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In 'Der junge Joseph' entfaltet sich eine fesselnde Nacherzählung der biblischen Geschichte von Joseph, die in der berühmten hebräischen Tradition verankert ist. Manns narrative Brillanz zeigt sich in seiner Fähigkeit, das alte Testament zu verlebendigen, indem er den mythologischen Gehalt mit psychologischer Tiefe und subtiler Ironie bereichert. Der Roman zeichnet sich durch eine raffinierte Prosa aus, die sich durch philosophische Reflexionen und detaillierte Charakterdarstellungen auszeichnet und so den Leser in ein vielschichtiges Gewebe historischer und kultureller Verweise eintauchen lässt. Die Handlung ist so faszinierend wie lehrreich, da sie universelle Themen der Brüderlichkeit, des Verrats und der menschlichen Bestrebungen behandelt. Der literarische Schöpfer dieses Werkes, Thomas Mann, ist einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine intellektuelle Tiefe und stilistische Eleganz. Mann, der 1875 in Lübeck geboren wurde, war stark von der politischen und gesellschaftlichen Instabilität seiner Zeit geprägt, was in seiner Literatur erkennbar ist. Seine Faszination für die Dualität des menschlichen Zustands, gepaart mit seinem Interesse an Philosophie und Psychologie, inspirierte ihn dazu, die komplexen Themen von 'Der junge Joseph' zu erkunden. Manns bewundernswerte Fähigkeit, traditionelle Stoffe in ein modernes Gewand zu kleiden, macht dieses Werk zu einer unwiderstehlichen literarischen Erfahrung. Dem Leser offeriert 'Der junge Joseph' eine ergreifende Reise durch die Facetten der Menschlichkeit und der Moral, die sowohl belehrend als auch unterhaltsam ist. Dieses Buch ist nicht nur eine dramatische Neubearbeitung einer antiken Erzählung, sondern auch eine Meditation über die zeitlosen Konflikte und Widersprüche, die die menschliche Existenz prägen. Thomas Manns meisterhafte Erzählkunst fasziniert durch ihre Reflexion über das Verhältnis von Mythos und Realität und schafft es, den Leser tief in die universelle menschliche Erfahrung zu ziehen. Für jene, die in die Welt der Literatur eintauchen wollen, bietet dieses Werk eine unerlässliche Gelegenheit, sich den großen Fragen des Lebens mit Muße zu nähern.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Da heißt es nun: Joseph war siebzehn Jahre alt, da er ein Hirte des Viehs ward mit seinen Brüdern; und der Knabe war bei den Kindern Bilha’s und Silpa’s, den Weibern seines Vaters. Das ist richtig, und was hinzugefügt wurde im Schönen Gespräch: daß er vor ihren Vater gebracht habe, wo ein bös Geschrei wider die Brüder war, davon kennen wir Proben. Ohne Schwierigkeit ließe sich ein Gesichtswinkel finden, unter dem gesehen er ein unausstehlicher Bengel war. Es war der Standpunkt der Brüder. Wir teilen ihn nicht, oder verlassen ihn sofort, nachdem wir ihn einen Augenblick eingenommen; denn Joseph war mehr. Die Angaben aber, exakt wie sie sind, bedürfen eine nach der anderen der Erläuterung, damit die Sachlage deutlich werde und recht aufgehe, was eng zusammengeschrumpft durch Gewesenheit.
Joseph war siebzehn Jahre alt und in den Augen aller, die ihn sahen, der Schönste unter den Menschenkindern. Offengestanden sprechen wir nicht gern von Schönheit. Geht nicht Langeweile von dem Wort und Begriffe aus? Ist Schönheit nicht ein Gedanke erhabener Blässe, ein Schulmeistertraum? Man sagt, sie beruhe auf Gesetzen; aber das Gesetz redet zum Verstande, nicht zum Gefühl, das sich von jenem nicht gängeln läßt. Daher die Ödigkeit vollkommener Schönheit, bei der es nichts zu verzeihen gibt. Wirklich will das Gefühl etwas zu verzeihen haben, sonst wendet sich’s gähnend ab. Das bloß Vollkommene mit Begeisterung zu würdigen, bedarf es einer Ergebenheit für das Gedachte und Vorbildliche, die Schulmeistersache ist. Es ist schwer, dieser gedachten Begeisterung Tiefe zuzuschreiben. Das Gesetz bindet auf äußerlich lehrhafte Weise; innere Bindung bewirkt nur der Zauber. Schönheit ist magische Gefühlswirksamkeit, immer halb wahnhaft, sehr schwankend und zerstörbar eben als Wirkung. Setze einem schönen Körper ein garstiges Haupt auf, und auch der Körper wird nicht mehr schön sein in irgendeinem gefühlswirksamen Sinne – höchstens im Dunkeln, aber dann handelt sich’s um Betrug. Wieviel Betrug, Gaukelei, Fopperei ist einschlägig ins Gebiet des Schönen! Und warum? Weil es zugleich und auf einmal das Gebiet der Liebe und des Verlangens ist; weil das Geschlecht sich einmischt und den Begriff der Schönheit bestimmt. Die anekdotische Welt ist voll von Geschichtchen, wie als Weiber verkleidete Jünglinge Männern die Köpfe verdrehten, Fräuleins in Hosen die Leidenschaft von ihresgleichen entfachten. Die Entdeckung genügte, jedes Gefühl zu dämpfen, da die Schönheit unpraktisch geworden war. Menschenschönheit als Gefühlswirksamkeit ist vielleicht nichts als Geschlechtszauber, Anschaulichkeit der Geschlechtsidee, so daß man besser von einem vollkommenen Mann, einem höchst weiblichen Weibe als von einem schönen redete und nur mit verständiger Überwindung eine Frau die andere, ein Mann den anderen schön heißen wird. Fälle, in denen Schönheit über die Eigenschaft des offenbar Unpraktischen triumphiert und unbedingte Gefühlswirksamkeit bewährt, sind in der Minderheit, kommen aber nachweislich vor. Hier tritt das Moment der Jugend ins Spiel, also ein Zauber, den das Gefühl mit Schönheit zu verwechseln sehr geneigt ist, so daß Jugend, wenn nicht gar zu störende Gebrechen ihre Anziehung lähmen, meistens einfach als Schönheit empfunden wird – und zwar auch von ihr selbst, wie ihr Lächeln unmißverständlich bekundet. Ihrer ist die Anmut: eine Erscheinungsform der Schönheit, die ihrer Natur nach zwischen dem Männlichen und Weiblichen eine schwebende Mitte hält. Ein Jüngling von siebzehn ist nicht schön im Sinne vollkommener Männlichkeit. Er ist auch nicht schön im Sinne einer bloß unpraktischen Weiblichkeit – die wenigsten würde das anziehen. Aber so viel ist zuzugeben, daß Schönheit als Jugendanmut seelisch und ausdrucksweise immer ein wenig ins Weibliche spielt; das liegt in ihrem Wesen, ihrem zarten Verhältnis zur Welt und dem Verhältnis der Welt zu ihr begründet und malt sich in ihrem Lächeln. Mit siebzehn, das ist wahr, kann einer schöner sein als Weib und Mann, schön wie Weib und Mann, schön von beiden Seiten her und auf alle Weise, hübsch und schön, daß es zum Gaffen und Sichvergaffen ist für Weib und Mann.
