Der Junge mit den goldenen Haaren - Graeme Aitken - E-Book

Der Junge mit den goldenen Haaren E-Book

Graeme Aitken

3,0

Beschreibung

Was macht man, wenn man mit dem Wunsch des Vaters, in dessen Fußstapfen zu treten, so rein gar nichts anfangen kann? Wenn man statt Kühe zu hüten lieber auf Raumpatrouille geht, und statt Gummistiefel lieber Steppschuhe trägt? Der zwölfjährige Billy ist der einzige Sohn eines Farmer-Ehepaars in einer abgelegenen Gegend von Neuseeland. Der fantasiebegabte Junge kommt mit seinem Umfeld nicht wirklich gut klar - und die Dinge werden für ihn nicht leichter, als zwei Fremde auf die Farm kommen, die seine Gefühlswelt ordentlich durcheinander bringen.

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Seitenzahl: 319

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Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Über den Autor

Impressum

1

Das Wertvollste, das ich im Alter von zwölf Jahren besaß, war der Schwanz einer jungen Kuh, die beim Kalben verendet war. Ich bat meinen Vater darum, und er schnitt ihn für mich ab, wohl in der Annahme, daß ich eine Trophäe darin sah – es muß ihn gefreut haben, daß ich mich endlich für sein blödes Vieh interessierte. Nur hätte er sich im Traum nicht vorstellen können, welches Verwandlungspotential ich in diesem Kuhschwanz sah. Tagelang schnippelte ich die verklebten Klümpchen aus der Quaste, wusch, trocknete und bürstete sie, dann band ich eine rote Schleife an ihr Ende, bis das Ding für meine ruhmreiche Zukunft tauglich schien.

Bevor ich zu Bett ging, kündigte ich für den nächsten Tag eine Überraschung an. Am Morgen konnte ich mich vor Aufregung kaum anziehen. Meine Finger zitterten so sehr, daß ich mein Hemd nicht zuknöpfen konnte. Schnell stülpte ich mir einen Rolli über, dann setzte ich eine Wollmütze auf – obwohl wir im Haus keine Mützen tragen durften –, klemmte den Kuhschwanz darunter und drapierte ihn mir über die Schulter.

Als ich so an den Frühstückstisch trat, klatschte meine Schwester Babe vor Entzückung Beifall, meine Eltern hoben die Köpfe. Ich sagte, daß ich von nun an nur noch auf den Namen Judy hören würde – Babe klatschte noch lauter. Meine Eltern schauten etwas irritiert drein, bis Babe ihnen erklärte, daß ich Judy Robinson darstellte, den Star von Verschollen im Weltraum – mit diesem langen weißen Pferdeschwanz war ich überzeugt, daß ich meiner Lieblingsschauspielerin wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sah.

»Der Brei steht auf dem Herd, Judy«, war alles, was meine Mutter dazu sagte. Sie dachte wohl, es wäre nur wieder eine meiner Spinnereien. Mein Vater ignorierte mich. Sie schimpften nicht, sie verboten mir nicht mal, so herumzulaufen. Aber sie bestätigten mir auch nicht, dass ich ebenso hinreißend aussah wie Judy – was ich tat.

Ihr Mangel an Begeisterung konnte mich nicht entmutigten. Im Gegenteil, es spornte mich an, die Ähnlichkeiten zu unterstreichen. Mit einem Kostüm. Es war nur naheliegend, zum lavendelfarbenen Nachthemd meiner Mutter zu greifen – der hautenge, schimmernde Satin war das futuristischste Kleidungsstück im ganzen Haus. Meine Cousine Lou bestand darauf, daß ihre schwarze Badekappe mein Weltraumoutfit wunderbar ergänzen würde. Und tatsächlich: Der Spiegel überzeugte mich von meiner neuen Persönlichkeit.

Ich bettelte Lou und Babe an, mit mir Verschollen im Weltraum zu spielen. Die Hunde bekamen die Rollen der abscheulichen Außerirdischen zugeschrieben, damit wir kreischend vor ihnen davonlaufen konnten (da ich Judy spielte, durfte ich am lautesten kreischen). Das Rübenfeld gab eine hervorragende Kulisse ab. Um dorthin zu gelangen, mußten wir über das »Schlachtfeld«. Mit geschwellter Brust erzählte uns Lou Geschichten wie: Den Schafen schmecke das Gras hier besser, weil es mit dem Blut der Maori-Krieger getränkt war. Die Tiere mampften wirklich wie wild. Ich glaubte eigentlich nicht, daß dies der Kriegsschauplatz war, von dem mein Großvater immer erzählt hatte, aber Babe und ich taten so, als hätten wir schreckliche Angst, so daß Lou die Rolle der Retterin übernehmen konnte. In der Schule prahlten wir dann später trotzdem damit, daß auf dieser Weide ein Massaker stattgefunden hatte.

Das Rübenfeld war ohnehin unglaublich sci-fi. Überall standen diese halb abgefressenen Rüben aus dem Boden und ließen es wie eine Kraterlandschaft erscheinen. Wir hatten einen Heidenspaß, dort Verschollen im Weltraum zu spielen. Lou war Don, und Babe mimte Dr. Smith. Sie heulte deswegen, aber da sie die Jüngste war, blieb ihr nichts anderes übrig. Ich, als Judy, brüllte die »Außerirdischen« an, was die ganz toll fanden und deshalb bellend an mir hochsprangen. »Don« eilte herbei, um »Judy« zu retten, und »Dr. Smith« schniefte dramatisch.

Leider hinterließen die Hundepfoten jede Menge Dreck auf dem Nachthemd. Bevor meine Mutter es anziehen konnte, mußte sie es immer erst waschen. Sie hatte die Nase schnell voll davon und verbot mir, es anzuziehen, wodurch das Spiel spürbar an Authentizität verlor.

Dennoch fanden meine Eltern die Judy-Imitation nach einer Weile so glaubwürdig, daß ich mich darin bestärkt sah. Ich ging mit dem »Haarteil« in die Schule.

»Was hängt dir denn da hinten raus?« fragte Arch Sampson, sobald ich mich im Schulbus vor ihn setzte.

