Der kleine Provinzberater - Frank Schäfer - E-Book

Der kleine Provinzberater E-Book

Frank Schäfer

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Beschreibung

Die Provinz ist nicht das traute Idyll, das sich die vielen Stadtflüchtlinge erträumen. Vorsicht ist geboten, Aufklärung unbedingt nötig! Denn hier herrschen eherne Regeln, hier begegnet man merkwürdigen Ritualen, düsteren Traditionen und nicht zuletzt einem Volk von Quadratschädeln, das man nicht unterschätzen sollte. In unglaublichen, aber wahren Geschichten, kuriosen Anekdoten, verwegenen sozialpsychologischen Spekulationen und fundierten ethnologischen Exkursen, die sich auf jahrelange teilnehmende Beobachtung des Autors stützen können, zeichnet er hier ein absolut authentisches, hochkomisches, dabei aber immer liebevolles Bild der Provinz. Wer nach der Lektüre immer noch aufs Land ziehen will, soll sich nicht beschweren, man hätte ihn nicht gewarnt.

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Frank Schäfer

Der kleine Provinzberater

oder

Vom schönen Leben auf dem Lande

Für Oscar, meinen kleinen Provinzberater

1. KAPITEL

Genie & Geschäft

Vorsicht in der Landbäckerei

Alles hätte so schön sein können. Alles war so schön. Wir hatten vor ein paar Jahren geheiratet, eine ausreichend große, gut renovierte Altbauwohnung bezogen, meine Frau ging frühmorgens aus dem Haus, zur Arbeit, und ich hatte also genügend Zeit für mich und den Müßiggang.

Aber dann wechselte die Besetzung unserer Stamm- bäckerei zwei Straßen weiter. Eine neue frische Kraft ersetzte die drei Zentner schwere, grundgute Vorgängerin, die als leuchtendes Exempel dafür, wie Weißmehl und Zucker einen Körper formen können, dem Chef wohl nicht mehr werbewirksam genug erschien.

Die neue Bäckereifachverkäuferin war jung, schlank, schnell und machte gern ihren Job, das sah man. Jeden Kunden verwickelte sie in ein kleines Gespräch über das Wetter, über die geschmacklichen Vorteile des Steineckchens gegenüber dem gemeinen Weltmeisterbrötchen – und über das Wetter.

Einige Menschen aber erweckten ihr Zutrauen, mit denen sprach sie sich dann richtig aus. Ich ahnte wohl schon bei unserer ersten Begegnung, dass ich zu diesen Erwählten gehören sollte, denn als ich etwas schwammig »fünf Brötchen« bestellte, antwortete sie nur kühl: »Scheißegal welche?«

Nun, mit der Zeit lernte ich, mich zu präzisieren und fand an der Kombipackung »zwei Croissants, zwei Baguettebrötchen, ein Weltmeister« Gefallen.

Sie aber nicht! Und als ich eines Morgens einmal mehr meine Standardbestellung aufgab, ermahnte sie mich, dass man doch auch mal was anderes essen müsse. Zum Beispiel seien die Steineckchen gerade im Angebot. Und als ob sie geahnt hätte, dass ich einknicken würde wie ein benutzter Zahnstocher, packte sie schon zwei scharf gebackene Dreiecke ein – und über den Brötchenweltmeister verloren wir nicht ein Wort mehr.

Dafür viele andere über dieses norddeutsche Sauwetter. Sie komme nämlich ursprünglich aus dem fränkischen Raum, das heißt, nicht sie, sondern ihre Großeltern, sie sei schon geboren hier oben, aber so eine gewisse »südliche Veranlagung« habe sie dann wohl doch mitbekommen, anders sei es ja gar nicht zu verstehen, dass ihr dieser ständige Regen immer noch so sehr aufs Gemüt schlage. Und ob das bei mir eigentlich genauso sei.

»Dochdoch«, bestätigte ich, um endlich bezahlen zu können. Und in Gedanken machte ich meiner Frau schon mal klar, dass sie an diesem Wochenende wohl auf ihre Lieblingsschrippe verzichten müsse. Wieder schien das Mädchen im Kittel meine Gedanken lesen zu können, denn sie kam nun ebenfalls auf unsere Beziehung zu sprechen.