So war es mit Rahels Sohn, und darum heißt es, daß er der Schönste war unter den Menschenkindern. Das war eine übertreibende Lobpreisung, denn seinesgleichen gab und gibt es die Menge, und seit der Mensch nicht mehr das Amphibium oder Reptil spielt, sondern seinen Weg zum Körperlich-Göttlichen schon recht weitgehend verfolgt hat, ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein Siebzehnjähriger so schlanke Beine und schmale Hüften, einen so wohlgestalteten Thorax, eine so goldbraune Haut der beifälligen Anschauung entgegenstellt; daß er weder zu lang noch zu gedrungen, sondern genau angenehm von Wuchs erscheint, daß er auf halbwegs göttliche Weise zu gehen und zu stehen weiß und seine Bildung zwischen Zartheit und Kraft eine schwebende Anmutsmitte hält. Es hat auch nichts Außerordentliches, daß auf einem solchen Körper kein Hundskopf, sondern etwas sehr Gewinnendes, mit annähernd göttlichem Menschenmund Lächelndes sitzt – das kommt alle Tage vor. Aber in Josephs Welt und Kreise war es nun gerade seine Person und Gegenwart, die die Gefühlswirksamkeit des Schönen übte, und allgemein fand man, daß auf seine Lippen, die bestimmt zu voll gewesen wären ohne ihre Bewegung im Sprechen und Lächeln, Huld vergossen habe der Ewige. Diese Huld war angefochten, es gab hie und da Widerwillen dagegen, aber der Widerwille leugnete nichts, und man kann nicht sagen, daß er sich eigentlich von dem herrschenden Gefühle ausgeschlossen hätte. Vieles spricht jedenfalls dafür, daß der Haß der Brüder im wesentlichen nichts anderes war als die allgemeine Verliebtheit mit verneinendem Vorzeichen.
So viel von Josephs Schönheit und seinen siebzehn Jahren. Daß er ein Hirte des Viehs war mit seinen Brüdern, nämlich mit den Kindern Bilha’s und Silpa’s, will auch erläutert, nach einer Seite ergänzt, nach der anderen eingeschränkt sein.
Jaakob, der Gesegnete, war ein Fremdling im Lande, ein Ger, wie man sagte, ein Gast und ansehnlich Geduldeter, – nicht weil er so lange außer Landes gelebt hatte, sondern von Hause aus, nach Erbe und Stand, als Sohn seiner Väter, die ebenfalls Gerim gewesen waren. Seine Würde war nicht die eines haussässigen Bürgers von städtischem Herrengeschlecht; Weisheit und Reichtum, sie beide zusammen, und das Gepräge, das sie seiner Person und Haltung verliehen, waren ihre Quelle, nicht seine Lebensform, die halb lokker und, wenn auch gesetzlich, so doch, wie man sagen möchte, von einer geordneten Zweideutigkeit war. Er wohnte in Zelten vor Hebrons Mauerbereich, wie er ehedem vor Sichems Toren gewohnt, und mochte sich aufheben eines Tages, um wieder andere Brunnen und Weiden zu suchen. War er also ein Bedu und Kainssprosse mit dem Zeichen der Unstetheit und der Räuberei an der Stirn, ein Greuel und Schrecken Städtern und Bauern? Das ganz und gar nicht. In der Todfeindschaft gegen Amalek unterschied sein Gott sich nicht von den Landesbaalen, – er, Jaakob, hatte es mehrfach bewiesen, indem er sein Hofvolk bewaffnet hatte, damit es, zusammen mit den Städtern und rindviehhaltenden Bauern, das kamelzüchtende, mit Stammeszeichen bemalte Gelichter der südlichen Wüste zurückschlage, das anschwärmte, um zu plündern. Doch war er auch wieder kein Bauer – mit Bewußtsein und ausdrücklich nicht; es hätte seinem religiösen Selbstgefühl widersprochen, das nicht mit dem von der Sonne geröteter Schollenbesteller übereinstimmte. Und außerdem hatte er als Ger und geduldeter Schutzbürger kein Recht auf Landbesitz, seine Wohnstätten ausgenommen. Er hatte ein wenig Ackerland in Pacht, bald dies, bald jenes Stück, ein ebengebreitetes oder ein abschüssig felsiges, mit fruchtbarer Erde zwischen dem Gestein, die Weizen und Gerste trug. Er ließ es von den Söhnen und Knechten bestellen – auch den Sämann und Schnitter also machte Joseph zuweilen, nicht nur den Hirten, wie übrigens jedermann weiß. Doch war diese lose Wirtschaft nur wenig bestimmend für Jaakobs Dasein, ein Nebenbei, an dem er ohne Herzlichkeit festhielt, um ein wenig Bodenständigkeit hervorzukehren. Was ihm in Wahrheit Lebensschwere verlieh, war sein beweglich wimmelnder Reichtum, es waren die Herden, für deren Erträgnisse er allen Überfluß eintauschte an Korn und Most, Öl, Feigen, Granatäpfeln, Honig und auch an Silber und Gold –, und dieser Besitz bestimmte sein Verhältnis zu Städtern und Landleuten, ein vertragsreiches und vielfach geregeltes Verhältnis, das seine Lockerheit bürgerlich festigte.
Zum Unterhalt der Herden bedurfte es geschäftsfreundlicher Beziehungen zu den Ansässigen, den handeltreibenden Städtern und den Bauern, die ihnen fronten oder zinsten. Weiderechte mußten gütlich und gültig gegen die und die Abgaben vereinbart werden mit den Leuten Baals, wenn Jaakob nicht unstet und flüchtig leben wollte, als Wanderräuber, der den Besitzenden ins Gehege brach und ihnen die Äcker verwüstete: verbriefte Befugnisse, sein Gewimmel zu treiben in die Stoppeln und es rupfend dahingehen zu lassen über das Brachland. Dieses aber nahm ab zu der Zeit in den Bergen hier; schon lange war Friede und Segenszeit, nicht lagen die Reisestraßen stille, der landbewuchernde Städter ward fett vom Karawanenhandel, von Stapel-, Umschlags- und Geleitgeldern für Waren, die vom Lande Mardugs über Damask auf der Straße östlich des Jardên durch diese Gegend ans große Meer und von da ins Land des Schlammes oder in entgegengesetzter Richtung gingen; er häufte den Grundbesitz, den er durch Hörige und Schuldsklaven bewirtschaften ließ und dessen Erträge ihn fett machten außer den Handelsvorteilen, so daß er, wie Ischullanu’s Söhne den Laban, durch Kapitalvorschüsse auch freie Bauern sich unterwerfen mochte; die Besiedelung nahm zu und die Beackerung; es blieb nicht allzuviel Weiderevier, und so kam es, daß das Land den Jaakob nicht trug, wie einst die Auen von Sodom den Abram und Lot zusammen nicht getragen. Er mußte sich teilen; größere Mengen seiner Bestände rupften vertraglich nicht hier, sondern fünf Tagereisen nördlicher im Lande, dort, wo Jaakob vordem gesiedelt hatte, im quellreichen Tale von Schekem, und dort hüteten meist die Lea-Söhne, von Ruben bis Sebulun, während nur die vier von Bilha und Silpa nebst den beiden Rahelsreisern beim Vater wohnten, also daß es wie mit den Bildern des Tierkreisgürtels war, von denen auch nur sechs auf einmal sichtbar, die anderen sechs aber dem Auge entzogen sind, worauf als auf Gleichnis und Abbild hinzuweisen Joseph sich nicht nehmen ließ. Damit ist nicht gesagt, daß nicht auch die Fernen herangekommen wären, wenn es bei Hebron besondere Arbeit gab, zum Beispiel zur Erntezeit – es ist sogar wichtig. Aber meistens waren sie fern um vier bis fünf Tagereisen. Das ist ebenso wichtig, und darum heißt es, der Knabe Joseph sei bei den Kindern der Mägde gewesen, es ist die Erklärung.
