Beschreibung

Tanja Janz tritt immer dann in Aktion, wenn andere schon aufgegeben haben: Schulen, die nur die nächste Pisa-Prüfung und das Zentral-Abitur interessiert, und Eltern, die am Ende ihrer Kräfte sind, weil sie schon seit der fünften Klasse mitpauken. Janz erlebt jede Menge Erziehungssünden und die Auswüchse der Schulmisere hautnah. Doch während sie die Versetzungsprobleme anderer Leute beseitigt, erlebt sie auch die verrücktesten Dinge und weiß heute, warum ein Nachhilfelehrer oftmals auch Therapeut, Koch, Chauffeur, Putzfrau oder Eheberater sein muss...

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EPUB

Seitenzahl: 319


Über die Autorin

Tanja Janz, geboren 1974, studierte Anglistik, Germanistik und Erziehungswissenschaften auf Lehramt in Essen. Sie unterrichtete als freie Dozentin für die VHS und verschiedene Nachhilfeanbieter, begleitete Sprachreisen, arbeitete als Sozialpädagogin an einer Grundschule und führte eine Nachhilfeschule.

Tanja Janz

Der istja nicht doof,nur irgendwiehochbegabt

Unkorrigierte Geschichtenaus der Nachhilfestunde

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Das vorliegende Buch beruht auf Tatsachen. Zum Schutz der rechte derPersonen wurden Namen, Orte und Details verändert.

Dieses Werk wurde vermittelt durch dieMichael Meller Agency GmbH, München.

Copyright © 2013/2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Lisa Bitzer, Landau

Titelillustration: © Martina Kiesel, Berlin

Umschlaggestaltung: © Martina Kiesel, Berlin

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-8387-2600-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Eltern.

Inhalt

1. Kapitel: Am Arsch hängt der Hammer

2. Kapitel: Beim ersten Mal tat’s noch weh

3. Kapitel: Lehrer im Schnelldurchlauf

4. Kapitel: Friss oder stirb

5. Kapitel: Wie, du kannst das Alphabet nicht?

6. Kapitel: Dr. Sommer war auch schon da

7. Kapitel: Jugend forscht

8. Kapitel: Plötzlich Büroleitung

9. Kapitel: Glaube, Liebe, Hoffnung

10. Kapitel: Die Ernst-Oliver-Diaries (Der erste Eindruck zählt)

11. Kapitel: Nachhilfe mit Zahlpause

12. Kapitel: Der frühe Vogel kann mich mal!

13. Kapitel: Wenn ich mal groß bin

14. Kapitel: Schaijänn

15. Kapitel: Die Ernst-Oliver-Diaries (Zwischen Leber und Milz passt immer ein Pils)

16. Kapitel: Wir wollen doch in die Oberstufe

17. Kapitel: Zappelphilipp

18. Kapitel: English for Runaways

19. Kapitel: Für immer hochbegabt

20. Kapitel: Endlich Lehrerzimmer

21. Kapitel: Freizeit-Vampire

22. Kapitel: Die Ernst-Oliver-Diaries (Wer reitet geschwind durch Nacht und Wind)

23. Kapitel: Die Ernst-Oliver-Diaries (Der göttliche Funke)

24. Kapitel: Lieber arbeitslos als Schuldienst

Nachwort

»Also lautet ein Beschluß:

Daß der Mensch was lernen muß.

Nicht allein das ABC

Bringt den Menschen in die Höh,

Nicht allein im Schreiben, Lesen

Übt sich ein vernünftig Wesen;

Nicht allein in Rechnungssachen

Soll der Mensch sich Mühe machen;

Sondern auch der Weisheit Lehren

Muß man mit Vergnügen hören.«

(Wilhelm Busch, aus Max und Moritz, 4. Streich)

1Am Arsch hängt der Hammer

»Rekruten! Jetzt kann euch nur noch der Tod vor dem Abitur bewahren!«

Oberst Stahl stand breitbeinig vor unserem Mathe-Grundkurs und stemmte die Hände in die Hüften. Eine grau-braune Strähne seines lichten Haars lag kunstvoll drapiert über seinem kahlen Haupt, der Hemdkragen war frisch gestärkt, und die beigefarbene Bundfaltenhose passte ihm scheinbar noch genauso gut wie zum Amtsantritt von Willy Brandt.

Es war der erste Tag im neuen Schuljahr. Mittlerweile regierte der dicke Mann aus Oggersheim die deutschen Lande. Ich war endlich, und ohne dass ich mir erklären konnte wie, in der elften Klasse angekommen, nachdem ich zwei unfreiwillige Ehrenrunden am Schalker-Gymnasium gedreht hatte − mit einer glatten Sechs in Mathe und Physik war einfach nichts mehr gegangen, nicht mal mehr die Nachprüfung in den Sommerferien. Und nun stand ausgerechnet der leibhaftige Grund für meine zweimalige Nachspielzeit in der siebten und neunten Klasse vor mir und verkündete, dass ich mit dem Erreichen der Stufe elf nicht mehr an der Allgemeinen Hochschulreife vorbeikäme.

Ich, die in Naturwissenschaften ungefähr so begabt war wie ein Pferd beim Stepptanz. Die ich die binomischen Formeln nicht von einer zufällig zusammengewürfelten Abfolge ägyptischer Hieroglyphen unterscheiden konnte. Die nicht kapierte, was dieses »Punkt vor Strich« jenseits des Kunstunterrichts zu suchen hatte, und die vor allem selbst nach dreizehn Jahren Schulbank nicht begriff, wieso ein auf dem Boden liegendes Objekt weniger potenzielle Lageenergie besaß als ein ähnliches Objekt dreißig Zentimeter höher.

Ich war – und da gab es kein Schönreden – eine absolute Niete in Mathe und Physik. Das unterste Ende der naturwissenschaftlichen Nahrungskette. Ich war die sprichwörtliche Amöbe in der Ursuppe, die ihren höherentwickelten Artgenossen, die langsam an Land krochen, nur neidisch hinterhersehen konnte.