»Mein Zopf«, antwortete ich und schlug bescheiden die Augen nieder. Ich wollte ihn gerade bitten, mich von nun an Judy zu rufen, da entriß er mir den Kuhschwanz und wedelte damit vor meinem Gesicht herum.

»Machst du jetzt auf Mädel?« fragte er laut. Einige Leute drehten sich um und starrten mich an, die Hammer Brüder kicherten hinter mir.

Ich hatte nicht darüber nachgedacht, aber er hatte wohl Recht. Sobald Arch es ausgesprochen hatte, wurde mir klar, daß andere darin wohl eher kein Spiel sehen konnten, sondern etwas, wofür man sich schämen sollte.

Niemand wollte ein Mädchen sein. Nicht einmal die Mädchen selbst. Lou zum Beispiel. Sie hing immer auf unserer Farm ab und half bei der Arbeit, weil ihre Mutter, Tante Evelyn, ihr nicht erlaubte, »schmutzige Arbeiten« zu erledigen. Sie zog alte Klamotten von mir an, um sich richtig vollsauen zu können, ohne daß ihre Mutter etwas davon mitkriegte. In der Schule schwärmten alle davon, mit den Motorrädern ihrer Väter in der Gegend herumzurasen, Hasen zu schießen oder Schafe zu scheren. Sogar die Mädchen folgten diesen Riten des Landlebens (nur vorm Schlachten scheuten sie sich, mit Ausnahme von Lou: die barbarischste und ehrgeizigste der ganzen Schule trug immer ein superscharfes Taschenmesser mit sich herum).

Ich dagegen hatte mich für derartige Aktivitäten nie begeistern können. Selbstverständlich hätte ich das nie zugegeben, wetteiferte statt dessen um die größten Abenteuer. Dabei konnte ich ein Motorrad nicht einmal anwerfen, geschweige denn lenken. Auch war mir diese Spannung unerträglich, bevor man eine Pistole abfeuerte – mich ließen ja schon Schüsse im Fernsehen zusammenzucken. Und was das Scheren anging: Allein das Messer zu halten, ließ meinen Körper – der eher schwabbelig war – auf alarmierende Weise erzittern. Selbst das mickrigste Schäfchen befreite sich aus meinem zaghaften Griff, bevor ich dazu kam, die Schermaschine einzuschalten.

Ich war ungeschickt. Aber Lou half mir. Stillschweigend erledigte sie alle Arbeiten, die mir mein Vater übertrug. Bewundernd tapste ich hinter ihr her und unterhielt sie dabei, spielte eine Episode aus Verschollen im Weltraum oder eine Go-Go-Tänzerin aus dem Happen Inn oder suchte nach Indizien für ein Abenteuer à la Fünf Freunde von Enid Blyton – der Kuhschwanz verlieh meinen Auftritten Authenzität.

Als Arch mich auf mein Schmuckstück ansprach, wollte ich ihm erzählen, wie viel Spaß es machte, sich zu verkleiden. Ich hätte ihm fast schon den Schwanz der nächsten Kuh versprochen, damit er Penny spielen konnte – obwohl, dazu hätte er einen schwarzen Schwanz benötigt, und mein Vater hatte keine schwarzen Kühe –, aber Archs verächtlicher Blick stimmte mich um. Ich spielte die Sache lieber herunter.

»Es ist doch nur ein Kuhschwanz, Arch«, sagte ich. »Ich habe ihn mitgebracht, um ihn allen zu zeigen.«

»Jeder hier hat schon mal ’nen blöden Kuhschwanz gesehen«, schnauzte er mich an. »Warum hast’n den aus deiner bescheuerten Mütze hängen lassen wie ’n Mädel ’nen Zopf, hä?«

Ich wurde rot. »Nur so zum Spaß«, murmelte ich.

»Witzbold«, sagte Arch und lachte diabolisch. »Du bist wohl ’ne Tunte.«

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Die anderen schauten verdutzt, sie wußten es wohl auch nicht.

»Was soll’n das sein?« fragte Lou und setzte sich in die Reihe neben Arch. Arch mochte Lou nicht. Sie gewann im Armdrücken gegen ihn, und er lebte in der ständigen Angst, daß sie ihn vor Publikum dazu herausfordern würde.

»’was wovor mich mein Alter gewarnt hat«, antwortete er.

»Und was soll das sein?« bohrte Lou weiter.

Arch hatte offensichtlich keine Antwort darauf.

»Weißt du’s nicht?« fuhr Lou fort. »Du solltest keine Worte benutzen, deren Bedeutung du nicht kennst. Das ist prätentiös.«

Alle schnappten nach Luft. Lou verfügte über einen ausgeprägten Wortschatz; ihre Mutter war früher Lehrerin gewesen. Tante Evelyn bemühte sich stets, den Grips ihrer Tochter zu schärfen (und den eines jeden anderen, der ihr über den Weg lief). Sie sprang immer noch ein, wenn ein Lehrer krank wurde, und brachte es fertig, daß wir an einem Tag mehr lernten, als sonst in einer ganzen Woche. Gott sei Dank erfreute sich unser Lehrer im allgemeinen guter Gesundheit.

»Na, was bedeutet es denn?« fragte Arch.

»Es bezeichnet dumme Jungs wie dich, die Wörter benutzen, deren Bedeutung sie nicht kennen.«

»Ich weiß wohl, was es bedeutet«, brauste Arch auf und wurde ein wenig rot. »Männer, die sich seltsam benehmen. Wenn du weißt, was ich meine?«

Lou starrte Arch an. »Nein, ich weiß nicht, was du meinst. Erklär’s mir!«

»Na, das sind Männer, die Perücken tragen und Kleider anziehen und … sie haben fünfzig verschiedene Ausdrücke für ›zauberhaft‹.«

Inzwischen beobachtete uns der ganze Bus. Arch verschränkte die Arme und schaute Lou herausfordernd an. Sie starrte zurück und blitzschnell entriß sie ihm den Kuhschwanz. »Arch. Das ist keine Perücke«, sagte sie, die Stimme voller Ironie. »Das ist der Schwanz einer reinrassigen Charolais-Kuh. Billy-Boy hat ihn in die Schule mitgebracht, weil er verdammt wertvoll ist, wertvoller als jede einzelne dämliche Hereford-Kuh von deinem Vater.«

Arch schnappte zurück. »So? Wie viel ist sie denn wert gewesen?«

Ich erkannte die Chance und griff nach dem Schwanz. Bevor Arch es überhaupt registrierte, war er bereits sicher in meinem Schulranzen verstaut. Ich wollte vermeiden, daß meine Mitschüler auf dumme Gedanken kamen, jetzt, nachdem sie gehört hatten, daß er wertvoll war. Auf keinen Fall wollte ich ihn verlieren und mein Spiel dadurch riskieren. Ich beschloß, daß es wohl am besten war, künftig darüber zu schweigen.

