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In einer wenig beachteten Studie des Komaforschers Charles Schrader am MIT geschieht etwas Merkwürdiges: Seine Probanden berichten einhellig von einer anderen Realität, in der sie Kontakt mit verstorbenen Familienmitgliedern aufnehmen konnten. Bald stellt sich heraus, dass sie nicht etwa unter Wahnvorstellungen leiden, sondern Schrader einen Weg entdeckt hat, Menschen hinter den Schleier des Todes zu führen. Doch die neue Technologie wird unter Verschluss gehalten und von der Öffentlichkeit abgeschirmt, nachdem der Forscher sich unerwartet das Leben nimmt. Als das FBI mit einer streng geheimen Einheit versucht, Schraders Erkenntnisse für eine ganz neue Art der Verbrechensbekämpfung zu nutzen, treffen die Special Agents James Villeneuve und Tessa O'Brian im Jenseits auf eine dunkle Gefahr, die sie an ihrer eigenen Realität zweifeln lässt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Nachwort
Es war eine kalte Nacht in Washington D.C., als ein schwarzer GMC SUV mit getönten Scheiben über die Georgia Avenue raste und feine Verwehungen aus Eiskristallen hinter sich aufwirbelte. Die Freeways und Interstates durchzogen die Stadt wie ein dichtes Netz aus Adern, die sich leicht unterscheiden ließen: Die wenigen Rücklichter vor ihnen waren die roten Blutkörperchen, die in den Venen D.C.s zurück zum Herzen flossen: dem Weißen Haus und dem Kapitol. Die vielen hellen Frontscheinwerfer waren die weißen Blutkörperchen, die sich über die Arterien von jenem Herzen wegbewegten. Ein vibrierendes, schlagendes Organ, das eine ganze Nation am Leben hielt – oder sie langsam zu Tode richtete, je nachdem, wen man fragte. Margaret Hampstead mochte diese Analogie, machte sie ihr doch klar, dass auch das politische Zentrum ihres Landes nicht ohne den Rest der Organe der USA funktionieren konnte und es einen ständigen Zu- und Abfluss von Menschen und Ideen gab. Spätestens nach acht Jahren regenerierte sich dieses Herz und es war an hohen Beamten wie ihr, dafür zu sorgen, dass es immer weiterschlug, egal wer am Steuer saß.
Sie blickte auf ihre Armbanduhr, die im gedämpften Licht der Kabine wie ein offenliegender Knochen schimmerte, und seufzte.
»Fahren Sie bitte etwas schneller, Kunar«, wies Margaret Hampstead ihren Chauffeur und Leibwächter an.
»Ma’am, wir fahren bereits …«
»Ist mir egal«, fuhr sie ihm über den Mund. »Wenn die Polizei uns anhalten will, können sie die Sache mit dem Präsidenten aushandeln. Das ist mir lieber, als wenn ich es tun muss, weil ich zu spät dran bin.«
»Natürlich, Ma’am.«
»Guter Junge.«
Ihr Blick fiel auf den Koffer, der auf dem freien Platz des Fonds neben ihr lag. Schwarzes Leder, doppelte Nähte, ein einfaches goldenes Zahlenschloss – genau so einer, wie ihn jeder Junior Analyst an der Wallstreet am ersten Arbeitstag ausgehändigt bekam. Ein Symbol für Unauffälligkeit und Biedertum, etwas, das jedem aufstrebenden Neuling im Finanzwesen zuwider war und ihn dazu reizen sollte, sich einen ganz anderen Koffer zu erarbeiten. Nur dass es sich in diesem Fall natürlich um eine Ablenkung handelte, eine kastenförmige optische Täuschung aus billigem Kunstleder, die niemand mit einem zweiten Blick bedachte, was ganz in ihrem Sinne war.
»Äh, Ma’am?«
»Was ist, Kunar?« Sie sah es bereits selbst, als sie den Blick zwischen die beiden Vordersitze hob und seufzte, als sie Blaulicht sah. Eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben war vor ihnen eingeschert und bremste langsam ab, bis sie auf dem Seitenstreifen zum Stehen kamen.
»Lassen Sie die Türen verschlossen«, wies sie ihren Fahrer an, der bereits sein Jackett lockerte und sich abschnallte.
Eine einzelne Person stieg aus dem Fond des Wagens aus, eine dunkle Silhouette im grellen Schein ihrer Scheinwerfer, die mit gemächlichen Schritten auf sie zukam und sich aus den beiden Lichtkegeln schälte, wo sie zu einer Frau mit langem Mantel und wehenden Haaren wurde.
Ein knöchernes Klopfen an Margarets Scheibe ließ sie erneut seufzen. Sie rutschte auf die andere Seite rüber und schob den Koffer vor sich unter den Fahrersitz.
»Entriegeln Sie die Türen.«
»Ma’am, sollten wir nicht zuerst …«
»Wenn Sie die Stabschefin des Präsidenten verärgern wollen, können Sie gerne zuerst nach einem Dienstausweis fragen.«
»Oh.« Es machte Klick! und beinahe im selben Augenblick öffnete sich die hintere Seitentür. Ein Schwall eiskalter Luft wehte in die wohlige Wärme des GMC und sandte kriechende Feuchtigkeit durch jede Ritze von Margarets Kleidung. Sie fröstelte.
»Hallo, Margaret«, begrüßte die Stabschefin sie, nachdem sie eingestiegen war, und zog die Tür hinter sich zu.
»Hallo, Natasha. Sie hätten anrufen können.«
»Um mir einen Termin geben zu lassen?«, fragte Natasha Grimes und zog eine Braue hoch. Sie war eine junge (in Margarets Augen viel zu junge) Frau Ende dreißig, besaß jedoch den falkenhaften Blick von einer, die im harten Politikgeschäft der Hauptstadt schon lange oben schwamm – ein Umstand, der immer darauf hindeutete, dass man sich ein Floß aus Leichen ›erarbeitet‹ hatte, das einen am Leben hielt. Margaret hatte sich schon häufig gefragt, was ihr Geheimnis des raschen Aufstiegs sein mochte. Sie war eine hübsche Frau mit strohfarbenem Haar, einer anmutigen Kinnlinie und großen Augen, die beinahe unschuldig gewirkt hätten, wäre da nicht besagter Falkenblick gewesen, der beiläufig Autorität für sich einforderte.
»Ich bin eine Staatsdienerin mit vollem Terminkalender.« Sie zuckte mit den Schultern.
»Sie können weiterfahren«, sagte Grimes zu Kunar. »Folgen Sie einfach meinem Auto, wir haben ja ohnehin das gleiche Ziel, nehme ich an.«
Margaret ließ den Blick der Stabschefin von sich abprallen und faltete die Hände auf dem Schoß.
»Also, Natasha«, sagte sie. »Welchem Umstand verdanke ich die unverhoffte Freude Ihres kleinen Raubüberfalls auf dem Freeway?«
»Ich wollte ungestört mit Ihnen reden, natürlich. Wie Sie schon sagten, ist Ihr Terminkalender ja so voll, dass sie schwer zu erreichen sind. Mein Büro versucht Sie seit einer Woche recht erfolglos zu kontaktieren.«
»Ah.« Margaret nickte. »Ich bin immer noch stark in die Aufarbeitung des Pipeline-Hacks eingebunden.«
»Natürlich.« Grimes klang tatsächlich, als würde sie verstehen, und Margaret musste ihr einmal mehr bescheinigen, dass sie es vermutlich weit bringen würde in der ›Höhle der Schakale‹, wie ihr ehemaliger Vorgesetzter Dean Marsh Washington einmal genannt hatte. »Aber jetzt haben wir uns ja spontan getroffen, da können wir die Zeit genauso gut nutzen, habe ich recht?«
»Natürlich.« Sie hätte beinahe geschmunzelt. Also hatte der Präsident keine Ahnung, dass seine Stabschefin nichts Besseres zu tun hatte, als seinem nächsten Termin aufzulauern. Spontan zu treffen, korrigierte sie sich belustigt selbst. »Also, was kann ich für Sie tun, Natasha? Wenn wir uns schon mal so zufällig über den Weg laufen?«
»Projekt Hades«, antwortete Grimes ohne Umschweife und hätte es mit ihrer plötzlichen Direktheit beinahe geschafft, Margaret zu überraschen. Die Stabschefin hatte also tief gegraben, so viel stand fest. Selbst mit ihren weitreichenden Kontakten als Schaltstelle und Gatekeeper des Präsidenten war das in diesem Fall erstaunlich und erinnerte sie einmal mehr daran, an die Klauen zu denken, über die dieser hübsche Falke neben ihr verfügte.
