Der Karakal - Wolf P. A. Wegner - E-Book

Der Karakal E-Book

Wolf P. A. Wegner

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Beschreibung

Der Dolmetscher in Hamburg wurde regelrecht hingerichtet. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Nur so viel wissen sie: Die Spur der Mörder führt nach Ostafrika. Carolin Meersbusch vom LKA Hamburg und Sarah Dorf, Starjournalistin mit somalischen Wurzeln, werden als verdeckte Ermittlerinnen nach Kenia geschickt. Sie sind auf der Spur eines islamistischen Warlords und Terror-Kommandeurs mit dem Kampfnamen »Karakal«. Sein Ziel ist die Errichtung eines islamistischen Kalifates in Ostafrika. Aus den Erlösen seiner Elfenbein-Wilderei kauft er Waffen für den Krieg gegen die Ungläubigen. Bald müssen Sarah und Carolin erkennen, dass nichts so ist, wie es scheint, und dass die Grenzen zwischen Freund und Feind verschwimmen. Sarah und den Karakal verbindet etwas und sie setzt sich dem Verdacht aus, die falsche Seite gewählt zu haben. Nur einer glaubt ihr … Wolf P. A. Wegner und Evamaria Steinke sind Autoren von einem Dutzend Jugendbüchern und mehr als 80 Dokumentarfilmen, die vor allem in Ostafrika, Osteuropa und Amerika entstanden. Ihre Arbeit wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Deutschen Drehbuchpreis. Der Karakal ist ihr erstes Buch im Prinzengarten Verlag.

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ähnliche


Wolf P. A. Wegner

Evamaria Steinke

Der Karakal

Ein Afrika-Thriller

Prinzengarten Verlag

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

Copyright 2023 by Prinzengarten Verlag

Dr. Hans Jacobs, Am Prinzengarten 1, 32756 Detmold

Foto Umschlag: Rixipix by iStock

ISBN 978-3-89918-846-2

Prolog

Für die dreizehn Touristen geht langsam ein aufregender Safaritag zu Ende. Absoluter Höhepunkt war natürlich der Leopard, der, wie auf einem Präsentierteller dösend, auf der Astgabel eines Marula-Baumes lag und sich nicht einmal von den Geräuschen der klickenden Kameras stören ließ. Dann dieser riesige Kudu-Bulle mit seinen wie Korkenzieher gedrehten imposanten Hörnern, der wie ein Fotomodell im perfekten Kameralicht direkt neben der Buschpiste posierte. Gleich zweimal musste der Safaribus anhalten, weil eine kleine Elefantenherde direkt vor dem Fahrzeug den Weg kreuzte. Zwei winzige Kälber, eines vermutlich nicht viel älter als ein paar Tage, drängten sich dicht an ihre Mütter und reckten selbstbewusst ihre kleinen Rüssel in die Luft. Und im Schatten eines riesigen Fieberbaumes konnten die Safarigäste ein Löwenrudel beim Mittagsschläfchen fotografieren.

Anton Gerlach, seit einem halben Jahr pensionierter Oberstudienrat aus Bremen, tätschelt liebevoll seine Kamera. »Alles drauf, Johanna«, gibt er zufrieden bekannt. Johanna, seine neben ihm sitzende Frau, hört ihn nicht. Die Augen sind ihr zugefallen. Sie schnarcht leise.

Gert Wallmann aus Flensburg, der sich mit seinem 14-jährigen Sohn Robert die Sitzbank in der Reihe davor teilt, dreht sich nach hinten um. »Wird auch langsam Zeit, dass wir bald ankommen. Die letzten Kilometer bis zur Lodge ziehen sich wie Kaugummi. Ich kann kaum noch sitzen. Die sollten sich mal neue Stoßdämpfer zulegen.« Gerlach nickt stumm. Ihm ist nicht nach einem Gespräch.

Vom Beifahrersitz meldet sich der Safari-Guide. In seiner ihm eigenen Mischung aus Deutsch und Englisch verkündet Samuel, dass sie in etwa 20 Minuten ihre heutige Tagesetappe, die Simba-Mbili-Lodge, erreichen werden. Samuel, Mitte 30, ist immer gut gelaunt, hat ein umwerfendes, ansteckendes Lachen und ein sicheres Gespür für perfekte Fotomotive. Er ist Schmetterlings-Fan, Spurenleser, Ornithologe, Zoologe und intimer Kenner der Geschichte seines Landes. Außerdem Reiseleiter, Sänger und Vater von sieben Kindern. Das alles in einer Person.

Der Toyota quält sich, eine lange Staubfahne hinter sich herziehend, über die ausgewaschene Sandpiste eine kleine Anhöhe hoch. Die Stoßdämpfer ächzen verdächtig. »Hört ihr das?«, nörgelt Wallmann gequält, »hoffentlich schaffen wir es noch bis zur Lodge.« Dort warten ein opulentes Abendessen, eiskaltes Bier und zum Nachtisch auf der Terrasse die perfekte Aussicht auf Tiere am von künstlichem Mondlicht beschienenen Wasserloch.

Niemand im Bus ahnt, dass sein Leben hier im Amboseli Nationalpark enden wird. Und zwar in weniger als drei Minuten.

Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts hinter den dichten, die Sandstraße einrahmenden Dornenbüschen mehrere bedrohlich wirkende Gestalten auf. Zwei von ihnen tragen Sonnenbrillen und Wollmützen. Sie bauen sich auf der Piste auf und versperren dem Toyota den Weg.

Sie sind zu fünft.

Drohend richten sie ihre Maschinenpistolen auf den Bus. Blitzschnell erkennen zuerst der Fahrer, danach Samuel und dann die Touristen die tödliche Gefahr. Die Reisenden sind vor Angst wie gelähmt. Samuel und der Fahrer auch. Sie wissen, dass sie in einer tödlichen Falle sitzen, aus der es kein Entkommen gibt. Anhalten und wenden? Unmöglich. Durchbrechen? Geht auch nicht. Dazu ist die Waschbrettpiste an dieser Stelle zu schmal. Langsam rollt der Safaribus aus und kommt kurz vor den Bewaffneten zum Stehen. Auf einmal geht alles sehr schnell. Einer der Angreifer reißt die Beifahrertür auf und zerrt Samuel brutal nach draußen. Ein zweiter, anscheinend etwas älter als die anderen und offenbar der Anführer, schreit den Guide in einem heiseren Wortschwall auf Suaheli an, stößt ihm gleichzeitig den Lauf seiner MP in die Rippen und versetzt ihm Sekunden später einen so heftigen Schlag ins Gesicht, dass Samuel das Gleichgewicht verliert und nach kurzem Taumeln im Staub liegt. Woher die Weißen kommen, will der Angreifer wissen und verleiht seiner Frage dadurch Nachdruck, indem er dem am Boden Liegenden heftig in die Seite tritt. Vor lauter Angst spürt Samuel den Schmerz nicht, und er bringt nur ein stöhnendes Stammeln heraus, das sich wie »Deutsche«, »Holländer«, »Engländer« anhört.

Der Terrorist grinst bösartig. Dann feuert er aus kürzester Entfernung eine Salve aus seiner Kalaschnikow auf Samuel ab und wirft einen kurzen, verächtlichen Blick auf den Toten. Die Reisenden befinden sich in Schockstarre. Einer nach dem anderen müssen sie nun den Bus verlassen, sich nebeneinander mit dem Gesicht nach unten auf die Erde legen und die Hände im Nacken verschränken. Der Fahrer hockt noch immer hinter dem Steuer und rührt sich nicht. Eine Niederländerin mittleren Alters bekommt einen Schreikrampf, den der Anführer der Terroristen mit einem aufgesetzten Schuss in ihren Hinterkopf beendet. Nur Sekunden später sterben auch die anderen am Boden Liegenden im Feuer der Maschinenpistolen.

Noch immer kauert der Fahrer, zur Salzsäule erstarrt, hinter dem Lenkrad. Nur Sekunden später stirbt auch er, nachdem einer der Terroristen eine Handgranate in den Bus geworfen hat. Seine Komplizen sind hinter den Dornenbüschen in Deckung gegangen und beobachten aus sicherer Entfernung, wie der Toyota auseinanderreißt, explodiert, zerplatzt. Fast gleichzeitig mit der Detonation erschallt ein grauenhafter, langgezogener Schmerzensschrei. Der Angreifer, der den Bus in die Luft gejagt hat, strauchelt. Noch während er sich aufrappelt und bevor er die schützende Deckung erreichen kann, bleibt ein durch die Luft fliegendes, scharfkantiges Stück Blech aus der Karosserie des Toyotas in seinem Rücken stecken.

