Der Kirschgarten - Anton Tschechow - E-Book

Der Kirschgarten E-Book

Anton Tschechow

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3,99 €

Beschreibung

"Der Kirschgarten" ist das letzte Stück des russischen Dramatikers Anton Tschechow. Es wird oft als eines der drei oder vier herausragenden Stücke Tschechows bezeichnet, zusammen mit "Die Möwe", "Drei Schwestern" und "Onkel Wanja." Das Stück dreht sich um eine aristokratische russische Gutsbesitzerin, die kurz vor der Versteigerung ihres Familienanwesens (zu dem ein großer und bekannter Kirschgarten gehört) zurückkehrt, um die Hypothek zu bezahlen. Da sie auf Angebote zur Rettung des Anwesens nicht eingeht, lässt sie den Verkauf an den Sohn eines ehemaligen Leibeigenen zu; die Familie verlässt das Anwesen mit dem Geräusch des abgeholzten Kirschgartens. Die Geschichte thematisiert die kulturelle Vergeblichkeit - sowohl die vergeblichen Versuche der Aristokratie, ihren Status aufrechtzuerhalten, als auch die der Bourgeoisie, in ihrem neu entdeckten Materialismus einen Sinn zu finden. Außerdem dramatisiert es die sozioökonomischen Kräfte in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einschließlich des Aufstiegs der Mittelklasse nach der Abschaffung der Leibeigenschaft Mitte des Vorjahrhunderts und des Niedergangs der Macht des Adels. Bei dieser Ausgabe handelt es sich um eine deutsche Neuübersetzung aus dem Jahre 2021.

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Seitenzahl: 87

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Der Kirschgarten

 

Deutsche Neuübersetzung

 

ANTON TSCHECHOW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kirschgarten, Anton Tschechow

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

 

Druck: Bookwire, Kaiserstraße 56, 60329 Frankfurt/M.

 

ISBN: 9783849667429

 

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

 

 

Inhalt:

Personen:1

1. Akt2

2. Akt22

3. Akt36

4. Akt50

 

 

Personen:

 

Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, Gutsbesitzerin

Anja, ihre Tochter, 17 Jahre alt

Warja, ihre Pflegetochter, 24 Jahre alt

Leonid Andrejewitsch Gajew, Bruder der Ranjewskaja

Jermolaj Alexejewitsch Lopatschin, Kaufmann

Pjotr Sergejewitsch Trofimow, Student

Boris Borissowitsch Simeon-Pischtschik, Gutsbesitzer

Charlotta Iwanowna, Gouvernante

Semjon Pantelejewitsch Jepichodow, Kontorist

Dunjascha, Dienstmädchen

Fiers, Lakai, ein Greis von 87 Jahren

Jascha, ein junger Lakai

Ein Landstreicher

Der Bahnhofsvorsteher

Ein Postangestellter

Gäste

Ein Diener

 

Die Handlung spielt auf Frau Ranjewskajas Gut.

 

 

1. Akt

 

[Ein Raum, der immer noch als Kinderzimmer bezeichnet wird. Eine der Türen führt in Anjas Zimmer. Es ist kurz vor Sonnenaufgang an einem Maimorgen. Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, aber es ist kühl im Garten. Es gibt einen frühen Frost. Die Fenster des Zimmers sind geschlossen. Dunjascha kommt mit einer Kerze herein, Lopatschin folgt ihr mit einem Buch in der Hand]

 

Lopatschin. Der Zug ist angekommen, Gott sei Dank. Wie spät ist es denn?

Dunjascha. Gleich zwei. [Pustet die Kerze aus] Es wird schon hell.

Lopatschin. Wie viel Verspätung hatte der Zug? Doch mindestens zwei Stunden. [Gähnt und streckt sich] Ich habe es vermasselt! Ich bin extra hergekommen, um sie am Bahnhof zu treffen, und dann habe ich verschlafen – in meinem Sessel. Das ist schade. Hättest du mich doch geweckt.

Dunjascha. Ich dachte, du wärst schon gegangen. [Lauscht] Ich glaube, ich höre sie kommen.

