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Europa im Schockzustand – Die Europäische Vision ist beerdigt. Der Euro abgeschafft. Die Welt wird neu aufgeteilt. Ausgerechnet der unauffällige Diplomat Till von Herlichingen soll Deutschland im Jahr 2028 vor der feindlichen Übernahme durch internationale Oligarchen retten. Der Beamte stolpert sofort in die nächste Weltfinanzkrise, begegnet wunderschönen Frauen und mörderischen Wirtschaftsmagnaten. Seine Reise führt ihn vom Auswärtigen Amt in Berlin zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, zur Wall Street nach New York, ins Casino Monte Carlo, hinein in die Steueroase London, wo er offiziell als Botschafter positioniert wird. Was mit einer vergilbten Gittermappe vom Außenminister beginnt, mündet im faustischen Endspiel um die Welt und um Till von Herlichingens Seele.
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Seitenzahl: 588
Veröffentlichungsjahr: 2019
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„Noch spannender als die aktuelle Diskussion um den BREXIT. Nur viel besser und mit einem globalen Masterplan. Spannung zum Luftanhalten.“
– Joe Kaeser, Vorsitzender des Vorstands, Siemens AG
“Sibylle Barden entwirft in „Der Honiganzeiger“ eine apokalyptische Zukunftsvision – solide recherchiert, spannend erzählt und beklemmend realitätsnah.”
– Ernst Wolff, Autor des Spiegel-Bestsellers “Weltmacht IWF”
„Die Autorin entwirft ein Schreckensszenario für das Jahr 2028: die EU ist tot, der Euro beerdigt und die Welt steht vor einer Neuordnung. Gleichzeitig führt sie dem Leser schonungslos vor Augen, wie zerstörerisch die Macht des Geldes wirkt und den Kampf um die Seele des Protagonisten befeuert. Ein Buch, das nachdenklich stimmt und wachrüttelt in Zeiten der Krise – kurzum: es sollte gelesen werden!“
– Dr. Sascha Arnautović, Vorsitzender und Geschäftsführer, Kölner Forum für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik
„Erschreckend nah an einer möglichen Realität. Unrealistisch ist allenfalls das entfernte Zeitfenster des Plots. Daher: Pflichtlektüre für jeden überzeugten Europäer, quasi als letzter Weckruf und als Motivation, alles zu tun, um solche Szenarien jetzt noch abzuwenden, bevor es zu spät ist.“
– Alexander Reinhardt, Airbus, Vorstandsbeauftragter für Politik- und Regierungsangelegenheiten Deutschland
„Wir sind im Jahr 2028. 14 Monate ist es her, seit der Euro endgültig zu Tode spekuliert wurde. 14 Monate, seit die EU in sich zusammengefallen ist. Und niemand hat eine Idee, wie es jetzt weiter gehen soll. Man kann nur hoffen, dass es nie soweit kommt wie im neuen Thriller von Sibylle Barden. Lesen sollte man das Buch dennoch, denn es lohnt sich: weitsichtig, aufrüttelnd und brandaktuell!“
– Florian Keisinger, Historiker, Autor von “Unzivilisierte Kriege im zivilisierten Europa? Die Balkankriege und die öfentliche Meinung in Deutschland, England und Irland 1876–1913”
„Eine Nation von Schafen wird bald eine Regierung von Wölfen haben.“
Edward R. Murrrow
Teil I
Januar 2028
Teil II
„Er soll wie Marco Polo durch die schmuddeligen Gassen von Berlin gezogen sein und an jedem zweiten Haus seinen Haken gemacht haben.“ „Dass der sich das antut. Berlin ist ja wahrlich keine Seidenstraße. Diesen Moloch hätte er auch per Telefon kaufen können.“ „Glauben Sie wirklich, Deutschland ist sein nächstes Ziel?“ „Schauen Sie sich um! Die haben den Status erreicht, gefressen zu werden. Der Schuldenberg hat das Dreifache des Staatshaushalts überstiegen, Akademiker und Unternehmer flüchten in Scharen nach China und in die USA, auf den Straßen herrscht Anarchie… Meine Haushälterin hat mir erzählt, dass es in den Krankenhäusern kaum noch Verpflegung gibt. Man sei froh, wenn überhaupt operiert werde.“ „Deutschland ist reif fürs Schlachthaus?“ „Mein Mitleid haben die nicht. Sie ernten, was sie gesät haben.“ „Es ist doch wahrlich eine Farce, dass diese Flughafeneröffnung heute Abend so pompös gefeiert wird. 8 Millionen Staatsmark soll allein das Catering gekostet haben. Die ignorieren vollkommen die Realität.“ „Hoffen wir, mein Lieber, es ist das letzte Ereignis, das wir in diesem Land begehen müssen.“
Die beiden ausländischen Diplomaten hielten kurz inne, als der Bundespräsident sich mit dem Sektglas in der Hand freudig in ihre Richtung bewegte. Erst als der sich dem amerikanischen Gast widmete und außer Sichtweite war, lästerten sie weiter.
Till von Herlichingen wurde ungewollt Zeuge dieser Unterhaltung. Er hatte ganz in der Nähe der beiden Diplomaten hinter einer Säule gestanden. Das Gespräch schlug ihm sofort auf den Magen. Mehr noch, der deutsche Diplomat fühlte sich durch die Worte des italienischen Botschafters und des polnischen Gesandten gedemütigt und gleichzeitig gereizt. „Mein lieber von Herlichingen, wie geht es Ihnen?“, fragte die turkmenische Botschafterin halb im Vorbeigehen. „Das ist doch wirklich mal ein schönes Fest. Sie haben an nichts gespart. Haben Sie das Kleid der Kanzlergattin gesehen? Ganz wunderbar!“ Till von Herlichingen lächelte dezent. „Wollen wir hoffen, dass Ihre Flugzeuge auch alle abheben von diesem Jahrhundertflughafen“, legte die Turkmenin nach und lachte. Zu laut, zumindest für die empfindlichen Ohren des Deutschen.
Der Bundeskanzler klopfte oben auf der Bühne am Rednerpult kurz ans Mikro und begrüßte die fast 5.000 Gäste aus Politik und Industrie. Von Herlichingen hörte ein paar Minuten zu und ließ seinen Blick über das Publikum schweifen. Was die wohl alle von uns denken?, fragte er sich. Die deutsche Elite beschränkte sich heute Abend auf etwa 1.000 Personen aus Industrie und Wirtschaft, wenig Kultur, noch weniger Kunst. Die 4.000 ausländischen Gäste kamen aus dem Mittleren Osten, Zentralasien und dem Westen der USA; natürlich mit Sondereinladungen und vielversprechenden Scheckbüchern. Von Herlichingen fand, dass die meisten von denen wie Waffenhändler aussahen oder zumindest, wie er sich diese vorstellte. „Das ist das Who-is-Who der Neuen Seidenstraße, von Herlichingen“, bemerkte sein Kollege aus dem Wirtschaftsministerium nicht ohne Stolz, als er sich zu dem Diplomaten gesellte.
Die riesige Empfangshalle des Flughafens wurde eigens für die Feierlichkeiten umfunktioniert. Aus dem Kanzleramt, oder genauer von Caroline zu der Tannenberg, der neuen Sprecherin im Bundespresseamt, hatte er Wochen zuvor gehört, dass man die Agentur Li Minh aus Peking für das Event engagiert habe. Die seien die besten am Markt. Der neue Kanzler habe weder Kosten noch Mühen gescheut, damit der Abend ein Erfolg werde.
Von Herlichingen konnte die Konversation der beiden Diplomaten nicht verdauen. Weshalb sollte es die letzte große Zeremonie sein, die sein Land beging? Es war ihm bewusst, dass Deutschland keine einfachen Zeiten durchlebte, aber so richtig verstehen wollte er das Gespräch der beiden Männer nicht. Jedes Land hat doch mal eine Krise, reagierte er trotzig. Überhaupt, die Polen, was die sich herausnehmen! Oder der Italiener – tut so, als hätten wir sein Land nicht jahrzehntelang künstlich am Spaghettitropf gehalten. Ohne uns… ohne uns und unsere Kredite wären die doch schon vor zwanzig Jahren aus der Europäischen Union geflogen. So wie Griechenland und Spanien und Portugal und… Von Herlichingens Gedanken lösten Unmut und Übelkeit in ihm aus. Er versuchte sich zu beruhigen: In 8 Wochen bin ich in New York und dann sollen die in Berlin machen, was sie wollen.
Er schlief schlecht in dieser Nacht. Susanne, seine Frau, und die beiden Jungs waren bei ihren Eltern im Harz. Und weil Till kein Mensch fürs Alleinsein war, entschied er sich, gleich nach dem Aufwachen ins Büro zu flüchten. Es ist ein ungewöhnlich kalter Freitagmorgen, dachte er auf der Hinfahrt, selbst für Berliner Verhältnisse. Der eisige Ostwind fegte durch die Straßen und wehte bei Temperaturen von -18 Grad den Müll auf die schneebedeckten Bürgersteige. Sein Fahrer lieferte ihn um 6:30 Uhr im Außenamt am Werderscher Markt ab.
Heute musste der Diplomat die Post selbst aus dem Verteilerkasten vom Ende des Flurs holen. Seine Sekretärin war krank. Ohnehin war es zu früh; die meisten Beamten und Angestellten trödelten zwischen 9 und 10 Uhr ein, kurz vor dem ersten Meeting. Was ihn daran erinnerte, dass der Wissenschaftsreferent an der Botschaft in Tel Aviv, in die er vor vielen Jahren abgesandt worden war, immer nur zum Morgenmeeting erschienen war. „Danach ging der in sein Büro, machte für jedermann sichtbar die Schreibtischlampe an und verschwand nach Hause“, hatte dessen Sekretärin erzählt. „Abends kam er dann kurz vorbei, um die Lampe auszuschalten.“ So war das fast 4 Jahre lang gegangen. Alle hatten es gewusst. Niemand hatte etwas gesagt.