Auf meine Füße starrend umklammerte ich meine Schultasche. Meine Angst verebbte, Neugier machte sich breit. Männer, die Perücken tragen und Kleider anziehen und fünfzig Ausdrücke für »zauberhaft« haben.

Verkleiden war mein Lieblingsspiel. Ich mußte Lou becircen, wenn nicht gar bestechen, daß sie mitspielte. Wir hatten diesen Korb, in dem all die Kleider landeten, die die Frauen in unserer Familie nicht mehr anziehen wollten. Vor allem Großmutters Kleider, die Opa nach ihrem Tod zwar loswerden, aber nicht wegwerfen wollte: ausgefranste seidene Kopftücher und Hauben aus Chiffon, steife Blümchenkleider, die aus Vorhangstoff zusammengenäht schienen, Mäntel mit echten Pelzkrägen und ausladende Hüte, die Oma nur in die Kirche aufgesetzt hatte. Das »delikateste« Stück im Korb war die Spitzenunterwäsche von Tante Evelyn. Lou und ich hatten sie vor dem Scheiterhaufen gerettet.

Der Schwanz verlieh dem Verkleiden eine neue Dimension. Davor hatte ich immer Stoff als Perücke benutzt. Es hatte die richtige Farbe (gold) gehabt und war extrem lang gewesen, aber mit Haaren hatte es nicht viel Ähnlichkeit gehabt. Lou hatte zwar immer behauptet, daß ich damit wie die Jungfrau Maria ausgesehen hätte; das war nicht wirklich das Image gewesen, das ich anstrebte.

Ich wollte sein wie die Heldinnen meiner Bücher, jene, die an fürchterlichen Behinderungen litten und Entbehrungen hinnehmen mußten, aber am Ende siegreich hervorgingen, denen wahre Liebe und wundersame Heilung von ihrem Leid gewiß war. Ich nährte meine Fantasien in Büchern, heckte Theaterstücke aus und verdonnerte Lou und Babe, sie mit mir aufzuführen. Mir selbst wurde zufällig immer die tragische Hauptrolle zuteil. Ich zog die körperbehinderten Heldinnen den stummen oder tauben vor, weil in der Waschküche alte Krücken herumstanden. Sie gaben ein exzellentes Requisit ab, und ich konnte einfach nicht umhin, sie einzubauen.

An jedem Weihnachten führte ich mit Lou, Babe und Tante Evelyn ein Stück auf. Meine Tante versuchte immer, es an sich zu reißen. Sie war der Star in unserer Gegend. Eigentlich hatte sie Opernsängerin werden wollen, gab diesen Traum aber aus »purer Vernunft« auf. Während ihrer Schulzeit und im Studium spielte sie immer wieder große Rollen. Die Glenora Musical Society inszenierte jedes Jahr ein Musical von Rodgers und Hammerstein. »Gibt es denn auch andere?« fragte die Sekretärin Tante Evelyn überrascht.

Tante Evelyn nahm die Hauptrollen an und beschwerte sich dann, daß sie sich unterfordert fühlte. Sie wollte etwas, das sie »inspirierte«. Eines Tages las sie in einer Anzeige, daß Schauspieler für Hair gesucht wurden. Sie war völlig aus dem Häuschen, denn es war ihrer Meinung nach »avantgarde«. Die meisten anderen fanden es anstößig, weil das Musical Drogen und freie Liebe idealisierte und Nacktheit zur Schau stellte. Tante Evelyn hätte sich auf der Bühne jederzeit ausgezogen. »Was für eine Herausforderung«, sagte sie verträumt. »Endlich eine echte Herausforderung.«

Da sie keinen Führerschein hatte, fuhr meine Mutter sie zum Vorsingen nach Dunedin (sie hielten es vor Onkel Arthur geheim, weil er nie zugelassen hätte, daß sie für diesen Unsinn hundert Meilen fuhr – eine Reise nach Dunedin war nur gerechtfertigt, wenn man zum Steuerberater mußte oder eine Schaftränke im Angebot ergattern konnte). Drei Tage später sagte man Tante Evelyn ab, weil der Regisseur sich »etwas jüngeres« wünschte. Sie war furchtbar enttäuscht. »Arthur hätte es mir zwar ohnehin verboten«, sagte sie, »aber ich hätte mich durchgesetzt.«

Tante Evelyn schlug der Glenora Musical Society vor, eine eigene Version von Hair auf die Beine zu stellen, aber die stimmte einmütig für The King and I. So kam es, daß meine Tante, anstatt sich im Her Majesty’s Theatre in Dunedin splitternackt auszuziehen, mit John Mason keusch über die Bühne der Glenora Hall tanzte (er wurde für die Rolle des Königs auserkoren, weil er von allen Mitgliedern der Society am wenigsten Haare auf dem Kopf hatte und niemand bereit war, sich eine Glatze zu rasieren – nicht mitten im Winter, wenn es morgens oft minus zehn Grad hatte).

Ich war hin und weg, Tante Evelyn in dieser Show zu sehen, dieses strahlende Etwas in einem ausladenden Kostüm. Ich ging mit ihr die Dialoge durch (Lou weigerte sich) und probte die Szenen. Unzählige Male sangen wir Shall we dance?, und Tante Evelyn gurrte vor Vergnügen, ernannte mich zu John Masons Vertretung. Sie hatte ja keine Ahnung, daß ich im geheimen darauf hoffte, sie vertreten zu müssen – inständig wünschte ich mir, daß sie während der Proben von der Bühne fiel.