Der Terrorist geht zu Boden. Blut schießt aus seiner klaffenden Rückenwunde, aus seinem Mund, aus der Nase, aus den Ohren. Vorsichtig nähern sich seine Komplizen und werfen einen Blick auf ihren Mitkämpfer, dem nicht mehr zu helfen ist, auf das brennende Wrack des Busses, auf die anderen Leichen.

Der Anführer befiehlt seinen Männern, jetzt zu verschwinden. »Wacha tufanye tuondoke!« »Los, machen wir, dass wir wegkommen!« Der Land Rover, der die Terroristen zum Tatort gebracht hat, wartet keine fünfzig Meter entfernt etwas abseits der Piste hinter einigen Akazien. Nicht einmal drei Minuten hat der tödliche Überfall gedauert.

Keine zwei Minuten später erreicht ein weiterer Safaribus mit Japanern an Bord den Tatort. Entsetzen macht sich breit. Der Einzige, der beim Anblick der vielen Toten einen kühlen Kopf behält, ist der Fahrer, ein grauhaariger älterer Kikuyu. Ohne zu zögern, greift er nach seinem Handy. Das Netz ist da, wenn auch schwach. Er alarmiert die Simba-Mbili-Lodge und gibt den Standort des Überfalls durch. »Somalische Terroristen«, murmelt der alte Kikuyu kaum hörbar. Es klingt, als sage er es zu sich selbst. Sein Blick wandert über die Toten. Einer der Leichen haben die Mörder einen Zettel zwischen die Zähne gesteckt, das Bekennerschreiben der »Dar as-Islam«.

Die Leute von der Lodge benachrichtigen augenblicklich die Polizei, das Militär und die Nationalparkverwaltung.

EINS

Etwa 40 Minuten, nachdem der Alarmruf eingegangen ist, setzt ein Armeehubschrauber sanft auf der Buschpiste auf. Die extrastarken Suchscheinwerfer der MD 530 F tauchen den Landeplatz in gleißendes Licht und leuchten den Tatort aus. Der Pilot lässt die fünf Rotorblätter weiter drehen, während die vier Passagiere in geduckter Haltung aus dem Helikopter klettern. Drei tragen die Uniform der kenianischen Armee, einer, der die anderen um Haupteslänge überragt, ein ziviles Khaki-Hemd und sandfarbene Cargohosen. Jonathan Ole Lenku, 34, Chef des Spezialkommandos der Anti-Terror-Einheit, sieht sich schweigend um, verschafft sich einen ersten Überblick über das, was hier vor kurzer Zeit geschehen ist. Er ist Massai und hat eine beeindruckende Karriere bei der kenianischen Polizei gemacht.

Den Zettel zwischen den Zähnen einer der Leichen bemerkt er sofort und zieht ihn heraus. Schweigend betrachtet er das Viereck mit dem Dach, den Absender der Mörder, das Bekennerschreiben der »Dar as-Islam«. Nachdenklich mustert er das ausgebrannte Wrack des Touristenbusses, die Leichen der Opfer und das, was von dem von einer Handgranate zerfetzten Körper übrig geblieben ist. Die drei Uniformierten warten auf Anweisungen ihres Chefs, der sich noch immer in Schweigen hüllt. Vor seinem geistigen Auge spult der Film der Ereignisse ab.

Wenig später nähern sich drei Geländewagen dem Tatort. Sie halten in einiger Entfernung, um keine Spuren zu verwischen. Der Toyota Land Cruiser gehört zur Nationalparkverwaltung. Die beiden Land Rover hat die Lodge geschickt. Einer der Polizisten aus Ole Lenkus Gruppe geht den Fahrzeugen entgegen und bittet die Fahrer, die Geländewagen mit eingeschalteten Scheinwerfern so zu postieren, dass der Ort des Geschehens ausgeleuchtet wird.

Ole Lenkus Funkgerät meldet sich. Der Wagen der Spurensicherung wird in einer guten Stunde vor Ort sein. Zur gleichen Zeit wie der Hubschrauber hat er Nairobi verlassen. Jonathan Ole Lenku ruft nun seine Leute zusammen. »Die Spurensicherung ist im Anmarsch«, gibt er leise bekannt. Die durch und durch gedämpfte Tonlage seiner Stimme passt so ganz und gar nicht zu seiner beeindruckenden Körpergröße.

Die afrikanische Nacht kommt schnell. Mittlerweile ist es fast dunkel. Der Hubschrauberpilot steckt seinen Kopf aus der Kanzel und will wissen, wie es jetzt weitergeht.

»Wenn die Spurensicherer da sind, kannst du zurück nach Nairobi fliegen. Alle anderen bleiben über Nacht am Tatort. Falls es wirklich Zeit für ein paar Stunden Schlaf geben sollte, ich bin sicher, auf der Lodge wird man Platz für uns haben.«

Der Pilot nickt zufrieden. Die Rotorblätter drehen noch immer. Indessen wendet sich der Chef einem Polizisten aus seiner Begleitung zu, den vier Streifen am Ärmel als Sergeanten kenntlich machen. »Elias, bis Mitternacht werden wir mit den Toten durch sein. Kontakte mal die Gerichtsmedizin. Die sollen heute Abend noch einen Kühllaster schicken.« Er macht eine Pause und fügt dann hinzu, »für 13 Leichen und ein paar Leichenreste. Und vergiss’ nicht, der Gerichtsmedizin unsere Koordinaten durchzugeben. Nicht, dass uns der LKW verloren geht.«

Eine knappe Stunde später ist die Spurensicherung da. Die Kriminaltechniker holen im grellen Licht eines Handscheinwerfers einen großen silbernen Lichtkoffer aus ihrem Kofferraum und machen sich daran, drei Teleskopstative auszupacken, auf die sie akkubetriebene Flutlichtscheinwerfer schrauben, um den Tatort auszuleuchten. Dann fotografieren sie die Leichen von allen Seiten und die Fundstellen der Patronenhülsen. Von der Leiche eines der mutmaßlichen Angreifer, des Handgranaten-Werfers, gelingt es ihnen tatsächlich noch, Fingerabdrücke abzunehmen. Die Identifizierung der toten Touristen gestaltet sich einfach. Die meisten haben neben Bargeld persönliche Papiere und Kreditkarten bei sich. »Raubmord können wir schon mal ausschließen«, murmelt Jonathan Ole Lenku.

Das Massaker, das er hier aufzuklären hat, trägt eine eindeutige Handschrift.

Wenig später trifft der Kühllaster der Gerichtsmedizin am Tatort ein, um die Leichen abzuholen. Neben drei Kenianern klettert auch ein Weißer aus der Fahrerkabine und steuert auf den Massai zu. Jonathan Ole Lenku starrt den etwa 35-Jährigen an. »Du hier?«, fragt er entgeistert, »hast du einen neuen Job?« Er spricht auf einmal Deutsch mit einem leicht sächsischen Einschlag, Überbleibsel eines vierjährigen Aufenthaltes in Dresden, wo er studiert hat. »Eine absolute Katastrophe«, antwortet der Deutsche, »als mich dein Büro informiert hat, was passiert ist, hab’ ich sofort nach einer schnellen Möglichkeit gesucht, an den Tatort zu kommen, und da bot sich die Gerichtsmedizin an.«

Sie kennen sich gut, Jonathan Ole Lenku von der Anti-Terror-Einheit der kenianischen Polizei und Andreas Gerstadt, der Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes an der Deutschen Botschaft in Nairobi. »Hast du schon einen Verdacht?«, fragt Gerstadt vorsichtig, fingert eine Zigarettenschachtel aus seiner Hemdtasche, zieht eine Zigarette heraus und steckt sie sich an. »Verdacht? Ja.« Nach einer kurzen Pause fügt er leise hinzu: »Aber wie es aussieht, ich meine, wie wir hier den Tatort vorgefunden haben, sieht alles verdammt nach unseren somalischen Freunden aus. Es gibt ein Bekennerschreiben der ‚Dar as-Islam‘.« Gerstadt betrachtet den Anti-Terror-Fahnder gleichermaßen nachdenklich und durchdringend.