Lopatschin. [Lauscht] Nein – sie müssen ihr Gepäck abholen und so weiter – Ljubow Andrejewna lebt seit fünf Jahren im Ausland; ich weiß nicht, wie sie jetzt ist – aber sie ist ein guter Mensch; ein einfacher, unkomplizierter Mensch. Ich erinnere mich, als ich 15 Jahre alt war, da schlug mich mein Vater, der mittlerweile verstorben ist – er hatte einen Laden hier im Dorf – , mit der Faust so ins Gesicht, dass meine Nase blutete. Wir waren zusammen in den Hof gegangen, um dort irgendetwas zu erledigen, und er war ein wenig betrunken. Ljubow Andrejewna, wie ich mich jetzt erinnere, war noch jung und sehr dünn, und sie nahm mich mit zum Waschtisch hier in diesem Zimmer, dem Kinderzimmer. Sie sagte: "Weine nicht, kleiner Mann, bis zu deiner Hochzeit wird alles wieder gut." [Pause] "Kleiner Mann" – mein Vater war ein Bauer, das ist wahr, aber ich stehe jetzt hier, mit einer weißen Weste und gelben Schuhen – eine Perle aus einer Auster. Ich bin reich, habe viel Geld, aber wenn du der Sache auf den Grund gehst und mich durchleuchtest, wirst du feststellen, dass ich immer noch ein Bauer bin, und zwar bis ins Mark meiner Knochen. Hier – ich habe dieses Buch gelesen, aber nichts davon verstanden. Bin darüber eingeschlafen. [Pause]

Dunjascha. Die Hunde haben die ganze Nacht nicht geschlafen; sie spüren, dass sie kommen.

Lopatschin. Was ist los mit dir, Dunjascha?

Dunjascha. Meine Hände zittern. Ich glaube, ich werde ohnmächtig.

Lopatschin. Du bist zu empfindlich, Dunjascha. Du kleidest dich wie eine Dame und frisierst dich auch wie eine. Das solltest du nicht tun. Du solltest wissen, wo dein Platz ist.

Jepichodow. [Tritt mit einem Blumenstrauß ein. Er trägt eine kurze Jacke und glänzend polierte Stiefel, die hörbar quietschen. Als er eintritt, lässt er den Strauß fallen und hebt ihn wieder auf] Der Gärtner hat die geschickt; er sagt, sie sollen ins Esszimmer. [Gibt den Strauß Dunjascha]

Lopatschin. Und mir bringst du etwas Kwas.

Dunjascha. Sehr wohl. [Ab]

Jepichodow. Es hat Frost heute Morgen – drei Grad, und die Kirschbäume blühen schon. Ich kann unser Klima nicht gutheißen. [Seufzt] Ich kann es nicht. Unser Klima ist nicht mal in der Lage, uns dieses eine Mal einen Gefallen zu tun. Darüber hinaus, Jermolaj Alexejewitsch, gestatten Sie mir bitte, Ihnen zu sagen, dass ich mir vor zwei Tagen Stiefel gekauft habe – und ich darf Ihnen versichern, dass sie auf ganz unerträgliche Weise quietschen. Mit was kann ich sie einschmieren?

Lopatschin. Gehen Sie weg. Sie langweilen mich.

Jepichodow. Irgendein Unglück passiert mir jeden Tag. Aber ich beklage mich nicht; ich bin daran gewöhnt und kann trotzdem lächeln. [Dunjascha kommt herein und bringt Lopatschin etwas Kwas] Ich gehe jetzt. [Wirft einen Stuhl um] Da –– [Triumphierend] Da sehen Sie, wenn ich das Wort gebrauchen darf, was mir so passiert. Es ist einfach fabelhaft. [Ab]

Dunjascha. Ich muss Ihnen wohl beichten, Jermolaj Alexejewitsch, dass Jepichodow mir einen Antrag gemacht hat.

Lopatschin. Ach!

Dunjascha. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Er ist ein netter junger Mann, aber ab und zu, wenn er anfängt zu erzählen, versteht man kein Wort von dem, was er sagt. Ich glaube, ich mag ihn. Er ist wahnsinnig in mich verliebt. Er ist ein Unglücksrabe, jeden Tag passiert ihm irgendetwas. Wir hänseln ihn deswegen. Man nennt ihn überall die "Zweiundzwanzig Sorgen".

