Der Himmel stirbt nie - Eugen Speyer - E-Book

Der Himmel stirbt nie E-Book

Eugen Speyer

2,2
17,99 €

Beschreibung

Wie in seinem erfolgreichen Roman „Wind der Freiheit“ gelingt es Eugen Speyer auch in seinem neuen Buch, historische Ereignisse aus der Dithmarscher Geschichte vor dem Hintergrund menschlicher Leidenschaften darzustellen. Der Autor erzählt spannend und in bildhafter Sprache von der Zeit der Reformation, die zu den schwärzesten Kapiteln in der Geschichte der Bauernrepublik Dithmarschen zählt. Bei den blutigen Auseinandersetzungen um die „richtige“ Religion im Lande stehen sich zwei außergewöhnliche Menschen im Zentrum des dramatischen Geschehens gegenüber. Die streitbare Lutheranerin Wibe Junge führt gemeinsam mit dem Meldorfer Geistlichen Nicolaus Boie die religiöse Reformbewegung im Lande an. Peter Swyn, reicher Großbauer und angesehener Regent des Landes, zählt als eifernder Katholik zu ihren erbittertsten Gegnern. Als leidenschaftliche Verfechter ihrer miteinander verfeindeten Glaubensrichtungen stehen sich beide unversöhnlich gegenüber. Als Mann und Frau fühlen Wibe Junge und Peter Swyn sich jedoch schicksalhaft zueinander hingezogen. Hin- und hergerissen von ihrer Liebe auf der einen und ihrer religiösen Feindschaft auf der anderen Seite, sind die beiden der Dramatik des unerbittlichen Glaubensstreits ausgeliefert. Ein spannender historischer Roman, der seine Leser mitten ins Geschehen zieht und Geschichte lebendig macht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 704




EUGEN SPEYER

Der Himmel stirbt nie

Historischer Roman

aus der Dithmarscher Bauernrepublik

Wenn die Menschen trotz der Religion so schlecht sind, wie würde es ohne sie sein?

  Benjamin Franklin (1706–1790) amerikanischer Politiker

Mein besonderer Dank gilt meiner Tochter Marna für ihre Mitarbeit als Lektorin   Der Roman, dessen Handlung frei erfunden ist, basiert historisch auf der bekannten wissenschaftlichen Literatur.

© eBook: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG, Heide 2013 © Printausgabe: Boyens Buchverlag GmbH & Co. KG, Heide 2005 Alle Rechte vorbehalten.

1

Wibe Junge atmete schwer. Sie konnte ihre Verbitterung nicht verbergen. Ohnmächtige Wut flammte in ihren tränennassen Augen auf. Sie wollte nur noch eines: Weg von diesem unerträglichen Kerl! Weg von seinen Demütigungen. Seiner krankhaften Herrschsucht. Seiner Tyrannei.

Nach acht Ehejahren hatte sie genug von ihrem Mann. Das Zusammenleben mit ihm, dem reichen Großbauern und führenden Politiker des Landes, war für sie die Hölle. Zwischen ihnen gab es keinen Frieden mehr. Feinde waren sie geworden und quälten sich gegenseitig bis fast zur Selbstzerstörung.

Tagtäglich litt Wibe unter Claus Junges schroffer, rücksichtsloser Härte. Er legte auf ihre Meinung keinen Wert, hielt sie für bedeutungslos. Wünsche prallten an seiner Engherzigkeit ab. Seine kalte Selbstherrlichkeit ließ jede Annäherung gefrieren. Harmonie und Geborgenheit blieben für Wibe unerfüllte Sehnsüchte. Und Gefühle durfte sie schon gar nicht zeigen, geschweige denn äußern. Die machte er gleich lächerlich.

Wieder einmal hatten sie sich erbittert gestritten. Wibe leidenschaftlich, er selbstgefällig – ganz im Bewußtsein seiner dominierenden Rolle. Diesmal war es um die Zukunft ihrer gemeinsamen achtjährigen Tochter Margareta gegangen. Oft schon waren sie in der Vergangenheit darüber aneinandergeraten. Denn bei jeder sich bietenden Gelegenheit sprach Wibe das heikle Thema an. Schließlich fand sie wegen seiner Pläne, die er mit dem Kind hatte, keine Ruhe. Für ihn stand nämlich seit langem fest: Margareta wird Nonne. Das wollte Wibe um jeden Preis verhindern – und sollte sie die größten Opfer dafür bringen müssen. Das hatte sie sich geschworen.

Erneut hatte Junge auf eine strenge papsttreue Erziehung der Tochter gepocht. Margareta sollte in eine der berühmten Regensburger Klosterschulen des Dominikanerordens. „Niemals!“, hatte Wibe kühn widersprochen, „niemals Nonne!“ Ging es um ihr Kind, fühlte sie sich stark wie eine Wölfin, die ihr Junges selbstaufopfernd gegen den übermächtigen Todfeind verteidigt. Nicht einen einzigen Schritt war sie bisher von ihrer Haltung abgewichen.

Auch schon gar nicht, als Junge zuerst erwogen hatte, Margareta später ins neue Nonnenkloster des Landes zu geben. Es wurde gerade in Hemmingstedt, nur wenige Reitstunden entfernt, gebaut. Mit dem Bauwerk löste die Bauernrepublik Dithmarschen ein religiöses Versprechen ein. In der Freiheitsschlacht der Dithmarscher im Jahre 1500 gegen Dänenkönig Johann I. hatten die Bauern in höchster Not gelobt, ihrer Schutzpatronin, der Heiligen Jungfrau Maria, ein Kloster für Benediktinerinnen zu errichten – als Dank, wenn sie siegen würden. Die Jungfrauen des Landes fanden jedoch wenig Gefallen an einem freudlosen Dasein in düsteren Zellen. Und da sich bis jetzt nur drei Ordensschwestern gemeldet hatten, ließ man sich mit den Bauarbeiten Zeit. Die Fertigstellung wurde hinausgezögert. Sie war nun für später vorgesehen.

Wibe hatte zum Mißfallen ihres Mannes stets energisch darauf bestanden, daß Margareta eine allgemeine Schulbildung erhalte. Und zwar im eigenen Elternhaus. Glaubensnah, aber ohne religiöse Strenge. Vor allem unbeeinflußt von papsthörigen Priestern. Ein Studiosus von der Universität könnte sie ja, wenn es unbedingt sein müßte, später zusätzlich Latein, Theologie und Philosophie lehren. So jedenfalls war es bei den meisten vermögenden Leuten im Lande Brauch. Und Claus Junge war reich. Immerhin blühte in der Bauernrepublik an der Nordseeküste zwischen Hamburg und Dänemark der Getreide- und Viehhandel mit den Hansestädten und Burgund wie nie zuvor. Wibe wußte: Auch Claus Junge scheffelte Geld zuhauf. Sie war sich deshalb sicher, daß eine gute Ausbildung im eigenen Haus zwar kostspielig, aber niemals so teuer sein konnte, daß ihre Tochter ins Kloster gesteckt werden müßte.

Oft genug hatte sie Junge vorgeworfen, Margareta nicht vom Reichtum ihres Vaters profitieren zu lassen. War nicht sie selbst als Kind wohlhabender Eltern früher auch im eigenen Hause in Latein, Theologie und Philosophie unterrichtet worden? Und zwar abwechselnd von einem Pfarrer, einem Dominikanermönch und einem Studiosus der Rechte? Sogar mit gutem Ergebnis. Wenn es auch nicht ganz einfach gewesen war, so erinnerte sie sich. Denn bei aller persönlichen Freiheit, die jedem einzelnen in Dithmarschen von der Landesverfassung zugesichert war: Wissensreichtum bei Mädchen galt unter den streng katholischen Dithmarschern eher als überflüssige Mitgift. Für Wibe eine verstaubte, längst überholte und frauenunwürdige Tradition.

In einer Bauernfamilie stand eine gehobene Bildung in der Regel nur dem Hoferben zu, also dem ältesten Sohn. Der wurde dann meist für zwei bis vier Jahre auf eine Universität geschickt. Allein der Gedanke, daß Mädchen weniger wert sein sollten als Knaben, schürte Wibes Entschlossenheit, Margareta vor dem selbstsüchtigen Zugriff ihres Mannes zu retten.

Sie wollte ihre kleine, zarte und empfindsame Tochter so lange wie möglich bei sich behalten. Behutsam und verständnisvoll wollte Wibe sie auf das Erwachsenenleben vorbereiten. Niemals würde sie zulassen, daß Margareta als junges, unerfahrenes Ding in die fremde Welt eines Klosterdaseins gestoßen würde. War es nicht von allem Irdischen abgeriegelt und mit Selbstzweifeln vollgestopft? Als Mutter kannte sie ihre feinfühlige Tochter viel zu gut. Das arme Kind würde seine Fröhlichkeit verlieren, vereinsamen und seelisch krank werden. Behüten und beschützen wollte sie es – und nicht Rom opfern.

Dafür glaubte Wibe genug gute Gründe zu haben. Als glaubensstarke und streng erzogene Katholikin erschütterten die kirchlichen Mißstände im Deutschen Reich sie zutiefst. Außerdem vermochte auch sie sich dem geistigen Aufbruch in Europa hin zu einem neuen, mehr dem Diesseits als dem Jenseits zugewandten christlichen Menschenbild nicht zu entziehen. Wibe war sich im klaren, daß sie sich von der Papstkirche innerlich zunehmend entfremdet hatte und daß dieser Vorgang sich obendrein beschleunigte. Darüber war sie manchmal selbst erschrocken, war ihre Haltung doch in den Augen der Kirche ketzerisch. Doch auf keinen Fall wollte sie nur mehr bloßes Werkzeug Gottes sein, wie es die Kirche predigte. Sie wollte selbst über ihr eigenes Leben bestimmen, also frei entscheiden. Und Gottes Wort annehmen, nicht aber Rom bedingungslos untertan sein.

„Bist du dir überhaupt bewußt“, frischte sie die Auseinandersetzung mit ihrem Mann angriffslustig auf, „was das arme Kind in einem Kloster erwartet?“ Daß er ans Fenster getreten war und wie gelangweilt hinaus in die Marschniederung schaute, als befinde er sich allein im Raum, machte Wibe wütend.