Die Arbeit nun aber, die Joseph mit den Brüdern auf Feld und Weide leistete, tat er nicht alle Tage, – man darf sie nicht allzu ernst nehmen. Nicht jederzeit war er ein Hirte des Viehs oder öffnete den Acker zur Wintersaat, wenn er weich war vom Regen, sondern nur dann und wann tat er das, zwischendurch, wenn es ihm einfiel, nach seinem Belieben. Jaakob, der Vater, gönnte ihm viel freie Zeit zu höheren Beschäftigungen, die gleich zu kennzeichnen sein werden. In welcher Eigenschaft aber war er mit jenen, wenn er es war, – als ihr Gehilfe oder ihr Aufseher? Das blieb den Brüdern auf anstößige Weise zweifelhaft, denn angewiesen von ihnen als der Jüngste, und zwar barsch genug, leistete er ihnen zwar leichte Dienste, hielt sich aber in ihrer Mitte nicht recht als ihresgleichen, nicht als Zugehöriger und Einverstandener ihrer Sohnesgemeinschaft gegen den Alten, sondern als dessen Vertreter und Sendling, der sie bespähte, so daß sie ihn ungern bei sich sahen, sich aber auch wieder ärgerten, wenn er nach Belieben zu Hause blieb.
Was tat er dort? Er saß mit dem alten Eliezer unter dem Gottesbaum, der großen Terebinthe nahe dem Brunnen, und trieb die Wissenschaften.
Von Eliezer sagten die Leute, er gleiche dem Abram von Angesicht. Sie konnten das im Grunde nicht wissen, denn niemand von ihnen hatte den Chaldäer gesehen, noch war irgendein Bild und Gleichnis seines Äußeren durch die Jahrhunderte überliefert, und die behauptete Ähnlichkeit Eliezers mit ihm konnte nur umgekehrt zu verstehen sein: Wenn man sich von der Person des Urwanderers und Freundes Gottes ein Bild zu machen suchte, so mochten Eliezers Züge wohl dabei zur Hilfeleistung taugen: und zwar nicht sowohl, weil sie groß und würdig waren wie seine Gestalt und Haltung, sondern vielmehr noch, weil ihnen etwas ruhig Allgemeines und göttlich Nichtssagendes eigentümlich war, das es erleichterte, sein Bild auf ein ehrwürdig Unbekanntes der Vorzeit zu übertragen. Er war von Jaakobs Jahren, etwas älter als dieser, und trug sich ähnlich wie er, halb beduhaft, halb nach der Art der Leute von Sinear, mit Fransenfalbeln auf seinem Kleide, an dessen Gürtelschärpe sein Schreibzeug steckte. Seine Stirn, soweit das Kopftuch sie frei ließ, war klar und ohne Runzeln. Die noch dunklen Brauen liefen von der breiten und wenig vertieften Nasenwurzel in schmalen und flachen Bogen zu den Schläfen, und darunter waren die Augen so geartet, daß die oberen und unteren, fast wimperlosen Lider, schwer und gleichsam geschwollen, wie Lippen wirkten, zwischen denen die schwarzen Augäpfel gewölbt hervortraten. Mit breitem Rücken senkte die engnüstrige Nase sich gegen den schmalen Schnurrbart, der, von den Mundwinkeln abwärtslaufend, dem weißgelben Barte des Untergesichts auflag und unter dem, gleichbreit von Winkel zu Winkel, der rötliche Bogen der Unterlippe hing. Der Ansatz des Bartes an den Wangen, die ihn, mit vielen kleinen Sprüngen in der gelblichen Haut, überwölbten, war ganz besonders ebenmäßig, so daß man den Eindruck gewinnen konnte, als sei dieser Bart an den Ohren befestigt und man könne ihn abnehmen. Ja, noch mehr, das ganze Gesicht erweckte die Vorstellung, es sei abnehmbar, und darunter möchte erst Eliezers eigentliches Gesicht sich befinden: dem Joseph als Knaben schien es in manchen Augenblicken so.
Über Eliezers Person und Herkunft waren verschiedene irrtümliche Nachrichten in Umlauf, denen weiter unten entgegengetreten werden soll. Er war Jaakobs Hausvogt und Ältester Knecht, lese- und schreibkundig und Josephs Lehrer, das sei hier genug.
»Sage mir, Sohn der Rechten«, fragte er ihn wohl, wenn sie miteinander im Schatten des Unterweisungsbaumes saßen: »aus welchen drei Gründen schuf Gott den Menschen als letztes nach allem Gewächs und Getier?«
Dann mußte Joseph antworten:
»Am allerletzten schuf Gott den Menschen erstens, damit niemand sagen könne, er habe mitgewirkt bei den Werken; zum zweiten um des Menschen Demütigung willen, damit er sich sage: ›Die Schmeißfliege ging mir voran‹, und drittens, damit er sich alsobald zum Mahle setzen könnte, als der Gast, für den alle Vorbereitungen getroffen.«
Hierauf erwiderte Eliezer zufrieden: »Du sagst es«, und Joseph lachte.
Aber das war das wenigste. Es war nur ein Beispiel statt vieler für die Übungen des Scharfsinns und des Gedächtnisses, denen der Junge sich zu unterziehen hatte auch für die Ur-Schnurren und Histörchen, die Eliezer ihm schon in zartem Alter überlieferte und mit deren Wiedergabe Joseph dann huldreichen Mundes die Leute bezauberte, die ohnedies närrisch vor Bewunderung waren ob seiner Schönheit. So hatte er am Brunnen den Vater zu unterhalten und abzulenken versucht durch die Nachricht und Fabel vom Namen, und wie Ischchara, die Jungfrau, ihn dem lüsternen Boten abgefragt. Denn nicht sobald hatte sie damals den wahrhaften und unverstellten erfahren, als sie ihn angerufen hatte und kraft seiner aufgefahren war, unversehrt an ihrer Jungfräulichkeit, indem sie Semhazai, dem Begehrlichen, ein Schnippchen schlug. Droben hatte der Herr sie sehr beifällig aufgenommen und zu ihr gesprochen: »Da du der Sünde entflohen bist, wollen wir dir unter den Sternen deinen Platz anweisen.« Und das war der Ursprung des Bildes der Jungfrau. Semhazai, der Bote, aber hatte nicht mehr empor gekonnt, sondern müssen im Staube bleiben bis auf den Tag, da Jaakob, Jizchaks Sohn, zu Beth-el den Traum von der Himmelsleiter geträumt. Erst auf dieser Leiter und Rampe hatte er wieder heimsteigen können, tief beschämt, daß er es nicht vermochte außer in eines Menschen Traum.