»Die Toten? Wisst ihr schon, woher sie kommen?«

»Deutsche, Österreicher, Schweizer, Holländer. Alles Europäer, nur der Fahrer und der Guide sind von uns«, antwortet Jonathan leise, »die haben es uns mit der Identifizierung leicht gemacht. Die hatten alle ihre Pässe bei sich.«

Die Toten werden in Leichensäcke gelegt, um dann im Innenraum des Kühllasters nach Nairobi zur weiteren Untersuchung gebracht zu werden. Mittlerweile haben auch die Leute von der Spurensicherung ihre Arbeit abgeschlossen. Jonathan Ole Lenku atmet tief durch. »Fährst du mit der Gerichtsmedizin zurück, oder bleibst du mit uns über Nacht auf der Lodge«, will er von Gerstadt wissen.

Zwanzig Minuten später sitzen der BKA-Verbindungsbeamte und Jonathan Ole Lenku auf der Terrasse der Simba-Mbili-Lodge, genehmigen sich ein Tusker Bier und beobachten schweigend die Tiere am Wasserloch vor der Terrasse, das von künstlichem Mondlicht beschienen wird. Außer einem einsamen Warzenschwein und einigen Impala-Antilopen ist in dieser Nacht an der Tränke nicht viel los. Jonathans Mitarbeiter und die Männer der Spurensicherung haben es nach dem Einsatz vorgezogen, sofort schlafen zu gehen. Andreas Gerstadt und Jonathan Ole Lenku hängen ihren Gedanken nach. Als Erster bricht der Deutsche das Schweigen. »Das heute war eindeutig eine Kriegserklärung.« Jonathan sieht ihn an und schüttelt den Kopf. »Nein«, antwortet er leise, »eine Kriegserklärung wird nicht mehr gebraucht. Wir sind schon mitten im Krieg.«

***

Eine Dhuka, eine Art von Gemischtwarenladen, eine Mischung aus Kiosk und Imbissstube, gibt es in Kenia in jedem Dorf. In einigen Orten, vor allem solchen mit guter Straßenanbindung wie der Mombasa Road, der einzigen nennenswerten Verbindung außer der Eisenbahn zwischen Nairobi und der Küstenstadt Mombasa, sogar mehrere. Meistens werden Dhukas von Indern betrieben.

Quasem Chowdourys Dhuka, aus Wellblech gebaut und mit einem hundertmal geflickten Dach aus Elefantengras gedeckt, ist ein beliebter Anlaufpunkt für die Trucker auf dem Weg zur Küste, die hier auf ein paar Somousas, in heißem Fett ausgebackene, gefüllte Teigtaschen, halten. Massais kaufen bei dem kleinen Inder mit den geölten Haaren regelmäßig Bier. Und die Leute aus dem Dorf Reis, Bohnen, Öl, Streichhölzer, Batterien und vieles mehr.

Chowdoury ist ein Fuchs, ausgestattet mit einem untrüglichen Gespür dafür, gute Geschäfte zu machen. Seine saritragende Frau Uttara, füllig und mit ausladenden Hüften, einem armdicken, pechschwarzen Zopf und Beinen wie Baumstämmen, die sie unter ihrem Sari versteckt, und die so gar nicht zu den kleinen Füßen passen, die in zierlichen, mit Strass dekorierten Flip-Flops stecken, leitet die Abteilung Sonnenbrillen und T-Shirts.

Nach vorn, zur Straße hin, ist die Dhuka offen. Hinten angebaut befindet sich ein kleiner fensterloser Raum, in dem ein auf einem Stapel Zuckerkartons stehender Ventilator für ein wenig Kühlung sorgt.

Chowdourys Riecher für kenianische Schillinge, am liebsten aber Dollars, hat ihn auf die Idee gebracht, das unauffällige Zimmer gegen Bares zu vermieten. Und zwar an Männer, die es ansonsten gewohnt sind, sich zu nehmen, was sie wollen, die Quasem Chowdoury gegenüber allerdings außerordentlich großzügig sind. Denn sie brauchen ihn. Nicht nur wegen des stickigen Hinterzimmers, sondern vor allem wegen seiner Kontakte. Chowdoury hat ein bemerkenswertes Netzwerk aufgebaut. Mit persönlichen Drähten zu Park Rangern, Fahrern, ganz normalen Dorfbewohnern in Geldnöten, was die meisten sind, sogar zur Polizei.

Als Gegenleistung für ein paar Scheine hier und da bekommt er von ihnen Informationen, die seine Auftraggeber wiederum bereit sind, sich etwas kosten zu lassen. Chowdoury ist meistens bestens im Bilde, wo sich in der Nähe gerade Elefantenherden aufhalten, oder wo Nashörner gesichtet wurden, sodass seine Auftraggeber ihre Killer sehr gezielt auf die Tiere ansetzen können. Manchmal wird die Beute, das Elfenbein und die Rhino-Hörner, in der Dhuka des Inders zwischengelagert, was ihm zusätzliches Geld einbringt.

Fünf Männer haben sich in dem unscheinbaren Raum versammelt. Heute ist ein besonderer Tag für sie, nicht nur, weil Zahltag ist, sondern vor allem, weil sie heute den Karakal persönlich kennenlernen werden. Voller Hochachtung, Respekt und Unterwürfigkeit begrüßen sie ihn. Er ist größer als die anderen und seine Haut eine Spur heller als die seiner Kampfgefährten. Rein äußerlich passt er nicht zu seinen Kämpfern. Er trägt eine helle Leinenhose und ein blaues Polohemd und würde so in Nairobi oder Mombasa als erfolgreicher Geschäftsmann durchgehen. Großzügig verteilt er Bündel von kenianischen Schillingen an seine Männer, die versprochene Belohnung für den perfekt gelungenen Überfall auf den Safaribus der Touristen.

Mit leiser Stimme, langsam und eindringlich fordert er sie auf, ihren Kampf mit aller Entschlossenheit fortzusetzen und auch in Zukunft den Befehlen der Kommandeure bedingungslos zu gehorchen. Die Schlacht um Ostafrika habe gerade erst begonnen, mahnt er sie. Seine Stimme erklimmt neue Höhen, als wolle er seinen Worten besonderen Ausdruck verleihen.

»Wir werden alle Weißen aus dem Land jagen. Wir werden alle Ungläubigen töten. Wir werden dafür sorgen, dass hier bald nur noch das Wort des Propheten gilt. Das Paradies ist zum Greifen nah. Die Brüder und Schwestern, die sich unserem großen Kampf angeschlossen haben, benötigen Waffen, versteht ihr? Viele Waffen. Um diese zu beschaffen, brauchen wir Geld. Viel Geld.«

Seine stechend schwarzen Augen blicken in die Runde. »Die Elefanten und Nashörner dieses Landes werden uns das Geld liefern. Das ist der Wille des Propheten.«

ZWEI

An diesem Frühherbsttag zeigt sich Hamburg von seiner schönsten Seite. Durch die uralten Kastanien, die die belebte Straße säumen, streicht ein sanfter Wind. Der Italiener an der Ecke hat schon morgens seine Stühle herausgestellt und die Tische gedeckt. In der Mittagszeit wird es in seiner Trattoria brechend voll werden. Auf der großen Schiefertafel vor seinem Restaurant kündigt der Wirt in Schönschrift das heutige Tagesgericht an. »Dorade in Salbeibutter«.

Während er die rot karierte Tischdecke glattzieht, wirft er einen beiläufigen Blick auf einen dunkelblauen Opel Vectra, der erstaunlich langsam an seinem Restaurant vorbeifährt, so als halte der Fahrer nach etwas Ausschau, vermutlich nach einer bestimmten Adresse. Wahrscheinlich ist er jemand, der einen Termin in der Gegend hat. Vielleicht in einer der Rechtsanwalts-Kanzleien oder Werbeagenturen, von denen es in der Gegend viele gibt.

Die beiden südländisch aussehenden Männer parken ihren unauffälligen Vectra im Halteverbot vor dem Eingang zu dem Ladenbüro, in dem sich früher mal eine Schlachterei befand, über deren ehemaligem Schaufenster ein großes, hellblau lackiertes Metallschild festgeschraubt ist, auf dem in goldenen Lettern »SHARIFS ÜBERSETZUNGSBÜRO« um Kunden wirbt. Sharifs Übersetzungsbüro ist die Adresse für Somalisch-Deutsch und Deutsch-Somalisch. Sharif, Ende 30, kam vor mehr als 25 Jahren nach Hamburg. Schon viele Jahre hat er den deutschen Pass und verfügt über ein abgeschlossenes Chemie-Studium. Seine Entscheidung gegen die Chemie und für das Übersetzungsbüro fiel allerdings schon während seiner Studentenzeit. Mittlerweile ist er staatlich vereidigter Übersetzer. Seine Kunden: vor allem Staatsanwaltschaften, Polizeibehörden und Gerichte in ganz Deutschland.

