Der Junge - Alex Dahl - E-Book

Der Junge E-Book

Alex Dahl

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Beschreibung

Cecilia Wilborg führt ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Sie wohnt mit ihrem erfolgreichen Mann und den gemeinsamen Töchtern in einer friedlichen und wohlhabenden Kleinstadt in Norwegen. Doch eines Tages wird sie gebeten, sich um einen kleinen Jungen zu kümmern, der plötzlich in der örtlichen Schwimmhalle aufgetaucht ist. Keiner weiß, wo Tobias herkommt oder wer er ist. Dann wird eine tote Frau gefunden, die man für seine Mutter hält. Aber Tobias kommt auch Cecilia merkwürdig vertraut vor. Hat sie ein Geheimnis, von dem niemand etwas ahnt? Und wie weit ist sie bereit zu gehen, um es zu schützen?

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Seitenzahl: 584

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Buch

Cecilia Wilborg führt ein Leben, von dem die meisten Menschen nur träumen können. Sie wohnt mit ihrem erfolgreichen Mann und den gemeinsamen Töchtern in einer friedlichen, wohlhabenden Kleinstadt in Norwegen. Doch eines Tages wird sie gebeten, sich um einen kleinen Jungen zu kümmern, der plötzlich in der örtlichen Schwimmhalle aufgetaucht ist. Keiner weiß, wo Tobias herkommt oder wer er ist. Dann wird eine tote Frau gefunden, die man für seine Mutter hält. Aber Tobias kommt auch Cecilia merkwürdig vertraut vor. Hat sie ein Geheimnis, von dem niemand etwas ahnt? Und wie weit ist sie bereit zu gehen, um es zu schützen?

Autorin

Alex Dahl ist halb Norwegerin, halb Amerikanerin und lebt in Norwegen und London. Sie ist eine entfernte Verwandte von Roald Dahl, spricht fließend Deutsch und Französisch und hat einen Master in Kreativem Schreiben.

Alex Dahl

Der Junge

Psychothriller

Aus dem Englischen

von Eva Kemper

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

»The Boy at the Door« bei Head of Zeus, London.

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2019

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Alex Dahl

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Published by arrangement with Alex Dahl.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: Stephen Mulcahey/Trevillion Images

Redaktion: Annekatrin Heuer

AG · Herstellung: ik

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-22820-0V002

www.goldmann-verlag.de

Für Oscar und Anastasia, in Liebe

Teil eins

Kapitel eins

Am Dienstag wache ich wütend auf. Ehrlich gesagt passiert mir das oft, aber heute ist es schlimmer als sonst. Erstens, weil ich allein aufwache – Johan ist zum dritten Mal in diesem Monat nach London gefahren –, und zweitens, weil wir Oktober haben und es bis kurz vor neun stockdunkel bleibt. Widerwillig kämpfe ich mich aus dem Bett, stelle mich eine Zeit lang ans Fenster und sehe zum Hafen hinunter. Es ist noch keine sieben Uhr, und trotzdem schiebt sich auf der anderen Seite der Bucht eine Schlange von Autos langsam Richtung Schnellstraße. In der dünnen, unheimlichen Eisschicht über dem Hafenwasser spiegelt sich das Mondlicht. Unten im Haus streiten sich meine Töchter. Ein Blick auf mein Handy zeigt mir zahlreiche Nachrichten und verpasste Anrufe, aber dafür fehlt mir jetzt einfach die Kraft. Zurzeit passiert so viel, dass ich letzte Woche kaum im Büro war. Heute jedoch werde ich hingehen.

Ich mache ein paar übermäßig tiefe Atemzüge und starre den Mond an, der noch hoch am Himmel steht; Achtsamkeit soll ja helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich versuche, Sandefjord zu sehen, wie es im Sommer ist, wenn es wirklich Freude macht, im hellen Licht des späten Abends an diesem Fenster zu stehen und auf den friedvollen, ruhigen Innenhafen voller Freizeitboote zu schauen. Wir bekommen mehr Sonne ab als die meisten anderen Gegenden Norwegens, nur sind dafür die Winter in Sandefjord auch besonders nass und trüb. Dem Wetterbericht zufolge können wir heute Nachmittag wieder mit sintflutartigen Regenfällen rechnen, doch im Moment ist es kühl und klar. Ich atme noch ein paarmal tief durch und wappne mich innerlich für den Tag, der vor mir liegt. Wahrscheinlich hat jeder ab und zu das Gefühl, die Welt wäre ein finsterer Ort.

❊ ❊ ❊

Der Dienstag ist in meiner Welt ein scheußlicher Tag. Vor allem, nachdem Marialuz beschlossen hat, uns nach der Hälfte ihrer Vertragslaufzeit zu verlassen. Jetzt stehe ich ohne Au-pair da. Mit diesen Leuten hat man einfach kein Glück. Es gefällt mir nicht besonders, eine Fremde im Haus zu haben. Aber erst recht gefällt es mir nicht, die ganze Arbeit allein erledigen zu müssen. Es ist schlicht nicht machbar. Vor allem dienstags nicht, wenn beide Mädchen nach der Schule an entgegengesetzten Enden der Stadt Termine haben. Nicoline hat um fünf Ballett und Hermine um sechs Schwimmen. Weil Nicoline um halb sieben fertig ist, muss ich sie dann aus der Stadt abholen und mit ihr zum Schwimmbad fahren, wo wir auf hässlichen Plastikstühlen hocken und bis Viertel nach sieben kleine Kinder beim Planschen beobachten. Nicoline quengelt während dieser halben Stunde durchgehend, es sei denn, ich lasse sie mit meinem Handy Schminkvideos auf Youtube anschauen und kaufe ihr Süßigkeiten. Was ich auch tue. Natürlich.

Heute bin ich besonders genervt und reizbar. Bei der Arbeit läuft es nicht gerade nach Plan. Ich mache mich für meine Kundinnen krumm, manchmal buchstäblich, und sie beschweren sich immer noch. Angela Salomonsen hatte die Stirn, mir heute zu mailen, die violetten Kissen aus Rohseide, die ich in Lyon in Handarbeit habe anfertigen lassen, würden bei den Lichtverhältnissen in ihrem Wintergarten taubengrau wirken. Ob ich sie sofort anrufen könne, um das Problem zu besprechen? Mit solchen Dingen muss ich mich als Innenausstatterin in einer wohlhabenden Stadt voller verwöhnter, gelangweilter Ehefrauen herumschlagen. Manchmal erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass ich überhaupt arbeite. Schließlich habe ich zwei kleine Kinder, einen Mann, der ständig auf Reisen ist, und kein Au-pair. Ich müsste eigentlich keinen Beruf ausüben, aber ich mag meine Arbeit, und es ist sehr teuer, ich zu sein. Außerdem gilt es in meinen Kreisen eindeutig als etwas faul, zu Hause zu bleiben. Es sei denn, man betreibt in der eigenen Küche einen Cupcakeverkauf und bloggt darüber. Aber das tue ich nicht. Ich hasse sowohl Cupcakes als auch Blogs.

Es schüttet wie aus Eimern. Beim Anblick des Regens, der immer wieder im Schwall gegen die wandhohen Fenster neben dem Pool klatscht, fällt mir auf, dass ich mich nicht an den letzten regenfreien Tag erinnern kann. Im Oktober ist es wohl an vielen Orten so, aber ich glaube, ich reagiere besonders sensibel auf dunkle Himmel, Nässe und Wind – ich bin nämlich Stier, und am liebsten umgebe ich mich nur mit schönen Dingen.

Als sich die Kinder vor dem Einmeterbrett anstellen, bleibt mein Blick an einem kleinen Jungen hängen. Ich weiß nicht genau, warum. Er ist deutlich kleiner als die anderen, und seine Haut ist dunkelbraun und glatt. Er wippt auf und ab und reibt sich die Arme, doch er schneidet keine albernen Grimassen wie die anderen wartenden Kinder. Er wirkt ängstlich. Ich schaue mich unter den Eltern in der dunstigen, überhitzten Halle um. Wessen Kind könnte er sein? – ich wüsste nicht, dass ich den Kleinen hier schon einmal gesehen hätte. Da ist die fette Mutter der pummeligen Sara. Der Frau gehe ich nach Möglichkeit aus dem Weg – ich habe von mehreren Leuten gehört, dass sie sehr anstrengend ist, und eine klammernde Mutti als Freundin ist das Letzte, was ich brauche. Dann ist da Emriks Vater – ein attraktiver Mann, mit dem ich damals zusammen die Schule besucht habe und der jetzt Polizist ist. Hin und wieder sehe ich zu ihm hinüber, aber nur kurz. Jetzt spüre ich seinen Blick auf mir, und ich warte zehn Sekunden länger, als ich gerne würde, bevor ich aufschaue. Ich schenke ihm ein angedeutetes Lächeln, das er sofort erwidert wie ein dankbarer Welpe. Heutzutage bin ich brav, auch wenn es mir nicht leichtfällt; es gab Zeiten, in denen ich bei solchen Spielchen ganz aufgekratzt war. Vielleicht hätte ich den obersten Knopf meiner Bluse geöffnet, wäre mir langsam mit der Zunge über die Rückseite der Zähne gefahren. Aber ich ignoriere geflissentlich den sehnsüchtigen Blick von Emriks Vater und suche unter den wenigen Verbleibenden nach dem Vater des Jungen.

