Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2010

Der Junge im gestreiften Pyjama E-Book

John Boyne  

4.51111111111111 (90)

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E-Book-Beschreibung Der Junge im gestreiften Pyjama - John Boyne

Die Geschichte von »Der Junge im gestreiften Pyjama« ist schwer zu beschreiben. Normalerweise geben wir an dieser Stelle ein paar Hinweise auf den Inhalt, aber bei diesem Buch - so glauben wir - ist es besser, wenn man vorher nicht weiß, worum es geht. Wer zu lesen beginnt, begibt sich auf eine Reise mit einem neunjährigen Jungen namens Bruno. (Und doch ist es kein Buch für Neunjährige.) Früher oder später kommt er mit Bruno an einen Zaun. Zäune wie dieser existieren auf der ganzen Welt.

Meinungen über das E-Book Der Junge im gestreiften Pyjama - John Boyne

E-Book-Leseprobe Der Junge im gestreiften Pyjama - John Boyne

John Boyne

Der Junge im gestreiften Pyjama

Eine Fabel

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit

FISCHER E-Books

Mit einem Nachwort des Autors

Inhalt

Für Jamie Lynch [...]Kapitel eins Bruno macht eine EntdeckungKapitel zwei Das neue HausKapitel drei Der hoffnungslose FallKapitel vier Was sie durch das Fenster sahenKapitel fünf Zutritt jederzeit und ausnahmslos verbotenKapitel sechs Das überbezahlte DienstmädchenKapitel sieben Mutter nimmt Verdienst für etwas in Anspruch, das sie nicht getan hatKapitel acht Warum Großmutter hinausstürmteKapitel neun Bruno erinnert sich, wie gern er früher geforscht hatKapitel zehn Der Punkt, der ein Fleck, dann ein Klacks, dann ein Schemen und schließlich ein Junge wurdeKapitel elf Der FurorKapitel zwölf Schmuel überlegt sich eine Antwort auf Brunos FrageKapitel dreizehn Die WeinflascheKapitel vierzehn Eine absolut vernünftige LügeKapitel fünfzehn Ein FehlerKapitel sechszehn Der HaarschnittKapitel siebzehn Mutter setzt sich durchKapitel achtzehn Das letzte AbenteuerKapitel neunzehn Was am nächsten Tag geschahKapitel zwanzig Letztes KapitelDanksagungNachwort

Für Jamie Lynch

Kapitel einsBruno macht eine Entdeckung

Eines Nachmittags kam Bruno von der Schule nach Hause und staunte nicht schlecht, als Maria, das Dienstmädchen der Familie, das den Kopf immer gesenkt hielt und nie vom Teppich aufblickte, in seinem Zimmer stand und seine Sachen aus dem Schrank in vier große Holzkisten packte, auch die ganz hinten versteckten, die nur ihm gehörten und keinen etwas angingen.

»Was machst du da?«, fragte er so höflich er konnte, denn es passte ihm zwar nicht, nach Hause zu kommen und jemanden in seinen Sachen herumwühlen zu sehen, aber Mutter hatte ihm stets gesagt, er müsse Maria respektvoll behandeln und dürfe nicht einfach Vater nachahmen und so mit ihr reden wie er. »Lass die Finger von meinen Sachen.«

Maria schüttelte den Kopf und zeigte über ihn hinweg zum Treppenaufgang, wo Brunos Mutter soeben erschienen war. Sie war eine große Frau mit langen roten Haaren, die sie hinten am Kopf in einem Netz bündelte, und die sich jetzt nervös die Hände rieb, als läge ihr etwas auf dem Herzen, das sie nur ungern sagte und am liebsten nicht glauben wollte.

»Mutter«, sagte Bruno und ging auf sie zu. »Was ist los? Was sucht Maria in meinen Sachen?«

»Maria packt sie«, erklärte ihm Mutter.