Sein tägliches Brot verdient er allerdings mit den, wie er es nennt, «Papieren des täglichen Bedarfs«. Mit der Übersetzung von Zeugnissen, Heiratsurkunden, Geburtsurkunden, Bescheinigungen aller Art.

Die beiden Männer steigen aus. Sie wissen genau, was sie suchen. Mit wenigen Schritten erreichen sie das im Souterrain des weiß getünchten Bürgerhauses aus der Gründerzeit liegende Büro, ziehen sich noch im Gehen Strumpfmasken über die Gesichter und holen kurzläufige Kalaschnikows AK 47 unter ihren Windjacken hervor.

Dann stoßen sie die Eingangstür des Büros auf und eröffnen augenblicklich das Feuer auf den hinter seinem Schreibtisch sitzenden Sharif. Durchsiebt von mehreren Feuerstößen bricht der Übersetzer zusammen und stirbt auf der Stelle. Bevor die Täter die Flucht ergreifen, zieht einer der Mörder einen Zettel aus seiner Jackentasche und legt ihn auf den Laptop des Toten, dessen Blut sich ausbreitet wie Rotwein aus einem umgestoßenen Glas.

Der Überfall hat noch nicht einmal eine Minute gedauert.

So findet ein deutsch-somalisches Paar, das um 11 Uhr 15 einen Termin bei Sharif hat, um die Übersetzung des Herkunftsnachweises des Bräutigams abzuholen, den Ermordeten und setzt den Notruf ab. Um 11 Uhr 26 trifft der erste Streifenwagen der Polizei ein, dann der Notarzt, um 11 Uhr 58 die Kripo, gefolgt von der Spurensicherung, und eine knappe halbe Stunde später der Staatsschutz.

Kriminalhauptkommissar Piet Kreutzer, schwergewichtig und schwer atmend, mit 28 Dienstjahren jemand, den nichts so schnell aus der Fassung bringt, auch nicht eine offensichtliche Exekution wie diese, ist auf Nummer sicher gegangen. Das hier riecht zweifellos nach etwas anderem als nach einem beliebigen Mord, einem aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfall oder einer Zufallstat.

Kreutzer erkennt sofort, dass der Tote eindeutig liquidiert wurde, und zwar von Tätern, die genau wussten, was sie taten, von Profi-Killern, die ihrem Opfer nicht die Spur einer Chance ließen. Kreutzers Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Routiniert fügt der Hauptkommissar gedanklich die offensichtlichen Versatzstücke des Verbrechens zusammen und verbindet sie mit den vorliegenden Fakten. Der Tatort: ein somalisches Übersetzungsbüro. Der Tote allem Anschein nach jemand, der seine Wurzeln in Nordafrika oder jedenfalls in einer Weltgegend auf der anderen Seite des Mittelmeeres hat, vermutlich in Somalia.

Das liegt für ihn in diesem Fall ziemlich nahe, es könnte sich also um etwas Politisches handeln, mutmaßt Kreutzer und entscheidet sich daher umgehend dafür, die Kollegen vom Hamburger Staatsschutz an den Tatort zu rufen.

Nachdenklich betrachten wenig später Hauptkommissar Ingo Lamprecht und Oberkommissarin Carolin Meersbusch vom Staatsschutz das Bekennerschreiben, das die schlanke, attraktive Beamtin mit der schwer zu bändigenden dunkel­blonden Mähne in eine Art von überdimensionaler Pinzette geklemmt hat, um nicht die Suche der Spurensicherung nach Fingerabdrücken und anderen Spuren auf dem Papier zu erschweren.

»Die machen noch nicht mal ein Geheimnis daraus, dass sie es waren«, erklärt Lamprecht bestimmt, nachdem er einen Augenblick überlegt hat.

Seine Kollegin sieht ihn fragend an. »Kannst du mich mal aufklären, was du meinst? Wer sind ‚die’?«, Lamprecht starrt nach wie vor eine gefühlte Ewigkeit auf das Bekennerschreiben.

»Sagen wir mal so«, sinniert er gedankenverloren, »das riecht verdammt nach einem politischen Mord. Der Tote war offenbar Somalier. Verräter, Todesstrafe steht auf dem Zettel. Rache steht auch drauf. R-A-C-H-E. Und die Mörder machen keinen Hehl daraus, wer sie sind. Es deutet alles auf die ‚Dar as-Islam‘, das ‚Haus des Islams‘ mit ihrem unverkennbaren Zeichen, einem Viereck mit einem Dach darauf, wie ein Haus. Das könnte man so verstehen, dass der Ermordete ein Verräter war. Und dass man ihn darum liquidiert hat. Rache wofür und für wen? Wer sich hinter diesem Bekennerschreiben versteckt, werden wir hoffentlich bald wissen. Und hoffentlich auch, was hier gerächt wurde.«

Sein Blick, mit dem er wieder das Bekennerschreiben fixiert, wirkt auf einmal fast triumphierend. Zum wiederholten Mal betrachtet Carolin den Toten.

Sie kennt ihn. Sie hat nicht den geringsten Zweifel. Im Unterschied zu Lamprecht kennt sie ihn. Nicht sonderlich gut. Eher oberflächlich. Zwei- oder dreimal waren sie sich in der Vergangenheit über den Weg gelaufen. Immer dann, wenn Sarah ihn im Schlepptau hatte.

Carolin muss auf einmal an ihre Freundin Sarah Dorf und deren Verhältnis mit dem ermordeten Sharif denken. Sie wird Lamprecht davon erzählen, wenn sie zurück auf der Dienststelle des Staatsschutzes sind. Sie muss das tun, noch bevor sie Sarah die Todesnachricht überbringen wird. Diese Information darf nicht zurückgehalten werden. Gedankenverloren und nachdenklich lässt Lamprecht wieder seinen Blick über den Tatort streichen.

Kriminalhauptkommissar Kreutzer von der Mordkommission sieht seinen Staatsschutz-Kollegen fragend an. Lamprecht nickt schweigend, was Kreutzer als Aufforderung versteht, mit dem fortzufahren, was die Kripo in Fällen von Mord immer tut.

Ein junger, ziemlich kleiner Kriminalbeamter aus Kreutzers Truppe macht mit seinem iPhone Fotos vom Tatort, von der Leiche, von der Blutlache, von der Eingangstür, während die Spurensicherung noch mit der Sicherung von Fingerabdrücken beschäftigt ist.

»Ich vermute, hier werden wir nicht viel Glück haben«, räumt Kreutzer ein. Lamprecht ist mit seinen Überlegungen schon weiter und versteht nicht so recht, was Kreutzer mit »Glück haben« meint. Er antwortet nicht. Auf den Staatsschutz wird, das ist ihm klar, eine Menge Arbeit zukommen. Aber das mit den Kripo-Kollegen zu besprechen, liegt nicht in Lamprechts Plan. In seinem Gehirn spult indessen das ganze Programm der Möglichkeiten ab, die sich hinter diesem Mord verbergen können.

»Ihr Tatort, Kreutzer!«, verkündet Lamprecht trocken, »wir machen uns dann mal wieder auf die Socken.«

Auf dem Rückweg ins Präsidium ist er nicht sonderlich gesprächig.

»Du bist also wirklich überzeugt, dass es die ‚Das as-Islam’ gewesen ist?«, fragt Carolin Meersbusch vorsichtig und setzt den Blinker. Gleich werden sie nach rechts auf den Polizeiparkplatz abbiegen. »Bin ich«, antwortet Lamprecht, »aber warum unserem Freund das Licht ausgeknipst wurde, darüber können wir zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nur spekulieren. Keine Ahnung, was dahintersteckt. Mag sein, dass es ein Racheakt war, eine Art Vergeltung. Vielleicht auch nicht. Oder seine Mörder hielten ihn für einen Verräter, für einen Mann der deutschen Behörden, der aus dem Weg geräumt werden musste. Wer weiß?«

***

Carolin Meersbusch ist davon überzeugt, dass es für Sarah Dorf ein gewaltiger Schock sein wird, vom Mord an ihrem Freund Sharif zu erfahren.

