und schritt nach bejahender Antwort die Treppe hinauf nach dem Kommandozimmer.
Auf sein Klopfen rief eine kräftige Stimme: Herein!
Der Sergeant trat ein und machte Front vor einem am Tische in Akten vertieften Offizier.
»Ah, du bist's, Heinrich?« rief ihm dieser freundlich entgegen, »freue mich, dein ehrliches Antlitz zu sehen. Rührt Euch!«
Der Hauptmann Ewald war Heinrich Rübenkönigs Milchbruder, daher das vertrauliche »Du«, welches er unter vier Augen an ihn richtete. »Setz' dich, Heinrich,« und er wies auf einen Stuhl. Der Sergeant setzte sich.
»Nun, ist dir die Petersilie verhagelt, Sergeant, daß du so grämlich dreinschaust? Was gibt's denn, Mensch?«
Rübenkönig sah wirklich sorgenvoll aus.
»Herr Hauptmann,« begann er langsam, »– Sie haben mir oftmals gesagt, wenn ich einmal Ihrer Hülfe bedürfen sollte –«
»Nun, so schieß doch los, Mann, bist ja sonst nicht so zaghaft. Was brauchst du? Geld?«
»Ja, Herr Hauptmann,« sagte der Sergeant entschlossen.
»Na, also. Du hast Glück,« lachte der Hauptmann, »die Kasse ist gefüllt,« und er deutete auf einen kleinen ledernen Beutel, der auf dem Tisch lag, »meine liebe Tante ist so stolz auf meine junge Hauptmannswürde, daß sie mir zwanzig Friedrichsdor[2] zum Präsent gemacht hat. Wie viel brauchst du, Heinrich?«
»Vier, Herr Hauptmann.«
Der Offizier hob den Beutel auf und ließ eine Anzahl Goldstücke auf den Tisch gleiten. »Da nimm dir, Sergeant.«
Dieser nahm vier der Goldstücke und steckte sie in die Tasche seiner Weste.
»Hast du Schulden, Sergeant?«
»Nein, Herr Hauptmann.«
»Sollte mich auch wundern, du, das Muster von Solidität. Du willst doch nicht etwa heiraten, Mensch?«
Der Sergeant wurde rot, sagte aber ruhig: »Nein, Herr Hauptmann, jetzt noch nicht.«
»Nun, was gibt's denn sonst? Kann ich's wissen?«
»Die Mutter hat heute Zinsen zu zahlen, und ich besitze nicht genug, um ihr zu helfen.«
»Die Alte – hm, hätte mich auch etwas um sie bekümmern sollen; wie geht's ihr denn?«
»Sie wird alt und schwach.«
»Hat viel Sorgen und Arbeit im Leben gehabt – brave Frau, werde nächstens einmal nach ihr sehen. Durfte dich auch früher zu mir schicken, Heinrich. Wie kommt es denn, daß die alte Frau plötzlich so in Not ist.«
»Mein Bruder Hans –«
»Ah so, der Leichtfuß – der Fischfänger und Vogelsteller? Nun verstehe ich, der nimmt der alten Frau das ab, was sie sauer verdient hat. Sauberer Vogel.«
»Er macht uns viel Sorge, Herr Hauptmann.«
»Das glaub' ich wohl. Wenn ich den unter meiner Fuchtel hätte, wollt' ich vielleicht einen Kerl aus ihm machen, aber ihr Kasselaner braucht ja nicht zu dienen.«
Seufzend entgegnete der Sergeant: »Ich hatte schon daran gedacht, ihn unter den Grenadieren einzustellen – aber –«
»Aber –«
»Er ist an ein herumstreichendes, wildes Leben gewöhnt –«
»Und von der Alten als Spätling natürlich verzogen.«
»So sehr – daß ich fürchte, es wird vergeblich sein, ihm Disziplin beizubringen – und er macht uns schließlich Schande.«
»So?« Ewald schwieg einen Augenblick und fragte dann: »Kann der Bengel schießen?«
»Leider, Herr Hauptmann, nur zu gut.«
»Ah! Weht der Wind aus der Ecke? Wilddieb? Dem muß ein Ende gemacht werden, Heinrich, die Schwäche der alten Frau verdirbt den Jungen. Schick' ihn mir einmal her, ich will mir den Sausewind doch einmal ansehen.«
»Gott lohne es Ihnen, Herr Hauptmann!«
Der Sergeant erhob sich, zögerte aber noch zu gehen. Ewald sah ihn fragend an.
»Ich weiß nicht, wann ich's wieder geben kann –«
»Unsinn, wenn du Überschuß hast und es absolut nicht als Geschenk von mir für die Alte nehmen willst, was mir das Liebste wäre. Aber ihr Rübenkönigs seid stolz. Nun, behüt' dich Gott, Heinrich!« Er reichte ihm die Hand und der Sergeant entfernte sich mit militärischem Gruß.