Dass ich in der Mittelstufe überhaupt irgendetwas gebacken bekommen hatte, war meinem Nachhilfelehrer Robert zu verdanken, den meine Mutter an der Universität Duisburg-Essen aufgetrieben hatte. Bis Robert kam, hatte ich schon drei engagierte Nachhilfelehrer gnadenlos verschlissen, ohne dass dabei eine wirklich bessere Note herausgekommen war. Mir fehlte, wie ich glaubte, schlicht und ergreifend das Mathe-Gen. An Engagement und Geduld hatte es den jeweiligen Tutoren nämlich ganz und gar nicht gemangelt. Im Gegenteil. Es war überaus bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit und Ruhe sie ihr Nachhilfelehrer-Schicksal ertrugen, um in jeder Stunde das Feld wieder von vorne, bei Adam und Eva, aufzurollen. Denn: Zu meiner amtlichen Mathe-Schwäche gesellte sich auch noch ein mathematisches Kurzzeitgedächtnis, das nach einer Woche sämtliche Formeln und Regeln wieder verdrängt hatte. Außerdem war es ungemein praktisch zu wissen, dass ich mich auf meine Nachhilfelehrer verlassen konnte, die nicht müde wurden, mir den jeweiligen Mathe- und Physikstoff zum x-ten Mal zu erklären – natürlich ohne dass dieses ehrenhafte Bemühen von irgendwelchen Erfolgen gekrönt wurde, denn immerhin saß ich in den Klausuren, und nicht meine Nachhilfelehrer. Leider.

Die paradiesischen Zustände fanden ein jähes Ende, als er kam: Robert. Ein verpickelter Mathematikstudent, der vermutlich über zehn Ecken mit Oberst Stahl verwandt war und es durch seine autistische Empathie schon nach fünf Minuten geschafft hatte, meine optimistische Grundeinstellung, mich von meinem Nachhilfelehrer parasitär aushalten zu lassen, im Keim zu ersticken. Neben dem nicht enden wollenden Bearbeiten von selbst entworfenen Aufgabenblättern musste ich Formeln und Beispielaufgaben auswendig lernen, die er zu Beginn jeder Stunde stoisch abfragte und sich dabei Notizen machte. Meine Sympathien für Robert rangierten im selben Bereich wie meine Noten in Mathematik und Physik, und ich hoffte jede Woche aufs Neue, dass er mal wegen eines Schnupfens absagen würde. Doch den Gefallen tat er mir nicht.

Irritierenderweise zeigte der Drill von Robert schon bald Wirkung. Nach nur wenigen Monaten saß ich nicht mehr vollkommen planlos in Mathe herum und glotzte Löcher in die Luft. Auch wenn ich nach wie vor den Eindruck nicht loswurde, meine gesamte Klasse unterhalte sich im Mathematikunterricht in einer fremden Klick-Sprache aus Zentralafrika, so war ich seit Neustem in der Lage, ein bisschen mitzuklicken – wenn auch immer noch auf primitivstem Niveau. Und trotzdem: Ich verstand erste Vokabeln, hatte ein Gespür für die Grammatik dieser seltsamen Naturwissenschaftssprache entwickelt, und nach und nach empfand ich sogar Stolz, wenn ich eine Gleichung richtig auflöste oder beim einfachen Multiplizieren nicht den Rechenschieber betätigen musste.

Natürlich hasste ich den Nachhilfeunterricht mit Robert immer noch genauso leidenschaftlich wie am ersten Tag. Er besaß keinen Funken Unterhaltsamkeit, und seine Fähigkeit, bei seinen Schülern Begeisterung auszulösen, lag eindeutig im negativen Zahlenraum. Aber obwohl sein Nachhilfeunterricht meinen persönlichen Vorstellungen von Spiel, Spaß und Schokolade nicht entsprach: Irgendwie, das wusste ich, würde er mich durchs Abi kriegen. Selbst wenn Oberst Stahl mein Mathelehrer war. Selbst wenn wir mit Zahlen und Buchstaben rechnen würden. Selbst wenn es das Letzte war, was ich tun würde!

Als Oberst Stahls Worte durch den Klassenraum hallten, wurde ich von einem feierlichen Gefühl ergriffen. In Gedanken hörte ich das ferne Glockengeläut aus »High Hopes« von Pink Floyd und schaute versonnen durch das dreckige, von ockergelben Vorhängen eingerahmte Fenster. Ich ließ meinen Blick über den betonierten Schulhof schweifen, auf dem eine einsame Plastiktüte leise vom Wind davongeweht wurde. Dieser Moment war es wert, sich für immer in mein Gedächtnis einzubrennen. Es war pure Magie. Ich guckte rüber zu Sandra, meiner Tischnachbarin, die ebenfalls leicht verklärt ins Nichts starrte. Uns schien schon jetzt die große weite Welt zu Füßen zu liegen. The sky was the limit!

Wie ich zu dieser wahnwitzigen Einschätzung kam? Zuversichtliche Bekundungen jeglicher Art hatte es nie zuvor beim Oberst gegeben. Sein Unterricht war purer Formeldrill, Sprüche wie »Leistung ist Arbeit DURCH Zeit, nicht MAL Zeit, Herrschaften!« waren sein Stil. Und natürlich versorgte er uns regelmäßig mit Geschichten über sein hartes Lehramtsstudium bei der Bundeswehr, das ihn zu einem Universalgenie gemacht hatte, das aus einem Kugelschreiber und einer Rolle Klopapier eine Autobombe basteln und die Quantenfeldtheorie in sechsundvierzig unterschiedlichen antiken Sprachen herunterbeten konnte. Nebenher sparte er in seinem Unterricht nicht an Weisheiten, die uns auf das wahre Leben vorbereiten sollten, nicht auf den »Pipifax«, von dem wir glaubten, dass er auf uns wartete.

Nichtsdestotrotz: Wenn Oberst Stahl an diesem Punkt meiner Schulkarriere behauptete, dass ich das Abitur sicher in der Tasche hätte, war das ein gigantischer Entwicklungssprung im Vergleich zu dem, was er mir in der siebten Klasse prophezeit hatte: »Tanja, du wirst in Mathe niemals auf einen grünen Zweig kommen. Genau genommen müssen wir sogar froh sein, wenn das Kultusministerium für dich keine Note 8 einführt. Und selbst dann wirst du denken, dass es eine 0 mit schickem Gürtel ist!«

Motivation sah irgendwie anders aus. Aber zum Glück blieb Oberst Stahl seinen alten Grundsätzen treu. »Und wenn ihr dann am Ende der dreizehnten Klasse euer Abiturzeugnis in den Händen halten werdet«, fuhr er jetzt fort und riss mich aus meinen Gedanken, »dann könnt ihr euch damit den Arsch abwischen!«

Rums! Meine Kinnlade klappte herunter, und abrupt erstarb das Gedudel von Pink Floyd in meinem Kopf.

