Der Junge mit dem Herz aus Holz - John Boyne - E-Book

Der Junge mit dem Herz aus Holz E-Book

John Boyne

4,5
6,99 €

Beschreibung

Nach ›Der Junge im gestreiften Pyjama‹ schreibt Beststellerautor John Boyne eine märchenhafte Parabel über den Trost des Erzählens Eines Morgens läuft Noah von zu Hause fort. Ein einsamer Waldweg führt ihn zu einem Spielzeugladen voller Zauber und Magie. Hier lernt Noah einen sehr ungewöhnlichen Spielzeugmacher kennen. Der alte Mann hat viel zu erzählen. In seiner Geschichte geht es um Abenteuer, Wunder und gebrochene Versprechen. So nimmt er Noah mit auf eine Reise.Eine Reise, die Noahs Leben verändern wird. Und die auch unser Leben verändern könnte. - Nominiert für die Carnegie Medal 2012 (Longlist) - Buch des Monats August 2012 Jubu-Crew Göttingen

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 239




John Boyne

Der Junge mit dem Herz aus Holz

Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel

Mit Bildern von Oliver Jeffers

Fischer e-books

Für Katie Lynch

Kapitel 1Das erste Dorf

Noah Barleywater ging frühmorgens aus dem Haus, bevor die Sonne aufging, bevor die Hunde erwachten, bevor der Tau aufhörte, die Wiesen zu benetzen.

Er kletterte aus dem Bett und schlüpfte in die Kleider, die er am Abend vorher schon bereitgelegt hatte. Dann schlich er mit angehaltenem Atem die Treppe hinunter. Drei Stufen knarrten immer so laut, weil das Holz nicht richtig zusammengefügt war, da musste er besonders vorsichtig sein, weil er möglichst wenig Lärm machen wollte.

Im Flur nahm er seine Jacke vom Haken, aber die Schuhe zog er erst draußen an. Er tappte den Gartenweg entlang, öffnete das Törchen, trat hinaus und schloss es wieder. Bei jedem Schritt musste er aufpassen, damit seine Eltern ja nicht hörten, wie der Kies unter seinen Füßen knirschte, und womöglich nach unten kamen, um nachzusehen, was los war.

Es war noch dunkel um diese Zeit, und Noah kniff die Augen zusammen, um die Windungen der Straße überhaupt richtig zu sehen. Sobald es heller wurde, konnte er die Gefahren, die vielleicht irgendwo im Schatten lauerten, besser erkennen. Nach den ersten fünfhundert Metern kam er an die Stelle, wo er sich umdrehen musste, wenn er sein Elternhaus ein letztes Mal sehen wollte. Er sah, wie der Rauch aus dem Kamin aufstieg, und er dachte an seine Familie und wie sie jetzt alle warm und geborgen in ihren Betten lagen – und keiner ahnte, dass er sie für immer verließ. Und obwohl er es nicht wollte, wurde er ein bisschen traurig.

Mache ich das Richtige?, fragte er sich. Ein reicher Schatz glücklicher Erinnerungen versuchte, an die Oberfläche zu kommen, und wollte die neueren, traurigen Erinnerungen verdrängen.

Aber Noah hatte keine andere Wahl. Er konnte nicht bleiben. Da durfte ihm niemand einen Vorwurf machen. Wirklich nicht. Es war auf jeden Fall das Beste, wenn er losging, um sich alleine in der Welt zurechtzufinden. Immerhin war er schon acht Jahre alt und hatte in seinem ganzen Leben noch nichts Großes geleistet.

Ein Junge aus seiner Klasse, Charlie Charlton, war in der Lokalzeitung erwähnt worden, mit gerade mal sieben Jahren, weil die Königin gekommen war, um eine Tagesstätte für die Omas und Opas im Dorf einzuweihen. Charlie hatte die Aufgabe gehabt, ihr einen Blumenstrauß zu überreichen und zu sagen: Wir freuen uns sehr, dass Sie diese Reise gemacht haben, Madam. Ein Foto war aufgenommen worden, als er der Königin den Strauß entgegenstreckte. Auf dem Foto grinste Charlie wie die Katze aus Alice im Wunderland, und die Königin machte ein Gesicht, als würde sie etwas Komisches riechen, wäre aber viel zu höflich, um darüber zu sprechen. Noah hatte diesen Ausdruck schon öfter bei der Königin gesehen und musste immer kichern. Am nächsten Tag wurde das Foto in der Schule ans Anschlagbrett gepinnt und blieb dort hängen, bis irgendjemand – nicht Noah – der Königin einen Schnurrbart malte und lauter unanständige Wörter in eine Sprechblase kritzelte, die aus ihrem Mund herauskam. Der Rektor, Mr Tushingham, bekam fast einen Schlaganfall.