»Klingt nach etwas Antikem, aber mein Altgriechisch war noch nie besonders gut.«
Grimes lachte humorlos, nahm über den Rückspiegel Augenkontakt mit Kunar auf und machte kreisende Bewegungen mit ihrem rechten Zeigefinger. Der Fahrer wartete auf ein Nicken von Margaret und drückte dann einen Knopf, woraufhin eine gepanzerte Scheibe zwischen Fahrerkabine und Fond hochfuhr. Die Motorgeräusche nahmen schlagartig ab.
»Die Medien hängen uns wegen der Pipeline-Sache seit Wochen im Nacken und der faule Atem der Öllobby lässt besagten Nacken bei mir bereits absterben. Ray fliegt so viel Scheiße ins Gesicht, dass er sich nicht einmal mehr an den Geruch von Blumen erinnern kann. Und da hat er zweimal die Woche nichts Besseres zu tun, als mit der stellvertretenden Direktorin des FBI vis-à-vis im Oval Office zu sprechen.« Grimes musterte Margaret unnachgiebig. »Ich möchte gerne verstehen, warum er mit einer – zugegebenermaßen hohen – Beamtin aus der zweiten Reihe nicht telefonieren kann. Einer Beamtin, die nicht einmal auf der Gästeliste des Neujahrsempfangs auftaucht und eine undurchsichtige Untereinheit namens BCI leitet, von der mir niemand so genau sagen kann, was sie macht, außer in den Kampf gegen den Terror eingebunden zu sein. Verdeckte Ermittlungen, wie es bei jeder zweiten solchen Einheit heißt. Ich mag Puzzle, aber ich mag keine solchen, bei denen ich nicht weiß, wie das Bild am Ende auszusehen hat. Das liegt vermutlich daran, dass ich nicht nur Ray schützen muss, sondern auch dieses Land leiten.«
»Ray?«, fragte Margaret mit hochgezogener Braue. »Nennen Sie Raymond so, um mir zu imponieren und Ihre besondere Nähe zu ihm hervorzuheben?«
Grimes zuckte mit den Schultern. »Wenn es mir hilft dieses Land zu schützen.«
»Dieses Land, oder Sie selbst?«
»Manchmal sind beide Dinge dasselbe, würden Sie mir da nicht zustimmen?«
»Es ist egal, was ich denke oder wem ich zustimme. Wichtig ist, was Präsident Raymond Wilson«, sie betonte seinen vollen Namen, »denkt. Und dass er geschützt wird.«
»Und vor wem wollen Sie ihn schützen, hm? Vor seiner Stabschefin?«
»Nicht alle Projekte erfordern die Einsicht seiner Stabschefin, sonst hätte er Sie doch sicherlich eingewiesen.«
»Hat er auch, außer in ein einziges. Projekt Hades«, bemerkte Grimes spitz.
»Und Sie glauben ernsthaft, dass ich Ihnen jetzt alles darüber erzähle?«, fragte Margaret und schnaubte belustigt. »Kommen Sie schon. Ich mag meinen Job und ich diene unserem Land. Das sollten Sie auch tun, anstatt höheren Beamten aus der zweiten Reihe nachts auf dem Freeway aufzulauern.«
»Oh, ich tue genau das, was ich tun muss.«
»Tun wir das nicht immer? Die Tatsache, dass Sie überhaupt den Namen des Projekts kennen, zeigt mir, dass Sie schon tiefer gegraben haben als Sie sollten, Mrs. Grimes.«
»Soll das eine Drohung sein?«
»Ist nicht jedes ausgesprochene und nicht ausgesprochene Wort in D.C. eine Drohung?«, konterte sie.
»Sie beantworten gerne alles mit einer Gegenfrage, damit Sie nicht wirklich antworten müssen«, stellte die Stabschefin fest.
»Das hat mich zumindest in die zweite Reihe gebracht.«
»Seien Sie nicht eitel. Das passt nicht zu Ihrem Ruf als pragmatischer Terrier.«
»Ich habe einen Ruf?« Margaret lächelte spitz und hob abwehrend die Hände, als sie die aufflammende Wut in Grimes’ Augen sah. »Frieden, Mädchen, ich bin nur eine alte Frau, die zu lange bei der Agency war.«
»Bei der Sie jetzt nicht mehr sind. Seit genau sechs Monaten, als der Name Hades das erste Mal durch die Akten geistert. Ein Projekt ohne auch nur die geringsten Fußspuren im größten bürokratischen Apparat dieses Planeten.«
»Jetzt bin ich eben beim FBI, ein solcher Behördenwechsel ist nicht ungewöhnlich für jemanden aus der zweiten Reihe. Aber das wissen Sie natürlich nicht, weil Sie steil nach oben geschossen sind.« Margaret sah aus den Augenwinkeln, dass die Lichter der Stadt um sie herum glühten, also waren sie bereits vom Freeway abgefahren und nahmen eine Nebenroute.
»Wenn Sie darauf anspielen wollen, dass ich meine Karriere meinem Vater zu verdanken habe, dann haben Sie sich getäuscht.« Grimes’ Lippen wurden schmal. »In zwei Jahren sind Wahlen. Was denken Sie wird passieren, wenn die Republikaner gewinnen und Sie einem neuen Präsidenten erklären müssen, was nur der alte wusste und dem Kongress verschwiegen wurde? Zu dem Namen Projekt Hades wird dann Ihr Gesicht gehören.«
»Teil des Jobs«, entgegnete Margaret ungerührt. »Das Gute ist, dass sich kaum jemand für Hinterbänkler wie mich interessiert. Deputy Director klingt toll, ist aber bloß der Code für jemanden in der operativen Leitung, der sich knapp unter den wichtigsten Gästelisten tummelt und die Raubtiere vom politischen Alltag fernhält, ohne dafür gestreichelt werden zu müssen.«
»Wir werden sehen.«
»Warum sitzen Sie eigentlich hier bei mir im Wagen, Mrs. Grimes? Wir haben noch eine Viertelstunde Fahrtzeit vor uns, und ich bin mir sicher, dass Sie vorher gerne umsteigen möchten. Ich möchte wetten, dass es mit der Tucson-Pipeline zu tun hat.«
Grimes nickte. »Das FBI kriecht eine Woche nach den Anschlägen zum Präsidenten und gesteht zerknirscht ein, dass es keinerlei Spuren hat und die Cyber Division der NSA den Faden in die Hand nimmt. Dann taucht auf einmal das BCI auf – Bureau for Covert Investigations? Ich dachte, das wäre ein schlechter Scherz. Aber nein, die Heimatschutzministerin hat tatsächlich eine neue Tochterbehörde mit weitreichenden Befugnissen aufgemacht. Wann wurde sie gegründet? Vor sechs Monaten. Selbst für meinen steilen Aufstieg bin ich lange genug im Geschäft, um die Existenz von Zufällen leugnen zu können. Ich habe auch mit der Ministerin gesprochen, die mit so stoischer Miene behauptet hat, Bescheid zu wissen, aber nichts sagen zu dürfen, dass ich sofort wusste, dass sie keinen blassen Schimmer hat, was dieses BCI überhaupt tut, das sie selbst ins Leben gerufen hat.«
»Das, was den Stempel trägt, gehört nicht dem Stempel«, gab Margaret zu bedenken.
»Hören Sie, ich kann schlecht meine Arbeit machen, wenn ich nicht einmal weiß, wie die Drahtzieher eines Terroranschlags gefasst wurden, bei dem die Behörden noch vor Kurzem komplett im Dunkeln getappt sind. Zehn Schuldige wurden verhaftet und für den Präsidenten ist aus einem Desaster ein Pressewunder geworden. Ich glaube nicht an Glück, und wenn wir mit hundertzwanzig Meilen die Stunde nur knapp an einer Wand vorbeigerauscht sind, will ich wissen, wer am Steuer saß.«
Der Präsident, wollte Margaret gerade antworten, als es einen lauten Knall gab und sich das Fahrzeug vor ihnen in einem Feuerball auflöste. Kunar trat so heftig auf die Bremse, dass sie und Grimes in ihre Sitzgurte geschleudert wurden und ihre Arme nach vorne gegen die Sitze schlugen. Durch die Panzerglasscheibe sah sie, wie sich das Feuer vor der Windschutzscheibe ausbreitete und ein Hagel aus glühenden Trümmerstücken auf sie einprasselte. Dann folgte ein weiterer Knall, metallisch und kalt, und schwarze Flüssigkeit spritzte auf die Frontscheibe, machte sie undurchsichtig wie eine Wand. Auf einen Schlag waren sämtliche Motorengeräusche verstummt und es blieb das entfernte Prasseln der Flammen.