Totenstille. Wir verharrten in einer Art Schockstarre auf den maroden Holzstühlen und hielten den Atem an. Unsere ausdruckslosen Blicke klebten an den zu einem fiesen Lächeln verkniffenen Lippen unseres Mathelehrers. Er hielt unserem Glotzen stand. Das war seine liebste Pose, wenn er uns mal wieder eine Aufgabe stellte, die niemand lösen konnte.

»Tja, ihr Bankschläfer, wenn ich mich schon wie im Zoo begaffen lasse, dann müsst ihr auch wenigstens mit Erdnüsschen werfen!«, kommentierte er die Reglosigkeit in der Klasse, die er immerhin selbst ausgelöst hatte.

Meine Klassenkameraden und ich warfen uns statt Erdnüssen unsichere Blicke zu, bis auf einmal Guido lauthals loslachte: »Hey, guter Witz, Herr Stahl! Und ich wäre fast drauf reingefallen.«

Erleichtert atmeten alle auf. Beinahe wären wir unserem Oberst auf den Leim gegangen! Wer konnte auch ahnen, dass sich hinter der Fassade unseres sonst so humorlosen, ja sadistisch veranlagten Mathelehrers ein kleiner Komödiant verbarg? Wahrscheinlich wollte er uns mit dieser uns noch unbekannten Seite an ihm zum neuen Schuljahr überraschen und in der Oberstufe willkommen heißen. Hier, wo wir uns auf Augenhöhe unterhalten konnten.

»Ach, der Herr Döllke glaubt, ich beliebe zu scherzen?« Oberst Stahls Stimme wurde eiskalt, und er zog die Augenbrauen hoch. »Keineswegs. Das ist die knallharte Realität, mein Lieber! Die Mädchen können später, wenn sie ganz viel Glück haben, bei Karstadt putzen gehen, und die Jungs werden dort als Pförtner arbeiten.«

Und noch mal: Rums! Wir guckten uns abermals irritiert an. Was sollten wir von Stahls Ansprache zum neuen Schuljahr halten?

Zum Glück klingelte in diesem Moment die Pausenglocke, und unser Mathelehrer verabschiedete sich mit den Worten: »Also, Rekruten – wenn ihr dachtet, ihr habt das Schlimmste hinter euch, dann muss ich euch leider enttäuschen! Jetzt fängt der Spaß erst richtig an!«

Dann schlug er die Hacken zusammen und beförderte einen Stapel Blätter aus seiner Tasche auf das Pult.

Eingeschüchtert schlichen die Schüler an ihm vorbei in Richtung großer Pause, natürlich nicht ohne sich eines der Papiere abzuholen. Darauf stand: »Herzlich willkommen in der Stufe 11. Viel Spaß mit den Hausaufgaben!« Und als Nachsatz am unteren Ende von Blatt zwei war zu lesen: »PS Am Arsch hängt der Hammer, und da hängt er gut!«

Nach wenigen Tagen in der elften Klasse lag mir der Mathegrundkurs schon wieder wie ein Pflasterstein im Magen. Ich verstand, gelinde gesagt, gar nichts. Und dabei hatte mir Robert, den ich natürlich auch in diesem Schuljahr verpflichtet hatte, versprochen, dass Stochastik doch soooo leicht sei. Dass das selbst die absoluten Idioten verstünden. Sogar ich, die Amöbe.

Pustekuchen. Ich konnte weder dem Unterricht folgen noch die Hausaufgaben lösen. Es war mir ein Rätsel, wie ich mich bis zum Ende der zwölften Klasse durchschummeln und mir meinen Gnadenpunkt bei Oberst Stahl sichern sollte. Zwar hatte ich das Glück, Mathe nach Stufe 12 abwählen zu können, wenn ich dafür Biologie als Leistungskurs belegte. Doch da musste ich erst mal hinkommen! Zumal mir Biologie auch nicht unbedingt leichtfiel, immerhin gehörte es im weitesten Sinne zu den Naturwissenschaften und stand somit umgekehrt proportional zu seiner Erwünschtheit in meinem Stundenplan.

Meine Talente lagen eindeutig im sprachlichen Bereich. Obwohl ich für Deutsch- und Englisch-Klausuren nie lernte, bekam ich jedes Mal gute Zensuren. Auch war ich stets die Erste, die nach ungefähr der Hälfte der vorgegebenen Zeit mit der Klausur fertig war, dann aber aus Höflichkeit der Lehrkraft und aus schlechtem Gewissen den anderen gegenüber noch bis zum Ende der Stunde am Platz sitzen blieb und das Blatt hypnotisierte. Ich war also eine Art Teilbegabte, wie so viele, und leider keiner dieser Universalisten, die perfekt für das System Schule geeignet sind. Doch mit den Naturwissenschaften und speziell der Mathematik und der Physik blieb ich weiterhin per Sie. Obwohl Oberst Stahl in unserem Kurs seine letzte Runde machte und mit dem Ende der zwölften Klasse in Rente gehen würde, war ich mir sicher, bei ihm nicht auf Altersmilde hoffen zu können. Strammstehen, sobald er den Kursraum betrat, war nach wie vor an der Tagesordnung. Und wenn im Winter in der ersten Stunde, um 7:45 Uhr, Mathe auf dem Stundenplan stand, ordnete der Oberst jedes Mal an, sämtliche Fenster zu öffnen, um frische Luft hineinzulassen, damit unsere pubertierend trägen Hirne anliefen. Dass wir bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt blau anliefen und zitterten wie Muhammad Ali, interessierte ihn wenig. Er kommentierte unser Bibbern lediglich mit einem emotionslosen: »So, ihr Weicheier, wenn euch kalt ist, müsst ihr vor der Schule eben einen kleinen Dauerlauf einrichten!«

Und dann kam jener Tag, von dem ich die ganze Mittelstufe über immer gedacht hatte, ich würde mich auf ihn freuen: Robert hatte sein Studium mit Bravour bestanden und erhielt ein Job-Angebot. In München. Siebenhundert Kilometer von Gelsenkirchen entfernt.

Aber statt mich innerlichen Jubelstürmen hinzugeben, überkam mich eine spontane Panikattacke: Wie sollte ich ohne ihn die restlichen zwei Jahre der Oberstufe überstehen? Wer sollte mir jetzt die Algebra-Vokabeln übersetzen? Und verdammt: Was hatte es mit dieser Kurvendiskussion auf sich? Das klang kompliziert! Ich hatte nach drei Jahren Nachhilfe bei Robert gerade mal das kleine Einmaleins, die Grundrechenarten und einige primitive Formeln auf dem Kasten – wie sollte ich mich da an die höhere Mathematik heranwagen?

