Der Kelch von Anavrin - Das Herz des Jägers - Lara Adrian - E-Book

Der Kelch von Anavrin - Das Herz des Jägers E-Book

Lara Adrian

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Beschreibung

Die Jagd auf den Kelch von Anavrin ist eröffnet ... England, 1275: Die junge Lady Ariana of Clairmont ist auf der Suche nach ihrem entführten Bruder Kenrick. Als ihr Leben in Gefahr ist, rettet ihr der verwegene Braedon le Chasseur das Leben und bietet ihr seine Hilfe an. Doch Kenricks Verschwinden ist kein Zufall - der ehemalige Templer hat geheime Forschungen über einen mit vier magischen Steinen besetzten Kelch angestellt, der seinem Besitzer unvorstellbare Macht verleiht. Einst ist der Kelch in vier Teile zerbrochen, und die Bruchstücke sind verschollen. Hat Braedon etwas mit Kenricks Verschwinden zu tun? Der erste Band der magischen Serie Der Kelch von Anavrin von Bestseller-Autorin Lara Adrian alias Tina St. John

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Seitenzahl: 523

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Inhalt

Titel

Prolog

1

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Epilog

Impressum

Lara Adrian schreibt als Tina St. John

DER KELCH VON ANAVRIN

Roman

Ins Deutsche übertragen von Holger Hanowell

Prolog

Vor langer Zeit, ehe die Menschen wussten, was es hieß, die Zeit zu messen, gab es einen Ort, der von Licht, reinem Glauben, Frieden und Wohlstand durchdrungen war. Dieser Ort wurde Anavrin genannt, das mystische Königreich im Nebel. Als geheime Welt, die über ungezählte Jahrhunderte gedieh, existierte dieses Reich abgeschieden von dem der Sterblichen. Anavrins Bewohner wussten nicht, was hinter jenem Schleier lag, der ihr verborgenes Land von der Äußeren Welt trennte. Sie lebten in immerwährendem Sommer, kannten weder Schmerz noch Furcht oder Laster. Von der Schwäche oder Bösartigkeit der Menschen ahnten sie nichts – bis eine anavrinische Prinzessin den folgenschweren Fehler beging, sich in einen Sterblichen zu verlieben.

Ihr Bruder herrschte als König, und seine Gemahlin, die Königin, hatte soeben ihr erstes Kind zur Welt gebracht und damit der anavrinischen Monarchie einen Nachfolger geschenkt. Nach althergebrachter Sitte sollte die Ankunft des Kindes mit einem Schluck aus dem heiligen Kelch von Anavrin gesegnet werden: Der Drachenkelch war aus purem Gold gearbeitet und mit vier verzauberten Edelsteinen verziert. Der Prinzessin wurde als auserwählte Jungfrau die Ehre zuteil, den Kelch mit dem Wasser des Unberührten Quells füllen zu dürfen – ein heiliges Bassin im Waldland, in das sich ein tosender Wasserfall ergoss, der Anavrin von der Äußeren Welt trennte.

Als sie allein am Ufer des Quells stand, vernahm die Prinzessin einen seltsamen Laut, der sogar das Rauschen des Wasserfalls übertönte. Es war die Stimme eines Mannes, eines Sterblichen, der verwundet und klagend auf der anderen Seite des Gewässers lag. Furcht oder Qual waren der Prinzessin unbekannt, aber sie verspürte Mitgefühl und wollte die Leiden des Fremden lindern. So rief sie ihm etwas zu und merkte mit Erstaunen, dass er sie wahrnahm. Er hörte tatsächlich ihre Stimme, wenngleich ihre liebreizende Gestalt hinter der schützenden Wand des Sturzbachs für ihn nicht sichtbar war. Die tosenden Wasser hatten das Reich Anavrin in all den Zeitaltern im Verborgenen gelassen. Er flehte sie an, sie möge aus ihrem Versteck treten und ihm helfen, und versicherte ihr, er würde ihr kein Leid antun. Die Prinzessin indes wusste, dass es verboten war, mit den Bewohnern der Äußeren Welt in Verbindung zu treten; es war undenkbar, die trennende Barriere des Wasserfalls zu durchbrechen. Doch das Leid des Mannes rief ein eigenartiges Ziehen in ihrer Brust hervor, einen seltsamen Schmerz, den sie nicht leichtfertig verdrängen konnte.

Rasch stellte sie den heiligen Kelch am Quellufer ab, näherte sich dem wild rauschenden Wasserfall und trat durch ihn hindurch in die Äußere Welt. Zu ihrem Entsetzen war die Wunde des Mannes ernster, als sie befürchtet hatte. An seinen blauen Augen, die sich eintrübten, sah die junge Frau, dass er im Sterben lag. Als sie ihm das schweißnasse Haar aus der Stirn strich, erblickte sie ein außergewöhnlich schönes Gesicht. Er sah so hinreißend aus, dass sich die Prinzessin noch im selben Moment in den Fremden verliebte. Sie musste ihm einfach helfen, doch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Er verlangte nach Wasser, doch das wenige, das sie mit ihren zarten Händen aus dem Teich unterhalb des Sturzbachs schöpfte, vermochte seinen Durst kaum zu löschen.

Da entsann sich die Prinzessin des Drachenkelchs, der mit dem Wasser des heiligen Quells gefüllt war und nur wenige Schritte von der Schwelle zum anavrinischen Königreich entfernt stand. Das juwelenbesetzte Gefäß barg eine geheime Kraft, vielleicht genug, um dem Mann zu helfen, der blutend in ihren Armen lag. Allerdings konnte sie den Kelch nicht zu ihm bringen, denn es war bekannt, dass ganz Anavrin von einem fürchterlichen Übel befallen werden würde, wenn dieser je das Reich verließe. Es hieß, ein großer und gefährlicher Drache würde entfesselt werden und auf das Königreich niederstoßen, sollten die Bewohner den Drachenkelch und dessen schützende Kraft verlieren. Um dem armen Mann zu helfen – und auf nichts anderes waren ihre Gedanken gerichtet –, musste die Prinzessin ihn zu dem wertvollen Gefäß bringen.

In dem sicheren Glauben, das einzig Richtige zu tun, half die Prinzessin ihm auf die Beine und führte ihn zu dem Sturzbach. Der Fremde war zu schwach, ihre Absicht zu hinterfragen, und zu matt, um das außergewöhnliche Geschenk zu erahnen, welches sie ihm machen wollte. Und so gab die Prinzessin ihm aus dem Kelch zu trinken, und der Mann trank so gierig, als habe er sein ganzes Leben Durst leiden müssen. Zug um Zug tat er, bis die Farbe in seine Wangen zurückkehrte, die klaffende Wunde nicht mehr länger blutete und schließlich auf wundersame Weise gänzlich verheilte. Sowie die neue Lebenskraft ihn durchströmte, erhob sich der Mann und näherte sich der Prinzessin. In diesem Augenblick ritt der König von Anavrin in Begleitung mehrerer Gefolgsleute des Reichs mit donnernden Hufen auf die entlegene Lichtung.

Als sie den Sterblichen, der die Prinzessin zum Dank umarmte, in seiner zerrissenen und mit Blut besudelten Kleidung bemerkten, wussten sie sofort, was die junge Frau getan hatte. Der Mann wurde zum Königsschloss geführt und als Gast in den verschwenderisch eingerichteten königlichen Gemächern aufgenommen, doch hinter verschlossenen Türen suchte der Herrscher fieberhaft nach einer Möglichkeit, sich des Sterblichen zu entledigen. Anavrins weiser alter Magier wusste schließlich Rat. Dem Fremden sollte ein zweiter Schluck aus dem Kelch gewährt werden, diesmal jedoch würde der Trank ihm jegliche Erinnerung an die vorherigen Geschehnisse des Tages nehmen. Er würde sich an nichts erinnern, was er in Anavrin erlebt hatte – weder an die Prinzessin noch an den Umstand, dass sie ihm das Leben gerettet hatte. Sobald der Mann schlief, sollte er in die Äußere Welt zurückgebracht werden, ohne dass irgendjemand etwas bemerkte.

Als die Prinzessin den Plan des Königs erfuhr, flehte sie ihn an, er möge dem Fremden erlauben, in Anavrin zu bleiben, und bat ihren Bruder, ihr den Sterblichen zum Gemahl zu geben. Doch der König wollte nichts davon hören. Warnend betonte er, dass sie nichts über den Menschen wisse und ganz Anavrin in Gefahr schwebe, wenn der Fremde bliebe. Der Herrscher verfuhr also wie geplant und richtete es so ein, dass der Drachenkelch an eben jenem Abend für den Mann auf der festlich gedeckten Tafel bereitstand.

Womit er hingegen nicht gerechnet hatte, war der Umstand, dass seine allzeit gehorsame Schwester ihm zu trotzen gedachte.

Da sie den Gedanken nicht ertragen konnte, ihren Angebeteten zu verlieren, hatte sie ihn davor gewarnt, aus dem Kelch zu trinken. Sie sagte ihm, dass sie an einem geheimen Ort auf ihn warten würde, um anschließend mit ihm aus Anavrin zu fliehen und ein gemeinsames Leben in der Äußeren Welt zu beginnen. Ihr Geliebter ließ die Prinzessin nicht lange warten. Verfolgt von des Königs wild brüllenden Mannen stürmte er aus der Großen Halle, riss die Prinzessin mit sich und rannte mit ihr über den Burghof in die dunklen Wälder. Die Prinzessin kannte den Weg zu dem Unberührten Quell, und Augenblicke später standen die Liebenden Hand in Hand in dem feinen Nebel des Sturzbachs. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, sprang die Prinzessin mit dem Mann durch den Wasserfall und ließ alles hinter sich, was sie von Anavrin wusste.