Die ganze Sache löste einen Riesenskandal aus, aber immerhin war Charlie Charltons Gesicht in der Zeitung, und ein paar Tage lang redete man auf dem Schulhof über nichts anderes. Hatte Noah je im Leben etwas getan, was man damit vergleichen konnte? Nein, nichts. Erst vor ein paar Tagen hatte er versucht, eine Liste mit allen seinen Leistungen aufzustellen, und war zu folgendem Ergebnis gekommen:

Ich habe vierzehn Bücher von vorn bis hinten durchgelesen.

Ich habe beim Sportfest letztes Jahr beim Fünfhundert-Meter-Lauf die Bronzemedaille gewonnen und hätte sogar Silber bekommen, wenn Tommy O’Neill nicht einen Frühstart hingelegt hätte.

Ich weiß, wie die Hauptstadt von Portugal heißt. (Sie heißt Lissabon.)

Ich bin zwar eher klein für mein Alter, aber ich bin der siebtklügste Junge in meiner Klasse.

Ich bin sehr gut in Rechtschreibung.

Mit acht Jahren erst fünf größere Leistungen, dachte er dann kopfschüttelnd und drückte die Bleistiftspitze an die Zunge, obwohl seine Lehrerin, Miss Bright, immer laut zeterte, wenn jemand das machte. Man würde davon eine Bleivergiftung bekommen, behauptete sie. Das heißt, eine Leistung pro … Er überlegte und rechnete schnell auf einem Schmierzettel nach. Eine Leistung pro Jahr-sieben-Monate-sechs-Tage. Wirklich nicht besonders toll.

Er versuchte sich einzureden, dass das der Grund war, weshalb er von zu Hause weglief, weil es viel abenteuerlicher klang als der wahre Grund, über den er lieber nicht nachdenken wollte. Jedenfalls nicht so früh am Morgen.

Und jetzt war er hier, ganz allein auf der Straße, ein junger Krieger, der in die Schlacht zog. Er drehte sich um und dachte bei sich: Das war’s! Ich werde dieses Haus nie wieder sehen! Und ging weiter, mit dem lässigen Gang eines Mannes, der weiß, dass er bei der nächsten Wahl garantiert zum Bürgermeister gewählt wird. Man musste selbstbewusst auftreten – das war ihm schon lange klar. Schließlich hatten Erwachsene die blöde Angewohnheit, bei Kindern, die allein herumliefen, gleich zu vermuten, dass sie irgendetwas Kriminelles vorhatten. Keiner kam auf die Idee, dass es sich vielleicht einfach nur um einen jungen Menschen handelte, der aufbrach, um die Welt zu sehen und um große Abenteuer zu erleben. Sie waren so engstirnig, so kleinkariert, diese Erwachsenen. Und das war eins ihrer zahlreichen Probleme.

Ich muss immer stur nach vorne schauen, als wollte ich mich mit jemandem treffen, den ich kenne, sagte er sich. Ich muss mich benehmen, als hätte ich ein klares Ziel vor Augen, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass mich jemand anhält und wissen will, was ich vorhabe. Ich muss ziemlich schnell laufen, als wäre ich wahnsinnig in Eile und hätte Angst, dass man mich grün und blau prügelt, falls ich nicht superpünktlich zur vorgeschriebenen Zeit da bin, wo ich hinmuss.

Es dauerte nicht lang, bis er das erste Dorf erreichte, und als er dort ankam, wurde er schon ein bisschen hungrig, weil er ja seit dem vergangenen Abend nichts mehr gegessen hatte. Aus den Fenstern der Häuser am Straßenrand wehte der Duft von Eiern mit Speck. Noah leckte sich die Lippen und schaute nach oben. In den Büchern, die er gelesen hatte, stellten die Erwachsenen oft Kuchen und Pasteten auf den Fenstersims, damit die Hitze aus den spitzen Teighüten abdampfte und heißhungrige Jungen wie er sich die Sachen im Vorübergehen schnappen konnten. Aber in diesem Dorf schien niemand so dumm zu sein. Vielleicht hatten sie auch nur nicht die gleichen Bücher gelesen wie er.