»Fuck!«, fluchte die Stabschefin und verzog vor Schmerzen das Gesicht, als sie nach der Stelle tastete, wo sich der Gurt in ihr Schlüsselbein gedrückt hatte. »Was war das?«
»Anschlag«, antwortete Margaret und griff in ihre Jacke, um die .45er Glock aus dem Tarnhalfter zu ziehen und zu entsichern. Grimes’ Augen weiteten sich vor Schreck, als sie die mächtige Pistole sah. »Egal was geschieht, machen Sie nicht die Tür auf. Verstanden?«
Grimes nickte stumm und starrte aus dem Fenster. Von draußen war das dumpfe Knattern von automatischen Waffen zu hören. Margaret sah mit zusammengekniffenen Augen durch ihr Fenster und sah im dritten Stock eines der typischen mehrstöckigen Wohnhäuser der Innenstadt eine Feuerblume aufblitzen.
»Schütze auf elf Uhr«, sagte sie, wohlwissend, dass Kunar bereits den Notfallknopf unter dem Lenkrad gedrückt hatte und sie maximal fünf Minuten warten mussten, bis die Kavallerie eintraf. Aber fünf Minuten konnten äußerst lang werden. »Haben Sie irgendwem gesagt, dass Sie mich treffen und wo?«
»Nein, nur meinem Sicherheitspersonal.«
»Dem Secret Service.«
»Ja.« Die Stabschefin nickte mit blassem Gesicht.
»Wie viele?«
»Drei Wagen.«
»Inklusive dem vor uns?«
Wieder nickte Grimes. »Scheiße, wer ist das? Was wollen die von uns?«
»Keine Ahnung, bleiben Sie ruhig.« Bei sich dachte sie: Vermutlich genau dasselbe, was Sie von mir wollten. Ein Gedanke, der sie unruhiger machte, als das Feuergefecht da draußen. Wenn die Angreifer bis jetzt noch kein schweres Gerät an ihren Wagen angelegt hatten, würden sie es nicht zu ihnen herein schaffen, so viel stand fest. Das konnte nur bedeuten, dass die Secret Service Eskorte ihrem Namen gerecht worden war und die Angreifer mit ihrer Anwesenheit überrascht hat.
Gut für sie.
Nicht gut für sie war, dass es jemand auf sie abgesehen hatte. Unbehaglich drückte sie die Füße zusammen, um die Konturen und die Härte des Koffers zwischen ihnen zu spüren. Niemand konnte davon wissen. Oder? Das BCI war bewusst kleingehalten, seine Agenten detailliert ausgesucht und ständig überwacht, und der Präsident war der Einzige, der sonst über den Inhalt des Koffers Bescheid wusste. Er konnte aber kein Interesse daran haben, ihn zu entwenden. Zum einen war er es, der die Geheimhaltung auf die Spitze trieb und zum anderen hätte er bloß die Hand ausstrecken müssen und sie hätte ihn ihm freiwillig hineingelegt. Also gab es nur eine Alternative, und die gefiel ihr gar nicht.
»Haben Sie Ihr Diensttelefon dabei?«
»J-ja«, stammelte Grimes.
»Dann rufen Sie Verstärkung bei der Polizei.«
»Bei der Polizei? Aber der Secret Service ist längst alarmiert und wird viel schneller …«
»Tun Sie es einfach!« Als die Stabschefin mit zitternden Fingern in ihrem Mantel nach dem Smartphone suchte, fügte Margaret hinzu: »Rufen Sie die normale Nummer an. 911.«
»Aber wieso …« Als Grimes ihren strengen Blick sah, nickte sie schnell. »Tun Sie es einfach, schon klar.«
Möchte wetten, dass ihr den Polizeifunk abhört, sagte sie in die von kurzlebigen Feuerblumen erhellte Nacht hinaus und zuckte vom Fenster zurück, als ein verirrter Schuss in das Panzerglas krachte und das gesamte Auto zum Vibrieren brachte. Übrig blieb ein weißes Spinnennetz auf gesplittertem Verbundstoff, wo sich eben noch ihr Kopf befunden hatte. Das plattgedrückte Projektil in der Mitte sah aus wie ein Schwarzes Loch, das von einer Galaxie umkreist wurde. Margaret empfand dieses Bild als äußerst treffend, wenn man bedachte, was sie zwischen ihren Füßen transportierte.
»… ein Feuergefecht auf der Vermont Avenue …«, hechelte Grimes gerade in ihr Telefon.
»Terrorismus«, flüsterte Margaret. »Sie müssen das Wort Terrorismus fallen lassen.«
Die Stabschefin sah sie aus den Augenwinkeln an und fügte rasch hinzu: »Ich glaube, das ist ein Terroranschlag!«
Aus den Ohrlautsprechern war noch eine Stimme zu hören, als sie auflegte.
»Es sind erst zwei Minuten vergangen!«, jaulte die junge Frau nach einem Blick auf ihre Uhr und zuckte zweimal hintereinander zusammen, als zwei Projektile mit lautem Klonk! in ihre Wagenseite krachten. Sie rutschte tiefer in ihren Sitz.
»Ich denke, dass wir es Ihrer Secret Service Eskorte zu verdanken haben, dass wir noch hier drinnen sitzen und nicht aus einem aufgesägten Wrack gezogen werden«, stellte Margaret gelassen fest und steckte ihre Glock zurück ins Holster. Das vertraute Gewicht der Waffe zog angenehm an ihrer linken Schulter.
»Nach der Sache mit der Pipeline wurden sämtliche Secret Service Abstellungen für hochrangige Regierungsmitglieder verstärkt.«
»Möchte ich wetten.«
Grimes bedachte sie mit einem Was-soll-das-schon-wieder-heißen-Blick, doch Margaret ignorierte ihn und sah zu, wie sich einige Schatten aus der Dunkelheit am Bürgersteig der anderen Straßenseite lösten und in einem Häusereingang verschwanden. Licht blitzte hinter den Fenstern auf. Einmal, dann noch dreimal. In der Ferne kündeten Sirenen von ihrer baldigen Erlösung, der heisere Lärm der Behörden, der ankündigte, dass zum ständigen Reagieren gezwungene Männer und Frauen mit Wasserpistolen gegen Feuersbrünste kämpfen mussten, tagein, tagaus. Bis vor sechs Monaten zumindest.
Der eigentlich spärliche Gegenverkehr hatte sich die Straße einige hundert Meter weiter in Richtung Zentrum aufgestaut und die Besitzer der vorderen Wagen ergriffen zu Fuß die Flucht, während andere schaulustig ausstiegen und womöglich gerade für ihre ganz persönlichen fünf Minuten Ruhm filmten. Das war absolut nicht die Aufmerksamkeit, die sie gebrauchen konnte.
Woher wusstet ihr davon?, fragte sie in die Nacht hinaus, in das abebbende Flackern des Feuergefechts hinein, das sie wie ein Fiebertraum umgeben hatte. So unwirklich kurz und heftig.
»Sind das Helikopter?«, fragte Grimes hoffnungsvoll und lugte vorsichtig über den Rand ihrer Tür durch ihr Fenster hinaus.
Margaret nickte. Sie hatte es ebenfalls gehört, das unverkennbare Dröhnen von Rotorblättern. Auch die Sirenen waren zu einem kollektiven Geheul angeschwollen.
Wollen wir hoffen, dass noch einer von den Mistkerlen lebt, wenn die hier ankommen, knurrte sie innerlich, nur um im nächsten Moment den Mund zu einem freudlosen Lächeln zu verziehen. Ein Gedanke, der der Macht der Gewohnheit entsprungen war. Eine Leiche würde mir auch schon reichen. Die sind deutlich gesprächiger dieser Tage.
James atmete heftig im Takt seines rasenden Herzens und ließ sich erschöpft zur Seite fallen. Neben ihm räkelte sich Tessa einige Male und schmiegte sich schließlich sanft an ihn, während sie darauf warteten, dass sich ihr beider galoppierender Puls langsam beruhigte. Vereinzelte Schweißperlen rannen von seiner Brust in Richtung Bauchnabel und hinterließen dabei ein feines Kitzeln auf seiner glühenden Haut.
Mit den Füßen suchte er unter der Decke nach ihren und stupste sie neckisch mit dem großen Zeh.
»Deine Füße sind ja gar nicht kalt«, bemerkte sie und hob den Kopf, um ihm ins Gesicht zu blicken. Ihre elfenhaften Züge, umrahmt von nussbraunem Haar, das ihr in verschwitzten Strähnen auf der Stirn klebte, luden dazu ein, sich in ihnen zu verlieren – was genau das war, was er tat.
»He! Ich rede mit dir, Special Agent!« Tessa nahm ein Büschel ihrer Haare und schob sie ihm ins Ohr.