Die Großeltern von Hermines bester Schulfreundin Amalie sitzen eng nebeneinander und essen Plätzchen aus einer alten Keksdose, deren rote Farbe schon ganz verblasst ist. Nahe der Tür entdecke ich eine schlanke rothaarige Frau. Ihre sommersprossige, blasse Brust ist von der Hitze gerötet. Auch sie beobachtet den Jungen aufmerksam, und ich vermute, dass sie seine Mutter ist. Es überrascht mich ein wenig, dass sie offenbar ein Kind mit einem Mann anderer Herkunft hat; wenn das Kind so dunkel ist, muss der Vater noch dunkler sein, und auf den ersten Blick wirkt sie nicht wie eine Frau mit einem solch exotischen Geschmack.

Sonst ist niemand hier; wahrscheinlich sind die anderen Eltern draußen auf dem Parkplatz und sitzen lieber mit einer Zeitung in ihrem eigenen kleinen Kokon im prasselnden Regen, als sich in der feuchten, heißen Halle das Kreischen der Kinder anzuhören.

Nach zwei wenig berauschenden Sprungversuchen endet Hermines Kurs endlich, und sie kommt zu Nicoline und mir.

»Hast du das gesehen?«, fragt sie. Ihr strahlendes Lächeln enthüllt ein breites Stück Zahnfleisch. Ihr fehlen gleich sechs Zähne.

»Fantastisch«, sage ich. Ich stehe auf, sammle unsere Sachen ein und stupse Nicoline an, die gerade einer zehnjährigen Amerikanerin dabei zusieht, wie sie sich eine Schicht Grundierung auf die Haut spachtelt und dann gekonnt ihr elfenhaftes Gesicht konturiert. »Beeil dich mit dem Umziehen, wir warten am Eingang auf dich.«

Hermine beeilt sich beim Umziehen nicht, und Nicoline und ich warten ungeduldig in der mit Backstein verkleideten Eingangshalle und beobachten die Regensäulen, die über den Parkplatz hin und her huschen wie Tänzer im Ballsaal. Immer wieder schaue ich auf die Uhr. Es ist schon nach halb acht, als Hermine auftaucht, frisch geföhnt und mit einem Hauch rosa Lipgloss, obwohl sie gleich hinaus in den Wolkenbruch geht.

Ich kann den kühlen, dünnen Stiel des Weinglases in meiner Hand fast schon fühlen und werde zunehmend hysterisch bei dem Gedanken, die Mädchen heute noch lange um mich zu haben. Auf dem Weg nach draußen fangen die beiden an, sich zu streiten. Ihr schrilles Gezänk und der brausende Regen übertönen das andere Geräusch, und ich höre es erst nach mehreren Schritten. Ich drehe mich um, und da steht die Kassiererin, eine ältere, müde wirkende Frau mit grauen Löckchen und einem Pullover, auf dem »Happy Halloween« zu lesen ist. Sie ruft meinen Namen durch den strömenden Regen und winkt mich zurück. Das ist so typisch – sicher hat eines der Mädchen etwas vergessen.

»Cecilia, oder?«, fragt die Frau, als ich völlig durchnässt wieder in die Eingangshalle trete. Ich bemerke den kleinen Jungen, der mir schon am Schwimmbecken aufgefallen ist. Er sitzt auf einer Bank und starrt zu Boden. Aus seinen Haaren tropft es auf die braunen Fliesen.

»Ja?«

»Ich … ich wollte Sie bitten, ob Sie vielleicht den Jungen hier mit nach Hause nehmen können. Er ist nicht abgeholt worden.«

»Was soll das heißen, mit nach Hause nehmen?«

Die Kassiererin kommt zu mir an die Tür, senkt die Stimme fast zu einem Flüstern und deutet auf den kleinen Jungen auf seiner Bank.

»Das war vielleicht missverständlich … Zu ihm nach Hause. Er wohnt drüben in Østerøya. Ich habe auf die Liste gesehen, es scheint nicht allzu weit von Ihnen entfernt zu sein.«

»Tut mir leid, das passt ganz schlecht«, erwidere ich und blicke – jetzt allerdings sehnsüchtig – hinaus in den schwarzen dunklen Abend. »Kann ihn nicht irgendwer anders mitnehmen? In der Halle war eine Frau, von der ich dachte, sie wäre seine Mutter.«

»Ich fürchte, das war sie nicht; es ist sonst niemand hier.« Verdammt, nur wegen Hermine und ihrem Föhn.

»Haben Sie die Eltern angerufen?«

»Ja, unter der Nummer, die der Junge mir gegeben hat, meldet sich sofort die Mailbox.«

»Kann er nicht mit dem Bus oder so fahren?«

Die Kassiererin wirft mir einen etwas frostigen Blick zu und sieht dann vielsagend an mir vorbei in den strömenden Regen.

Nicoline und Hermine starren mit offenem Mund erst mich an, dann den Jungen, die Kassiererin und wieder mich. Von einer Veranstaltung nicht abgeholt zu werden, ist für sie sichtlich unvorstellbar, und das sollte es auch sein. Was sind denn das für Eltern, die ihr Kind nicht abholen? Manche Menschen sollte man wirklich davon abhalten, sich fortzupflanzen.

»Na gut«, sage ich. »Natürlich nehme ich ihn mit.« Ich schaue den Jungen an und erwarte, dass er aufsteht und uns zum Auto folgt, aber er bleibt sitzen und starrt weiter auf den Boden.

»Ich habe ihn vorher noch nie hier gesehen«, sage ich zu der Kassiererin. »Wie heißt er?«

»Tobias«, antwortet sie. »Er ist erst seit ein paar Wochen dabei. Er ist acht, aber ziemlich klein für sein Alter und ist noch nicht viel geschwommen. Deshalb haben wir ihn zu den Siebenjährigen gesteckt.«

»Verstehe.« Ich versuche, nicht an die halbe Stunde zu denken, die mich die Schlamperei seiner Eltern kosten wird, oder an meinen Plan, vor dem Kamin ein riesiges Glas Chablis zu trinken, bevor Johan zu Hause erscheint. Ich gehe auf den Jungen zu.

»Komm mit.« Ich merke selbst, wie schroff ich klinge. Erst als ich mich neben ihn knie, sieht der Kleine mich an. Mit seinem nervösen, unruhigen Blick erinnert er mich an einen Spatzen, aber er hat ein weiches, liebes Gesicht und dichte, dunkle Augenbrauen. Winzig, wie er ist, kann man kaum glauben, dass er ein Jahr älter als meine kräftige, große Hermine sein soll. Der Junge hat etwas Ernstes, kaum noch Kindliches an sich, was mich im ersten Moment ins Schleudern bringt. Aber dann versuche ich, mich in ihn hineinzuversetzen – das kommt sicher von einer Familie, die an einem beißend kalten, nassen Oktoberabend vergisst, einen Achtjährigen vom Schwimmen abzuholen. »Na, komm«, wiederhole ich, dieses Mal sanfter. Ohne meine ausgestreckte Hand zu ergreifen, steht er auf und nimmt seine Sachen.

Im Auto sind die Mädchen ausnahmsweise mucksmäuschenstill; das einzige Geräusch ist das stetige, schnelle Säuseln der Scheibenwischer. Nicoline sitzt vorne neben mir und betrachtet die funkelnden Lichter des Hafens, während wir durch die Stadt nach Østerøya fahren. Im Spiegel bemerke ich, dass Hermine selbstvergessen Tobias anstarrt. Der Junge wendet das blasse Gesichtchen dem Fenster zu. Hermine fängt an, auf das beschlagene Fenster neben sich zu malen, Herzen mit Pfeilen darin, ihre Initialen H.W., kleine, lächelnde Häschen.

»Mama?«, fragt Nicoline.

»Ja?«

»Kannst du uns zu Hause absetzen, bevor du den Jungen wegbringst?« Der Umweg würde mich nur zwei Minuten kosten, und es wäre gut, wenn die Mädchen sich bettfertig machen könnten.

»Klar. Papa ist aber noch nicht zu Hause. Er landet um zehn.«

»Macht nichts.«

»In zwanzig Minuten bin ich wieder da, ihr könnt eure Schlafanzüge anziehen und euch die Zähne putzen.« Ich biege in unsere Auffahrt ein und sehe kurz zu dem Jungen, als unser Haus auftaucht. Es bietet einen ziemlich beeindruckenden Anblick mit seinem glänzenden schwarzen Dach, den vielen sanft erleuchteten Fenstern, einer Dreifachgarage, dem Schwimmbecken, das durch die Hecken zu erahnen ist, dem Panoramablick aufs Meer und der einladenden roten Tür. Ich frage mich, ob der Junge schon mal in einem solchen Haus war, aber sein neutraler Gesichtsausdruck verrät nichts. Als wir wieder auf die Straße biegen, versuche ich, mich mit ihm zu unterhalten.

»Und, welche Schule besuchst du?«

Schweigen.

»Tobias?«

Schweigen.

»Bist du in … ähm, der zweiten Klasse? Der dritten?«

Schweigen. Ich gebe auf.