„Ja.“ Knapp und wie belästigt schien er mit sich selbst zu sprechen. Als würde es sie gar nicht geben. Sein breiter Rücken, der ihr zugewandt war, sollte wohl zeigen, wie sehr er sie für überflüssig hielt, dachte Wibe erbost. Daß er obendrein so tat, als verlören seine Gedanken sich draußen in der weiten Tiefebene, trieb ihr die Zornesröte ins Gesicht. Und genau das bezweckte er, wußte sie. Aber sie konnte einfach nicht darüberstehen!

Wütend starrte sie auf die massigen Schultern vor sich. Gegen das grelle Sonnenlicht von draußen hingen Junges Arme an seinem Körper wie zwei dicke, abgeknickte Äste an einem mächtigen Eichenstamm herunter. Vergeblich wartete sie auf eine Regung der Gestalt. Doch Claus Junge stand nur stumm da, rührte sich nicht von der Stelle. Gegen die eisige Unnahbarkeit kam sich Wibe mit einem Mal klein und ohnmächtig vor. Sie spürte unbändigen Haß gegen diesen Mann in sich aufsteigen.

„Kannst du dir als Vater nicht vorstellen, daß dein Kind hinter Klostermauern sehr unglücklich sein würde?“, scheuchte sie ihn aus seiner Einsilbigkeit.

„Nein, kann ich nicht“, kam es frostig vom Fenster zurück.

Frechheit!, dachte Wibe erzürnt. Deutlich fühlte sie ihr Herz heftiger schlagen. Das Blut in den Schläfen hämmerte dumpf. Am liebsten hätte sie ihm jetzt ihre wahren Gründe ins Gesicht geschleudert, weshalb sie Margareta keinesfalls an die Papstkirche abzugeben gedachte. Sie würde doch ihr Kind nicht einer priesterlichen Herrschaft ausliefern, die zu oft mit verwerflichen Praktiken religiös bedenkliche Ziele verfolgte. Schließlich hatte sie darüber gelesen. Auch darüber, daß der größte Teil der Geistlichkeit moralisch zutiefst verkommen und deshalb antichristlich war.

Die Verweltlichung der Kirche und der Sittenverfall unter den Predigern hatten Wibes ehemals bedingungslose Hingabe an den katholischen Glauben und die Kirche erschüttert. Ohne daß ihr papstergebener Mann es bisher bemerkt hatte, las sie in jeder freien Stunde heimlich historische und philosophisch-theologische Bücher. Daneben mit wachsendem Wissensdurst sogar solche mit ketzerischem Inhalt. Ein junger Pater, dem sie Verschwiegenheit gelobt hatte, steckte ihr diese Literatur hin und wieder heimlich zu.

Sollte sie nun Claus Junge offenbaren, daß sie sogar aus namhaften Publikationen viel Ungeheuerliches über Geschichte und Hintergründe des Kirchenwesens erfahren hatte? Daß die katholische Kirche nicht mehr ihre Kirche sein konnte? Die Geldgier, mit der Rom die Gläubigen nach Strich und Faden ausbeutete, wurde da genau beschrieben. Das hatte den ersten Graben zwischen ihr und dem Papsttum aufgeworfen. Wibe erinnerte sich zum Beispiel an die Streit- und Kampfschriften eines Johannes Hus, der vor hundert Jahren als Ketzer verbrannt worden war.

Wie Schuppen von den Augen war es ihr damals gefallen, als sie die drastische Bußpraxis der Kirche mit ihrem rigoros betriebenen Ablaßhandel durchschaute. Es empörte sie, daß die Geistlichkeit das Maß des zu vergebenden Seelenheils ausschließlich nach dem Wohlwollen und der Großzügigkeit der Almosenspender berechnete. Geld als Gegenwert für die Gnade Gottes! Der Gedanke, daß sich auch ein Claus Junge sein Seelenheil erkaufte, so oft es ihm paßte, ekelte Wibe an. Nur durch solche Leute kam mancher Prediger zu reichgesegneten Pfründen. Noch verwerflicher fand sie die Unzucht, die in der Priesterschaft bis hinauf in höchste Kirchenkreise mit Konkubinen und Huren unverhohlen betrieben wurde. Sogar unter Mönchen in Klöstern.

Unbändiger Zorn packte sie. Wie konnte der Mann, der ihr da noch immer nur den Rücken zeigte, ihr und sich selbst diesen Selbstbetrug zumuten? Sie war überzeugt, daß sich zumindest die gebildeten Leute im Lande und bestimmt auch einige Achtundvierziger aus der Regierung über den kranken Zustand der Kirche im klaren waren. Es konnten nur politische Gründe sein, daß sie so eisern an Rom festhielten. Aber welche nur?

„Du wirst mir auf der Stelle sagen, warum du Margareta ins Kloster stecken willst!“, schrie sie ihn aus dem dichten Gedankengestrüpp an, in dem sie sich verfangen hatte. Die mächtigen Schultern vor ihr drehten sich aufreizend langsam herum. Ein Gesicht, unbeweglich wie eine Maske und doch von höchster Verärgerung gerötet, wandte sich ihr mit zusammengepreßtem Mund zu. Nur unmerklich bewegte sich der schmale Strich unter der wuchtigen Nase. „Als Braut Christi wird meine Tochter unserem Herrn ganz nah sein dürfen, seine Barmherzigkeit unmittelbar erlangen und ebenfalls das ewige Seelenheil.“

Fassungslos starrte Wibe ihren Mann an. Das war Zynismus in gemeinster Form! Daß seine Frömmigkeit verlogen war, wußte sie ja. Daß er damit sogar vor den Predigern bis zur Selbstverleugnung buckelte, hatte sie mehrfach mit Abscheu erlebt. Daß der Kerl es aber wagte, mit seiner dümmlichen Anspielung auf religiöse Heilsversprechen ihre mütterliche Sorge hintenan zu stellen und als nebensächlich abzutun, traf sie beinahe wie ein Schlag. Er hält mich für naiv und beschränkt, durchfuhr es sie. Er hatte einfach nichts verstanden.

„Bist du noch ganz bei Trost?“, fauchte sie ihn an.

Verblüfft und gleichsam zornig zog er die Brauen hoch. Wibe hielt seinem Blick stand. Sah ihn kämpferisch an. Als wollte sie ihm zeigen, wie sehr sie seine Nichtswürdigkeit verachtete. Aber Claus Junge schien ungerührt, als sei sein Gewissen reiner denn je. Er glaubte jedoch zu erahnen, daß in seiner Frau Ungeheuerliches vor sich gehen mußte.

„Schluß jetzt! Ich will nichts mehr davon hören!“ Grimmig streckte er sein Kinn vor, als dulde er keinen Widerspruch.

„Nichts mehr davon hören?“ Wibe spürte, daß ihre Hände zitterten. „Du wirst dich wundern!“ Zu allem entschlossen ging sie auf ihn zu, näherte sich ihm, bis sie seinen Atem spürte. „Jedenfalls werde ich nicht zulassen, daß du Margareta für deine niederträchtigen Absichten mißbrauchst!“, schrie sie ihm ins Gesicht.

Entgeistert glotzte er sie an. Was heißt hier, nicht zulassen, dachte er grimmig. Lehnt mein eigenes Weib sich etwa gegen mich auf? Drohend verengten sich seine Augen zu Schlitzen. Wie erstarrt verharrte Wibe auf der Stelle, erwartete sie doch jeden Augenblick einen seiner jähzornigen Anfälle. Dann konnte er sogar roh, brutal und gewalttätig sein.

Eigenartig, wurde ihr mit einem Mal ihre wehrlose Lage bewußt, wie einsam und ganz auf sich allein angewiesen ein Mensch doch sein konnte. Hatte der Kerl sie denn schon so weit unterjocht und demoralisiert, daß sie nicht einmal mehr die Kraft fand, ihm zu entfliehen? Um keinen Preis jedoch wollte sie sich ausschließlich mit der trügerischen Zuversicht begnügen, daß der Leidensweg irgendwann einmal ein Ende haben würde. Wie aber sollte sie das weitere Zusammenleben mit diesem Mann seelisch durchstehen? Da verblieb einem doch eigentlich nur der Glaube, die Religion, suchte Wibe verzweifelt nach einem Ausweg. Doch bei diesem Gedanken stellte sich bei ihr eine eigenartige Hilflosigkeit ein. Die Kirche war inzwischen so unglaubwürdig für sie geworden, dachte sie bestürzt, daß sie ihr keinen wirklichen Halt mehr geben konnte. Wie oft schon war sie ihr in letzter Zeit einen sinnvollen Rat schuldig geblieben, wenn sie dessen in ihrer Not bedurfte. Aber was der Vatikan auch tat, war er nicht ausschließlich mit sich selbst und damit beschäftigt, seine Macht für alle Ewigkeit zu festigen?

Mit dieser Einstellung, dessen war Wibe sich bewußt, war sie nach dem Verständnis der katholischen Kirche eine Glaubensfeindin. Deshalb auch würde sie ihre religiöse Gegnerschaft zu Rom niemals jemandem anvertrauen. Schon gar nicht ihrem Mann. Als Abtrünnige der Kirche müßte sie im streng katholischen Dithmarschen schwerste Strafen auf sich nehmen. Und Claus Junge würde dann niemals zu ihr halten. Im Gegenteil. Er würde sie sogar verdammen.

„Habe ich richtig gehört? Ich würde meine Tochter für niederträchtige Absichten mißbrauchen, sagtest du?“ Dabei sah Junge seine Frau unheilvoll an. Was nur bildete sich dieses Weib ein, entrüstete er sich. Es schien wohl wieder an der Zeit, dieser Frau einen Denkzettel zu verpassen. Sie sollte sich ja in acht nehmen!

Wibe faßte allen Mut zusammen, Junge in einem letzten Versuch bei seiner Tochterliebe zu packen: „Als Mutter wüßte ich schon gern, was meine Tochter eines Tages dazu meint, daß ihr Vater eine Klausnerin aus ihr machen möchte.“

„Das wäre ja noch schöner“, entgegnete er mit scharfer Stimme höhnisch.