»Packt sie?«, fragte er und überdachte rasch die Ereignisse der letzten Tage, um herauszufinden, ob er vielleicht sehr unartig gewesen war oder Wörter laut gesagt hatte, die er nicht benutzen durfte, und deswegen jetzt fortgeschickt wurde. Aber ihm fiel nichts ein. Im Gegenteil, in den letzten paar Tagen hatte er sich allen gegenüber sehr freundlich verhalten, und er konnte sich nicht entsinnen, irgendwann Unruhe gestiftet zu haben. »Warum?«, fragte er. »Was habe ich getan?«

Mutter war mittlerweile ins Elternschlafzimmer gegangen, aber dort war Lars, der Diener, ebenfalls am Packen. Sie seufzte und warf verzweifelt die Hände in die Luft, dann ging sie wieder ins Treppenhaus, gefolgt von Bruno, der gar nicht daran dachte, die Angelegenheit ohne Erklärung auf sich beruhen zu lassen.

»Mutter«, sagte er unbeirrt. »Was ist los? Ziehen wir um?«

»Komm mit nach unten«, erwiderte sie und ging ihm voran zum großen Esszimmer, wo sie vor einer Woche mit dem Furor zu Abend gegessen hatten. »Wir reden dort weiter.«

Bruno rannte nach unten und überholte sie im Treppenhaus, so dass er bei ihrer Ankunft schon im Esszimmer wartete. Er schaute sie einen Moment lang schweigend an und dachte bei sich, dass sie sich am Morgen offenbar nicht richtig geschminkt hatte, denn ihre Augenränder waren röter als sonst, genau wie seine, wenn er Unruhe gestiftet hatte und dann Ärger bekam und am Ende weinte.

»Du musst dir wirklich keine Gedanken machen, Bruno«, sagte Mutter und setzte sich auf den Stuhl, auf dem die schöne blonde Frau gesessen hatte, die mit dem Furor zum Essen gekommen war und ihm zuwinkte, als Vater die Türen schloss. »Das Ganze wird sicher ein großes Abenteuer.«

»Was denn?«, fragte er. »Muss ich fort?«

»Nein, nicht nur du«, sagte sie und sah aus, als wollte sie lächeln, überlegte es sich dann aber anders. »Wir gehen alle. Dein Vater und ich, Gretel und du. Alle vier.«

Bruno dachte darüber nach und runzelte die Stirn. Ihn hätte es nicht gestört, wenn man Gretel fortgeschickt hätte, denn sie war ein hoffnungsloser Fall und handelte ihm immer nur Ärger ein. Aber dass die ganze Familie mit ihr gehen musste, fand er ein bisschen ungerecht.

»Und wohin?«, fragte er. »Wo genau gehen wir hin? Warum können wir nicht hierbleiben?«

»Wegen der Arbeit deines Vaters«, erklärte Mutter. »Du weißt, wie wichtig sie ist, nicht?«

»Ja, natürlich«, sagte Bruno und nickte. Vater bekam oft Besuch von Männern in phantastischen Uniformen und Frauen mit Schreibmaschinen, die Bruno nicht mit seinen schmutzigen Händen anfassen durfte, und alle waren immer sehr höflich zu Vater und versicherten einander, dass er ein Mann war, auf den man ein Auge haben musste, und dass der Furor Großes mit ihm vorhatte.

»Weißt du, wenn jemand sehr wichtig ist«, fuhr Mutter fort, »dann wird er von seinem Vorgesetzten manchmal gebeten, woandershin zu gehen, weil dort eine spezielle Arbeit erledigt werden muss.«

»Was für eine Arbeit?«, fragte Bruno, denn wenn er ehrlich mit sich war – und das versuchte er immer zu sein –, wusste er nicht so recht, was Vater eigentlich machte.

Einmal hatten sie in der Schule über ihre Väter geredet, und Karl hatte gesagt, sein Vater sei Obst- und Gemüsehändler, was Bruno bestätigen konnte, denn ihm gehörte der Obst- und Gemüseladen im Stadtzentrum. Daniel hatte gesagt, sein Vater sei Lehrer, was Bruno ebenfalls bestätigen konnte, denn er unterrichtete die großen Jungen, von denen man sich besser fernhielt. Und Martin hatte gesagt, sein Vater sei Koch, und auch das konnte Bruno bestätigen, weil er Martin manchmal von der Schule abholte und dann immer einen weißen Kittel und eine karierte Schürze trug, als käme er gerade aus der Küche.