War das Wissenschaft zu nennen? Nein, es war kaum halb wahr und dem Geist nur ein Schmuck, war aber geeignet, das Gemüt vorzubereiten auf die Empfängnis des Strengeren und heilig Genauen. So erlernte Joseph von Eliezer das Weltall, nämlich das himmlische, dreigeteilte, das sich aus oberem Himmel, aus des Tierkreises himmlischer Erde und dem südlichen Himmelsmeer vorbildlich zusammensetzte; denn genau entsprach ihm das irdische, das ebenfalls in drei Teile – Lufthimmel, Erdreich und irdischen Ozean – zerfiel. Dieser, so lernte er, umlief die Erdscheibe wie ein Band, war aber auch unter ihr, so daß er zur Zeit der großen Flut durch alle Spalten brechen und seine Wasser mit denen des herabstürzenden himmlischen Meeres vereinen mochte. Aber das Erdreich war anzuschauen ganz wie das Festgestampfte und die himmlische Erde dort oben als ein Bergland mit zwei Spitzen, dem Sonnen- und Mondgipfel, Horeb und Sinai.
Sonne und Mond bildeten zusammen mit fünf anderen Wandelnden die Siebenzahl der Planeten und Befehlsträger, die in sieben Kreisen unterschiedlichen Umfanges am Damme des Tierkreises dahingingen, so daß dieser einem siebenstufigen Rundturme glich, dessen Terrassenringe emporführten zum obersten Nordhimmel und Herrschersitz. Dort war Gott, und es funkelte sein heiliger Berg wie von feurigen Steinen, so wie Hermon im Schnee herfunkelte über das Land von Norden. Auf den weiß schimmernden Herrscherberg der Ferne, den man überall und auch von dem Baume aus sah, wies Eliezer hin bei seiner Lehre, und Joseph unterschied nicht, was himmlisch und was irdisch war.
Er lernte das Wunder und das Geheimnis der Zahl, die Sechzig, die Zwölf, die Sieben, die Vier, die Drei, die Göttlichkeit des Maßes und wie alles stimmte und einander entsprach, so daß es ein Staunen war und eine Anbetung des großen Einklanges.
Zwölf waren es der Tierkreisbilder, und sie bildeten die Stationen des großen Umlaufs. Das waren die zwölf Monate zu dreißig Tagen. Aber dem großen Gange entsprach der kleine, denn teilte man auch ihn in die zwölf Abschnitte, so war da ein Zeitraum, sechzigmal so groß wie die Sonnenscheibe, und das war die Doppelstunde. Sie war der Monat des Tages und erwies sich als ebenso sinnreich teilbar. Denn der Durchmesser der Sonnenscheibe war genau so oft in der an den Tagesgleichen sichtbaren Sonnenbahn enthalten, wie das Jahr Tage hatte, nämlich dreihundertsechzigmal, und an eben diesen Tagen dauerte der Aufgang der Sonne von dem Augenblick an, da ihr oberster Rand überm Horizont erschien, bis zu dem, da die Scheibe vollkommen war, den sechzigsten Teil einer Doppelstunde. Siehe, das war die Doppelminute; und wie aus Sommer und Winter der große Kreislauf wurde, aus Tag und Nacht der kleine, so kamen von den zwölf Doppelstunden zwölf einfache je auf den Tag und die Nacht und sechzig einfache Minuten auf je eine Stunde des Tages und der Nacht.
War das Ordnung, Harmonie und Wohlsein?
Merke nur weiter, Dumuzi, wahrhafter Sohn! Mache deinen Sinn hell, scharf und heiter!
Sieben waren es der Wandelnden und der Befehlsübermittler, und ein Tag war jedem zu eigen. Aber sieben war auch die Zahl des Mondes im besonderen, der da den Weg der Götter, seiner Brüder, bahnte: nämlich die Zahl seiner Viertel, die siebentägig waren. Sonne und Mond waren zwei, wie alles in Welt und Leben und wie Ja und Nein. Darum konnte man die Planeten anordnen als zwei und fünf – mit wieviel Recht auch von seiten der Fünf! Denn diese stand in schönstem Verhältnis zur Zwölf, insofern fünfmal zwölf die schon als heilig erwiesene Sechzig ergaben, in dem allerschönsten aber auch zur heiligen Sieben, denn fünf und sieben waren zwölf. War das alles? Nein, man gewann bei dieser Anordnung und Sonderung eine fünftägige Planetenwoche, und zweiundsiebzig ihrer Art kamen aufs Jahr; fünf aber war die Zahl, mit der man die Zweiundsiebzig vervielfachen mußte, damit sich die herrliche Dreihundertsechzig ergab, – Summe zugleich der Tage im Jahr und Ergebniszahl jener Teilung der Sonnenbahn durch die längste Linie, die auf der Scheibe zu ziehen.
Das war glänzend.
Man konnte die Planeten aber auch anordnen als drei und vier, mit der erhabensten Befugnis von beiden Seiten her. Denn drei war die Zahl der Regenten des Tierkreises, Sonne, Mond und Ischtar. Sie war überdies die Weltzahl, sie bestimmte oben und unten die Gliederung des Alls. Auf der anderen Seite war vier die Zahl der Weltgegenden, denen die Tageszeiten entsprachen; sie war auch die Zahl der von je einem Planeten verwalteten Teile, in welche die Sonnenbahn zerfiel, und obendrein die des Mondes und des Ischtarsterns, welche vier Zustände zeigten. Was aber ergab sich, wenn man die Drei mit der Vier vervielfältigte? Es ergab sich die Zwölf!
Joseph lachte. Eliezer aber erhob seine Hände und sprach:
»Adonai!«
Wie fügte es sich, daß, wenn man die Tage des Mondes mit der Zahl seiner Zustände, nämlich vier, teilte, sich wieder die siebentägige Woche ergab? Das war Sein Finger.
Mit all diesem spielte Jung-Joseph unter des Alten Aufsicht wie mit Bällen und unterhielt sich gewinnbringend. Er sah ein, daß der Mensch, dem Gott Verstand gegeben, damit er das Heilige, aber nicht ganz Stimmende verbessere, die dreihundertsechzig Tage mit dem Sonnenjahr ausgleichen müsse, indem man zum Schlusse fünf Tage einschaltete. Das waren böse und arge Tage, Drachen- und Fluchtage winternächtigen Gepräges; erst wenn sie vorüber waren, erschien der Frühling, und Segenszeit waltete. Die Fünf gewann hier ein unleidliches Ansehen. Aber sehr übel war auch die Dreizehn, und warum? Weil die zwölf Mondmonate nur dreihundertvierundfünfzig Tage hatten und von Zeit zu Zeit Schaltmonate eingeschoben werden mußten, die dem dreizehnten Tierkreiszeichen, dem Raben, entsprachen. Ihre Überschüssigkeit stempelte die Dreizehn zur Unglückszahl, wie auch der Rabe ein heilloser Vogel war. Darum wäre Benoni-Benjamin beinahe gestorben, da er durch den Paß der Geburt gleichwie durch den Hohlweg zwischen den Gipfeln des Weltberges ging, und fast erlegen im Kampf gegen die Macht der Unterwelt, weil er Jaakobs Dreizehnter war. Aber Dina war angenommen worden als Ersatzopfer, und sie verdarb.