„Laß uns sie doch wenigstens in drei oder fünf Jahren einmal befragen“, blieb Wibe hartnäckig, wählte nun aber einen vorsichtigen Ton.

„Habe ich nicht Nein gesagt?!“, stieß er ihren Versuch, sein Vaterherz zu rühren, unwirsch zurück. „Selbst mit elf oder auch deizehn Jahren ist ein Mädchen einfach zu dumm, um die Entscheidung seines Vaters richtig zu verstehen.“

Die Abfuhr entflammte Wibes Empörung aufs neue. „Denk, was du willst, Claus Junge. Aber meine Tochter hat zumindest ein Recht darauf zu wissen, was ihr Vater mit ihr vorhat.“ Nun war ihr alles egal. „Du hoffst doch nur“, schrie sie ihn erneut an, „mit einer zukünftigen Nonne in der Familie bei den Leuten da draußen Eindruck zu schinden. Du willst nichts anderes, als dir mit deiner Tochter einen Heiligenschein aufsetzen. Gib’s zu!“

Junge schnappte erregt nach Luft. Das schien zu viel für ihn. Fahrig fummelten seine Hände an den Wamsschleifen herum. Wibe war auf einen Wutausbruch gefaßt. Gleichzeitig spürte sie mit lustvoller Gleichgültigkeit, wie in ihr alle Dämme der Selbstbeherrschung brachen.

„Schämst du dich als Vater nicht“, hieb sie noch heftiger auf ihn ein, „von deiner Tochter zu verlangen, daß sie ihre blühende Jugend gegen das traurige Schicksal einer weltabgewandten Klosterfrau tauschen soll?“

Und dann vollends aufgebracht: „Soll sie irgendwo hinter Klostermauern versauern und sich grämen, nur damit du dein Ansehen als Großbauer und Politiker vor aller Welt aufpolieren kannst?“

Kaum hatte sie ihre Wut hinausgeschrien, war sie sich sofort im klaren: Jetzt bist du einen Schritt zu weit gegangen! Doch nun war es zu spät. Die Anklage war nicht mehr zurückzunehmen. Vielleicht aber war es sogar besser so, dachte sie plötzlich wie von aller Last befreit. Denn auf einmal fühlte sie sich wundervoll erleichtert. Das versetzte sie selbst in Staunen. Schadenfroh dachte sie, ihr Vorwurf müßte ihn zutiefst gekränkt haben. Denn Claus Junge gehörte dem höchsten Regierungskollegium der achtundvierzig Richter und Regenten des Landes an und hatte in dieser Eigenschaft zur Zeit ein großes Problem: Sein Ruf als ehrenhafter Achtundvierziger stand im Ratskollegium auf dem Spiel. Die Information darüber war ihr heimlich zugetragen worden.

„Was soll dein Geschwätz vom Bösewicht, der seine arme Tochter ins Unglück stürzen will?“, riß Claus Junge sie bissig, doch auffallend gelassen aus den Gedanken. Allerdings schien ihr, als schwinge in seinem Unterton so etwas wie gestelzte Überheblichkeit mit. Seine unerwartete Selbstbeherrschung überraschte sie. Doch er würde bestimmt nicht so vor Überlegenheit strotzen, dachte sie sarkastisch, ahnte er auch nur im entferntesten, was sie alles über ihn wußte.

Bei einem Viehhandel auf dem Wochenmarkt in Heide, dem Zentralort des Landes, sollte er nämlich einen braven Bauern übers Ohr gehauen, also betrogen haben. In Dithmarschen war das eines ehrenwerten Mannes unwürdig. Eines Achtundvierzigers allemal. Der Zwang zur Makellosigkeit erlaubte einem Ratsangehörigen keine auch noch so harmlos erscheinende Gaunerei, wie sie vielleicht einem einfachen Bürger zugestanden worden wäre. Für einen Achtundvierziger also ein schweres Vergehen, was Junge sich da geleistet hatte, stellte Wibe mit klammheimlicher Freude fest. Schließlich gehörte die Ehre eines Mannes ebenso wie die einer Frau mit zu den höchsten Tugenden im Land. Wurde sie verletzt, traf es gleich die ganze Sippe und das Geschlechterbündnis des Betroffenen. Beide Verbände hatten dann dafür zu sorgen, daß der Versager die Schmach vor aller Welt sühnte. Im schlimmsten Fall wurde er geächtet, aus der Schutzgemeinschaft seines Geschlechterbundes ausgestoßen und für vogelfrei erklärt. Damit verlor er aber seinen Rechtsschutz und tat dann gut daran, seine Heimat zu verlassen. Manchmal drohte ihm sogar die Todesstrafe! Schon allein deshalb würde Claus Junge weiter an seinem gemeinen Plan festhalten, die Zukunft ihrer Tochter zu opfern, nur um sich auf diese Weise reinzuwaschen. Schon allein deshalb, so dachte Wibe, hätte jeder Widerstand gegen ein Klosterdasein ihres Kindes nicht die geringste Aussicht, ihn zu beeindrucken. Wegen seiner angeknacksten Ehre stand er unter erheblichem Druck. Sie war überzeugt, daß er über Leichen gehen würde, selbst über die seiner engsten Angehörigen, nur um seine Haut nicht auf den offenen Markt tragen zu müssen.

Im Ratskollegium, so wußte Wibe, spielte bei der moralischen Beurteilung eines Ratsmitglieds vor allem auch die öffentliche Wertschätzung seiner Familie eine wichtige Rolle. Standen Frau und Kinder eines Regenten in hohem Ansehen, ging das Ratskollegium mit dem Betroffenen nachsichtiger um. Kein Wunder also, daß ihr Mann mit einer nach außen hin sittlich intakten Familie seinen angeschrammten Ruf wieder blank putzen wollte. Wibe war überzeugt, daß er den tiefverwurzelten Katholizismus im Volk als letzten Trumpf ziehen und damit sein Spiel sogar gewinnen würde. Würde er sich nämlich als Vater einer zukünftigen Klosterfrau präsentieren können, erwiese sich die mächtige Geistlichkeit des Landes bestimmt dankbar. Sie würde das Ratskollegium dazu drängen, gegen den Achtundvierziger Claus Junge Milde walten zu lassen. Und kirchentreu, wie sie nun mal waren, würden die Regenten der Empfehlung der Priesterschaft blindlings folgen. Dann könnte Claus Junge wieder in seiner einstigen Wichtigkeit schwelgen.

„Nach den Gesetzen unseres Landes und vor Gott, unserem Herrn“, so versuchte Claus Junge sie mit gespielt feierlicher Stimme zur Raserei zu bringen, „mußt du nun mal als meine Frau unser beider Schicksal gemeinsam mit mir teilen, und zwar bis ans Lebensende. Auf Gedeih und Verderb.“ Der letzte Satz triefte vor Hohn.

Am liebsten hätte Wibe in sein hämisch grinsendes Gesicht gespuckt, obwohl sie solche Gemeinheiten von ihm gewohnt war. Stets griff er darauf zurück, wenn er sie zur Unbeherrschtheit reizen wollte, um sich anschließend daran zu ergötzen. Doch diesmal hielt sie mit ihrem Zorn zurück – und schwieg. Schließlich war über Margaretas Zukunft noch nichts entschieden, zwang sie sich zur Ruhe. Also würde sich Claus Junge möglicherweise auf andere Weise dem Ratskollegium anbiedern müssen. Aber auch das würde ihm leicht fallen. Wibe beherrschte sich, tat, als träfe seine Gehässigkeit sie nicht.

Abfällig fuhr er fort: „Und noch eines darfst du auf keinen Fall vergessen: Nicht du, sondern ich habe das Geld und bestimme, wofür es ausgegeben wird. Auch im Falle der Zukunft unserer Tochter.“ Genüßlich fügte er in ironischem Ton hinzu: „Dir verbleiben ja noch deine unerfüllten Sehnsüchte.“

Angewidert von seinem Zynismus, warf Wibe in verletztem Stolz den Kopf in den Nacken. Sie legte keinen Wert mehr auf einen weiteren Wortwechsel mit ihm. Hastig wollte sie den Raum verlassen. Sie mußte sich schleunigst von seiner Anwesenheit befreien. Sonst würde ihr noch speiübel, dachte sie.

Doch Junge ließ nicht locker, wollte Wibe erneut herausfordern. Selbstgefällig grinste er: „Du wirst dich also wohl oder übel meinem Willen unterordnen müssen. Schließlich bist du das dem guten Ruf meines Namens und dem Glanz meines hohen Regierungsamts schuldig.“

„Ich bin dir gar nichts schuldig“, fuhr sie ihn an.

„Was du mir schuldest, bestimme ich, nicht du. Ist das klar?“ Die Adern an seinen Schläfen schwollen mit einem Mal an. Wibe spürte, daß eine Katastrophe unabwendbar schien. Doch das war ihr jetzt völlig egal. Ihr Haß auf diesen Mann betäubte jedwede Rücksicht auf sich selbst. Wie im Rausch war sie mit einem Mal bereit, bis zum Äußersten zu gehen.

„Ich pfeife auf dich und deine Drohung“, faßte sie ihren ganzen Mut zusammen. „Ich tue, was immer ich für richtig halte.“ Sie fühlte sich wie von einer gewaltigen Flutwelle gepackt und irgendwohin hochgeschleudert.

„Halt dein freches Maul, oder …!“, brüllte Junge außer sich vor Zorn.

„… Oder? Schlag mich doch, du Mistkerl! Das ist doch das einzige, was du …“

Mitten im Satz flog ein Schatten auf sie zu. Instinktiv winkelte sie die Arme an, hob sie schützend vor den Kopf. Zu spät. Der Schlag traf sie mitten ins Gesicht. Er brannte wie Feuer. Doch viel schmerzlicher und weit grausamer traf sie seine Demütigung. Aber wie hätte sie sich dagegen wehren sollen? Kaum jemand im Land nahm es dem Mann übel, wenn er seine ihm angetraute Frau bestrafte, so wie er es für richtig hielt und wann immer er Lust dazu verspürte. Obendrein schützen ihn dabei Recht und Gesetz, kochte es in Wibe.