Doch dann – was für ein Glückstreffer! Vor ihm stand ein Apfelbaum. Gerade eben war da noch kein Baum gewesen, oder jedenfalls hatte Noah ihn nicht bemerkt, aber jetzt stand er da, groß und majestätisch in der frischen Morgenluft, die Zweige schwer von glänzenden grünen Äpfeln. Noah blieb abrupt stehen und strahlte. Das war wirklich eine tolle Überraschung, denn er liebte Äpfel über alles. Seine Mutter sagte immer, er müsse aufpassen, sonst würde er sich eines Tages in einen Apfel verwandeln. (Dann stand sein Name aber garantiert in der Zeitung.)

Frühstück!, dachte er und rannte los. Aber plötzlich bewegte sich einer der Zweige ein Stück nach oben – der Zweig, der am nächsten bei ihm war – und drückte sich dichter an den Stamm, als wüsste er irgendwie, dass Noah vorhatte, ihm seine Schätze zu rauben.

»Wie ungewöhnlich!«, murmelte Noah, überlegte kurz und nahm dann noch einmal Anlauf.

Diesmal gab der Baum ein unüberhörbares Brummen von sich – so ähnlich wie Noahs Vater, wenn er Zeitung las und sein Sohn ihn nervte, weil er unbedingt draußen mit ihm Fußball spielen wollte. Und wenn Noah nicht gewusst hätte, dass es unmöglich war, hätte er geschworen, dass der ganze Baum ein Stück nach rechts rückte, von ihm weg, und dass sich jetzt alle Zweige fester an den Stamm schmiegten, während die Äpfel vor Angst zitterten.

»Das kann doch gar nicht sein«, sagte Noah kopfschüttelnd. »Bäume bewegen sich nicht vom Fleck. Und Äpfel zittern nicht vor Angst.«

Aber trotzdem – der Baum hatte sich bewegt. Ganz eindeutig. Und jetzt fing er sogar an zu reden. Was sagte er? Ein leises Stimmchen flüsterte unter der Rinde hervor … »Nein, nein, bitte nicht, ich flehe dich an, nein, nein …«

Also, nun reicht’s aber mit dem Quatsch, beschloss Noah und rannte auf den Baum zu, der sofort erstarrte, als der kleine Junge die Arme um ihn schlang und drei Äpfel von den Zweigen pflückte – eins, zwei, drei. Dann ließ Noah den Baum wieder los, steckte einen Apfel in die linke Tasche, den zweiten in die rechte und biss triumphierend in den dritten Apfel.

Der Baum bewegte sich jetzt nicht mehr. Er ließ höchstens die Zweige hängen.

»Ich habe Hunger!«, rief Noah laut, als müsste er dem Baum seine Lage erklären. »Was soll ich machen?«

Der Baum antwortete nicht, also zuckte Noah nur die Schultern und ging weiter. Irgendwie hatte er schon ein schlechtes Gewissen, aber er schüttelte ganz schnell den Kopf, als könnte er dadurch die Schuldgefühle aus den Ohren schleudern und hinter sich lassen. Dann schlenderte er munter den Kiesweg durchs erste Dorf entlang.

Doch plötzlich rief eine laute Stimme hinter ihm: »He, du!« Noah blieb stehen und drehte sich um. Da sah er, dass ein Mann ganz schnell auf ihn zugerannt kam. »Ich hab dich gesehen!«, schrie der Mann und drohte ihm mit seinem knorrigen Finger. »Was fällt dir ein!«

Noah wartete kurz, doch dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte los. Er musste mit allen Mitteln verhindern, dass er nach Hause zurückgeschickt wurde. Ohne eine Sekunde zu zögern, sauste er davon, so schnell er nur konnte. Dabei wirbelte er unglaublich viel Staub auf, und dieser Staub bildete eine dunkle Wolke, die den restlichen Vormittag auf das erste Dorf herunterrieselte und die Gärten und die frisch gesetzten Frühjahrspflanzen bedeckte. Die Dorfbewohner keuchten und husteten stundenlang. Noah hinterließ also eine Spur der Verwüstung, ohne auch nur im Geringsten zu ahnen, was er angerichtet hatte.

Erst als er ganz sicher war, dass er nicht mehr verfolgt wurde, verlangsamte er sein Tempo. Da merkte er, dass beim Rennen der Apfel aus seiner linken Tasche herausgefallen war.