»Au!« Er lachte und umschlang sie mit den Armen, um mit ihr zu ringen, ehe er sich auf sie legte und mit seinem Gewicht in die Matratze drückte. Sie neckten und küssten sich, ehe die Erschöpfung wieder überhandnahm und sie sich zusammenkuschelten.
»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, gurrte sie nach einer Weile.
»Du hast streng genommen keine gestellt«, konterte er und starrte die Blumentapete über ihnen an, die einen psychedelischen Eindruck hinterließ, wie die Unterkunft eines echten Hippies Anfang der Siebzigerjahre. An den Rändern war sie angelaufen und blätterte bereits ab.
»Warum sind deine Füße nicht kalt?«, fragte sie.
»So kalt wie deine, meinst du?«
»Das ist kein Witz, Jimmy.«
»Nenn mich nicht so«, brummte er, seufzte jedoch ergeben, als sie ihn mit einem unnachgiebigen Blick fixierte. »Ich musste fünf Minuten früher herkommen. Twohy wollte, dass ich dem Bruder des Postboten einen Besuch abstatte, bevor wir das Hotel stürmen.« Er sah zu der morsch aussehenden Tür mit der auf ein Messingschild gravierten Zimmernummer. »Entweder einen Dienstfehler begehen oder einen noch größeren Fehler machen und keine Zeit mit dir verbringen können.«
»Mach das nicht wieder, okay?«
»Hast du etwa keine Lust mehr auf unsere eingehenden Ermittlungen?«
»Doch, und das weißt du. Aber ich will nicht, dass du deswegen etwas riskierst«, erwiderte sie.
»Du bist ja hier. Wenn deine Füße warm werden, gehe ich auch.« James versuchte es mit einem aufmunternden Lächeln. »Klingt doch einfach genug.«
»Diesmal ja. Aber selbst dann: Wenn Twohy dich erwischt, bekommst du eine Verwarnung. Du weißt, dass jeder von uns nur einen einzigen Dienstfehler frei hat. Was denkst du, was passiert, wenn man einen zweiten begeht?«
»Ich habe noch keinen Punkt in meiner Akte.« Er zuckte mit den Schultern und lauschte dem Prasseln des Regens an dem einfach verglasten Fenster. Hinter den Scheiben war der Himmel von einem deprimierenden Elefantengrau. »Muss es hier eigentlich immer regnen?«
»Lenk nicht ab, Special Agent Villeneuve«, sagte Tessa tadelnd, setzte jedoch eine versöhnliche Miene auf, als sie ihm einen Kuss auf die Wangen drückte und seinem Blick zum Fenster folgte. »Ich weiß es nicht. Vielleicht haben wir einfach immer nur Pech, dass wir in der Globule von jemandem aus Washington landen.«
»Oder aus Maine«, bemerkte er grinsend.
»Hey, ich bin gerne da aufgewachsen. Trotz des deprimierenden Wetters. Irgendwann hat man sich an den Dauerregen gewöhnt.«
»In D.C. hat es jetzt schon zwei Monate nicht mehr geregnet. Wer hätte das gedacht.«
»Soll es auch die kommenden zwei Wochen nicht. Wahrscheinlich zu kalt für Wolken. Zumindest fühlt es sich so an.«
»Umso besser, dass wir in Florida sind.« James breitete die Arme aus, als wolle er etwas präsentieren, ließ sie jedoch wieder sinken, als ihm abermals auffiel, wie schäbig die Kulisse war, auch wenn sie einen gewissen morbiden Südstaatencharme ausstrahlte.
Tessa seufzte. »Ich wünschte, wir könnten wirklich hier sein.«
»In Florida?«
»Nein.«
Er nickte verstehend. »Ja, das wünschte ich mir auch.«
Was eigentlich?, fragte er sich in Gedanken selbst. Dass das hier echt ist?
»Wünscht du dir manchmal, dass es echt sein könnte?«, sprach sie seinen inneren Monolog kurz darauf aus, und er spürte eine Welle inniger Zuneigung in sich aufsteigen. »Das zwischen uns, meine ich?«
»Ja, das wünsche ich mir andauernd«, wisperte er wahrheitsgemäß und war selbst erschrocken von der Melancholie, die in seiner Stimme mitschwang. Sie hob ihre Hand und wartete, dass er die seine mit ihrer verschränkte. Ihre Finger umschlangen sich in einer fließenden Bewegung. Die beiden Eheringe gaben dabei einen traurigen Laut von sich. Wie in Gold gegossene Damoklesschwerter hingen sie über ihnen, während sich das Licht des flackernden Deckenleuchters darin brach.
»Und fragst du dich manchmal, ob wir schlechte Menschen sind?«, fragte sie leise.
Bevor er antwortete, erforschte er den Stich der Schuld, der ihn traf, während er die Ringe über ihnen betrachtete. Sein Arm wurde dabei schwer, als hielte er ein bleiernes Gewicht in die Höhe.
»Ja.« Er räusperte sich und wiederholte dann: »Ja, das tue ich häufig.«
»Und zu welchem Ergebnis kommst du?«
»Ich denke nicht, dass wir schlechte Menschen sind, Tessa. Ich weiß nicht einmal, ob das, was wir hier tun, moralisch verwerflich ist, weil es noch nie in der Geschichte der Menschheit getan wurde.«
»Zählt nicht die Intention statt des Ortes?«, gab sie zurück, und es schien genauso sehr eine an sie selbst gerichtete Frage zu sein.
»Lädt dann jeder Schuld auf sich, der einen Pornofilm sieht? Einen feuchten Traum hat?«
»Je nachdem, wen man fragt, schätze ich.«
James legte den Kopf schief.
»Nein, natürlich nicht, aber …«
»Was ist es dann? Der Austausch von Körperflüssigkeiten. Schaust du jemanden an, der attraktiv ist, kriegst du vielleicht einen bösen Blick von deinem Ehemann. Aber so lange du dir nur vorstellst, ihn zu küssen, und es am besten für dich behältst, wird nichts passieren. Wenn der Kuss aber stattfindet, lässt er sich scheiden. Sind wir Menschen nicht merkwürdig?«
»Ja, aber es spielt keine Rolle.«
Er blinzelte überrascht. »Es spielt keine Rolle?«
»Nein, tut es nicht«, bekräftigte sie. »Es geht ja nicht darum, was man tut, sondern was man damit jemandem antut, der einem vertraut. Natürlich stirbt niemand daran, dass wir miteinander schlafen. Aber der Vertrauensbruch ist verletzend.«
»Das würde aber bedeuten, dass es nicht so weh tut, wenn man es dem anderen ankündigt. Ich würde uns aber nicht empfehlen, diese Logik auf die Probe zu stellen.«
»Du liebst deine Frau.«
»Ja.« James dachte gar nicht daran, zu lügen. Für Unehrlichkeit war in den letzten sechs Monaten kein Platz zwischen ihnen gewesen, und das war auch einer der Gründe dafür, dass er sich so sehr in Tessa verliebt hatte. Ehrlichkeit schien etwas ganz Natürliches bei ihnen zu sein.
»Und ich liebe Alex«, seufzte sie, entwirrte ihre Finger und drehte ihren Ehering hin und her. »Warum muss das alles so kompliziert sein?«
»Weil es gesellschaftlich sanktioniert wird, mehr als einen Partner zu haben oder zu lieben und uns das seit Kindesbeinen eingetrichtert wurde. Und weil es uns den Job kosten würde, natürlich.«
»Nein. Das ist es nicht.«
»Was ist es dann?«
»Dass wir unehrlich zu jemandem sind, den wir lieben. Das ist der Grund für unsere Schuldgefühle, und es ist ein guter Grund«, erklärte sie, und er blieb stumm in seiner Zustimmung. Eine Zeit lang lauschten sie dem Regen, der in unregelmäßigen Böen gegen das Fenster prasselte und das Glas hin und wieder zum Vibrieren brachte.
»Ich verstehe das«, fuhr Tessa irgendwann fort und ihre Atemluft kitzelte an seiner Brust. »Wir haben einen Job, über den wir mit niemandem sprechen können, außer mit Kollegen – und davon haben wir nicht besonders viele. Es ist unsere Pflicht, unsere Lieben anzulügen – beziehungsweise ihnen nicht die Wahrheit zu sagen. Alles was wir hier erleben und durchmachen, wir können nichts davon am Küchentisch zu Hause loswerden. Wir führen zwei Parallelleben, James und eines davon ist geheim.«
»Trotzdem stecken sie irgendwie mit drin«, murmelte er.