Nein, nicht alles, wie ihr im nächsten Augenblick bewusst wurde.

Unter seinem Arm hatte der Mann ein Bündel, in dem sich der heilige Drachenkelch befand. Jenes mit Juwelen verzierte Gefäß, das in grauer Vorzeit für den ersten Herrscher von Anavrin hergestellt worden war und dessen vier kraftspendende Edelsteine die Existenz des Königreichs ermöglichten. Nun glommen die Steine einem unheilvollen Feuer gleich durch den Stoff hindurch, der den Kelch verbarg. Die Prinzessin verspürte einen Stich in der Brust und erschrak, als sie sah, wie der Sterbliche das Gefäß hervorholte. Zum ersten Mal in ihrem unsterblichen Leben verspürte sie Furcht. Reue überkam sie, doch es war zu spät.

Eine sonderbare pulsierende Kraft schien den Drachenkelch in Schwingung zu versetzen, sodass die Hand des Mannes zu zittern begann, als er das gestohlene Heiligtum festzuhalten versuchte. Der Kelch wurde hin und her geschüttelt, entglitt dem Mann schließlich und schwebte vor ihm her. Die vier Steine glühten nun stärker als zuvor. Aus seinem Innern schien ein gleißendes Licht zu erstrahlen, das so hell war, dass der Kelch in seinem Kern zerbarst. Aus einem wurden vier einzelne Kelche, und jeder trug einen der glühenden Steine. Ineinander geschlungen in einem gleißenden Licht kreisten sie hoch über den Köpfen der Prinzessin und des Sterblichen. Der Mann bemühte sich, nach den Kelchen zu greifen, doch das Licht war zu gleißend und zu feurig. Schließlich zerbarst der Schatz mit einem jähen Aufblitzen und verschwand.

Bis an das Ende seiner Tage sollte der Sterbliche den Verlust des Drachenkelchs beklagen. Er beschuldigte sogar die Prinzessin, ihm das Gefäß durch einen geheimen Zauber entwendet zu haben, doch sie wusste nichts von der Magie, die vor ihren Augen ihre Wirkung entfaltet hatte. Der Sterbliche aber erwies sich als Schurke und glaubte ihr nicht. Und obgleich er sie nicht heiratete, zeugte er mit ihr mehrere sterbliche Nachfahren und geriet immer tiefer in den Sog des Wahnsinns, da er immerfort, berauscht vom Wein, sagenhafte Dinge erzählte: Geschichten von Anavrin, einem golddurchwirkten Königreich, und von einem mit Edelsteinen besetzten Kelch, der ihm einst neues Leben eingehaucht habe, als er sterbend daniederlag.

Mit der Zeit nährten seine immer wieder im Rausch geäußerten Worte das Gerücht, es gebe den Drachenkelch und die vier mystischen Steine tatsächlich – mochten sie auch in alle vier Winde verstreut worden sein. Rasch hieß es, dass demjenigen, dem es gelänge, die vier einzelnen Bestandteile wieder zu dem ursprünglichen Kelch zusammenzufügen, Unsterblichkeit zuteilwerden würde. Der Legende nach wäre diesem Menschen außerdem unermesslicher Reichtum und immerwährendes Glück vergönnt, denn wer im Besitz des Drachenkelchs wäre, der sollte damit auch den Schlüssel zum sagenumwobenen Königreich von Anavrin in den Händen halten.

Für einige war diese Legende nicht mehr als ein Märchen, ein Hirngespinst eines mittellosen Trunkenbolds, auf dessen Worte niemand etwas gab. Andere hingegen sahen in dem Kelch die Möglichkeit, das Menschengeschlecht vor dem Untergang zu bewahren. Sie priesen ihn als Geschenk, das gefunden und wie der heiligste aller Schätze bewahrt werden müsste. Für andere wiederum waren der Drachenkelch und seine Verheißungen der Schlüssel zum eigenen Glück – es gab sogar Menschen, die vor nichts zurückschreckten, um des Kelchs habhaft zu werden.

1

Februar 1275

Wie ein großes geflügeltes Tier legte sich der Winter über London. Der Himmel verdunkelte sich bei Tage wie unter dem Schatten riesiger Schwingen, während der heulende Wind die düsteren Wolken vom Meer her ins Land trieb.

In kürzester Zeit hatte die bittere Kälte ihre scharfen Krallen ausgefahren und die Stadt mit einem Eisregen überzogen. Lady Ariana of Clairmont zog sich die Kapuze ihres pelzbesetzten Mantels tiefer ins Gesicht, als sie und ihr Reisegefährte die Pferde zu einer der verschneiten Hafenschenken lenkten. Der graue Rauch, den der gemauerte Schlot an der Seite des niedrigen Gebäudes unablässig ausstieß, verhieß den Reisenden die willkommene Wärme eines prasselnden Holzfeuers. Allerdings hatte der Ort, soweit Ariana das beurteilen konnte, abgesehen von dem wärmenden Feuer, nicht viel mehr zu bieten.

Das einzige Fenster der Schenke hatte man wegen des rauen Wetters vernagelt; die nassen, wettergegerbten Bretter klapperten, als ein neuer Windstoß das Haus erfasste. Der Wintersturm hatte jeden, der bei Verstand war, dazu gezwungen, einen sicheren Unterschlupf zu suchen, bis das Schlimmste überstanden war. Die Straßen mit ihren Läden und Häuserreihen wirkten verwaist, nur einige wenige zerlumpte Gestalten, die offenbar keine Bleibe hatten, trieben sich noch herum. Auch Ariana wünschte, alsbald der beißenden Kälte zu entkommen, aber die Verabredung, die sie hier im Hafenviertel hatte, war von allergrößter Dringlichkeit. Sie durfte sich von dem Wind und dem Eisregen nicht von ihrem Treffen abhalten lassen.

Das Leben ihres Bruders hing davon ab.

Als sie sich im Sattel dem Ritter zuwandte, der neben ihr ritt, musste sie die Stimme heben, um sich gegen den heulenden Wind und den prasselnden Regen durchzusetzen. »Seid Ihr sicher, dass dies der richtige Ort ist, James?«

»Jawohl, Mylady. ›The Cock and Cup‹, oberhalb von Queenhithe, so wurde mir die Schenke beschrieben.« Der alte getreue Ritter der Clairmonts hob die behandschuhte Rechte und deutete auf ein halb von Schnee verdecktes Schild über der Tavernentür, an dem sich lange Eiszapfen gebildet hatten. »Wie es scheint, ist unser Monsieur Ferrand so etwas wie ein Kaufmann. Mir wäre es allerdings lieber gewesen, er hätte einen passenderen Ort für dieses letzte Zusammentreffen gewählt. Diese Wirtschaft sieht eher aus wie ein Freudenhaus.«

»Kümmern wir uns nicht darum, wie sie aussieht«, erwiderte Ariana, obgleich sie James’ Meinung teilte. »Schließlich werden wir uns hier nicht lange aufhalten. Nachdem wir die Überfahrt bezahlt haben, begleiten wir den Monsieur zu seinem Schiff weiter unten an den Docks.«

James stieß einen unwirschen Laut aus, lenkte seinen Hengst aber dann zu dem kleinen Stall neben der Schenke. Dort würden sie ihre Pferde unterstellen und dann den Kaufmann aus Paris treffen, der sich gegen eine nicht unbedeutende Summe bereit erklärt hatte, sie am folgenden Morgen über den Ärmelkanal nach Frankreich zu bringen. Als sie den Unterstand verließen und auf die Tavernentür zusteuerten, gab James Ariana einen väterlichen Rat. »Bleibt dicht bei mir, sobald wir in der Schankstube sind, Mylady. Ich weiß nicht, welche Absichten dieser gierig blickende Franzose verfolgt, doch ich befürchte, dass irgendein Verrat im Gange ist.«

Mit ihren unter dem langen Schultermantel verborgenen behandschuhten Händen tastete Ariana nach dem kleinen Lederbeutel, den sie an ihrem Gürtel trug. Das Geld für die Überfahrt nach Frankreich – es waren alle Münzen, die sie auf die Schnelle für die heimliche Reise finden hatte können – klimperte beruhigend, als sie hinter James durch den Schnee lief. Sie trug eine schwere Tasche aus Leder, deren breiter Gurt über ihre Schulter verlief und die ihr nun bei jedem Schritt gegen die Hüfte schlug. Der Inhalt der Tasche war weitaus kostbarer als die Münzen, war er doch der Grund für Arianas gewagte Reise mitten im tiefen Winter. Doch so beschwerlich der Ritt von Clairmont auch gewesen sein mochte, Ariana war bereit, ihr Schicksal in die Hände eines Mannes wie Monsieur Ferrand de Paris zu legen.

Sie hatte keine andere Wahl.

Ihr Bruder Kenrick war nicht von seiner Herbstreise auf den Kontinent zurückgekehrt, aber erst nachdem vor gut einer Woche Forderungen von Entführern auf Clairmont eingetroffen waren, hatte Ariana den wahren Grund für das Fortbleiben ihres Bruders erfahren. Er wurde von Unbekannten gefangen gehalten, von mächtigen Männern, die sich für etwas interessierten, das Kenrick erforscht hatte. Ariana hatte nur einen Monat Zeit bekommen, das Auslösepfand aufzutreiben und heimlich zu übergeben, ansonsten würde ihr geliebter Bruder sterben müssen. Schon bei gutem Wetter wäre es schwer gewesen, all den Forderungen in dieser Zeit nachzukommen, doch nun, da auch noch der Winter das Land beherrschte, erschien ihr das Unterfangen nahezu unmöglich.