Als sie Bruno fragten, was sein Vater mache, wollte er zu einer Antwort ansetzen, aber dann wurde ihm klar, dass er es gar nicht wusste. Er konnte nur sagen, dass sein Vater ein Mann war, auf den man ein Auge haben musste, und dass der Furor Großes mit ihm vorhatte. Ach ja, und dass er außerdem eine phantastische Uniform trug.

»Eine sehr wichtige Arbeit«, sagte Mutter und zögerte einen Augenblick. »Eine Arbeit, für die man einen ganz besonderen Mann braucht. Das verstehst du sicher, nicht?«

»Und wir müssen alle mit?«, fragte Bruno.

»Aber natürlich«, sagte Mutter. »Du willst doch nicht, dass Vater allein zu seiner neuen Arbeitsstelle geht und dort einsam ist, oder?«

»Vermutlich nicht«, sagte Bruno.

»Vater würde uns schrecklich vermissen, wenn wir nicht bei ihm wären«, fügte sie hinzu.

»Wen würde er mehr vermissen?«, fragte Bruno. »Mich oder Gretel?«

»Er würde euch beide gleich viel vermissen«, sagte Mutter. Sie hielt nichts davon, jemanden zu bevorzugen, und Bruno respektierte das, weil er wusste, dass er eigentlich ihr Liebling war.

»Und was ist mit unserem Haus?«, fragte Bruno. »Wer kümmert sich darum, wenn wir fort sind?«

Mutter seufzte und schaute sich im Zimmer um, als würde sie es vielleicht nie wiedersehen. Es war ein sehr schönes Haus mit insgesamt fünf Stockwerken, wenn man den Keller mitzählte, wo Koch alle Mahlzeiten zubereitete und Maria und Lars oft streitend am Tisch saßen und sich Schimpfwörter an den Kopf warfen, die man nicht benutzen durfte. Und wenn man die kleine Dachkammer mit den schrägen Fenstern mitrechnete, durch die Bruno ganz Berlin überblicken konnte, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte und am Rahmen festhielt.

»Fürs Erste müssen wir das Haus verschließen«, sagte Mutter. »Aber irgendwann ziehen wir wieder zurück.«

»Und was ist mit Koch?«, fragte Bruno. »Und Lars? Und Maria? Können sie nicht hier wohnen bleiben?«

»Sie kommen mit uns«, erklärte Mutter. »Aber das sind erst mal genug Fragen. Vielleicht solltest du nach oben gehen und Maria beim Packen helfen.«

Bruno erhob sich, ging aber nicht aus dem Zimmer. Ein paar Fragen musste er ihr noch stellen, bevor er die Sache auf sich beruhen lassen konnte.

»Und wie weit weg ist sie?«, fragte er. »Die neue Arbeit, meine ich. Ist sie weiter entfernt als zwei Kilometer?«

»Du liebe Zeit«, sagte Mutter und lachte. Aber es war ein komisches Lachen, denn sie sah nicht glücklich aus und drehte sich von Bruno weg, als wollte sie ihr Gesicht vor ihm verbergen. »Ja, Bruno«, sagte sie. »Es ist weiter entfernt als zwei Kilometer. Sehr viel weiter sogar.«

Brunos Augen wurden groß, und sein Mund formte ein O. Dann breitete er unwillkürlich die Arme aus, wie immer, wenn ihn etwas überraschte. »Heißt das, wir verlassen Berlin?«, fragte er und schnappte dabei nach Luft.

»Ich fürchte ja«, sagte Mutter und nickte traurig. »Die Arbeit deines Vaters ist ...«

»Aber was ist mit der Schule?«, fiel Bruno ihr ins Wort, was ihm eigentlich verboten war, ihm aber dieses eine Mal, so hoffte er, verziehen wurde. »Und was ist mit Karl und Daniel und Martin? Woher sollen sie wissen, wo ich bin, wenn wir etwas zusammen unternehmen wollen?«

»Du wirst dich vorläufig von ihnen verabschieden müssen«, sagte Mutter. »Aber ich bin sicher, irgendwann siehst du sie wieder. Und falle deiner Mutter bitte nicht ins Wort«, fügte sie hinzu, weil sie fand, dass Bruno noch lange nicht die Höflichkeitsregeln brechen musste, die man ihm beigebracht hatte, auch wenn dies eine verwirrende und unangenehme Mitteilung war.