»Sag mal, diese blonde Frau, mit der du neulich hier warst, wohnt ihr zusammen?«

»Mhm«, nickte ich arglos.

»Ist das nur deine Freundin – oder bist du verheiratet?«

»Verheiratet.«

Mir wurde jetzt etwas mulmig, weil zwei weitere Kunden die Bäckerei betreten hatten. Weibliche auch noch.

»Und? Kinder?«

Ich sah sie versteinert an, konnte nur noch ablehnend den Kopf schütteln. Aber sie machte ein trauriges, mitfühlendes Gesicht.

»Klappts nicht?«

»Doch«, beeilte ich mich zu sagen, weil ich die spöttischen Blicke der beiden Mütter hinter mir beim Hinausgehen fürchtete, »aber, ähm …«

Lieber Gott, wenn es dich gibt, lass dir was einfallen!

»Aber wir haben ja noch … Zeit.«

Tja, Mann im Himmel, du hattest deine Chance! Verstört und mit schamhaft gesenktem Kopf verließ ich den Laden.

Zu Hause erzählte ich nichts von meinem Erlebnis. Die Wunde war einfach noch zu frisch.

Aber wenige Tage später besuchten wir eine Freundin, die in der Nähe wohnte und auch nämliche Bäckerei frequentierte, und nun endlich berichtete ich den Kasus. Die Freundin seufzte tief, schien also Bescheid zu wissen und erzählte dann, dass sie kürzlich »vor versammelter Mannschaft« von der jovialen Kassenkraft nach einem guten Frauenarzt in der Nähe gefragt worden sei. »Sie hätte da so ein Jucken.«

Ich fühlte mich bestätigt und beruhigt, man musste sie nicht ernst nehmen, die Teilchenverkäuferin war ja offensichtlich geistesgestört. Gelöst fiel ich also in das allgemeine Gelächter mit ein.

Aber dann bemerkte ich den Erinnyenblick meiner Frau. Wütend heischte sie mich an. »Siehste, jetzt fällt das sogar schon der Bäckerin auf.«

Ich erkannte sofort die privathistorische Bedeutung dieses Augenblicks. Das hier war der Wendepunkt in unserem Leben, der Punkt, an dem die Gewinn- in die Verlustrechnung kippt, die Peripetie in der antiken Tragödie.

Zehn Monate später hatten wir einen Sohn.

Die Teddy-Tour

Jeden Morgen steht irgendwo in Berlin, Hamburg, München, egal … ein Dummer auf, der nicht weiß, wohin mit seinem Schotter«, sagte sich der ländliche Schlaumichel schon immer und dachte sich dann eine weitere Schweinerei aus, die nur einen Zweck hatte: arglose Großstädter um einen Batzen zu erleichtern. War immer so, wird immer so bleiben.

Aber es gibt Ausnahmen. Gudrun S. ist so eine Ausnahme. Eine ehrenwerte Frau und zugleich die Teddybeauftragte des Fremdenverkehrsvereins Papenteich, einer malerischen Region etwas südlich der Lüneburger Heide gelegen. Frau S. hat eine Mission. »Fühlt dein Teddy sich mal wieder richtig schlapp? Hat er keine richtige Lust mehr, mit dir zu spielen? Liegt er nur noch in der Ecke rum? Dann ist es Zeit, dass dein Kuscheltier sich bei uns auf dem Lande so richtig entspannen kann!« Gudrun S. ist selbst eine vernarrte Teddybesitzerin, ihr »kleiner Freund Hubsi ist immer dabei«, gibt sie zu. Insofern weiß sie genau, was bei so einem vom Burnout bedrohten, großstädtischen Plüschwesen indiziert ist. »Dein kleiner Liebling wird von uns genauso verwöhnt, wie er es von dir gewohnt ist. Er kann sich bei uns richtig gut erholen in der frischen Luft und schönen Umgebung und wieder Kraft für dich tanken.«

Seit gut einem Jahr organisiert sie nun ihre »Teddy Tour auf dem Lande« (www.teddy-auf-dem-lande.de) und hat sich mit ihrem gesunden und vielseitigen Ferienprogramm in Teddykreisen viele Freunde gemacht. Erst neulich hat ihr eine Teddybesitzerin aus Gotha einen langen begeisterten Brief geschrieben: Nach dem Urlaub sei ihr »Würstl«, ein Steiff-Tier der Classic 1909er-Serie, wie ausgewechselt gewesen. Früher habe er sich immer gleich nach der Tagesschau verabschiedet, jetzt halte er sogar noch Menschen bei Maischberger durch, was nicht mal ihr immer ganz leicht falle.