Aber sie würde ihren Bruder nicht im Stich lassen. Kenrick war immer für sie da gewesen, von frühester Kindheit an – er war ihr Vertrauter, ihr bester Freund, und sie würde ihn niemals enttäuschen. Gott stehe ihr bei, sie durfte ihn nicht seinem Schicksal überlassen.

Im Stillen gelobte Ariana sich noch einmal, ihrem Bruder zu helfen, als James unmittelbar vor der Tavernentür zögerte. »Bleibt dicht hinter mir«, wiederholte er und umfasste den eisernen Riegel. Dann drückte er die schwere Tür mit der Schulter auf, schaute prüfend hinein und ließ Ariana anschließend den Vortritt.

Von einem Windstoß wurde sie förmlich in das schummrige Licht der Schenke geblasen. Der pfeifende Sturm erfasste den Saum ihres Mantels und drückte ihn gegen ihre Beine, als sie über die Schwelle trat. Schneeflocken wehten mit ihr herein und schmolzen in der schmutzigen Pfütze, die sich unmittelbar nach der Tür in der Mulde der ausgetretenen Dielen gebildet hatte – eine Wasserlache, die Ariana erst bemerkte, als sie mit ihren Stiefeln bereits mittendrin stand. In dem kurzen Augenblick, den sie ahnungslos in der Pfütze verweilte, sog sich ihr ohnehin schon feuchtes Schuhwerk so voller Wasser, dass ihre Zehen die Kälte spürten. Doch Ariana beklagte sich nicht. In der verräucherten und überraschend gut gefüllten Schenke wollte sie nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig auf sich ziehen.

Tatsächlich hatten schon einige Gäste die Köpfe gehoben, sodass bereits zu viele Blicke auf die junge Edeldame in dem pelzbesetzten Mantel gerichtet waren, die zweifelsohne nicht in das Hafenviertel passte. Ariana schob sich die Kapuze vom Kopf und versuchte ihre plötzliche Unruhe zu bekämpfen. Sie straffte die Schultern, um Selbstvertrauen auszustrahlen, war jedoch froh, den treuen James hinter sich zu wissen. Dieser zog in diesem Moment die Tür zu und stellte sich beschützend neben Ariana. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er seinen Mantel hinter das Schwertgehenk schob. Die Geste war ein deutliches Zeichen für all diejenigen, die daran dachten, ihr zu nahe zu treten: Er würde sie mit seinem Leben verteidigen.

James nickte dem Wirt kurz zu. »Ferrand de Paris?«, erkundigte er sich.

»Der sitzt dort drüben, Sir«, bekam er als Antwort.

Ariana entdeckte den beleibten französischen Kaufmann, dessen Gesicht im matten Kerzenschein glänzte, an einem Ecktisch. Ferrand war in ein Gespräch mit einem anderen Mann vertieft, der ihm auf einer Bank gegenübersaß: ein breitschultriger Hüne mit wirrem, schulterlangem Haar, das sich vor dem hellen Grau seiner wollenen Tunika so dunkel und glänzend ausnahm wie edelster Zobelpelz.

Der Mann saß mit dem Rücken zu Ariana. Obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, ließ seine stolze Körperhaltung darauf schließen, dass er eine bedeutende Persönlichkeit war. Kein gewöhnlicher Ritter, denn seine hohen Lederstiefel wiesen keine Sporen auf, und der Knauf des Schwerts, das er an der Seite trug, glänzte milchig weiß von Perlmutt. Ariana hielt ihn für einen Edelmann, der mit dem Kaufmann womöglich um erlesene Waren aus fernen Landen feilschte – vielleicht stritt er sich auch mit ihm, mutmaßte sie dann, als die tiefe, grollende Stimme des Fremden lauter wurde, während sie und James sich dem Ecktisch näherten.

»Ich warne Euch, Ferrand, beleidigt mich nicht! Die Sachlage ist klar. Ihr habt mich angeheuert, um die Seidenstoffe zu liefern, und das habe ich getan. Vor über einem Monat. Jetzt will ich das, was mir zusteht, ansonsten werde ich es mir eigenhändig aus Eurer lausigen Haut herausschneiden.«

Der Fremde sprach das normannische Französisch der englischen Oberschicht und drückte sich gewählt aus, auch wenn seiner Drohung eine gewisse Schärfe innewohnte. Monsieur Ferrand begriff offenbar, in welche Gefahr er sich begeben hatte, denn seine Mundwinkel zuckten, und der Krug, den er soeben noch an die Lippen geführt hatte, zitterte in seiner Hand. Ohne einen Schluck genommen zu haben, setzte er ihn wieder ab.

»Lasst uns das Problem wie Edelmänner regeln«, sagte er beschwichtigend, doch die Worte entlockten seinem Gegenüber nur ein unwirsches Schnauben. »Kommt morgen früh zu den Docks, dann werde ich Euch gern Euren Anteil an dem Handel auszahlen.«

Plötzlich erhob sich der Mann in der grauen Tunika, wobei er die Tischplatte mit seinen großen Händen umschloss und dem Tisch einen kraftvollen Stoß versetzte. Der verdutzte Kaufmann wurde auf Höhe seines Oberkörpers von der Tischkante in die Ecke gezwängt. »Ihr werdet mich noch heute Abend bezahlen, Ferrand. Ich habe Euer Hinhalten satt.«

Schon als sie den Fremden vom Eingang der Schankstube aus beobachtete, hatte Ariana ihn für hochgewachsen gehalten, doch als sie nun wenige Schritte von ihm entfernt stand, verfiel sie angesichts seiner beeindruckenden Größe in ehrfürchtiges Staunen. Er nahm seinen Mantel von der Bank, wandte sich mit einem knurrenden Laut schwungvoll von Monsieur Ferrand ab und stand nun Ariana und James direkt gegenüber. Um ein Haar hätte er Ariana berührt. James wich keinen Deut zurück und räusperte sich, ganz so, als wolle er dem Mann eine Entschuldigung abnötigen. Doch nichts geschah.

Schweigend blieb der dunkelhaarige Fremde vor Ariana stehen, eine ungemein kraftvolle, bedrohliche Erscheinung, die von Zorn beherrscht zu werden schien. Mochten seine beachtliche Größe und verdrießliche Laune Ariana bereits in Unruhe versetzt haben, so war dies nichts im Vergleich zu dem Schrecken, der sie durchzuckte, als sie in das Gesicht des Fremden sah. Seine verhärteten Züge waren abweisend und strahlten eine Entschlossenheit aus, die durch die schreckliche Narbe, die quer über seine linke Wange verlief, noch verstärkt wurde. Die lange, silbern verwachsene Haut schien von einer alten Wunde herzurühren, die ihn einst von der Schläfe bis zum Kinn entstellt haben musste. Es war kein sauberer Schnitt, und er hätte ihn gewiss das Leben gekostet, wäre die Klinge bis zu seinem Hals hinuntergefahren.

Unwillkürlich hatte Ariana sich mit einer Hand an den Hals gefasst, als sie dem Mann in das zornige Gesicht schaute. Bei seinem Anblick war ihr ein Keuchen entwichen, aber der Fremde schien von ihrer Reaktion unbeeindruckt. Tatsächlich vermittelten ihr die höhnisch hochgezogene Oberlippe und der Blick, den er ihr unter dichten schwarzen Brauen aus leicht verengten grauen Augen zuwarf, eher den Eindruck, als würde ihn ihre Furcht erheitern. Für einen Edelmann musterte er sie einen Moment zu lang. Sein Blick glitt über ihre Gestalt, angefangen bei ihrem kleinen Reisehut bis hinab zu den modischen, spitz zulaufenden und völlig durchnässten Stiefeln aus Kalbsleder. Ariana hörte deutlich einen unterdrückten glucksenden Laut, ehe er den Kopf ein wenig schieflegte – eine kleine Bewegung nur, bei der ihm eine Strähne seines zerzausten schwarzen Haares in die Stirn fiel und die Narbe verdeckte, was jedoch nicht genügte, um den wilden Gesichtsausdruck zu mildern.

Einen Moment verweilte sein Blick noch auf Ariana, dann zwängte sich der Mann an ihr und dem Ritter vorbei und trat in den Wind hinaus.