»Ja. Sie sind unsere Anker. Erinnerungen daran, wo wir hingehören. Wenn sie nur wüssten, wie wertvoll sie für uns sind.«
Draußen rollte ein tiefer Donner, der unnatürlich klang. Das Grollen war kurz und abgehackt.
»Das hier dürfte eigentlich gar nicht so sein«, wechselte er das Thema und deutete mit einer ausladenden Geste in den Raum.
»Es ist zu stabil«, erwiderte sie, und er nickte.
»Ja. Seit wir beim BCI angefangen haben, wurde uns immer wieder eingetrichtert, dass wir nicht zu lange an einem Ort sein dürfen. Ein Agent, eine Globule. Wie gerne ich Twohy doch den Gegenbeweis liefern würde.«
»Das könntest du, aber er würde uns feuern.«
»Dann bräuchten wir uns wenigstens nicht mehr verstecken.«
»Du weißt, dass das nicht stimmt.«
»Ja.« James seufzte. »Aber es ist trotzdem eine Schande, dass wir nicht einmal dem Wissenschaftsteam zeigen können, was möglich ist.«
Wieder ertönte der Donner. Vier Schläge nacheinander, lauter diesmal. Näher. Aber es gab keinen Blitz – merkwürdig, aber nichts so Merkwürdiges, dass er nicht damit gerechnet hätte.
»Kann man sich so sehr lieben, dass man eine Realität teilt? Dass sie sich so überschneiden, dass es eine Angleichung gibt?«
Tessa drehte sich auf die Seite und kletterte dann auf ihn. Ihre Haarsträhnen umrahmten ihr Gesicht wie eine goldene Mähne, deren Spitzen seine Nase kitzelten. Ihr Mund verzog sich zu einem anzüglichen Lächeln.
»Ja, das glaube ich, James Villeneuve.« Sie küsste ihn flüchtig. »Und ich glaube auch, dass das der Grund ist, warum sie uns nicht vom selben Ort aus hierherkommen lassen – dann würden wir nämlich nicht mehr wissen, in wessen Realität wir sind.«
»Du weißt, dass das nicht der Grund ist«, brummte er, fing jedoch bald an zu glucksen, als sie ihn weiter mit ihren Haaren kitzelte. »He! Lass das!«
Der Donner wurde lauter. Sechsmal ertönte er diesmal. Mit seinem rechten Fuß tastete er nach ihrem. Als er ihre Zehen berührte, waren sie nicht mehr kalt.
»Unsere Zeit ist abgelaufen«, stellte James widerwillig fest. Tessa nickte und löste sich von ihm. Der Verlust ihrer Nähe traf ihn wie ein Schlag und ließ ihn seufzen.
»Das einzig Gute an der Sache ist, dass es den Exit leichter macht«, entgegnete sie, nahm sein Kinn in die Hand und drückte ihm einen letzten Kuss auf die Lippen. Sie schmeckte nach Lavendel. Dann drehte sie sich – plötzlich mit einem enganliegenden Hosenanzug bekleidet – um und ging zur Tür. Nach einem kurzen Zögern zog sie sie auf, und weißes Licht flutete den Raum. Sie trat hinein und verschwand.
James fokussierte die sich mit einem dumpfen Klappern schließende Tür. Nackt wie er war, lauschte er ein letztes Mal den aufdringlichen Donnerschlägen und stellte sich vor die Blumentapete an der Wand. Er streckte die Hand aus, und es erschien eine Klinke in einer neuen Tür.
Mit dem harten Einatmen eines Neugeborenen riss er die Augen auf. Es donnerte immer noch, hart und dumpf, aggressive Laute, die in den Ohren schmerzten.
»Villeneuve!«, rief jemand, und es polterte erneut.
James schüttelte den Kopf und ließ die Realität auf sich einströmen wie das Wasser eines Tsunamis. Sie brandete auf ihn ein, überwältigend laut, voller Gerüche nach Staub und Ozon und Desinfektionsmittel. Er saß auf einem Stuhl, in beiden Handrücken steckten jeweils zwei Schläuche in einer Dauerkanüle, die ihn mit einem aufgeklappten Koffer vor seinen Füßen verbanden. Neben seinen nackten Füßen mit hochgekrempelten Hosenbeinen stand ein leerer Eimer. Er bewegte seine Zehen prüfend.
»VILLENEUVE!«, rief die Stimme erneut.
»Ich komme!«, antwortete er.
»Beeil dich! Hampstead ist hier!«
»Deputy Director Hampstead?«, murmelte James irritiert und riss die Schläuche aus seinen Anschlüssen, die durch seine ausgetrockneten Augen aussahen wie zwei jeweils identische Leberflecken auf seinen Handrücken. Rasch verstaute er die verschiedenfarbigen Leitungen neben den bunten Ampullen und klappte den Koffer zu. Dann ging er zu dem Waschbecken bei seinem Schreibtisch und füllte lauwarmes Wasser in den Eimer, ehe er eine Hand hineinhielt und seine Socken damit besprenkelte, bevor er sie anzog. Als Nächstes krempelte er die Hose wieder herunter, schlüpfte in seine schwarzen Lederschuhe und richtete Jackett und Krawatte, bevor er zur Tür ging, aufschloss und in das kantige Quadratgesicht von Special Agent Marc Hofstetter blickte, der in denselben Anzug von der Stange gekleidet war wie er selbst: schwarz mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte. Auf dem Revers ein Anstecker des FBI.
»Danke, dass du geklopft hast«, sagte James und ließ sich von seinem Freund die Haare zurechtlegen und zwei Falten im Ärmel glätten. »Wenigstens hast du nicht vorher in die Hände gespuckt.«
»Hampstead steht auf ein gepflegtes Auftreten«, wischte Marc seinen Spott beiseite. »Warum hat das überhaupt so lange gedauert?«
»Twohy wollte, dass wir einen der beim Zugriff in Jacksonville erschossenen Hacker noch mal aufsuchen, um zu verifizieren, dass er vom selben Kontaktmann bezahlt wurde wie derjenige, den das FBI in New York erwischt hat.«
»Du und Tessa?«
James nickte.
»Alles klar, dann sollten wir uns jetzt beeilen!«
Zusammen gingen sie den schmucklosen Flur aus verputztem Spritzbeton hinunter zu den Fahrstühlen, bogen davor ab und nahmen die Treppen nach unten in das zehnte Kellergeschoss des J. Edgar Hoover Buildings. Dort trafen sie auf Tessa, die gerade aus dem Lift trat. Ihr Hosenanzug lag makellos an ihrem durchtrainierten Körper an, und ihre Haare sahen aus, als wären sie frisch frisiert. Er hatte keine Ahnung, wie sie das jedes Mal schaffte.
»Tessa«, begrüßte er sie knapp.
»James, Marc.« Sie nickte ihnen beiden zu. Professionell und höflich, ohne auch nur die leiseste Spur von etwas anderem als Kollegialität.
Auf dem Flur zu Twohys Büro steckte Special Agent Marsden den Kopf aus einer der Türen und winkte sie eilig herbei. Im Konferenzraum 2 saßen bereits alle sechzehn Agenten des BCI versammelt – mit Ausnahme von ihrem Chef Twohy. Am Kopfende des schmucklosen Tisches, auf dem altmodische Notizblöcke und Bleistifte an jedem Platz lagen, stand Deputy Director Margaret Hampstead und sprach mit Agent Hernandez. James erinnerte sie an eine kompaktere Version von Margaret Thatcher, mit der sie nicht nur der Vorname verband. Ihr faltiges Gesicht war von Härte geprägt, ihre Augen von Scharfsinn und ihr schmaler Mund von Unnachgiebigkeit. Eine kompromisslose Frau, vor der jeder im Raum nicht bloß Respekt hatte, sondern mindestens einen Grad von Angst – auch wenn das natürlich niemand zugeben müsste.
»Wo ist der Boss?«, fragte er Marc flüsternd, während sie auf Zehenspitzen zu ihren Plätzen gingen. Ihre Kollegen saßen bereits wie Schulkinder mit den Händen auf der Tischplatte da und warteten artig auf den Beginn des Meetings.
»Keine Ahnung. Irgendwer meinte, dass er gerade von einem Termin in Baltimore zurückkommt.«
»Ah, dann sind wir jetzt ja endlich vollzählig«, durchschnitt Hampsteads befehlsgewohnte Stimme ihr Gespräch und sie fixierte ihn, Marc und Tessa gerade lange genug mit ihrem Blick, dass ihnen unwohl wurde, während sie sich setzten und die Stühle näher an den Tisch zogen. »Schön, dass Sie es auch einrichten konnten.«
Deputy Director Hampstead hob eine Hand und schüttelte den Ärmel ihres braunen Blazers herunter, um auf ihre Armbanduhr zu schauen. »Es ist jetzt 9:34 Uhr. Einige werden es schon mitbekommen haben: Vor sechs Stunden wurde ein Anschlag auf meinen Wagen verübt.«
Ein Raunen ging durch die Kollegen, und es wurde aufgeregt geflüstert.