Der Hauptmann vertiefte sich wieder in seine Akten. Nach einer Weile klingelte er; die Ordonnanz trat ein.
»Ist Leutnant von Reizenstein noch nicht da?«
»Der Herr Leutnant kommen eben die Treppe herauf. Der Oberjäger Konski ist auch befohlen.«
»Soll warten.«
Die Ordonnanz öffnete die Tür und herein trat ein junger Jägeroffizier, dessen schlanke, feingebaute Gestalt, verbunden mit einem Antlitz von fast mädchenhafter Zartheit, einen überaus gewinnenden Eindruck machte.
»Nun, Reizenstein,« rief ihm der Hauptmann, dessen kernige Figur und braunes energisches Gesicht einen lebhaften Gegensatz zu dem Äußeren seines jungen Untergebenen bildete, entgegen, »was haben Sie aus den Listen von Knyphausens Füsilieren herausstudiert?«
»Das Resultat ist ein geringes, Herr Hauptmann,« entgegnete der Leutnant der Frage, »so weit meine Kenntnis des Regiments reicht, werden wir unter den Unteroffizieren nicht drei brauchbare Oberjäger finden.«
»Habe ich mir gedacht,« brummte Ewald ärgerlich, »mir ergeht's hier,« und er deutete auf die vor ihm liegenden Akten, »nicht viel besser. Und damit soll ich eine neue Kompagnie bilden? Übrigens gibt der Befehl zu denken, Reizenstein.«
»Wie meinen das der Herr Hauptmann?«
»Seit vielen Monaten ist Donop beim Oberkommando vorstellig geworden, daß es notwendig sei, eine neue Jägerkompagnie zu errichten, weil im Falle eines Krieges die eine ungenügend ist, und wir dann gezwungen sind, alles Gesindel anzunehmen, das eine Büchse führen kann. Das lag lange im Ministerium ohne Entscheid – und – nun kommt vor einigen Tagen der englische Oberst an, und – gestern erhalte ich den Befehl, die zweite Kompagnie zu bilden.«
»In eingeweihten Kreisen will man wissen, Oberst Faucitt sei hier, um Truppen für Amerika zu gewinnen.«
»Die ›eingeweihten Kreise‹ sind diesmal ganz gut unterrichtet. Es schweben entschieden Verhandlungen mit England und dieser so unerwartet erteilte Befehl zur Bildung der zweiten Kompagnie läßt darauf schließen, daß sie zu einem für die Briten günstigen Resultate führen werden.«
»Das wäre herrlich, Herr Hauptmann.«
»Jäger sind den Engländern drüben außerdem die notwendigste Waffe, denn ihre bisherigen sogenannten Siege haben die rebellischen Bursche nur durch ihre Scharfschützen errungen.«
»Und unsere Jäger können sich mit den Besten messen. Ich wünsche es sogar, daß die Vermutung des Herrn Hauptmanns zutreffen möge, die Truppen versauern im langen Frieden und es wäre eine Wohltat für das verarmte Land, wenn diesem die Last sie zu erhalten abgenommen würde.«
»Das trifft zu, und wir allein sind imstand, den Engländern in kürzester Zeit 12,000 Mann schlagfertiger Leute zuzuführen. Hoffentlich kommen wir ins Feuer.«
»Hoffentlich. – Befehlen der Herr Hauptmann noch etwas?«
»Warten Sie noch einen Augenblick, ich habe mir den Konski kommen lassen. Ordonnanz!« Diese trat ein. »Konski.« Der Soldat öffnete die Tür und rief: »Oberjäger Konski!«
Eine magere aber sehnige Gestalt mit den Abzeichen des Oberjägers trat in guter Haltung ein. Die dunkeln stechenden Augen des Mannes, auf dessen Antlitz verschiedenartige Leidenschaften ihre Stempel zurückgelassen hatten, richteten sich auf das Gesicht des Hauptmanns, das eine finstere Strenge zeigte.
»Er ist gestern wieder total betrunken gewesen, Konski.«
Der Oberjäger wollte etwas entgegnen, aber Ewald fuhr ihn an: »Halt Er sein Maul, Oberjäger. Ich sehe, wie Er wohl weiß, meinen Leuten etwas nach, wenn sie außerhalb des Dienstes einmal über die Stränge schlagen, denn ein Jäger ist keine Maschine aus einem Grenadierregiment, aber alles hat seine Grenzen, und diese hat Er schon wiederholt überschritten. Ich will nicht, daß meine Oberjäger betrunken wie Schweine in der Stadt herumlaufen, verstanden[1q]! Wird mir noch einmal gemeldet, daß Er sich öffentlich betrunken gezeigt hat, so schicke ich Ihn drei Tage auf die Latten. Damit lasse Er sich für heute genügen.« Die finstern Augen des Mannes ruhten während dieser energischen Strafrede auf dem Tische und hafteten wie unabsichtlich an den dort noch liegenden Goldstücken. Auf das kurze: »Kehrt! Marsch!« des Hauptmanns wandte er sich und schritt hinaus.