Abb. 1 ZWEI ÄPFEL, einer angebissen

Macht nichts, dachte er. Ich hab ja noch den Apfel in meiner rechten Tasche.

Doch nein, der zweite Apfel war ebenfalls verschwunden. Dabei hatte Noah gar nicht gehört, wie die Äpfel auf den Boden plumpsten.

So was Blödes!, dachte er. Na, wenigstens hab ich noch einen Apfel in der Hand.

Doch nein, irgendwo unterwegs war ihm auch dieser Apfel abhandengekommen, und er hatte es nicht gemerkt.

Wie ungewöhnlich!, dachte er und ging weiter. Allerdings war er jetzt doch ein bisschen entmutigt. Er versuchte, nicht daran zu denken, wie hungrig er war. Ein einziger Biss in einen Apfel ist nicht gerade ein angemessenes Frühstück für einen achtjährigen Jungen, vor allem nicht, wenn dieser Junge aufgebrochen ist, um die Welt zu sehen und um große Abenteuer zu erleben.

Kapitel 2Das zweite Dorf

Bis zum zweiten Dorf dauerte es wesentlich länger als bis zum ersten.

Die Strecke erschien Noah endlos, und als er schließlich in der Ferne ein großes Haus mit einem leuchtend roten Dach sah, erinnerte ihn das an den Überraschungsausflug, den seine Mutter vor ein paar Wochen mit ihm unternommen hatte. Bei diesem Ausflug hatten sie in einem kleinen Café mit genauso grellen Dachziegeln Rast gemacht, eine Tasse Tee getrunken und eine Puddingschnitte gegessen. Zu seiner großen Freude gab es in diesem Café in der Ecke einen Flipperautomaten, und gleich beim ersten Versuch schaffte er viereinhalb Millionen Punkte – das war viel, viel mehr als die bisherige Höchstzahl, und der Automat hörte nicht auf zu scheppern und zu klingeln.

Das war auch eine große Leistung, dachte Noah. Er hatte sich wie verrückt über seinen Triumph gefreut, an das Gefühl erinnerte er sich genau und auch daran, dass seine Mutter so voller Bewunderung für ihn gewesen war, vor allem, als sie es selbst versuchte und nicht über dreihunderttausend Punkte hinauskam.

»Haben Sie das gesehen?«, sagte sie dann zu dem Mann, der hinter der Theke stand und mit einem schmutzigen Geschirrhandtuch die Gläser abtrocknete. »Mein Sohn hat beim Flipper gerade viereinhalb Millionen Punkte gemacht.«

»Na und?«, sagte der Mann, als könnte das jeder.

»Was heißt hier ›na und‹?«, rief Noahs Mutter, lachte kurz und schaute sich erstaunt um. »Vielleicht wird er eines Tages Weltmeister, und dann können Sie allen Leuten erzählen, dass er hier in Ihrem Café angefangen hat.«

»Ich glaube nicht, dass es Flipper-Weltmeisterschaften gibt«, sagte der Mann, der aussah, als hätte er seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gelächelt und auch keinen Grund dazu gehabt. »Das ist doch kein richtiger Sport.«

»Zwanzig Kilometer Gehen auch nicht«, erwiderte Noahs Mutter. »Aber dafür gibt’s bei den Olympischen Spielen sogar eine Medaille.«

Noah hatte damals gekichert, weil es ihm immer gut gefiel, wenn seine Mutter stolz auf etwas war, das er getan hatte, aber es wunderte ihn auch, dass sie es so furchtbar wichtig fand. (Überhaupt war an diesem Tag alles irgendwie superwichtig für sie. »Wir wollen keine Minute verplempern«, sagte sie, als sie aus dem Café herauskamen, und blickte sich um, ob es irgendwo noch etwas Spannendes gab. »Was können wir als Nächstes machen?«)

Im zweiten Dorf war wesentlich mehr los als im ersten, weil inzwischen die Sonne aufgegangen war und die Erwachsenen alle zur Arbeit gingen, mit einem Gesicht, dem man ansah, dass sie lieber noch eine Stunde im Bett gedöst hätten oder ganz zu Hause geblieben wären. Die meisten eilten schnell an Noah vorbei, mit ihrer Aktentasche unter dem Arm und dem Schirm in der Hand, weil sie immer das Schlimmste befürchteten. Ein paar musterten ihn allerdings misstrauisch, weil sie merkten, dass er nicht von hier war. Zum Glück war es noch so früh, dass niemand neugierig genug war, um ihn zu fragen.