„Ich hasse dich!“, schrie sie außer sich vor Verachtung und Wut.

Zornbebend drehte sie sich um und stürmte mit zusammengepreßten Lippen zur Wohnstubentür. Kurz davor stockte ihr Schritt. Am Wandhaken neben dem Türpfosten hing Claus Junges Tsake, das zweischneidige Dithmarscher Kurzschwert. Die blanke Klinge mit den feinen Ziselierungen funkelte lockend. Der Griff mit den silbernen Ornamenten zog ihren Blick magisch an. Tu es!, zischte eine innere Stimme. Tu’s jetzt!

Einen Moment zögerte Wibe.

2

Todesangst kroch kalt in Heine Witte hoch. Sie war sich im klaren, daß die sieben Männer ihr nach dem Leben trachteten. Aus der Ferne ritten sie langsam auf sie zu. Sie hielten ihre Pferde dicht nebeneinander in einer Reihe, als wollten sie schon lange vorher mit ihrer Entschlossenheit imponieren, daß sie niemanden entkommen lassen würden.

Die junge Magd starrte von der kleinen Anhöhe unbeweglich in die Marschniederung vor sich hinein. Sie merkte, daß sie in Panik geriet, was sie krampfhaft zu verhindern versuchte. Doch sie wußte um ihre Todsünde, die sie begangen hatte. Deshalb auch rechnete sie nicht mit Nachsicht, was ihre Angst aber noch steigerte. Ausgerechnet in diesem Moment mußte sie an das grauenvolle Schicksal denken, daß vor Jahren zwei Mädchen hier erlitten hatten. Sie waren genauso leichtfertig gewesen wie sie. Auch sie hatten sich in jungfräulicher Keuschheit einem Mann unverheiratet hingegeben.

Als Heine zum ersten Mal sicher gewesen war, schwanger zu sein, hatte sie oft an die beiden armen Opfer denken müssen. Das eine, ein junges Ding aus Weddingstedt, hatte ein uneheliches Kind erwartet und war in Todesangst vor der Rache seiner Sippe in den Süden Dithmarschens geflüchtet, um sich dort zu verbergen. Seine Vettern jedoch holten das Mädchen zurück und begruben es bei lebendigem Leib in einem extra dafür ausgehobenen Erdloch.

Und dann gab es da noch diese schreckliche Rache des reichen Tiess Maess aus Wellinghusen, von der ihre Großmutter erzählt hatte. Weil seine Schwester von einem Fremden geschwängert worden war, ertränkte er sie im Winter.

Die sieben Männer kamen immer näher.

„Ich will noch nicht sterben!“, rief Heine plötzlich völlig verzweifelt aus.

Dabei blickte sie ratlos zu der alten Frau hinüber, die wenige Schritte von ihr entfernt vor einer armseligen, mit bemoostem Reetdach gedeckten Hütte stand. Ihre Gestalt in dem zerlumpten, mehrfach geflickten Umhang lehnte krumm gebeugt gegen die Tür. Voller Mitleid sah sie zu dem Mädchen herüber.

„Aber du weißt doch“, sagte die Greisin mit einer kläglichen Fistelstimme, „daß du gegen die Sittenreinheit verstoßen hast. Moral und Gottes Wille verlangen nun mal nach Sühne.“

Ergeben nickte Heine. Sie wußte nur zu gut: Erwartete eine Dithmarscherin aus einem unehelichen Liebesverhältnis ein Kind und trug es sogar aus, verletzte sie, ebenso wie bei einem Ehebruch, die Ehre der gesamten Sippe. Und das wurde von der eigenen Familie und dem Geschlechterverband, dem sie angehörte, grausam bestraft.

Auch Heine hatte ihr uneheliches Kind in aller Heimlichkeit geboren, und zwar dort in der Hütte mit Hilfe der alten Frau. Nicht weit von dem zerfallenen Gebäude entfernt, durfte sie sich in einem kleinen Heuschuppen aus morschen und wackligen Brettern mit ihrem Säugling versteckt halten. So lange, bis ihr Geliebter sie abholen würde. Das hatte der mit ihr und der Alten vereinbart. Heine hatte geduldig auf ihn gewartet – bisher jedoch vergebens.

„Ich will aber nicht sterben!“, bettelte die junge Mutter erneut in wilder Verzweiflung die Greisin an. „Bitte, hilf mir weiter“, flehte sie. „Du hast mich doch auch von meinem Sohn entbunden, hast es heimlich getan und damit sogar gegen das Gesetz verstoßen.“

„Dafür hat dein Claus mich auch gut bezahlt“, kicherte die alte Frau. Einer dämonischen Maske gleich, wellte sich über ihr kantiges Gesicht eine gelbbraune Runzelhaut. Das hochgestülpte und wirre Grauhaar wirkte auf Heine gruselig, obwohl die schrullige Einsiedlerin ihr das Leben gerettet hatte. Für sie blieb die geheimnisumwitterte Alte die Moorhexe, als die sie auch bei den Leuten bis nach Lunden und Wesselburen bekannt war. Alle mieden sie möglichst.

Bestimmt hatte sie einen Pakt mit dem Satan. Insgeheim fürchtete Heine sich vor dem Hutzelweib. Schließlich half sie nicht nur Schwangeren bei der Geburt ihrer Kinder. Sie stand, genau wie ihr, vor allem Mädchen bei, die sich als unverheiratete Jungfrauen folgenreich mit Liebhabern eingelassen hatten. Auch hieß es, sie würde als Engelmacherin Ungeborene wegmachen – mit geheimnisvollen Kräutertränken, schmerzhaften Körperstreckungen und qualvollen Eingriffen. Solche Folter endete meist mit dem Tod, hatte Heine gehört. Doch niemand wußte etwas Genaues.

Alle Frauen, die schon mal die Dienste des alten Weibes angenommen hatten und dafür gut bezahlen mußten, hüllten sich in Schweigen. Frauen seien zwar schwach, hatte eine erfahrene Freundin ihr einmal zugeflüstert, aber auch wieder nicht so dumm, daß sie sich durch Geschwätzigkeit ihrer allerletzten Hilfe selbst beraubten. Und Heines Angst vor der Rache ihrer Verwandten war weitaus größer gewesen als die vor dem Tod auf dem Kindsbett. Schließlich wäre sie für derartige Verbrechen von der Obrigkeit lebendig verbrannt worden.

„Hab’ keine Angst“, winkte die Alte das Mädchen eifrig zu sich heran, „du brauchst noch nicht zu sterben. Ich habe ein sicheres Versteck für dich und deinen Balg. Schließlich legt dein Claus bestimmt noch einiges drauf, wenn ich dein Leben rette.“

Ohne auf die Worte der Moorhexe zu achten, warf Heine auf dem Weg zum Haus noch einmal einen gehetzten Blick zu der Reitergruppe hinüber. Die war inzwischen auf wenige hundert Schritte herangekommen. Bei aller Todesangst, die sie zu beherrschen schien, dachte sie sehnsüchtig an ihren Geliebten. Später einmal wollte er mit ihr ein gemeinsames Leben aufbauen. So jedenfalls hatte er es ihr gelobt.

Doch würde eine Heirat nicht unlösbare Probleme für ihn mit sich bringen? Schließlich war sie jetzt ein gefallenes Mädchen und galt landauf landab als Hure. Und er stammte aus einer reichen und angesehenen Familie. Wer aber eine Hure zur Frau nahm, verriet nach den Sittengesetzen sein Vaterland.

Ob ihr Claus Manns genug war, sich darüber hinwegzusetzen, fragte Heine sich auf einmal bang. Da war sie sich nicht mehr ganz sicher. Eine Graswitwe jedoch, wie man alleingelassene Frauen nannte, wollte sie keinesfalls werden. Denn die blieben ein Leben lang einsam oder verließen das Land für immer.

Energisch stieß die Moorhexe die junge Mutter durch die Tür ins Haus. Die hatte jetzt nur noch einen einzigen Gedanken: Hoffentlich würde das Kind nicht schreien und so ihr gemeinsames Versteck preisgeben. Vorsorglich würde sie es gleich stillen, nahm sie sich vor.

Da hörte sie eine fluchende Männerstimme. Direkt vor dem Haus.

3

Wibes Gedanken rasten: Du brauchst nur noch die Hand nach dem Kurzschwert auszustrecken, dich umzudrehen und auf ihn einzustechen. Heiß schoß es durch ihren Körper. Sollte sie?

Doch sie zuckte zurück. Einen Menschen töten?

Sie horchte in sich hinein: Nein – niemals würdest du das tun können! Und statt Haß fühlte sie plötzlich nur noch lähmende Leere in sich. Wie schmerzhafte Stiche spürte sie den bohrenden Blick ihres Mannes von hinten im Nacken. Er mußte gemerkt haben, dachte sie entsetzt, daß sie wie gebannt auf die Waffe an der Wand starrte. Daß sie ihn verachtete, wußte er. Aber bestimmt war er sich ebenso sicher, daß sie ihn niemals würde umbringen können. Abrupt wandte sie sich von dem Kurzschwert ab und stürmte aus dem Zimmer.

Kaum aus der Tür, hastete sie die Holzstiege hinauf und floh in ihre Schlafkammer. Weinend und wütend über die entwürdigende Niederlage warf sie sich aufs Bett. Sie konnte es nicht fassen, daß sie beinahe nach der Tsake gegriffen hätte, um ihren Mann auf diese Weise für immer loszuwerden. Oh, mein Gott, stöhnte sie, wie tief bin ich schon gesunken!

„Oh, Gott Vater im Himmel, erbarme dich meiner!“, flehte Wibe. „Ich habe versagt. Verzeih mir. Ich schäme mich, auch nur einen winzigen Augenblick gedacht zu haben … Es tut mir leid. Bitte, erlaube mir, daß ich mich wieder mit dir versöhne – mit dir, mit den Menschen um mich und mit mir selbst.“ Sie kniete nieder und bat leise: „Erlaß mir meine Sünde, führe mich zum ewigen Leben. Amen.“ Dann legte sie sich aufs Bett, drehte sich auf den Rücken und starrte wie geistesabwesend gegen die Holzdecke.