»Ein unheimlicher Kerl dieser Konski,« sagte der Leutnant, »mich beschleicht immer ein Gefühl des tiefsten Widerwillens, wenn ich diesen Menschen sehe.«
»Ein angenehmer Bursche ist er nicht; wenn der Kerl nüchtern ist, ist er ein trefflicher Soldat und ein vorzüglicher Schütze, aber der Teufel mag ihm ja wohl im Nacken sitzen.«
Die Ordonnanz trat ein.
»Was gibt's?«
»Draußen ist ein Junge, der den Herrn Hauptmann sprechen möchte.«
»Ein Junge? Was für ein Junge?«
»Es ist der Bruder des Sergeanten Rübenkönig von den Leibgrenadieren.«
»Ah so – herein mit dem Burschen.«
Mit linkischem Kratzfuß, den abgegriffenen Hut verlegen in der Hand drehend, trat Hans Rübenkönig ein.
Der Blick des Hauptmanns flog mit Wohlgefallen über die schlanke und doch kräftige Gestalt und das frische, gutmütige Antlitz des Jünglings.
»Das ist also Herr Rübenkönig junior? Bist ja schön emporgeschossenen, Bursche. Na, was verschafft mir denn die Ehre?«
»Ich möchte Jäger werden, Herr Hauptmann.«
»Ei,« sagte dieser trocken, »wir möchten Jäger werden? Und Er meint, das ginge so ohne weiteres? Hat Ihn sein Bruder hergeschickt?«
»Nein, Herr Hauptmann.«
»Lügst du Bursche?«
Hans wurde bei der barschen Frage rot bis an die Schläfen. »Hm,« brummte der Hauptmann, als er dies bemerkte, für sich, »das ist ja ein gutes Zeichen.«
»Ich habe meinen Bruder heute noch nicht gesehen, Herr Hauptmann, ich lüge nicht.«
»Also, du willst Jäger werden?«
»Ja, Herr Hauptmann.«
»Warum?«
»Ja, nu – eigentlich des Handgelds wegen,« brachte der Bursche verlegen heraus.
»Des Handgelds wegen?« sagte der Hauptmann mit gefalteter Stirne, »nicht, weil es ihm eine Ehre ist, unter den Jägern zu dienen? Des Handgelds wegen? Wie kommt das?«
»Ich – ich – habe dumme Streiche gemacht – und der Alten Geld gekostet – und das Handgeld wollt' ich ihr geben.«
»Hm – so –,« sagte der Hauptmann und sah in des Jünglings treuherzige Augen; er gefiel ihm.
»Kannst du denn schießen, Bursche?«
»O ja,« sagte Hans mit leuchtenden Blicken.
»Ei! Wo hast du denn das gelernt?«
»Ich – ich habe mich manchmal geübt.«
»Er ist ein ganz tüchtiger Bursche im Walde, Herr Hauptmann,« mischte sich Reizenstein ein, der gleichwie der Hauptmann den Jüngling mit Wohlgefallen betrachtete.
»Ah, Sie kennen ihn?«
»Er hat mich oft zur Jagd begleitet und kennt Wald und Wild vortrefflich.«
»Nun, das sind ja gute Eigenschaften. Weiß Er denn, daß ich nur Schützen nehme, die mit der Kugel eine Schwalbe im Fluge treffen?«
Hans sah etwas verblüfft aus.
»Da in der Ecke steht eine Büchse,« der Hauptmann deutete auf die Waffe hin, »hier liegen Pulver und Kugelbeutel, lade sie mir einmal.«
Hans ergriff die schwere Büchse und vollführte die komplizierte und zeitraubende Arbeit des Ladens einer gezogenen Büchse der damaligen Zeit mit einem Geschick und einer Schnelligkeit, welche bewiesen, wie trefflich er die Waffe zu behandeln verstand. In weniger als einer Viertelminute war die Büchse nach allen Regeln der Kunst geladen, Hans klappte den Pfannendeckel zu und sagte: »Fertig!«
Der Hauptmann hatte mit steigendem Vergnügen gesehen, wie sich der Bursche mit seiner Aufgabe abfand und sagte dann: »Folge uns, wir wollen sehen, ob du schießen kannst,« und er schritt mit Reizenstein hinaus, Hans hinterher. Eine Treppe führte sie auf die Hintere Seite der Kaserne, welche hier an einsame Gärten und Felder grenzte.
Der Hauptmann sah sich um, – von Westen her kam eine Krähe in raschem Fluge heran, aber sie flog ziemlich hoch.
»Fertig zum Feuern!«
Hans zog den Hahn auf und hob die Büchse.