Noah blickte die Straße hinauf und hinunter und fragte sich, ob es hier auch ein Café gab – dann könnte er eine Runde Flipper spielen, und wenn er wieder eine Punktzahl erreichte, die besser war als alles vorher, dann bot ihm der Besitzer vielleicht ein warmes Frühstück an, um ihm zu seiner großartigen Leistung zu gratulieren. Er konnte sich nämlich kein Frühstück bestellen, weil er beschlossen hatte, weder aus der Brieftasche seines Vater ein paar Scheine zu stehlen noch sich Münzen aus dem Geldbeutel seiner Mutter zu borgen, ehe er aus dem Haus ging. Zwar wusste er, dass Geld manche Aspekte seiner Abenteuerreise erleichtern würde, aber er wollte seinen Eltern nicht als Dieb im Gedächtnis bleiben.

Er schaute sich um und entdeckte nichts, wo sich vielleicht die Möglichkeit eines kostenlosen Frühstücks ergeben könnte, und plötzlich überfiel ihn eine schreckliche Müdigkeit, weil er ja so früh aufgestanden war und schon eine lange Strecke zurückgelegt hatte. Ohne daran zu denken, dass es einen sehr unfeinen Eindruck machte, falls ihn jemand beobachtete, breitete er die Arme aus und erlaubte sich den Luxus, ganz ausgiebig zu gähnen. Dabei schloss er die Augen und ballte die Hände zu Fäusten, und aus Versehen boxte er einen winzig kleinen Mann, der zufällig gerade vorbeikam, mitten ins Auge.

»Aua!«, schrie der winzige Mann und blieb stehen, rieb sich das schmerzende Gesicht und funkelte den Boxer böse an.

»Ach, du meine Güte!«, rief Noah schnell. »Das tut mir furchtbar leid, Sir, ich habe Sie gar nicht gesehen.«

»Du schlägst mich nicht nur, sondern beleidigst mich auch noch?«, schimpfte der Mann wütend, und sein Gesicht lief vor Wut feuerrot an. »Ich bin zwar klein, aber unsichtbar bin ich nicht, nur damit du’s weißt!« Er sah wirklich sehr ungewöhnlich aus und war nicht einmal so groß wie Noah, von dem alle Leute sagten, er sei ein bisschen zu klein für sein Alter, aber er solle sich keine Sorgen machen, das würde sich schon bald genug ändern. Der Mann hatte etwas auf dem Kopf gehabt, das aussah wie eine schwarze Perücke, aber diese war heruntergefallen und lag jetzt bei seinen Füßen, und als er sie aufhob, setzte er sie verkehrt herum auf, so dass er aussah wie jemand, der sich entfernt, und nicht wie jemand, der näher kommt. Vor sich her schob er eine Schubkarre, in der eine große graue Katze saß, die kurz die Augen öffnete, um Noah zu mustern. Sie verzog das Gesicht, als wollte sie sagen, dass sie schon massenhaft Jungen wie ihn gesehen hatte und dass es sich nicht lohnte, sich mit ihm abzugeben, und schon war sie wieder eingeschlafen.

»Ich wollte das nicht, ehrlich«, sagte Noah, der über die Wut des Mannes erschrak. »Ich wollte Sie weder schlagen noch beleidigen.«

»Und trotzdem hast du beides getan, und jetzt verspäte ich mich deinetwegen auch noch. Wie viel Uhr ist es überhaupt?« Noah schaute auf seine Armbanduhr, aber bevor er antworten konnte, begann der Mann, laut zu jammern. »Nein, sag mir lieber nicht, wie viel Uhr es ist!«, jaulte er voller Wut. »So ein Pech aber auch – wir haben einen Termin beim Tierarzt, und er behandelt niemanden, der zu spät kommt. Er wirft einen sofort wieder raus auf die Straße. Und wenn das passiert, dann stirbt meine Katze ganz bestimmt. Und du bist an allem schuld. Du bist wirklich ein abscheulicher kleiner Junge.« Bei den letzten drei Wörtern wurde seine Stimme ganz tief und laut, und sein Gesicht bekam eine Farbe wie ein überreifes Radieschen.