Als Till von Herlichingen nach dem Stapel abgenutzter Gittermappen in seinem Fach gegriffen hatte und damit über den langen Flur zurück in sein Büro gehen wollte, blieb er kurz stehen und öffnete die gelbe Mappe mit dem weißen Aufkleber Vertraulich: „Bitte 9 Uhr in meinem Büro. Ihr Einsatz ist gefragt.“ Das war Begranskis Handschrift, nahm er überrascht zu Kenntnis. Ob es um meine Versetzung nach New York geht?, fragte sich von Herlichingen. Aber weshalb die Eile? Merkwürdig. Vielleicht hat der Minister ein extra Anliegen? Möglicherweise geht es um unseren angestrebten ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat? Der Minister redete seit einer Weile davon, dass Deutschland Frankreichs Platz übernehmen sollte. Die Situation schien ihm wohl gerade günstig, jetzt, da Frankreich als Nation quasi nicht mehr existierte. Von Herlichingen überlegte: Sicherlich, als künftiger Botschafter bei den Vereinten Nationen könnte er Bewegung in diese Causa bringen. Aber… Dann klappte er die Mappe zu. Gut, gut, sagte er sich und beließ es zunächst bei diesem Gedanken.
Als er an den leeren Büros seiner Referenten vorbei ging, wurmte ihn der Mangel an Ehrgeiz bei der neuen Generation. Wo waren die denn alle? Zu seiner Zeit, als er am Anfang seiner Karriere stand, war er immer der Erste am Schreibtisch gewesen. Und meist auch der Letzte am Abend.
Es war ihm zu still in seinem Büro. Er schaltete das Radio ein. „…nicht gleich Krieg, James“, sagte Professor Norton im Today-Programm von BBC Radio 4. „Nein? Warum nicht? Welche Wahl bleibt denn den hochverschuldeten Ländern der früheren Europäischen Union?“, fragte Dr. James Tetlin von der Princeton University zurück. Er unterrichtete dort The Paradox of War, Die Paradoxie des Krieges. „Nehmen wir Deutschland. Die sind doch, wenn wir einen ehrlichen Blick über den Kanal wagen, wieder dort angekommen, wo sie schon vor 100 Jahren waren“, führte Tetlin aus. „Aber doch nur, wenn man alle anderen Möglichkeiten ausschließt“, konterte Professor Norton, Sicherheitsexperte im britischen Kabinett. „Und die wären?“ „Da ist das Frankreich-Modell, die Aufteilung des Landes. Um zu retten, was zu retten ist.“ „Das ist doch nicht Ihr Ernst!“ „Ich erwähne lediglich die Möglichkeiten“, sagte Norton. „Und sonst?“ „Vielleicht kann sich Deutschland vorrübergehend an Amerika angliedern.“ Von Herlichingen verschluckte sich an seinem trockenen Zwieback, den er von zu Hause mitgebracht hatte. Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?, fragte er sich ungehalten und stellte das Radio aus.
An seinem großen Glasschreibtisch sitzend beschloss er, sich erst einmal einen Kaffee zu machen. Silvia Matthes, seine Sekretärin, hatte ihm gleich am ersten Arbeitstag deutlich zu verstehen gegeben, dass Kaffeekochen nicht zu den Aufgaben der Sekretärin eines Staatssekretärs gehöre. Er hatte das murrend zur Kenntnis genommen; die Angelegenheit schien ihm nicht wichtig genug, um einen Eklat daraus zu entfachen. Wahrscheinlich wäre die gleich zum Personalrat gelaufen, vermutete er rückblickend. Ohnehin trank er Espresso, keinen Filterkaffee wie alle anderen hier. Und einen Espresso machte er sich am liebsten selbst. Ein Kollege aus dem Verteidigungsministerium, mit dem er vor vielen Jahren in Italien an der Vertretung in Rom zusammen stationiert gewesen war, hatte ihm das beigebracht. Mehr noch, der hatte es zelebriert. Ganz klassisch, mit der Mokkakanne. Erst wurde der Filter großzügig mit Kaffee gefüllt, aber das Pulver nicht zusammengepresst, wie von Herlichingen das bis dahin gekannt hatte; stattdessen hatte der General drei kleine Löcher in das Pulver gemacht. „Um so den Geschmack zu verbessern.“ Von Herlichingen gefiel die aufwendige Prozedur, verschaffte sie ihm doch etwas Zeit, der Büroarbeit zu entfliehen.
Er hatte einen anstrengenden Tag vor sich und ein Espresso würde diesen freundlich einleiten. 9 Uhr also der Minister. Um 11:30 Uhr ein Meeting mit Christian Meertens aus der Personalabteilung. Es stand mal wieder ein Mitarbeiterwechsel im Frühsommer an und er wollte vorab einen Blick auf die Namensliste werfen. Das war gut; hier konnte er abschalten. Und um 13 Uhr Mittagessen mit dem Bruder des Sultans von Maradei. Bengali Hassanada, der Sultan, hatte Interesse an Deutschlands Flughäfen gezeigt. Angeblich war der selbst ausgebildeter Pilot und wollte die neun großen deutschen Flughäfen im Paket kaufen. Na, der fehlt mir noch, dachte von Herlichingen. Totengräber. Kann der nicht die Flughäfen der Italiener kaufen? Wo sind denn die Zahlen und Informationen aus der Fachabteilung dazu? Arbeitet hier überhaupt jemand?
Till von Herlichingen überlegte: Machte es in dieser Zeit überhaupt einen Unterschied, ob die Flughäfen an einen Sultan oder an einen Finanzhai gingen? Die deutsche Staatskasse war leer. Das war ein Fakt. Wer die füllte, war nicht wirklich relevant. Wenn er sich richtig erinnerte, hatten die Frankfurter vor 12 Jahren das gleiche mit Griechenland gemacht. 14 Flughäfen waren damals in einem Rutsch an die deutsche Flughafengesellschaft Fraport gegangen. Sultan von Maradai… ein Gespräch kann man ja führen, beruhigte sich von Herlichingen. Eine verbindliche Antwort zu geben, dazu würde er beim ersten Treffen ohnehin nicht in der Lage sein. Was er im Moment nicht gebrauchen konnte, war, einen ausländischen Investor zu verärgern.
Till von Herlichingen befand sich auf den letzten Metern, in 8 Wochen stand seine Versetzung an. Und nein, auf Ärger kann ich gut verzichten, dachte er. Noch nie war der Diplomat ein Freund unangenehmer Situationen gewesen. Diesen war er immer erfolgreich ausgewichen. Vor 30 Jahren hatte er diese Kunst auf der Diplomatenschule gelernt. „Oberste Regel, mein lieber von Herlichingen“, hatte ihm Doktor Steierle, einer der Ausbilder, ans Herz gelegt, weil er Gefallen an dem jungen Attaché gefunden hatte, „…oberste Regel ist, nicht aufzufallen! Vergessen Sie, was alle anderen Ihnen auf Ihrem Weg erzählen werden. Nicht aufzufallen, das ist im Amt der Schlüssel nach ganz oben.“
Doktor Steierles Schützling hatte sich bis heute an diesen Rat gehalten. Till von Herlichingen war inzwischen 55 und in seiner Diplomatenlaufbahn oben angekommen. Er diente als zweiter Mann in Tel Aviv, als Botschafter in Moskau, im Anschluss bei der NATO. Seine große Stunde schlug, als der frühere Bundeskanzler Meier nach dem Kollaps der Europäischen Union und ihrer Gemeinschaftswährung in die USA geflüchtet war. Da hatte ihn das Schicksal vor über einem Jahr in den Staatssekretärssessel geschwemmt. Politisch galt er offiziell als neutral, gehörte keiner Partei an. Das sollte sich als kluger Schachzug herausstellen, weil niemand ihn der Lobbyarbeit bezichtigen konnte. Eine gute Voraussetzung. Till von Herlichingen schien sauber. Auch anstrengend. Aber vor allem sauber. Und das war in seinem Fall die wichtigere Eigenschaft. Bei seinen Vorgängern, dachte er, war es noch schick gewesen, FDP-Mitglied zu sein, später konnte man auch mit einem SPD-Ticket nach oben kommen. Aber heute? Heute wusste niemand mehr, was morgen sein würde. Er klopfte sich gedanklich auf die Schulter. Wie clever es doch von ihm gewesen war, den Staatsdienst gewählt zu haben. Seine Freunde hatten ihn damals, noch an der Uni in Oxford, für diese Entscheidung belächelt. Während er am Exeter College Classics studiert hatte, die klassischen Sprachen Latein und Griechisch und ihre Literatur, hatten seine Freunde den populären MBA gewählt, den Master of Business Administration. Die meisten hatte es direkt nach ihren Abschlüssen ins Silicon Valley zu den Jungs in den bunten T-Shirts oder ins Haifischbecken des Investmentbankings gezogen. Er hatte Angst davor gehabt. Alles, was Till von Herlichingen gewollt hatte, war Sicherheit, Ordnung. Wenn er ehrlich mit sich war, sollte sein Leben aus möglichst wenig Aufregung und einem Maximum an Berechenbarkeit bestehen. Natürlich hatte er eine interessante Aufgabe angestrebt, aber das große Geld oder das große Abenteuer, das seine Kommilitonen anvisiert hatten, nein, ihn hatte das schon als junger Mann abgeschreckt.
Nun saß er hier am Schreibtisch mit dieser Notiz des Ministers. Es war gleich 9 Uhr. Und er wurde etwas unruhig. Ahnte er, dass diese Nachricht, die ihn in diesen frühen Stunden des 14. Januar 2028 erreichte, sein Leben radikal verändern sollte?