Es war gut, das Notwendige einzusehen und Gottes Gemütsart dabei zu durchdringen. Denn sein Zahlenwunder war nicht ganz tadellos, und der Mensch mußte es verständig ins gleiche bringen; auf der Berichtigung aber lag Fluch und Unheil, und selbst die Zwölf, sonst immer so schön, wurde ominös dabei, denn sie war es, mit der man die dreihundertvierundfünfzig Tage des Mondjahrs auf die dreihundertsechsundsechzig des Mond-Sonnenjahres bringen mußte. Nahm man aber dreihundertfünfundsechzig als Zahl der Tage an, so fehlte immer, wie Joseph ausrechnen mußte, ein Viertel Tag, und diese Unstimmigkeit schwoll im Gange der Umläufe, so daß deren eintausendvierhundertundsechzig ein ganzes Jahr daraus machten. Das war die Periode des Hundssternes; und Josephs raumzeitliche Anschauung wuchs nun ins Übermenschliche, sie drang von kleinen Kreisen zu immer ungeheuereren vor, die sie weit umliefen, zu geschlossenen Jahren von schaudervoller Ausdehnung. Schon der Tag war ein kleines Jahr mit seinen Zeiten, mit Sommershelle und Wintersnacht, und beschlossen waren die Tage im großen Kreislauf. Aber dieser war nur vergleichsweise groß, und eintausendvierhundertundsechzig davon schlossen sich umfassend zum Hundssternjahre. Die Welt aber bestand aus dem übergewaltigen Ab- und Rundlauf größter – oder vielleicht auch wieder noch nicht endgültig größter – Jahre, von denen ein jedes seinen Sommer und Winter hatte. Dieser trat ein, wenn alle Gestirne sich im Sternbilde des Wasserschöpfers oder der Fische trafen, jener, wenn sie es im Zeichen des Löwen oder des Krebses taten. Mit einer Flut begann jeder Winter, und jeder Sommer mit einer Feuersbrunst, also daß zwischen einem Anfangs- und einem Endpunkt alle Weltumläufe und großen Kreisgänge sich vollzogen. Jeder davon umfaßte vierhundertzweiunddreißigtausend Jahre und war die genaueste Wiederholung aller vorangegangenen, da ja die Gestirne in dieselbe Lage zurückgekehrt waren und im großen und kleinen die gleichen Wirkungen herbeiführen mußten. Darum hießen die Weltumläufe »Erneuerungen des Lebens«, auch wohl »Wiederholungen des Gewesenen«, auch wohl »Ewige Wiederkehr«. Außerdem war ihr Name »Olâm«, »Das Äon«; Gott aber war der Herr der Äonen, El olâm, der durch die Äonen Lebende, Chai olâm, und Er war es, der dem Menschen hatte olâm ins Herz gegeben, nämlich die Fähigkeit, die Äonen zu denken und sich damit in gewissem Sinne ebenfalls zu ihrem Meister aufzuschwingen ...
Das war ein stolzer Unterricht. Joseph unterhielt sich in großem Stil. Denn was wußte Eliezer nicht sonst noch alles! Geheimnisse, die das Lernen zu einem großen und schmeichelhaften Vergnügen machten, eben weil es Geheimnisse waren, die auf Erden nur eine kleine Anzahl verschwiegener Erzgescheiter in Tempeln und Bauhütten wußte, nicht aber der große Haufe. So wußte und lehrte Eliezer, die babylonische Doppelelle sei die Länge des Pendels, das sechzig Doppelschwingungen in der Doppelminute mache. Joseph, so geschwätzig er war, sagte es niemandem weiter; denn es erwies aufs neue die Heiligkeit der Sechzig, die, mit der schönen Sechs vervielfältigt, die hochheilige Dreihundertundsechzig ergab.
Er lernte die Längen- und Wegesmaße und leitete sie von seinem eigenen Gange und vom Gange der Sonne auf einmal ab, was nicht vermessen war, wie Eliezer ihn versicherte, denn der Mensch war das kleine All, das dem großen genau entsprach, und so spielten die heiligen Zahlen des Umlaufs ihre Rolle in dem ganzen Gebäude des Maßes und in der Zeit, die Raum wurde.
Sie wurde Hohlraum und damit Gewicht; und Joseph lernte die Werte und Zahlungsschweren in Gold, Silber und Kupfer nach der gewöhnlichen und der königlichen, der babylonischen und der phönizischen Norm. Er übte sich in kaufmännischen Berechnungen, verwandelte Kupfer- in Silberwerte, tauschte einen Ochsen gegen die Mengen von Öl, Wein und Weizen ein, die seinem Metallwert entsprachen, und war so quicken Geistes dabei, daß Jaakob, wenn er zuhörte, mit der Zunge schnalzte und sprach:
»Wie ein Engel! Ganz wie ein Engel des Araboth!«
Zu alldem lernte Joseph das Notwendigste von den Krankheiten und Heilstoffen, vom menschlichen Körper, der sich nach der kosmischen Dreizahl aus festen, flüssigen und luftförmigen Stoffen zusammensetzte. Er lernte die Körperteile den Tierkreisbildern und den Planeten zuzuordnen, das Nierenfett als überwertig zu schätzen, da das von ihm umlagerte Organ mit denjenigen der Zeugung in Zusammenhang stand und den Sitz der Lebenskraft bildete, die Leber als Ausgangspunkt der Gemütserregungen zu erkennen und sich an der Hand eines in Felder geteilten und vielfach beschriebenen Tonmodells das Lehrsystem einzuprägen, nach welchem die Eingeweide ein Spiegel des Zukünftigen und eine Quelle verlässiger Omina waren. – Dann lernte er die Völker des Erdkreises.
Es waren ihrer siebzig oder wahrscheinlich zweiundsiebzig, da dies die Zahl der Fünferwochen des Jahres war, und die Art einiger von ihnen, zu leben und anzubeten, war ungeheuerlich. In erster Linie galt dies von den Barbaren des letzten Nordens, die das Land Magog bewohnten, weit über Hermons Höhen und noch über das Land Chanigalbat, nördlich vom Taurus, hinaus. Aber entsetzlich war auch der äußerste Westen, Tarschisch genannt, wohin, jeder Furcht bar, Männer von Sidon gelangt waren, indem sie das Große Grüne in unendlich vielen Tagen der Länge nach durchschifft hatten. Auch nach Kittim, das meinte Sizilien, waren, versessen auf Ferne und Austausch, die Leute von Sidon und Gebal auf diesem Wege gedrungen und hatten dort Niederlassungen gegründet. Viel hatten sie getan, den Erdkreis bekannt zu machen: nicht gerade, damit der weise Eliezer Lehrstoff erhalte, sondern in dem Drang, Außensitzende zu besuchen und ihnen ihre Purpurstoffe und künstlichen Stickereien aufzuschwatzen. Es gab Winde, die sie gleichsam von selbst nach Cypern oder Alaschia und nach Dodanim, das war Rhodos, führten. Ohne allzu wilde Fährlichkeiten waren sie von da nach Muzriland und Ägypten vorgestoßen, von wo eine dem Handelsgeist holde Meeresströmung ihre Schiffe in die Heimat zurücktrug. Aber die Leute Ägyptens selbst hatten Kusch unterworfen und der Wissenschaft aufgetan, die Negerländer nilaufwärts gen Mittag. Sie hatten sich ein Herz gefaßt, waren ebenfalls zu Schiffe gegangen und hatten die Weihrauchländer am untersten Roten Meere ausfindig gemacht, Punt, das Reich des Phönix. Im äußersten Süden lag Ophir, das Goldland, der Kunde nach. Was den Aufgang betraf, so war ein König in Elam, den man noch nicht hatte befragen können, ob er nach seiner Himmelsrichtung über sich selbst hinauszublicken vermöchte. Wahrscheinlich nicht.