Sie beschließt, auf ihre Freundin zu warten, um ihr die Hiobsbotschaft zu überbringen. Und zwar in Sarahs kleiner Zweizimmerwohnung im zweiten Stock eines gepflegten Mietshauses in der Hallerstraße. Sie hat immer den Haustürschlüssel, wenn Sarah auf Reisen ist. Carolin wirft einen Blick auf das Display ihres iPhones. Viertel nach acht. Die Minuten kriechen nur quälend langsam voran. Vor einer Viertelstunde hat sich Carolin telefonisch bei der Flughafen-Information danach erkundigt, ob der Flieger aus Brüssel pünktlich in Hamburg landen wird. Wenn die Maschine aus Kinshasa nach Brüssel keine Verspätung gehabt hatte, müsste Sarah den Anschlussflug nach Hamburg problemlos geschafft haben. Dann würde sie, nachdem sie ihre Reisetasche vom Gepäckband geholt und den Taxistand angesteuert hat, gegen halb zehn da sein, rechnet Carolin in Gedanken nach und denkt, während sie wartet, über Sarahs aufregendes Leben nach.

Nach einer gescheiterten Ehe hat ihre Freundin wieder ihren Mädchennamen angenommen. Sie heißt nun wieder Dorf. Sarah Dorf. Und sie stürzte sich, nachdem diese Episode ihres Lebens abgehakt war, in ihre Arbeit als Journalistin. Spezialgebiet: Afrika.

Immer wieder Recherchen auf den Schlachtfeldern von Bürgerkriegen, Reportagen im Angesicht des Todes, Berichte über Warlords, Todesschwadrone, Terrororganisationen; im Südsudan, im Kongo, in Mali oder Äthiopien.

Irgendwann vor ein paar Jahren hatte sie Sharif kennengelernt. Sarahs Verhältnis zu ihm war stimmungsabhängig und mit sich häufig ändernder Intensität, ein mittlerweile gut drei Jahre dauernder Zustand. Hört sich lange an, ist es aber nicht, denn zwei Drittel dieser Zeit trieb sich Sarah irgendwo in der Welt herum. Bleibt unter dem Strich eine Beziehungszeit von netto einem Jahr, überlegt Carolin.

Das Gespräch mit Lamprecht geht ihr nicht aus dem Kopf. Während sie in Sarahs kleiner Wohnung sitzt, wartet und grübelt, spucken vermutlich gerade die Datenbanken des Staatsschutzes alles Mögliche zum Thema «somalische Terroristen« aus, alles über die somalischen Gotteskrieger, was auch nur im Entferntesten Rückschlüsse auf Verbindungen zwischen der Terrororganisation und dem Übersetzer zulässt, schießt es ihr durch den Kopf. Carolin ist sicher, sich auf direktem Kollisionskurs zu einem großen persönlichen Konflikt zu befinden. Es ist ein absolutes «No-Go« für Beamte des Staatsschutzes, mit Informationen hinter dem Berg zu halten. Sie muss an Lamprecht, ihren Chef, denken. Und daran, dass sie ihm noch immer nichts von ihrer Freundschaft mit Sarah, der Freundin des Opfers, erzählt hat. Die Kollegen des Staatsschutzes würden sie ans Kreuz nageln, da ist sie ganz sicher.

Carolin geht in die Küche, gießt sich ein Glas Wasser ein und malt sich aus, wie Lamprecht reagieren wird, wenn sie ihm gleich morgen früh beichten wird, was er von Anfang an hätte wissen müssen. Wie würde er reagieren? Entsetzt? Enttäuscht? Stinksauer allemal, wobei sie damit leben kann. Nicht auszuschließen aber, dass das das Ende ihrer Karriere einläuten wird, die vor gerade mal fünf Jahren begonnen hat.

Nachdenklich betrachtet sie die Fotos, die Sarah mit Magneten an die Tür ihres Kühlschranks gepinnt hat. Sarah in Beirut. Sarah in Syrien. Sarah irgendwo. In Khaki. Im Abendkleid. Mit Sharif an der Alster.

Plötzlich dringen vom Flur Geräusche von einem Schlüssel, der im Türschloss umgedreht wird, in die Küche. Die Wohnungstür wird aufgeschlossen. Sie stehen sich gegenüber.

»Du hier?«, fragt Sarah fast ungläubig. Als Erstes fällt ihr auf, dass Carolin kreidebleich ist. Wenig später berichtet ihr ihre Freundin stockend, was geschehen ist. Sarahs Lippen bewegen sich, aber sie bringt kein Wort heraus. Sie sucht Carolins Augen und sieht gleichzeitig durch sie hindurch. Plötzlich kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Schwerfällig lässt sie sich in einen Sessel fallen und starrt ins Leere. Ein Schauer läuft über Carolins Rücken. Das hier ist nicht mehr ihre Freundin Sarah, die immer fröhliche Sarah, die so schnell nichts aus der Fassung bringt, und die keiner Gefahr aus dem Wege geht.

»Wisst ihr schon, wer …?«, fragt Sarah leise und nach Worten suchend. Carolin schüttelt hilflos den Kopf.

»Habt ihr irgendeinen Verdacht?«

Carolin antwortet nicht. Sie versucht, Sarahs Blick zu entgehen. Schweigend sieht die Journalistin Carolin an. Endlos lange schweigend. Unerträglich lange.

»Ihr wisst was, Carolin. Ihr müsst etwas wissen.«

***

Carolin Meersbusch schaut auf ihre Uhr. Nachdem sie gestern Abend ziemlich spät Sarahs Wohnung verlassen und in ihre eigene zurückgekehrt ist, hat sie noch gute zwei Stunden bei einer halben Flasche Rotwein darüber gegrübelt, wie sie heute am besten vorgehen muss, um ihrem Chef Lamprecht ihr Fehlverhalten, die Unterlassungssünde, zu beichten.

Sie ist sich darüber im Klaren, dass er jeden Grund hat, ihr Behinderung der Ermittlungen vorwerfen zu können. Die Unterschlagung möglicher Indizien. Befangenheit. Ein Vorwurf, der einen ganzen Rattenschwanz von möglichen Konsequenzen hinter sich herziehen, der, wenn es ganz schlimm kommt, mit ihrer Suspendierung vom Dienst enden kann. Und bestenfalls immer noch bedeuten konnte, dass man sie von dem Fall abziehen würde.

Sie sitzt sie in ihrem kleinen Büro im Polizeipräsidium und denkt nach. Ihre ohnehin schon gedrückte Stimmung bekommt einen weiteren Tiefschlag, als Anja Steffens, die rechte Hand und Assistentin des »Big Bosses« des Staatsschutzes, Kriminaldirektor Jens Michel, in ihr Büro schneit und verkündet, Ingo Lamprecht habe noch keine Zeit für ein Treffen mit ihr.

»Ingo sitzt schon seit fast zwei Stunden beim Chef«, flötet die Steffens. Ihr Lächeln wirkt aufgesetzt und süffisant. »Die Herren haben sich ausgebeten, nicht gestört zu werden. Scheint wohl etwas im Busch zu sein. Als ich den beiden eine neue Kanne Kaffee gebracht habe, hat mir der Chef mit auf den Weg gegeben, ich solle dir ausrichten, dich bereitzuhalten. Du sollst deinen ‚Stand-by-Modus’ einschalten.«

»Stand-by-Modus.« Auch eins von Kriminaldirektor Michels Lieblingsworten, schießt es Carolin Meersbusch durch den Kopf. Ihr schwant Böses. Anja Steffens verlässt Carolins kleines Büro, und Carolin starrt auf ihr Telefon, das sich nach zehn endlosen Minuten meldet.

»Kann losgehen«, verkündet Anja.

Carolin mag die rothaarige Steffens nicht. Ihre ganze Art, diese von Neugierde durchtränkte Schnippigkeit.

Sie greift nach ihrem iPad und einem Notizblock und marschiert über den langen Flur des Präsidiums im elften Stock in die Höhle des Löwen. Bevor sie an die Tür von Kriminaldirektor Michel klopft, atmet sie tief durch.

Michel sitzt an seinem Schreibtisch. Ihm gegenüber Hauptkommissar Ingo Lamprecht, Carolins direkter Vorgesetzter. Äußerlich, oberflächlich betrachtet, wirkt an Michel alles durchschnittlich, unauffällig, Ton in Ton grau. Wohl niemand, der ihn zum ersten Mal sieht, käme auf den Gedanken, dass Kriminaldirektor Michel die absolute Nummer eins des Hamburger Staatsschutzes ist, hielte ihn wahrscheinlich eher für den gehorsamen Sachbearbeiter einer Versicherung oder einen Unterabteilungsleiter des Finanzamtes. Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Michel ist blitzgescheit, hat ein phänomenales Gedächtnis und ein sicheres Gespür dafür, im richtigen Moment die richtige Entscheidung zu treffen, von seiner Menschenkenntnis ganz zu schweigen.