„Von Herlichingen, Sie sind unsere letzte Rettung!“, begrüßte ihn der Außenminister unmissverständlich beim Eintreten. Seine Tür stand offen und von Herlichingen tappte auf sehr leisen Sohlen zu ihm herüber. Über den grauen Teppich, vorbei an der Bücherwand und dem lebensgroßen Portrait von Marie Curie. Begranski schaute ihn eindringlich an – mehr hoffend, denn vertrauend. „Wenn Sie diesen Oligarchen nicht für Deutschland erwärmen, dann sind wir endgültig verloren. Der Mann wird unser Land verschlucken und die Regionen meistbietend an irgendwelche Finanzhaie verkaufen. So, wie er es mit Frankreich gemacht hat. Und wer weiß, vielleicht sprechen wir in ein paar Jahren alle Mandarin?“
Begranski versuchte Haltung zu bewahren. Dabei machte er keine besonders gute Figur. Er war während der vierzehn Monate im Ministeramt bleich und etwas fett geworden. Jede Bewegung schien ihm schwerzufallen. Er zündete sich eine Zigarre an, eine Partagas, Serie D, No. 4; die stammte noch aus Beständen seines Vorgängers. Überhaupt kannten ihn seine Mitarbeiter nur mit Zigarre im Mund. Er schleppte sich zum Fenster. Den rechten Arm ausstreckend bat er seinen Top-Diplomaten zu sich: „Mein lieber von Herlichingen, sehen Sie, was ich sehe? Da drüben, zu unserem Parlament, haben wir wahrscheinlich alle bald keinen Zutritt mehr.“ Von Herlichingen starrte ihn an. Und Begranski pustete ihm Zigarrenrauch ins Gesicht.
Von Herlichingen mochte Begranski. Er war anders als seine Kollegen, von denen er in der Regel keine hohe Meinung hatte. Die meisten hielt er für abgestumpfte Aktenträger, die sich wie Gespenster zwischen den Fluren bewegten. Vor dem Zusammenbruch der Europäischen Union war das kaum anders gewesen. Jetzt allerdings befanden sich die Beamten im persönlichen Krisenzustand. Es herrschte geballte Fassungslosigkeit. Weniger wegen der Situation im Land, vielmehr sorgte sie die mögliche Aufhebung ihres Beamtenstatus. Dieser war in den vergangenen Monaten mehrfach infrage gestellt worden. Von ganz oben und von den Medien.
Die Diplomatenwelt, wie von Herlichingen und seine Kollegen sie gekannt hatten, gab es so nicht mehr. Seit der Flucht von Kanzler Meier im November 2026 standen die Mitarbeiter in den Ministerien Kopf. Nur der Bundespräsident hatte auf die Flucht besonnen reagiert. Trotz Regierungskrise ließ er sich mit der Auswahl der am besten geeigneten Person fast 2 Wochen lang Zeit. Das Präsidialamt wollte nichts überstürzen. Dem Bundestag sollte nicht irgendein Ersatzkanzler vorgeschlagen werden, ließ der Bundespräsident verlauten, sondern diesmal musste es jemand sein, der die Kapazität mitbrachte, Deutschland in eine bessere Zeit zu führen. Die Wahl fiel auf den parteilosen Dr. Theo Feinstein. Im Bundestag nahmen die Abgeordneten diese Lösung dankbar an. Auch wenn sie lieber einen der ihren auf dem Thron gesehen hätten, wussten sie: Jetzt brauchte das Land einen Macher, einen mit Ideen und Energie, der nicht nur sie, sondern auch das Volk mitreißen konnte. Gleich beim ersten Wahlgang hatten sich die Abgeordneten auf den international anerkannten Wissenschaftler geeinigt. Feinstein erhielt die absolute Mehrheit – 94 Prozent der Stimmen – und bekam damit das Bundeskanzleramt auf einem goldenen Tablett serviert. Feinstein war es auch, der Begranski mitgebracht und ihn praktisch über Nacht zum Außenminister ernannt hatte. Offiziell ging man zur Tagesordnung über. Akzeptiert wurden die beiden Außenseiter von ihren Untergebenen, den Beamten, allerdings nur formal. In den Hinterzimmern herrschte Boykottstimmung. Nicht, weil die beiden Männer keine gute Arbeit leisteten. Nein, es ging ihnen nur um ihren Status. Und an dem rüttelte das neue Team kräftig. Feinstein und Begranski, die beiden Physiker, kannten sich aus der Schweiz. Anfang des neuen Jahrtausends hatten sie dort zusammen bei der Europäischen Organisation für Kernforschung gearbeitet. Sie waren damals die einzigen Deutschen im Club der mehr als 10.000 internationalen Gastwissenschaftler des Cern-Projektes. Man respektierte die Kompetenz des anderen.
Von Herlichingen war sich nicht sicher, ob er verstand, was der Minister von ihm wollte. „Ich habe eine gute und eine nicht so gute Nachricht für Sie“, begann der. „Beginnen wir mit der letzteren: Sie werden nicht nach New York zu den Vereinten Nationen gehen. Die gute Nachricht ist“, holte Begranski aus, „Sie werden Deutschlands wichtigster Mann sein. Ihre Aufgabe wird so viel größer sein als alles, was Sie sich vorstellen können.“ Beide Männer setzten sich in die schwarzen Ledersessel. Begranski flüsterte fast: „Prägen Sie sich alles ein, was ich Ihnen jetzt sage. Offiziell vergessen Sie das Gespräch. Es hat nie stattgefunden.“ Nach etwa einer halben Stunde unterbrach von Herlichingen den Monolog des Ministers, fragte bedrückt, ob er auch eine Havanna haben könne. „Mit Vergnügen, mein Lieber, mit Vergnügen. Ich sehe, wir verstehen uns“, hatte Begranski noch gesagt. Dann gingen sie den Plan noch einmal durch. Und noch einmal. „Natürlich ist das gefährlich“, sagte Begranski. „Sie kommen von Ihrer Mission entweder als Held des deutschen Vaterlandes zurück oder…“ Er verzog sein Gesicht. „Und denken Sie daran: Niemand außer Feinstein, Ihnen und mir kennt diesen Plan. Z natürlich noch. Sie sind da draußen allein. Verstehen Sie, was ich Ihnen gerade sage?“ Von Herlichingen verstand nichts. Überhaupt nichts. „Am 10. Februar geht’s los. Ihr neues Hauptquartier ist dann London. Wir haben 3 Wochen, Sie zum Top-Agenten auszubilden“, hörte er den Minister sagen. Das Entsetzen stand Till von Herlichingen inzwischen ins blasse Gesicht geschrieben: An seinem Erfolg sollte die Zukunft Deutschlands hängen? Und er hatte nur 3 Wochen Zeit, um sich darauf vorzubereiten?
Der Diplomat hatte bisher keine Reaktion gezeigt. Obwohl er innerlich bis ins Mark erschüttert war, versuchte er seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Seine Gedanken schossen völlig quer, er wollte ganz viel wissen und schaffte es nicht, auch nur eine einzige Frage zu formulieren. Was, wenn ich ablehne? Was, wenn ich Nein sage?, dachte er. Er hatte noch nie Nein gesagt. Das war gar nicht Teil seines Wortschatzes. Seine Hände begannen zu zittern. Er konnte den Minister nicht mehr richtig hören, sah nur, wie der seine Lippen bewegte. Die Angst tat ganze Arbeit. Plötzlich platzte es aus ihm heraus: „Warum denn ich? Was passiert, wenn ich Nein sage? Immerhin betrifft diese Mission mein Leben und meine persönliche Sicherheit. Gibt es denn keinen Besseren, der für eine solche Unternehmung geeignet ist?“ Begranski zuckte kurz mit den Mundwinkeln. Der Wissenschaftler hatte durchaus eine solche Reaktion erwartet. „Stehen Sie mal auf, von Herlichingen“, bat er den Diplomaten etwas ruppig. „Sie sind Staatsdiener! Haben Sie das vergessen? Sie sind nur aus einem einzigen Grund hier: Ihrem Land, Ihrem Volk zu dienen. Wir stehen unter Beschuss. Und mich interessiert nicht, ob Sie Angst haben oder einfach nur feige sind. Sie haben Ihrem Staat zu dienen. Kommt das in Ihrem Beamtenhirn an?“ Begranskis Stimme war inzwischen so eisig, dass von Herlichingen weiche Knie bekam und Mühe hatte, sich auf den Beinen zu halten. „Aber vielleicht wollen Sie Ihrem Land ja gar nicht dienen?“, schob er noch hinterher. „In dem Fall bleibt uns, und das verstehen Sie sicher, nichts anderes übrig, als Sie aus dem Amt unehrenhaft ausscheiden zu lassen.“ Da hörte sich Till von Herlichingen ganz leise sagen, dass er selbstverständlich seine Pflicht erfüllen werde. „Gut. Das habe ich von Ihnen auch erwartet. Alles Weitere erfahren Sie von Z. Der meldet sich nachher bei Ihnen.“ Dann klopfte der Minister väterlich auf die linke Schulter des Staatssekretärs. Beide nickten sich stumm zu. Das Gespräch war beendet.
Till von Herlichingen schaffte es gerade noch bis zu den Waschräumen in seinem Stockwerk. „Sind Sie ok, Herr Staatssekretär? Kann ich etwas für Sie tun?“ Tobias Schlüter, ein junger Referent und neu im Team, schaute von Herlichingen besorgt an. „Nein, nein, Tobias, gehen Sie zurück an Ihren Schreibtisch. Es geht gleich wieder. Mir ist nur furchtbar übel. Wahrscheinlich habe ich mir gestern Abend beim Eröffnungsempfang des Flughafens den Magen verdorben“, antwortete er und sah den jungen Mann dabei aufmunternd an. Von Herlichingen brauchte eine Weile, bis er sich gefangen hatte. Bis seine Atmung wieder halbwegs im normalen Rhythmus war. Er tauchte sein Gesicht ins Waschbecken und ließ kaltes Wasser über seinen Kopf laufen. Dann trocknete er sich mit Papiertüchern ab. Das ist Irrsinn, dachte er, als er sein Gesicht entgeistert im Spiegel betrachtete. Die Falten wirkten tiefer als sonst. Entkräftet taumelte er zurück in sein Büro. Als er endlich die Tür hinter sich geschlossen hatte, sackte er zu Boden.