»Monsieur Ferrand, geht es Euch gut?«, fragte Ariana besorgt, sobald der Fremde fort war. »Wer war dieser fürchterliche Mensch?«

»Oh, der?« Inzwischen hatte sich der Franzose aus seiner unbequemen Lage befreit und erhob sich nun, um die beiden zu begrüßen. »Beachtet ihn gar nicht, er ist es nicht wert. Nur jemand, mit dem ich ab und an geschäftlich zu tun habe.« Er machte eine abfällige Handbewegung. »Aber setzt Euch. Sprechen wir lieber über unser Geschäft, nicht wahr?«

Als Ariana der einladenden Geste folgen und an dem kleinen Ecktisch Platz nehmen wollte, hielt der alte James sie am Ellenbogen zurück. »Müssen alle, mit denen Ihr geschäftlich zu tun habt, Euch erst drohen, damit Ihr Euch auch an Eure Vereinbarungen haltet, Ferrand?«

»Dieser Mann ist ein Dieb und ein Schurke, werter Ritter. Und jetzt macht er Anstalten, seinen ohnehin schon unlauteren Methoden auch noch die der Erpressung hinzuzufügen. Ihr habt ihn ja gesehen, den unverschämten Kerl. Hat er auf Euch etwa wie ein Mann gewirkt, dessen Wort man vertrauen kann?«

»Nicht unbedingt«, räumte der Ritter der Clairmonts ein. »Aber ich bin mir genauso wenig sicher, ob ich Euch für einen vertrauenerweckenden Partner halten soll.«

»James!«, wies Ariana den Ritter scharf zurecht und lächelte dem Kaufmann gleichzeitig entschuldigend zu. »Wir wollen Monsieur Ferrand doch nicht beleidigen, da er uns doch freundlicherweise zugesichert hat, uns nach Frankreich zu bringen. Habt Ihr etwa schon vergessen, wie viele Bootseigentümer wir seit unserer Ankunft in London gefragt haben? Kaum einer war bereit, uns die Überfahrt in so kurzer Zeit in Aussicht zu stellen. Monsieur Ferrands Unterstützung ist uns sehr willkommen, und ich bin mir sicher, dass er sein Wort hält.«

Obwohl sie James mit ihren Worten zu überzeugen versuchte, wusste Ariana doch, dass ihr treuer Begleiter misstrauisch blieb. Immerhin behielt er seine Bedenken für sich, schließlich war ihm bewusst, was auf dem Spiel stand. Er verstand, wie verzweifelt sie sich bemühte, nach Frankreich zu reisen. Beinahe sein gesamtes Leben hatte James nun schon der Familie Clairmont gedient; er würde das Leben der Geschwister niemals unnötig in Gefahr bringen.

»Ja, nun«, unterbrach der Franzose das Schweigen. »Sollen wir dann unsere Abmachung zu einem Abschluss bringen, Mylady, oder wird Euer Gemahl weiterhin für Euch sprechen?«

»Ich bin nicht verheiratet«, entgegnete Ariana und nahm auf der Bank gegenüber von Ferrand Platz. »Sir James hat mich von Clairmont aus hierherbegleitet.«

»Ich beschütze die Dame«, fügte der Ritter entschlossen hinzu, »sollten die Dinge eine unvorhergesehene Wendung nehmen.«

Monsieur Ferrand entblößte die Zähne in einem erfolglosen Versuch, ein Lächeln anzudeuten. »Eine Aufgabe, die Ihr mit einem gewissen Eifer verfolgt, wie ich sehe. Aber wer würde das nicht tun, da es sich doch um eine so hübsche Dame handelt?«

Das anzügliche Grinsen des Franzosen behagte Ariana ganz und gar nicht, und ihr entging auch nicht, wie sich die Züge von James verhärteten, als er Monsieur Ferrand streng musterte. »Eure Bedingungen, Kaufmann. Sprechen wir also über den Handel, damit wir dieses Treffen beenden können.«

»Wenn ich mich recht erinnere«, warf Ariana ein, »haben wir uns bereits auf sieben Sous in Silber geeignet, war es nicht so, Monsieur?«

Ferrand wandte sich von James ab, um mit Ariana zu verhandeln. »Genau, Mylady. Das war die Summe, um die es ging.«

»Nun gut.« Ariana griff nach dem Lederbeutel an ihrem Gürtel und begann die Münzen abzuzählen, mit denen sie die Kosten für die überteuerte Überfahrt begleichen wollte. »Hier, Monsieur«, sagte sie und schob dem Kaufmann den kleinen Stapel Münzen über den Tisch. »Die volle Summe im Voraus, wie Ihr es wünscht.«

Die kurzen, dicken Finger des Franzosen legten sich um das Silbergeld und ließen es im nächsten Augenblick in seiner edlen Börse aus Brokat verschwinden. »Ist mir ein Vergnügen, mit Euch Geschäfte zu machen, Madame.« Er grinste und orderte bei einer Schankmagd noch einen Krug Ale. »Nehmen wir noch eine Stärkung, wie? Anschließend werde ich Euch zu meinem Schiff begleiten. Ich würde Euch raten, den Abend unter Deck zu verbringen, damit wir gleich mit der Flut im Morgengrauen nach Frankreich auslaufen können.«

Ariana lehnte höflich ab, als die Schankmagd an den Ecktisch trat und auch ihr einen Krug Ale anbot. »Würde es Euch etwas ausmachen, uns jetzt gleich zu Eurem Schiff zu führen, Monsieur? Die letzten Tage waren sehr anstrengend und ermüdend für uns. Ich würde mich vor der Überfahrt gern ein wenig ausruhen.«

Ferrand gab einen grunzenden Laut von sich, da er gerade den vollen Krug an seine Lippen gesetzt hatte. »Wie Ihr wünscht«, sagte er und stellte das Ale mit einem Achselzucken wieder ab. Er stand auf und warf sich einen dunkelblauen Umhang über, der an einem der Holzbalken an einem Haken hing. »Mein Schiff liegt unterhalb von Thames Street in Queenhithe. Hier entlang, s’il vous plaît.«

Sie folgten dem Kaufmann zur Tür. Einige übel aussehende Seeleute hockten an einem Tisch in der Mitte der Schenke – offenbar Bekannte von Ferrand, er begrüßte sie auf Französisch und klopfte einem von ihnen im Vorübergehen leutselig auf die Schulter. Bei dem Gruß des Kaufmanns hoben die vier Gestalten die Köpfe und gafften Ariana mit unverhohlen lüsternen Blicken an.

»Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Blicke dieser Gesellen gefallen mir nicht, Mylady«, flüsterte James, als er mit Ariana hinter Ferrand ins Freie trat. Und noch ehe sie sah, dass seine Hand sich um den Knauf seines Schwerts legte, wusste Ariana schon, dass sein untrügliches Gespür für Ärger ihn zu äußerster Wachsamkeit zwang.

Tatsächlich ließ die Gefahr nicht lange auf sich warten.

Ferrand blieb zunächst im Schutz der Dachtraufe stehen und zog sich gemächlich die Lederhandschuhe an. In dem feinen Nieselregen war es nach wie vor kalt und so dunkel wie zur Dämmerstunde, obwohl es erst früher Nachmittag war. Doch dem Kaufmann schien das unwirtliche Wetter nicht viel auszumachen. Er grinste zufrieden.

»In welcher Richtung liegt Euer Schiff?«, wollte James von ihm wissen. »Wir haben nicht die Absicht, den ganzen Tag in der Kälte herumzustehen.«

»Ich sagte es Euch bereits, serjant«, erwiderte Ferrand gedehnt und benutzte den abwertenden Ausdruck für einen Söldner der Unterschicht. »Mein Schiff liegt am Kai dort unten. Doch ich fürchte, Ihr werdet hierbleiben müssen.«

Der Ritter fluchte, während Ariana erschrocken die Luft einsog. »Was hat das zu bedeuten, Monsieur Ferrand? Wir haben für die Überfahrt bezahlt …«

»Ihr habt für Eure Überfahrt bezahlt, Madame. Nicht für seine. Er bleibt hier.«

James machte einen Schritt auf Ferrand zu, bereit, jeden Moment auf den kleinen Kaufmann loszugehen. »Betrügerischer Bastard! Ich wusste gleich, dass Ihr nicht besser seid als ein gemeiner Dieb.«

Doch ehe er den Mann zu fassen bekam, stürmten die vier Seeleute aus der Schenke, die Ferrand zuvor gegrüßt hatte. Zwei der großen Kerle packten James und drehten ihm die Arme auf den Rücken, sodass sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte. Als er sich zur Wehr zu setzen versuchte, entwendete ihm ein Dritter das Schwert und hielt ihm die Klinge mit einem hinterhältigen Grinsen an den Hals.

»Hört auf, ich bitte Euch!«, rief Ariana voller Angst um ihren Begleiter. Mit einem Mal drohte das ohnehin schon riskante Unterfangen, ihren Bruder rechtzeitig zu retten, zu scheitern. Mit zittrigen Händen lockerte sie das Band ihrer Lederbörse und suchte nach weiteren sieben Sous. Rasch drückte sie dem Kaufmann die Silbermünzen in die Hand. »Hier. Nehmt das Geld. Und jetzt lasst ihn frei. Wir möchten keine Schwierigkeiten mehr. Ihr habt versprochen, uns nach Frankreich zu bringen, und dafür haben wir Euch bezahlt. Was wollt Ihr also noch?«

»Hier geht es nicht um das Geld«, stieß James zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während der Kaufmann in aller Seelenruhe die Münzen einsteckte.

Der Franzose widersprach dem Ritter nicht, trat stattdessen vor und entriss der überraschten Ariana die Börse. Der Lederbeutel enthielt zwar nicht mehr viel, aber die wenigen Geldstücke waren alles, was ihr geblieben war. Angesichts des dreisten Übergriffs stürzte sie sich mit einem Aufschrei der Empörung auf Ferrand, bearbeitete ihn mit ihren zarten Fäusten, kratzte ihn und trat wie wild geworden um sich.

»Schafft mir diese fauchende Wildkatze vom Leib!«, rief der Kaufmann seinen Leuten zu, während er sich Arianas Zornesausbruch zu erwehren versuchte.