»Das Ergebnis sehen Sie: Ich lebe noch.«
Knöchel begannen auf die Tischplatte zu klopfen, bis Hampstead die Hände hob und die Laute der Zustimmung erstickte.
»Ich muss Sie sicherlich nicht daran erinnern, was das bedeutet. Bei einem versuchten Anschlag auf mich können wir nicht davon ausgehen, dass jemand zufällig die stellvertretende Direktorin des FBI umbringen wollte.« Sie schnippte mit dem Finger und deutete auf Agent Valdez, die neben ihr saß, und auf der Displaywand in ihrem Rücken tauchte das Bild eines zerschossenen Autos hinter einem brennenden Wrack auf. Es handelte sich offensichtlich um eine Luftaufnahme. Auf Straße und Bürgersteigen lagen Glassplitter, die das Licht der umstehenden Straßenlaternen reflektierten. »Der Secret Service konnte einen der Angreifer ausschalten. Die anderen beiden sind noch flüchtig. Bevor jemand fragt: Ich habe bereits dafür gesorgt, dass seine Leiche zur Obduktion an die Lab Divison ausgehändigt wird. Sie müsste sich mittlerweile schon in Quantico befinden.«
James hob eine Hand, und die Hälfte der Gesichter, die sich zu ihm drehten, waren besorgt, die andere zeigte so etwas wie einen fatalistischen Respekt.
»Villeneuve?« Hampstead nickte ihm zu.
»Haben Sie eine Idee warum gerade jetzt?«, fragte er. »Ich meine, Sie fahren die Strecke zum Kapitol regelmäßig und jemand, der es auf eine ranghohe Beamtin wie Sie abgesehen hat, überlegt sich Ort und Zeit in der Regel sehr genau.«
»Richtige Frage«, antwortete sie und die Blicke der Kollegen richteten sich wieder auf ihre Vorgesetzte. »Ich hatte einen Koffer dabei.«
Abermals ging ein Raunen durch den Konferenzraum. Koffer durften immer nur von zwei Agenten des BCI mitgenommen werden und auch dann nur, um an einem Tatort eingesetzt zu werden.
»Der Präsident hat mit befohlen, ihm einen zu zeigen, und er kann uns hier nicht besuchen, wie Sie alle wissen. Ich glaube nicht an Zufälle, darum ist die Frage, woher die Angreifer von dem Koffer wussten …« Hampstead verstummte, als sich die Tür öffnete und Twohy, großgewachsen und drahtig mit seinem vernarbten Gesicht und dem schütteren Haar, trat ein.
»Verzeihen Sie die Verspätung, ich bin gerade erst gelandet.«
Hampstead machte einen nachsichtigen Wink. Da es keinen freien Stuhl mehr gab, blieb der Büroleiter an der Wand stehen und verschränkte die Arme hinter dem Rücken.
»Villeneuve und O’Brian«, sagte sie und sah in James’ und Tessas Richtung. »Sie beide gehen als Team nach Quantico und sprechen mit dem verstorbenen Angreifer. Hernandez und Hofstetter, Sie beide nehmen die Spur der beiden Flüchtigen auf. Valdez und Marsden, Sie gehen in die Dritte und schauen den zuständigen Agents auf die Finger. Ich will wissen, wenn auch nur einer von deren Kontaktleuten furzt, klar?«
Alle nickten.
»Gut. Der Rest bleibt bei seinen aktuellen Aufgaben. Wir haben immer noch einen Geronimo zu schnappen.«
Da das Meeting offenbar beendet war, erhoben sie sich und verließen den Raum. Bis auf Twohy, der zu seiner Vorgesetzten ging.
»Ich wollte eigentlich um zwölf Feierabend machen«, seufzte Tessa, als sie mit dem Schwall der Kollegen in Richtung der Fahrstühle gingen.
»Wenn man der beste Pfeil im Köcher der Vorgesetzten ist, hat man solche Probleme öfter«, bemerkte er. »Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal in Quantico war. Ich glaube bei meinem vorletzten Fall vor meiner Versetzung hierher.«
»Dass Hampstead uns mit einem Koffer rausschickt, statt zu warten, bis die Leiche zu uns gebracht wurde, macht mir ein bisschen Sorgen.« Tessa deutete zu den Treppen, und sie bogen vor den Wartenden an den Fahrstühlen durch die Tür ab.
»Sie hat gerade einen Anschlag überlebt. Kein Wunder, dass sie sofort Antworten haben will. Zumal das mit dem Koffer wirklich kein Zufall sein kann.«
»Kann es schon«, widersprach sie, während ihre Schritte durch das Treppenhaus hallten. »Es braucht nur jemand Wind bekommen haben, dass es ein geheimes neues Büro beim FBI gibt, das vermutlich etwas mit der Verhaftung von Geronimos Hackern im Pipeline-Fall zu tun hatte. Da wollen bestimmt einige Leute mehr wissen.«
»Aber warum dann genau heute Nacht, als sie den Koffer dabei hatte?«, beharrte er.
»Schätze, das werden wir heute noch herausbekommen. Wenn wir gut sind.«
»Die Besten.«
Bevor sie sich aus dem ›Keller‹ nach oben kämpfen konnten, wo die normale Belegschaft des FBI ihren Dienst tat, mussten sie ihren Einsatzkoffer abholen, was ein kleines Abenteuer für sich darstellte. Dafür brachten sie zuerst ihre eigenen zurück, die sie aus ihren Büros holten. Jeder einzelne war mit einem Peilsender ausgestattet, der sich bis auf fünf Zentimeter genau orten ließ und sofort Alarmsirenen in Twohys Büro und im Lager auslöste, wenn das Signal unterbrochen wurde. Die wichtigste Waffe im Arsenal der amerikanischen Verbrechensbekämpfung verbarg sich hinter einem unscheinbaren Aktenkoffer von so biederer Langeweile, dass man sich kaum vorstellen konnte, dass es einen Satelliten gab, der nur zu ihrer Überwachung diente.
»Hallo, Peeps«, begrüßte sie Henry, der Asservatenmeister des Lagers, in dem sich insgesamt zwanzig dieser Koffer befanden. Eigentlich war er natürlich kein ›Asservatenmeister‹, da es sich nicht um eine Asservatenkammer handelte, aber das war den meisten Agents egal, und sie ließen ihn nur zu gerne wissen, dass er für sie so etwas wie der Hausmeister war – vermutlich aus Unbehagen darüber, dass sie ohne ihn ihren Job nicht machen konnten. Und wenn er nur einen Haken falsch setzte, konnte ihnen das unangenehme Fragen wie »warum haben Sie Ihren Koffer nicht zurückgegeben. Wo ist er?« einbringen.
»Peeps?«, fragte Tessa. »Echt jetzt?«
Henry deutete auf sie und James. »Eins, zwei, peeps!« Er zuckte mit den Schultern. »Dann gebt mal her die guten Stücke.«
Sie schoben ihm ihre Koffer durch den kleinen Schlitz unter der Panzerglasscheibe, und er überprüfte die elektronischen Siegel. James wusste, dass er dabei Nutzungsdauer und Füllstände der Ampullen kontrollierte, um sicherzustellen, dass es keine Abweichungen gab.
»Langer Einsatz gewesen«, stellte er fest.
»Wem sagst du das«, entgegnete James und versuchte, nicht an Tessas nacktem Körper auf seinem zu denken, obwohl er genau das am liebsten getan hätte.
»Alles klar, ich mache euch auf. Ihr habt die Freigabe für einen Koffer. Nummer 13. Zweites Regal links«, sagte Henry und drückte auf einen Knopf, woraufhin sich die Tür neben seinem Fenster öffnete und sie in einen kurzen Gang mit einer weiteren Tür brachte. Auf dem Boden war ein Paar Schuhabdrücke eingezeichnet.
»Ich hole ihn«, sagte Tessa und ging vor. James wartete draußen und sah zu, wie die Tür sich schloss. Er kam sich jedes Mal wieder vor wie in einem Hochsicherheitsgefängnis, wenn sie ihr Arbeitsgerät abholten.
Die Marine Corps Base Quantico lag knapp vierzig Meilen südlich des FBI-Hauptquartiers im Herzen Washingtons, eine langweilige Fahrt über die Interstate 95 entfernt. Der Verkehr zog sich in einer regelmäßigen Perlenkette aus Fahrzeugen aus der Stadt heraus, die hier in südlicher Richtung nicht zu enden schien, da die Vororte und Trabantenstädte sich entlang der Interstate gebildet hatten, die so etwas wie die Schlagader von Virginia war und bis nach Richmond führte.