Alles erinnerte ihn an damals, als der Himmel schon einmal über ihm zusammengebrochen war. Alles fühlte sich an wie an seinem 13. Geburtstag. Damals, diese furchtbaren Sommerferien in Südfrankreich, 1985, als ihn die Eltern seiner Kindheit beraubt hatten. Seine Leichtigkeit, die Liebe zu seiner Familie, alles hatten sie mit einer kaltblütigen Entscheidung beendet. Sie hatten, wie gerade der Minister, einfach über ihn bestimmt. Niemand hatte ihn nach seiner Meinung gefragt. Dabei ging es um sein Leben. Heute wie damals.
Er konnte sich noch genau erinnern, wie er als kleiner Junge freudestrahlend mit seinem Vanilleeis in der Hand über die Croisette gelaufen war. Den Sommerurlaub hatte die Familie immer in Cannes verbracht. Er hatte ganz schnell zu seinen Eltern laufen wollen, um ihnen zu erzählen, dass er gerade einem tollen, rothaarigen Mädchen begegnet war. Sie hatte ihn angelächelt. Und ihm gesagt, dass er schöne Augen hätte. Aber die Eltern hatten kein Ohr für ihn gehabt. Sie hatten den Jungen stattdessen gebeten, sich hinzusetzen. Auf der Terrasse des Carlton Hotels hatte er noch eine Limonade bestellt, als der Vater sich zu ihm herübergelehnt und plötzlich in einem strengen Ton gesagt hatte: „Till, wir denken, es ist Zeit für Dich, Verantwortung zu übernehmen. Das musst Du lernen. Deine Mutter und ich haben dafür nicht die Kapazitäten frei. Und, ehrlich gesagt, auch nicht die Geduld. Wir haben Dir das beste Internat ausgesucht, das es gibt. Da bringen sie Dir bei, worauf es im Leben ankommt…“ Till hatte nur noch gehört: „Aus mir hat Harrow ja auch einen erfolgreichen Menschen gemacht.“
Aus den Augenwinkeln hatte er registriert, wie die Eltern sich gegenseitig zugenickt hatten, so, als hätten sie gerade einen Millionendeal abgeschlossen. Till hatte sich an seinem Stuhl festgeklammert. Er war nicht mehr in der Lage gewesen, sich zu bewegen. Sein Eis war unbemerkt auf den Boden gefallen und ein Kellner hatte es ebenso unbemerkt aufgewischt. Till hatte auf eine Reaktion seiner Mutter gehofft. Sein Herz hatte gestockt. Da war dieses durchschlagende Gefühl von Ohnmacht gewesen. Und von Verlassenwordensein. Es hatte sich an diesem heißen Sommertag tief in sein Herz gebrannt. An diesem 13. Geburtstag hatten ihm die Eltern schlagartig klargemacht: Er war ganz allein auf dieser Welt. Sie wollten ihn nicht mehr. Sie hatten ihr verdammtes Geld genommen und ihn weggegeben, an dieses Internat in England. An Fremde. Da gingen angeblich zukünftige Premierminister und Könige hin. Könige…, hatte er als Junge verächtlich gedacht, sollten sie doch. Das war ihm völlig egal gewesen. Er hatte doch nur bei ihnen sein wollen und bei Oma und Opa und Nadine, seiner Freundin.
Die Eltern hatten alles durchgeplant. Till hatte nicht einmal mehr zurück nach Hause, nach Frankfurt, gemusst. Seine Koffer waren gepackt gewesen für das Internat. Am späten Vormittag des 30. August, war die Air-France-Maschine von Nizza nach London Heathrow gestartet. Mit ihm. Allein. Till hatte sich mit gebrochenem Herzen in seinen Sitz, 2A, gekauert, ein Fensterplatz. Ein letzter Blick aufs Wasser. Aber es war egal gewesen. Sie hätten ihn auch im Gepäckraum verstauen können.
Während von Herlichingen zusammengekauert in seinem Büro saß, dachte er, wie merkwürdig das Leben doch sein konnte. Du erfährst diesen Schmerz, und tust dann alles, damit es Dich nie wieder so erwischt. Du planst, baust Mauern um Dich und dann? Dann, ganz unerwartet, holt Dich das Schicksal wieder ein, mit der gleichen Wucht. Und Du stehst wieder vor dem Abgrund. Klar, er war jetzt fast 56 und nicht mehr 13, aber die Situation, diese Ohnmacht, dieses Beraubtwordensein um die Selbstbestimmung, dieses Weggerissenwerden aus dem Vertrauten, das war dasselbe Gefühl. Er könnte jetzt weglaufen, alles hinter sich lassen, aber das war nicht sein Charakter. Er musste das Beste aus der Situation machen. Eine andere Möglichkeit hatte es nie für ihn gegeben. Und wenn er zurückblickte, musste er ehrlich zugeben, dass ihn das Internat in England gut auf den Beruf des Diplomaten vorbereitet hatte. Viele seiner Kollegen hielten ihn für einen Ausnahmediplomaten.
Von Herlichingen wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, erhob sich vom ausgetretenen Büroteppich und beschloss, sich seiner neuen Aufgabe zu stellen. Was blieb ihm anderes übrig? Er sollte sein Land vor dem Finanzhai Benito de Koroso retten. Er. Ausgerechnet er! Der Kanzler und der Minister glaubten, dass er das schaffen konnte. Warum? Warum, in Gottes Namen, ich? Während ihn die Fragen zermürbten, vor allem, weil sie unbeantwortet blieben, versuchte er, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Langsam einatmen. Langsam ausatmen. Nach einer Weile setzte zaghaft etwas Ruhe ein. Und sein Überlebensinstinkt kehrte zurück.
Till von Herlichingen wischte sich über beide Schultern, als hätte Staub darauf gelegen. Dann erhob er sich, zog sein dunkelblaues Jackett zurecht und begann, ganz langsam einen Schritt vor den anderen zu setzen. Damit war die Kapazität seiner Kraft ausgereizt. Diesen Rat hatte er von Bill Clinton. Der frühere amerikanische Präsident war bei einer internationalen Konferenz von einem Reporter gefragt worden, wie es ihm auf dem Höhepunkt seiner Krise ergangen sei, als er vor der ganzen Welt hatte zugeben müssen, Sex mit seiner Praktikantin gehabt zu haben. Clinton hatte dem Reporter geantwortet: „Ich habe mich nur darauf konzentriert, einen Schritt vor den anderen zu setzen.“
Till von Herlichingen musste erst einmal durch den Tag kommen. Routine, das geht nur mit Routine, sagte er sich. Auf seinem Schreibtisch warteten ein paar Mappen zur Bearbeitung. Das Telefon klingelte. „Herr Staatssekretär. Guten Tag, Jenny Bachman hier. Ich werde für die nächsten 3 Wochen in Ihrem Vorzimmer eingesetzt. Bis wir Ihren Umzug nach London vollzogen haben. Der Minister möchte, dass ich ab sofort Ihren gesamten Übergang manage, Ihnen zur Seite stehe. Natürlich können Sie sich meiner absoluten Diskretion sicher sein.“ „Okay… Ja, gut“, sagte von Herlichingen. „Ich habe Ihren Namen nicht behalten, Frau …?“ „Jenny Bachman. Mit einem n.“ „Und woher kommen Sie genau, Jenny Bachman mit einem n?“, wollte er wissen. „Ich denke, im Moment sind das genügend Informationen. Ab sofort laufen alle Termine über mich. Wir fangen mit dem Weltwirtschaftsforum in Davos an. Sie fliegen am Sonntagmorgen mit der ersten Maschine nach Genf und kommen nachmittags zurück. Ach, am besten, ich komme jetzt mal in Ihr Büro.“
Mein Gott, schoss es von Herlichingen beim Eintreten von Frau Bachman durch den Kopf, was ist denn das? Ist das eine Frau oder ein Mann? Oder ein Transgender? Ihre Schultern wirkten sehr männlich, auch die Stimme. Aber sie hatte einen Busen. Egal. Geht mich nichts an, was die Leute so anstellen, rief er sich zur Ordnung. Sie ist hier, um mir zu helfen. Den Rest muss ich nicht wissen. Frau Bachman kam gleich zum Punkt: „In Davos treffen Sie mit dem britischen Premierminister zusammen und…“ „Mit Booorrriiss?“, unterbrach er erschrocken. „Der hat Zeit, mich zu sehen?“ „Ja, 20 Minuten.“ Jetzt war es ernst geworden. Boris wusste wahrscheinlich mehr über ihn als seine eigene Mutter. Aber seit den Internatszeiten hatten sie kaum Kontakt gehabt. Sie hatten sich aus den Augen verloren. Und zu den Jahrgangstreffen war er nur ein einziges Mal gefahren. Boris war die Karriereleiter rasant hinaufgestiegen, typisch für Kinder aus der englischen Oberklasse. Seine Familie besaß sehr viel Land in und um London und auch einen Teil der Grafschaften im Süden. „In Ordnung“, hörte er sich sagen und fragte die Sekretärin: „Wer bereitet das Gespräch vor?“ „Sie, Herr Staatssekretär. Aber Sie werden dafür gebrieft, nachher, von Z persönlich. Nach Boris June treffen Sie Ben Silverman.“ „Jesus! Ben Silverman? Was, um Himmels Willen, kann ich dem denn erzählen?“ Von Herlichingen wurde unruhig. Das war doch überhaupt nicht seine Liga: der neue britische Premierminister und der Chef der größten Investmentbank der Welt. Er spürte sie wieder, die lähmende Angst, wie sie sich mit aller Macht ihren Weg in seinen ohnehin nervösen Magen bahnte. Er fürchtete sich davor, dass er weder dem einen noch dem anderen gewachsen war. Ich bin doch nur ein Beamter, sagte er sich. Dabei dachte er an die Momente, wenn Susanne, seine Frau, sich lustig über ihn machte. Wann immer es schwierig wurde im Büro, sagte sie: „Darling, wie schwer kann es denn sein, Deine Akte nicht von links nach rechts, sondern von rechts nach links zu bewegen?“ Dann hatten sie sich beide kaputtgelacht.