»Ich habe doch gesagt, es tut mir leid!« Noah war verdutzt: Wenn der Mann zu spät zu seinem Termin kam, konnte er das doch nicht ihm in die Schuhe schieben. Schließlich hatte er den Mann nur ganz kurz aufgehalten. Und wenn die Katze starb … tja, Katzen starben, so war das nun mal. Seine eigene Katze war auch vor ein paar Monaten gestorben, und sie hatten sie begraben, und alle waren ganz traurig gewesen, aber danach hatten sie weitergelebt. Seine Mutter hatte sogar für die Gitarre ein langes Lied über die Katze komponiert und es gespielt, als sie das Grab wieder zuschaufelten. So was konnte sie gut, fand Noah und lächelte in sich hinein. Mama sorgte dafür, dass traurige Erlebnisse nicht den gesamten Tag verdarben.

»Wer bist du überhaupt?«, fragte der Mann, beugte sich vor und schnupperte ausführlich an Noah, als wäre er eine Schüssel Schlagsahne, die zu lange auf der Anrichte gestanden hat und vielleicht schon sauer ist. »Ich kenne dich nicht, oder? Was hast du hier verloren? Wir wollen keine Fremden in unserem Dorf, nur damit du’s weißt. Geh gefälligst wieder dahin zurück, wo du herkommst, und lass uns in Frieden!«

»Ich bin Noah Barleywater«, sagte Noah, »und ich bin nur auf der Durchreise, weil –«

»Interessiert mich nicht!«, zischte ihn der kleine Mann an, packte seine Schubkarre und rannte los, laut vor sich hin schimpfend.

Die Leute hier sind nicht besonders freundlich, dachte Noah, während er dem kleinen Mann nachschaute. Und ich dachte schon, vielleicht ist dieses Dorf der richtige Ort für einen Neuanfang.

Der Zwischenfall hinterließ einen unangenehmen Geschmack in seinem Mund, und als er weiterging, hatte er das sichere Gefühl, dass alle Leute im Dorf ihn anstarrten. Bestimmt packten sie ihn gleich und warfen ihn ins Gefängnis. Da sah er einen Mann, der normal groß war. Dieser Mann saß auf einer Bank, las die Zeitung und schüttelte traurig den Kopf, als wären die Welt und alles, was sich auf der Welt ereignete, für ihn eine Quelle tiefster Enttäuschung.

»Lieber Himmel!«, rief der Mann plötzlich, zerknüllte die Ränder der Zeitung in den Fäusten und starrte entsetzt auf den Artikel, den er gerade las. »Ach, du grüne Neune!«

Noah zögerte kurz, doch dann lief er zu ihm hin und setzte sich neben ihn, weil er gern wissen wollte, worüber sich der Mann so aufregte.

»Das ist schockierend«, sagte der Mann und schüttelte wieder den Kopf. »Wirklich schrecklich schockierend.«

»Was meinen Sie?«, fragte Noah.

»Hier steht, dass mehrere Äpfel gestohlen wurden, und zwar von einem Baum in –« Er nannte den Namen des ersten Dorfes, durch das Noah heute Morgen gekommen war. »Der Baum«, las der Mann vor, »nahm seine übliche Morgenposition ein, als aus dem Nichts ein junger Rüpel auftauchte und sich auf den Baum stürzte. Er stahl drei Äpfel und bewirkte, dass ein vierter Apfel vom Zweig fiel, auf dem Boden landete und lauter Flecken bekam. Sowohl der Baum als auch seine Äpfel mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden, wo ihre Verletzungen untersucht wurden. Die Ärzte sagen, die nächsten vierundzwanzig Stunden seien entscheidend.«

Noah runzelte die Stirn. Diese Nachricht hatte große Ähnlichkeit mit seinem eigenen Abenteuer von heute Morgen, aber das war höchstens zwei Stunden her, also konnte es unmöglich schon in der Zeitung stehen. Und war es überhaupt eine Meldung wert? Sein Vater sagte immer, diese Mistblätter würden sowieso nichts Gescheites drucken, nur läppischen Quatsch und Tratsch über irgendwelche Leute, die keinen Menschen interessierten.

»Ist das die Zeitung von heute?«, fragte Noah misstrauisch.

»Ja, natürlich«, antwortete der Mann. »Das heißt, eigentlich ist es die Abendausgabe, aber ich habe ein frühes Exemplar bekommen.«

»Aber es ist doch immer noch Morgen«, entgegnete Noah.

»Deshalb ist es ja ein frühes Exemplar«, sagte der Mann gereizt und drehte den Kopf, um den Jungen anzusehen. Kurz setzte er seine Brille auf, nahm sie aber gleich wieder ab. »Meine Güte!«, stöhnte er entsetzt, und seine Stimme überschlug sich.