»Setzen Sie sich, Carolin, Kaffee nehmen Sie sich selbst«, fordert er die junge Oberkommissarin auf. Vom Chef unbemerkt zwinkert Lamprecht Carolin zu, was sie schon mal als gutes Zeichen empfindet.

»Also dann«, beginnt Michel das Gespräch. Seine Stimme klingt nicht besonders hoch und nicht besonders tief. »Ich hab’ von eurem neuesten Fall gehört. Gestern, der Dolmetscher.« Er sieht zuerst Carolin, dann Lamprecht, dann wieder Carolin an. »Ein Somalier«, fährt er fort, »schon ziemlich lange in Deutschland. Gibt es irgendetwas über ihn, was ich wissen sollte und vielleicht noch nicht weiß?«

Er legt seine Stirn in Falten und beantwortet dann seine Frage selbst, bremst damit Carolins Anlauf zu einer Erklärung aus.

»Der Kollege Lamprecht tippt auf eine Terrorgruppe, vermutlich eine somalische. Und ich finde, der Kollege Lamprecht hat recht. Auf jeden Fall trägt die Tat die Handschrift somalischer Terroristen. Es sieht ganz nach der ‚Dar as-Islam‘ aus. Dafür spricht besonders das Bekennerschreiben! Es sei denn, jemand hat eine falsche Spur gelegt.«

Wieder sieht der Kriminaldirektor seine beiden Kollegen an. »Ich finde, das mit der Freundin des Toten, die, wenn ich richtig informiert wurde, auch Ihre Freundin ist, Carolin, das hätten Sie Ihrem Kollegen Lamprecht auch früher sagen können. Aber Schwamm drüber«, schiebt er fast beiläufig nach.

Carolin erstarrt zur Salzsäule, sie spürt, wie ihr Blutdruck steigt, und ihr stockt der Atem, was die beiden Staatsschutz-Kollegen zum Glück nicht bemerken. Und wenn doch, lassen sie sich nichts anmerken.

»Woher wissen Sie?«, stammelt die Oberkommissarin.

»Egal, ich weiß es eben«, antwortet Michel. Dann fügt er hinzu, »na gut, wir sitzen alle in einem Boot. Ich weiß es schon lange. Ich weiß es von dem ermordeten Sharif höchstpersönlich.«

Der Kriminaldirektor wendet sich nun an Ingo Lamprecht.

»Klären Sie unsere junge Kollegin mal auf, damit wir alle denselben Informationsstand haben«, fordert er den Hauptkommissar auf. Lamprecht nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse und setzt sie ab. Seine Augenbrauen wippen auf und ab. Sie wippen immer auf und ab, wenn er spricht.

»Lange Geschichte kurz gemacht. Der Tote hat für uns gearbeitet. Ich habe es auch erst heute Morgen von Kriminaldirektor Michel erfahren.«

Michel nickt.

»Er hat schon seit zwei Jahren für uns gearbeitet«, fährt Lamprecht fort, »nicht für uns direkt, der Kollege Anderson hat ihn geführt.«

»Mit dem Mord haben sich allerdings die Vorzeichen geändert. Ab sofort liegt das ganze Thema ‚Somalia’ federführend bei mir«, gibt der Kriminaldirektor kurz und knapp bekannt. »So, Carolin, und nun kommen Sie ins Spiel. Es spricht allem Anschein nach viel dafür, dass unsere somalischen Freunde jetzt auch vermehrt Deutschland im Visier haben.« Er macht eine Pause.

»Ich weiß nicht sonderlich viel über somalische Terroristen«, gibt Carolin zu, »aber nach allem, was mir bekannt ist, befindet sich ihre Spielwiese in Afrika und nicht unbedingt in Deutschland.«

Michel wirkt gelassen. »Stimmt, sie treiben vorwiegend in Ostafrika ihr Unwesen. Aber im großen Lagebild spielt auch Deutschland eine gewisse Rolle, auch wenn das derzeit vermutlich nur eine Nebenrolle ist. Ich sage ausdrücklich ‚derzeit’.«

Der Kriminaldirektor macht eine Pause, bevor er fortfährt. »Aus Kenia bekamen wir vor ein paar Stunden die Nachricht, dass es einen fürchterlichen Anschlag auf einen Touristenbus gab, mit dreizehn Toten, die Hälfte davon Deutsche. Schlimme Geschichte. Auch dahinter steckt wohl nach allem, was wir hören, die ‚Dar as-Islam‘. Und fast zeitgleich ermordet sie den Dolmetscher in Hamburg. Offen gesagt mag ich da nicht so richtig an einen Zufall glauben.«

»Damit kennen wir noch nicht den Grund, warum die ‚Dar as-Islam‘ , wenn sie es denn war, den Dolmetscher umgebracht hat«, wendet die Oberkommissarin vorsichtig ein.

Lamprecht und Michel wechseln Blicke.

»Da bewegen wir uns in der Tat im Bereich der Spekulation. Fest steht allerdings, dass wir vor fünf Wochen aufgrund eines Tipps des ermordeten Dolmetschers einen Deutschen festnehmen konnten, einen gewissen Karsten Schrotmüller, einen Konvertiten, der versucht hat, Deutschland in Richtung Kenia zu verlassen, um sich der ‚Dar as-Islam’ anzuschließen. Allerdings tappen wir noch immer absolut im Dunkeln darüber, durch wen unsere somalischen Freunde erfahren haben, dass der Tipp von Sharif stammte. Das gilt es jetzt mit Hochdruck aufzuklären.«

Michels Stimme klingt fordernd.

»Wir haben in Deutschland einige stabile somalische Gemeinden. Nicht sonderlich groß, aber immerhin. Nach allem, was wir derzeit wissen, gibt es da durchaus Sympathien für die Terrorgruppen. Jedenfalls bei Einigen.«

»Das sind vermutlich keine Einzelfälle«, ergänzt Lamprecht nun den Kriminaldirektor.

Schweigend hört Carolin zu. Ihr Blick wechselt zwischen Michel und Lamprecht.

»Aber kommen wir mal zu dem eigentlichen Grund, warum wir heute zusammensitzen.« Der Kriminaldirektor gibt sich geheimnisvoll. »Wir haben ein großes Interesse daran, der Laus, wie soll ich sagen, auf den Pelz zu rücken. Ich möchte Ihnen etwas vorschlagen, Carolin.«

Gespannt und erwartungsvoll sieht die Oberkommissarin den Big Boss an.

»Ich schlage vor, Sie hören mir erst einmal zu, und dann schlafen Sie darüber. Sie haben 24 Stunden Zeit, ja oder nein zu sagen.«

Auch Lamprechts Augen sind auf seine Mitarbeiterin gerichtet.

»Carolin, ich mache es kurz. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie als verdeckte Ermittlerin nach Ostafrika reisen. Wir haben eine perfekte Legende für Sie. Sie sind eine Journalistin, und Sie werden zum Thema somalische Flüchtlinge recherchieren. Aber Sie werden nicht allein sein, und am Einsatzort bekommen Sie Hilfe. Wenn Sie Ja sagen, steht das BKA über den Verbindungsbeamten der Botschaft in Nairobi auf Ihrer Seite und wird Sie unterstützen.«

Carolin Meersbusch versucht, den Vorschlag Michels sacken zu lassen.

»Ich Journalistin? Aber ich bin keine Journalistin.« Noch immer völlig perplex fällt ihr etwas anderes zu sagen nicht ein.

»Natürlich sind Sie keine Journalistin«, wiederholt Michel und kann sich den Anflug eines Grinsens nicht verkneifen. »Noch nicht«, fügt er schmunzelnd hinzu, »aber ich denke, eine junge, intelligente Frau wie Sie wird sicher in der Lage sein, noch etwas dazuzulernen, und im Zweifelsfall haben Sie ja eine hervorragende Lehrmeisterin. Ich könnte mir vorstellen, dass wir da etwas arrangieren. Ich sagte ja, Sie werden nicht alleine sein.«

***

Um dieselbe Zeit, als sich bei Carolin Meersbusch vom Hamburger Staatsschutz ein bestimmtes, nichts Gutes verheißendes Gefühl wegen des Gespräches mit ihrem Chef in der Magengegend bemerkbar macht, setzt die Nachtmaschine der Kenya Airways aus Frankfurt sanft auf der Landebahn des Jomo Kenyatta Airports in Nairobi auf.

Vor den Schaltern der Passkontrolle in der Ankunftshalle drängen sich wenig später ein paar Hundert Reisende, Geschäftsreisende in erster Linie, die meisten von ihnen Krawattenträger in Anzügen und mit Aktenkoffern in der Hand. Geduldig warten sie an der Passkontrolle, bis sie an der Reihe sind, den schläfrigen, uniformierten Beamten ihre Papiere zu präsentieren.