»Mich von ihnen verabschieden?«, fragte er und starrte sie verwundert an. »Mich von ihnen verabschieden?«, wiederholte er stotternd, als hätte er den Mund voller Kekse, die er in winzige Stücke zerkaut, aber noch nicht hinuntergeschluckt hatte. »Ich soll mich von Karl und Daniel und Martin verabschieden?«, fuhr er fort, und seine Stimme kam einem lauten Schreien gefährlich nahe, was im Haus ebenfalls verboten war. »Das sind meine drei allerbesten Freunde!«

»Ach, du findest neue Freunde«, sagte Mutter und winkte verständnislos ab, als wäre es ein Kinderspiel, drei beste Freunde zu finden.

»Aber wir hatten Pläne«, protestierte er.

»Pläne?«, fragte Mutter und hob eine Augenbraue. »Was für Pläne denn?«

»Na ja, das wäre Petzen«, erwiderte Bruno. Er durfte nichts Genaueres über die Pläne preisgeben, bei denen es auch darum ging, viel Unruhe zu stiften, besonders in ein paar Wochen, wenn die Sommerferien anfingen und sie ihre Zeit nicht immer nur mit Pläneschmieden verbringen mussten, sondern sie endlich auch in die Tat umsetzen konnten.

»Tut mir leid, Bruno«, sagte Mutter, »aber deine Pläne werden wohl oder übel warten müssen. Bei dieser Sache haben wir keine Wahl.«

»Aber Mutter!«

»Bruno, Schluss jetzt«, fauchte sie ihn an und stand auf, um ihm zu zeigen, wie ernst es ihr war. »Erst letzte Woche hast du dich darüber beschwert, dass sich hier in letzter Zeit alles verändert hat.«

»Mir gefällt eben nicht, wenn wir nachts sämtliche Lichter ausschalten müssen«, gab er zu.

»Das müssen alle machen«, sagte Mutter. »Es dient unserer Sicherheit. Und wer weiß, vielleicht ist die Gefahr nicht so groß, wenn wir wegziehen. Aber jetzt geh nach oben und hilf Maria beim Packen. Dank einem gewissen Jemand bleibt uns nämlich weniger Zeit, alles vorzubereiten, als mir lieb gewesen wäre.«

Bruno nickte und ging traurig davon; er wusste, dass ein gewisser Jemand ein Ausdruck der Erwachsenen für Vater war, ein Ausdruck, den er selbst nicht benutzen durfte.

Langsam stieg er die Treppe hoch, hielt sich dabei mit einer Hand am Geländer fest und überlegte, ob es in dem neuen Haus in der neuen Stadt, wo die neue Arbeit war, wohl auch ein so schönes Geländer gäbe, auf dem man herunterrutschen konnte. Denn das Geländer in diesem Haus reichte vom obersten Stockwerk – direkt vor der kleinen Kammer, von der aus er ganz Berlin überblicken konnte, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte und am Fensterrahmen festhielt – bis ins Erdgeschoss, wo es knapp vor der gewaltigen zweiflügeligen Eichentür endete. Für Bruno gab es nichts Schöneres, als oben auf das Geländer zu steigen und, begleitet von einem zischenden Geräusch, durch das ganze Haus zu rutschen.

Vom obersten Stockwerk hinunter ins nächste, wo sich das Schlafzimmer der Eltern und ein großes Bad befanden, die er keinesfalls betreten durfte.

Dann hinunter ins nächste Stockwerk, wo sein Zimmer, das von Gretel und ein kleineres Bad waren, das er eigentlich häufiger benutzen sollte, als er es letztendlich tat.

Und dann hinunter ins Erdgeschoss, wo man vom Ende des Geländers fiel und auf beiden Füßen landen musste, sonst hatte man fünf Punkte gegen sich und musste wieder von vorn anfangen.