»Siehst du die Krähe?«
»Ja, Herr Hauptmann.«
»Wenn ich kommandiere, schieße!«
Ewald ließ den Vogel, der von vorn genommen werden mußte, bis auf etwa zweihundert Schritt herankommen: »Feuer!«
Mit stetiger Bewegung hob Hans die Büchse, schoß, und der Vogel stürzte tot herab. Hans stand strahlenden Gesichts da.
»Schießen kannst du, das sehe ich. Nun will ich dir etwas sagen, Junge, ich will dich in die Kompagnie nehmen, deines Bruders und deiner Mutter wegen, hier hast du Handgeld,« er öffnete seine Börse und gab Hans die bei Anwerbung eines Jägers üblichen drei Friedrichsdor, »morgen um 9 Uhr meldest du dich bei mir zum Dienstantritt, aber eins merke dir Bursche: das Wildern hat jetzt ein Ende – verstanden.«
Er schritt mit Reizenstein in die Kaserne zurück, während Hans, seine drei Goldstücke fest in der geballten Hand zusammenpressend, nach der Stadt davonsprang.
Im eilenden Lauf erreichte er das Ahnaberger Tor. Die Mutter fuhr vor Schreck hoch aus ihrem Stuhle empor, als Hans ungestüm ins Zimmer stürmte.
»Hier, hier, Alte, drei blanke Füchse, mehr geben sie nicht –,« und dabei legte er die drei als Handgeld empfangenen Goldstücke auf den Tisch –, »so – aber nun weine mir auch nicht mehr.«
Erstaunt sah die Mutter auf den erregten Jüngling und dann auf das Geld: »Was? Was ist das, Hans?«
»Handgeld, Mütterchen, Jäger bei Ewald. So – und nun bezahle den Kerl da drüben,« er meinte den freundlichen Nachbarn, der der Witwe einige hundert Taler auf ihr Grundstück geliehen hatte und mit dem Verkauf drohte, wenn der Zins nicht pünktlich bezahlt werde – »und ist er nicht zufrieden damit und ängstigt dich noch, so schlage ich ihm alle Knochen im Leibe entzwei.«
»Hans! Hans – Herzenskind, du hast Handgeld genommen – für mich?«
»Nun ja, wie soll ich denn sonst Geld kriegen? Ich will schon ein Jäger werden.«
»Gott lohne es dir tausendfach, mein Liebling –,« und sie nahm ihn in den Arm und küßte ihn, aufs Innigste gerührt.
»Nun, es ist ja gut, es ist ja nicht der Rede wert, Soldat mußte ich ja doch einmal werden.«
»Du wirst dem Soldatenstande Ehre machen, wie dein Vater und dein Bruder. Gott segne dich, Kind.«
Indem trat der Sergeant ein, und als er erfuhr, was sich ereignet hatte, faßte er den wilden Bruder an der Schulter und sagte herzlich: »Junge, es steckt ein guter Kern in dir, aber nun laß auch die tollen Streiche.«
Es war eine glückliche Frau heute die Witwe Rübenkönig mit ihren zwei stattlichen Söhnen.
Das Jägerkorps[3], dem der junge Rübenkönig für die Zukunft angehören sollte, war ein Elitekorps in der vollsten Bedeutung des Wortes.
Man stellte nur Leute in dasselbe ein, welche von Jugend auf mit dem Walde, der Jagd und der Büchse vertraut waren. Es galt deshalb als eine besondere Ehre, unter den Jägern zu dienen, und sie wußten das recht wohl. Auch gestattete man ihnen in jeder Beziehung mehr Freiheit als den anderen Truppen. Hauptmann Ewald war ein eben so geschickter als kühner Soldat, dem es in allen Waffen- und Leibesübungen wenige zuvortaten, streng im Dienst, aber gerecht und wohlwollend, und wurde von seinen Leuten gefürchtet, bewundert und geliebt. Er hatte seine Jäger zu einer vorzüglichen Truppe ausgebildet, sie waren ein stolzes Elitekorps.
In dieses trat Hans Rübenkönig ein.
Sehr schwer ward es dem feurigen, wilden Jüngling, sich in die ungewohnte, stramme Disziplin zu fügen, ihm, den die Nachsicht einer überzärtlichen Mutter gewöhnt hatte, seine Zeit nach Belieben zu verwerten, und der bisher noch sehr wenig im Leben getan hatte, aber er fügte sich.
In der Uniform, dem grünen Frack, den Hirschfänger um die rote Weste geschnallt, den dreieckigen Hut mit dem Busch keck auf dem Kopfe, sah der schlanke Junge so hübsch aus, daß selbst des Sergeanten ernstes Gesicht ein wohlgefälliges Lächeln überflog, als er den Bruder so erblickte.