»Dir ist Kultur wichtiger als Kühe, Billy-Boy«, sagte sie, »genau wie mir.« Ich hörte das so oft, daß ich es bald nicht mehr als Kompliment auffassen konnte. Stattdessen glaubte ich, daß sie damit nur das mangelnde Interesse ihrer Tochter betrauerte.

Wie auch immer, jedenfalls war da eine enge Verbindung zwischen Tante Evelyn und mir. Deswegen dachte ich als erstes an sie, als ich mit diesem Enigma konfrontiert wurde (zu nichts Geringerem war »Tunte« für mich geworden). Ich kam nicht dahinter, was es bedeutete. Den ganzen Tag grübelte ich, was Arch damit gemeint hatte. Wie konnte man fünfzig verschiedene Worte für »zauberhaft« kennen? Ich schlug in allen Wörterbüchern und Enzyklopädien der Schule nach, »Tunte« war nirgends zu finden. Ich wagte nicht, den Lehrer danach zu fragen. Da war diese Verachtung in Archs Stimme gewesen; er hatte die Worte schier ausgespuckt. War es etwas, worauf man nicht stolz sein durfte? Andererseits: Er hatte es von seinem Vater gehört, der Spaß ohnehin als Zeitverschwendung ansah.

Der alte Sampson war der gemeinste Farmer weit und breit. Jeder sagte das. Vor allem, wenn es ums Geld ging. Erst kürzlich heuerte er jemanden mit einem äußerst seltsamen Namen an. Weil er kaum Erfahrung mit der Farmarbeit hatte, zahlte er ihm wenig. Gleichzeitig ließ der alte Sampson ich ganz schön schuften. Wenn die Schäfchen markiert oder zusammengetrieben werden mußten, behielt er Arch schon mal von der Schule zu Hause. Es war also logisch, daß er ihn nicht darin bestärken würde rumzualbern, zu schauspielern oder was auch immer »Tunte« bedeuten mochte.

Aber ich zweifelte an Archs Definition. Schließlich hatte er ein schlechtes Gedächtnis. Nachfragen traute ich mich nicht, ich hätte dadurch verraten, wie sehr mich das Thema beschäftigte. Tante Evelyn war daher meine einzige Hoffnung. Ihre Erfahrung in der Welt des Theaters war einzigartig, und in meiner Vorstellung mußte »Tunte« irgend etwas damit zu tun haben. Es klang theatralisch, pompös, wie eine exotische Maskerade. In meiner Vorstellung wuchs es zu etwas Großem. Vielleicht gab es in der Schauspielschule oder auf der Uni sogar ein Seminar darüber.

Dieser Augenblick im Bus war wie eine Erleuchtung für mich. Als ich zu Bett ging, glaubte ich endlich eine Lösung für meine gegensätzlichen Sehnsüchte gefunden zu haben. »Tunte« hörte sich wie etwas an, das ich erfolgreich verkörpern könnte. Nichts aus der Landwirtschaft, in der ich eine untröstliche Niete abgab. Endlich hatte ich eine Antwort zur Frage »Was willst du mal werden, Billy-Boy?«, die mir Erwachsene immer wieder stellten.

Wenn mein Vater in der Nähe war, fühlte ich mich gezwungen zu sagen, daß ich Farmer werden würde oder Rugby-Spieler bei den berühmten neuseeländischen All Black und fügte flüsternd hinzu: »Erwarte aber bloß nicht, daß ich das gut mache«. Wenn er mich aber nicht hören konnte, erfand ich immer sehr viel aufregendere Berufsziele: Popstar zum Beispiel, oder Fernsehschauspieler. Ich wollte Theaterstücke schreiben oder im Weltraum herumflitzen.

»Oh, ein Astronaut«, rief eine Freundin meiner Mutter erstaunt.

»Nein, ich möchte wie Judy sein«, antwortete ich, und die Frau starrte mich fassungslos an.

Jetzt wußte ich es. Jetzt wußte ich endlich ganz genau, was ich antworten würde: »Wenn ich groß bin, werde ich die Tunte spielen.«

Als ich mich an diesem Tag schlafen legte, drapierte ich den Schwanz auf meiner Brust, dann schaltete ich das Licht aus und versuchte, fünfzig verschiedene Wörter für »zauberhaft« zu finden.

2

Ich fragte mich oft, warum meine Eltern je geheiratet hatten. Sie waren so verschieden. Nicht, daß sie gestritten hätten, aber ihre Vorstellungen vom Leben waren völlig gegensätzlich. Mein Vater glaubte an Arbeit und noch mehr Arbeit; in seiner Freizeit schaute er Rugby im Fernsehen an. Meine Mutter dagegen hatte »Ideen«. Ziemlich originelle Ideen für die Serpentine Plains. Niemand konnte sie nachvollziehen, am wenigstens mein Vater.

Immer wieder fragte ich meine Eltern, wie sie sich kennengelernt hatten. »Das frage ich mich seit Jahren«, war die Standardantwort meines Vaters. Meine Mutter murmelte: »Das ist lange her, Billy-Boy«, als ob das irgendwas erklärte.

Es brachte mehr, meinen Großvater zu löchern – vermutlich weil er sich vernachlässigt fühlte; unser Interesse galt mehr seinem Fernseher als ihm. Begeistert ging er an das Thema heran: »Jack und deine Mutter haben sich über einer Fleischpastete kennengelernt, und jetzt weigert sie sich, je wieder eine zu essen. Das ist ein schlechtes Zeichen, ein sehr schlechtes Zeichen«, sagte er und hob seinen Zeigefinger.