Aber nach Lachen war ihm momentan nicht zumute. Als Frau Bachman aus seinem Büro gegangen war, fühlte er sich verlassen. Seine Angst durfte keinesfalls in Panik ausarten. Das hatte ihm Joe Fraeser, der frühere Vorstandschef eines großen deutschen Elektronikkonzerns, ans Herz gelegt. Der hatte sein Unternehmen vom größten jemals bekannt gewordenen Korruptionsskandal in Europa retten müssen. Was er auch geschafft hatte. „Von Herlichingen, wann immer Sie eine Krise zu meistern haben, sehen Sie zu, dass Sie nicht in Panik verfallen. Angst ist gut. Die hält Sie wach und scharfsinnig. Panik macht alles kaputt. Damit haben Sie verloren, noch bevor Sie den ersten Schritt unternommen haben.“ Ja, ja, sehr klug, der Fraeser. Der hatte vollkommen recht, dachte er. Aber so einfach war das nicht. Damals, als sie sich in München in seinem Büro getroffen hatten, war das für ihn ein eher abstraktes Gespräch gewesen. Heute war seine Situation real. Mit ihm selbst in der Hauptrolle. Krisenmeister. Er… Krisenmeister! Vielleicht sollte ich beten? Da ist auch nur noch Gott da draußen. Wer sonst kann mir helfen? Von Herlichingen hoffte, ihm würde etwas Zeit bleiben, um seine Gedanken zu ordnen.
Während er an seinem Schreibtisch wie fremdgesteuert in den vor ihm liegenden Akten blätterte, dachte er sich, dass es nun mit seinem ruhigen Leben in der zweiten Reihe schlagartig vorbei sein würde. Die zweite Reihe entsprach nicht wirklich seinem Naturell und eigentlich hatten ihm die zurückliegenden Dienste nie gereicht. Aber sie waren gesund für seine Entwicklung gewesen. An einem Herzinfarkt würde er nicht sterben, hatte er immer gehofft. Bis jetzt. Wenn es im jetzigen Tempo allerdings weiterginge, würde er das Ende der Krise überhaupt nicht erreichen. Nicht einmal mit Meditieren und Yoga. Er brauchte einen Plan. Er brauchte eine Struktur, die ihn für diese große Aufgabe wappnete. Er musste gesund sein, körperlich fit, bei klarem Verstand. Das hatte er in Ausnahmesituationen immer so gehalten. Sein Fokus durfte nur in diese eine Richtung gehen: Deutschland retten. Sport, er musste Sport machen. Danach ging es ihm immer gut, dachte er. Für den Sportclub würde ihm in London keine Zeit bleiben. Aber zum Laufen? Laufen kann ich überall, dachte er. Wann ich will. Das ist eine unabhängige Sache. Ja, das ist gut. Am besten, ich lasse mir noch zwei Paar von den handgefertigten Einlegesohlen machen. Ohne die schaffe ich nicht mal, einen halben Kilometer schmerzfrei zu gehen. Konnte er sich mit seinen Einlegesohlen Frau Bachman anvertrauen? War das nicht zu persönlich? Es nützte nichts. Er hatte niemand anderen im Moment, der diese Aufgaben übernehmen konnte. Und Zeit für falsche Eitelkeit blieb nicht. Er wählte die Nummer des Vorzimmers. „Frau Bachman, wären Sie so freundlich – ich weiß, es ist nicht Ihre Aufgabe, aber könnten Sie vielleicht bei meinem Orthopäden in der Augsburger Straße anrufen und ihn bitten, ganz schnell zwei weitere Paar von diesen sensomotorischen Ledereinlegesohlen anzufertigen? Bis gestern? Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen. Vielen Dank.“ „Natürlich“, hörte er sie antworten. Er war erleichtert.
Ohne Sport funktionierte er nicht gut. Wenn er nicht jeden zweiten Tag aktiv war, neigte er zu Depressionen. Eine Familiensache. In seiner Erinnerung waren seine Großeltern an gebrochenem Herzen gestorben. Nie war etwas ausgesprochen worden. Dem anderen Gefühle zu zeigen, hatten sie als Zeichen der Schwäche angesehen. Als Kind hatte ihn das fast zerrissen. Das sollte ihm nicht passieren. Er wollte sein Leben gut führen. Er hatte eine liebevolle Ehefrau, die er auf Händen trug, zwei aufgeweckte Jungs, er machte Sport, ernährte sich gesund und sein Beruf förderte ihn mehr, als er ihn forderte. Manche Außenstationen, wie damals Italien, hatten ihm sogar richtig gut gefallen.
Frau Bachman stand wieder in der Tür: „Ihr Mittagessen mit dem Bruder des Sultans übernimmt Ihr Stellvertreter. Auch das Meeting mit der Personalabteilung. Sie haben um 13 Uhr einen Termin mit Z. Den Ort erfahren Sie im Wagen vom Fahrer.“ „Z? Was, jetzt schon? Ich bin überhaupt nicht vorbereitet.“ „Er bereitet Sie vor. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte Frau Bachman. „Nein, vielen Dank. Ich glaube, ich würde jetzt gern etwas allein sein. Stellen Sie bitte bis zur Abfahrt keine Telefongespräche durch. Es sei denn, es ist der Bundeskanzler.“ Ha, irgendwie fand er diesen Spruch nicht mehr komisch.
Der Fahrer hielt vor einem eher unscheinbaren Häuschen am Wannsee, nahe des Hauses der Wannseekonferenz. Von Herlichingen mochte den Wannsee nicht sonderlich. Den See an sich schon, aber nicht die Atmosphäre. Für ihn schien die Zeit hier stehengeblieben zu sein. Vor Jahren hatten sich Susanne und er Am Großen Wannsee nach einem möglichen neuen Zuhause umgesehen. Aber schon beim Aussteigen aus dem Wagen hatte sie versteinert gesagt: „Till, ich kann hier nicht atmen.“ Damit hatte sich die Sache erledigt. Sie waren in den Grunewald gezogen. Nun kam er an den Wannsee, um sich sein Geheimdienstbriefing abzuholen. „Guten Tag, Herr Staatssekretär. Z kommt sofort zu Ihnen. Bitte gehen Sie nach unten in das blaue Zimmer, ich bringe Ihnen gleich ein Glas Wasser“, sagte der Referent, der nach von Herlichingens Vorstellung aussah, als komme er direkt vom Laufsteg: groß und schlank, schick verpackt im dunkelblauen Maßanzug. Eleganz ist in den Krisenjahren zur Seltenheit geworden, bedauerte er.
Z war eine gefürchtete Person. Wer etwas von ihm oder über ihn hörte, behielt das besser für sich. Den meisten war er als die graue Eminenz im Bundeskanzleramt bekannt. Er war Ende der 90er Jahre mit dem damaligen Kanzler Schröder gekommen. Und geblieben. Z kannte jeden, der auch nur im Ansatz etwas zu sagen hatte. Wen er nicht abnickte, der landete irgendwo im Kultusministerium oder, schlimmer noch, in einer Stiftung. Von Herlichingen setzte sich auf einen der beiden Stühle, unruhig natürlich. Auch etwas stolz. „Ah, da ist er ja, unser Retter“, sagte Z beim Eintreten und legte sofort die Hand in von Herlichingens Nacken. „Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht die Zeit für Formalitäten.“ Beide lächelten. Von Herlichingen mochte ihn auf Anhieb. Unkompliziert, verbunden mit lässiger Dominanz; das gefiel ihm. Es ging sofort los mit dem Briefing zur Lage der Nation. Z vergeudete keine Zeit. „Vorher, von Herlichingen, Sie wissen: Nichts aufschreiben, nichts weitererzählen, das Gespräch hat’s nie gegeben.“ „Ja, selbstverständlich“, hörte er sich schon wieder sagen. Dann zog für die nächsten 4 Stunden die Weltkrise in dieses fensterlose Zimmer ein.