James war in seiner Zeit als Special Agent beim FBI schon häufiger dort gewesen, um sich Leichen komplexer Mordfälle mit eigenen Augen anzusehen und sich von den Forensikern erklären zu lassen, wie das Verbrechen vonstattengegangen sein könnte. Lange Zeit davor war er über mehrere Jahre täglich dorthin gependelt, zu seiner Zeit an der FBI Academy, die aus irgendwelchen Gründen ebenfalls auf dem Kasernengelände lag, aber dafür mit eigenem Sportplatz und Restaurants so etwas wie eine Kleinstadt für sich gewesen war. Es gab trotz der nostalgischen Punkte nicht wenige Kollegen, die forderten, die martialisch klingende ›Laboratory Division‹ des Bureau nach Washington zu holen, heraus aus einer Militärbasis, die nicht nur größer war als so mancher Kleinstaat in Europa, sondern auch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen mit sich brachte, die Nerven und jede Menge Zeit kosteten. James gehörte nicht zu ihnen, konnte er die fünfundvierzig Minuten Ruhe doch durchaus genießen, die ihm die Strecke einbrachte.
»Ich hoffe, dass Twohy das nicht auf uns abwälzt«, sagte Tessa, die ihren Dienstwagen fuhr, einen unscheinbaren E-Ford, der in etwa so viel Charme versprühte, wie seine Erfinder Freude am erzwungenen Umstieg auf einen Elektromotor verspürt haben mussten – das perfekte Auto für FBI-Agenten.
»Was meinst du?«, fragte er. Am liebsten hätte er sie gefragt, ob sie nicht rechts ranfahren konnten, um das zu tun, was er eigentlich viel lieber getan hätte. Wie würde es sein, sie wirklich so zu berühren, wie er es sich wünschte? Die echte Wärme ihrer Haut zu spüren, ihren Atem, der seine feinen Härchen kitzelte? Mit ihr zu verschmelzen und sich eng umschlungen treiben zu lassen im Auf und Ab ihrer Hormone?
»Hörst du mir zu?«, fragte sie und er schüttelte die Gedanken von sich ab.
»Äh, ja, sorry. Was hast du gesagt?«
Tessa warf ihm einen prüfenden Seitenblick zu, bevor sie antwortete: »Hampstead hat das Team für die verschiedenen Aufgaben eingeteilt. Damit hat sie Twohy übergangen. Er ist der operative Leiter des BCI.«
»Er ist zu spät gekommen. Ich schätze, dass Deputy Director Hampstead das hasst.« Er zuckte mit den Schultern.
»Sie ist heute doch mehr Politikerin als Ex-Agentin«, gab sie zu bedenken. »Die tun nichts ohne Hintergedanken und schon gar nichts aus einem Affekt oder so etwas Ehrlichem wie Wut.«
»Eine einfache Zurechtweisung würde ich ihr schon zutrauen. Vielleicht war sie auch mit seinem Termin nicht einverstanden, der ihn verhindert hat. Wer weiß das schon.«
»Hauptsache Twohy ist nachher nicht sauer auf uns. Er ist schließlich kein Politiker.«
»Ist Hampstead streng genommen auch nicht. Sie ist nur so weit nach oben gekommen, weil sie mehr Papier hin und her schiebt als Leichen.« James wandte sich ihr zu und genoss den Anblick ihrer Silhouette.
»Was ist?«, fragte sie und versuchte, ihre Aufmerksamkeit zwischen ihm und der Straße zu verteilen. Als er nichts sagte, lächelte sie. »Was?«
»Ach, ich habe nur nachgedacht.« Er schmunzelte und sie schnalzte mit der Zunge.
»Nicht hier, James.« Die Art und Weise, wie sie seinen Namen aussprach, ließ seine Haut kribbeln. Noch während er darüber nachdachte, wie weitreichend die Wahl ihrer Worte war, nahm sie auch schon die Ausfahrt, und kurze Zeit später kamen sie an einem Schlagbaum und einem Wachhaus an.
»Einen wunderschönen guten Morgen, Agents«, begrüßte sie der Marineinfanterist mit dem lässig umgehängten Sturmgewehr.
»Unschwer zu erkennen, wie immer, was?«, fragte Tessa.
»Sie haben nun einmal einen unverkennbaren Stil.« Der Soldat streckte die Hand aus und Tessa legte ihre beiden Dienstausweise hinein.
»Dafür sind wir bekannt. Immer passend gekleidet.«
»Ich wollte eigentlich Bürokratenstil sagen, aber hey, Mulder und Scully haben es auch geschafft, Sexsymbole zu werden«, meinte der Soldat und fuhr mit einem Fingersensor in seinem Handschuh über den biometrischen Chip in ihren Ausweisen. Es piepte zweimal an dem kleinen Unterarmdisplay, dann hielt er ihnen ein Sensorfeld hin, auf das sie nacheinander ihre Zeigefinger legten, bis es wieder einen Signalton von sich gab. »Sieht gut aus, danke. Waffen?«
Sie schlugen beide die linken Seiten ihrer Jacketts auf, um die Halfter mit den Dienstwaffen zu zeigen.
»Haben Sie Ihre LEOSA-Lizenz dabei?«
»Ähm«, machte Tessa, doch James öffnete das Handschuhfach und nahm die beiden anachronistisch anmutenden Zettel heraus.
»Bitte schön.«
Der Marineinfanterist überflog beide und reichte sie ihnen dann zurück.
»In Ordnung, Sie kennen ja den Weg, schätze ich. Immer der Nase nach. Wenn der Gestank nach Formaldehyd stärker wird, sind Sie richtig.«
Tessa erwiderte das Lächeln und fuhr durch den nach oben fahrenden Schlagbaum auf die lange Zufahrtsstraße zur FBI Academy, neben der sich auch die ausgedehnten Laboratorien befanden. Die Russel Road lag in einem dichten Wald, flach und scheinbar endlos, und es gab so gut wie keinen Verkehr, abgesehen von einer Handvoll Fahrzeugen, von denen die meisten zivil waren. Das Labor selbst sah ironischerweise aus wie die Kulisse einer Akte-X-Folge: ein dreigeteilter Bau aus braunem Gemäuer mit breiten Glasfronten zu einem penibel gepflegten Rasen, auf dem die Flagge des Bureaus unter der der Vereinigten Staaten wehte. Auf jedem der drei Dächer ragten neun weiße Schornsteine in den Himmel wie die Schlote eines Industriebaus – oder eines Krematoriums. Am Empfang registrierten sie sich kurz mit ihren Ausweisen bei einer jungen Agentin – oder einer angehenden – und lehnten dankend ab, als sie anbot, jemanden zu holen, der sie führte. Dank Hampstead wussten sie, zu wem sie gehen mussten.
Doktor Richard Usweki war ein kleiner Mann mit stattlichem Bauch, der die Knöpfe auf seinem weißen Kittel an den Rand ihrer Widerstandskraft brachte. Eine Wolke ebenso weißer Haare umwehte seinen großen Kopf und ließ die wuchtige Hornbrille noch dunkler wirken, als sie war.
»Ah, O’Brian und Villeneuve?«, begrüßte sie der Gerichtsmediziner und schüttelte ihnen nacheinander die Hände. Er gluckste vergnügt. »Sie sind wegen des Siebs gekommen?«
»Ja.«
»So nennen wir hier unsere durchlöcherten Gäste.«
»Wir wissen, was ein Sieb ist, Doc«, sagte Tessa nicht unfreundlich.
»Natürlich, natürlich. Äh, Veronica?«, rief Usweki und eine junge Frau mit ebenholzfarbener Haut kletterte unter einem Zentrifugenschrank hervor.
»Oh, hallo.«
»Das sind die Kollegen aus Washington, die Nr. 11-228 sehen wollen.«
»Ist das der mit der Gallenperforation?«, fragte Veronica.
»Genau. Machen Sie bitte weiter mit den Nagelbetten, ich kümmere mich selbst um unsere Gäste. Nr. 11-228 scheint echt beliebt zu sein.«
»So?« James hob eine Braue.
»Ja, gerade vor einer halben Stunde kamen zwei Agents vom J. Edgar und wollten ebenfalls 11-228 sehen.«
»Sind die noch da?«
Der Doktor nickte und deutete auf die Tür, aus der sie gekommen waren. »Kommen Sie, ich bringe Sie hin. Die Leiche befindet sich schon in der Kühlung.«
»Die Obduktion ging aber schnell«, bemerkte Tessa im Gehen.