Mir blieb nichts anderes übrig: Ich pfuschte mich so durch, und ohne Bine, die im Gegenzug dafür von mir immer die englischen Interpretationen bekam, wäre es wohl gar nicht gegangen. Die Grundausstattung, die Robert mir verpasst hatte, hatte mir aber immerhin quasi den Freischwimmer in Mathe ermöglicht, und so erhielt ich am Ende der elften Klassenstufe sogar ein ganz besonderes Lob von Oberst Stahl: »An der Tanja könnt ihr euch mal eine Scheibe abschneiden. Die ist in Mathe zwar vollkommen talentfrei, aber die gibt sich wenigstens Mühe!«

Wie ich später noch dutzende Male erleben sollte, ging es genau darum bei der Nachhilfe: eine pragmatische Lösung für eine eigentlich ausweglose Situation finden. Nachhilfe bedeutet nicht, dass man aus einem ohnehin schon guten Schüler einen sehr guten, aus einem durchschnittlich Begabten einen Einstein macht. Nachhilfe bedeutet, dass man am Bodensatz der Schülerschaft herumkratzt und versucht, die müden Hirne der anwesenden Nachhilfeschüler zu einer minimalen geistigen Leistung zu bewegen.

Ich bekam ihn dann aber tatsächlich. Den Gnadenpunkt. Und zwar jedes Mal, in jeder Arbeit, in jedem Test und jeder mündlichen Note − bis zum Ganzjahreszeugnis der zwölften Klasse, als nicht nur die Ära des Obersts zu Ende ging, sondern ich das Fach endlich für immer und ewig von meinem Stundenplan verbannen konnte.

Im Rückblick, knapp zwanzig Jahre und einige persönliche Erfahrungen als Pädagogin später, war Oberst Stahl zweifelsfrei ein Universalgenie. Denn er beherrschte nicht nur die hohe Kunst der Mathematik, er war tatsächlich unterhaltsam – wenn auch auf seine ganz eigene Art, und zweifelsohne ganz und gar unbeabsichtigt. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Kollegen war sein Umgangston mit den Schülern zwar rau, seine Aufopferung, was die dreihundertfünfundachtzigste Erklärung der einfachen Bruchrechengesetze anging, jedoch vorbildlich. Darüber hinaus sorgte er mit seinem losen Mundwerk dafür, dass uns niemals langweilig wurde. Wäre er mit seinen Geberqualitäten statt am Gymnasium beim Fernsehen gelandet, wäre er vermutlich nicht nur in Nullkommanichts Millionär geworden, sondern würde heute anstelle von Thomas Gottschalk Werbung für bunte Weingummis machen. Auch das ZDF hätte sich den ganzen »Wetten, dass …?«-Nachfolger-Schnickschnack schenken können, denn Oberst Stahl hätte nicht hingeschmissen, sondern die Sendung pflichtbewusst bis zum letzten Tag durchgezogen. Und das, was Gottschalk einmal im Monat verkrampft und in der Tradition des Altherrenwitzes für drei Stunden ablieferte, schoss mein Mathelehrer zuverlässig von Montag bis Freitag und jeden zweiten Samstag (ja, ich musste noch samstags in die Schule) mit lockerer Selbstverständlichkeit und auf hohem Niveau mal eben aus der Hüfte, ohne dass er auch nur einen Gag-Schreiber dafür verpflichtet hätte. Und selbst Dieter Bohlens geistige Ergüsse bei DSDS hätten gegen die scharfzüngigen und zum Teil despektierlichen Kommentare meines Mathelehrers wie watteweiche Sympathiebekundungen geklungen.

Erst Jahre nach meinem Abitur wurde mir das bewusst, welches Entertainment-Talent in meinem Mathelehrer geschlummert hatte. Aber da war Oberst Stahl schon längst in Rente, und ich steckte selbst knietief in der didaktischen Scheiße.

2Beim ersten Mal tat’s noch weh

Meine erste Erfahrung als Nachhilfelehrerin machte ich im zweiten Halbjahr der elften Klasse. Nach frustrierenden Nebenjobs in einschlägigen Fast-Food-Restaurants, einer Papierfabrik und als Promoterin konnte ich mein Glück kaum fassen, als mir meine Englischlehrerin eine Nachhilfeschülerin vermittelte.

Ich nahm mir vor, alles ganz anders zu machen als Robert, mein Mathe-Nachhilfelehrer, und all die anderen Gurken, die sich an mir versucht hatten – denn obwohl Roberts Masche einige Erfolge im Promillebereich hatte einfahren können, so war sie doch eine Qual für mich gewesen. Und Lernen sollte Spaß machen, das war ja vollkommen klar! Ich wollte auf meine Schüler eingehen, sie motivieren und loben. Meine Nachhilfe sollte den Schülern ein ewig sprudelnder Quell der Freude sein. Bei mir sollten die Schüler die Liebe zur englischen Sprache entdecken, um am Ende locker mit Native Speakers parlieren zu können! Ich wollte von meinen Schülern gemocht werden, war hoch motiviert und bereitete mich mithilfe des Englischbuchs perfekt auf meine neue Aufgabe vor. Ich löste die gesamten Aufgaben aller Units, erstellte kleine Karteikärtchen mit den neunhundertdreiundachtzig Vokabeln der ersten fünfzig Seiten und nahm alle Texte des Englischbuchs mithilfe eines tragbaren Rekorders auf Kassette auf, damit sich meine Nachhilfeschülerin direkt die richtige Aussprache einprägen konnte. Ich hatte nicht vor, nur das mit ihr zu wiederholen, was sie bereits in der Klasse durchgenommen hatte, oh nein: Ich würde mit meiner ersten Nachhilfeschülerin dem Wort Nachhilfe eine ganz neue Bedeutung verleihen. Nach mir würden Lehrbücher benannt und Statuen errichtet werden! Die Latte der Erwartungen hing hoch, und meine naiven Vorstellungen schafften es mit einem eleganten Sprung locker darüber.

Vor der ersten Stunde war ich trotzdem ziemlich nervös. Was würde mich das Mädchen fragen? Würde ich antworten können? Konnte ich überhaupt gut erklären? Ich beruhigte mich damit, dass die Schülerin die sechste Klasse besuchte und mit allergrößter Wahrscheinlichkeit viel schlechter Englisch sprach als ich. Ansonsten hätte sie ja keine Nachhilfe gebraucht. Außerdem hatte meine Englischlehrerin mich als Nachhilfelehrerin empfohlen – deswegen war davon auszugehen, dass sie mir das Ganze grundsätzlich zutraute und mich weder fachlich noch pädagogisch für eine Nullnummer hielt.