Dieser drahtige, etwas klein geratene Mann im dunkelgrau-karierten Zweiteiler zeichnete ein Deutschland, ein Europa im Ausnahmezustand. „Seit 2008, als die globale Finanzkrise eskalierte, hat uns im Grunde jeder Konflikt hierher, in die Katastrophe, geführt. Viele haben das nicht gemerkt oder merken wollen, bis es zu spät war. Das war wie mit dem Frosch… Sie kennen die Geschichte, von Herlichingen?“ „Frosch? Nein.“, antwortete er. „Wenn Sie einen lebendigen Frosch in kochendes Wasser setzen, wird der sofort wieder herausspringen. Er spürt die drohende Lebensgefahr und wird sich sofort retten. Ganz anders verhält sich der Frosch, wenn man ihn in einen Topf mit warmem Wasser setzt und dieses dann ganz langsam erhitzt. Er spürt die Gefahr nicht und bleibt sitzen – so lange, bis es für einen Absprung zu spät ist. Er wird zu Tode gekocht.“
Nach Z’s Beschreibungen hatten Europa bereits in der Finanzkrise die entscheidenden Marktkenntnisse gefehlt, um das Ruder herumzureißen. Es hatte geballte Ahnungslosigkeit geherrscht, weit und breit. „Statt nach Lösungen zu suchen, haben wir, wenn wir ehrlich sind, alle Beteiligten gegeneinander ausgespielt und wie eine Weihnachtsgans ausgenommen. Anstatt unsere Banken zur Rechenschaft zu ziehen, haben wir gemeinsame Sache mit denen gemacht. Wir haben unsere Bürger, alle Europäer, vor allem aber Griechenland für die Verluste unserer Banken zahlen lassen.“ „Wirklich?“, warf von Herlichingen ein. „Ich dachte…“ Z ignorierte den Diplomaten und fuhr fort: „Hätten wir das nicht gemacht, wäre unsere Volkswirtschaft damals abgeschmiert. Noch 3 Prozent mehr Schulden für die deutschen Banken – die hätten Zahlungsunfähigkeit anmelden müssen. Der europäische Steuerzahler hat die deutsche und auch die französische Zeche bezahlt. Ich glaube, da sind 1 Trillion Euro zusammengekommen.“ Till von Herlichingen blickte Z angespannt an. Er hatte das Gefühl, im falschen Film zu sitzen. Noch nie hatte er so etwas zuvor gehört. Im Gegenteil, er gehörte zu denjenigen, die auf Griechenland schimpften.
Z bemerkte das, machte jedoch ohne Pause weiter: „Damit war Deutschland erst einmal aus dem Gröbsten raus, leider musste der Rest Europas dafür bluten und konnte sich nicht erholen. Allen voran die Griechen. Natürlich, von Herlichingen,“, sprach Z den Diplomaten direkt an, „wussten wir damals, dass dieser Weg falsch war. Der Internationale Währungsfonds wusste das, unsere Regierung, die Europäische Zentralbank, alle.“ Von Herlichingen leerte sein Glas stilles Wasser und schwieg.
„Wenn Sie als Volkswirtschaft schwächeln, ziehen Sie erstmal alle mit nach unten und sehen zu, dass Sie als erster wiederauftauchen.“ Von Herlichingen warf ein: „Aber, wenn die Beteiligten in Brüssel und Frankfurt das alles wussten, wie Sie vorhin gesagt haben, warum hat denn niemand bei der EU die Notbremse gezogen?“ „Warum sollten die? Es galt, die Banken zu retten. Das war die Marschrichtung. Fertig. Stellen Sie sich vor, die deutschen Banken wären weggebrochen und hätten Zahlungsunfähigkeit angemeldet. Was, glauben Sie, wäre passiert?“, fragte Z rhetorisch. Und antwortete: „Die internationalen Ratingagenturen hätten Deutschland sofort auf Ramschstatus heruntergestuft. Ende. Da hätten wir den Ausnahmezustand ausrufen können…. Also – was blieb? Irgendwer musste doch zahlen? Zudem, das war doch die bequemste Lösung für die verantwortlichen Politiker und Beamten vor Ort. Wenn sie Mitte 50 sind, mit einem guten Brüsseler Posten, dann wollen Sie nur noch die Zeit bis zur Pension herumkriegen. Und sich nicht mit dem deutschen Finanzminister oder deutschen Banken anlegen.“ Von Herlichingen konnte es immer noch nicht fassen. „Ich habe bisher immer nur vermutet, dass etwas nicht stimmte. Eine solche Analyse habe ich noch nie gehört.“
„Krise für Krise hat sich die Katastrophe ihren Weg geebnet: Nach der ersten Finanzkrise, Griechenlandkrise, Russlandkrise, Flüchtlingskrise, Brexit, Separatismus in Europa, Atomangriff, zweite Finanzkrise und Frexit. Alle 9 entwickelten sich geradezu zu einem Tsunami.“ „Und der kam ja dann auch am 9. November“, warf von Herlichingen ein.
„Ja, diesmal hat es uns getroffen. Die Einschläge sind da: Nicht New York, nicht Paris, uns hat es erwischt. Wissen Sie noch, wo Sie waren, von Herlichingen, als am 9. November 2026 der Euro an den weltweiten Börsen in den Abgrund gestürzt wurde? Ich konnte Tage danach noch keinen klaren Gedanken fassen.“ Von Herlichingen erinnerte sich: „Meine Frau und ich haben uns sofort zu Hause getroffen. Da haben wir den Börsenabsturz im Fernsehen verfolgt, immer und immer wieder. Das war eine stumme Zusammenkunft in unserem Wohnzimmer. So richtig, glaube ich, habe ich das bis heute nicht begriffen. Ich habe damals in den Berichten des Finanzministeriums gelesen, dass die Europäische Union nach der dritten Abwertung des Euro in Folge – ich glaube, durch die amerikanischen Ratingagenturen Moody’s und Fitch – zum Abschuss freigegeben worden war. Richtig?“, fragte von Herlichingen und blickte Z dabei hilfesuchend an, als hoffte er, dass es eine ganz andere Antwort für das Desaster gab. „Ja, stimmt. Als Hauptgrund wurden die nichtexistierende Solidarität und die Feindschaften innerhalb der EU-Staaten angegeben. Zumindest stand das da so. Ich kenne den Bericht auch, von Herlichingen. Mit dieser Begründung war der Startschuss für die weltweiten Anleger gefallen: Die haben sofort zur Jagd geblasen auf uns Europäer. Wir waren der neue Schwächekandidat.“ Till von Herlichingen versuchte, das Gehörte zu verstehen: „Aber wer hat zur Jagd geblasen? Wer hat zum Totalverkauf geraten? Die Banken? Die Amerikaner? Die Spekulanten? Alle zusammen? Warum? Warum hat uns niemand mehr vertraut? Warum gab es keinen Plan B?“
Z stoppte seinen neuen Mann, der scheinbar große Schwierigkeiten hatte, Zusammenhänge von Finanzwirtschaft und Politik zu verstehen. Z selbst hatte seine Not, diese Zusammenhänge nachzuvollziehen und bei dem Entwicklungstempo mitzuhalten. Auch war es ihm lästig, den Lehrmeister zu spielen. Schließlich war er wie der Diplomat vor ihm ein Beamter. Manchmal schlug er nach bei Ludwig von Mises, dem Ökonomen, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts gesagt hatte: “Je länger die Fehlsteuerungen andauern, desto größer wird der Schmerz.“ Z versuchte, mit den Worten dieses Wirtschaftsexperten die Situation erklärbarer zu machen: „Laut von Mises, ‘gibt es keine Möglichkeit, den finalen Zusammenbruch eines Booms zu verhindern, der durch Kreditexpansion erzeugt wurde. Die einzige Alternative lautet: Entweder die Krise entsteht früher durch freiwillige Beendigung einer Kreditexpansion – oder sie entsteht später als finale und totale Katastrophe für das betreffende Währungssystem.’ Sie werden wohl ahnen, welchen Weg wir eingeschlagen haben“, sagte Z und wandte sich damit wieder dem eigentlichen Gesprächsthema zu. „Es spielt keine Rolle mehr, wer was hätte machen können. Projekt Europa ist Geschichte. Projekt Bundeskanzler Meier auch“, sagt er und lenkte etwas ab. „Wir hatten vermutet, der Meier sei auf die Ranch zum früheren US-Präsidenten George W. Bush geflüchtet. Aber laut Mossad-Informationen versteckt der sich wohl in Chile, wahrscheinlich im früheren Haus von Erich und Margot Honecker…“ Beide Männer grinsten.
Natürlich waren dem Staatssekretär auf seinen Reisen die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Europa nicht verborgen geblieben. Klar hatte er das Elend in Spanien, Belgien und Frankreich gesehen und die Statistiken gelesen: 65 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, massiver Anstieg der Sterblichkeitsrate, überfüllte Gefängnisse, Anarchie. Die Barrikaden der Polizei machten inzwischen nicht mal mehr Halt vor seiner Haustür, in der Koenigsallee. Glaubte er den Worten von Z, war „die Büchse der Pandora weit geöffnet. Jedes Untergangsszenario scheint von der Realität nur einen Steinwurf entfernt.“
Während Z über den Grad der Verzweiflung und die „Aggressionen in der abgerutschten Mittelschicht“ berichtete, machte sich von Herlichingen eigene Gedanken: Es ist inzwischen vierzehn Monate her, dass der Euro zu Tode spekuliert worden ist. Und vierzehn Monate, seit die Europäische Union in sich zusammengefallen ist. Und noch immer hatte niemand eine Lösung. Wie kann das denn sein? „Lassen Sie uns ein Stück an der frischen Luft spazieren gehen, von Herlichingen“, schlug Z vor. Noch beim Anziehen sagte er: „Hätten wir uns vielleicht auf ein Europa unabhängiger Regionen einlassen sollen? Oder ein Europa der mehreren Geschwindigkeiten? Wie sollte das denn in der Realität funktionieren, wenn die Guten vorpreschen und die weniger Guten im Wartezimmer verharren?“
Eingepackt in ihre schwarzen Trenchcoats stapften beide durch den gefrorenen Schnee still nebeneinander her. Z trug einen dunklen Stetson und hatte sich bis zur Nase in seinen grauen Wollschal eingewickelt. Von Herlichingen schaute ihn an und stellte fest, dass er Ähnlichkeit mit Richard Burton in dem Klassiker „Der Spion, der aus der Kälte kam“ hatte. Macht Z mir Angst?, fragte er sich. Wahrscheinlich. Ja, ein bisschen. Es war aber vermutlich eher die Angst vor der Macht solcher Menschen, auf die er plötzlich angewiesen war.