Das Entzücken der Mutter über ihres Lieblings kriegerische Erscheinung war groß, und Hans selbst kam sich in der schmucken Uniform nicht wenig bedeutend vor, er war stolz darauf, zur Armee zu gehören und noch dazu als Jäger.
Die Unteroffiziere der Grenadier- und Füsilierregimenter wie die der Jäger, besuchten, zu fröhlicher abendlicher Gemeinschaft nach dem anstrengenden Dienst, vorzugsweise ein Wirtshaus am Brink, die »Stadt Karlshafen« genannt, in welchem Bier und Branntwein verschenkt wurde.
Ein ständiger Gast dort war der Oberjäger Konski, der seit etwa zwei Jahren bei den Jägern diente.
Es war ein finsterer, wortkarger Geselle dieser Konski und schien den Verkehr mit seinen Kameraden mehr zu meiden als zu suchen, sodaß er selbst in dem von zahlreichen Gästen besuchten Wirtszimmer gewöhnlich schweigsam, allein, in irgend einer Ecke saß.
Niemand wußte etwas Genaueres über ihn und seine Vergangenheit, und er war durchaus nicht der Mann, sich zu Mitteilungen darüber herbeilassen.
Es war nicht einmal bekannt, aus welcher deutschen Landschaft er stammte, doch schien sein Dialekt auf Thüringen zu deuten.
Unter den Soldaten liefen sonderbare Gerüchte über den Gesellen um. Einige wollten wissen, er habe schon vor Jahren bei den Preußen gedient und sei einer schlimmen Affäre wegen desertiert, andere, daß er sich lange im Dienst der Generalstaaten in deren fernen Kolonien Herumgetrieben habe, ja, daß er schon in Amerika gewesen sei zwischen den Wilden, die dort hausen. Das Merkwürdigste war, daß ein alter Zeugfeldwebel ihn vor zwanzig oder mehr Jahren schon in Kassel gesehen haben wollte und sich von dieser Meinung durchaus nicht abbringen ließ, nur hätte er damals einen anderen Namen geführt.
Zuverlässiges über sein Vorleben konnte niemand erfahren, selbst Ewald nicht, der ihn einmal ins Verhör genommen hatte, da auch ihm allerlei Gerüchte zugetragen worden waren und er nicht gern unsaubere Elemente in seiner Truppe duldete. Der Oberjäger machte ihm damals Mitteilungen über seine Vergangenheit, die, gleichviel ob Märchen oder nicht, den Hauptmann befriedigen mußten. Da er ein tüchtiger Soldat und vorzüglicher Schütze war, sah man ihm manches nach, sogar daß der ungesellige Mensch von Zeit zu Zeit sich dem Trunk ergab. Im Rausche war der wohl vierzigjährige Mann mit den schwarzen, stechenden Augen schier unheimlich, er wurde dann oftmals, abweichend von seiner sonstigen Art, gesprächig und führte unverständliche Reden und erzählte von Taten, die gerade nicht mit militärischer Ehre übereinstimmten, oder er sang Lieder in Sprachen, die kein Mensch verstand.
Anfangs meinte man, er sänge polnische Lieder, weil doch sein Name auf polnische Abkunft deutete, aber einer, der es verstand, erklärte, es sei Englisch und Holländisch, was er zu Gehör brächte, und daneben noch andere Sprachen, die wohl niemand hier kenne.
Wenn er zu singen begann, mußte Konski schon sehr betrunken sein.
Leiden mochte ihn niemand, selbst seine Vorgesetzten nicht. Da er aber, wie gesagt, ein tüchtiger Soldat war, von nicht gewöhnlicher Intelligenz, auch daneben Spuren höherer Bildung verriet und, gelegentliches, periodisch auftretendes Betrunkensein abgerechnet, sich nichts zu Schulden kommen ließ, konnte man ihm nichts anhaben.
Einen tiefen Widerwillen gegen ihn hatte der Leutnant von Reizenstein, zu dessen Zuge er gehörte, einen Widerwillen, den er nicht immer zu verbergen wußte, ob er ihn sich gleich nicht zu erklären verstand, und es war ausgefallen, daß der kecke cynische Oberjäger vor dem jugendlichen Offizier eine gewisse Scheu hatte, welche er selbst dem gefürchtetsten Kommandeur gegenüber nicht zu fühlen schien.
Es war Abend, und in der großen Wirtsstube der »Stadt Karlshafen« saßen Unteroffiziere der Grenadiere, Musketiere und Jäger in buntem Gemisch, tranken, rauchten, spielten Karten oder plauderten. Wie gewöhnlich saß Konski allein da, ein Glas Schnaps vor sich, und rauchte aus einer kurzen Pfeife. Er sah mit dem ihm eigenen finsteren Gesichtsausdruck vor sich hin, ohne sich scheinbar um die übrigen zu kümmern.
An einem Tische neben ihm debattierten einige Unteroffiziere über die beste und schnellste Art, einem Reiterangriff gegenüber Karree zu formieren.