Endlich erreichen wir die Adresse, die mir die Kassiererin auf die Rückseite einer Visitenkarte des Sandefjord Svømmeklubb geschrieben hat: Østerøysving 8. Doch da scheint nichts zu sein. Ich sehe nach hinten zu Tobias, der so unbeweglich dasitzt, als wäre er noch nie hier gewesen.

»Tobias? Wohnst du hier?« Er nickt knapp, und schließlich kann ich im verregneten Dunkel ein Gebäude ausmachen. Es steht ein Stück von der Straße entfernt auf einer felsigen Anhöhe. »Na gut, dann tschüss«, sage ich, doch der Junge rührt sich nicht.

»Ähm, möchtest du, dass ich dich zur Tür bringe?«

Langsam hebt der Junge den Kopf und blickt mich an, und bei dem Ausdruck in seinen Augen wird mir unbehaglich zumute. Er nickt.

Ich betrachte das kleine, gedrungene Holzhaus und verfluche diesen Abend. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich könnte jetzt zu Hause sitzen, die Füße auf dem neuen Schemel von InDesign, in der Hand ein Glas trockenen Weißwein, und mit meiner Kaschmirdecke von Missoni über den Beinen in Scandinavian Homes blättern. Ich würde auf das knisternde Feuer im Kamin und den heulenden Wind vor den Fenstern lauschen. Stattdessen bin ich hier im donnernden Regen mit einem stummen, seltsamen Kind unterwegs, um seine Eltern zu finden. Ich laufe schnell vom Auto einen steilen Kiesweg hinauf zur Tür des Häuschens. Der Junge folgt mir, ohne den eisigen Tropfen Beachtung zu schenken. Ich klopfe an die klapprige Tür, deren blaue Farbe schon abblättert. Dabei öffnet sie sich einen Spaltbreit, als wäre sie gar nicht richtig geschlossen gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses dröhnende Geräusch, das den hämmernden Regen übertönt, mein Herz ist oder etwas im Haus.

»Hallo?«, rufe ich mit falscher Zuversicht und drücke die Tür ganz auf. Sie führt direkt in ein Wohnzimmer, aber offensichtlich wohnt in diesem Haus niemand – das Zimmer ist komplett leer bis auf das hölzerne Gerippe eines Sofas. Überall liegen kleine Häufchen Unrat, Spinnweben hängen aus dunklen, feuchten Ecken herab, und auf dem Boden ist Mäusekot verstreut. Ich drehe mich abrupt zu dem Jungen um, der noch in der Tür steht. Jetzt bin ich mir sicher. Dieses Dröhnen ist tatsächlich mein Herz.

»Tobias«, sage ich und lege ihm die Hände auf die knochigen Schultern. »Wohnst du hier?« Er nickt.

»Wo sind deine Eltern?« Keine Reaktion.

»Tobias, sieh mich an. Du musst mir erklären, was hier los ist! Wohnst du in diesem Haus? Es wirkt nicht so, als würde hier irgendjemand leben.«

Der Junge antwortet immer noch nicht, aber sein Blick gleitet zu einer schmalen Treppe. Ich laufe hinauf, meine Schritte hallen durch das leere Gebäude. Bei dem Gedanken, dass der Kleine unten allein im Dunkeln steht, überläuft mich ein Schauder. Einen kurzen Moment lang bin ich für meine beiden Töchter dankbar. Bei all ihren Unzulänglichkeiten und dem ständigen Ärger darüber, sich ihre endlosen Streitereien anhören zu müssen, sind sie bei Weitem nicht so seltsam wie dieses Kind.

Am oberen Ende der Treppe steht eine weiße saubere Ikea-Lampe. Ihr Stromkabel ist nicht eingesteckt, aber offenbar wurde sie erst vor Kurzem in den dicken Staub gestellt. Ich schiebe den Stecker in die Steckdose und sehe mich im Schein der Lampe um. Ich erkenne zwei Zimmer, auf jeder Seite der Treppe eines, und ein kleines Spülbecken. In einem der Zimmer lehnt eine verdreckte Matratze an der Wand, und in der Ecke befindet sich eine Mülltüte, vollgestopft mit Kleidung. In dem anderen Zimmer wurde eine kleinere Matratze vor das Fenster gestellt, und an einem Nagel hängt eine Postkarte – Krakau. Ich drehe sie um, aber die Rückseite ist leer.

Unten wartet Tobias da, wo ich ihn zurückgelassen habe. Er steht reglos in der Tür, ohne sich im Zimmer umzusehen. Ich knie mich vor ihn, fest entschlossen, ihn zum Sprechen zu bewegen.

»Tobias, du musst mir erklären, was hier los ist, und zwar jetzt. Wohnst du in diesem Haus?«

Er nickt.

»Wo sind deine Eltern, Tobias?«

Keine Reaktion.

»Hör mal, ich muss die Polizei anrufen.«

»Nein!«, schreit er, und ich bin überrascht, wie kräftig seine Stimme ist – angesichts seiner Erscheinung hätte ich mit einem schwächlichen Maunzen gerechnet.

»Das muss sein, Tobias. Ich kann dich ja nicht hier in diesem … in diesem leeren Haus allein lassen. Wo sind deine Eltern, Schätzchen?« Ich will mein iPhone aus der Tasche ziehen und muss feststellen, dass Nicoline es immer noch hat.

»Pass auf, wir fahren zurück zu mir und telefonieren etwas herum. Du musst keine Angst haben, Tobias. Du bist ein Kind, und du hast nichts falsch gemacht. Das ist wahrscheinlich nur ein Missverständnis. In Ordnung?«

Er schüttelt kurz den Kopf, und sein gleichgültiger Gesichtsausdruck von vorhin wird finster.

Ich stehe auf und greife nach seiner Hand, die kalt und nass ist. »Na komm, Schätzchen. Alles wird gut. Ich helfe dir.«

Mit trauriger, verschlossener Miene sieht er mir direkt in die Augen und nickt leicht.

Zu Hause parke ich vorsichtshalber vor der Garage. Ich darf wohl den restlichen Abend damit zubringen, diesen verlorenen kleinen Jungen herumzufahren. Wenn die Polizei herausfindet, wo sich seine Eltern herumtreiben; in ihrer Bruchbude sind sie nämlich verdammt sicher nicht. Ich schalte den Motor aus und greife nach dem Türöffner. Dann werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Ich erstarre.

Tobias weint lautlos. Dicke Tränen strömen aus seinen Augen und hängen einen Moment an seinem Kinn, bevor sie auf seine ohnehin durchnässte Jeans fallen.

»Hey …«, sage ich. »Schon gut … Geh mit mir rein. Ich mache dir einen heißen Kakao, und dann kannst du dir mit meinen Mädels einen Film ansehen, bis wir was herausgefunden haben, ja?« Ich glaube, der Junge schüttelt den Kopf, aber er schluchzt so heftig, dass ich nicht sicher bin, ob er nicht einfach am ganzen Körper bebt.

»Bitte«, flüstert er schließlich. »Kann ich heute Nacht bitte hierbleiben? Nur heute Nacht? Morgen kommen sie zurück. Versprochen. Versprochen! Nur heute Nacht! Bitte rufen Sie nicht die Polizei!«

»Aber Tobias, wo sind sie? Wer sind sie? Deine Eltern?«

»Ja.«

»Wo sind sie?«

»Sie kommen morgen zurück.«

»Woher weißt du das?«

»Das haben sie gesagt.«

Ich schnaube abfällig. Ihrer Bleibe nach zu urteilen würde ich Tobias’ Eltern kein Wort glauben.

»Bitte«, wiederholt er, und sein Blick ist so verletzlich und eindringlich, dass ich nicht sofort antworte. Aber ich muss Nein sagen. Das Kind kann nicht hierbleiben. Es ist doch bestimmt verboten, ein fremdes Kind über Nacht aufzunehmen, ohne wenigstens die Behörden zu informieren. Ich könnte sie jetzt anrufen, und sie würden sofort erscheinen; ernsthafte Männer und Frauen mit Aktentaschen würden den ganzen Abend in meinem Wohnzimmer sitzen und diesen nahezu stummen Jungen ausfragen. Es gäbe Telefongespräche, ein Weinen und Betteln, und Johan würde ein erstauntes Gesicht machen, wenn er in weniger als zwei Stunden vom Flughafen kommt. Oder … Oder ich könnte den Jungen im Gästezimmer schlafen lassen, nur heute Nacht, und ihn morgen ganz früh an seiner Schule absetzen, und damit wäre es vorbei. Dann könnte sich die Schule mit ihm befassen, wenn seine Eltern nicht zurückkehren.

»Na gut«, sage ich. »Natürlich kannst du hierbleiben. Aber nur heute Nacht.«

Er nickt und lächelt verkniffen, als wir die wenigen Stufen zur Haustür hinaufgehen. Daneben hängt ein hölzernes Herz, das Nicoline gebastelt und angemalt hat, und darauf steht: »Willkommen bei Familie Wilborg!« Tobias verharrt einen langen Moment davor, und sein konzentrierter, ernsthafter Gesichtsausdruck hat etwas Beunruhigendes an sich. Da ist noch etwas anderes, etwas an seinem Lächeln – es wirkt vertraut, als wäre ich ihm schon irgendwo begegnet. Unsere Stadt ist klein. Ich hätte ihm jederzeit überall begegnen können. So unwahrscheinlich wäre das nicht. Aber sein Lächeln … irgendwoher kenne ich es.