Zu ihrer Befriedigung gelang es ihr ein letztes Mal, dem hinterhältigen Kaufmann mit den Fingernägeln im Gesicht zu kratzen, ehe sie sich in der unbarmherzigen Umklammerung eines Seemanns wiederfand. Der säuerliche Geruch von Schweiß stieg ihr in die Nase. Mühelos hob der Bursche sie hoch, während ein zweiter Matrose sie an den Beinen packte. Sosehr sich Ariana auch wand und drehte, den kräftigen Seemännern konnte sie nicht entkommen. Selbst ihre Hilfeschreie erwiesen sich als nutzlos, wurden sie doch von dem heulenden Wind verschluckt.

»Bringt sie zum Schiff hinunter und sperrt sie in den Laderaum«, befahl Ferrand. »Und setzt ihr nicht zu arg zu. Eine Frau mit einer so zarten Haut wird mir einen ansehnlichen Preis auf dem Sklavenmarkt erzielen, selbst dann noch, wenn ich sie mir zuvor vornehme.«

»Verflucht seid Ihr, Ferrand!«, brüllte James. »Ich schicke Euch in die Hölle, wenn Ihr der Dame auch nur ein Haar krümmt!«

Vergeblich setzte sich Ariana erneut gegen die rüden Kerle zur Wehr, die sie nun von der Schenke fort in eine Gasse schleppten, die hinunter zu den Docks führte. Sie warf einen letzten Blick auf James, der noch immer von Ferrands Männern festgehalten wurde und sich mit aller Kraft loszumachen versuchte. Der dritte Seemann versetzte dem Ritter einen harten Schlag in die Magengrube, und als James sich vor Schmerzen krümmte, rammte der Schurke ihm auch noch ein Knie ins Gesicht.

Verzweifelt rief Ariana nach ihrem alten Beschützer, der ihr aus freien Stücken in das Unglück gefolgt war und sie davor gewarnt hatte, einem zwielichtigen Mann wie Ferrand so leichtfertig zu vertrauen. Trotz seiner Zweifel war er treu an ihrer Seite geblieben. Nun bat sie ihn lauthals um Vergebung, bezweifelte aber, dass er sie überhaupt noch hören konnte. Unbarmherzig schlug ihr der Eisregen ins Gesicht, während der Geruch von Fisch und Salzwasser ihr in die Nase stieg, als die rauen Gesellen mit ihr durch die Gasse in Richtung Hafen hasteten.

Im Stillen betete sie, dass Ferrands Männer dem armen James nicht zu arg zusetzen würden. Vielleicht, so wagte sie zu hoffen, gelänge es ihm sogar, sie zu überwältigen und ihnen zu entkommen. Immerhin war James ein starker Mann und ein geübter Kämpfer. Wenn sich eine Gelegenheit böte, würde er sich zu befreien wissen. Großer Gott, es musste ihm gelingen! Und auch sie selbst musste einen Weg finden, um die beiden Entführer loszuwerden.

Laut um Hilfe rufend versuchte sie sich aus dem Griff ihrer Peiniger zu winden, fest entschlossen, sich nicht kampflos jenem Schicksal zu ergeben, das ihr auf Ferrands Schiff unweigerlich bevorstand. Schließlich führten ihre Anstrengungen zu einem kleinen Erfolg: Während sie sich wand, aufbäumte und um sich trat, konnte sie schließlich ein Bein befreien. Mit dem Fuß berührte sie nun die Holzplanken des Hafendocks, und schon im nächsten Augenblick gelang es ihr, auch ihr anderes Bein aus dem Griff des Mannes zu lösen. Im Eisregen hatte der Bursche, der ihre Beine gepackt hatte, sie nicht mehr halten können, sodass Ariana nach einem weiteren kräftigen Tritt endlich wieder mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Der andere Mann hielt sie jedoch immer noch von hinten umklammert.

Die Freiheit, die nun zumindest ein Stückchen näher gerückt zu sein schien, erwies sich als trügerisch, als Ariana wenige Schritte jenseits der Kaianlagen nichts als die vom Sturm aufgewühlten, düsteren Wasser der Themse erblickte. Wollte sie Ferrand und seinen Helfershelfern entkommen, so müsste sie sich entweder an den Schurken vorbeikämpfen und zurück durch die Gasse laufen oder einen Sprung in das eiskalte Wasser wagen und sich schwimmend in Sicherheit bringen. Weder die eine noch die andere Möglichkeit erschien ihr vielversprechend, doch Ariana würde nicht aufgeben.

»Halt sie doch endlich fest!«, schimpfte der eine Mann, während er erneut nach Arianas Beinen griff. »Dieses Biest wird mir mit ihren Tritten noch die Finger brechen!«

Der andere Kerl, der hinter ihr stand, übte mit seinen kräftigen Armen einen so starken Druck auf ihren Oberkörper aus, dass Ariana ein Schmerzensschrei entwich. Als der Schurke grimmig auflachte, streifte sein heißer, stinkender Atem ihr Ohr. »Sie ist eine Kämpferin, die Kleine. Voller Feuer, gerade so, wie ich es mag.«

»Ihr Bestien!«, schrie sie. »Lasst mich los! Will mir denn niemand helfen!«

Ihre Rufe verhallten ungehört, wie sie befürchtet hatte, sie gingen in dem Wind und dem rauen Lachen der Männer unter. Auf einmal hörte Ariana ein Geräusch, das wie Donnergrollen am Himmel klang: ein rhythmischer, dumpfer Laut, der die hölzernen Planken unter ihr erzittern ließ. Einmal mehr bäumte sie sich keuchend gegen ihre Widersacher auf, selbst wenn sie nicht wusste, wie lange sie sich noch gegen die rauen Gesellen zur Wehr setzen konnte.

»Wie wär’s, wenn du uns einen kleinen Vorgeschmack gibst, bevor der Captain dich besucht, ma petite?«

Bei diesen Worten drehte sich Ariana vor Abscheu beinah der Magen um, während der widerliche Atem des Mannes ihr fast die Besinnung raubte. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte senkte sie den Kopf und riss ihn im nächsten Augenblick ruckartig nach hinten. Mit einem harten, knackenden Laut prallte ihr Hinterkopf gegen die Nase ihres Peinigers. Vor Schmerz schrie dieser auf, gab Ariana taumelnd frei und hielt sich beide Hände vors Gesicht. Ariana wollte fliehen, kam aber nicht weiter als zwei Schritte, da sich nun wieder der andere Schurke auf sie stürzte.

»Das hättest du nicht tun sollen«, zischte er böse. »Mein Freund René ist ein sehr eitler Bursche.«

Aber die gebrochene Nase sollte noch die kleinste Sorge des Matrosen sein, denn aus dem Halbdunkel der Docks löste sich eine dunkle Gestalt, die plötzlich drohend hinter ihm aufragte. Vergeblich versuchte Ariana ein Gesicht in dem dunklen Oval der Kapuze des Unbekannten zu erkennen, doch der Wind trieb ihr den Schneeregen in die Augen und raubte ihr die Sicht. Sie konnte nur die düsteren Umrisse einer hünenhaften Gestalt und die Klinge eines großen Breitschwerts erkennen, die im trüben Grau des Tages aufblitzte.

James!, durchzuckte es Ariana in einem Anflug von Schrecken und gleichzeitiger Erleichterung. Das gleichmäßige, dumpfe Geräusch, das sie vernommen hatte, war kein Donnergrollen gewesen, sondern der Hall der schweren Stiefel auf den Planken. Gott sei es gedankt, ihr Begleiter hatte sie gefunden! Aber wie war es ihm gelungen, Ferrands Männern zu entkommen?

Der alte Ritter hatte noch nie so Furcht einflößend und todbringend ausgesehen wie in diesem Augenblick, als er sich dem Mann namens René von hinten näherte. Eben hustete der Schurke noch und überhäufte Ariana mit üblen Flüchen, im nächsten Moment fiel er der unbarmherzigen Klinge ihres Retters zum Opfer. Tödlich getroffen sackte der Mann röchelnd in sich zusammen, taumelte noch am Rand des Piers entlang und stürzte schließlich in den eiskalten Fluss.

»Was, zum Teufel …«

Ungehalten fluchend griff Renés Gefährte nach seiner Waffe, wobei er Ariana so heftig von sich stieß, dass sie unsanft mit den Knien auf dem Dock landete. Sie prallte gegen mehrere Eichenfässer, die an der Seite einer Landungsplanke festgezurrt waren, und hätten diese und einige zusammengelegte Verladenetze ihren Sturz nicht aufgehalten, so wäre sie in die eisigen Fluten der Themse gerutscht.

Wenige Schritte von ihr entfernt kämpften die beiden Männer einen Kampf auf Leben und Tod. Das Schwerterklirren überlagerte das Knarren der Holzbohlen und das Heulen des Sturms. Fasziniert und erschrocken zugleich beobachtete Ariana, wie James jedem Streich seines Gegners gekonnt auswich, um ihm im Gegenzug mit einem wahren Hagel von Schlägen zuzusetzen, bis Ferrands Mann schließlich den Halt verlor und, nur noch auf ein Knie gestützt, Hieb um Hieb parieren musste.

Der Seemann war rasch besiegt. Er ließ die Waffe fallen, klammerte sich an den Saum von James’ Mantel und winselte um Gnade. Erleichterung durchströmte Ariana. Sie war froh, dass die Gefahr gebannt war. Ein leiser Seufzer entfuhr ihr, als sie darauf wartete, dass James dem Mann das Leben schenkte, wie es sich für einen ehrenvollen Ritter ziemte. Für einen langen Moment verharrte ihr Retter regungslos. Wie weißer Dunst umspielte sein Atem seine Lippen, während Ferrands Mann weiterhin um sein Leben bettelte.