Dies ist nur ein Auszug von dem, was Eliezer dem Joseph unter dem Gottesbaum einprägte. Der Jüngling aber schrieb alles auf nach der Anweisung des Alten und las es, den Kopf auf der Schulter, sich selber vor, bis er es auswendig wußte. Das Lesen und Schreiben war selbstverständlich die Grundlage von allem und begleitete alles; denn es wäre sonst nur ein verwehendes Hörensagen und Wiedervergessenwerden gewesen unter den Menschen. Darum mußte Joseph sehr gerade hocken unter dem Baum, die Knie gespreizt, und in seinem Schoße das Schreibzeug halten, die Tontafel, in die er mit dem Griffel keilförmige Zeichen grub, oder die geklebten Blätter aus Schilfgewebe, das geglättete Stück Schaf- oder Ziegenhaut, darauf er mit dem faserig zerkauten oder spitz zugeschnittenen Rohr seine Krähenfüße aneinanderreihte, indem er es in den roten und den schwarzen Napf seiner Tuschtafel tauchte. Abwechselnd schrieb er die Landes- und Menschenschrift, die zur Befestigung seiner täglichen Redeweise und Mundart taugte und in der sich Handelsbriefe und -aufstellungen nach phönizischem Muster am säuberlichsten zu Blatt bringen ließen, – und auch wieder die Gottesschrift, die amtlich-heilige von Babel, die Schrift des Gesetzes, der Lehre und der Mären, für die es den Ton gab und den Griffel. Eliezer besaß zahlreiche und schöne Muster davon, Schriftstücke, die die Sterne betrafen, Hymnen an Mond und Sonne, Zeittafeln, Wetterchroniken, Steuerlisten sowie Bruchstücke großer Versfabeln der Urzeit, die erlogen waren, doch mit so kecker Feierlichkeit in Worte gebracht, daß sie dem Geiste wirklich wurden. Diese handelten von der Welt- und Menschenschöpfung, von Mardugs Kampf mit dem Drachen, von Ischtars Erhöhung aus dienender Stellung zur Königsherrschaft und ihrer Höllenfahrt, vom Gebärkraut und Lebenswasser, von den erstaunlichen Befahrnissen Adapa’s, Etana’s und jenes Gilgamesch, dessen Leib Götterfleisch war und dem es dennoch auf keine Weise gelang, das ewige Leben zu erwerben. Dies alles las Joseph mit dem Zeigefinger und schrieb es ab in züchtiger Haltung, ungebückt, nur die Lider gesenkt. Er las und schrieb von Etana’s Freundschaft mit dem Adler, der ihn gegen den Himmel Anu’s trug; und so hoch gelangten sie in der Tat, daß das Land unter ihnen wie ein Kuchen und das Meer wie ein Brotkorb war. Als aber beides ganz verschwunden gewesen, hatte den Etana leider die Furcht gepackt, und mitsamt dem Adler war er in die Tiefe gestürzt – ein beschämender Ausgang. Joseph hoffte, daß er sich anders halten würde als Held Etana, gegebenen Falles; doch besser als dessen Geschichte gefiel ihm die des Waldmenschen Engidu und wie die Dirne aus Uruk, der Stadt, ihn zur Gesittung bekehrte: wie sie den Viehischen lehrte, mit Manier zu essen und zu trinken, mit Öl sich zu salben und Kleider zu tragen, kurz, einem Menschen und Städter zu gleichen. Das zog ihn an, er fand es vorzüglich, wie die Dirne den Steppenwolf zustutzte, nachdem sie ihn durch ein Liebesleben von sechs Tagen und sieben Nächten für die Verfeinerung empfänglich gemacht. Die Babelsprache ging ihm in dunkler Pracht von den Lippen, wenn er diese Reihen aufsagte, so daß Eliezer den Saum küßte von seines Schülers Kleid und ausrief:
»Heil dir, Sohn einer Lieblichen! Deine Fortschritte sind glänzend, und wirst über ein kleines der Mazkir sein eines Fürsten und eines großen Königs Erinnerer! Gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!«
Danach schlenderte Joseph wieder hinaus zu den Brüdern aufs Feld oder auf die Weide, um ihnen leichte Dienste zu leisten als Jungknecht. Sie aber sprachen, indem sie die Zähne bloßlegten:
»Seht, da kommt er geschlendert, der Laffe mit Tintenfingern, und hat Steine gelesen von vor der Flut! Will er so gut sein, die Geißen zu melken, oder will er nur lauern, ob wir vielleicht Stücke Fleisches herausschneiden den Tieren für unseren Kochtopf? Ach, käme es nur auf unsere Lust an, ihn zu verprügeln, er sollte nicht leer ausgehen, wie es nun leider geschehen muß von wegen der Furcht Jaakobs!«
Führt man die schwere Trübung des Verhältnisses zwischen Joseph und seinen Brüdern, wie sie sich im Laufe der Jahre herausbildete, vom Einzelnen aufs Allgemeine, von den Reibereien und Mißhelligkeiten des Tages auf ihre grundlegenden Ursachen zurück, so stößt man auf Neid und Dünkel als erste und letzte Gründe; und wer Gerechtigkeit liebt, wird es schwer haben zu entscheiden, ob diesem, ob jenem Laster, ob also, persönlich gesprochen, dem Einen oder der Schar, die auf immer bedrohlichere Art gemeinsame Sache gegen ihn machte, die Hauptschuld an allem Unglück zuzuschreiben sei. Gerechtigkeit eben und der redliche Wunsch, sich jeder Parteilichkeit, zu der er versucht sein könnte, zu entschlagen, wird einen solchen vielleicht bestimmen, den Dünkel hier als der Übel erstes und als Quelle des Unheils zu rügen; aber dann wird wiederum Gerechtigkeit es sein, die ihn zu gestehen anhält, daß nicht oft in der Welt es so viel Anlaß zum Dünkel – und damit freilich auch zum Neide – gegeben hat wie hier und damals.
Es ist selten, daß Schönheit und Wissenschaft sich auf Erden zusammenfinden. Wohl oder übel ist man gewöhnt, die Gelehrsamkeit als häßlich, die Anmut aber als geistlos, und zwar – was eben zur Anmut gehört – als geistlos mit gutem Gewissen vorzustellen, da sie Schrift, Geist und Weisheit nicht nur nicht nötig hat, sondern sogar Gefahr liefe, durch sie entstellt und zerstört zu werden. Die exemplarische Überbrückung der Kluft nun aber, die zwischen Geist und Schönheit gesetzt ist, die Vereinigung beider Auszeichnungen im Einzelwesen erscheint als Aufhebung einer Spannung, die man als im Natürlich-Menschlichen begründet anzusehen gewohnt ist, und läßt ganz unwillkürlich an Göttliches denken. Das unbefangene Auge ruht auf solchem Vorkommnis göttlicher Spannungslosigkeit notwendig mit reinstem Entzücken, während es ganz danach angetan ist, die bittersten Empfindungen auszulösen bei solchen, die Grund haben, sich durch sein Licht verkürzt und verdunkelt zu finden.