Es war auch sehr ergiebig, Tante Evelyn zu befragen; ich er-wischte sie im richtigen Moment: auf dem Heimweg von der Premiere von The King and I. Auf der Party waren reichlich Cold Duck geflossen, deshalb wollte sie Onkel Arthur nicht fahren lassen. »Du bist betrunken. Du wirst uns alle umbringen«, sagte sie in dramatischem Tonfall. Lou mußte ans Steuer, Tante Evelyn setzte sich mit mir nach hinten und erzählte mir Dinge, die sie vermutlich nie hätte preisgeben dürfen. »Reebie hat mir damals alles anvertraut«, sagte sie, »das war bevor sie all diese seltsamen ›Ideen‹ entwickelte.«

Großvater und Tante Evelyn behaupteten, daß mein Vater – und das gab er sogar zu – es nicht mehr erwarten konnte, eine Frau zu finden. Jack war fünfundzwanzig. Die anderen in seinem Alter hatten längst geheiratet und ihm damit alle in Frage kommenden Mädchen aus der Gegend weggeschnappt. Daß sein jüngerer Bruder Arthur die Lehrerin Evelyn Wills ein paar Tage nach Jacks fünfundzwanzigstem Geburtstag heiratete, machte die Sache nicht gerade einfacher. Opa schenkte den beiden die angrenzende Farm, die er Jahre zuvor in weiser Voraussicht gekauft hatte. Das bedeutete, daß Arthur und Evelyn nun ihr eigenes Haus ganz für sich allein hatten. Arthur war entkommen. Auch wenn ihn nur zwei Meilen trennten, er hatte von Opas unerbittlichen Ratschlägen Abstand gewonnen.

Jack war klar, wenn er eine Frau finden wollte, mußte er sich über die Grenzen von Serpentine County hinaus begeben. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte sein Vater nicht schon den Ausflug zu den nächstgelegenen Läden in Glenora als »leichtsinnig« angesehen; Urlaub war für Großvater, wenn man zur Weide am Fluß hinunterfuhr, um nach den Schafen zu sehen, und dazu ein Picknick mitnahm.

Jack mochte das Farmleben, aber er verabscheute es, ständig gesagt zu kriegen, was er zu tun hatte. (Opa war der Überzeugung, daß es nur eine Art gab, Dinge zu tun: nämlich seine Art.) Solange Arthur noch zu Hause lebte, war es den Brüdern bisweilen gelungen, Opa von ihren Ideen zu überzeugen. Aber allein, eingeschüchtert durch den autoritären Blick seines Vaters, war Jacks Auftreten viel zu zaghaft, seine Vorschläge daher zum Scheitern verurteilt.

Jack war für Großvater nach wie vor ein Junge. Obwohl er wußte, daß er fünfundzwanzig war, behandelte er ihn, als wäre er viel jünger (sonst hätte er sich wohl sein eigenes Alter eingestehen müssen und den bevorstehenden Ruhestand, den seine Frau ersehnte wie jedes Jahr Weihnachten). Erst kurz davor hatte Opa seinem Sohn gestattet, Bier zu trinken, und auch das nur aufgrund einer ziemlich peinlichen Episode. Die Nachbarssöhne Bob und Jimmy Spratt hatten beim Schafeeintreiben geholfen. Danach kamen sie noch auf einen Drink mit rein. Großvater stellte den beiden Bier hin (Lion, obwohl jeder DB oder Speights trank) und Jack eine Limo. Jack verließ das Zimmer und hoffte, daß die beiden das nicht mitbekommen hatten. Aber natürlich war es ihnen nicht entgangen, was sie ihn beim nächsten Training wissen ließen. Das ganze Rugby-Team hörte die Geschichte und bot Jack für den Rest der Spielzeit Limonade statt Bier an.

Jack war mehrere Jahre älter als Bob und Jimmy. Als er seinen Vater darauf hinwies, schaute der nur ungläubig. »Bist du sicher? Irgendwie kommen die mir reifer vor.«

Großmutter erklärte Jack, daß Bob und Jimmy verheiratet waren, Bob hatte sogar schon zwei Kinder. Nach Opas Überzeugung war man solange ein Junge, bis man eine eigene Familie gegründet hatte. »Such dir eine Frau, Junior«, sagte Oma, »dann wird er dich wie einen Mann behandeln.«

Oma hatte ihre eigenen Gründe, warum sie Jack unter die Haube bringen wollte. Sobald er verheiratet und das erste Kind unterwegs war, konnte sie nämlich sagen, daß das Haus für alle zu klein wäre. Sie wollte sich mit Opa in Crayburn zur Ruhe setzen, am besten gleich bei ihrer besten Freundin Janet Scott nebenan. Oma war nämlich golf- und bowlingsüchtig und hatte sich im letzten Winter sehr geärgert, weil sie aufgrund der zugeschneiten Straßen mehrere wichtige Spiele verpaßte. Sie wollte ein nagelneues Haus wie Janets, mit einem Unterschied: Es mußte überall Zentralheizung haben, nicht nur im Wohnzimmer.

Unter der Überschrift Mädchen zum Heiraten stellte Oma eine Liste von allen in Frage kommenden Mädchen aus der Umgebung zusammen, und legte sie ihm aufs Kopfkissen. Er warf einen Blick darauf; sie bestätigte, was er ohnehin wußte: Es gab weit und breit kein Mädchen, das ihn auch nur annähernd interessierte. Sie waren alle zu jung oder spielten Golf. Andauernd waren sie unterwegs und überließen ihren Ehemännern die Arbeit; allen voran Großmutter. Um auf Brautschau zu gehen, mußte er sich Urlaub nehmen.

Oma war ein wenig pikiert, daß er ihre Vorschläge verworfen hatte; sie hatte sich soviel Mühe gemacht, die Anwärterinnen auszuwählen. Dennoch zeigte sie Verständnis und versprach, Opa zuzureden, daß er Jack in Urlaub fahren lassen würde.

»Wozu herumtreiben? Und wohin fährt er überhaupt?« wollte Großvater wissen.

»Jack ist fünfundzwanzig. Er hat seine eigenen Bedürfnisse.«

Großvater mochte nicht darüber nachdenken, was diese Bedürfnisse sein konnten. Bevor seine Frau sie ihm erklären konnte, gab er schnell sein Einverständnis.

Jack fuhr nach Dunedin, um seinen Schulfreund Herb Day zu besuchen, der dort in der Cadbury Hudson Schokoladenfabrik arbeitete und sich mit einer Kollegin verlobt hatte.