»Tja, kein Wunder«, lacht Frau S. keck, »bei mir gibts Action pur! Da kommt keine Langeweile auf.«

»Und wie sieht es aus mit Heimweh?«, hake ich nach.

»Kennen wir hier nicht.«

Denn sie zeigt den kleinen Pelzträgern, was das Landleben alles Spannendes zu bieten hat. Vor allem die großstädtischen Bären seien ja sehr an der heimischen Flora und Fauna interessiert, weiß die junggebliebene Endvierzigerin.

An besonders schönen Tagen fährt sie mit ihnen zum nahe gelegenen Badesee oder organisiert einen lehrreichen Ausflug zum lokalen Hünengrab. Eine entspannte Angelpartie steht ebenso auf dem Programm wie der Besuch eines nervenaufreibenden Fußballpunktspiels der 1. Herren des FSV Adenbüttel Rethen.

»In unserer Gruppe geht es gerade ziemlich zur Sache«, meint die fußballbegeisterte Teddyreiseleiterin, »es ist noch alles drin für den FSV. Da können die kleinen Kerle die großen gleich mal mit anfeuern.«

Für die Unterbringung der Vierpfoter in ihrem »eigenen kleinen Reich«, einem artgemäßen Bettchen, ist ebenfalls gesorgt. »Mein Freund Hubsi hat bereits das Bett getestet und befand es für sehr kuschelig und gemütlich«, lässt sie auf ihrer Webseite vernehmen.

Erst neulich hatte sie ein paar Inspekteure des deutschen Hotel- und Gaststättenverbands im Haus. »Die dachten wohl, ich stecke die kleinen Schätzchen in eine Kiste und dann ab mit ihnen in den Keller. Na, denen habe ich aber erst mal was erzählt. So ein Teddy ist doch kein Hund!«

Als ich am Ende unseres netten Gesprächs auf das Monetäre zu sprechen komme, schaut Gudrun S. genant zu Boden. Sie würde es auch umsonst machen, das sieht man ihr an. Aber die Unkosten müssen nun einmal gedeckt sein. Die belaufen sich auf wahrhaft knuddelige 79 Euro pro Woche für den deutschen Teddymaniac. Das befreundete Ausland innerhalb der EU ist mit 89 Euro dabei, und die »restliche Welt« zahlt den Superkuschelpreis von 109 Euro. Da kann man nichts von sagen.

Nur eins noch: »Nachdem Ihr Liebling wieder bei Ihnen eingetroffen ist, nehmen Sie sich bitte sehr viel Zeit – er wird Ihnen viel über die Erlebnisse während der Reise zu erzählen haben.«

Mit Laib und Seele

Es gibt einige filmische Provinzdokumentationen, die man gesehen haben sollte. Die längste und bekannteste ist Barbara und Winfried Junges immerhin ein halbes Jahrhundert währende und 45 Stunden dauernde, auf 20 Filme verteilte Langzeitreportage Die Kinder von Golzow, in der die beiden Filmemacher 18 Menschen aus dem kleinen Oderbruchdorf durch die mitunter bockspringenden Zeitläufte begleiten. Ein Mammutprojekt, das die Grenzen des noch halbwegs bequem Rezipierbaren weit überschritten hat.

Wer dann noch ein Leben hat außerhalb der dunklen Säle und jenseits der Couch, muss Dieter Schumanns auf sehr schöne Weise teilnahmsvolle, nur zwölfminütige und trotzdem das Wesen der Provinz wie in einem Hühnerei einfangende Kurzfilmreportage Mit Laib und Seele (2003) sehen.

Es geht hier um die Gebrüder Gevert. Sie sind Bäcker seit 39 Jahren, stehen kurz vor der Pensionierung und zeigen noch einmal ihr in den Jahrzehnten verfeinertes Präzisionshandwerk.