Wie sehr verwünschte sie den Tag, an dem ihre Eltern sie als blutjunges, unschuldiges Mädchen in die Ehe mit diesem dreißig Jahre älteren Mann gezwungen hatten. Noch nicht einmal ihre Mutter hatte sie damals auch nur ein einziges Mal gefragt, ob sie diesen Mann überhaupt gern hätte, geschweige denn liebte. Und sie? Sie mochte den angesehenen Claus Junge von Anfang an nicht. Aber sie mußte ihren Eltern gehorchen, wollte ihnen auch nicht weh tun.

Später hatte dieser Mann sein wahres Gesicht gezeigt. Wibe fand ihn von Tag zu Tag verabscheuungswürdiger. In der Öffentlichkeit spielte er den eifernden Verfechter aller hehren Tugenden. Innerhalb der eigenen vier Wände jedoch hatte er seine eigene Wertevorstellung:

Frau und Kind besaß er, sich selbst aber liebte er.

Der Gedanke, seine Demütigungen womöglich bis zu ihrem oder seinem Lebensende ertragen zu müssen, hatte sie im Laufe der Jahre richtig krank gemacht. Stets fühlte sie sich hin- und hergerissen zwischen panischer Furcht vor der Zukunft und der verzweifelten Entschlossenheit, Claus Junges menschenverachtender Unterdrückung zu entfliehen. Denn wieviel Schmerz würde sie überhaupt noch aushalten können, fragte sie sich wieder und wieder bang. Aber: Wer würde sie und ihre Tochter aufnehmen, wenn sie ihren Mann verließe?

Zu ihren Eltern konnte sie nicht. Die lebten nicht mehr. Zu ihrem Bruder Olde Peter auf dem Stammsitz der Nannen im benachbarten Lunden mochte sie nicht hinziehen. Sie wollte ihm nicht zur Last fallen. Ihr Stolz verbot dies. Schließlich war er Großbauer, Schiffsreeder, Händler und als führender Achtundvierziger einer der mächtigsten Männer im Lande. Und er hatte weitaus größere Probleme, als daß er sich mit ihren privaten Schwierigkeiten hätte befassen können.

Niedergedrückt sah sich Wibe bereits in abgrundtiefer Schicksalsergebenheit versinken. Vom wirklichen Leben für verschollen erklärt. Denn eine Flucht aus der Hölle dieser Ehe schien unmöglich. Das sah sie ganz nüchtern. Schließlich war sie sich bewußt, daß es nach vorherrschender Moralauffassung der katholischen Kirche und der Dithmarscher Geschlechterordnung eine Todsünde war, den angetrauten Mann zu verlassen. In einem solchen Fall hätte sie als Frau einen hohen Preis zu zahlen. Mit Gewißheit würde sie den Gnadenschutz der Kirche verlieren. Außerdem spräche die Geistlichkeit ihr das Seelenheil ab. Oder belegte sie mit höchsten, unerfüllbaren Sündenstrafen. Dann bliebe ihr nur die Möglichkeit, diese der Kirche über den Ablaß abzukaufen – für ein Vermögen, das sie persönlich aber nicht besaß. Für die Schmach und Schande, die sie darüber hinaus ihrer Familie angetan hätte, würde sich die Sippe an ihr rächen. Obendrein würde der mächtige Geschlechterbund der Wurtmannen, dem ihre Kluft angehörte, sie aus dem Land jagen – so, wie es seit alters her Brauch war. Und sie müßte ihr einziges Kind für immer bei Claus Junge zurücklassen. Eine gräßliche Vorstellung!

Nur jetzt nicht die Nerven verlieren, versuchte Wibe bei dem Gedanken an ihre Tochter ihr seelisches Gleichgewicht wieder zu erlangen. Sie erhob sich vom Bett, ging in der Kammer erregt auf und ab und überlegte, wie sie ihr weiteres Leben zu führen hätte.

Beherzt rang sie sich schließlich zu einem bitteren Entschluß durch. In der Hoffnung, daß es irgendwann einmal eine wirkliche göttliche Gerechtigkeit geben würde, wollte sie um ihrer Tochter willen bei diesem Kerl bleiben. So schrecklich der Gedanke auch war. Doch mochte Claus Junge noch so roh und rabiat mit ihnen beiden umgehen, mochte er sogar weiter gewalttätig gegen sie sein, sie hätte doch niemals auch nur die geringste Chance, sich von ihm ungestraft zu trennen.

Sie war also bereit, jeden Preis zu zahlen, damit sie nur bei ihrem Kind bleiben konnte. Und wenn auch nur so lange, tröstete sich Wibe trotzig, bis Margareta einen Mann gefunden und eine eigene Familie gegründet haben würde.

Ihre Ausweglosigkeit schnürte Wibe beinahe die Kehle zu. Sie fühlte unsagbare Bitterkeit gegen dieses Ungeheuer von Mann. Plötzlich hatte sie das beklemmende Gefühl, in diesem Haus ersticken zu müssen. Nur raus hier, dachte sie mit einem Mal panikartig. Raus aus dieser Enge! Ihr war, als würde sie von allen Seiten erdrückt.

Im Geiste sah Wibe schon die platte, bis zum Horizont reichende Tiefebene der Marsch vor sich. Niemals würde sie die endlos weiten Viehweiden und die goldgelben Getreidefelder missen mögen. Sie hing an dieser Landschaft, die bis zum Horizont mit ewigem Frieden gefüllt schien. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach der freien Natur draußen, besonders nach den Kornblumen, die zu Tausenden die hochgrasigen Feldraine mit ihrem satten Blau betupfen. Schon roch sie den würzigen Duft der letzten weißen Kamille, deren hohe, dichte Stauden sie im Rhythmus des sanften Seewindes die Vorfluter sacht entlang tanzen sah.

Eilig erhob sie sich vom Bett, stieg behende in ihre Reitkleidung und hastete schnurstracks durch die hohe, weiträumige Diele des Bauernhauses. Vorbei an korndreschenden Knechten und Mägden, die sich neugierig, aber nur kurz nach ihr umdrehten. Wibe blickte weder nach links noch nach rechts. Das gleichmäßige Klopfen der Dreschflegel vernahm sie bald nur noch von fern.

Schon von weitem streckte Hedda Wibe freudig wiehernd ihren Kopf über die Stallbrüstung entgegen. Wie zur Begrüßung nickte der Rotfuchs mehrmals heftig mit dem schmalen, wohlgeformten Kopf auf dem schlanken Hals. Zu beiden Seiten der winzigen weißen Flocke auf der Stirn glänzten dunkelbraune Augen. Wibe liebte ihr Pferd. Mit eigener Hand hatte sie es als Fohlen aufgezogen. Schon früh hatte es seine Mutter verloren. Nicht lange, und beide waren ein Herz und eine Seele geworden. Lächelnd dachte Wibe an Heddas Bemühen, ihr treue Freundschaft zu zeigen: Grundsätzlich duldete sie niemanden auf ihrem Rücken – nur sie, Wibe.

Einen Augenblick lang dachte Wibe an ihren Mann, der ihre Pferdeliebe boshaft hysterischen Weiberkram nannte. Nie hatte er sich mit dem Gedanken befaßt, daß ein Mensch ein anderes Lebewesen brauchte, und sei es ein Tier, um sich selber zu spüren, sich selbst zu erleben. Ihre, Wibes, Gegenwart jedenfalls hatte er seit Jahren nicht mehr wirklich gesucht. Deshalb würde er sie auch diesmal bestimmt nicht vermissen, wenn sie für Stunden das Haus verließ.

Übermannt von einer plötzlich aufkommenden ungestümen Liebe zu dem Pferd, legte sie ihren Arm um denHals der Stute. Um nichts in der Welt würde sie es jemals hergeben. Tapfer schluckte sie das leichte Würgen im Hals herunter. Gerührt empfand sie Heddas Wärme, die wohltuend ihren Körper durchdrang. Dankbar streichelte sie den Nasenrücken des Tieres. Dann hob sie den Sattel vom Balken, und schon kurz danach ritt sie zum Hof hinaus in das Gegenlicht der Mittagssonne.

Der angebrochene Tag würde sicher noch viele schöne Stunden für sie bereithalten. Nach dem Streit mit ihrem Mann ein Geschenk des Himmels, dachte sie. Beschwingt schnalzte sie, das Pferd zum Trab anspornend, mit der Zunge.

Wenig später schon genoß Wibe Heddas völlige Losgelassenheit. Fordernd preßte sie die Unterschenkel entlang des Sattelgurts gegen den Leib des Rotfuchses und feuerte ihn mit einem lauten, jubelnden Ruf an. Sofort wechselte das Pferd vom Trab in den Galopp. Nach jedem Dreitakt des dumpfen Hufaufschlags auf dem ausgetrockneten Kleiweg folgte für einen Moment der schwebende, raumgreifende Sprung. Wibe spürte förmlich Heddas Kraft in den Hinterbeinen. Wuchtig stießen die sich vom Boden ab. Geschmeidig streckte sich der rotbraune Körper, der schlanke Hals dehnte sich. Der Rücken schwang federnd auf und ab.

Wibe durchflutete ein triumphales Glücksgefühl. Endlich frei! Endlich weit weg von der Tyrannei ihres Mannes. Endlich ohne Angst, ohne Tränen.

Als hätte sie alle Fesseln ihrer Ehe für immer gesprengt, streckte sie ergriffen und begeistert zugleich den rechten Arm empor, wollte das unendlich hohe Blau des Himmels mit der Hand streifen. Ihr war, als würde sie, federleicht wie eine Wolke, über die karge, baumlose und sich tief duckende Niederung dahinschweben. Es gab keine erdrückende Unsicherheit mehr, keinen quälenden Gedanken. Vor allem nicht mehr die bange Frage, was aus der unerträglichen Gemeinschaft mit Claus Junge einmal werden würde.

Der Junge-Hof lag inzwischen weit hinter ihr zurück. Hedda trottete wie schläfrig im Schritt einher. Da hörte Wibe das gleichmäßige Rauschen der nahen See. Aufmerksam horchte sie hin, glaubte die Flüstersprache der zischenden und sprudelnden Wellen zu verstehen, den Sinn ihrer geheimnisvollen Laute zu deuten und aus ihnen die ersehnte innerliche Ruhe zu schöpfen. Ihre Seele lehnte sich zurück, und sie empfand die leichte Brise, die vom Meer her leise über den nahen Deich strich und ihr mild entgegenwehte, wie eine Erlösung aus dem erdrückenden Chaos ihrer verwüsteten Ehe.