Lopatschin. [Lauscht] Ich glaube, da kommen sie.

Dunjascha. Sie kommen! Wie wird mir denn? Mir ist ganz kalt.

Lopatschin. Da sind sie ja, genau. Gehen wir ihnen entgegen. Ob sie mich erkennen wird? Wir haben uns fünf Jahre nicht gesehen.

Dunjascha. Ich werde gleich ohnmächtig ––– oh, ich werde ohnmächtig!

[Man hört zwei Kutschen vorfahren. Lopatschin und Dunjascha eilen hinaus. Die Bühne ist leer. Im Nebenzimmer hört man Geräusche. Fiers, auf einen Stock gestützt, geht schnell über die Bühne; er hat gerade Ljubow Andrejewna begrüßt. Er trägt eine altmodische Livree und einen hohen Hut. Er brabbelt etwas vor sich hin, aber man versteht kein Wort. Das Geräusch hinter der Bühne wird lauter und lauter. Eine Stimme ist zu hören: "Lass uns da reingehen." Auftritt Ljubow Andrejewna, Anja und Charlotta Iwanowna mit einem kleinen Hund an einer Leine, alle in Reisekleidung, Warja trägt einen langen Mantel und ein Kopftuch auf dem Kopf. Dazu Gajew, Simeon-Pischtschik, Lopatschin, Dunjascha, die ein Päckchen und einen Regenschirm trägt, nebst einem Diener mit Gepäck – alle durchqueren den Raum].

Anja. Gehen wir hier durch. Weißt du noch, was das für ein Zimmer ist, Mutter?

Ljubow. [Freudig, trotz einiger Tränen] Das Kinderzimmer!

Warja. Wie kalt es ist! Meine Hände sind schon ganz taub. [Zu Ljubow gewandt] Deine Zimmer, das weiße und das violette, sind noch genau wie früher, Mutter.

Ljubow. Mein geliebtes, wunderschönes Kinderzimmer – hier habe ich immer geschlafen, als ich noch ein Baby war. [Weint] Und hier bin ich auch wieder ein kleines Mädchen. [Küsst ihren Bruder, dann Warja, und erneut ihren Bruder] Selbst Warja ist wie früher– wie eine Nonne. Und da ist ja auch Dunjascha. [Küsst sie]

Gajew. Der Zug hatte zwei Stunden Verspätung. So viel zum Thema Pünktlichkeit?

Charlotta. [Zu Pischtschik gewandt] Mein Hund frisst auch Nüsse.

Pischtschik. [Überrascht] Dazu fällt mir gar nichts mehr ein!

[Alle ab, außer Anja und Dunjascha].

Dunjascha. Wir haben auf euch gewartet!

[Nimmt Anjas Mantel und Hut ab].

Anja. Ich habe auf der Reise vier Nächte lang nicht geschlafen- mir ist so furchtbar kalt.

Dunjascha. Ihr seid damals vor Ostern weggefahren, als es noch geschneit und gefroren hat, aber jetzt? Mein Herzchen! [Lacht und küsst sie] Wir mussten lange auf euch warten, aber nun, welche Freude – ich muss dir sofort etwas erzählen, ich kann es nicht eine Minute länger für mich behalten.

Anja. [Erschöpft] Und was genau?

Dunjascha. Der Kontorist, Jepichodow, hat mir nach Ostern einen Antrag gemacht.

Anja. Immer das Gleiche ––– [Richtet ihr Haar] Ich habe all meine Haarnadeln verloren ––– .

[Sie ist so erschöpft, dass sie beim Gehen sogar torkelt].

Dunjascha. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Er liebt mich, er liebt mich so sehr!

Anja. [Schaut in ihr Zimmer; spricht mit sanfter Stimme] Mein Zimmer, meine Fenster, als wäre ich nie fort gewesen. Ich bin zu Hause! Morgen früh nach dem Aufstehen gehe ich im Garten spazieren –– oh, wenn ich nur schlafen könnte! Ich habe die ganze Reise über nicht geschlafen, so aufgewühlt war ich.