Herb verbrachte seine Abende am liebsten zu Hause im Wohnzimmer seiner Eltern, um mit seiner Verlobten Barbara am Telefon zu besprechen, was in den paar Stunden seit der Arbeit passiert war. Manchmal war ihm das nicht genug und Herb fuhr zu ihr, um die Gästeliste und das Menü für die Hochzeit durchzugehen. (Für Jack war das eine Qual, denn es führte ihm sein hoffnungsloses Junggesellendasein nur um so deutlicher vor Augen.) Jack konnte Herb zu nichts anderem bewegen. Ein einziges Mal schlug er vor auszugehen, da winkte Herb ab. Barbara könnte Pubs nicht leiden und würde deswegen nicht mitgehen.

»Das macht doch nichts«, sagte Jack. »Gehen wir alleine.«

»Barbara spielt Samstag abends gerne Karten.« So spielten sie Rommé. Bei Barbara. Jack und Barbaras Mutter waren Partner. Am nächsten Tag log Jack, daß auf der Farm etwas passiert wäre, und er sofort nach Hause müsse, um zu helfen.

»Wie schade«, sagte Herb. »Barbara führt heute ihren Kirchentanz auf. Barbaras Mutter hat sich so gefreut, mit dir Foxtrott zu tanzen.«

Jack murmelte etwas, von dem er hoffte, daß Herb es als Enttäuschung interpretieren würde, und brach dann schnell auf. Als er an einem Hockeyfeld vorüberfuhr, blieb er stehen, stieg aus und beobachtete die Mädchen. Eines gefiel ihm. Jedesmal, wenn sie am Ball war, jubelte er, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Aber sie nahm ihn nicht wahr. Ihr Freund dagegen schon. Er ging auf Jack zu und warnte ihn, damit aufzuhören, sonst würde er ihm die Zähne einschlagen. Jack trollte sich und tröstete sich mit dem Gedanken: Wenn sie jetzt Hockey spielte, würde sie später sicher auf Golf umsteigen.

Auf dem langen Weg nach Hause grübelte er über seine aussichtslose Situation nach. Um sich Mut zu machen, wollte er sich in McGregor’s Tearoom eine der berühmten Fleischpasteten gönnen. Am Fenster saß eine Frau und starrte derartig trübsinnig auf die Straße hinaus, daß Jack annahm, ihr Kerl hätte sie sitzengelassen.

Da ziemlich Betrieb herrschte, nützte das Jack als Vorwand, um sich zu ihr zu setzen. »Ist bei Ihnen noch frei?«

Sie schaute ihn kaum an, nickte und blickte gleich wieder auf die Straße hinaus. Jack aß seine Pastete langsam und starrte dieFrau zwischen den Bissen an. Als er fertig war, bestellte er noch eine und aß sie genauso langsam. Als auch die aufgegessen war, blieb ihm nichts anderes übrig, als Reebie einfach nur anzugaffen.

»Warten Sie auf jemanden?« fragte er schließlich.

Reebie wendete sich ihm zu, fixierte ihn mit so ernster Miene, daß es Jack ganz bange wurde. Irgendwas stimmte nicht mit ihr.

»Was ist passiert?« fragte er. »Erzählen Sie es mir, vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Das bezweifle ich«, antwortete sie, aber erzählte es ihm trotzdem. Reebie arbeitete als Krankenschwester in der Psychiatrie-Klinik Cherry Farm. Sie hatte mit Kolleginnen ein paar Patienten spazieren geführt, und Maxwell Powell (unsoziales Verhalten und Kleindiebstähle) sprintete plötzlich wie wild durch den Park davon und raus aus dem Krankenhausareal. Reebie rannte hinter ihm her.

Sobald sie auf die Straße kam, sah sie, wie Maxwell in einen Laster kletterte, den er gestoppt hatte. Sie warf die Arme in die Höhe, um dem Fahrer zu verstehen zu geben, daß er soeben einen staatlich geprüften Verrückten aufgenommen hatte, aber er nahm sie nicht wahr; der Laster fuhr an und stob davon.

Reebie war nicht darauf geschult worden, wie man mit so einer Situation umgeht. Und während sie überlegte, hielt ein Laster neben ihr – sie hatte ihn versehentlich gestoppt – der Fahrer öffnete die Tür.

Obwohl man sie davor gewarnt hatte, kletterte sie in den Truck. »Hinterher!« forderte sie den Fahrer in einem Ton auf, der sie an eine dieser Hollywood-Heldinnen erinnerte. »Folgen Sie dem entsprungenen Patienten!«

»Weswegen ist er in der Klapse?« fragte der Fahrer und trat aufs Gas. Reebie antwortete nicht. Der Patient war ein notorischer Unterwäschedieb, und die Ärzte hatten gerade in Erwägung gezogen, ihn zu kastrieren.

Irgendwo zwischen Waikouaiti und Palmerston verloren sie den Truck aus den Augen. Dann trieb auch noch ein Farmer seine Schafherde über die Straße. Sie mußten bremsen und sich ganz langsam einen Weg durch die Herde bahnen.

Reebie wurde immer ungeduldiger. Zum einen entfernte sich ihr Patient von Sekunde zu Sekunde mehr, zum anderen hatte der Fahrer begonnen, sie zu mustern. »Das ist sicher ein interessanter Job, den sie da haben«, wagte er sich an sie heran. »Sie haben bestimmt ’ne Menge Ahnung vom menschlichen Körper und seinen Funktionen.«

Reebie mochte gar nicht daran denken, was er damit gemeint haben konnte. »Meine Ausbildung hat sich auf die Psyche und ihre Fehlfunktionen beschränkt«, antwortete sie knapp.

»Aha«, sagte er, »auf Perversionen und all den Kram, was?«

Gott sei Dank waren sie am Ende der Herde angelangt, und weil der Fahrer auf volle Touren beschleunigte, wurde die Unterhaltung unmöglich.

Reebie starrte konzentriert auf die Straße in der Hoffnung, daß der Fahrer dasselbe tun würde, mußte dann aber feststellen, daß er statt dessen weiterhin sie angaffte.

»Am besten ich steige in Palmerston aus und suche dort nach ihm«, sagte sie.