Mühsam und noch ein wenig benommen erhob sich Ariana, doch die furchtbare Angst war von ihr abgefallen. Neugierig, wenngleich zögerlich, trat sie vor und begriff nun auch, dass Ferrands Mann auf kein Erbarmen hoffen durfte. Erst jetzt erkannte sie, dass das Gesicht, das bislang unter der Kapuze verborgen war und das sich ihr nun ruckartig und von unheilvollem Zorn gezeichnet zuwandte, nicht das des treuen alten James’ war.

Neben ihr stand der Fremde.

Der ungehobelte Unbekannte aus der Schenke, jener bedrohlich wirkende Mann mit der grässlichen Narbe.

Er schien ihr Erstaunen nicht zu bemerken. Tatsächlich schien er sie überhaupt nicht weiter zu beachten, denn sein durchdringender Blick wanderte zu dem kläglich winselnden Mann zu seinen Füßen zurück. Im Bruchteil von Sekunden schnellte sein starker Schwertarm unter dem Mantel hervor, und mit einer Leichtigkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er so etwas nicht zum ersten Mal tat, senkte er die Waffe in einer bogenförmigen Bewegung und trieb seinem Gegner die Klinge in die Brust: Der Fremde tötete den Seemann rasch und ohne das kleinste Anzeichen von Reue. Anschließend zog er die Klinge zurück, wischte sie mit gleichgültiger Miene an der Kleidung des Toten ab und schob das Schwert in die Scheide, ehe er den leblosen Körper des Mannes mit einem Fußtritt über die Kante des Piers ins Wasser beförderte. Dann wandte er sich erneut Ariana zu.

»Kommt mit mir«, befahl er und streckte eine Hand aus.

»N…nein«, entgegnete sie und wich erschrocken zurück, wobei sie beinahe über das Netz an der Landungsplanke gestrauchelt wäre. Noch ganz benommen von der Bluttat, deren Zeuge sie soeben geworden war, schüttelte sie den Kopf. Sie war maßlos erschrocken darüber, dass ausgerechnet dieser Mann ihr Retter und womöglich ihre einzige Hoffnung sein sollte. »Rührt mich nicht an. Ich muss James finden …«

»Euer Begleiter ist tot. Sie haben ihn ermordet und seine Leiche in der Gasse liegen lassen. Ich habe es gesehen.«

»Nein«, wisperte Ariana. Bei der Vorstellung krampfte sich ihr das Herz zusammen. »Das kann nicht sein.«

»Gebt mir Eure Hand, Madame.« Sein Blick war finster. Ungeduld sprach aus seinen Zügen und beherrschte seinen Tonfall. »Eure Hand, Mylady. Ich werde Euch kein Leid antun.«

Ungläubig starrte Ariana auf die große Hand und den kraftvollen Arm, den der Fremde ihr im Schneeregen entgegenstreckte. Je länger sie unschlüssig hier verweilte, desto aussichtsloser wurde ihre Lage. Sie hatte ihr gesamtes Geld verloren und damit die Möglichkeit verspielt, nach Frankreich zu gelangen. Der Himmel möge ihr beistehen, sie hatte sogar den treuen James verloren. Allein dieser Gedanke raubte ihr das letzte bisschen Kraft.

Ihr starrer Blick ruhte auf dem vernarbten Gesicht des Fremden. Sie spürte, dass es gefährlich sein könnte, ihm zu vertrauen, doch gleichzeitig ahnte sie, dass sie diese Nacht ohne seine Hilfe wahrscheinlich nicht lebend überstehen würde. Aber sie musste am Leben bleiben, musste einen anderen Weg finden, um nach Frankreich zu gelangen, ehe die Unbekannten, die ihren Bruder festhielten, ihre schreckliche Drohung wahr machten.

Er kam auf sie zu. Die Absätze seiner Stiefel klangen hohl und dumpf auf den Planken des Docks. Der Regen rann aus seinem Haar, das ihm in einzelnen Strähnen in die Stirn hing und sich an seine hervorstehenden Wangenknochen gelegt hatte. Silberweiß schimmerte die Narbe auf seiner linken Wange, als er sagte: »Kommt jetzt, Mylady. Es sei denn, Ihr bevorzugt die Gesellschaft dieses Gauners Ferrand.«

Arianas Kehle war wie zuschnürt, doch sie kämpfte gegen ihre Furcht an, streckte unsicher die Hand aus und reichte sie ihrem unheimlichen Retter.

2

Braedon le Chasseur war nicht gerade der Mann, der Gefallen daran fand, Damen in höchster Not zu Hilfe zu eilen. Die Tatsache, dass er dies jetzt dennoch tat und noch dazu einer jungen Edelfrau half, hätte ihm bewusst machen müssen, dass dies keine gute Idee war. Hatte er nicht schon in der Schankstube eine Mischung aus Furcht und Abscheu in den Zügen der jungen Dame entdeckt, als sie ihn mit ihren großen blauen Augen angeschaut hatte? Ein einziger Blick auf diese hochnäsige, edel gekleidete Frau, die ohne jeden weiteren Schutz, nur in Begleitung eines alten Ritters, im Hafenviertel aufgetaucht war, hatte genügt, um zu wissen, dass sie nicht hierher gehörte. In der Hafenschenke war sie so fehl am Platze gewesen wie ein Lamm inmitten eines Wolfsrudels. Bestimmt wäre sie noch vor Anbruch der Nacht umgebracht worden oder in die Fänge von irgendwelchen Wüstlingen geraten. Nicht, dass ihr Schicksal ihn in irgendeiner Weise etwas anging.

Er hätte gar nicht erst in dem Stall an der Thames Street warten sollen, doch gleich nach der Auseinandersetzung mit Ferrand hatte er gespürt, dass Unheil heraufzog. Er hätte einfach weitergehen sollen, sowie er das Handgemenge und die Schreie der Frau gehört hatte, die aus der Gasse an seine Ohren gedrungen waren. Er hätte sich nur um seine Belange kümmern sollen, denn dann wäre er um die Straßenecke gebogen und längst bei seiner Kogge, die weiter unten am Kai festgemacht war, ganz in der Nähe der alten Stadtbrücke.

Die Schwierigkeiten, die er jetzt durch sein beherztes Einschreiten heraufbeschworen hatte, konnte er beileibe nicht gebrauchen. Schon deshalb nicht, da er die vergangenen achtzehn Monate im Schutze der Londoner Unterwelt verbracht hatte. Um unerkannt zu bleiben, hatte er sogar seinem ausschweifenden Lebenswandel abgeschworen. Mittlerweile führte er ein gänzlich anderes Dasein als früher, das seiner damaligen angesehenen Stellung in keinster Weise mehr entsprach.

Er war nun kurz davor, die junge Frau hier in Queenhithe sich selbst zu überlassen. Doch inzwischen schien sie sich von ihrer lähmenden Furcht befreit zu haben, denn plötzlich ergriff sie seine Hand. Braedon zog die Dame mit sich fort, verließ das Dock und lief mit ihr über die Kaianlagen. Da er sich sicher war, dass Ferrand und dessen übrig gebliebene Handlanger nicht weit entfernt sein konnten, hatte er ursprünglich vorgehabt, die Straße zu meiden und stattdessen im Schutz der Lagerhäuser einen Weg zu seinem Boot zu finden. Doch das zögerliche Verhalten der jungen Frau hatte sie zu lange aufgehalten.

In just diesem Moment bog Ferrand um die Ecke eines Hauses in der Thames Street, dicht gefolgt von den beiden anderen Seeleuten, die sich wie bullige Wolfshunde an die Fersen ihres Herrn geheftet hatten. Am oberen Ende der Gasse hielt der Kaufmann inne, als er Braedon und die junge Frau entdeckte.

»Ergreift sie!«

Auf Ferrands Befehl hin stürmten die Männer los, eilten über den Kai und verteilten sich, um ihren Opfern jeden erdenklichen Fluchtweg abzuschneiden. Der eine holte ein langes Entermesser unter seinem Mantel hervor, während der andere ein Schwert zog – so wie auch Ferrand, der zornentbrannt und tobend wie ein Irrsinniger über den Kai stürmte.

»Ach, zum Teufel«, fluchte Braedon. Er war alles andere als erpicht auf ein Zusammentreffen mit weiteren Gegnern.

Mit seinen dreißig Jahren fühlte er sich zu alt dafür. Bei dem unnachgiebigen Schneeregen schmerzten ihm die Knochen, und immerzu musste er daran denken, dass er längst in seiner Kajüte schlafen oder sich – noch weitaus besser – mit einer willigen Gefährtin auf seinem Nachtlager vergnügen könnte. Stattdessen lief er nun Gefahr, am Kai von üblen Gesellen aufgespießt zu werden.

»Was sollen wir nur tun?«, schrie seine Begleiterin verzweifelt. Braedon entfuhr ein Stöhnen, war diese Frau doch der Grund für seine missliche Lage.

»Wir?«, fragte er gedehnt und lachte grimmig auf, als seine Hand den Schwertknauf umschloss. »Wie es scheint, müssen wir an diesem Abend noch weitere Schwierigkeiten bewältigen, Madame.«

Rasch schaute Braedon sich auf dem Kai nach einem Versteck für seine Begleiterin um. Sie sollte ihm nicht im Weg sein, wenn er es mit Ferrand und dessen Männern aufnahm. Doch nirgends schien es einen Schlupfwinkel zu geben, und Ferrands Schergen kamen bedrohlich näher. »Bleibt hinter mir«, befahl er und schob die Frau unsanft beiseite. »Kommt mir nicht in die Quere und bleibt am Dock.«

»Wartet!« Als er einen Schritt in Richtung seiner Gegner tun wollte, packte sie ihn am Ärmel. Für eine so zierliche Frau war ihr Griff erstaunlich fest. »Seid Ihr von Sinnen? Wir müssen versuchen ihnen zu entkommen.«

»Dafür ist keine Zeit.« Er entwand sich ihr und zog sein Schwert.