»Willkommen.« Ich halte Tobias die Tür auf und lächle angespannt. Mit einem Nicken betritt er den Flur.

❊ ❊ ❊

Manchmal wache ich in der stillsten Zeit der Nacht auf, wenn das Haus vor lauter behaglicher Normalität sanft zu summen scheint, und husche über den Flur zu einem der Mädchen. Im Zimmer bleibe ich leise stehen und lausche auf das Auf und Ab ihres ruhigen Atems. Auch wenn Nicoline und Hermine mir manchmal das Leben zur Hölle machen, und obwohl ich im Grunde auch nur eine arbeitende Mutter bin, die mit gigantischen Anstrengungen versucht, alles am Laufen zu halten, bin ich für meine Mädchen unendlich dankbar. Ich staune immer wieder, dass zwei so perfekte und wunderbare Menschen wie diese beiden Johan und mich als Eltern ausgesucht haben.

Hermine ist eigenwillig, scharfzüngig und bildhübsch. Sie ist geistreich und unabhängig und hat schon als kleines Kind Sarkasmus beherrscht. Nicoline kommt nach Johan – sie ist durch und durch lieb, in ihrem Handeln und im Denken, und das sage ich nicht leichtfertig, denn in dieser Familie ist niemand so vollkommen und unkompliziert lieb wie diese beiden. Nicoline will einfach, dass wir alle uns immer verstehen, und bemerkt auch die kleinste Missstimmung sofort. Irgendwann wird sie eine fantastische Mutter sein. Die Art Mutter, die für das Strahlen verschmutzter, zuckerklebriger kleiner Gesichter lebt. So, wie ich schlicht nicht bin.

Ich liebe diese zwei, unbändig, aber oft übersteigen meine guten Vorsätze meine praktischen Fähigkeiten. Ich wäre gerne die Art Mutter, die ihnen stundenlang vorliest, nachdem sie am Nachmittag rosa glitzernde, glutenfreie Einhornhaferkekse mit ihnen gebacken hat. Ich wäre gerne eine Mutter, deren Züge noch ruhig und ausgeglichen sind, wenn ihre lieben Kleinen zum siebten Mal in einer Minute »Mama« gerufen haben. »Mama, Mama, Mama!« »Ja«, will ich lächelnd sagen, »ich bin hier.« Ich möchte für meine Töchter ein Hort des Trosts und der Behaglichkeit sein, wo sie immer etwas zu essen, Freude und endlosen Zuspruch finden. Aber meistens bin ich diese Mutter nicht. Ich bin die Mutter, die von einem piscine de champagne am Plage Mala träumt, die Sachen zerschlagen will, wenn ihre Kinder sich streiten und anschreien, und deren mütterliche Geduld zu wünschen übrig lässt.

Aber ich liebe meine Mädchen über alles. Ganz besonders in diesen stillen, dunklen Stunden, in denen ihre Gesichter im Licht des Monds verletzlich und unverstellt sind, ihre Atemzüge gelöst und friedlich, die kleinen Hände unter dem Kinn gefaltet, und sie ganz am Ende ihrer Kindheit verharren.

Heute Nacht ist alles anders. Stundenlang liege ich im Bett, unfähig einzuschlafen, und versuche, mich an Johans sanften, gleichmäßigen Atem anzupassen. Ein Teil von mir will aufstehen und zu den Mädchen gehen, will sicher sein, dass sie wirklich da sind und ihnen nichts geschieht. Ich will leise durchs Haus laufen, mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist und wie es sein sollte, aber ich tue es nicht, weil alles seltsam und anders ist. Und weil ich weiß, wenn ich mich auch nur einen Zentimeter bewege, breche ich in Tränen aus.

Kapitel zwei

In Sandefjord haben wir alles. Besser gesagt haben wir nicht alles – genau darauf will ich hinaus. In dieser Stadt bleiben wir von unerwünschten Dingen verschont, die das Leben an vielen anderen Orten so unerquicklich machen: Umweltverschmutzung, Armut, Immobilienkrisen, übermäßige Kriminalität, Migrationsprobleme – diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen. Sandefjord ist kein Ort, wo aus heiterem Himmel kleine Jungen auftauchen, ohne Eltern, mit leerem Blick und nichts als einer Plastiktüte, in der eine Batman-Badehose und ein ausgefranstes blaues Babybadetuch liegen. Ein solcher Ort ist Sandefjord nicht. War es nicht.

Hier wollen die Menschen gerne leben. Postkartenhübsch, lauschig und geschützt am Ende seines Fjords, so ist Sandefjord. Eben die Art von Stadt, über die weniger schöne Städte herziehen. Das kann ich ihnen nicht einmal verdenken – nicht jeder hat das Privileg, an einem solchen Ort zu wohnen. Hier hat jeder ein schönes Eigenheim, ein neues Auto in der Garage, eine gut bezahlte Arbeit, leistet sich mehrere Auslandsurlaube im Jahr und dazu eine Hütte in den Bergen. Nun ja, zumindest jeder, den ich kenne.

Der Anruf kam in der Mittagszeit. Meine Anspannung nach den Ereignissen der letzten vierundzwanzig Stunden hatte gerade etwas nachgelassen. Obwohl ich erst seit einer Stunde im Büro war, hatte ich beschlossen, früher Pause zu machen und mir die Wimpern verlängern zu lassen – wie es Johan gefällt. Auf dem Weg von meinem Büro in Kilen vorbei am Fischgeschäft und den Booten, die für den Winter an Land geholt worden waren, fiel mir auf, dass die ganze Stadt wirkte, wie ich mich fühlte, kalt und erschöpft nach dem vielen Regen. Während ich am stahlgrauen Wasser des Innenhafens entlanglief, schaute ich immer wieder auf mein Handy; ich bin mir nicht sicher, warum. Und dann, als ich auf der Liege lag und die junge Frau sorgsam an meinen neuen, üppigen Wimpern arbeitete, vibrierte das Telefon in meiner Tasche. Immer wieder. Um die Arbeit konnte es nicht gehen – nichts, was ich tue, verdient mehrere Anrufe hintereinander. Das Wimpernmädchen unterbrach kurz und fragte, ob ich das Gespräch annehmen wolle. Nein, habe ich gesagt und versucht, meinen aufwallenden Ärger zu unterdrücken. Ahnte ich in gewisser Weise schon, was ich jetzt weiß?

»Cecilia Wilborg?«, fragte eine sanfte Frauenstimme, als ich mich beim sechsten Versuch meldete. Da lief ich gerade wieder in den trüben Tag hinaus.

»Ja?«

»Hallo, hier ist Vera Jensrud von der Schule Østerøyparken. Wie gut, dass ich Sie endlich erreiche. Es war nicht ganz einfach, Ihre Nummer herauszufinden. Sie wissen wahrscheinlich, warum ich anrufe, oder?«

»Ich fürchte, nein. Ich bin … ähm, auch gerade beschäftigt«, log ich und zupfte an meinen Nagelhäuten. »Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Stimmt es, dass Sie heute Morgen einen kleinen Jungen zu dieser Schule gebracht haben?«

»Ja. Ja, das stimmt.«

»Darf ich fragen, in welcher Beziehung Sie zu dem Kind stehen, Frau Wilborg?«

»In keiner. Absolut keiner. Ich fürchte, jetzt muss ich wirklich …«

Vera Jensrud unterbrach mich. »Aber Tobias wohnt bei Ihnen und Ihrer Familie, ist das richtig?«

Ich musste laut lachen. Es klang wie ein übertriebenes, empörtes Krächzen. »Wie bitte?«

»Hören Sie, dieser Junge gehört nicht zu unseren Schülern.«

»Welche Schule besucht er dann?«

»Das wissen wir nicht. Er will es uns nicht sagen. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie aufgeregt wir alle sind, vor allem natürlich dieses kleine Kind. Jetzt müssen wir so schnell wie möglich klären, wer er ist und wohin er gehört. Bis jetzt haben wir nur aus ihm herausbekommen, dass er bei Ihnen wohnt.«

Ich warf einen Blick hinauf zu meinem Büro und musste mich zusammenreißen, um nicht zu schreien. »Der Junge wohnt überhaupt nicht bei mir! Ich kenne das Kind gar nicht!«

»Aber Sie haben ihn heute Morgen hier abgesetzt?«

»Na ja, ja, aber ich bin ihm gestern Abend zum ersten Mal begegnet.«

»Aha.« Vera Jensrud klang zweifelnd, als wüsste sie nicht, ob sie einem nahezu stummen Achtjährigen glauben sollte oder mir. »Moment mal. Sie sagen, Sie sind ihm gestern Abend zum ersten Mal begegnet? Und trotzdem hat er bei Ihnen übernachtet?«

Ich zögerte. Angst sickerte durch die Poren meiner Haut, wie Gift, hässlich und kalt. Der Wind zerrte an meiner Jacke, und ich rannte das letzte Stückchen zum Büro. »Ja. Wissen Sie, es war eine ganz seltsame Situation. Er hat mir erzählt, er würde Ihre Schule besuchen. Deshalb dachte ich, es wäre das Beste, wenn ich ihn hinbringe.«