»Ein hessisches Karree ist nicht zu sprengen,« sagte Sergeant Heisterhagen von den Leibgrenadieren, »wenn es Munition hat. Rübenkönig und ich, wir haben mehr als einmal als blutjunge Tambours im Karree gestanden, zuletzt noch bei Minden und den Feuerwirbel geschlagen, wenn die Franzosen herankamen; unsere Kerls standen wie die Mauern und die Musjös purzelten vor ihren Salven wie die Hampelmänner von den Gäulen.«
»So, daß also die hessischen Grenadiere unbesiegbar sind,« bemerkte hiezu höhnisch der bisher so schweigsame Oberjäger Konski.
»Wenigstens haben sie überall ihren Mann gestanden, Herr Oberjäger,« erwiderte Heisterhagen ruhig, Konski mit einem sehr ernsten Blicke messend.
»Antworte dem Kerl doch nicht,« flüsterte Rübenkönig seinem Freunde zu, »er scheint wieder in Randalierlaune zu sein.«
»Was hat der Oberjäger mit den Grenadieren?« tönte es von einem anderen Tische her und ein baumlanger Soldat erhob sich in drohender Haltung.
Rübenkönig, dem ein Streit im Wirtshause unangenehm gewesen wäre, winkte dem Grenadier sich zu setzen und äußerte: »Der Herr Oberjäger rühmte die Grenadiere.«
Konski war seines hämischen Wesens wegen so unbeliebt, daß auch schon andere Soldaten, obgleich keiner wußte was eigentlich vorgegangen war, sich erhoben.
Heisterhagen aber, seinen Freund wohlverstehend, stimmte ein altes Soldatenlied an, die andern fielen ein, und niemand achtete Konskis mehr.
Gerade als die Krüge aneinanderklirrten, öffnete sich plötzlich die Tür und eilig trat der Oberjäger Bickel ein.
Alle Köpfe wandten sich nach ihm hin.
»Gute Nachricht, Kameraden! Es gibt Krieg!«
Wie auf Kommando sprangen die Soldaten in die Höhe, nur Konski blieb sitzen.
»Krieg? Mit wem? Wo?«
»Mit Amerika, wir müssen hinüber.«
»Schurri!« erklang der Jubelruf, daß die Fensterscheiben klirrten.
»Ist es wahr?«
»Woher die Nachricht?«
»Treibe keinen Scherz, Bickel!«
»Amerika? Das ist herrlich!« so rief's aufgeregt durcheinander.
»Morgen wird's bekannt gemacht, wir gehen als englischer Succurs hinüber, gegen die Rebellen dort.«
Wild und gellend erklang das Jauchzen der Soldaten.
»Gott sei Dank!«
»Soldat im Frieden ein elendes Leben!«
»Das gibt Beute drüben!« rief ein alter narbiger Grenadier.
»Das Gold liegt dort auf der Straße!« ein anderer.
»Und die braunen Mädchen! Hui!« lachte ein junger Füsilier.
Nur einer teilte die allgemeine Freude nicht, Konski, der noch in seiner Ecke saß.
Als sein Kamerad Bickel die mit so stürmischer Freude ausgenommene Nachricht eines Feldzuges nach Amerika verkündete, zuckte er zusammen, und das Gesicht, welches überhaupt keine frische Farbe zeigte, wurde noch um eine Nuance bleicher.
Zwischen den Zähnen murmelte er: »Amerika? Die Pest drauf. Dann wird's Zeit.«
Langsam erhob er sich, nahm die Mütze und schritt schwankend der Türe zu.
»Willst du schon gehen, Konski?« fragte erstaunt Bickel.
»Habe gerade genug – es ist Zeit für mich,« damit ging er hinaus.
Draußen im dunkeln Flur richtete er sich auf, hob drohend die Faust gegen das Gastzimmer und murmelte ingrimmig: »Seid verdammt, hessische Hunde! Nach Amerika, das wäre das Rechte. Ich muß fort, sie muß mir Geld schaffen,« und dann schritt er in die Nacht hinaus.
In der »Stadt Karlshafen« aber ging es noch überlustig zu, bis der Zapfenstreich die Kriegsleute zur Kaserne rief.
Bei dem Präsidenten von Kannegießer, einem der einflußreichsten Räte des Landgrafen, war an demselben Abend Ball, welcher die vornehmste Gesellschaft Kassels vereinigte.
In allen Räumen der ausgedehnten Wohnung bewegten sich fröhliche Gäste[2q].
Die zahlreichen Wachskerzen strahlten auf das gestickte Kleid des Hofmanns, die glänzende Uniform des Offiziers, die seidenen Roben der Damen, gepuderte Locken und blitzende Augen hernieder.
Es war ein freundliches Bild, welches die Vereinigung von so viel Jugend, Schönheit und Anmut in der zierlichen Tracht und reichen Farbenpracht der Zeit darbot.