Noah schaute ihn an. Er hatte keine Ahnung, warum der Mann so erschrocken war, aber dann sah er die Skizze unter der Geschichte von dem Apfeldieb: ein achtjähriger Junge, klein für sein Alter, aber mit schönen, dichten Haaren. Und der Junge biss gerade kräftig in einen Apfel. Aber wie konnte das sein?, fragte sich Noah. Es war doch niemand in der Nähe gewesen. Unter dem Bild stand fettgedruckt:

Mehr dazu auf Seite 4, 5, 6, 7, 14, 23 und 40. Achtung: dieser Junge ist eine Gefahr für die Menschheit. Man sollte sich ihm nur vorsichtig nähern oder gar nicht.

Da sind schon schlimmere Sachen über mich behauptet worden, dachte Noah, aber der Mann neben ihm war offenbar anderer Meinung, denn er fing laut an zu schreien.

»Das ist er!«, zeterte er. »Nehmt ihn fest! Haltet den Dieb!«

Noah hopste von der Bank und blickte sich um. Er war fest davon überzeugt, dass man ihn gleich verhaften würde, aber zu seinem Glück schien niemand von dem Geschrei beeindruckt zu sein.

»Haltet den Dieb!«, brüllte der Mann wieder, als er sah, dass Noah wegrannte. »Nehmt ihn fest, sonst entkommt er uns noch!«

Damit war das zweite Dorf abgehakt, jedenfalls was Noah betraf. Er rannte immer weiter, bis das Dorf nur noch ein Haufen Häuser war, der hinter ihm in der Ferne verblasste und schließlich ganz und gar verschwand, und schon wusste er selbst nicht mehr so recht, warum es so einen Wirbel gegeben hatte.

Kapitel 3Der hilfreiche Dackel und der hungrige Esel

Die Situation wurde nach dem zweiten Dorf etwas unklar. Der Weg war nicht mehr deutlich zu erkennen. Die Bäume vor ihm standen erst ganz dicht beieinander und gingen dann wieder auseinander, so dass endlich Licht durchkam und Noah den Weg sehen konnte, aber schon wurde es wieder dämmrig, und er musste die Augen zusammenkneifen, um sich zu vergewissern, dass er in die richtige Richtung ging.

Er schaute auf seine Füße hinunter und stellte überrascht fest, dass der gewundene Pfad jetzt ganz verschwunden war. Anscheinend war Noah von seinem ursprünglichen Weg abgekommen und in einen Teil des Waldes gelangt, der sich vollkommen anders anfühlte als alles bisher. Die Bäume waren hier grüner, die Luft roch ein bisschen süßer, das Gras war dichter und federte unter seinen Schuhen. Er hörte, dass irgendwo in der Nähe ein Fluss rauschte, aber als er sich erstaunt umblickte – er wusste nämlich, dass es im Wald und in der Umgebung keinen Fluss gab –, verstummte das Rauschen sofort, als wollte das Wasser nicht gefunden werden.

Einen Moment lang blieb Noah reglos stehen und schaute zurück in die Richtung, wo das zweite Dorf lag, aber man konnte es nicht mehr sehen, da es so weit weg war. Es kam ihm sogar so vor, als wäre das Dorf ganz und gar verschwunden. Stattdessen standen da nur noch lauter Baumreihen. Sie quetschten sich ganz dicht aneinander, als wollten sie ihm den Blick auf alles, was hinter ihnen lag, verstellen. Irgendwo zwischen ihnen verlief der Weg, dem er gefolgt war, seit er heute Morgen von zu Hause weggegangen war. Er hatte ihn nur ein einziges Mal verlassen, und zwar, um sich hinter einem Baum zu verstecken, weil er unbedingt mal musste. Jetzt nachträglich fiel es ihm wieder ein: Als er fertig war und weitergehen wollte, konnte er sich nicht mehr erinnern, ob er von rechts oder von links auf den Baum zugegangen war. Also hatte er sich einfach für die Richtung entschieden, die ihm richtig vorkam, und war weitergegangen.

Habe ich mich etwa geirrt?, fragte er sich. Aber er konnte nichts anderes tun als weiterlaufen, und nach ein paar Minuten stellte er erleichtert fest, dass sich die Bäume ein Stück vor ihm wieder teilten und ein drittes Dorf auftauchte. Es war viel kleiner als die beiden anderen und bestand nur aus einer Ansammlung von merkwürdig aussehenden Häusern, die in unregelmäßigen Abständen an der einzigen Straße standen. Mit so etwas hatte Noah eigentlich nicht gerechnet, aber er hoffte, dass die Menschen dort nett waren und dass er endlich etwas zu essen fand – ehe er vor Hunger tot umfiel.