»Sie haben doch sicher gestern Abend mit seinen Eltern gesprochen, bevor Sie den Jungen mit nach Hause genommen haben, oder? Deshalb rufe ich eigentlich an. Ich wollte fragen, ob Sie wissen, wie man seine Eltern erreichen kann.«

»Ich … ähm … Die Frau im Schwimmbad hat ein paarmal versucht, die Eltern anzurufen. Sie haben sich nicht gemeldet.«

»Und als Sie es später von zu Hause aus probiert haben?«

»Ich … Das habe ich nicht. Tobias hat mich ausdrücklich gebeten, es nicht zu tun.«

»Frau Wilborg, der Junge ist höchstens acht Jahre alt. Sind Sie nicht auf den Gedanken gekommen, die Eltern anzurufen, bevor Sie ein so kleines Kind bei sich übernachten lassen?«

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen kann. Ich muss jetzt leider auflegen …«, stotterte ich und drückte das Gespräch weg. Es klingelte wieder, bevor der Bildschirm auch nur schwarz geworden war, und als ich merkte, dass mich die Männer im Büro gegenüber beobachteten, meldete ich mich. Ich streckte die Brust heraus, hielt aber das Gesicht abgewandt, damit sie nicht sahen, wie verärgert ich war.

»Was denn? Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen kann!«

»Frau Wilborg, ich bin Polizeikommissar Thor Ellefsen. Ich sitze hier mit Vera Jensrud, der Sozialkundelehrerin der Schule Østerøyparken, und einer Mitarbeiterin des Sozialamtes. Wir müssen Sie bitten, so bald wie möglich hierherzukommen, damit wir die Situation besprechen können.«

»Hören Sie«, sagte ich so freundlich, wie ich konnte, obwohl ich mittlerweile panisch war und mein Kopf sich völlig leer und benommen anfühlte. »Natürlich möchte ich Ihnen gerne behilflich sein. Dieses arme Kind tut mir unendlich leid. Ich glaube nur nicht, dass ich etwas zu Ihrer … Ihrer Untersuchung beitragen kann.«

»Er hat uns gesagt, er würde bei Ihnen wohnen.«

»Tja, das stimmt aber nicht.«

»So eine seltsame Situation habe ich wirklich noch nie erlebt. Meinen Sie, Sie können in einer Viertelstunde hier sein? Wir halten es für das Beste, wenn Sie Ihren Mann mitbringen.«

»Johan? Oh. O nein. Das ist wirklich nicht nötig.«

»Bei solchen Familienangelegenheiten bestehen wir gewöhnlich darauf, dass beide Partner anwesend sind. Wir wären für jede Hilfe von Ihnen und Ihrem Mann sehr dankbar. Wenn es Ihnen lieber ist, rufen wir ihn an und erklären es ihm.«

»Nein. Nein, ich rufe ihn selber an.« Meine Verärgerung hatte sich zu heftigster Wut ausgewachsen. Nach dem Gespräch starrte ich auf das leicht unruhige Meer, auf die Reihen hübscher kleiner Häuser am Ufer, die weißgraue tiefe Wolkendecke und die ockerfarbenen zertrampelten Laubbahnen im Park gegenüber.

Ich habe diese Stadt mein Leben lang geliebt, aber in diesem Augenblick hasste ich sie. Am liebsten wäre ich wie ein Riese mitten durch sie hindurchgestürmt und hätte alles zerschlagen und verbrannt, bis nur noch verkohlte Trümmer übrig wären. Und jetzt, als ich langsam und in Gedanken ganz woanders zu der Schule zurückfahre, zu der ich Tobias heute Morgen gebracht habe, bin ich noch genauso außer mir. Ein paar Autos vor mir erkenne ich Johans Wagen. Ich stelle mir vor, wie er ernsthaft und nachdenklich hinter dem Lenkrad sitzt und sich nach mir umsieht, beunruhigt darüber, dass die Polizei ihn einbestellt hat. Bestimmt ist er wegen des Jungen besorgt. Er wird die Hände ringen und sich überlegen, was diese Situation für mich bedeutet. Bevor er mich entdeckt, in den letzten Minuten, bevor ich dort bin, muss ich noch einmal durchgehen, was gestern Abend und heute Morgen passiert ist, damit ich nachher die richtigen Worte finde.

Als Johan vom Flughafen nach Hause kam, hatte ich wieder so etwas wie Normalität hergestellt. Aufgeschreckt durch die Anwesenheit des Jungen waren die Mädchen ohne ein Widerwort direkt ins Bett gegangen; das ganze Haus war von einer seltsamen Atmosphäre erfüllt. Tobias brachte ich in Marialuz’ altem Zimmer in der Souterrainwohnung unter. Im ersten Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, ihn zwei Stockwerke von uns entfernt allein zu lassen, und das in einer derart unruhigen Nacht. Aber gleichzeitig musste ich tun, was mir für meine Familie richtig erschien, oder?

Schließlich hörte ich das leise Schließen der Haustür und dann Johans vertraute Schritte. Als er oben erschien, wandte ich mich auf der Chaiselongue vor den raumhohen Fenstern zu ihm um und begrüßte ihn mit meinem strahlendsten Lächeln. Ich hatte unzählige Kerzen in kleinen Metallgefäßen angezündet, und im Kamin flackerte zaghaft ein Feuer. Auf dem Tisch stand eine offene Flasche von Johans liebstem Rotwein, einem Côte de Beaune Villages. Ich schenkte ihm ein Glas davon ein und beobachtete ihn, als er sich erschöpft aufs Sofa setzte und sich die Augen rieb. Ich rückte nahe an ihn heran und himmelte ihn an, ganz die bewundernde Ehefrau.

Ich glaube, der Trick bei Männern besteht darin, ihnen mit einer sorgsam abgestimmten Mischung aus beiläufiger Unnahbarkeit, bissigen Vorwürfen und reinster Bewunderung zu begegnen. Das bringt sie aus dem Konzept. Sie müssen ständig auf der Hut sein – man darf sie nicht nur nett behandeln. Das wäre völlig falsch.

»Schatz«, raunte ich, »du wirkst erschöpft. Am besten schaffen wir dich gleich ins Bett …« Ich kniff die Augen leicht zusammen und legte ihm eine Hand weit oben auf den Schenkel. »Du hast mir gefehlt …« Johan lächelte. Ich konnte seinem attraktiven Gesicht anmerken, wie froh und dankbar er für diese liebevolle Begrüßung war. Ich bin gelinde gesagt nicht immer so nett, wenn er für vier Tage irgendwohin fliegt und mich mit den Kindern allein lässt.

»Ich muss dir etwas sagen. Ein Freund von Hermine aus dem Schwimmverein übernachtet bei uns. Er ist unten in Marialuz’ Bett.«

»Obwohl er morgen zur Schule muss?«

»Ja … Na ja, bei ihm zu Hause gab es wohl irgendein Problem, deshalb dachte ich, es wäre schon in Ordnung.«

Johan nickte nachdenklich. »Aber warum hast du ihn nicht oben in einem der Gästezimmer auf unserer Etage untergebracht?«

»Hermine und Nicoline waren heute Abend schrecklich. Sie haben gestritten und sich angeschrien. Ich fand es besser, wenn er etwas Ruhe hat.« Ich rang mir ein knappes Lachen ab. »Wir sind ja immer noch unter dem gleichen Dach. Außerdem sah der Junge todmüde aus. Er ist ganz klein und zart.«

»Was hast du gesagt, welche Probleme der Junge zu Hause hat, Schatz?« Stirnrunzelnd starrte Johan auf den rubinroten Rest in seinem Weinglas.

»Ach, das weiß ich nicht genau. Ehrlich gesagt wollte ich mich nicht allzu weit in die Sache hineinziehen lassen. Na komm.« Ich nahm Johan das Weinglas ab und tat so, als würde ich ihn hochziehen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und neigte den Kopf, damit er mich küsste. Johan wirkte immer noch gedankenverloren, trotzdem beugte er sich vor und drückte mir einen keuschen Kuss auf die Lippen. Ich zog ihn näher, küsste ihn inniger und drängte meinen ganzen Körper gegen seinen. Nach einem Moment löste er sich von mir und musterte mich verwirrt, aber glücklich.

»Liebling …« Seine Stimme war ein Flüstern.

»Schscht.« Ich führte ihn die Treppe hinauf in die sanfte Dunkelheit. Im Flur vor unserem Schlafzimmer warf ich einen kurzen Blick durch das Oberlicht und bemerkte verschwommen durch den strömenden Regen, wie ein eigentümlicher, beunruhigender Vollmond hinter einer dichten Wolke auftauchte. Plötzlich rasten meine Gedanken zu einem Moment, von dem ich sie immer fernhalte, zu einer anderen kalten, finsteren Nacht, der finstersten meines Lebens.