Sie fühlte ihren schlanken Körper vom Wind umarmt, die Haut ihrer bloßen Arme sanft berührt. Erfrischend strich er über ihr schmales Gesicht und spielte mit dem dick geflochtenen, rückenlangen Zopf des rotblonden Haares auf ihren Schultern. Wibe trieb Hedda erneut zum Galopp an, wollte den Wind noch intensiver spüren.

Plötzlich straffte sie die Zügel. Ihr war etwas durch den Kopf gegangen, das sie nicht mehr losließ. So verlockend erschien es. Der Rotfuchs tänzelte verhalten auf der Stelle. Vom schnellen Lauf noch stoßartig atmend, wendete er, von Wibe gedrängt, auf der Hinterhand ruckartig zur Seite und stob aus dem Stand wieder zurück ins Landinnere. In der Ferne streckte die Kirche von Wesselburen ihre Turmspitze weithin sichtbar in die Höhe. Wie von einer geheimnisvollen Macht angezogen, lenkte Wibe ihr Pferd geradewegs auf den Hauptort der Nordermarsch zu.

Dort predigte heute der junge Geistliche Hinerk Grove aus Neuenkirchen. Beide verband ein wohlgehütetes, gefährliches Geheimnis. Der Gedanke, ihn wiederzusehen, erregte Wibe auf seltsame Weise.

4

Mit roher Gewalt zerrte der grobschlächtige Bursche Heine Witte an den Haaren aus der halb eingefallenen Lehmhütte. Das junge Ding versuchte verzweifelt, seinen Körper mit ausgestreckten Beinen gegen den eisernen Griff zu stemmen. Grauenvolle Angst verlieh der Heranwachsenden unbändige Kraft. Doch der Mann war stärker. Mit Entsetzen wurde der Sechszehnjährigen mehr und mehr klar, daß nur noch ein Wunder sie würde retten können.

Bei dem Gedanken umschlang sie in wilder Panik ein Bündel aus Tuchfetzen vor ihrer Brust. Schützend preßte sie es an ihren Körper, als wollte sie den kleinen Ballen Stoff gegen alles Böse dieser Welt verteidigen. Da löste sich aus der zerfransten, schmutzigen Hülle ein helles, spitzes Stimmchen. Gellend und herzzerreißend. Ein Säugling!

Die junge Mutter stöhnte und schrie vor Schmerzen. Der ausgestreckte Arm des Mannes stieß sie immer wieder brutal vorwärts. Mehrmals stolperte sie dabei und fiel beinahe hin. Taumelnd stakste sie mit steifen Schritten mal nach vorn, mal zur Seite. Nur ein zerrissener knöchellanger Rock umhüllte ihre schmale, zerbrechliche Figur. Tief vornübergebeugt hing sie an der kräftigen Hand des muskulösen Burschen. Richtete sie sich auf, drückte er ihren Kopf gleich wieder mit einem Ruck nach unten.

„Her mit der Hure und ihrem Balg!“ Ein schlanker, hochgewachsener Mann mit tiefer Stimme zeigte befehligend vor sich auf die Erde.

Es war Peter Swyn aus Lehe bei Lunden, einer der reichsten Großbauern im Lande und gleichzeitig führender Politiker im Ratskollegium der Achtundvierziger. Er stand unweit von dem eingefallenen Haus, in dem sich Heine Witte mit ihrem Säugling versteckt hatte. Selbstbewußt, entschlossen und sicher in seinem Erscheinungsbild, so wartete Swyn auf den Knecht mit dem Opfer.

Unverhofft fiel dabei sein Blick auf die bucklige Greisin im offenen Hauseingang. Die Moorhexe!, durchfuhr es ihn. Von ihrem sündhaften Treiben an unehelich geschwängerten Mädchen und auch an schwangeren Frauen hatte er schon gehört. Ihr Gesicht war ein einziger Faltenberg. Swyn erschrak zutiefst. Noch nie hatte er einen Menschen gesehen, der von einem langen und bestimmt entbehrungsreichen und leidvollen Leben so schauderhaft gezeichnet war wie die Alte. Wie ein Schwur schoß es ihm durch den Kopf: Niemals will ich so alt werden wie die da!

Beinahe körperlich spürte er den bösen Blick der Frau. Als die bemerkte, daß sie von ihm beobachtet wurde, drohte sie ihm mit der Faust und humpelte in die Dunkelheit des Hausinneren.

Swyn wandte sich den sechs Männern zu, die sich inzwischen um ihn herum gruppiert hatten und gierig auf das heranstolpernde Mädchen lauerten. Der eine von ihnen, Bojen Herring aus Flehde, war, ebenso wie Swyn, ausgewählt gekleidet. Beide trugen kostbare samtene Wämser mit farbigen Schlitzungen, die den Stoff an Brust und Schultergelenken weiteten. Kunstvoll gewebte Nesteln schmückten die Aufschläge der pludrigen Ärmel. Die Beine steckten in bauschigen Kniebundhosen. Die enganliegenden Strümpfe endeten in Halbstiefeln.

Am goldbeschlagenen Ledergürtel hing die Tsake in einem Schaft aus feinstem Leder. Dessen kunstvoll verzierte Samtauflage verriet erlesenen und teuren Geschmack der Träger. In purem Gold schmückten feingliedrige Ornamente Griff und Knauf der Kurzschwerter. Swyn und Herring hatten sich nie gescheut, ihren Reichtum und ihre herausragende gesellschaftliche Stellung aller Welt in herrschaftlichem Stolz zu zeigen. Und als Zeichen des freien Mannes trugen sie, wie die meisten Bauern im Lande, langes, auf die Schultern herabhängendes Haar.

Beide gehörten zum klar umrissenen Kreis der wenigen großen Bauernfamilien, die Dithmarschens Politik und Wirtschaft in Wirklichkeit lenkten. Diese Oberschicht stellte die meisten Achtundvierziger. Auf Lebenszeit ins Ratskollegium der Republik gewählt, beanspruchten sie die Schalthebel der Macht für sich allein. Swyn und Herring gehörten zu ihnen. Beide stammten aus dem bedeutenden Geschlecht der Wurtmannen, eines von über achtzig Geschlechterbündnissen in Dithmarschen.

„Hier hast du die beiden“, schleuderte der Grobschlächtige, laut auflachend, das Mädchen zusammen mit dem Säugling vor Swyns Füße in den Sand. „Freiwillig wollte sie nicht mitkommen.“

Mitfühlend blickten Swyns und Herrings Hofknechte auf die junge Mutter hinunter im Staub. Die Männer hatten halblange Ärmelröcke an, zusammengehalten von einem schmalen Gürtel. Darunter weite Röhrenhosen aus einfachem, hausgewebtem Leinen, wie sie in Dithmarschen seit altersher von den Männern bevorzugt wurden.

Swyn sah verächtlich auf die gekrümmte Gestalt vor sich auf dem Boden hinunter. Er und Herring waren gekommen, um das Mädchen mit dem Neugeborenen nach Lunden zu holen. Dort sollte die junge Mutter vor Gericht gestellt werden. Swyn hatte keinen Zweifel, daß die Geschworenen die höchste Strafe aussprechen würden, nämlich Tod durch Ertränken oder den Scheiterhaufen.

Heine Witte hätte nach der Geburt ihres Sohnes mit dem Säugling das Land verlassen, hätte der Vater des Kindes ihr nicht die Heirat versprochen. Denn natürlich wußte sie, daß kein Geschworenengericht in Dithmarschen in ihrem Fall würde Gnade vor Recht ergehen lassen. Schließlich hatte sie die Ehre ihrer Sippe und die des gesamten Kirchspiels unwiderruflich verletzt.

„Du bist Heine Witte?“ Swyn gab sich kurz angebunden und streng, obwohl ihm das junge Ding plötzlich leid tat.

„Ja, ich bin Heine Witte“, hörte er das Mädchen wimmern.

„Du bist dir bewußt“, fragte er mit erhobener, fast feierlicher Stimme eines Anklägers, „daß du gegen das Gesetz der Keuschheit verstoßen hast und das, was du tatest, vor unserem Herrn und der Heiligen Jungfrau Maria Todsünde ist?“

„Ja, ich weiß“, jammerte Heine unterwürfig, als bettele sie um Sündenvergebung. „Ich komme aus Lunden“, sprudelte es eilfertig aus ihr heraus, „und stamme aus dem Geschlecht der Wittemannen. Ich habe bei einem Bauern auf Blankenmoor in Neuenkirchen als Magd gearbeitet …“

„… und dich mit einem schweinischen fremden Kerl eingelassen.“

Heine nickte heftig bejahend mit dem Kopf und schlug dabei, noch immer vor Swyn kniend, verschämt die Augen nieder. Das Köpfchen ihres Säuglings, der noch aus Leibeskräften brüllte, hielt sie dabei mit der rechten Hand fest an ihren Hals und wiegte den winzigen Körper behutsam vor ihrer Brust hin und her, um das Kind zu beruhigen.

„Daß wir dich nach Lunden zurückholen und bestrafen werden, ist dir wohl klar?“ Mit scharfer Stimme übernahm Bojen Herring nun das Verhör.

Er war klein, von gedrungener Statur, und sein Oberkörper schien in seinem fülligen Leib zu versinken. Er schwitzte. Die Sonne stand hoch am strahlendblauen Himmel. Der kühle Abend war noch sehr weit. Außerdem hatte Herring fürchterlichen Durst und seit Stunden nichts mehr gegessen. Er war denkbar schlecht gelaunt.

Heine nickte wieder beflissen, so daß ihr langes, streng nach hinten gekämmtes, aber klebriges Haar sich strähnenweise löste und ins Gesicht fiel.

„Wer ist dieser Hurenhengst, der dich geschwängert hat?“ Herrings Frage traf Heine wie ein Peitschenschlag. Sie zuckte zusammen, duckte sich, winkelte den freien linken Arm an und hob ihn schutzsuchend hoch.