Das Geländer war das Beste am jetzigen Haus – das und die Tatsache, dass Großvater und Großmutter in der Nähe wohnten. Bei dem Gedanken an die beiden fragte er sich, ob sie wohl auch mitkamen, und eigentlich ging er davon aus, denn man konnte sie unmöglich zurücklassen. Auf Gretel hätte er gut verzichten können, weil sie ein hoffnungsloser Fall war – alles wäre sogar viel einfacher, wenn sie hierbleiben und das Haus hüten würde. Aber Großvater und Großmutter? Das war wirklich etwas völlig anderes.

Langsam stieg Bruno die Treppe hinauf zu seinem Zimmer, doch bevor er hineinging, schaute er noch einmal ins Erdgeschoss und sah, wie Mutter in Vaters Büro trat, das gegenüber vom Esszimmer lag und das zu betreten jederzeit und ausnahmslos verboten war. Er hörte, wie sie laut etwas zu Vater sagte, worauf dieser noch lauter etwas erwiderte und damit ihrer Unterhaltung ein Ende setzte. Dann wurde die Bürotür geschlossen. Bruno hörte nichts mehr und hielt es deshalb für besser angebracht, in sein Zimmer zu gehen und Maria das Packen abzunehmen, weil sie sonst womöglich alles sorglos und unbedacht aus dem Schrank zerrte, auch die ganz hinten versteckten Sachen, die nur ihm gehörten und keinen etwas angingen.

Kapitel zweiDas neue Haus

Als Bruno das neue Haus zum ersten Mal sah, machte er große Augen, sein Mund formte ein staunendes O, und er breitete wieder unwillkürlich die Arme aus. Alles daran war das genaue Gegenteil zu ihrem alten Haus, und er konnte nicht fassen, dass sie hier wirklich leben sollten.

Das Haus in Berlin hatte sich in einer ruhigen Straße befunden, in der noch eine Handvoll anderer großer Häuser stand, die immer einen schönen Anblick boten, weil sie nicht ganz, aber fast genauso aussahen wie sein Haus und weil andere Jungen in ihnen wohnten, mit denen er spielte (wenn sie Freunde waren) oder von denen er sich fernhielt (wenn sie Ärger versprachen). Das neue Haus dagegen stand ganz allein auf einem leeren, trostlosen Gelände, auf dem keine anderen Häuser in Sicht waren, und das hieß, es wohnten keine anderen Familien in der Nähe und auch keine Jungen zum Spielen – weder Freunde noch solche, die Ärger versprachen.

Das Haus in Berlin war gewaltig, und obwohl er dort neun Jahre lang gewohnt hatte, fand er immer noch Ecken und Winkel, die noch nicht ganz erforscht waren. Es gab sogar ganze Zimmer – beispielsweise Vaters Büro, das zu betreten jederzeit und ausnahmslos verboten war –, in die er kaum einen Fuß gesetzt hatte. Das neue Haus jedoch hatte nur drei Stockwerke: ein oberes, in dem sich alle drei Schlafzimmer und nur ein Bad befanden, das Erdgeschoss mit einer Küche, einem Esszimmer und einem neuen Büro für Vater (für das vermutlich dieselben Beschränkungen galten wie für das alte) und einen Keller, in dem die Dienstboten schliefen.

Das Haus in Berlin war umgeben von anderen Straßen mit großen Häusern, und wenn man zu Fuß ins Stadtzentrum ging, waren immer Leute unterwegs, die stehen blieben und miteinander plauderten, oder die herumrannten und sagten, sie hätten keine Zeit stehen zu bleiben, nicht heute, nicht wenn sie tausend Sachen zu erledigen hatten. Es gab Geschäfte mit hell erleuchteten Schaufenstern, Obst- und Gemüsestände mit Ablagen, auf denen sich Kohlköpfe, Karotten, Blumenkohl und Mais türmten. Manche quollen über von Lauch und Pilzen, Steckrüben und Rosenkohl; auf anderen lagen Salatköpfe, grüne Bohnen und Pastinaken. Manchmal fand er es schön, vor den Ständen zu stehen und die Augen zu schließen, die unterschiedlichen Düfte einzuatmen und zu spüren, wie ihm ganz schwindelig wurde von den vielen süßen und lebendigen Aromen. Rund um das neue Haus jedoch gab es keine anderen Straßen, keine Menschenseele war unterwegs oder eilte durch die Gegend, und Geschäfte oder Obst- und Gemüsestände gab es schon gar nicht. Wenn er die Augen schloss, fühlte sich alles um ihn herum leer und kalt an, als befände er sich am einsamsten Ort der Welt. Mitten im Niemandsland.