Die beiden groß gewachsenen schlanken Männer haben die schmalen Gesichter der Äthiopier und Somalier des afrikanischen Nordostens. Sie überragen die meisten ihrer Mitreisenden. Sie müssen nicht warten und sich nicht in den Pulk der Warteschlange vor der Passkontrolle einreihen. Wie selbstverständlich zücken sie ihre Pässe, die sie als Diplomaten ausweisen und passieren den beleuchteten Sonderschalter der Einwanderungsbehörde, der nur Regierungsvertretern und Diplomaten vorbehalten ist.

Die Anzüge der beiden, der eine taubenblau, der andere lindgrün, stammen nicht von der Stange, ihre Hemden sind blütenweiß, und ihre Schuhe gehören nicht zur preiswerten Sorte. Jeder der beiden Männer zieht einen nagelneuen Rollkoffer hinter sich her. Zielgerichtet nehmen sie Kurs auf den Ausgang.

Sie wissen, dass sie erwartet werden. Alles ist generalstabs­mäßig organisiert. Wie immer. Ein weißer VW-Bus steht auf dem Seitenstreifen vor dem Ausgang des Flughafens, auf einem Platz, der für Einsatzfahrzeuge der Polizei reserviert ist. Allerdings würde sich niemand trauen, den Fahrer, der sich gelangweilt an die Beifahrertür des VW-Busses lehnt und raucht, aufzufordern, sich einen anderen Halteplatz zu suchen. Denn das Kennzeichen des Busses weist ihn als Fahrzeug einer diplomatischen Vertretung aus. Als die beiden Männer aus dem Ankunftsterminal nach draußen treten, scheint der Fahrer, nachdem er die beiden auf Anhieb erkannt hat, zum Leben zu erwachen. Er nimmt ihnen ihre Rollkoffer ab und verstaut sie auf der hinteren Sitzbank. Niemand spricht ein Wort. Wenig später setzt sich der VW-Bus Richtung Zentrum der kenianischen Hauptstadt in Bewegung.

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Sarah Dorf hat in der Nacht kein Auge zubekommen.

Stundenlang zerbricht sie sich den Kopf über das »Warum«. Warum Sharif? Was war in der Vergangenheit geschehen, das Sharif auf die Todesliste seiner Mörder brachte? Sie zwingt sich dazu, ihre Gedanken zu ordnen und die Grenzen ihres Vorstellungsvermögens zu durchstoßen.

Je intensiver sie nachdenkt, desto mehr wächst in ihr die Überzeugung, dass es mit einem der Gerichtsverfahren in der Vergangenheit zusammenhängen musste, in denen Somaliern der Prozess gemacht wurde, die im Verdacht standen, bestimmte Verbindungen zu somalischen Terrorgruppen zu haben. Bei diversen Gerichtsverfahren hatte Sharif übersetzt, für die Anklagevertreter ebenso wie für die Beklagten. Sharif hatte sich nie sonderlich über seine Arbeit ausgelassen und mit ihr über Einzelheiten seiner Arbeit vor Gericht gesprochen.

Ihre Gedanken drehen sich im Kreis, sosehr sie auch grübelt. Die Antworten wabern in der Grauzone von düsteren Vermutungen. Gegen vier Uhr morgens beschließt Sarah Dorf, einige Stunden zu schlafen. Im Badezimmer sucht sie nach einer Schlaftablette, ohne die sie auch in den verbliebenen Stunden der Nacht kein Auge zu bekäme.

Das Letzte, an das sie denkt, als sie auf ihrer Couch im Wohnzimmer liegt und die Tablette langsam Wirkung zeigt, ist, dass sie alles daran setzen wird, Licht ins Dunkel zu bringen, um den Mörder Sharifs zu finden. Sie schläft schlecht und wird von Albträumen gequält. Kurz vor sieben ist sie wach, und ihre ersten Gedanken drehen sich sofort wieder um das Verbrechen.

Um sieben klingelt das Telefon. Sarah tastet nach dem Hörer. Robin ist dran. Robin meldet sich immer auf dem Festnetz. Meistens zu ziemlich unchristlicher Zeit. Robin ist ein Guter. Chefredakteur bei der »Quadrille«, einem der großen Magazine, für die Sarah regelmäßig Reportagen produziert.

»Entschuldigung, dass ich dich so früh aus den Federn hole.«

Vermutlich weiß er noch nicht, was gestern passiert ist, und wenn doch, lässt er sich nichts anmerken.

»Ganz kurz nur, Sarah. Wir sind zwar erst heute Mittag verabredet, aber es wäre wichtig, sehr wichtig sogar, wenn wir uns früher sehen könnten. Sagen wir um neun in meinem Büro. Ich hoffe, das geht bei dir.«

Noch immer halb benommen, sagt sie ihm zu. Mit keinem Wort hat er sich erkundigt, ob sie es bei ihrem neuesten Auftrag, von dem sie gestern zurückgekommen war, tatsächlich geschafft hat, das angepeilte Interview mit dem berüchtigten Rebellenführer im Kongo zu bekommen.

Das Verlagsgebäude der »Quadrille« befindet sich in der Hamburger Speicherstadt. Sarah nimmt, nachdem sie ihren in die Jahre gekommenen schwarzen Golf in der Tiefgarage geparkt hat, den Fahrstuhl in den 6. Stock, in dem sich die Büroräume der Chefredaktion befinden.

Neun Uhr. Anscheinend hat Robin schon auf sie gewartet. Er begrüßt sie mit den Worten »Absolute Katastrophe, was da gestern passiert ist.« Kein Wort über den Kongo-Auftrag. Und auch keins darüber, wie er von dem Mord an Sharif erfahren hat. Aber er weiß Bescheid, daran gibt es keinen Zweifel.

»Setz dich, Sarah, Kaffee kommt gleich.« Er sieht sie an. »Ich weiß, wie du dich fühlst, beschissen. Wenn’s irgendwas gibt, was ich, was wir für dich tun können …« Sarah nickt und schweigt. Robin sucht nach Worten. »Ich weiß, dass ihr euch nahe standet, der Tote und du.«

Sarah kennt ihren Chefredakteur, Mitte fünfzig ist er, hart gesotten, Vollblutjournalist, Kettenraucher, in der Branche ebenso berühmt wie berüchtigt für seine knallharten Recherchen. Sarah kennt ihn gut genug, um zu spüren, dass es noch einen anderen Grund als die Beileidsfloskeln gibt, sie zu so früher Stunde in die Redaktion zu beordern.

»Ich meine«, wieder sucht er nach den richtigen Worten, »schlimm genug, was passiert ist, aber es muss weitergehen. Es muss immer weitergehen.« Nachdenklich mustert er sie. »Wir wollen wissen, warum er umgebracht wurde. Vor allem aber von wem. Das ist unser Interesse. Und ich unterstelle mal, deins ist es auch, Sarah.« Sie zeigt keine Reaktion. Worauf will er hinaus, fragt sie sich.

Er mustert sie. Er ist dafür bekannt, jemand zu sein, der schnell auf den Punkt kommt, ein Mann der klaren Worte. »Wir wollen unseren Lesern die Situation erklären. Wir wollen ihnen davon erzählen, dass die Terroristen nicht nur unendlich weit weg in Afrika ihr Unwesen treiben, sondern mittlerweile ganz offensichtlich auch hier, direkt vor unserer Haustür.«

»Aber es steht doch noch nicht einmal mit Sicherheit fest, wer dahintersteckt. Es kann zum jetzigen Zeitpunkt gar nicht feststehen. Die Ermittlungen haben doch gerade erst begonnen«, erwidert Sarah.

»Geh’ einfach mal davon aus, dass es somalische Terroristen waren.«

Das Gesicht des Chefredakteurs wirkt gleichzeitig undurchsichtig und vieldeutig. »Und geh’ außerdem davon aus, dass dies ein neuer Auftrag für dich ist. Ich unterstelle mal, dass du ein ganz persönliches Interesse daran hast, Licht in die Angelegenheit zu bringen.«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, fügt er hinzu, »du hast Interesse, wir haben Interesse, die Öffentlichkeit, unsere Leser auch. Offensichtlich liegen gewisse Indizien dafür vor, dass afrikanische, somalische Terroristen ihre Fühler nach Europa, nach Deutschland ausgestreckt haben. Es ist auch kein Geheimnis, dass sie in Ostafrika einen Teil ihrer Kämpfer rekrutieren, zum großen Teil sogar somalische Flüchtlinge, die ihnen in den Flüchtlingslagern in Kenia auf den Leim gehen und ihren Versprechungen glauben.«

»Ist keine weltbewegende Neuigkeit!«, bemerkt Sarah. Der Chefredakteur übergeht ihren Einwurf.