Dunjascha. Pjotr Sergejewitsch ist vor zwei Tagen gekommen.

Anja. [Freudig] Pjotr!

Dunjascha. Er schläft im Badehaus, er wohnt sozusagen dort. Er hat gesagt, dass er Angst davor hat, zu stören. [Sieht auf ihre Taschenuhr] Ich sollte ihn wecken, aber Barbara Michailowna hat es mir verboten. "Weck' ihn bloß nicht", sagte sie.

[Auftritt Warja, mit einem Schlüsselbund am Gürtel].

Warja. Dunjascha, etwas Kaffee, schnell. Mutter möchte gerne welchen.

Dunjascha. Sofort. [Ab.]

Warja. Endlich bist du gekommen, Gott sei Dank. Du bist wieder zu Hause. Mein Liebling ist wieder da! Meine hübsche Schwester ist wieder da!

Anja. Es war eine schreckliche Zeit, das kann ich dir sagen.

Warja. Kann ich mir gut vorstellen!

Anja. Ich bin in der Karwoche gegangen, und es war sehr kalt. Charlotta hat die ganze Zeit geredet und hat immer wieder ihre Kunststückchen vorgeführt. Warum hast du mir nur Charlotta mitgegeben?

Warja. Du konntest doch nicht allein gehen, mit siebzehn!

Anja. Wir sind nach Paris gefahren; dort ist es kalt und es schneit. Mein Französisch ist grauenerregend. Meine Mutter wohnt im fünften Stock. Wenn ich sie besuche, finde ich sie dort mit ein paar Franzosen, Frauen, einem alten Abbé mit einem Buch, alles verqualmt und überhaupt nicht behaglich. Plötzlich tat sie mir sehr leid – so leid, dass ich sie umarmte und nicht mehr losließ. Dann umarmte Mutter mich und fing an zu weinen –– .

Warja. [Schluchzt] Hör auf, kein Wort mehr –– .

Anja. Sie hat bereits ihre Villa bei Mentone verkauft; sie hat nichts mehr, gar nichts. Und ich habe auch keine einzige Kopeke mehr; wir haben es gerade noch hierher geschafft. Aber Mutter will es nicht wahrhaben! Wir haben am Bahnhof gegessen, wo sie all die teuren Gerichte bestellt und den Kellnern je einen Rubel Trinkgeld gegeben hat. Und Charlotta tut es ihr gleich. Auch Jascha will daran teilhaben – schlimm. Mutter hat jetzt einen Lakaien, Jascha; wir haben ihn mitgebracht.

Warja. Ich habe den armen Kerl gesehen.

Anja. Was machen die Geschäfte? Habt ihr die Zinsen schon bezahlt?

Warja. War nicht drin.

Anja. Oh Gott, oh Gott ––– .

Warja. Das Gut wird im August verkauft.

Anja. Oh Gott –– .

Lopatschin. [Schaut zur Tür hinein und muht] Muh! [Ab].

Warja. [Unter Tränen] Ich würde am liebsten –– . [Schüttelt die Faust]

Anja. [Umarmt Warja sanft] Warja, hat er dir einen Antrag gemacht? [Warja schüttelt den Kopf] Aber er liebt dich doch –– warum trefft ihr nicht endlich einen Entschluss? Warum wartet ihr so lange?

Warja. Ich glaube, dass es keinen Sinn hat. Er ist ein so vielbeschäftigter Mann. Ich bin nicht seine Kragenweite – er schenkt mir gar keine Aufmerksamkeit. Ich will ihn überhaupt nicht mehr sehen. Aber alle reden von unserer Hochzeit, alle gratulieren mir, dabei ist doch überhaupt nichts dran; es ist alles wie in einem Traum. [In einem anderen Tonfall] Deine Brosche sieht aus wie eine Biene.

Anja. [Traurig] Mutter hat sie gekauft. [Geht in ihr Zimmer und plappert dabei wie ein Kind] In Paris bin ich in einem Ballon geflogen!

Warja. Mein Liebling ist wieder da! Meine hübsche Schwester ist wieder da! [Dunjascha ist mittlerweile mit der Kaffeekanne zurückgekommen und kocht den Kaffee, Warja steht in der Nähe der Tür