In Berlin hatten Tische an den Straßen gestanden, und manchmal, wenn er mit Karl, Daniel und Martin von der Schule nach Hause ging, saßen dort Männer und Frauen, die schäumende Getränke tranken und laut lachten; die Leute an den Tischen schienen immer gute Laune zu haben, dachte er oft, denn ganz gleich was sie sagten, jemand lachte immer. Das neue Haus dagegen hatte etwas an sich, das in Bruno den Verdacht schürte, dass dort nie jemand lachte, weil es dort nichts zu lachen gab und nichts, worüber man sich freuen konnte.

»Ich glaube, das war eine schlechte Idee«, sagte Bruno ein paar Stunden nach ihrer Ankunft, während Maria oben seine Koffer auspackte. (Maria war nicht das einzige Dienstmädchen in dem neuen Haus: es gab noch drei andere, die ziemlich dünn waren und sich immer nur im Flüsterton unterhielten. Dann war da noch ein alter Mann, der, so erklärte man ihm, jeden Tag das Gemüse putzte und ihnen das Essen servierte; er sah sehr unglücklich aus, aber auch ein bisschen verärgert.)

»Es ist nicht unsere Aufgabe, dies zu beurteilen«, sagte Mutter und öffnete einen Karton, der einen Satz von vierundsechzig Gläsern enthielt, den Großvater und Großmutter ihr geschenkt hatten, als sie Vater heiratete. »Ein gewisser Jemand trifft alle Entscheidungen für uns.«

Bruno wusste nicht, was sie damit meinte, und ignorierte deshalb ihre Bemerkung. »Ich glaube, das war eine schlechte Idee«, wiederholte er. »Ich glaube, wir sollten das Ganze hier vergessen und gleich wieder nach Hause fahren. Wir können es als Erfahrung verbuchen«, setzte er hinzu, eine Wendung, die er vor kurzem gelernt hatte und so oft wie möglich verwenden wollte.

Mutter lächelte und stellte vorsichtig die Gläser auf den Tisch. »Ich habe noch eine Wendung für dich«, sagte sie. »Sie lautet: Aus einer schlimmen Situation muss man immer das Beste machen.«

»Also, ich bin mir nicht sicher, ob wir das tun sollten«, sagte Bruno. »Ich finde, du solltest Vater einfach sagen, dass du es dir anders überlegt hast, und na ja, wenn wir für den Rest des Tages hierbleiben und zu Abend essen und noch übernachten müssen, weil wir alle zu müde sind, dann geht das in Ordnung, aber morgen sollten wir früh aufstehen, damit wir bis zum Nachmittagskaffee wieder in Berlin sind.«

Mutter seufzte. »Bruno, wieso gehst du nicht einfach nach oben und hilfst Maria beim Auspacken?«, fragte sie.

»Aber wozu auspacken, wenn wir doch nur ...«

»Bruno, tu es einfach, bitte!«, sagte sie wütend, denn sie durfte ihm anscheinend ins Wort fallen, nur umgekehrt funktionierte es nicht. »Wir sind hier. Wir sind angekommen. Für die absehbare Zukunft ist das unser Zuhause, und wir müssen das Beste daraus machen. Hast du mich verstanden?«

Er wusste nicht, was absehbare Zukunft bedeutete, und fragte sie.

»Das heißt, dass wir jetzt hier wohnen, Bruno«, sagte Mutter. »Und damit Schluss.«

Bruno spürte einen Schmerz im Bauch und merkte, wie etwas in ihm wuchs, das ihn, wenn es aus seinem tiefsten Inneren nach oben in die Außenwelt drang, entweder in Tränen ausbrechen oder schreien und brüllen lassen würde, wie falsch und ungerecht die ganze Sache war, ein großer Fehler, den schon bald jemand würde bezahlen müssen. Er konnte nicht begreifen, wie es zu alldem gekommen war. An einem Tag war er völlig zufrieden, spielte zu Hause, hatte drei gute Freunde, rutschte Treppengeländer hinunter und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ganz Berlin zu überblicken, und jetzt saß er hier in diesem kalten, hässlichen Haus fest, mit drei flüsternden Dienstmädchen und einem Kellner, der unglücklich und wütend war, einem Haus, in dem alle den Eindruck machten, dass sie nie wieder fröhlich sein konnten.