»Von Terrorgruppen als Kämpfer aufgenommen zu werden, ist für eine ganze Reihe dieser Flüchtlinge das große Los. Und da schließt sich der Kreis. Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, und die gleichzeitig Angehörige einer Terrororganisation sind. Das ist ab heute unser Thema.«

Aufmerksam hört Sarah ihm zu. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, Robin, wollt ihr, dass ich nach Kenia fahre. Das meinst du doch, oder?« Fragend sieht sie ihn an. »Um mich umzusehen, und um gewisse Flüchtlingskontakte zu Terroristen aufzudecken.«

»Das wäre der Auftrag«, bemerkt Robin kurz und knapp, »aber da wäre noch etwas«, schiebt er nach, »Sarah, du wirst nicht allein reisen.«

»Wie? Nicht allein reisen!«, wiederholt sie. Ihre Stimme klingt einigermaßen konsterniert.

»Du wirst in Begleitung reisen. Du wirst jemanden an deiner Seite haben, eine zweite Journalistin. Sozusagen eine Recherche-Helferin. Das kannst du nennen, wie du willst.«

»Und wer soll das sein?«, Sarah ist auf einmal hellwach.

»Du kennst sie. Du kennst sie sogar ziemlich gut.« Robin tut geheimnisvoll.

»Schieß’ schon los, Robin. Was steckt dahinter? Wen habt ihr da ausgeguckt?«

»Carolin Meersbusch. Deine Freundin Carolin Meersbusch.«

***

Als Erstes ruft Sarah Dorf Sharifs Schwester in Regensburg an. Sie weiß, dass ihr ermordeter Freund keinen besonders intensiven Kontakt zu seiner Schwester hatte, aber sie ist seine nächste und vermutlich einzige Familienangehörige. Danach verabredet sie sich mit Carolin.

Sie treffen sich an der Alster. Bei Bobby Reich an der Krugkoppelbrücke, einem beliebten Café und Bootsanlegeplatz. Sarah Dorf ist mit ihren fast ein Meter achtzig einen halben Kopf größer als ihre Freundin, hat unverschämt lange Beine, trägt Chelsea Boots, beigefarbene enge Jeans, eine braune Steppjacke und bändigt ihre dunkelblonde halblange Mähne mit einem Stirnband. Sie entscheiden sich für einen Platz ganz weit rechts auf dem Ponton, wo sie ungestört miteinander reden können und bestellen zwei doppelte Espressi.

»Zuerst du oder zuerst ich?«, fragt Sarah ihre Freundin.

»Egal«, antwortet Carolin, »läuft ohnehin auf dasselbe hinaus.«

»Dann ich«, sagt Sarah, »wenn ich das alles richtig verstehe, haben einige Herren über unsere Köpfe entschieden, dass wir beide gemeinsam nach Afrika reisen.«

Sie erzählt von dem Gespräch in der Redaktion. Aufmerksam hört Carolin ihrer Freundin zu und berichtet danach in kurzen Worten von ihrer Besprechung mit dem Kriminaldirektor, dem Chef des Staatsschutzes.

»Also kennen sich die beiden. Liegt doch wohl, wenn ich es richtig sehe, auf der Hand. Die haben gemeinsam was ausgekungelt.«

»Was heißt kennen«, ergänzt Sarah, »dieses ganze Spiel scheint mir so eine Art von Joint Venture zwischen Staatsschutz und Medien zu sein. Von wegen Unabhängigkeit der Presse. Ich frage mich wirklich, wie man sich das mit uns beiden vorstellt, und wie es dir dabei geht. Mir bereitet es jedenfalls Bauchschmerzen.«

Sie klingt nun eine Spur sarkastisch und atmet tief durch. Carolin geht nicht auf die Bedenken ihrer Freundin ein.

»Michel hat mir nach dem Treffen heute Vormittag noch einen ganzen Stapel Dossiers zum Thema somalische Terroristen auf den Tisch geknallt. Ich hab’ schon mal angefangen, mich in die Materie einzulesen. Jedenfalls ist eins ziemlich interessant: Abgehörte Telefonate in den somalischen Gemeinden hier in Deutschland haben ergeben, dass eindeutige Spuren nach Ostafrika führen, genauer gesagt nach Kenia. Daran gibt es offensichtlich nicht den geringsten Zweifel.«

Sarah überlegt angestrengt und mustert ihre Freundin.

»Für mich stellt sich nur eine einzige Frage, Carolin, machen wir es, oder machen wir es nicht? Ehrlich gesagt hatte ich noch nie eine verdeckte Ermittlerin als Partnerin«, gibt sie zu bedenken. Sie klingt alles andere als begeistert.

Carolin wirkt ebenfalls nachdenklich.

»Ein Heimspiel wird das nicht. Jedenfalls nicht für mich, bei dir sieht das vermutlich anders aus, wenn ich so an deine Kenia-Verbindungen denke.«

In der Tat kann Sarah Dorf schon rein äußerlich ihre Abstammung nicht verleugnen. Die schlanke Gestalt, die schmal geschnittenen Gesichtszüge, der eine Spur bronzefarbene Haut-Ton sind das Erbe ihrer Mutter und ihrer somalischen Großmutter.

Sie fühlt sich hin- und hergerissen zwischen dem festen Entschluss, den Mord an Sharif aufzuklären und einer gewissen Skepsis, sich auf das nicht ungefährliche Unternehmen einzulassen, bei dem nicht nur ihr journalistischer Auftraggeber, sondern auch der Staatsschutz im Spiel sind.

Schließlich ist sie einverstanden, lässt das innere Entscheidungspendel, mit Carolin nach Kenia zu fahren, in die Richtung ausschlagen, den Auftrag anzunehmen.

Nachdenklich beobachtet Carolin das Wendemanöver einer Jolle auf der Alster und nippt gerade an ihrem Espresso, als sich ihr Smartphone meldet. Kriminaldirektor Michel vom Staatsschutz ist dran, eindeutig der Beleg dafür, dass die Angelegenheit bei ihrem Arbeitgeber sehr hoch aufgehängt ist.

Carolin sieht ihre Freundin an. »Michel«, flüstert sie. Das Telefonat ist kurz.

»Kriminaldirektor Michel möchte uns beide treffen. Er will, dass wir hier auf ihn warten. Er wird in einer halben Stunde hier sein, sagt er.«

Obwohl sich Sarah nichts anmerken lässt, fühlt sie sich überfahren.

Michel kommt nicht allein, er hat den Chefredakteur der »Quadrille« im Schlepptau. Als die beiden Männer Sarah und Carolin entdecken, setzen sie sich wortlos zu ihnen an den Tisch. Offensichtlich einer alten Gewohnheit folgend, überzeugt sich Michel davon, dass es keine unliebsamen Zuhörer gibt, und sieht sich nach allen Seiten um.

»Das nennt man dann wohl konspiratives Treffen«, murmelt Sarah leise und doch so laut, dass die anderen am Tisch es hören.

Michel grinst. Robin Waldschmidt auch.

»Ziemlich ungewöhnlich, wenn sich zwei Fraktionen, die im richtigen Leben höchst unterschiedlichen Parteien angehören, gemeinsam an einem Tisch sitzen, das wolltet ihr doch sagen, oder?«, meint der Chefredakteur. Er klingt beinahe amüsiert.

»Es gibt Situationen, in denen man geradezu gezwungen ist, ungewöhnliche Wege zu gehen«, ergänzt Sarahs Chef.

Die Kellnerin nimmt die Bestellung der beiden Männer auf. Waldschmidt ordert Tee, Michel Kaffee.

»Dann kennt man sich also«, stellt Sarah fest. Ihr Blick wandert vom Chefredakteur zum Mann vom Staatsschutz und wieder zurück. Michel nickt. »Kann man so sagen, Frau Dorf. Stimmt. Wie lange kennen wir uns?« Er sieht Waldschmidt fragend an.

»Eine Ewigkeit würde ich das nennen. 25 Jahre bestimmt. Wir haben uns mal in Beirut kennengelernt. Dann wäre das auch geklärt«, meint Michel, »aber das spielt für das, was wir hier miteinander besprechen, keine Rolle.« Er wendet sich nun wieder an Sarah