»Aber Ihr könnt nicht gegen alle zugleich kämpfen – sie werden Euch töten!«

»Mag sein.« Er zuckte die Schultern und bedachte sie mit einem Blick, der verwegener sein mochte, als Braedon sich in Wahrheit fühlte. »Wenn sie mich töten, dann rate ich Euch allerdings, um Euer Leben zu rennen.«

Entschlossen stellte er sich dem Angreifer mit dem Entermesser, der sofort auf ihn losging. Braedon wich dem ersten Hieb aus und hatte Mühe, nicht auf den nassen, überfrierenden Holzplanken auszurutschen. Doch schnell fand er sein Gleichgewicht wieder und holte zu einem Gegenschlag aus, den der Seemann offenbar vorausgeahnt hatte. Geschickt wich er der Klinge aus, stieß seinerseits wieder zu und traf Braedon oberhalb des Handgelenks.

Die brennende Schnittwunde entlockte Braedon ein Brüllen, das nicht allein vom Schmerz herrührte. Als er die scharfe Klinge in seinem Fleisch spürte und sah, wie sein Blut den hellgrauen Stoff seines Ärmels besudelte, erwachte Braedon wie aus einem langen, tiefen Schlaf.

Geschickt wirbelte er herum und hob sein Schwert, während er aus tiefster Kehle einen Fluch ausstieß. Die Klinge sauste hinab, hart, unerbittlich und schnell. Sein Gegner holte zu einem weiteren Schlag aus, war aber zu langsam. Kraftvoll fuhr Braedons Waffe in dessen Fleisch und Knochen und hieb dem Mann mit einem sauberen Schnitt die Hand ab, die hochgewirbelt wurde und in den dunklen Fluten des Flusses versank. Während der Seemann sprachlos und von Entsetzen gelähmt auf seinen Armstumpf starrte, schwang Braedon seine Waffe erneut und schlug den sterbenden Mann von dem Landungssteg.

»Ihr seid der Nächste, Ferrand«, höhnte er mit tödlicher Gelassenheit, als der Franzose und dessen letzter Mann näher kamen. »Ich möchte wetten, dass Euer Tod längst überfällig ist.«

»Ich bin mir sicher, dass wir das aushandeln können, Ihr und ich«, erwiderte Ferrand und hob nachlässig die Schultern. »Mir steht der Sinn nicht nach Gewalt. Wenn Ihr die Frau haben wollt, bitte, so nehmt sie Euch.«

Ferrand verzog den Mund zu einem breiten Grinsen, aber selbst in dem trüben Licht des grau verhangenen Tages konnte Braedon einen Anflug von Furcht in den Augen des Franzosen erkennen. Ihm entging auch nicht, wie Ferrand seinem Helfershelfer mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung des Kopfes bedeutete, sich Braedon von der anderen Seite her zu nähern. Soll er nur kommen, dachte Braedon und gab vor, die Falle nicht bemerkt zu haben. Langsam wich er zurück, wodurch ihm beide Männer unwillkürlich weiter zum Fluss folgten.

Auch die Frau hatte die Gefahr erkannt. »Gebt acht«, wisperte sie hinter ihm eine Warnung und wich weiter auf dem Landungssteg zurück – brachte sich in Sicherheit, sollte er überleben, oder steckte in einer Sackgasse fest, falls er unterlag.

Mit einem Brüllen schnellte Ferrands Handlanger unvermutet nach vorn, um den Kampf zu eröffnen. Von rechts stieß er vor, dich gefolgt von Ferrand, und zwang Braedon, weiter zurückzuweichen. Klirrend und in rascher Folge trafen die Schwerter aufeinander. Braedon stemmte sich gegen den machtvollen Angriff seines Gegners. Es gelang ihm sogar, ihn zurückzudrängen, doch der Mann war stämmig wie ein Ochse. Immer wieder stürmte er auf Braedon zu, obwohl er die Klinge stümperhaft führte, so als halte er ein Hackmesser in der Hand.

»Töte ihn, du Narr!«, rief Ferrand aus sicherer Entfernung. Braedon sah, dass der Kaufmann sich langsam vom Kampfgeschehen zurückzog. Offenbar hatte er beschlossen, die Flucht zu ergreifen, solange ihm sich die Möglichkeit noch bot.

Doch Braedon hatte nicht vor, seinen Widersacher entkommen zu lassen. Er spürte, wie sein Stiefelabsatz sich in etwas verfing – ein Verladenetz, das jemand achtlos auf dem Pier liegen gelassen hatte. Unmittelbar daneben standen große Eichenfässer. Mit der linken Hand umfasste er den oberen Rand eines Fasses, riss es um und schleuderte es seinem Gegner geradewegs auf die Füße. Der Schurke verlor das Gleichgewicht und ließ die Waffe fallen, die Braedon sofort mit einem Fuß außer Reichweite stieß. Mit einem Fluch auf den Lippen strauchelte der Mann am Rand des Piers und stürzte in den Fluss. Im ersten Augenblick erwog Braedon, dem Kerl nachzuspringen, um ihm den Todesstoß zu versetzen, doch eilige Schritte, die weiter oben auf dem Kai hallten, erregten seine Aufmerksamkeit.

Ferrand rannte bereits über die Docks auf sein Schiff zu.

Braedons Stiefel dröhnten dumpf auf den nassen Bohlen, als er losstürmte, um den beleibten Kaufmann zu verfolgen. Der unbändige Wunsch nach Rache pulsierte durch seine Adern, als er den Mann einholte. Schon streckte er den Arm nach ihm aus, griff ins Leere, fluchte erneut und verdoppelte seine Anstrengungen. Mit einem wilden Aufschrei sprang er schließlich auf Ferrand und riss ihn zu Boden. Der Kaufmann versuchte kriechend zu entkommen, suchte Halt auf den Planken des Kais und wand sich unter dem Gewicht seines Angreifers.

Braedon packte den Franzosen an der Schulter, drehte ihn mit einem heftigen Ruck auf den Rücken und versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht. Dann wich er zurück und griff nach seinem Schwert, das er bei dem Hechtsprung verloren hatte.

»Steht auf!«, befahl er dem Kaufmann, der von dem Kinnhaken noch benommen war. Eine seiner Geldbörsen, die er am Gürtel trug, hatte sich geöffnet, sodass sich die glänzenden Münzen auf den Boden ergossen. Braedon bückte sich, entriss dem Mann einen ganz bestimmten Lederbeutel und befestigte ihn mit einem schnellen Laufknoten an seinem Schwertgehenk. »Hoch mit Euch und nehmt Eure Waffe, es sei denn, Ihr zieht es vor, auf der Stelle aufgespießt zu werden.«

Fluchend schüttelte Ferrand den Kopf, stützte sich auf ein Knie und funkelte Braedon wütend an. »Ihr glaubt wohl, dass ich Euch nicht erkannt habe, wie? Oh, ja«, sagte er mit einem heiseren Glucksen. »Ich weiß, wer Ihr seid, Monsieur. Ich weiß alles über Euch.«

Von einer dunklen Vorahnung erfasst verspürte Braedon ein eigentümliches Prickeln im Nacken. Er starrte den dicken kleinen Mann finster an und bemerkte ein belustigtes Aufglimmen in dessen Augen. Fest umschloss Braedon den Knauf seines Schwerts, während das Blut laut in seinen Ohren rauschte. Er packte den Kaufmann am Kragen, riss ihn vom Boden hoch und hob das Schwert. »Ihr hattet Eure Chance, Ferrand. Jetzt müsst Ihr sterben.«

Braedon holte gerade zum tödlichen Hieb aus, als er einen Schrei hörte, der von weiter unten an den Docks zu ihm hinaufdrang. Rasch warf er einen Blick über die Schulter. Durch das Schneetreiben sah er, dass die junge Frau mit dem Mann rang, der schwer verletzt in die Fluten des Flusses gefallen war und den Braedon offenbar doch besser hätte töten sollen. Der Schurke befand sich zwar noch bis zur Hüfte im Wasser, hielt sich aber an den Beinen der Frau fest, um sich an ihnen aus dem Wasser zu ziehen.

»Verflucht!«

Braedon musste sich binnen Sekunden entscheiden: Sollte er Ferrand töten oder der jungen Frau zu Hilfe eilen? In seiner Wut wollte er nichts mehr, als den kleinen Kaufmann zu erschlagen, doch dadurch würde er kostbare Zeit verlieren. Ferrands Gedanken schienen in dieselbe Richtung zu gehen, denn er versuchte sich aus Braedons Griff zu befreien. »Ein anderes Mal, Monsieur«, sagte er und kicherte leise.

Braedon spürte ein seltsames Kribbeln in seinen Fingerspitzen, auch die Haare auf seinem Arm richteten sich auf. Ruckartig drehte er den Kopf zu Ferrand … und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen.

»Großer Gott«, entfuhr es ihm mit einem Keuchen, denn der Franzose war fort. Eben noch hatte er ihn am Kragen gepackt, und jetzt war Ferrand im Schneeregen verschwunden. Auf dem Kai, nur wenige Schritte von ihm entfernt, huschte eine große braune Ratte über die Planken. Sie hielt inne – beim Allmächtigen, blieb sie etwa stehen, um zu ihm aufzuschauen? –, ehe sie wieder mit den Schatten der Docks verschmolz.