Der Fahrer seufzte. »Ein bißchen Begleitung ist so schön.«

Als er anhielt, um sie aussteigen zu lassen, sagte er noch, daß er regelmäßig am Krankenhaus vorbeifuhr. »Ach ja?« Reebie lächelte. »Dann werde ich Ihnen winken«, sagte sie und drehte sich auf dem Absatz um.

Es war ein sonniger Sommertag, eine leichte Brise wehte, der perfekte Waschtag also, jeder hatte seine Wäsche auf der Leine hängen. Reebie lief in Richtung der Häuser mit all den gespannten Wäscheleinen voll ausgelieferter Unterwäsche. Sie jagte die Straßen hinauf und hinunter, aber umsonst. Maxwell war verschwunden. Weil sie niemanden beunruhigen wollte, wagte sie nicht, jemanden zu fragen. Schließlich lief sie zu den Shops hinüber, um eine Tasse Tee zu trinken und zu verschnaufen. Sie setzte sich bei McGregor’s ans Fenster – es hätte ja sein können, daß Maxwell vorbeischlendern würde. Dort, mit schwermütigem Blick, über ihr Versagen nachdenkend und in Erwartung der Abmahnung, die sie unweigerlich erwartete, lernte sie Jack kennen.

»Aber Sie haben getan, was in ihrer Macht stand«, sagte Jack. »Sie haben sich sogar selbst in Gefahr gebracht, als sie mit einem Fremden mitfuhren.«

Reebie seufzte. Man würde sie vermutlich in eins dieser Häuser versetzen, in dem die Patienten mehr oder weniger unbeweglich waren und sich andauernd nur vollkackten.

»Kommen Sie, ich fahre Sie zurück und dort erklären Sie alles. Ich bin mir sicher, sie werden einsehen, daß Sie Ihr Bestes gegeben haben.«

Jack führte sie zu seinem Wagen. Auf dem Weg zur Fahrertür machte er einen kleinen Freudensprung. Was für aufregende Umstände, unter denen sie sich kennengelernt hatten. Jack hatte bereits beschlossen, daß Reebie für ihn bestimmt war. Er würde sie aus dem Krankenhaus holen, das gefährlich und einem netten Mädchen wie ihr völlig unwürdig zu sein schien. Sie wirkte viel zu warmherzig und brav, um sich um Perverslinge zu sorgen, denen nach Jacks Meinung die Kehle durchgeschnitten werden sollte (so ging man zumindest auf der Farm damit ihm: die Kranken und Behinderten in der Herde wurden geschlachtet).

Still fuhren sie zum Krankenhaus. Reebie malte sich die fürchterlichen Konsequenzen aus, die sie mit Sicherheit erwarten würden, und Jack rätselte, ob sie wohl eine gute Köchin wäre und ob sie auf der Farm mit anpacken würde. An Golf war sie sicherlich nicht interessiert.

Als sie das Schwesternheim erreicht hatten, fragte Jack zaghaft, ob er sie am nächsten Tag anrufen dürfte. »Ich würde gerne erfahren, wie die Sache ausgegangen ist und sichergehen, daß es Ihnen gut geht«, sagte er vorsichtig.

Reebie erschrak. Zum ersten Mal schaute sie Jack richtig an. Er saß mit Jackett und Krawatte hinter seinem Lenkrad, sein Haar war blond gefleckt, seine Augen von einem beeindruckenden Blau, sein Gesicht schien von der Sonne ganz verbrannt. Am meisten stach Reebie jedoch sein Lächeln ins Auge, das betrübte Kräuseln seiner Lippen.

»Ich wohne in Zimmer zwölf«, sagte sie. »Sie müssen das wissen, falls sie anrufen.«

»Oh, ich werde mich ganz bestimmt melden«, versicherte Jack. »Kein Zweifel.«

Reebie stieg aus, und Jack fluchte, weil er die Gelegenheit nicht genutzt hatte, sie zu küssen. Das hätte er den Jungs beim Fußball erzählen können –, naja das würde er ohnehin, denn niemand kannte die Wahrheit.

Langsam ging sie ins Haus; sie spürte, daß Jack sie beobachtete. Reebie drehte sich um, um ihm zu winken, aber auch um sich zu versichern. Und ja, er hing immer noch aus dem Fenster und grinste sie an. Sie winkte, und er winkte, und dann winkte sie noch mal, erst dann startete er den Motor und fuhr los.

Reebie rief den diensthabenden Krankenpfleger an – sie hatte Angst, ihm persönlich gegenüber zu treten –, und von ihm erfuhr sie zu ihrer Erleichterung, daß Maxwell wieder in seiner Villa war. Man hatte ihn in der Wäscheabteilung von Farmers in Oamaru gefaßt, als er gerade dabei war, eine Schaufensterpuppe auszuziehen. Reebie wurde für ihren Einsatz bei der Suche nach Maxwell gelobt.

Jack rief tatsächlich am nächsten Tag an, um zu hören, wie die Sache ausgegangen war, und um sie zu fragen, ob er sie an ihrem nächsten freien Tag zu McGregor’s auf einen Tee einladen dürfte. Sie freute sich und sagte zu. Diese Ausflüge zu McGregor’s an Reebies freien Tagen wurden zu einer Art Ritual zwischen den beiden, und so war es nicht verwunderlich, daß Jack ihr den Heiratsantrag bei einer Fleischpastete machte. Sie willigte ein. Reebie war für Veränderungen leicht zu begeistern. »Aber kauf noch keinen Ring«, bat sie. »Warte, bis wir uns sicher sind.«

Jack versprach es. Es war ihm ohnehin lieber, nicht unnötig Geld auszugeben. Er nahm an, daß Reebie seine Einstellung teilte, es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß das ihre Art war, »vielleicht« zu sagen.

Die Bedeutung eines Rings wurde ihm erst klar, als er begann, Reebie als seine Verlobte vorzustellen. Als den Leuten nämlich auffiel, daß sie keinen trug, lächelten und tuschelten sie darüber. Reebie kriegte davon nichts mit. Sie war zu sehr damit beschäftigt, von ihrem neuen Leben auf dem Land zu träumen: Wie sie die Obstgärten hegen, über die Hügel spazieren und Gedichte verfassen, Brot backen und vielleicht dann und wann den dankbaren Schafen ein bißchen Heu hinstreuen würde.