Davon abgesehen spielte ich schon länger mit dem Gedanken, nach dem Abitur Anglistik und Germanistik auf Lehramt zu studieren. Meine Leidenschaft für die englische und deutsche Sprache, die krisensichere Verbeamtung und, na gut, auch die langen Ferien ließen den Job in einem rosarot verklärten Licht erscheinen. Nur die nicht ganz nebensächliche Frage, ob ich überhaupt unterrichten konnte, hatte ich bislang noch nicht beantworten können – gut, allzu oft ergab sich im Leben einer Abiturientin dafür auch nicht die Gelegenheit. Grund genug, dem bislang nur vage formulierten Berufswunsch endlich ein solides Fundament zu geben und mit dem Unterrichten zu beginnen. Wenn es mir nicht gefiel, konnte ich ja wieder zurück zum Fast-Food-Restaurant gehen und dort Burger einpacken.

Trotzdem zitterte ich vor Aufregung, als es an einem verregneten Mittwochnachmittag im März an der Tür klingelte. Meine erste Nachhilfestunde in neuer Rolle fand in der Küche meines Elternhauses statt. Zehn Mark bekam ich für neunzig Minuten Nachhilfe. Das war für damalige Verhältnisse kein schlechter Kurs. Heute würde ein Nachhilfelehrer vermutlich wegen Lohndumpings vor dem Bundesgerichtshof klagen, wenn man ihm fünf Euro für anderthalb Stunden Unterricht anbieten würde.

Die Schülerin hieß Birte und hatte in der letzten Englischarbeit eine Vier minus geschrieben. Sie war ein kleines schüchternes Mädchen und wurde von ihrer Mutter zu mir begleitet. Ich zeigte Birte und ihrer Mutter unsere Küche, wo wir künftig einmal in der Woche Englisch üben würden. Auf dem Küchentisch hatte ich zwei Gläser, eine Flasche Mineralwasser, Schokoladenkekse und eine Schale mit Gummibärchen gestellt. Nervennahrung. Für mich, nicht für Birte.

»Ach, guck mal, Schatz. Gummibärchen gibt es auch«, bemerkte Birtes Mutter und lächelte ihrer Tochter aufmunternd zu. Ich verbuchte das als Pluspunkt für mich. Meine Schülerin würde zumindest nicht verhungern, selbst wenn sie genauso doof das Haus verlassen würde, wie sie gekommen war.

Als Birtes Mutter weg war, saßen Birte und ich uns erst einmal schweigend gegenüber.

»Ich bin ein wenig nervös«, gab ich schließlich zu und versteckte meine zitternden Hände unter der Tischplatte.

»Ich auch«, fiepste Birte und lächelte mich zahnlückig an.

Unser gegenseitiges Geständnis brach das Eis zwischen uns, und nachdem wir die Schüssel mit den Gummibärchen schwesterlich geteilt hatten, ließ ich mir von meiner Nachhilfeschülerin zeigen, an welcher Stelle im Buch ihre Klasse war und welche Hausaufgabe sie aufbekommen hatten.

Nach einer Viertelstunde war meine Nervosität völlig verflogen. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass Birte tatsächlich viel schlechter in Englisch war als ich und ich jede ihrer Fragen beantworten konnte. Als sie am Ende der Stunde nicht nur sämtliche Schokoladenkekse aufgefuttert, sondern sogar verstanden hatte, was es mit dem gemeinen Past Tense auf sich hatte, und dass es neben den regelmäßigen Formen auch unregelmäßige gab, war ich erleichtert und außerdem sicher, dass der Lehrerjob genau mein Ding war – auch wenn ich die Nachhilfekärtchen und die Kassette mit meinen eingelesenen Unit-Texten ganz unauffällig verschwinden ließ und nie wieder erwähnte. Ich war ja so unendlich naiv gewesen … Native Speaker. Flüssiges Parlieren. Freies Vokabeltraining! Ha! Ich konnte mich glücklich schätzen, wenn ich Birte irgendwann dazu bringen konnte, das Present Progressive und das Past Perfect auseinanderzuhalten und nicht an jedes Verb ein s dranzukleben!

»Na, das hat sich dann ja schon richtig gelohnt«, stellte Birtes Mutter zufrieden fest, als ich ihr stolz von dem bescheidenen Etappensieg berichtete, und drückte mir wohlwollend einen Zehnmarkschein in die Hand.

»Das ist auch gar nicht so schwer gewesen wie in der Schule!«, krähte Birte dazwischen. Sie war in den vergangenen neunzig Minuten wirklich aufgetaut. »Da hat die Lehrerin das nicht so gut erklärt. Die Tanja kann das viel besser!«

»Hauptsache, du hast es jetzt verstanden!« Ich bemühte mich, den Stolz in meiner Stimme zu unterdrücken, obwohl mir Birtes Lob natürlich runterging wie Öl, und verabschiedete mich von Mutter und Tochter.

Ich gewöhnte mich schnell ans Nachhilfegeben, und schon bald darauf sprach sich mein neuer Nebenjob herum. Nach ein paar Wochen kamen Nachhilfeschüler auf Empfehlung zu mir. Einige blieben mir mehr als ein Schuljahr erhalten, andere kriegten schon nach wenigen Monaten die Kurve und konnten ruhigen Gewissens wieder entlassen werden. Und mit jedem Nachhilfeschüler wurde mein Beschluss bestärkt: Ich möchte Lehrerin werden!

Die Zeit in der Oberstufe verging wie im Flug. Neben der Paukerei für Klausuren, Partys am Wochenende und Nachhilfestunden hatte sich das Abitur unbemerkt herangeschlichen. Die Vorbereitungs- und die Klausurphase sowie die Wochen der mündlichen Prüfungen flogen an mir, übernächtigt, gestresst und am Ende meiner seelischen und körperlichen Kräfte, vorbei, und eines Tages war es plötzlich überstanden. Einfach so.