Eben endete die Menuett, das Orchester schwieg, die Tänzer führten ihre Damen zu den Sitzen zurück, und die Zuschauerschar in den geöffneten Türen lichtete sich.
Albrecht von Schallern vom Regimente Loßberg, eine breitschulterige kräftige Gestalt mit kühnem Gesichtsausdruck, trat zum Saale hinaus und durchforschte die sich in langer Front hinziehenden benachbarten Gemächer.
In einem derselben stand einsam ein Jägeroffizier am Fenster und schaute in die dunkle Nacht hinaus.
»Wo steckst du beim, Hugo? Ist die melancholische Stimmung wieder Herr über dich geworden?«
»Du weißt, Albrecht, daß ich in Ballsäle nicht tauge.«
»Ja, alter Cato, ich weiß es, aber deine Laune wollen wir bald verbessern. Höre. Schlieffen hat heute Nachmittag den Vertrag mit England unterschrieben.
»Ah,« fuhr Reizenstein aus einer trüben Ruhe empor, »das ist herrlich. Gott sei Dank.«
»Das wird ein Feldzug, Hugo – Meerfahrt, Amerikaner – Wilde – Avancement – Orden – welche Perspektive?«
»Nach Amerika also?« sagte der Jäger –, »so kann ich dort den Spuren meines Vaters folgen.«
»Ah – recht, dein Vater ist ja dort einst verunglückt.«
»Niemand weiß, wie der Arme dort seinen Tod gefunden hat. Der Brief meines Oheims, welcher die Todesnachricht enthält, ist seit einigen Jahren in meinem Besitz, Frau d'Arville hat ihn mir übergeben.«
»Wie kam denn die dazu?«
»Er war an sie gerichtet. Als die treueste Freundin meiner so früh verstorbenen Mutter führte sie während ihres Leidens deren Korrespondenz.«
»Ja, ich entsinne mich jetzt, von dem mysteriösen Ende deines Vaters gehört zu haben, wie auch von der ebenso geheimnisvollen Haltung deines Oheims. Wenn wir hinüberkommen, wollen wir nachforschen, wo er geblieben ist. Konnte dir Frau d'Arville nichts über ihn mitteilen?«
»Sie wußte und weiß selbst nicht mehr als alle übrigen. Mein Onkel ist verschollen.«
»Auf diese Weise also bist du an die d'Arvilles gekommen?«
»Ja, höchst unfreiwillig.«
Eine Gruppe höherer Offiziere, in deren Gesellschaft ein englischer Oberst sich befand, betrat das Zimmer und die beiden jungen Leute entfernten sich. Die Offiziere ließen sich an dem Kamin nieder und Oberst Rall, eine herkulische Gestalt mit frischem roten Gesicht sagte: »Gott sei Dank, daß das Garnisonleben ein Ende hat. Wenn wir den Herrn Washington mit seinen Schuster- und Schneidergeneralen nicht noch vor Beginn des Winters in Stücke hacken, so will ich Tambour bei einem Garnisonregiment werden.«
Die Offiziere lachten, und Oberst Donop sagte mit der ihm eigenen Trockenheit: »Als Tambourmajor würden Sie sich trefflich ausnehmen, Rall,« was die Heiterkeit verdoppelte.
Ernst erwiderte Loßberg: »Es hieße die uns gestellte Aufgabe wie unsere Gegner sehr unterschätzen, wenn wir uns die Niederwerfung der Rebellen so gar leicht vorstellen würden. Ich kenne das voraussichtliche Operationsfeld aus eigener Anschauung und kenne Herrn Washington.«
Erstaunt unterbrach ihn der englische Oberst Faucitt: »Herr von Loßberg kennt unsere Kolonien?«
»Vor mehr als zwanzig Jahren weilte ich mehrere Monate dort, und erst der zwischen Preußen und Österreich ausbrechende Krieg rief mich zur Heimat zurück. Ich habe dort Land und Leute und, wie gesagt, auch Herrn Washington kennen gelernt. Wir haben es drüben mit andern Boden- und Raumverhältnissen zu tun als hier, und der Rebellenführer, den ich zu meinem Bedauern auf jener Seite sehe, ist, wie er das damals schon bewies, ein sehr umsichtiger, kaltblütiger und tapferer Offizier. Sowohl seiner Beanlagung nach als auch wohl durch die Verhältnisse gezwungen, wird er den Cunctator[4] spielen, eine Kriegführung, welche durch die ungeheure Ausdehnung des Kriegsschauplatzes wesentlich erleichtert wird.«
»Ei, Loßberg,« sagte Rall, »wir werden den Stier bei den Hörnern fassen.«
»Ganz gut, Rall,« meinte Generalmajor Schmidt, »das wäre so Ihre Sache, aber ehe man ihn fassen kann, muß man ihn erst zum Stehen bringen.«
»Na, sie werden doch nicht ewig ausreißen,« lachte Rall.