So war es hier. Das glückliche Einverständnis, das gewisse Erscheinungen im Menschenherzen erregen und das man sachlich ihre Schönheit nennt, machte im Falle von Rahels Erstgeborenem sich mit solcher Unverbrüchlichkeit fühlbar; man fand ihn – ob wir nun diesem Enthusiasmus ganz zu folgen vermögen oder nicht – dermaßen hübsch, daß seine Anmut frühzeitig und ein gutes Stück ins Land hinein sprichwörtlich wurde. Und ihr war es gegeben, das Geistige und seine Künste in sich einzubeziehen, es mit heiterem Eifer zu ergreifen, in sich zu nehmen und es, geprägt mit ihrem Siegel, dem Siegel der Anmut, wieder aus sich zu entlassen, so daß zwischen beiden, zwischen Schönheit und Geist, kein Gegensatz und fast kein Unterschied mehr bestand. Wir sagten, die Aufhebung ihrer natürlichen Spannung habe göttlich anmuten müssen. Das ist wohl zu verstehen. Nicht ins Göttliche hob sie sich auf – denn Joseph war ein Mensch, dazu ein recht fehlbarer, und zu gesunden Verstandes, um das nicht jederzeit im Grunde wohl zu wissen; aber sie hob sich im Göttlichen auf; nämlich im Monde.
Wir waren Zeugen einer Szene, sehr kennzeichnend für die körperlichgeistigen Beziehungen, die Joseph zu diesem zauberhaften Gestirne pflegte – hinter dem Rücken seines Vaters, wie sich versteht, welcher, hinzukommend, nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als die Entblößung zu rügen, mit der sein ein und alles der nackten Schönheit dort oben liebäugelnd begegnet war. Mit dem Wesen des Mondes aber verband sich dem Jungen mehr als nur der Gedanke des Schönheitszaubers: auch und ebenso enge verband sich ihm damit die Idee der Weisheit und des Schrifttums, denn der Mond war das Himmelsbild Thots, des weißen Pavians und Erfinders der Zeichen, des Sprechers und Schreibers der Götter, Aufzeichners ihrer Worte und Schutzherrn derer, die schrieben. Schönheits- und Zeichenzauber auf einmal und als Einheit also war es gewesen, was ihn damals berauscht und seinem einsamen Kult das Gepräge gegeben hatte, – einem etwas abwegigen, wirren und zur Ausartung geneigten Kult, wohl geeignet, den Vater zu beunruhigen, aber ebendarum leicht ins Trunkene hinüberspielend, weil die Gefühle des Körperlichen und Geistigen auf eine entzückende Art darin durcheinandergerieten.
Ohne Zweifel hegt und besitzt jeder Mensch, mehr oder weniger bewußt, eine Vorstellung, einen Lieblingsgedanken, der die Quelle seines heimlichen Entzückens bildet und von dem sein Lebensgefühl gespeist und aufrechterhalten wird. Diese reizende Idee war für Joseph das Zusammenwohnen von Körper und Geist, Schönheit und Weisheit und das wechselseitig einander verstärkende Bewußtsein beider. Chaldäische Reisende und Sklaven hatten ihm erzählt, wie zum Zwecke der Menschenschöpfung Bel sich den Kopf habe abschlagen lassen, wie sein Blut sich mit Erde vermischt habe und aus dem blutigen Erdklumpen Lebewesen seien erschaffen worden. Er glaubte das nicht; aber wenn er sein Dasein empfinden und sich auf eine heimliche Art seiner freuen wollte, so erinnerte er sich jener blutigen Vermengung des Erdigen mit dem Göttlichen, fühlte sich, eigentümlich beglückt, selbst als von solcher Substanz und bedachte lächelnd, daß das Bewußtsein des Körpers und der Schönheit verbessert und verstärkt sein müsse durch das Bewußtsein des Geistes sowie dieses durch jenes.
Was er glaubte, war, daß der Geist Gottes, den die Leute von Sinear »Mummu« nannten, über den Chaoswassern gebrütet und durch das Wort die Welt erschaffen hatte. Er dachte: Man denke! Durch das Wort, das freie und auswärtige Wort war die Welt entstanden, und selbst heute noch – mochte ein Ding auch vorhanden sein, so war es in Wahrheit doch eigentlich erst vorhanden, wenn ihm der Mensch im Worte Dasein verliehen und es benannt hatte. Sollte da nicht auch ein hübscher und schöner Kopf von der Wichtigkeit wörtlicher Weisheit sich überzeugen?
Wie sehr aber mußten solche Neigungen und ihre von Jaakob aus mehreren, gleich anzuführenden Gründen geförderte Pflege den Joseph absondern von den Söhnen Lea’s und der Mägde, und wieviel Keime zur Hoffart hier, zur Mißgunst dort trug diese Absonderung in sich! Es widersteht unserm Griffel, die Brüder und Stammhalter, deren Namen noch heute jedes Kind mit Recht nach der Reihenfolge ihrer Geburt auswendig lernt, in Bausch und Bogen als recht gewöhnliche Burschen zu bezeichnen. Wenigstens auf ein paar von ihnen, wie auf Jehuda, der ein verwickelter und geplagter Charakter war, aber auch auf den grundanständigen Ruben träfe das übrigens nur unvollkommen zu. Erstens jedoch konnte von Schönheit bei denen so wenig, die dem Joseph an Jugend näher waren, wie bei denen, die schon hoch in den Zwanzigern standen, als er siebzehn zählte, im entferntesten die Rede sein, obgleich sie rüstige Leute waren und namentlich die Lea-Sprossen, allen voran Re’uben, aber auch Schimeon, Levi und Jehuda, sich eines athletischen Wuchses erfreuten; und was nun gar Wort und Weisheit betraf, so gab es keinen unter ihnen, der sich nicht geradezu eine Ehre daraus gemacht hätte, nicht das geringste davon zu halten und zu verstehen. Von Bilha’s Naphtali hieß es wohl früh schon, daß er »schöne Rede zu geben wisse«, aber dies Urteil beruhte auf volkstümlich bescheidenen Ansprüchen, und Naphtalis Redegabe lief alles in allem auf eine ziemlich untergeordnete Zungenfertigkeit hinaus, die wissenschaftlich ungegründet war und mit Höherem nichts zu tun hatte. Sie waren allesamt, was Joseph, um recht in ihrer Gemeinschaft aufzugehen, auch hätte sein müssen: Hirten und gelegentlich, an zweiter Stelle, auch feldbestellende Bauern, – höchst achtbar in beiden Eigenschaften und voller Aufsässigkeit gegen denjenigen, der sich mit des Vaters Erlaubnis einbildete, es auch sein zu können, aber nur nebenbei und gleichsam mit der linken Hand, indem er gleichzeitig den Schreiber und Tafelleser spielte. Bevor unter ihnen der Spitzname für Joseph aufkam, unter dem sie ihn am bittersten haßten: »Der Träumer von Träumen«, nannten sie ihn spottend Noah-Utnapischtim, den Erzgescheiten, den Leser von Steinen von vor der Flut. Er seinerseits, um ihnen zu antworten, nannte sie »Hundsköpfe« und »Leute, die nicht wissen, was Gut und Böse ist«, – nannte sie so ins Gesicht hinein, gedeckt einzig und allein durch die Furcht Jaakobs, ohne die sie ihn braun und blau geprügelt hätten. Wir würden das ungern gesehen haben; aber seine schönen Augen sollten uns nicht verleiten, die Antwort weniger tadelnswert zu finden als den Spott. Im Gegenteil; denn wozu nützt Weisheit, wenn sie nicht einmal vor Hochmut zu schützen vermag?