Ich wartete nervös vor dem Lehrerzimmer, um zu erfahren, ob ich es gepackt hatte oder nicht. In der mündlichen Prüfung in Religion hatte ich einen totalen Blackout gehabt. In Religion! Dem Fach, in dem man eigentlich über keine besonderen Fähigkeiten außer rhetorischen verfügen musste! Und dabei waren die Laberfächer doch eigentlich meine Stärke … Aber besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, stellte ich konsterniert fest, denn in meiner Prüfung war ich zum allgemeinen Entsetzen aller Anwesenden (mich inbegriffen) nicht mehr in der Lage gewesen, logische Zusammenhänge zu erkennen, geschweige denn Lösungen herzuleiten. Das Einzige, was ich in meiner Verzweiflung wahrnahm, war das entsetzte Gesicht meiner Religionslehrerin, die mich irgendwann in der Prüfung fragte: »Was ist denn los mit dir? So kenne ich dich ja gar nicht!« Und sie musste es wissen, denn sie unterrichtete mich seit der fünften Klasse.

Dementsprechend unruhig saß ich nun auf einem der wackligen Stühle vor dem Büro des Direktors und harrte der Dinge, die da kommen würden. Ich wusste genau: Wenn ich Religion versaut hatte, dann musste ich in die mündliche Nachprüfung, und das wollte ich um jeden Preis vermeiden. Geschichte – mündlich! Nur über meine Leiche! Das war die Höchststrafe … na ja, bis auf Mathe vielleicht. Aber wer wusste schon, ob es mit Geschichte klappen würde? Und was passierte, wenn es nicht hinhaute? Was sollte ich dann machen? Ein Fachabitur reichte für das Lehramtsstudium nicht aus, und einen alternativen Berufswunsch hatte ich nicht in petto. Ich hatte mich schließlich die letzten zwei Jahre minutiös darauf vorbereitet, Lehrerin zu werden!

Als mein Name aufgerufen wurde, ging ich mit zittrigen Beinen in das Zimmer des Direktors.

»Dann setz dich mal«, sagte er, deutete auf den Platz gegenüber seinem Schreibtisch und überflog den Zettel, auf dem meine Ergebnisse standen. »Tja, du hast es wohl geschafft. Wer hätte das gedacht?«

Er zupfte ein Taschentuch aus der bereitstehenden Box, die er für alle Fälle dort aufgestellt hatte, und reichte es mir über die Tischplatte.

Ich hatte bestanden? Ich hatte BESTANDEN!!!

In diesem Moment löste sich die Anspannung der letzten Wochen, und Freudentränen liefen unkontrolliert über meine Wangen.

»Wow«, schniefte ich gerührt. »Dann kann ich ja jetzt Lehrerin werden!«

Mein Direktor lehnte sich schmunzelnd in seinem Stuhl zurück. »Du lässt dich wirklich durch gar nichts abschrecken, was?«, bemerkte er kopfschüttelnd. »Noch nicht mal durch elf Jahre Schalker-Gymnasium.«

»Nee, so leicht lasse ich mich nicht vom Weg abbringen. Und mein Schulpraktikum werde ich auch hier machen!«

Mein Direktor grinste. »Ist das ein Versprechen?«

»Nein«, sagte ich mit einem Lächeln, stand auf und drückte fest seine Hand. »Eine Drohung.«

3Lehrer im Schnelldurchlauf

Vier Monate später begann das Lehramtsstudium an der Universität in Essen. Meine romantischen Vorstellungen vom Studentenleben erwiesen sich bereits am ersten Tag als völlig realitätsfremd. Von wegen lange ausschlafen, kleine Lerngruppen und persönliche Ansprache der Dozenten!

Der Grundkurs Linguistik fand um acht Uhr morgens im größten Saal eines Multiplexkinos statt, der bis auf den letzten Platz besetzt war. Ich quetschte mich in eine Lücke auf der obersten Loge, in der Hoffnung, überhaupt etwas sehen beziehungsweise hören zu können. Unten auf der Bühne vor der Leinwand erspähte ich einen kleinen Mann im grauen Jackett, der um den Hals ein Mikro trug und von einem Kinomitarbeiter verkabelt wurde. Das musste der Professor sein, schlussfolgerte ich blitzgescheit.

»Gu … gen nd … rzl … kom … n … m … ndku … isti«, sagte der kleine Mann ins Mikro, und ich konnte nur erahnen, dass er uns gerade eben im Grundkurs Linguistik willkommen geheißen hatte. Nicht nur, dass das Mikro einen Wackelkontakt hatte und ich trotz konzentrierten Zuhörens nur die abgehackte Version des Vortrages mitbekam; die Stimme des Dozenten erinnerte mich zu allem Überfluss an Willi, den besten Freund von Biene Maja, der am liebsten den ganzen Tag in einer fetten Blüte herumlungern und von den süßen Pollenklößchen naschen wollte.

Das Bild der phlegmatischen Biene vor meinem inneren Auge, die schummrige Stimmung im Kinosaal und die katastrophale technische Umsetzung sorgten dafür, dass ich nach und nach wegdämmerte und erst wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrte, als um mich herum der Tumult losbrach. Das Ende der Veranstaltung war erreicht, und die Zuhörer machten sich auf zum Ausgang des Kinosaals, wo Handouts mit einer Zusammenfassung der Vorlesung verteilt wurden. Ich nahm dankbar einen der Zettel entgegen, hatte ich doch so die Chance, mir wenigstens einen groben Überblick über den Inhalt des eben »Gehörten« zu verschaffen.

Meine Hoffnung, dass diese überfüllte Pflichtveranstaltung eine Ausnahme war, bestätigte sich leider nicht. Vielmehr war es so, dass sich für die meisten Proseminare doppelt so viele Studenten eingeschrieben hatten, als die Kursräume überhaupt fassen konnten. Schon bald resignierte ich, trug mich in die Anwesenheitslisten ein und begnügte mich meist mit einem Platz auf dem dreckigen Flurboden vor dem Seminarraum, von wo aus nicht die geringste Möglichkeit bestand, am Unterricht teilzunehmen. Stattdessen machte ich mir darüber Gedanken, wie ich unter diesen Bedingungen das Studium überhaupt erfolgreich absolvieren konnte. Am besten machte ich mich gleich auf das Schlimmste gefasst und suchte mir einen nach Möglichkeit anständig bezahlten Nebenjob. Denn mir war vollkommen schleierhaft, wie ich mit dem hier vermittelten Wissen jemals eine echte Anstellung als Lehrerin antreten sollte.

»Gibt’s hier so was wie ’ne Jobbörse?«, raunte ich meiner Sitznachbarin auf dem Boden zu, die gelangweilt eine ihrer blonden Dreadlocks um den Finger wickelte.