Fast konnte ich alles wieder hören. Das Fauchen der Flammen, den heulenden Wind draußen, meinen keuchenden Atem und immer wieder die unwillkürlichen gellenden Schreie, wenn die Schmerzen auf mich einstürzten. Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich das überlebt habe … Ich gerate nicht leicht aus der Fassung, aber in diesem Moment, als ich mit Johan auf der Treppe stand, brach Panik über mich herein, und ich musste Tränen hinunterschlucken. Johans begierige Küsse konnte ich kaum erwidern. Die Angst ließ nicht nach, und als Johan sich auf mich legte, musste ich die Nachttischlampe einschalten, um zu sehen, dass es wirklich er war.

Später, als sich sein Atem zu einem leisen, gleichmäßigen Säuseln beruhigt hatte, lag ich noch lange auf dem Rücken und kämpfte gegen die heißen Tränen an, die mir über das Gesicht laufen wollten. Sie galten nicht mehr den bösen alten Erinnerungen oder mir selbst, sondern einem kleinen Jungen.

❊ ❊ ❊

Johan wartet auf dem Parkplatz auf mich, wo ich mich ungeschickt auf zwei Plätze neben seinem Tesla stelle. Er lächelt, aber sein Blick ist ernst.

»Es geht um den kleinen Jungen, haben sie gesagt?«

»Ja, offensichtlich«, antworte ich, während wir über einen Kiesweg auf das fröhliche gelbe Schulgebäude zulaufen.

»Ich bin mir nicht ganz sicher. Hast du gestern Abend gesagt, welche Probleme er zu Hause hatte?«

»Komm, Johan, sie warten auf uns. Ich habe dir doch erklärt, dass ich keine Ahnung habe. Ich wollte dem Jungen gestern nur helfen und dachte, die Schule könnte das Problem, welches auch immer, heute lösen.«

»Und … und warum sind wir dann hier?«

»Wie es scheint, ist das hier gar nicht seine Schule.«

»Aber … das hat er doch behauptet. Welche besucht er denn?«

»Tja, das wüssten alle gerne.« In diesem Moment tauchen in der Tür eines kleineren Hauses neben dem Hauptgebäude ein Mann und eine Frau auf und winken uns näher.

»Überlass das Reden mir, ja, Schatz?«, sage ich leise und lächle meinen Mann beruhigend an.

Drinnen werden wir Polizeikommissar Thor Ellefsen, der Sozialkundelehrerin Vera Jensrud und Laila Engebretsen vorgestellt, einer Mitarbeiterin des Sozialamtes. Letztere kommt mir vage bekannt vor, und nach einer Weile geht mir auf, warum; früher hieß sie Laila Hansen, wir haben zusammen die Grundschule besucht. Damals war sie ein schüchternes, pummeliges Mädchen mit struppigen Zöpfen und Secondhandklamotten, und sie hat sich nicht sehr verändert. Das Wort schmuddelig kommt mir in den Sinn. Zugegeben, sie ist nicht mehr das linkische lange Elend mit den »schweren Knochen«, sondern eine Frau, die manche vielleicht als stattlich bezeichnen würden. Trotzdem macht sie immer noch diesen schlaksig plumpen Eindruck, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Es überrascht mich, dass sie geheiratet und ihren Namen geändert hat. Ich frage mich, was für ein Mann sich von einer Frau angezogen fühlt, die derart unerotisch wirkt wie dieser Moppel.

Laila Engebretsen begrüßt uns mit einem aufrichtigen Lächeln, dann setzt sie ein trauriges, ernsthaftes Gesicht auf. Mit dem Kopf deutet sie auf ein kleines Fenster, durch das wir ins Nebenzimmer blicken können. Tobias sitzt dort zwischen Bergen lustiger Ikea-Kissen in der Form von Tierköpfen und schaut sich einen Zeichentrickfilm an. Unbeirrt starrt der Junge auf den Fernseher, obwohl ihm das Fenster und die Menschen, die ihn besorgt beobachten, nicht entgangen sein können.

Mein Magen verkrampft sich, als würde eine Hand an meinen Eingeweiden zerren. Ich drehe mich zu Vera, Leila und Thor um und versuche, die Sorge und das Mitgefühl der Sozialarbeiterin zu spiegeln.

»Cecilia, Johan«, sagt Laila, »vielen Dank, dass Sie beide gekommen sind, noch dazu so kurzfristig.«

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schürze die Lippen. Ich kann Laila nur zustimmen – es war allerdings kurzfristig. Aber plötzlich fällt mir wieder ein, dass wir hier hilfsbereit und besorgt wirken wollten. »Ach, das ist doch selbstverständlich«, erwidere ich. »Wir machen uns wegen Tobias große Sorgen.«

»Ja«, sagt Vera Jensrud.

»Offen gestanden ist es eine äußerst ungewöhnliche Situation«, fügt Thor Ellefsen hinzu. »Ich bin seit zweiunddreißig Jahren Polizist in Sandefjord, und ehrlich, so etwas ist noch nie passiert. Wir sind ein wenig ratlos und hoffen, dass Sie uns helfen können, wichtige Informationen zusammenzubringen.«

Johan und ich nicken. Als wir uns auf ein niedriges grünes Sofa setzen, kann ich nicht mehr in das Zimmer blicken, in dem Tobias auf dem Boden sitzend fernsieht. Trotzdem habe ich ihn lebhaft vor mir, in meinen Gedanken. Als hätte mein Gedächtnis diesen kleinen Fremden in allen Einzelheiten gespeichert. Die olivbraune Haut, die schwarzen, leicht strubbligen Haare, die erwachsenen, ausdruckslosen Augen, die scharfen, zu großen Zähne, die scheinbar gerade erst durchgebrochen sind; und dann diese dünnen, schmalen Hände, die er zu Fäusten geballt dicht am Körper hält.

»Können Sie uns bitte erzählen, was gestern Abend dazu führte, dass Tobias die Nacht in Ihrem Haus verbracht hat?«, fragt Ellefsen.

Ich nicke, räuspere mich und fange an zu reden. Ich erzähle den dreien, dass Tobias mir zum ersten Mal am Schwimmbecken auffiel, weil er so ängstlich wirkte. Ich erzähle ihnen von der Kassiererin, die meinte, niemand habe ihn abgeholt und unter der Telefonnummer seiner Eltern habe sich sofort die Mailbox gemeldet. Und davon, dass die Frau mich gebeten hat, den Jungen nach Hause nach Østerøya zu bringen. Ich stocke, es macht mich nervös, wie mich alle mustern.

»Können Sie bitte die Adresse bestätigen, bei der Sie Tobias absetzen wollten?«

»Østerøysving 8.«

Laila Engebretsen nickt. »Die gleiche Adresse, die er uns gegeben hat«, sagt sie leise. »Der arme Junge. Er ist traumatisiert. Vertraut Erwachsenen nicht. Ich habe zwei Stunden gebraucht, um ein Wort aus ihm herauszubekommen.«

»Es ist eben nur so«, wirft Kommissar Ellefsen ein, »dass dieses Haus leer steht, seit die alte Dame, der es gehört hat, 2010 gestorben ist. Ihr Sohn hat es geerbt, aber er wohnt in Kristiansund und kommt nie her.«

»Aber … ich war im Haus. Mit dem Jungen. Und, ähm, es hat so ausgesehen, als hätte es jemand vor Kurzem benutzt. Oben waren Matratzen, eine neue Lampe …«

»Wir wissen, dass das Haus möglicherweise mehrmals unbefugt genutzt wurde. Zwei-, dreimal haben wir es in Augenschein genommen, und es stand immer leer. Im letzten Winter waren ein paar Gelegenheitsarbeiter aus Lettland in der Stadt, deren Unterkunft nicht bekannt war. Und wie Sie vielleicht mitbekommen haben, leben seit einigen Jahren ein paar osteuropäische Bettler hier in Sandefjord. Rumänen. Wir vermuten, dass sie möglicherweise hin und wieder in dem Haus schlafen.«

»Aber was ist mit Tobias?«, fragt Johan. Er hat rote Flecken im Gesicht; das passiert immer, wenn er empört ist. Ich kann nur erahnen, welche Gedanken im Moment durch seinen Kopf tosen – er ist so gutherzig und sensibel, mein Johan. »Wer kümmert sich jetzt um den Jungen?«

Sanft, aber bestimmt drücke ich mein Bein gegen Johans. Er muss verstehen, dass er mir das Reden überlassen soll.

»Dann ist er der Sohn der Hausbesetzer?«, frage ich.

»Wir überprüfen das, aber die Berichte der letzten Jahre haben keine umherziehenden Gruppen aus Osteuropa erwähnt, die Kinder bei sich hatten. Außerdem spricht er fließend Norwegisch.«

»Dem Aussehen nach könnte er ein Zigeuner sein«, sage ich.

»Ein Zigeuner?«, wiederholt Laila. In ihren sanften Augen liegt plötzlich ein scharfer Blick.

»Na ja, ja. Sie haben doch gerade erwähnt, dass es hier Probleme mit rumänischen Bettlern gibt. Da finde ich es naheliegend, dass er zu ihnen gehört.« Laila schreibt etwas in ihr Notizbuch. Von meinem Platz aus kann ich es lesen: Rumäne?

»Gut, zurück zu gestern Abend. Was haben Sie gemacht, als Sie merkten, dass im Østerøysving 8 niemand ist?« Kommissar Ellefsen sieht mir so lange in die Augen, dass ich nervös werde – grundlos, immerhin habe ich nichts falsch gemacht. Dieses Mal nicht.