Von Herlichingen hörte in der Stille dieses kalten Wintertages seinen eigenen Atem. Der klang schwerer als normal. Er dachte darüber nach, wie der Zerfall Europas die Hoffnungen der Menschen radikal zerstört hatte. Wie Träume kollektiv in einer Seifenblase zerplatzt waren. Die Unterschicht tobte auf den Straßen, die Mittelschicht war so gut wie nicht mehr vorhanden. Als hätte Z von Herlichingens Gedanken erraten, erklärte er: „Und die zornige Mittelschicht ist die eigentliche Bedrohung Europas. Das sind zu viele. Unkontrollierbar. Es sei denn, wir handhaben es wie die Amerikaner…“ Z’s Stimme klang resigniert. „Seitdem die Amis 2020 diesen Faschisten zum Präsidenten gewählt haben, ist alles anders geworden. Der teilt sich die Macht mit einer Handvoll Billionäre, Trillionäre. Man hört, dass es die Südstaaten besonders schlimm erwischt hat. Da regiert ein gebürtiger Slowene samt seiner neu eingeführten Diktatur: Fürs Strammstehen gibt’s Coca Cola, fürs Ausspionieren der Nachbarn ein günstiges Haus. Gearbeitet wird 6 Tage die Woche. Sie wissen, wovon ich rede. Und hier, mein Lieber? Kapitalismus, Sozialismus, alles Vergangenheit. Es ist eine neue Zeit angebrochen. Die Ära individueller Imperien. Wir sind wieder bei den Medici, den Fugger, den Borgia angelangt. Neue Namen, altes Spiel. Wenn Sie nächste Woche zur Wallstreet nach New York fliegen, werden unsere Kontaktpersonen einen klaren Situationsbericht vorlegen. Ich gebe Ihnen nur die Eckpunkte.“ Z und von Herlichingen kehrten auf ihrem Spaziergang in die inzwischen herrenlose Liebermann-Villa ein. Auf dem Grundstück hatten Füchse ihre Abdrücke im Schnee hinterlassen. Sonst nichts. Keine Menschenseele, nirgendwo. Wahrscheinlich hatte auch niemand mehr einen Überblick, wem dieses geschichtsträchtige Haus gehörte. Alles Wertvolle war gestohlen worden und der Bau selbst wurde seit geraumer Zeit vernachlässigt. „Wussten Sie, dass Liebermanns Eltern nichts von der Malerei ihres Sohnes hielten?“, unterbrach von Herlichingen die Stille. „Bei seinen ersten Veröffentlichungen haben sie ihm verboten, den Namen Liebermann zu benutzen.“ Z verzog den Mundwinkel und sagte: „Merkwürdig, nicht? Wie der Anfang, so das Ende. Kurz vor seinem Tod, als die Nazis ihn aller Ämter beraubt hatten und er gesellschaftlich verstoßen worden war, besuchte ihn seine alte Freundin Käthe Kollwitz noch einmal. Ich glaube, in seinem Atelier am Pariser Platz. Er soll gesagt haben: ‚Ich lebe nur noch aus Hass. Ich schaue nicht mehr aus den Fenstern dieser Zimmer – ich will die neue Welt um mich herum nicht sehen.’“
Von Herlichingen war ungewohnt ergriffen vom Schicksal des Malers. Was sollte er denken? Würde er es gern wie Max Liebermann halten? Nichts sehen? Wie lange kann man so etwas durchalten, wenn es um einen herum brennt? „Haben Sie Angst, von Herlichingen?“, fragte Z plötzlich. „Auf einer Skala von 1 bis 10, wo liegen Sie? Sagen Sie ruhig die Wahrheit.“ Von Herlichingen druckste herum. Z sah ihn ernst an. „Ich werde lange Zeit der Einzige sein, der Ihnen helfen kann, Ihre Ängste zu managen.“ Till von Herlichingen fühlte sich in diesem Moment erdrückt von der Last der Verantwortung. Gleichzeitig kampfeslustig. Er fürchtete sich und fühlte sich auserwählt. Wer kann schon seinen Kindern erzählen, dass er auserkoren wurde, sein Land zu retten? „Vielleicht 8?“, vermutete Z. „Nein, mehr 7, okay, 7 1/2“, lautete von Herlichingens Antwort. Z drehte sich zu ihm und blickte ihn mit seinen kalten, blauen Augen an. Suchend, misstrauisch. „Ich mag Sie, von Herlichingen. Aber ich bin mir nicht sicher, warum Begranski und Feinstein Sie für den Job ausgesucht haben. Wissen Sie es?“ Von Herlichingen zuckte zusammen und suchte nach einer überzeugenden Antwort. „Meine Freundschaft mit dem britischen Premierminister?“, warf er vorsichtig ein. „Vielleicht“, erwiderte Z.
Zurück im Briefingzimmer, wollte von Herlichingen wissen: „Benito de Koroso? Was will der? Und wie genau hat der das gemacht, Frankreich, ein ganzes Land, zu kaufen?“ Z schaute ihn eindringlich an und fragte zurück: „Haben Sie es nicht verstanden? Das Problem ist ein Weltproblem. Dieses Weltproblem ist die neue inoffizielle Weltregierung, die aus vielleicht 40 oder 50 Billionären, Trillionären besteht. De Koroso ist lediglich der aggressivste Spekulant unter ihnen und der mit dem stärksten Interesse an Europa. Wir haben Informationen, wonach er ursprünglich aus der Ukraine stammen soll. Und dass er die Europäer hasst. Aber das erzählt Ihnen Jim nächste Woche. Sie fliegen gleich am Montag nach New York.“
Von Herlichingen wurde übel. Er rannte zur Toilette. Mist, diese verdammte Fructose! Er hatte bei der ganzen Aufregung nicht aufgepasst. Bestimmt war dieses Salamisandwich, das ihm der Assistent vorhin gebracht hatte, Schuld daran. Überall war dieser billige Industriefruchtzucker drin. Er hatte über die Jahre eine starke Intoleranz entwickelt. Und immer, wenn es ihn erwischt hatte, lief der gleiche Film ab: Nach dem Essen wurde ihm erst heiß, dann kalt, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, Übelkeit. Aber das Schlimmste war dieser Pessimismus, der damit einherging. Sein Arzt hatte ihm das mal erklärt: „Unser Körper produziert Serotonin für das Zentralnervensystem. Das ist eine Art Glückshormon, zuständig für die helle Stimmung. Bei der Fructose-Unverträglichkeit nimmt man mehr Fruchtzucker auf, als man verarbeiten kann. Dann ist der Darm blockiert und nicht in der Lage, das Serotonin an die entsprechenden Stellen im Körper weiterzuleiten. Der Transport der ‚guten Laune’ wird unterbrochen. Und die Stimmungslage verdunkelt sich rasant.“ Natürlich war heute vor allem seine Angst an der Übelkeit schuld. Aber was hätte er denn machen sollen? Nichts essen? „Wäre sicher besser gewesen“, hörte er Susanne sagen. Und wo sind Deine Pillen?, fragte er sich selbst. Von Herlichingen, Du Idiot, wo hast Du sie gelassen? Vielleicht solltest Du Frau Bachman die Kontrolle darüber übertragen?
Als von Herlingen zurückkehrte, erkundigte sich Z: „Geht’s wieder?“ „Ja, morgen ist es wieder vorbei.“ Damit war die Angelegenheit für Z erledigt und er blätterte konzentriert in der vor ihm liegenden Gittermappe. „Kommen wir zu Ihnen.“ Von Herlichingen ahnte, was jetzt kommen würde. „England. Harrow, Ihr Internat. Sie wissen, wer da alles war?“ Von Herlichingen wusste, dass jetzt sein Kontakt zu Boris June gefragt war. Deshalb war er hier. Deshalb hatten sie ihn ausgesucht. Boris war sein bester Freund gewesen, sein Hirte. Aber das war mittlerweile 40 Jahre her. „Ich nehme an, wir sprechen über Boris June“, antwortete er vorsichtig. „Ja, auch.“ „Auch?“, fragte von Herlichingen überrascht. Z erklärte: „Es geht um die Frauen in seinem Leben. Und die Männer. Es geht um zwei Oligarchen, die zwei Jahrgänge unter Ihnen waren.“ „Wirklich? Wer sind die denn?“ Von Herlichingen war sichtlich erstaunt. „Trevor Gonzales und Josha Letanujo.“ „Die sind heute Oligarchen?“ „Ja. Gonzales lebt auf einer mobilen, 4km2 großen Inseljacht im Pazifik. Mit eigener Atombombe. Und Josha Letanujo pendelt mit seinen mobilen Villen ständig zwischen Monte-Carlo, Tel Aviv und Los Olivos. Können Sie sich das vorstellen? Die Villen werden abgebaut und aufgebaut, je nach Ort. Dazu kommen das Personal, die Frauen, die Manager. Immer sind etwa 50 der engsten Mitarbeiter dabei. Das ist, als ob der Vorstand des Springer-Verlags mit allen Chefredakteuren von Stadt zu Stadt zöge und überall sein mobiles Springerhochhaus dabeihätte. Geld macht die Menschen verrückt. Schon immer so gewesen…“ Von Herlichingen kannte beide Namen nicht. Z fuhr fort: „Beide sind häufig in London. Das ist ihr Steuerparadies. Das ist der Dreh- und Angelpunkt für ihr Business.“
Als Staatssekretär fühlte er sich unsicher wie ein Anfänger. Die Bedeutung seines bisherigen Wissens war reduziert auf die Größe einer Erdnuss. Wie konnte denn dieses ganze Leben an ihm vorbeigegangen sein? Wo war er denn gewesen, als das alles passierte? Er hatte doch jeden Tag die Situationsberichte aus Brüssel und den westlichen Hauptstädten gelesen. Alle diese Namen, die Z ihm heute genannt hatte, kannte er nicht. Wie konnte das möglich sein? Wieder beantwortete Z seine Fragen, ohne dass er diese aussprechen musste. „Wir, Sie und ich, leben in unserer eigenen Informationsblase. Die Wirtschaft lebt ebenfalls in ihrer eigenen Informationsblase. Und dann haben Sie die anderen Blasen: Medien, Hochfinanz, Business, Sport, alles – jeder ist in seiner Blase gefangen. Schon lange weiß niemand mehr, was der andere macht, wie der tickt. Deshalb sind diese großen Lücken in der Gesellschaft entstanden. Unwissen, von Herlichingen. Fast schon totalitär. Nur die Großen, die ihre eigenen Daten-Netzwerke aufgebaut haben und alle Branchen miteinander verknüpfen, die Super-Hubs, Oligarchen wie de Koroso, spielen die Musik. Die Welt tanzt danach. Aber zum Glück gibt es uns, den Geheimdienst. Sonst wäre Deutschland schon völlig erledigt.“
Von Herlichingen warf ein: „Sagen wir, ich schaffe es, diese Menschen alle zu treffen. Was dann?“ „Dann geht’s los. Wir sind jetzt Tempelritter. Sie an vorderster Front. Sie haben ab heute eine Mission. Sie retten alles, was Sie können, für Deutschland. Und gleichzeitig zerstören Sie alles, was uns im Wege steht. Sie gehen da rein, in die Hölle, und sehen zu, dass alle verbrennen. Wenn Sie es schaffen – und davon gehen wir aus –, kommen Sie wieder raus.“ Oh, was für ein Szenario! Er, der Erlöser, der…? Wieso denn er? Sein Mund wurde furchtbar trocken. Es fühlte sich an, als würde er jeden Moment verdursten. Susanne wird in Ohnmacht fallen, dachte er. Sie wird mich nehmen, in den Kofferraum packen und außer Landes schmuggeln. Das wäre meine letzte Chance, diesem Wahnsinn zu entkommen.