»Bruno, ich möchte, dass du nach oben gehst und auspackst, und zwar sofort«, sagte Mutter ziemlich unfreundlich, und da er merkte, dass es ihr ernst war, drehte er sich um und marschierte ohne ein weiteres Wort davon. Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen, war jedoch entschlossen, sie nicht zu zeigen.

Er ging nach oben und drehte sich langsam einmal im Kreis herum, in der Hoffnung, er könnte eine kleine Tür finden oder ein Kämmerchen, wo er irgendwann ein bisschen forschen könnte, doch da war nichts. Auf seinem Stockwerk gab es nur vier Türen, zwei auf jeder Seite, die einander gegenüberlagen. Eine Tür führte in sein Zimmer, eine Tür in Gretels, eine in das seiner Eltern und eine ins Bad.

»Das ist kein Zuhause und wird es nie sein«, flüsterte er vor sich hin, als er durch die Tür in sein Zimmer trat, wo seine Sachen auf dem Bett verstreut lagen und die Schachteln mit den Spielsachen und Büchern noch gar nicht ausgepackt waren. Es war unübersehbar, dass Maria die falschen Schwerpunkte setzte.

»Mutter schickt mich, um dir zu helfen«, sagte er ruhig. Maria nickte und wies auf eine große Tasche, die seine gesamte Unterwäsche und Socken enthielt.

»Du könntest die Sachen sortieren und in die Kommode dort drüben packen«, sagte sie und zeigte auf einen hässlichen Kasten, der auf der anderen Zimmerseite neben einem verstaubten Spiegel stand.

Bruno seufzte und öffnete die Tasche; sie war bis zum Rand mit seiner Unterwäsche gefüllt, und am liebsten wäre er hineingekrochen und hätte sich gewünscht, beim Herausklettern würde er aufwachen und wieder in Berlin sein.

»Was hältst du von dem Ganzen, Maria?«, fragte er nach einem langen Schweigen, denn er hatte Maria immer gemocht und als Angehörige der Familie betrachtet, auch wenn Vater sagte, sie sei nur ein Dienstmädchen und überbezahlt obendrein.

»Von welchem Ganzen?«, fragte sie.

»Dem hier«, sagte er, als wäre es das Offensichtlichste der Welt. »Dass wir an so einen Ort ziehen. Meinst du nicht, das war ein Riesenfehler?«

»Das habe ich nicht zu entscheiden, Bruno«, sagte Maria. »Deine Mutter hat dir erklärt, dass es mit der Arbeit deines Vaters zusammenhängt und ...«

»Ach, ich habe es satt, dass alle ständig von Vaters Arbeit reden«, fiel Bruno ihr ins Wort. »Etwas anderes kriegen wir nicht zu hören, wenn du mich fragst. Vaters Arbeit dies, Vaters Arbeit das. Aber wenn Vaters Arbeit heißt, dass wir von unserem Haus und dem Rutschgeländer und meinen drei allerbesten Freunden wegziehen müssen, dann sollte Vater sich das mit seiner Arbeit zweimal überlegen, findest du nicht?«

Im selben Moment knarrte es draußen im Flur, und als Bruno aufblickte, sah er, wie die Schlafzimmertür seiner Eltern einen Spalt geöffnet wurde. Er erstarrte und konnte sich kurz nicht vom Fleck rühren. Mutter war noch unten, und das hieß, dass Vater dort drin war und vielleicht alles mitgehört hatte. Er beobachtete die Tür, wagte kaum zu atmen und überlegte fieberhaft, ob Vater womöglich gleich herauskommen und ihn mit nach unten nehmen würde, um ihm eine ernsthafte Standpauke zu halten.