„Ich wollte es nicht tun“, winselte sie, „doch ich liebe diesen Mann.“

„Seinen Namen!“, fauchte Herring. Sein Gesicht rötete sich. Seine Geduld schien am Ende. „Du hast über unser Kirchspiel Schande gebracht“, fuhr er sie barsch an, „wie nur stehen wir da vor all den anderen Kirchspielen und Geschlechtern?“

Wieder antwortete das Mädchen übereifrig mit ergebenem Kopfnicken. Es tat, als würde es den Kummer durchaus verstehen, den es seinem Kirchspiel bereitet hatte. Insgeheim jedoch versuchte die junge Mutter nur die unterwürfige Sünderin zu spielen, um so Herrings Wohlwollen zu gewinnen. Viel Hoffnung jedoch machte sie sich nicht. Oft genug hatte sie gehört, daß besonders Achtundvierziger kein Erbarmen kannten, wenn es um den Verstoß gegen jungfräuliche Unberührtheit ging. Schließlich waren die meisten von ihnen außer Regierungsmitglieder auch Häupter mächtiger und sittenstrenger Geschlechter.

„Die Geschworenen in Lunden werden über dein weiteres Schicksal entscheiden“, sagte Swyn kurz angebunden, als wollte er den Wortwechsel abbrechen. Ihm ging das sinnlose Hin und Her auf die Nerven.

Ebenso wie den anderen in der Gruppe, war auch ihm klar, daß es für Heine kein Entrinnen aus ihrer ausweglosen Lage geben würde. Daß ihre schwere Verfehlung nur durch den Tod gesühnt werden konnte, das schrieben die Bundbriefe vor. Ihre Gebote und Verbote waren den Geschlechterverbänden heilig. Für eine Übeltäterin hieß das in aller Regel, entweder freiwillig, also selbstmörderisch ins Wasser zu gehen oder von eigenen Verwandten getötet zu werden. Nicht ein einziges Kirchspiel in Dithmarschen hatte in der Jahrhunderte langen Geschichte des Landes in solchen Fällen Milde walten lassen.

„Zum letzten Mal!“, schrie Herring sie erneut an. „Entweder du nennst auf der Stelle den Namen des Kerls, oder wir nehmen dir das Kind weg.“ Er packte Heine bei den Schultern und schüttelte das Mädchen brutal durch.

„Nein, nein, bitte nicht“, schrie Heine erschrocken auf.

Plötzlich war ihr klar, daß es völlig hoffnungslos war, von diesen Männern Barmherzigkeit zu erwarten. In ihrer Not begann sie leise vor sich hinzubeten und wandte sich hilfesuchend an die Heilige Mutter Maria. Zusätzlich flehte sie laut und jammervoll die beiden Heiligen Valentin und Georg um Beistand an. Doch sie war sich nicht ganz sicher, ob die Kirche und ihre Heiligen sie überhaupt noch anhören, geschweige denn ihr verzeihen würden. Hatte sie nicht jeglichen Anspruch auf göttliche Vergebung verwirkt? In ihrer Angst leierte sie murmelnd einige Male das Vaterunser herunter.

Die Männer um sie herum beobachteten sie stumm und verlegen, bis einer der Knechte beherzt die Stille durchbrach. Er ergriff Heine am Rockträger und riß sie mit einem Ruck vom Boden hoch. Als habe sie mit dem Leben abgeschlossen und wollte von ihrem Kind für immer Abschied nehmen, schlang sie ihre mageren Arme eng um den Säuglingskörper. Oh, mein Gott, ich werde jetzt sterben müssen, dachte sie entsetzt. Dabei starrte sie Swyn und Herring wie ein gehetztes Tier mit weiten Augen an.

Doch unbeeindruckt und energisch ging Herring auf Heine zu, baute seine massige Gestalt drohend vor ihr auf: „Schluß jetzt! Zum letzten Mal: Wer ist der Vater des Kindes?!“

„Ihr werdet seinen Namen niemals erfahren!“, zischte Heine ihn an und wich einen Schritt zurück. Ihre anfängliche Todesangst war auf einmal wie verflogen. Sie war nur mehr wild entschlossen, sich nicht mehr einschüchtern zu lassen. Wie ein Blitz durchfuhr sie zum ersten Mal der Gedanke an Flucht. Aufgeregt schlug ihr Herz.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie die Viehweide, wo die sieben Pferde der Männer neben einem hohen Karren grasten. Auf dem Wagen befand sich ein mannshoher Holzgitterkäfig. Ihr Gefängnis auf dem Weg nach Lunden! Erschrocken zuckte sie zusammen. Der scheußliche Anblick beflügelte ihre plötzliche Entschlossenheit zu fliehen. Dazu würde es bestimmt eine Möglichkeit geben, machte sie sich Mut. Entweder hier oder auf der Fahrt nach Lunden. Schließlich hatte sie nichts mehr zu verlieren. Denn nach einem Todesurteil würde man ihr das Kind ohnehin wegnehmen, zu fremden Leuten geben. Das wäre ihr Ende.

„Wenn ich den Namen verrate, würdet ihr mich dennoch töten?“, fühlte sie mit letzter Hoffnung auf einen guten Ausgang lauernd vor.

„Wir werden ihn auch so erfahren“, antwortete Swyn gelassen, aber bestimmt, ohne auf ihre Anspielung einzugehen. Gnade vor Recht kam für ihn in diesem Fall nicht in Frage. Heine spürte förmlich seine niederschmetternde Entschiedenheit. Nun erst hatte sie begriffen, wie ausweglos alles war.

„Niemals werde ich ihn verraten!“, giftete sie Swyn in einem plötzlichen Wutanfall an. „Doch solltet ihr den Namen wirklich irgendwann einmal herausbekommen, ihr hochmütigen Kerle, dann werdet ihr euch vor unserer Heiligen Jungfrau Maria und allen anderen Heiligen in Grund und Boden schämen.“ Überrascht horchten Swyn und die anderen auf.

Herausfordernd sah Heine die Männer mit flammenden Blicken an. „Ja, schämen!“ Erwartungsvolle Verstummtheit ringsum.

„Der schweinische Kerl, wie ihr ihn nennt“, schrie Heine empört weiter, „ist nämlich einer von euch.“ Und dann, voller Häme: „Er ist einer aus euren Kreisen, ihr ehrenwerten Achtundvierziger! Einer von euch Herren, hört ihr! Aber er liebt mich. Und ich liebe ihn. Und das allein zählt. Und mein Kind.“

Aufgewühlt von Angst und Haß hatte Heine ihre Drohung Swyn und Herring atemlos ins Gesicht geschleudert. Und mit einem Mal fühlte sie sich erlöst und befreit von der Angst, die sie fast umgebracht hätte. Doch im selben Moment schlug sie sich mit der freien Hand entsetzt auf den Mund. Zu spät! Die Ungeheuerlichkeit, die Swyn und Herring wie ein Schlag getroffen haben mußte, war nicht mehr rückgängig zu machen.

„Einer von uns?!“ Fassungslos und verwirrt sah Swyn seinen Freund an – und der ihn.

Meint sie wirklich einen von uns Großbauern, schienen beide sich gegenseitig zu fragen. Oder gar einen von uns Achtundvierzigern? Ausgeschlossen! Bestimmt wollte sie uns täuschen! Oder befindet sich so ein verdammter Mädchenschänder vielleicht doch in unseren Reihen, schoß es Swyn durch den Kopf. Und so etwas im höchsten Rat des Landes?

Herring dagegen überlegte nicht lange. Für ihn war alles ganz einfach. Diese Hure! Ihn durchfuhr helle Empörung. „Unverschämt“, brüllte er Heine an. Seine Wut jagte ihm das Blut in die Schläfen. Zornig holte er mit einem Stock, den er vorher irgendwo aufgehoben hatte, zum Schlag aus. Das Mädchen riß mit einer Hand den Säugling schützend an sich und die andere, freie Hand vors Gesicht.

„Aufhören!!!“

Wie ein Peitschenknall fegte die Aufforderung von irgendwo her über die Köpfe der Männer hinweg. Alle zuckten zusammen. Die Stimme klang zornig und entschlossen zugleich.

Swyn horchte auf. Eine Frau!? Verblüfft blickte er sich um.

5

Beide kannten sich schon lange, behandelten einander freundlich. Voneinander jedoch hielten sie nicht viel. Manchmal waren sie sich sogar spinnefeind. Als geistliche Würdenträger aber achteten sie stets peinlich genau darauf, sich in vornehmer Höflichkeit zurückzuhalten. Schließlich wollte man den anderen die eigene Abneigung nicht spüren lassen. Selbst als sie sich trafen, um einen teuflischen Pakt auszuhandeln, kamen sie einander nicht näher.

„Na, wo brennt’s denn?“, fragte Walafrid von Strabo seinen Gastgeber aufgeräumt, dabei bemüht, möglichst überzeugend den Unwissenden zu spielen. Denn der Hang seines Gegenübers zur dramatisch inszenierten Selbstdarstellung war ihm nur zu gut vertraut. Warum also sollte er seinem Gastgeber den Spaß verderben. Daß der sich in einer sehr unangenehmen Lage befand, kostete er genüßlich aus.

Sein Vergnügen dauerte allerdings nur kurz. Denn der Geierkopf vor ihm mußte sein Schmunzeln bemerkt haben. Er warf ihm nämlich einen vernichtenden Blick zu. Der hagere Schädel jedoch weckte stets Mitleid und auch klammheimliche Schadenfreude bei Strabo: Er gehörte Johann Klitzing, dem Hamburger Dompropst.