Till von Herlichingen driftete in seine Ängste ab – Z holte ihn in die Wirklichkeit zurück: „Uns ist klar, dass Sie keine Ahnung von der Finanzmaterie haben. Deshalb fliegen Sie am Sonntag nach Davos und am Montag zur Wallstreet, um zu lernen, wie und wo die neuen Weltlenker ihre Gelder investieren, wie man Länder kauft. Im Anschluss fliegen Sie nach Monte-Carlo, weil die Typen sich einmal im Monat im Casino treffen. Mit ihren Frauen. Naja, mit… Frauen. Das ist deren Rückzugsort. Da sind alle unter sich und fühlen sich sicher. Ich würde vorschlagen, Sie treffen noch Claude Mérdel in Marrakesch. Am besten, bevor Ihr Abschiedsbesuch beim Bundeskanzler ansteht. Mérdel kennt die Abhängigkeiten. Sie wissen schon, alles, was für unsere Verhandlungen mit de Koroso nützlich sein könnte. Die Schattenseite.“
Am Abend, unter der Dusche, träumte von Herlichingen von friedlichen Zeiten. Er träumte davon, mit Susanne und den Kindern den Highway an der kalifornischen Küste entlangzufahren. Sie würden in Los Angeles halten, in Monterey, irgendwo am Strand, und dann würden sie ein paar Tage in Santa Barbara verbringen. Hier hatten sie ihren schönsten Urlaub erlebt, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Till erinnert sich, dass er damals total verrückt nach Susanne gewesen war. Sie hatten einen Segelausflug in der Nacht gemacht und Susanne hatte dieses rote Abendkleid getragen… Ob wir uns in Santa Barbara hätten niederlassen sollen?, fragte er sich. Wie Laura, eine gemeinsame Freundin, die in San Diego eine Ayurvedazentrale aufgebaut hatte. Ja, die hat alles richtig gemacht, bemitleidete er sich. Laura hatte Anfang der 2.000er Jahre ihren gut bezahlten Fernsehjob hingeschmissen und war von Hamburg nach Kalifornien gezogen. Natürlich hatte sie sich vorher noch in einen Yogalehrer verlieben müssen… Heute war Laura ein Superstar im amerikanischen Fernsehen. Er, der Staatssekretär auf Abruf, fühlte sich dagegen wie ein Totalversager. Ich kann gar nicht so viel duschen, wie ich heute Schmutz auf mich geladen habe, dachte er.
Heute Abend musste mal wieder Obama helfen. Er suchte dessen Playlist mit den Songs vom Sommer 2016. Damals, als Präsident im Weißen Haus, hatte Obama als weltweit erster Politiker seine Lieblingsmusik mit der Welt geteilt. Von Herlichingen war neugierig gewesen und hatte sich durch die ganze Liste gehört. So war er zum Fan von Sara Bareilles und Manu Chao geworden, die er bis dahin gar nicht gekannt hatte.
In seinen Erinnerungen war Barack Obama immer ein gutes Heilmittel in jeder Krise gewesen. Bei ihm ging es immer darum, „weiterzumachen, sich nicht unterkriegen zu lassen.“ Mit Stil, mit Eleganz. Das hatte von Herlichingen fasziniert, schon als er ihn das erste Mal hatte reden hören, in Boston, beim Parteitag der Demokraten, 2004. Von Herlichingen war nach wie vor völlig hingerissen und inspiriert von dem Kämpfer Barack Obama, jemand, der die gesamte Geschichte der USA in sich vereinte. In den vergangenen 24 Jahren hatte er kaum eine Rede von ihm verpasst. Und jedes Mal hatten ihm die Worte Mut gemacht, immer war er wieder aufgestanden und hatte versucht, das Bestmögliche aus der jeweiligen Situation zu machen. Von Herlichingen musste zugeben, dass ihm das nicht immer gelungen war, aber durch Obama hatte er sich zumindest angetrieben gefühlt, es zu versuchen und sein Bestes zu geben.
Während die Songs liefen und ihn etwas beruhigten, schrieb der Diplomat in sein Tagebuch: „Europa ist ein paar Überreichen ausgeliefert, für die Milliarden Spielgeld sind. Diese Oligarchen aus aller Herren Länder teilen sich den Planeten mit seinen 8 1/2 Milliarden Bewohnern nach Belieben auf. Das sind 100 Millionen Menschen pro Oligarch. Verrückt, oder? Die bilden ihre ganz eigene Klasse. Ob wir verkauft werden, habe ich Z am Nachmittag verunsichert gefragt. Und der, was hat der geantwortet? ‚Es steht und fällt mit Ihrem Erfolg. Vielleicht werden wir die künftigen Sklaven? Niemand weiß, welche Stadt, welche Region, welches Land morgen noch eigenständig sein wird. Europa zerfällt nicht in einzelne Länder, nein, es zerfällt in Regionen, in Landstriche, die an den Meistbietenden gehen. Wir entwickeln uns zurück Richtung Mittelalter und nutzen dafür die Technologie der Zukunft. Für Geld gibt es keine Regeln, von Herlichingen, wer soll denn die Regeln aufstellen? Berlin? Brüssel? Alle Instanzen sind zerstört. Die Oligarchen haben mit ihren Währungswetten und Big Data-Manipulationen die natürliche Ordnung aus den Angeln gehoben. „Sie bestimmen über die Sprache, die soziale Ordnung, ob es ein politisches System geben soll oder ob sie selbst, quasi per Dekret als König von Nordeuropa, über Politik und Wirtschaft und Bildung und Besitz bestimmen.‘“
Till hatte genug vom Tag. Er packte das Tagebuch zur Seite und holte den Bourbon aus dem Weinkeller. Susanne hatte den Old Scout, den er so mochte, für seinen Geburtstag vor ein paar Monaten auf dem Flughafen ergattern können. Beim Zwischenstopp in Madrid hatten sie ihr den Whiskey zu einem utopischen Preis von 338 Staatsmark verkauft. Importware war inzwischen eine Rarität. Während er drei Eiswürfel in den Whiskey fallen ließ, schoss es ihm durch den Kopf: Susanne, wie soll ich Susanne meine Mission erklären? Zum Glück war sie gerade bei ihren Eltern in Quedlinburg. Im Harz war sie sicherer als bei ihm in Berlin. Und die Kinder konnten die Schule vorrübergehend ohne Sicherheitspersonal besuchen. Susanne kannte sogar noch einige Lehrer aus ihrer eigenen Schulzeit dort und auch das Schulgebäude schien, nach ihren Beschreibungen, wie früher auszusehen. Die diversen Gesellschaftssysteme waren anscheinend am Gemäuer abgeprallt. Sie erzählte ihm oft, wie sie damals geweint hatte, weil ihr zu DDR-Zeiten das Abitur verwehrt geblieben war. Ihre Familie hatte zu viele Verwandte im kapitalistischen Westen gehabt. „Das passt nicht in die sozialistische Wertegemeinschaft“, hatte der Schuldirektor erklärt. Ihr Vater war 20 Jahre zuvor in derselben Schule mit denselben Lehrern gewesen. Bis heute fand Till die Geschichte mit Susannes Vater entsetzlich. Weil er es gewagt hatte, mit einer Levi-Strauss in die Schule zu kommen, rief der Direktor persönlich alle Klassen in die Aula. Dann holte er ihn, den damals 16-Jährigen, nach vorn. Und schnitt ihm das Label aus der Jeans heraus. Wie irrelevant das jetzt alles geworden war. Geradezu albern.
Susanne informierte ihren Mann regelmäßig über die neuesten Entwicklungen. Über alles, was sie in den englischen, amerikanischen, arabischen und russischen Nachrichtensendern gesehen hatte oder was ihr die Nachbarn an Geschichten von ihren Kindern im Ausland erzählt hatten. Susanne liebte ihren Mann. Till wusste, er war ihr Tor zur Welt. Er war ihr Tor ins freie Leben. Er war der Mann, den sie immer gewollt hatte.