»Ich … Ich wollte jemanden anrufen.«

»Und wen?«

»Die Frau im Schwimmbad, glaube ich. Hätte ich sie nicht erreicht, hätte ich es bei der Polizei oder dem Sozialamt versucht.«

»Aber das haben Sie nicht?«

»Na ja, ich hätte, aber ich stellte fest, dass mein Handy zu Hause war, bei meiner älteren Tochter. Sie hat im Auto darauf Minecraft gespielt.«

»Gut. Was haben Sie dann gemacht?«

»Wenn ich ehrlich bin, fand ich das alles etwas beängstigend. Das Haus … Es war so leer und kalt. Draußen war es eisig und stürmisch. Ich war nach einem langen Tag müde, der Dienstag ist bei mir immer schlimm. Und der Junge, Tobias, meine ich, na ja, er hat mir unglaublich leidgetan. Das leere Haus schien ihn nicht zu überraschen. Er war wie betäubt, resigniert, niedergeschlagen. Wir sind wieder ins Auto gestiegen und zu mir gefahren. Ich dachte, ich mache ihm einen heißen Kakao und etwas zu essen. Dann wollte ich herumtelefonieren …«

»Aber das haben Sie nicht getan.«

Ich schlucke schwer und versuche, meine harmlos-besorgte Miene wieder aufzusetzen, aber mein Verstand zieht sich in diese irrationale schwarze Panik zurück. Ich will nur noch aufstehen, durch die Tür stürzen, zum Auto rennen, weg von diesen höflichen Gesichtern und stechenden Blicken und ständigen Fragen.

»Nein, habe ich nicht.«

»Und warum nicht, Cecilia?«, fragt Laila sanft.

»Wie gesagt, ich war müde. Verwirrt. Als wir zu Hause ankamen, hat Tobias gefragt, ob er bei uns übernachten darf. Er hat richtig gebettelt. Ich habe gesagt, ich müsse jemanden anrufen, müsse das klären, aber da wurde er so verzweifelt und aufgelöst, dass ich einfach nicht wusste, was ich machen soll. Ich dachte wohl, es schadet doch nicht, wenn ich ihn eine Nacht bleiben lasse. Er hat mir gesagt, er würde hier zur Schule gehen, deshalb war ich beruhigt. Ich habe angenommen, Sie könnten ihm helfen, wenn er zu Hause größere Probleme haben sollte.«

»Ich hätte erwartet, dass Sie Tobias heute Morgen in die Schule begleiten und sich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.« Vera Jensrud spricht langsam und beobachtet mich dabei, als wollte sie eine Kriminelle überführen und würde nicht nur einer besorgten Mutter ein paar Routinefragen stellen. Miststück.

»Na ja, das hätte ich schon getan, Tobias hat mich allerdings gebeten, es nicht zu tun«, erkläre ich. »Er meinte: ›Danke, aber jetzt schaffe ich es allein.‹ Das hat er gesagt.« In Wahrheit hat er mich sehr wohl gebeten, ihn in die Schule zu begleiten. Doch ich antwortete ihm, ich hätte es eilig, und beugte mich über ihn hinweg, um die hintere Tür aufzustoßen. Dabei strömte frische, kalte Luft in den Wagen. Dann starrte ich aus dem Fenster, bis ich hörte, dass er sich bewegt. Irgendwann hat er die Tür ganz leise zugeschlagen. Mein Gesicht fühlt sich heiß an. Meine Füße jucken. Ich werfe Johan einen Blick zu, und er sieht mich an. Auf seinem Gesicht zeichnet sich Mitgefühl ab, aber noch etwas anderes – Entsetzen.

»Er ist doch erst sieben«, sagt Vera Jensrud und schreibt etwas in ihr Buch. Ich würde ihr zu gerne in das hässliche, faltige Gesicht schlagen.

»Acht«, korrigiere ich.

Lange schweigen alle. Ich spüre immer noch Johans Blick. Laila Engebretsen raschelt mit den Seiten ihres Notizbuchs; wahrscheinlich wird sie gleich die Anspannung durchbrechen. »Nun, jedenfalls sind wir froh, dass Sie jetzt hier sind.«

»Und … Was passiert jetzt mit dem armen Kind?«, frage ich.

Laila Engebretsen und Kommissar Ellefsen schauen sich kurz an. »Wir lassen natürlich nichts unversucht, um herauszufinden, woher der Junge kommt. Wir wollen seine Familie ausfindig machen. Aber erst einmal wird er in einem sicheren familiären Umfeld hier in Sandefjord bleiben.«

Ich nicke. »Und auf längere Zeit?«

»Na ja, wir hoffen, dass wir das Problem lösen und Tobias in möglichst stabile Familienverhältnisse geben können.«

»Haben Sie für die erste Zeit schon eine Unterkunft für ihn?«, hakt Johan nach. Sein Gesicht ist angespannt vor Sorge.

»Wegen der internationalen Flüchtlingskrise sind Hunderte, wenn nicht Tausende unbegleiteter Kinder nach Norwegen gekommen, und alle kurzfristigen Plätze in Pflegefamilien in der Region sind leider belegt. In einer solch traumatisierenden Situation ist es enorm wichtig, das Kind so wenigen Veränderungen wie möglich auszusetzen. Wir möchten Sie daher gerne fragen, ob Sie es in Erwägung ziehen würden, Tobias für eine kurze Zeit aufzunehme. Vielleicht für ein paar Wochen. Er scheint Sie zu mögen. Und wir wissen natürlich, dass Sie ihm ein sicheres familiäres Umfeld bieten können, solange wir die Sache klären.«

Leila Engebretsen mustert mich erwartungsvoll, als würde sie mich um etwas absolut Angemessenes bitten, etwa ihre Blumen zu gießen oder ihre Post reinzuholen, solange sie auf Teneriffa ist. Ich bin ausnahmsweise wirklich sprachlos. Ich schüttle heftig den Kopf, aber dabei merke ich, dass Johan nickt. Sein Kopf geht auf und ab, und ich würde ihm am liebsten eine runterhauen, diesem heillosen Trottel; seine Lippe zittert, in seinen Augen schimmern sogar Tränen.

»Natürlich nehmen wir ihn«, sagt er, und dann: »Danke. Danke.«

Kapitel drei

Krysz sagt immer, wenn mich jemand sieht, erschießt er mich oder steckt mich mindestens in ein kleines Loch im Boden, in dem ich dann auf Wände aus Erde starre und nur altes Brot und schleimiges Wasser bekomme. Aber es hat mich nie jemand gesehen, ich kenne nämlich jeden Stein und jeden Baum bei den Häusern, in denen ich gewohnt habe. Wenn Anni und Krysz den ganzen Tag oder manchmal viele Tage weg sind, bin ich draußen im Wald, wo kaum jemand hingelangt. Und wenn doch, wüsste ich, wo ich mich verstecken kann. Im Haus darf ich nicht bleiben, weil vielleicht die Polizei vorbeifährt. Ich habe schon mal Leute gesehen und mich versteckt. Einmal habe ich kleine rote Beeren von einem Busch gepflückt, als ein Mann ganz schnell auf dem Weg ein paar Meter unter mir entlanggelaufen ist. Er war ganz rot im Gesicht und hat geprustet. In den Ohren hatte er Kopfhörer, um Musik zu hören, und er hatte eine knallgelbe Jacke und glänzende, enge schwarze Shorts an. Er sah nicht gefährlich aus, und ich glaube auch nicht, dass er mich erschossen hätte, wenn er mich bemerkt hätte. Das hat er aber nicht. Ich habe mich ganz leise an einen Baumstamm gedrückt und ihn gestreichelt, was ich gerne mache. Manchmal spüre ich dann ein Summen unter den Fingerspitzen. Krysz sagt, das stimmt nicht, das kann gar nicht sein, dabei ist es wahr.

Gestern waren Anni und Krysz richtig böse aufeinander. Sie haben geschrien. Krysz hat seine Sachen in eine alte braune Tasche gestopft, und was nicht reingepasst hat, wanderte in Plastiktüten. Anni hat ihn dabei angebrüllt. Der fette Joint, den sie nicht mal angezündet hatte, hing ihr aus dem Mundwinkel. Als Krysz fertig war, sagte er Lebewohl, Anni. Das kannte ich schon, von beiden, deshalb hatte ich nicht besonders viel Angst. Die hatte ich nur vor dem Geschrei, weil sie danach oft was kaputt machen oder Schlimmeres. Statt weiter zu brüllen, war Anni still. Sie starrte die Taschen und Krysz an, der sich im Schlafzimmer auf den nackten Boden gesetzt hatte. Ich war draußen auf der Treppe, und mich ließ sie auch nicht aus den Augen, deshalb drückte ich mich an die Wand, wie ich es draußen bei den Baumstämmen mache, aber im Wald ist es viel einfacher. Ich konnte nichts dagegen tun, dass Anni mich so kalt und wütend ansah. Ich gehe, sagte Krysz dann wieder. Du gehst. Anni lachte, aber nicht nett. Und ob, sagte Krysz. Und der Kleine?, fragte Anni, was ist mit dem kleinen Scheißer? Nimm ihn mit. Krysz antwortete: Einen Dreck werde ich. Und Anni: Dann geht er halt hin, wo er hergekommen ist. Und Krysz weiter: Was zum Teufel soll das denn heißen? Anni sagte nichts mehr, aber sie kam auf mich zu. Ich stand immer noch still an der Treppe, und im ersten Moment dachte ich, sie spuckt mich an, das macht sie manchmal, wenn sie wütend ist. Aber sie schaute mich nur an, von ganz nah. Ihre Lippen waren zurückgezogen, sie grinste wie ein Wolf und zeigte ihre braunen abgebrochenen Zähne und die schwarzen Lücken dazwischen. Komm mit, meinte sie.