Und wie verhielt Jaakob, der Vater, sich zu alldem? Er war kein Gelehrter. Er sprach natürlich neben seiner südkanaanäischen Mundart das Babylonische, dieses sogar besser als jenes, aber das Ägyptische nicht, schon deshalb nicht, weil er, wie wir ihm anmerkten, alles Ägyptische mißbilligte und verabscheute. Was er von diesem Lande wußte, ließ es ihm als die Heimat der Fronfuchtel und der Unmoralität auf einmal erscheinen. Die staatliche Dienstbarkeit, die dort offenbar das Leben bestimmte, beleidigte seinen ererbten Sinn für Unabhängigkeit und Selbstverantwortung, und der Tierund Totenkult, der drunten in Blüte stand, war ihm ein Greuel und eine Narrheit, – dieser in noch höherem Grade als jener, denn aller Dienst am Unterirdischen, das aber schon sehr früh, schon beim Irdischen begann, schon beim Samenkorn, das in der Erde fruchtbar verweste, war ihm gleichbedeutend mit Unzucht. Er nannte das schlammige Land dort unten nicht »Keme« oder »Mizraim«, er nannte es »Scheol«, die Hölle, das Totenreich; und seine geistlich-sittliche Abneigung erstreckte sich auch auf das übertriebene Ansehen, in dem, wie man hörte, alles Schreibertum dortzulande stand. Seine eigene Übung auf diesem Gebiet ging kaum etwas weiter als bis zur Zeichnung seines Namens, wenn er ihn unter rechtliche Verträge zu setzen hatte, wobei er ihn aber meistens auch nur stempelte. Weiteres der Art überließ er dem Eliezer, seinem Ältesten Knecht, und mochte es tun; denn die Fertigkeiten unserer Diener sind unsere Fertigkeiten, und Jaakobs Würdenschwere beruhte auf solchen nicht. Sie war freien, ursprünglichen und persönlichen Wesens, sie gründete sich auf die Macht seines Fühlens und Erlebens, das ein kluges und bedeutendes Erfüllen von Geschichten war; sie entstammte einer natürlichen Geistigkeit, die, jedem spürbar, von ihm ausstrahlte, und war das Übergewicht eines Mannes von Eingebung, Traumkühnheit, Gottesunmittelbarkeit, der eigentlicher Schreibwissenschaft leicht entraten mochte. Es wäre wenig schicklich, einen Vergleich anzustellen, auf den Eliezer selbst in seinem Leben nicht verfallen wäre. Aber wäre es wohl seine Sache gewesen, den Traum von der Himmelsrampe zu träumen oder mit Gottes Hilfe im Naturbereiche Entdeckungen zu machen, wie die des Sympathiezaubers zur Erzeugung gesprenkelten Kleinviehs? Nie und nimmer!
Warum denn nun aber begünstigte Jaakob Josephs literarische Ausbildung durch den Schreibknecht und sah mit Wohlgefallen einer Belehrung zu, deren Gefahren für den Jungen und sein Verhältnis zu den Brüdern ihm nicht entgehen konnte? Das hatte zwei Gründe, Gründe der Liebe alle beide, der eine ehrgeiziger Art, der andere von sorgend-erzieherischer. Lea, die Verschmähte, hatte wohl gewußt, was sie sagte, als sie sich selbst und ihres Leibes Söhnen bei Josephs Geburt prophezeit hatte, nun würden sie alle vor Jaakob zu Nichtsen werden und leicht wie Luft. Seit dem Tage, der ihm das Kind der Rechten, Dumuzi, das Reis, den Sohn der Jungfrau, geschenkt, war Jaakob nur auf das eine aus: diesen Spätgekommenen vor die Früheren zu setzen, an ihre Spitze, an den obersten Platz und ihm, der doch nur Rahels Erster war, die Erstgeburt überhaupt zuzuspielen. Sein Zorn, als Re’uben sich mit Bilha so schlimm vergangen hatte, war echt genug gewesen, sehr echt und aufrichtig zweifellos, außerdem aber auch etwas gespielt und im Ausdruck zweckmäßig verstärkt. Joseph hatte es nicht gewußt, oder nur halb gewußt, aber als er damals dem Vater das Vorgefallene mit kindlich-boshaften Worten enthüllt hatte, war Jaakobs erster Gedanke gewesen: Jetzt kann ich dem Großen fluchen, und der Platz für den Kleinen wird frei! Ebenweil er sich bewußt war, so gedacht zu haben, und auch wohl aus Scheu vor der Erbitterung derer, die nach Ruben kamen, hatte er nicht gewagt, die Gelegenheit gleich aufs letzte auszunutzen und Joseph ausdrücklich an des Missetäters Stelle zu setzen. Vielmehr ließ er die Dinge in der Schwebe, indem er, abwartend, seinem Liebling den Ehrenplatz, den Platz des Erbes und der Erwählung, gleichsam offenhielt. Denn um die Erberwählung, den Segen Abrams handelte es sich, den Jaakob trug, den er an Esau’s Statt vom Blinden empfangen hatte und bei dessen Weitergabe auch er es nicht mit so rechten Dingen wünschte zugehen zu lassen, daß sie zu falschen würden. War es nur irgend einzurichten, so sollte das hohe Gut Josephs sein, der sichtbarlich, im Fleische wie im Geist, besser taugte, es zu empfangen, als der zugleich schwere und leichtsinnige Ruben; und jedes Mittel war recht, um seine höhere Eignung auch nach außen, auch anderen, auch den Brüdern selbst offenkundig zu machen, zum Beispiel die Wissenschaft. Die Zeiten änderten sich: bisher hatten Abrams geistliche Erben Gelehrsamkeit nicht nötig gehabt, Jaakob für seine Person hatte sie nicht entbehrt. In Zukunft aber, wer wußte, würde es vielleicht, wenn nicht notwendig, so doch nützlich und wünschenswert sein, daß der Gesegnete auch ein Studierter sei. Groß oder klein – auf jeden Fall war es ein Vorzug, und Joseph konnte vor den Brüdern nicht genug Vorzüge haben.
Dies war der eine Grund von Jaakobs Zustimmung. Der andere lag tiefer im Väterlich-Sorgenvollen, er betraf des Knaben Seelenheil und religiöse Gesundheit. Wir waren zugegen, als Jaakob, abends am Brunnenrand, seinem Liebling mit zarter Behutsamkeit eine Äußerung über hoffentlich nahe Bevorstehendes, die Regentränkung, abfragte, indem er gleichsam schützend dabei die Hand über ihn hielt. Er hatte nicht gern gefragt. Nur seine große Begier, über die Wetterzukunft, lebenswichtig wie sie war, etwas zu erfahren, hatte ihn vermocht, eine Gemütsverfassung des Sohnes zu benutzen, in der er ihn, wenn nicht ganz ohne Bewunderung, so doch mit ängstlich vorwiegender Abneigung sah.
Er kannte Josephs Anlage zu leicht ekstatischen Zuständen, zum nicht sehr ausgebildeten und halb verspielten, dann aber auch wieder echten prophetischen Krampf und schwankte sehr in seinem väterlichen Verhalten dazu, durchdrungen von der schlimm-heiligen Zweideutigkeit solcher Neigungen. Die Brüder, – ach nein, nicht einer von diesen hatte je das geringste Anzeichen derartiger Erwähltheit an den Tag gelegt, sie sahen nicht wie Heimgesuchte und Seher aus, das wußte Gott. Man konnte ruhig schlafen ihretwegen, Verzückung, mochte sie nun schlimm oder heilig zu werten sein, war nicht ihre Sache, und daß Joseph auch hierin von ihnen auf bedeutende, wenn auch bedenkliche Weise abstach, paßte ja einerseits in Jaakobs Pläne: es mochte als Auszeichnung verstanden werden, die zusammen mit so viel anderen Vorzügen die Erberwählung einleuchtend machte.