Doch da fiel sein Blick auf ein besonders komisches Haus ganz am Ende des Dorfs, auf der anderen Straßenseite.

So viel wusste Noah über Häuser: Sie mussten gerade Mauern haben, die im rechten Winkel zusammengefügt wurden, und obendrauf saß ein Dach, das dafür sorgte, dass bei Regen die Teppiche nicht klitschnass wurden und dass einem die Vögel nicht auf den Kopf kackten.

Das Haus da vorn war aber komplett anders.

Noah schaute wie gebannt darauf. Wirklich seltsam: Die Wände und Fenster waren völlig schief und krumm, manche Ecken ragten hier raus, andere ragten da raus, und nichts passte zusammen. Und obwohl obendrauf ein Dach war, sogar fast am richtigen Platz, bestand es nicht aus Ziegeln oder Schiefer und auch nicht aus Stroh wie bei dem Haus von seinem Freund Charlie Charlton. Nein, es war aus Holz. Noah blinzelte und schaute noch einmal hin, dann neigte er den Kopf zur Seite, weil er dachte, das Haus könnte vielleicht normaler aussehen, wenn man es schief anschaute.

Aber so merkwürdig das Haus auch aussah, es verblasste richtig im Vergleich zu dem riesigen Baum, der davor stand und ihm den Blick auf das Schild an dem Haus verstellte. Durch die Zweige konnte er nur ein paar Buchstaben erkennen – zwei C, ein H und ein I im ersten Wort, während das zweite mit SP anfing und mit N endete. Er versuchte, mit seinem Röntgenblick durch die Zweige hindurchzuspähen, bis ihm einfiel, dass er ja gar keinen Röntgenblick besaß – den hatte nur der Junge in einem seiner Bücher. Aber trotzdem, Noah wollte das Schild lesen und konnte den Blick nicht von dem Baum nehmen. Er hätte zwar nicht sagen können, warum, aber irgendwie ließ dieser Baum ihn nicht los.

Ja, klar, er war hoch, aber auch nicht höher als viele andere Bäume, die er im Lauf seines Lebens schon gesehen hatte. (Schließlich wohnte er am Waldrand!) Sie waren alle schon Hunderte von Jahren alt, oder jedenfalls hatte man ihm das erzählt. Da war es kein Wunder, dass sie so groß wurden. Bei den Bäumen war es ja genau andersherum als bei den Menschen. Die Menschen wurden immer kleiner, je älter sie wurden. Bäume hingegen werden größer.

Klar, der Stamm hatte eine verlockende braune Farbe und sah eher aus wie eine Tafel feine dunkle Schokolade als wie normale Rinde, aber trotzdem, es war einfach die Rinde eines guten, gesunden Baums. Also kein Grund, so fasziniert zu sein.

Und die Blätter an den kräftigen Zweigen hatten ein sattes Grün, aber sie waren auch nicht grüner als die anderen Blätter, die an Bäumen überall auf der Welt im Sommerwind raschelten; nicht anders als die Blätter an den Bäumen, die vor seinem eigenen Zimmerfenster standen.

Doch der Baum hatte trotzdem etwas Ungewöhnliches, das Noah allerdings nicht so recht zu fassen bekam. Etwas Hypnotisches. Etwas, wovon er ganz große Augen bekam und wovon ihm der Mund offen stehen blieb, weil er einen oder zwei Momente lang völlig vergaß, dass er eigentlich atmen sollte.

Abb. 2 Ein seltsamer BAUM

»Du kennst die Geschichten, nehme ich an?«, fragte da eine Stimme rechts von Noah. Er wandte sich blitzschnell um und sah einen schon etwas älteren Dackel, der auf ihn zugetrottet kam, mit einem halben Lächeln auf dem Gesicht. Der Dackel wurde begleitet von einem korpulenten Esel, der dauernd auf den Waldboden starrte, hin und her, als hätte er etwas verloren, was er jetzt verzweifelt suchte. »Ich merke immer gleich, wenn jemand kommt, um ihn anzuschauen. Du bist nicht der Erste, junger Mann. Und du wirst auch nicht der Letzte sein. WUFF