Die Tür öffnete sich noch weiter, und Bruno trat einen Schritt zurück. Eine Gestalt erschien, aber es war nicht Vater, sondern ein viel jüngerer Mann, der auch nicht so groß war wie Vater, aber er trug die gleiche Uniform, nur mit weniger Verzierungen an der Jacke. Er wirkte sehr ernst, und seine Mütze saß stramm auf dem Kopf. An den Schläfen konnte Bruno sehen, dass er sehr blondes Haar hatte, fast schon ein unnatürlicher Gelbton. Er trug eine Schachtel in den Händen und ging zur Treppe, blieb aber einen Augenblick stehen, als er sah, dass Bruno ihn beobachtete. Er musterte den Jungen von oben bis unten, als hätte er noch nie ein Kind gesehen und wäre nicht ganz sicher, was er mit einem anfangen sollte: es fressen, übersehen oder die Treppe hinunterwerfen. Stattdessen nickte er Bruno nur kurz zu und setzte dann seinen Weg fort.

»Wer war das?«, fragte Bruno. Der junge Mann hatte so ernst und geschäftig gewirkt, dass Bruno davon ausging, er müsse ungemein wichtig sein.

»Vermutlich einer von den Soldaten deines Vaters«, sagte Maria, die sich ganz gerade hingestellt hatte, als der junge Mann erschien, und ihre Hände wie zum Gebet vor sich hielt. Ihr Blick war starr auf den Boden gerichtet und nicht auf sein Gesicht, als befürchtete sie, in Stein verwandelt zu werden, wenn sie ihn direkt ansah; sie wurde erst wieder locker, als er weg war. »Wir werden sie noch rechtzeitig kennenlernen.«

»Ich glaube, ich mag ihn nicht«, sagte Bruno. »Er war mir zu ernst.«

»Dein Vater ist auch sehr ernst«, sagte Maria.

»Ja, aber er ist Vater«, erklärte Bruno. »Väter müssen ernst sein. Es spielt keine Rolle, ob sie Gemüsehändler, Lehrer, Köche oder Kommandanten sind«, sagte er. Es waren alles Berufe, die ihm bekannte anständige und ehrbare Väter ausübten, über deren Tätigkeiten er schon tausendmal nachgedacht hatte. »Aber der Mann sah nicht aus wie ein Vater. Obwohl er sehr ernst war, das schon.«

»Na ja, sie haben sehr ernste Aufgaben«, sagte Maria seufzend. »Jedenfalls denken sie das. Trotzdem würde ich mich an deiner Stelle von den Soldaten fernhalten.«

»Aber was soll ich denn sonst hier tun«, sagte Bruno traurig. »Ich glaube sogar, außer Gretel gibt es hier keinen, mit dem ich spielen könnte, und das soll Spaß machen? Sie ist ein hoffnungsloser Fall.«

Fast kamen ihm wieder die Tränen, aber er unterdrückte sie, denn vor Maria wollte er nicht wie ein Baby dastehen. Er sah sich im Zimmer um, ohne den Blick ganz vom Boden zu heben, und versuchte festzustellen, ob er etwas Interessantes finden könnte. Nichts. Zumindest fiel ihm nichts auf. Doch dann weckte etwas seine Aufmerksamkeit. In der Ecke gegenüber der Tür war ein Fenster in der Decke, das bis herunter in die Wand reichte, fast so wie das kleine Fenster im oberen Stockwerk in Berlin, nur nicht so hoch. Bruno betrachtete es und dachte, dass er vielleicht sogar hinaussehen konnte, ohne sich auf die Zehenspitzen stellen zu müssen.

Langsam ging er zu dem Fenster und hoffte, dass er von dort vielleicht bis nach Berlin sehen konnte, bis zu seinem Haus und den Straßen in der Umgebung, zu den Tischen, an denen die Leute saßen und ihre schaumigen Getränke tranken und einander lustige Geschichten erzählten. Er ging langsam, weil er nicht enttäuscht werden wollte. Doch es war nur ein kleines Zimmer und der Weg zum Fenster nicht weit. Er presste das Gesicht an die Scheibe und sah, was draußen war, und als er diesmal große Augen machte und sein Mund ein erstauntes O formte, blieben seine Hände unten, denn bei dem Anblick wurde ihm ganz kalt und ängstlich zumute.

Kapitel dreiDer hoffnungslose Fall