»Unten bei den Schließfächern ist ein Schwarzes Brett. Da wollte ich nachher auch noch gucken«, nickte sie. »Ich bin übrigens Karen.«

Nach dem Seminar gingen Karen und ich zum Schwarzen Brett, das genau genommen eine Säule war. Aber Schwarze Säule klingt irgendwie nicht. Neben WG-Zimmer-Gesuchen, Kaufe-und-Verkaufe-Zetteln sowie diversen Kontaktanzeigen fanden sich dort auch etliche Jobangebote. Mein Blick blieb an einem Flugzettel mit der Überschrift »NACHHILFELEHRERGESUCHT« hängen. Ein Essener Nachhilfeinstitut suchte demzufolge mehrere Studenten für die Gruppennachhilfe in den Fächern Englisch, Deutsch, Mathe, Französisch und Latein, sämtlichen Klassikern des Schulversagens also.

»Cool, die Nummer schreibe ich mir auf. Nachhilfe habe ich schon gegeben«, sagte ich und kritzelte die Telefonnummer auf einen Collegeblock.

»Für mich wäre das nix – da kellnere ich lieber weiter im Cafe Nord. Ich hätte keine Geduld, den kleinen Kröten was zu erklären«, bemerkte Karen. »Deswegen studiere ich auch nicht auf Lehramt, sondern auf Magister. Lieber arbeitslos als Schuldienst!«

Am gleichen Nachmittag rief ich bei der Nachhilfeschule an.

»Der Lernzirkel in Essen, Remmel am Apparat, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich eine dynamische Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

»Guten Tag, Frau Remmel, mein Name ist Tanja Janz. Ich habe am Schwarzen Brett der Universität Essen Ihren Aushang gelesen. Sie suchen Nachhilfelehrer für die Gruppennachhilfe − ist das noch aktuell?«

»Ja, auf jeden Fall! Welche Fächer können Sie denn unterrichten?«

Ich war baff. Frau Remmel wollte nicht von mir wissen, welche Ausbildung ich mitbrachte, welche Erfahrungen ich bislang gesammelt hatte oder wer ich überhaupt war. Nur meine Fächer waren hier offensichtlich von Belang. Alles andere wurde allem Anschein nach vorausgesetzt. Vermutlich hörte ich mich aber auch schon ziemlich erfahren an, mindestens aber so abgebrüht, dass sie mir zutraute, Nachhilfe zu geben. Zum ersten Mal fühlte ich mich fast wie eine richtige Lehrerin. Aber ob meine bisherigen Erlebnisse bei der Nachhilfe mit Birte und den anderen ausreichen würden, um für ein richtiges Institut zu arbeiten? Na, besser etwas zu dick als etwas zu dünn auftragen!

»Ich habe Nachhilfeerfahrung in Englisch und Deutsch. Während der Oberstufe hatte ich regelmäßig Nachhilfeschüler.«

Und sie haben mich alle gemocht und sich auch fast alle um eine Note verbessert, wollte ich hinzufügen, verkniff es mir aber im letzten Moment. Lieber die geheimnisvolle Fremde bleiben …

»Prima«, seufzte Frau Remmel erleichtert in den Hörer.

»Französisch und Sozialkunde könnte ich aber auch unterrichten«, fügte ich hastig hinzu. Von wegen, geheimnisvolle Fremde! Immerhin hatte ich ihr im Freudentaumel nicht auch noch Mathe oder Physik als Nachhilfefächer angeboten.

»Das hört sich toll an. Sie schickt der Himmel! Wann könnten Sie denn vorbeikommen?«

Vorbeikommen? Äh …

»Von mir aus gleich!«

Das ging ja flott. Anscheinend reichten meine Vorkenntnisse tatsächlich aus, um professionell unterrichten zu können – oder zumindest, um professionell genug zu wirken. Und dabei hatte ich gerade erst mit dem Studium begonnen … wie würde es mir wohl nach zwanzig Jahren im aktiven Schuldienst ergehen? Würden mir die Nachhilfeinstitute der Republik dann die Bude einrennen?

»Gerade heute ist ein Lehrer für eine Englisch-Gruppe krank geworden. Könnten Sie seinen Unterricht heute Nachmittag direkt übernehmen?«

Die Seifenblasen meiner rosaroten beruflichen Zukunft zerplatzten vor meinem inneren Auge. Jetzt begann ich zu schwitzen. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet! Ich hatte doch nur mal anrufen, nur mal vorfühlen wollen … Und ich hatte auch noch nie eine Gruppe von Schülern unterrichtet, immer nur Einzelstunden gehalten! Aber nun gut, wenn ich den Job haben wollte, musste ich jetzt unbedingt die Nerven behalten. Und man soll ein Pflaster ja bekanntlich schnell abreißen.

»Kein Problem«, erwiderte ich möglichst lässig. »Wann soll ich da sein?«

Eine Dreiviertelstunde später betrat ich die Räumlichkeiten des Lernzirkels in Essen. Die Büroleiterin saß an einem Schreibtisch, auf dem ein Haufen Karteikarten lagen, die mich an Patientenakten beim Arzt erinnerten. An der Wand hinter ihr hing eine riesige weiße Magnettafel, aus der die Aufteilung der Schüler in die verschiedenen Nachhilfekurse hervorging.

Frau Remmel war eine große resolute Frau, die mich live und in Farbe genauso energiegeladen begrüßte wie zuvor am Telefon. Auf der Fahrt zum Nachhilfeinstitut hatte ich mir ein paar Antworten zurechtgelegt, die ich für das Bewerbungsgespräch eventuell brauchen konnte. Was meine Stärken, was meine Schwächen waren. Welche didaktischen Konzepte ich bei meinen Nachhilfestunden verfolgte. Welche Ergebnisse ich bislang mit meinen Schülern hatte erreichen können. Wie ich mir eine verbesserte Schulpolitik vorstellte. Und welche mahnenden Worte ich in meiner Dankesrede bei der Wahl zur Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen an meine Kolleginnen und Kollegen entsenden würde.

Doch das erwartete Vorstellungsgespräch blieb aus. Stattdessen schritt Frau Remmel gleich zur Tat, kopierte meinen Personalausweis und legte mir einen Standardvertrag vor, den ich ausfüllen und dann unterschreiben sollte.