»Welche Veranlassung führte Sie nach Amerika?« fragte General Schließen.
»Wanderlust und Freundschaft für einen längst verstorbenen Kameraden, Exzellenz. Zwei meiner Jugendfreunde zogen mich hinüber: die Brüder Reizenstein.«
»Ah, ganz recht, jetzt entsinne ich mich, von Ihrer Meerfahrt gehört zu haben, es geschah, lange ehe ich in hessische Dienste trat. Der junge Reizenstein bei den Jägern ist der Sohn eines Ihrer Freunde?«
»Der Sohn Kurts von Reizenstein, des jüngeren der beiden Brüder, ja, Exzellenz.«
»Die Angelegenheit der beiden verschollenen Reizensteins gewinnt jetzt, wo wir den amerikanischen Boden betreten werden, ein aktuelleres Interesse. Ich habe früher schon mit Teilnahme einiges von jenen Vorgängen vernommen, und erfahre jetzt gerne mehr davon. Da den anwesenden Herren die Verhältnisse wahrscheinlich zur Genüge bekannt sind, lassen Sie uns, lieber Loßberg, einen kleinen Abstecher in den Wintergarten machen, erzählen Sie mir dort Genaueres.«
Er nahm mit diesen Worten des sich erhebenden Obersten Arm und schritt mit ihm hinaus, dem kleinen Wintergarten zu, den sie, wie vermutet, leer vorfanden. Sie ließen sich auf einer der dort angebrachten Bänke nieder, und Schlieffen sagte:
»Ich habe für den jungen Reizenstein einige Teilnahme, lieber Loßberg, nicht nur, daß mir schon der Knabe einen angenehmen Eindruck gemacht hat, ich habe vor allem seine Mutter als junge Dame gekannt und geschätzt. Die Brüder Reizenstein und ihre Schicksale waren seit Jahren vergessen, jetzt wird die Erinnerung, wo der Sohn und Neffe sich anschickten, den ihnen so verderblichen Erdteil zu betreten, wieder lebendig. Sie verpflichten mich durch eingehende Mitteilungen über jene fernliegenden Vorgänge. Ich betrachte sie natürlich als vertrauliche.«
»Was ich Exzellenz mitteilen kann, ist hinreichend bekannt. Der ältere Reizenstein, Friedrich, lernte eine junge Amerikanerin kennen, eine Miß Melville, heiratete sie, quittierte den Dienst und siedelte nach ihrer Heimat über, wo die Familie reich begütert war. Er veranlaßte später seinen Bruder Kurt, den er innig liebte, nachzukommen, nur auch ihm drüben eine dauernde Heimstätte zu gründen. Kurt war damals schon vermählt und folgte des Bruders Ruf um so lieber, als er kein Vermögen besaß. Doch zunächst begab er sich aller vorbereitenden Schritte wegen allein nach Amerika, die Gattin und den kleinen Sohn, den sie ihm geschenkt, hier zurücklassend. Ich folgte einer Einladung des mir nahe befreundeten älteren Bruders und verweilte längere Zeit drüben, ein gutes Stück des Landes mir ansehend. Der Ausbruch des Krieges rief mich 1756 zurück. Wenige Monate nach meiner Rückkehr traf die Trauerkunde ein, Kurt von Reizenstein sei gestorben, erschlagen wahrscheinlich durch herumstreifende Indianer. Man fand die einer Geldsumme beraubte Leiche, aber die Nachforschungen nach den Mördern blieben ohne Erfolg. Die junge Frau überlebte die Todeskunde nicht lange und ließ das Kind als Waise zurück. Seitdem hat man auch nie etwas von Friedrich Reizenstein wieder gehört.«
»Das ist so seltsam,« sagte Schlüssen, welcher dem Bericht anteilvoll lauschte. »Nie wieder von ihm gehört? Nicht von seinen Verwandten dort?«
»Nach dem Briefe mit der Todesnachricht Kurts nichts mehr. Uns allen war und ist dies unerklärlich. Daß der damals ausbrechende Krieg zwischen Frankreich und England, der auf den Meeren und hauptsächlich in den amerikanischen Kolonien, bis in die Wildnis hinein, geführt wurde, alle Verbindungen mit Amerika wie die dort im Lande selbst störte, war ja begreiflich, aber unerklärt bleibt deshalb doch das gänzliche Schweigen des Bruders.«
»Von wo waren seine Briefe datiert?«
»Bald von New-York, bald von Albany, wo er sich abwechselnd aufhielt, selbst aus andern Teilen des Landes, von Besitzungen, welche die Familie seiner Frau in verschiedenen Kolonien besaß und gelegentlich besuchte.«
»Man hat von hier aus keine Nachforschungen nach ihm angestellt.«