»Deputy Director Hampstead wurde angegriffen. Natürlich ging es schnell, dazu hätte es nicht einmal den Anruf vom Director geben müssen, auch wenn ich mich fast geehrt gefühlt hätte, wenn nicht jedes zweite Wort von ihm eine unverhohlene Drohung gewesen wäre.« Usweki gluckste unbekümmert und führte sie ein Stockwerk tiefer, durch einen langen weißen Gang, auf dem er zwei entgegenkommende Kollegen mit wedelnder Hand begrüßte, ehe er mit dem Rücken eine Tür öffnete und sie in eine Leichenhalle mit mehreren Dutzend quadratischen Metalltüren in einer Wand führte. Auf der anderen Seite vor weißen Kacheln mit schwarzem Putz standen einige glänzend polierte Aluminiumtische und verschlossene Schränke. Zwei Agenten mit langen Mänteln, ein hochgewachsener Mann mit Bürstenschnitt und eine Frau mit braunem Pferdeschwanz und breiter Statur, drehten sich zu ihnen herum, als sie hereinkamen.
»Ah, Agents Walsh und Myers, das hier sind die Agents O’Brian und Villeneuve«, stellte der Doktor sie vor und gluckste, als habe er einen besonders guten Witz gemacht.
Tessa und James gingen zu ihren Kollegen und schüttelten ihnen die Hände.
»11-228?«, fragte er und deutete auf die herausgezogene Leiche auf ihrem schmalen Totenbett. Da sie sich noch nicht in einem verschließbaren Sack befand, war sie vollkommen nackt mit vier Eintrittswunden auf Brust und Bauch. Sie sahen aus wie blassrote Krater auf einer schwarzen Vulkanlandschaft. Auf den ersten Blick schätzte er den Toten als leicht übergewichtig ein, in etwa so groß wie er selbst um die eins achtzig.
»Mh-hm«, machte der Große – Agent Walsh – und musterte ihn abschätzend. Dann deutete er auf den Koffer. »Wollen Sie hier Ihr Büro aufschlagen?«
»Nur, wenn es sein muss.« James zwinkerte seinem Kollegen zu, doch der verzog keine Miene.
»Wir sind hier noch nicht fertig.«
»Ich schätze schon«, widersprach Tessa und sah auf ihre Armbanduhr. »Wir haben leider nur ein kleines Zeitfenster, tut mir leid.«
»Der Director hat uns persönlich geschickt. Wir sind Teil der Taskforce. Sie werden also noch warten müssen. Aber Sie können gerne hierbleiben und zusehen, vielleicht sparen wir uns dann alle wertvolle Zeit«, schlug Agent Myers vor. Mit einem Daumen deutete sie auf den Toten.
»Uns hat Deputy Director Hampstead geschickt«, bemerkte James knapp und die beiden Kollegen warfen sich missmutige Blicke zu.
»BCI?«
Er nickte.
»Na klar. Können wir wenigstens Ihre Ausweise sehen?«
»Natürlich.« James zückte sein auffaltbares Lederetui und hielt es ihm hin. Tessa tat es ihm gleich.
»Ich wollte schon immer so ein Ding in der Hand haben«, sagte Walsh und starrte auf das Dokument, als handle es sich um ein Rätsel. »Es gibt Kollegen, die nicht einmal glauben, dass es euch überhaupt gibt.«
»Was genau macht ihr eigentlich, außer die Pipeline-Geschichte natürlich?«, wollte Myers wissen.
Tessa deutete auf die Leiche. »In diesem Fall einen Toten untersuchen. Leider sind wir darauf angewiesen, dass Sie dafür den Raum verlassen.«
Walsh und Myers warfen sich missmutige Blicke zu, schließlich gaben sie ihnen aber ihre Ausweise wieder und verließen ohne ein weiteres Wort den Raum.
»Das wäre auch netter gegangen«, befand James. »Die machen auch nur ihren Job.«
»Ich kann es nicht leiden, wenn Kollegen schon gleich mit diesem wir-waren-zuerst-da-Gerede anfangen. Wir spielen alle für dasselbe Team und sollten uns nicht immer gleich aufplustern.«
»Du meinst so wie wir gerade?«
Tessa brummte. »Du hast recht.« Hinter ihr fiel die Tür klickend ins Schloss. Sie wandte sich an den Gerichtsmediziner. »Also Doc, was haben Sie herausgefunden?«
James musste sich beherrschen, um nicht ungeduldig mit den Füßen zu trippeln, während er dem Mann lauschte. Tessa hatte natürlich nur gefragt, damit niemand etwas an dem Vorgang seltsam finden oder bemängeln konnte, schließlich spielte es keine Rolle, was er ihnen erzählte. Sie würden sehr viel mehr ohne ihn herausfinden.
»Drei Einschüsse, ein Durchschuss, Milzruptur, Perforation des oberen Dünndarms, zwei gebrochene Rippen, Punktion der linken Herzkammer und Splitterfraktur L3. Das ist der dritte Lendenwirbel.« Usweki deutete auf den roten Krater unterhalb des Bauchnabels, dann auf den obersten im Brustkorb. »Ist aber an seinen Verbrennungen verstorben. Erste Analysen unserer Kollegen lassen darauf schließen, dass es sich um eine Brandgranate auf Basis von weißem Phosphor gehandelt haben muss.«
»Also wurde er zumindest nicht befragt«, stellte James für sich selbst fest.
»Ha!«, lachte der Forensiker. »Wenn nicht die Ghostbusters bei ihm waren, dann sicher nicht.«
Als weder James noch Tessa eine Miene verzogen, seufzte ihr Gegenüber ergeben. »Drei 9mm-Projektile haben wir entfernt, das vierte wurde uns von den Feldforensikern ausgehändigt. Wir haben die Übereinstimmung mit dem Durchschuss bereits protokolliert. Sie passen zu einer Glock 47, der Dienstwaffe der diensthabenden Secret Service Officer, die an dem Einsatz beteiligt waren. Ich kann also nichts Ungewöhnliches berichten, außer, dass die Beamten entweder das Leiden dieses Mannes beenden wollten oder aber er die Granate ausgelöst hat, nachdem auf ihn geschossen wurde.«
»In Ordnung, vielen Dank«, sagte Tessa unverbindlich und deutete zur Tür. »Wir würden jetzt gerne noch eine Reihe eigener Untersuchungen vornehmen.«
»Eigene Untersuchungen?« Usweki fuhr mit einer Hand durch seine Haarwolke und runzelte die Stirn. »Äh, natürlich.« Er machte einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Allein, Doc«, fügte Tessa hinzu, woraufhin sich die Furchen in der Stirn des Mediziners noch vertieften. Nach kurzem Zögern löste er seine Arme und hob ergeben die Hände. »Sie sind die mit den BCI-Ausweisen, also schätze ich, dass Sie mich im Labor finden, wenn Sie was brauchen.«
Er wollte gerade gehen, als er noch einmal innehielt. »Was auch immer Sie hier vorhaben: Machen Sie nur bitte nichts kaputt. Bis vor Kurzem haben wir hier nur Haar-, Munitions-, und Bissspuranalysen gemacht. Unseren Weinkeller haben wir erst seit einem Jahr, und uns gefällt unsere Arbeit. Wenn ich dem Supervisory Special Agent erklären muss, dass ich ein paar Agenten unseren neuen Zuschussmagnet habe kaputtmachen lassen, rettet mich auch Ihre BCI-Marke nicht.«
»Doc, das ist ein Leichenschauhaus«, raunte Tessa und breitete die Arme aus.
Usweki seufzte bloß und verließ kopfschüttelnd den Raum, um sie mit der Leiche und dem säuerlichen Geruch nach Formaldehyd alleinzulassen. James ging zur Tür und schnappte sich auf dem Weg den einzigen Stuhl – ein unbequem aussehendes Ding aus Aluminium –, um ihn unter die Klinke zu schieben, mit der er sich verkantete. Tessa war bereits dabei, den Koffer vorzubereiten, und hatte die vier Ampullen darin freigelegt, zusammen mit den Infusionsschläuchen und den runden Anschlüssen für die Dauerkanülen. Aus einem der Schränke holte sie einen Eimer, in dem normalerweise Gedärme während einer Obduktion zwischengelagert wurden, und füllte ihn am Waschbecken mit kaltem Wasser auf.
»Du wirst dich auf eine der Liegen setzen müssen«, sagte sie und drückte mit dem Fuß auf den Schalter für die elektrische Höhenverstellung. Surrend fuhr der glänzende Aluminiumtisch herunter und protestierte mit einem hohen Ton, als er seine niedrigste Stellung erreichte.