Einen Monat nach seinem Antrag besuchte sie die Farm. Jack bat darum, daß alle sich einen Tag freinahmen und sich auf Reebie konzentrierten. Es kam nicht oft vor, daß jemand von außerhalb nach Mawera heiratete. Die Verlobte von Patrick McDonald flüchtete, sobald sie sah, daß er von ihr erwartete, den Rest ihres Lebens dort zu verbringen. Dabei war es gar nicht so schlimm. Okay, es gab keine Geschäfte, kein Pub, keine Post oder Bank, aber Crayburn lag nur sechzehn Meilen entfernt und in weiteren sechzehn Meilen Glenora, was immerhin die Gemeindehauptstadt war; da war richtig was los. In Mawera hatte es mal ein Pub gegeben, das Herz der Gemeinde mit Tante-Emma-Laden, Post, Telefon und der örtlichen Leihbücherei. Neunzehnhundertdreiundfünfzig brannte es ab. Durch eine einzige wüste Feuersbrunst verlor die Gemeinde ihre gesamte Wirtschaft. Sie wurde nie wieder aufgebaut.

Mawera schmiegt sich in eine Talmulde hoch über den Serpentine Plains in der südwestlichen Ecke des Landes. Oben, in den Bergen hinter Mawera, entspringt der Red River. Er windet sich durch das Tal, fällt eine steile Klamm hinunter und strömt dann in Schlangenlinien über die Weite der Plains, weshalb die Gegend Serpentine heißt. Mawera hat Glenora sogar etwas voraus, eine Sehenswürdigkeit: das steinerne Verließ aus dem Jahre Achtzehnhundertsechzig, das die Polizei während der Goldtransporte von Otagos nach Dunedin benutzte. Jeder, der sich für die Siedler interessierte, wollte es sehen und hielt den Atem an, sobald er der von den Wänden hängenden Ketten gewahr wurde, an die die Gefangenen gefesselt wurden. Den Touristen machte es nicht mal was aus, daß die Straße nach Mawera nur zur Hälfte geteert war. Es war ein Trip in die Geschichte.

Und für noch etwas ist Mawera berühmt: das Wetter. Hier gibt es immer mehr Schnee als auf der Hochebene. Manchmal meterhoch. Wenn das passiert, kann man die Straßen nur noch mit Traktoren befahren. Es gibt Zeiten, da kommt der Post- und Lebensmittel-Truck, der Mawera sonst zweimal die Woche anfährt, eine Woche lang nicht durch. Dem Räumdienst scheinen die anderen Straßen wichtiger als die, die zu uns führt. Manchmal schließt die Schule tagelang, weil die Kinder ihren Vätern helfen müssen, die Schafe aus Schneeverwehungen auszugraben. Selbst der Strom kann ausfallen. (Deshalb hielt Oma auch den alten Kohleofen in Schuß.) Das Wetter ist extrem: heiß im Sommer, kalt im Winter. Sehr kalt.

Reebie hatte das Glück, im Sommer nach Mawera zu kommen. Sobald sie die Farm erreichten, verlangsamte Jack die Fahrt, so daß Reebie die Silos und das Vieh bestaunen konnte. Sie tat unheimlich begeistert, dabei war ihr das ziemlich egal.

Oma erwartete sie mit heißen Scones und ihrer selbstgemachten Himbeermarmelade – sobald sie den Wagen kommen sah, rannte sie zum Telefon, um Janet Scott Bescheid zu sagen. Der Wagen kam langsam den mit Weiden gesäumten Weg herauf, die Hunde begleiteten ihn bellend, kläfften und schnappten nach den Reifen. Oma schlenderte hinunter, um sie willkommen zu heißen. Großvater trat aus der Werkstatt heraus und beobachtete sie. Sobald der Wagen anhielt, sprang Reebie heraus. Die Hunde umringten sie im Nu, bellten, schnupperten und sprangen an ihr hoch.

»Runter! Runter mit euch!« brüllte Jack, aber zu spät: das Kleid war bereits von ihren dreckigen Pfoten verschmutzt. Omas Träume von der Zentralheizung in Crayburn schmolzen dahin. Die Verlobte von Patrick McDonald kreischte, als sie die Hunde sah, sprang zurück in Patricks Auto und weigerte sich auszusteigen, bis sie an die Leine genommen waren. Aber Reebie lächelte nur, lachte sogar und streichelte die Hunde, ermutigte sie, noch höher zu springen. »Die sind so zutraulich«, sagte sie.

»Das ist so bei uns auf dem Land«, sagte Oma und trat auf sie zu. »Alle sind freundlich hier, sogar die Hunde. Ich bin die Mutter von Junior, sag einfach Oma zu mir. Und das ist sein Vater, Jack.«

Reebie ging auf Großvater zu. »Willkommen«, sagte er und gab ihr ein Küßchen auf die Wange.

»Danke«, sagte sie und schaute sich um.

Die Sonne neigte sich und brachte die Farben der Landschaft zum Leuchten. Ihr Licht ergoß sich aus wallenden Wolken, färbte sie in ein dunkles Pink und verlieh dem Wasser in den Bächen und auf den Mooren einen silbernen Schimmer. Die Hügel ragten aus der Talsohle, zu lavendelblauen Falten aufgebauscht wie unachtsam hingeworfene Eiderdaunen. Der Schnee glitzerte von den Bergkuppen wie die Glasur auf einer von Omas Weihnachtstorten. Reebie war ergriffen. Sie wünschte sich Schreibzeug zur Hand zu haben, um die ersten Zeilen eines wunderschönen Gedichts festzuhalten.

Die Landschaft bestätigte sie in ihren Träumen von dem neuen Leben. Als sie über ihre Pläne plauderte, zu dichten und Brot zu backen, widersprach ihr niemand. Beide Jacks starrten auf ihre Schuhe und taten geistesabwesend, überließen es Oma zu sagen: »Ach, wie nett.« Niemand wollte es vermasseln.

Als er sie am nächsten Tag ins Krankenhaus zurückbrachte, drückte sich Reebie an Jack und sagte: »Wir sollten Pläne machen.«