»Herzlich willkommen im Team des Lernzirkels!«

Ich war verwirrt. Dass ich als Abiturientin im privaten Rahmen und gegen ein geringes Entgelt Nachhilfe gegeben hatte, war eine Sache – aber bei dem Job, den ich innerhalb von einer knappen Stunde ergattert hatte, handelte es sich um eine richtige Festanstellung mit Sozialabgaben! Gab es kein Bewerbungsgespräch? Wollte niemand ein Zeugnis meines letzten Arbeitgebers sehen? Zumindest aber meine Zulassung fürs Studium? Sollte ich vielleicht eine Kopie meines Abiturzeugnisses vorbeibringen, wenigstens der Vollständigkeit halber? Oder hatte Oberst Stahl am Ende – schluck! – recht behalten, und der Wisch war nicht mehr als ein besserer Klopapierersatz? Wer prüfte meine grundsätzliche Tauglichkeit, als Nachhilfelehrerin arbeiten zu können? Wenn es schon keine Aufnahmeprüfung vor Studienantritt gegeben hatte …

Für einen kurzen Moment hielt ich inne: War es wirklich so leicht, einen Job im pädagogischen Bereich zu ergattern, ganz ohne Vorkenntnisse und ausgewiesene Erfahrung, von ein paar Vokabel- und Grammatiktrainings mit ein paar Sechstklässlern mal abgesehen?

Frau Remmel schüttelte eifrig meine Hand, während die Tinte meiner Unterschrift auf dem Vertrag trocknete, und holte mich wieder in die Jetztzeit zurück.

»Ich bin die Doro, die Büroleitung. Manchmal gebe ich aber auch Nachhilfe in Latein, ursprünglich habe ich nämlich Geschichte und Latein studiert.«

»Hallo, Doro. Ich bin Tanja«, sagte ich und wunderte mich.

Doro bemerkte meinen nachdenklichen Gesichtsausdruck.

»Du siehst aus, als hättest du noch Fragen«, bemerkte sie.

»Eigentlich nur eine«, druckste ich rum.

»Dann raus damit!«

»Ich frage mich, warum du trotz deines abgeschlossenen Studiums eine Nachhilfeschule leitest, anstatt die Fächer an einer Schule zu unterrichten.«

»Ganz ehrlich? Ich habe festgestellt, dass der Job einer verbeamteten Lehrerin nichts für mich ist. Ich hätte viele Freiheiten aufgeben und mich den bildungspolitischen Entscheidungen von denen da oben bedingungslos unterwerfen müssen. Das wollte ich nicht, und deswegen leite ich eine Nachhilfeschule, wo ich wenigstens im kleinen Rahmen etwas bewirken kann«, erklärte Doro mit einem breiten Lächeln.

Ich nickte stumm. So war das also. Vom Schulleben gezeichnetes, frustriertes und ausgemustertes Lehrpersonal wurde in unserer Gesellschaft in die Nachhilfekaste abgeschoben. Oder marschierte sogar freiwillig dorthin. War unser Bildungssystem wirklich so schlimm? Oder war Doro einfach nur ein bisschen empfindlich? Ich musste an meine alte Kunstlehrerin Frau Rübenbauer denken, die immer so schrecklich müde und ausgelaugt ausgesehen hatte und von der man wusste, dass sie den Lärmpegel, der während ihres Unterrichts unweigerlich entstand, nicht mal mit mehrmaligem Auf-den-Tisch-Donnern des Klassenbuchs kontrollieren konnte. Ganz zu schweigen von ihrem heiseren und flehenden Bitten, die Schüler mögen doch bitte und endlich still sein. Ohne Zweifel: Frau Rübenbauer wäre in einer musikalischen oder künstlerischen Früherziehung, in der die Kinder auf Xylofonen das »La Le Lu« übten oder aus eingesammelten Kastanien kleine Männchen bastelten, sicher besser aufgehoben gewesen.

»Tanja, ich bin so was von begeistert, dass du angerufen hast und die Gruppe übernimmst. Du rettest mir damit den Tag«, sagte Doro und beendete damit die kleine Reise in ihre Vergangenheit. »Oh, da fällt mir ein, dass du noch eine gesonderte Erklärung unterschreiben musst, bevor du mit dem Unterricht beginnst.«

Doro zog einen Aktenordner aus dem Regal und reichte mir ein Blatt Papier. »Erklärung zu Strafbeständen & Sektenzugehörigkeit«, las ich als Überschrift.

»Das ist nur pro forma«, erklärte sie. »Wir müssen uns rechtlich absichern, damit wir keine Lehrkräfte beschäftigen, die aus solchen … na ja, Kreisen kommen. Lies dir das in Ruhe durch, und dann kannst du unten unterschreiben. Also: hoffentlich.«

Sie lächelte mich an, und ich nickte. Dann widmete ich mich dem Text. Mit meiner Unterschrift erklärte ich, zu keinem Zeitpunkt Mitglied bei Scientology gewesen zu sein und nicht nach den Ideen von L. Ron Hubbard zu leben. Auch schloss ich bei Unterzeichnung aus, dass ich es in Erwägung zog, mich diesem ominösen Verein oder einer anderen Sekte anzuschließen. Außerdem bestätigte ich durch meine Unterschrift, dass ich weder vorbestraft war noch einer verfassungswidrigen Partei angehörte. Da ich weder vorhatte, einer Sekte beizutreten, deren männliche Mitglieder der Legende nach die Plazenta ihrer frisch entbundenen Frau aßen, keine nennenswerten Vorstrafen vorweisen konnte (sah man von meinem tatsächlich recht hohen Punktekonto in Flensburg einmal ab, was meines Wissens an dieser Stelle jedoch nicht in die Waagschale geworfen wurde) noch dem nationalsozialistischen Gedankengut und all seinen Auswüchsen zugetan war, setzte ich einen schwungvollen Schnörkel unter das Papier und schob Doro die Erklärung über den Tisch.

»Schon komisch, so etwas zu unterschreiben. Hätte nie gedacht, dass man als Nachhilfelehrer solche Erklärungen abgeben muss!«

Und in Gedanken fügte ich hinzu: Und dass es so leicht sein könnte, richtiger Nachhilfelehrer zu werden, hätte ich auch nicht für möglich gehalten.

»Ist eine reine Vorsichtmaßnahme«, erwiderte Doro ausweichend.

Das war mir zu wenig. »Gab es denn schon mal den Fall, dass ein Sektenmitglied als Nachhilfelehrer unterrichtet hat?«

Doro räusperte sich. Dann sagte sie verlegen: »Leider ja. Deswegen darf auch niemand bei uns arbeiten, bevor er die Erklärung unterschrieben hat.«