„Wo es brennt, fragst du?“ Klitzing sah ihn gereizt an und schüttelte beleidigt den Kopf. Es sollte Strabo zeigen, daß er dessen Art, sich nach seinem Befinden zu erkundigen, für denkbar oberflächlich hielt. „Es sind die Dithmarscher, unsere gemeinsamen Freunde, die mir Probleme bereiten. Und die können höchst gefährliche Folgen für uns haben. Und zwar für uns beide“, legte er betont nach. „Für mich als den Dompropst für Dithmarschen und für deinen Erzbischof Johann III. von Rohde als den Landesherrn der Bauernrepublik.“

Strabo hörte kaum hin. Das abstoßende Gesicht auf der anderen Tischseite fesselte ihn so sehr, daß er abgelenkt war. Es wirkte noch dämonischer als sonst. Daß Klitzing diesmal auf seine Hilfe angewiesen schien, half ihm ein wenig über das unangenehme Gefühl hinweg, das er bei dessen Anblick empfand. Mit seinem häßlichen Äußeren war der Mann ohnehin genug vom Leben gestraft. Für einen Moment empfand Strabo so etwas wie Mitleid.

Aus der weißen Krause der schlichten schwarzen Priesterkutte ragte Klitzings dünner, runzliger Hals lang und starr heraus. Das knochige Gesicht unter den spärlichen Haarsträhnen, das scheinbar zu verwittern begann, wirkte mit seiner gelblich fahlen Haut wie ausgebleicht. Aus tiefliegenden Höhlen quollen schiefergraue, wässerige Augen hervor. Die weit vorstehende Hakennase über dem Strichmund und das darunter stark hervortretende Kinn sagten auf den ersten Blick etwas über die gnadenlose Härte, den fanatischen Ehrgeiz und die unbarmherzige Rücksichtslosigkeit ihres Besitzers aus.

Klitzing erschien Strabo in diesem Moment unheimlicher denn je. Umso leichter würde es ihm deshalb fallen, den Wunsch seines Freundes, des Erzbischofs, zu erfüllen. Der hatte ihn dringend gebeten, sich keinesfalls mit dem Propst auf diplomatische Abenteuer einzulassen.

Als Klosterabt in Stade gehörte Strabo zum engsten Beraterkreis des Bischofs. Der hatte ihn nach Hamburg gesandt, weil Klitzing als Leiter des Hamburger Domkapitels in einem Eilschreiben verzweifelt um erzbischöfliche Unterstützung gebeten hatte. Strabo hatte sich über den Auftrag gefreut, an Ort und Stelle die wahren Hintergründe des pröpstlichen Notrufs herauszufinden. Angeblich, so hatte ihn der Bischof informiert, würde die Dithmarscher Bauernrepublik dem Domkapitel mit immer neuen unverschämten Forderungen kommen und damit den Dompropst in unübersehbare Schwierigkeiten stürzen.

„Wirklich höchst gefährlich, die Dithmarscher?“, versuchte sich Strabo mit leisem Spott nicht von seiner oft bewährten Gesprächstaktik ablenken zu lassen, nämlich unerschütterliche Gelassenheit an den Tag zu legen.

Nur auf diese Weise glaubte er, strittige Themen versachlichen und Gefühle hintenanstellen zu können. Im vorliegenden Fall entschied er sich insgeheim für joviale Skepsis. Nur so meinte er Klitzings übersteigerte Besorgnis gleich als solche zu entlarven. Denn wenn Klitzing von „unseren gemeinsamen“ Dithmarschern sprach, erinnerte sich der Abt belustigt an frühere Verhandlungen. Dahinter verbarg sich meist nur ein einziger Herzenswunsch des Propstes: Das Problem des Domkapitels sollte der Erzbischof von Bremen allein schultern. Wie immer, dachte Strabo, wollte Klitzing sich auch diesmal wieder aus einer Unannehmlichkeit herausmogeln. Aber nicht mit uns! Strabo gab sich innerlich einen Ruck.

Es war nicht das erste Mal, daß Streitigkeiten mit den eigenwilligen Dithmarschern ihn und Klitzing beschäftigten. Zündstoff gab es stets genug. Schließlich überschnitten sich in der Bauernrepublik oftmals die Interessen seines Bischofs und die des Dompropstes. Beider Macht über das Land an der Nordseeküste zwischen Hamburg und Dänemark war geteilt – Rode verfügte über die politische, Klitzing über die geistliche. Der Bremer Erzbischof war Schutz- und Landesherr über Dithmarschen, der Hamburger Dompropst führte die unmittelbare kirchliche Aufsicht über das Land.

Von Rohde fand sich nur widerwillig damit ab, daß Klitzing unumschränkt über das religiöse Glaubens- und kirchliche Rechtswesen der Bauernrepublik herrschte. Schließlich unterstand Dithmarschen politisch schon seit einer Ewigkeit dem Erzbistum Bremen – auch wenn die Elbe beide geographisch trennte. Doch geistlich gehörte es gemeinsam mit Holstein, Stormarn und den Elbmarschen zum kirchlichen Hoheitsbereich des Hamburger Dompropstes. Eine Eigentümlichkeit, die dreihundert Jahre zuvor mehrere blutige machtpolitische Kraftakte zwischen dem Hochadel, der Kirche und dem kleinen freiheitsliebenden Bauernland hervorgebracht hatte.

„Du weißt, daß die Dithmarscher seit langem alles daran setzen, frech und gegen die Gesetze altbewährte Vollmachten des Domkapitels scheibchenweise abzuschaffen“, holte Klitzing zur Lageschilderung aus.

„Mit ihrer Gewitztheit und Gerissenheit haben sie ja schon einiges erreicht“, zeigte Strabo sich über Dithmarschens eigenwillige Kirchenpolitik informiert. „Schwerwiegende weltliche Vergehen werden nun von ihren eigenen und nicht wie früher von den kirchlichen Gerichten abgeurteilt. Auch darf der Dompropst keinen Bann mehr über Geschlechterverbände, Bauernschaften oder irgendwelche Gebiete verhängen.“

„Nicht zu vergessen die neuen Beschwerden meiner Pfarrer“, fügte Klitzing gereizt hinzu. „Der Rat der achtundvierzig Dithmarscher Regenten hat vor, auf Kosten der Kirche die eigene Landeskasse aufzufüllen.“

„Da muß doch eine bestimmte Absicht dahinterstecken. Aber welche nur?“ Strabo tat, als grübele er angestrengt über die Befürchtungen des Propstes nach.

„Die Achtundvierziger planen bestimmt langfristig den endgültigen Bruch mit dem Domkapitel.“

Das klang wie die Ankündigung eines Weltuntergangs, schmunzelte Strabo in sich hinein. „Siehst du da nicht zu schwarz?“, versuchte er den hellseherischen Eifer seines Gastgebers abzukühlen.

„Auf keinen Fall. Die treiben doch offenkundig Schritt für Schritt ihre gefährlichen Pläne voran“, blieb Klitzing unbeirrt bei seiner panikartigen Befürchtung. „Und das mit Arglist und Tücke.“

„Mal Hand aufs Herz“, entgegnete Strabo, „dein Einfluß auf das Leben in der Bauernrepublik ist doch nach wie vor gewaltig, oder?“

„Gewaltig?“ Klitzing hob seine Brauen.

„Gib doch zu“, begann Strabo mit stoischer Ruhe aufzuzählen, „als verlängerter Arm Roms vergibst du die Pfarrstellen. Du visitierst die Kirchen. Du kontrollierst die Priesterschaft. Du hältst selber oder durch einen Vertreter zweimal jährlich in Meldorf ein Kirchengericht ab, das religiöse Verstöße oder gegen die Kirche gerichteten Ungehorsam nach eigenem Gutdünken bestrafen darf. Du bestimmst die Höhe der Kirchenabgaben eines jeden Kirchspiels. Du läßt nebenbei im Auftrag des Papstes Ablaßbriefe verkaufen. Du hast vor wenigen Jahren die neue Dreijahressteuer eingeführt – und du sprichst von Schwierigkeiten mit den Dithmarschern?“ Lächelnd holte Strabo Atem.

„Aber sie wollen meine Macht“, empörte sich Klitzing, „und sie wollen die mir ganz allein zustehenden Einkünfte schmälern, wenn nicht gar völlig sperren.“ Zornig fuhr er fort: „Sie erwägen bereits, alle Abgaben an die Kirche zu verweigern und alle kirchlichen Einnahmen aus Zins und Pachtgeldern einzubehalten. Sogar alle von kirchlichen Gerichten verhängten Geldbußen wollen sie selber einziehen.“

Strabo zwinkerte mit dem Auge: „Wenn ich deine kräftig sprudelnden Dithmarscher Geldquellen mit den seichten Pfützen meines Erzbischofs vergleiche, komme ich aus dem Staunen nicht heraus, wie vermögend du schon sein mußt. Dagegen hat mein Bischof sogar als Landesherr außer einigen wenigen Pachtgeldern, Fischereirechten und Beteiligungen an Fährgebühren so gut wie keine weiteren laufenden Einnahmen aus Dithmarschen.“

„Mir kommen fast die Tränen“, spottete Klitzing bissig. „Nur vergißt du dabei, daß die Dithmarscher deinem Bischof Heerfolge auf eigene Rechnung leisten müssen. Zählst du die eingesparten Militärkosten wie Sold und Verpflegung für angeforderte Truppen einmal zusammen, sind meine Einkünfte dagegen kümmerliche Almosen.“

„Wolltest du nur über deine bittere Armut klagen“, fragte Strabo deutlich ironisch, „oder sollten wir nicht besser zur Sache kommen?“

Klitzing erhob sich vom Stuhl, ging in der holzgetäfelten Kanzlei sinnend auf und ab. Jäh hielt er seine Schritte direkt vor Strabo an. Der hatte seinen beleibten Körper bequem in die dicken Kissen der Wandbank entlang des Tisches zurückgelehnt, nicht ohne vorher seine Kutte sorgfältig über den Knien glattgestrichen zu haben.

Er trug das braune, langärmelige und bis zu den Knöcheln reichende Ordensgewand der Franziskaner. Zwei Handbreit unterhalb der am Rücken tiefhängenden Kapuzenspitze war es mit einem weißen Strick um die Hüfte gebunden. Die Füße steckten in einfachen Sandalen. Mit flinken Augen in seinem runden, gutmütigen Gesicht beobachtete der Klosterabt aufmerksam Klitzings hastige Bewegungen.

„Es gibt noch mehr beunruhigende Informationen aus Dithmarschen“. Mit einem Ruck drehte sich Klitzing zu Strabo um.

„Noch mehr Gespenster?“, fragte der leicht genervt.