❊ ❊ ❊

Als ich kleiner war, habe ich Anni mal gefragt, ob ich sie Mutter nennen darf. Sie hat Nein gesagt. Dann hat sie gelacht, dass man ihre kaputten Zähne und das rote Zahnfleisch darüber erkennen konnte. Wieso willst du das überhaupt? Ich bin nicht deine Mutter, hat sie gesagt, und ich habe sie wieder gefragt, wer denn?, aber sie zuckte nur mit den Schultern und drehte sich weg. Ich glaube, meine Mutter ist gestorben, deshalb konnten Anni und Krysz mich nicht zu ihr bringen, wie sie es hätten tun sollen, nachdem Moffa gestorben war. Das ist das Einzige, was ich mir vorstellen kann, aber ich weiß immer noch nicht, warum sie mich bis jetzt behalten haben.

Die Stimmen um mich herum schwellen an und ab, wie wenn Steine über einen See hüpfen. So nah war ich anderen Kindern bis jetzt fast nie. Das Wasser ist von einem besonderen Blau, und ich muss es die ganze Zeit anstarren. Es ist wunderbar. Ich kann ein bisschen schwimmen, weil Moffa es mir beigebracht hat, im See. Nein! Ich darf Moffa nicht in meine Gedanken lassen. Ich weiß, dass ich nicht an Moffa denken darf. Es ist traurig, und wenn man an eine traurige Sache denkt, denkt man nachher an alle traurigen Sachen. Krysz hat mir das mal gesagt, als er nicht betrunken war. An dem Tag ist er mit mir angeln gegangen, sehr früh am Morgen. Der Himmel war gleichzeitig rosa und grau, und schwere Vögel flogen dicht nebeneinander über den See. Ihre Füße hingen fast im Wasser, das wie ein riesiger Spiegel aussah.

Wohin gehen wir?, habe ich gefragt, als Anni den Weg zur Straße runtermarschiert ist, so schnell, dass ich laufen musste, um hinterherzukommen. Nach dem Geschrei waren noch mehr schlimme Sachen passiert, sehr schlimme Sachen, und jetzt war Annis Wange mit knallrotem Blut verschmiert. Der Nachmittag hatte schon angefangen, und schwarze Wolken schwebten tief über den Bäumen. In die Stadt, sagte Anni und zündete sich eine Zigarette an. Sie weinte, aber nur mit ihren Augen. Ihr Gesicht war starr, wie bei einer Statue. Anni und Krysz haben mich nie in die Stadt mitgenommen, außer ein paarmal im Auto mit ihrem Freund Pawel, der ein gemeiner Typ ist, weil er mich oft tritt. Ich musste mich hinten auf den Boden legen, aber wenigstens konnte ich hübsche weiße Häuser erkennen, Brunnen, große Boote, Kinder, die an komischen, großen Maschinen spielten. Wenn ich ein Geräusch von mir gab, drehte Pawel sich um und zischte mich an wie ein Tiger. Wenn dich jemand sieht, stecken sie dich in ein Loch oder machen was Schlimmeres, haben sie immer gesagt. Inzwischen liefen Anni und ich schnell neben der Straße her einen Hügel hinauf. Von oben konnte man die ersten Häuser der Stadt sehen – düstere Kirchtürme und ein paar rote Backsteingebäude, die größer waren als die anderen. Du bleibst ein paar Tage bei Fatma, sagte Anni, sie ist mir einen Gefallen schuldig. Einen großen. Ich muss nachdenken.

Auf dem ganzen Weg in die Stadt, der ziemlich lang war, redete Anni schnell. Nicht über Wichtiges, wie über das, was gerade passiert war. Stattdessen erzählte sie seltsame Geschichten über ihre Kindheit, bevor sie so war wie jetzt. Ich habe gehofft, es würde anfangen zu regnen, weil das Anni stört und mich nicht. Sie würde fluchen und still sein, wenn es regnen würde, und ich könnte insgeheim ein bisschen darüber lachen, wie ihre matschfarbenen Haare ihr schlaff in die Augen hängen und wie das Schwarze an ihren Wimpern ihr über das Gesicht läuft wie Ruß und wie ihre Zigarette immer wieder ausgeht. Aber es hat nicht geregnet. Und Anni hat immer weitergeredet, als könnte noch alles in Ordnung kommen, aber ich merkte, dass sie ängstlich war und ihre besonderen Zigaretten geraucht hatte. Ihre Augen waren so hart.

In der Stadt liefen wir am Wasser entlang, und ich konnte kaum mit Anni mithalten, weil es hier so viel anzuschauen gab, Dinge, die ich noch nie gesehen hatte. Ein riesiges Boot hatte angelegt. Es war so groß, dass Autos hintereinander in seinen Bauch gefahren sind. An seiner Seite hing ein Foto von einer lachenden Familie in einem glänzenden schwarzen Wagen. Die Kinder saßen lächelnd hinter ihren Eltern, wahrscheinlich auf schönen Autositzen, mit Limonade in der Hand und einem Fotoapparat um den Hals. Ein Stück weiter entdeckte ich eine Skateboardrampe, aber es war niemand da. An ihrem Fuß hatte sich eine große schwarze Pfütze gebildet. Ich sah ein Flugzeug, das dicht über dem Wasser näher kam, und als es vorbeiflog, schob sich das Fahrwerk raus. Ich verdrehte ganz weit den Kopf, um ihm nachzublicken, doch Anni riss an meinem Arm und zischte mir Komm jetzt! ins Ohr. Außerdem zählte ich neun Hunde, und alle wirkten freundlich und lustig, mit offenem Maul, langen Zungen und lieben Augen, aber keiner war so lieb wie Baby. Baby war der Hund von mir und Moffa.

Fatma wohnte in einem grauen Haus im siebten Stock. Es war laut bei ihr, weil viele Kinder da waren. Anni blieb ein bisschen und unterhielt sich leise mit Fatma in der Küche, die eigentlich nur ein leeres Zimmer mit einer Mikrowelle und einer Spüle voller Teller und Töpfe war. Na gut, tschüss dann, sagte sie irgendwann und drehte sich so schnell weg, dass sie draußen war, bevor ich auch Tschüss sagen konnte. Ein Junge, der ein paar Jahre älter als ich zu sein schien, kam zu mir und lächelte. Er hatte ein schmales Gesicht und einen langen Kopf mit dichten schwarzen Locken. Abdi, sagte er und zeigte auf seine Brust. Tobias, flüsterte ich, und der Junge lächelte wieder. Ich musste ständig auf seine Zähne starren, weil sie ganz weiß waren und alle ordentlich nebeneinander, nicht wie Annis braune Stummel oder Krysz’ gelbe Zähne. Vielleicht wusste er, dass ich nicht reden wollte, vielleicht wusste er sogar, dass ich außer mit Anni und Krysz und Moffa mit fast niemandem gesprochen hatte, oder vielleicht redete Abdi auch nicht gerne. Jedenfalls haben wir uns unten auf ein Etagenbett gesetzt und ein Fußballspiel gespielt. Ich hatte vorher noch nie gespielt. Ich freute mich total und war gleichzeitig total wütend. Ich hatte schon vorher Fernseher gesehen; im Østerøysving 8 hatten wir zwar keinen gehabt, aber in dem Haus davor und in dem Haus in Polen und in Moffas Haus. Das meiste, was ich über Menschen weiß, habe ich aus dem Fernsehen.

Außer Abdi und mir waren seine Brüder und Schwestern im Zimmer, vielleicht waren ein paar auch seine Cousins, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass eine Dame so viele Kinder hat. Ich kam auf elf, und sie saßen alle um uns herum – auf dem Boden vor dem Fernseher, auf dem oberen Bett, einer auf der Fensterbank – und schauten uns beim Spielen zu. Ich dachte erst, Abdi wäre der Älteste, aber dann fielen mir zwei Mädchen auf, die neben der Tür auf dem Boden hockten und lasen. Sie hatten lila Kopftücher und runde Brillen, und sie schienen älter als Abdi zu sein. Die kleineren Kinder standen manchmal auf und gingen raus und kehrten nach einer Weile zurück. Von den Kleinen trugen viele nur T-Shirts und Windeln, solche, die man wie eine Unterhose anzieht. Sie hatten alle dunkle Haut, ein schmales Gesicht und einen langen Kopf, wie Abdi, und sie lächelten viel. Sie alle sahen Fatma so ähnlich, dass es fast wirkte, als hätte man einen großen Menschen genommen und ihn auf viele kleine Körper verteilt.