Nein.

Unmöglich.

Der unablässige Schneeregen, die düsteren Nebelschwaden – allmählich begann das unwirtliche Wetter seine Sinne zu beeinträchtigen. Er musste beim Zurückschauen den Griff gelockert haben, sodass Ferrand ihm entschlüpfen konnte. Der heulende Wind hatte wahrscheinlich dessen Schritte übertönt. Im Schutz des Schneeregens musste der Kaufmann einen Schlupfwinkel auf der weitläufigen Kaianlage gefunden haben. Menschen aus Fleisch und Blut lösten sich nicht einfach so in Luft auf. Und doch …

Wieder drang ein weiblicher Schrei an Braedons Ohr und lenkte ihn von dem beunruhigenden Gefühl ab, das sich in seiner Magengegend ausbreitete. Rasch fuhr er sich mit der Hand über das Gesicht, schob jegliche Gedanken an Ferrand beiseite und richtete seine Konzentration ganz auf die junge Frau. Er sah sie sich bücken und das Verladenetz mit einiger Mühe über ihren Angreifer werfen. Obwohl das Netz dessen Bewegungsfreiheit recht wirkungsvoll einschränkte, gelang es ihm, einen Arm nach Ariana auszustrecken und ihren Fußknöchel zu umklammern.

Braedon eilte über das Dock und war auf dem Pier, ehe die Frau auf den feuchten Bohlen aufschlug.

Sie klammerte sich an eines der großen Fässer und schrie, als ihr Widersacher sich aus dem Wasser zog. Nach wie vor hielt er sie am Fußgelenk fest, aber sie setzte sich entschlossen zur Wehr. Mit ihrem freien Bein trat sie nach dem Mann und hielt sich an dem Fass fest, um nicht in den Fluss gezogen zu werden. Ferrands Mann griff nach seinem Schwert, das eine Armeslänge von ihm entfernt auf dem Pier lag, doch seine Finger sollten den Knauf nicht mehr erreichen.

Donnernden Schrittes rannte Braedon auf die beiden zu und trieb dem Mann das Schwert in den Rücken. Er war auf der Stelle tot.

Mit einem Tritt entledigte die Frau sich der schlaffen Hand an ihrem Fuß und kroch näher an die Fässer. Ihr Atem kam flach und stoßweise. Braedon schob sein Schwert in die Scheide zurück, bevor er die Hand nach der Frau ausstreckte.

»Seid Ihr verletzt?«

Sie schüttelte den Kopf. Er sah, dass sie stark zitterte und ihr Gesicht aschfahl war. Unter dem schräg sitzenden Hütchen stachen ihre vor Schreck geweiteten blauen Augen hervor, ihr Blick war glasig. Das feine, gekräuselte Seidentuch, das den dicken blonden Haarknoten am Hinterkopf gehalten hatte, war in dem Kampf gerissen. Jetzt ringelten sich einzelne seidige Locken an ihrem Nacken hinab. Sie war sichtlich erschöpft, und gemessen an ihrem bleichen Gesicht bezweifelte er, dass sie ohne seine Hilfe würde aufstehen können.

»Kommt«, stieß er schroff hervor und schob ihr die Kapuze ihres Mantels über den Kopf, um sie vor dem Schneeregen zu schützen. »Es ist vorüber. Machen wir, dass wir fortkommen.«

Sie nahm seine Hand, und schweigend ließen sie das Blutbad auf dem Kai hinter sich. Braedon begleitete sie zurück zur Straße und bog mit ihr um eine Hausecke, hinter der das Portal einer alten Kirche aufragte.

»Wohin gehen wir? Bitte – wo bringt Ihr mich hin?«

»Zur Brücke«, erklärte er und deutete auf einen steinernen Torbogen vor ihnen. Schwere Ketten hingen zwischen zwei Holzpfosten und markierten die Grenze, an der Londons Einfluss endete und die Gerichtsbarkeit der mächtigen Kaufmannsgilde von London Bridge begann. »Es wäre besser, wenn Ihr die kommenden Stunden außerhalb der Innenstadt verbringen würdet, falls weitere Männer aus Ferrands Mannschaft nach Euch suchen.«

Jenseits des großen grauen Schlagbaums verlief eine Straße hoch über der Themse, die von nicht weniger als zwei Dutzend steinernen Bögen verschiedener Größe getragen wurde, die die ganze Breite des aufgewühlten braunen Flusses überspannten. Mit den eng aneinanderstehenden Geschäften, Wohnhäusern und kleinen Kapellen war London Bridge wie ein belebter Arm aus Stein und Holz, der London mit Southwark verband, jenem heruntergekommenen Viertel am anderen Themseufer. Für gewöhnlich drängten sich auf der Brücke Karren, Menschen und streunende Tiere, aber wegen des unfreundlichen Wetters war die zwölf Fuß breite Straße jenseits des Schlagbaums beinahe verlassen.

Ein Wächter forderte sie auf, stehen zu bleiben und den Zoll zu entrichten. Braedon löste den Lederbeutel, den er Ferrand abgenommen hatte, von seinem Schwertgehenk und spürte die anklagenden Blicke der jungen Frau auf sich.

»Das ist meine Börse«, sagte sie. »Das ist mein Geld in dem Beutel. Ferrand hat es mir gestohlen.«

Braedon schnaubte, war aber nicht gewillt, seine Beute abzugeben. Seiner Meinung nach entsprach die Summe genau der, die Ferrand ihm für seine geleisteten Dienste schuldig geblieben war. Ganz zu schweigen davon, dass die edle Dame ihm zu Dank verpflichtet war, weil er sie aus den Fängen des widerwärtigen Hurenbocks und seiner Handlanger befreit hatte. Er missachtete den schmollenden Blick der jungen Frau an seiner Seite, griff in die Lederbörse und holte die Münzen hervor, die für die Überquerung der Brücke bezahlt werden mussten. Schnell gingen sie unter den hohen Torbogen hinter dem Schlagbaum und waren augenblicklich vor dem Schneeregen geschützt.

»Wie ist Euer Name, Madame?«, erkundigte sich Braedon, als sie den dunklen Bogengang im Eingangsbereich durchschritten. Einen langen Augenblick waren nur der Widerhall ihrer Schritte auf den Pflastersteinen und das Rauschen des Wassers unter ihnen zu hören.

»Ariana«, erwiderte sie, doch der Name kam ihr nur zögerlich über die Lippen, als habe sie Angst, zu viel von sich preiszugeben. »Lady Ariana of Clairmont.«

Von Clairmont hatte Braedon noch nie etwas gehört, aber an der eleganten Ausdrucksweise der Dame hatte er schon gemerkt, dass sie aus gutem Hause stammen musste. Er war sich sicher, dass sie nicht aus London oder einer der umliegenden Ortschaften stammte. Dann wäre sie ihm längst einmal begegnet, und ein so hübsches Gesicht wie das ihre hätte er gewiss nicht so schnell vergessen.

Nein, auch nach allem, was er hatte durchmachen müssen, war ihm der Sinn für das Schöne noch nicht abhandengekommen. Er hatte die besseren Zeiten nicht vergessen, und bisweilen schwelgte er in angenehmen Erinnerungen an ein Leben, das reich an schönen Dingen gewesen war. Die gesellschaftlichen Zwänge jener Tage vermisste er jedoch ebenso wenig wie die arrogante Art, die er als junger Mann an den Tag gelegt hatte. Sorglos war er gewesen, gänzlich vereinnahmt von seinem maßlosen Lebenswandel und wie geblendet von seinem eigenen Ruhm. Jetzt brauchte er nur einen kurzen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, sei es in einem Teich oder in den vor Angst geweiteten Augen einer jungen Dame edler Herkunft, um sich bewusst zu machen, was dieses Leben ihm abverlangt hatte.

Braedon verdrängte die Gedanken an vergangene Zeiten, ehe noch weitere Einzelheiten aus den Tiefen seiner Erinnerung heraufsteigen konnten. Mittlerweile hatten er und die junge Frau den überdachten Bereich des Brückentors hinter sich gelassen und waren erneut dem Unwetter ausgesetzt. Der Eisregen brannte auf seiner Haut, aber er machte keine Anstalten, sich die Kapuze tiefer ins Gesicht zu ziehen. Es kümmerte ihn auch nicht, dass seine Narbe zu sehen war.

Soll sie ruhig hinsehen, dachte er grimmig und zwang sich, die verstohlenen Blicke seiner Begleiterin zu ignorieren, während sie schweigend nebeneinanderher gingen. Sollte sie ruhig gaffen, wie all die anderen auch, und bei seinem Anblick zurückschrecken.

Lange genug hatte er nun schon mit dem Zerrbild seines Gesichts gelebt, sodass er wusste, wie lange es im Durchschnitt dauerte, bis jemand seine entstellte Wange bemerkte und sich abwendete. Laute des Erstaunens oder verunsicherte Blicke machten ihm nichts mehr aus, aber zu seiner Verärgerung musste er sich eingestehen, dass er den stillen, forschenden Blick dieser jungen Frau nicht ertragen konnte. In ihm spürte er einen Anflug von Mitleid, das ihn mehr als jedes Anzeichen von Furcht oder Abscheu bekümmerte. Er blieb stehen und wandte sich der Frau abrupt zu.

»Was tut Ihr?«, fragte sie und schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. »Sollten wir nicht weitergehen?«