Da wird der Teig gewogen und dem anderen hingeworfen, der knetet mit beiden Händen, formt zwei runde Kugeln und ist genau dann fertig, wenn einmal mehr die genau abgewogene Masse geflogen kommt. Da werden reihenweise Brote und Brötchen eingekerbt, behende, eilig und trotzdem hat das nichts von Fließbandarbeit. Sie sind so schnell, weil sie’s einfach sind, nicht weil sie’s sein müssen.

Da schiebt der eine den Laib in den Ofen, und als seien die beiden in einem geheimen Rhythmus eingetaktet, zieht er den Schieber wieder raus, wenn der Bruder den nächsten Laib dort abzulegen gedenkt. Man arbeitet eben wirklich Hand in Hand – und zum vitalen, sehr adäquaten Soundtrack, Midnight Oils Bakerman, sieht das manchmal fast aus wie ein Tanz. Zwei dicke alte Männer »got the rhythm«, und dann auch noch bei der Arbeit – das ist auf ganz unprätentiöse Weise anmutig. Erhaben.

Und dazwischengeschnitten diese wunderbar wortkargen Interviewfetzen mit dem dickeren der Brüder, dem Chef.

Was er denn mache, und was sein Bruder? Da muss er lachen. »Wie soll ich das beschreiben? Der eine macht dit, der andere macht dat. Aber jeder kann auch, was der andere macht, so ist das nicht, verstehen Sie, was ich meine?«

Wann denn seine beste Zeit gewesen sei? Man merkt, dass sich ihm diese Frage gar nicht stellt, also zieht er sich aufs Merkantile zurück. »Die DDR-Zeit war nicht schlecht. Da ging ja alles weg!«

Als er dann noch gefragt wird, ob er es je bereut hat, Bäcker geworden zu sein, sagt er schon »nee«, bevor die Frage zu Ende gestellt ist. Aber höflicherweise beantwortet er sie dann doch noch im Anschluss. »Neehee, hab ich nicht bereut.«

Punkt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Man hätte sich diesen Film mindestens fünfmal so lang gewünscht, weil man sich gar nicht sattsehen kann an diesen beiden Teigvirtuosen.

Lokalmatadoren

Handwerker sind die heimlichen Herrscher im Dorf. Sie können sich im Grunde alles erlauben, weil sie wissen, dass man sowieso wiederkommt, denn einen anderen zu engagieren als den lokalen Handwerker, womöglich gar den des Nachbardorfes, geht stets mit einer gewissen, ich nenne es mal »Reputationsminderung« einher, weil das Dorfkollektiv die Zurückweisung persönlich nimmt.

»Ach so, jetzt sind wir ihm wohl nicht mehr gut genug, wie? Jetzt holt er sich was Besseres, der feine Herr.«

Neulich war es wieder fast so weit, da hatte der Leidensdruck, verursacht durch den örtlichen Anstreicher, den sozialen Druck mehr als eingeholt, und hätte ich noch etwas anzustreichen gehabt, ich gebe euch mein verdammtes Ehrenwort, ich wäre ausgewichen auf »was Besseres«.

Der Lokalmatador hatte just das Gebäude verlassen. Er war fertig, und ich war’s auch. Warme Worte sprach er zum Abschied: »Hat jetzt doch ’n bisschen länger jedauert, aber soll ja orntlich werden …«

… und soll deine Familie auf Wochen ernähren, dachte ich bei mir. »Brot kann, Wurst muss!«, wie es in diesen Kreisen heißt. Ich musste mich erst mal sammeln. Vier Tage – für ein Treppenhaus …

Dabei hatte alles sehr harmonisch angefangen. Der Maler klingelte mich eine halbe Stunde vor dem vereinbarten Termin vom Klo. »Sooo«, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln, als er Leitern, Farbeimer, Rollen und Teleskopstangen hereingewuchtet hatte, »jetzt machenwa erst mal das, was ich am besten kann.«

»Aha.«

Er sah mich durchdringend an, als müsste ich schon selbst drauf kommen. Kam ich aber nicht.

»Kaffee trinken!«, dröhnte er so vernehmlich, dass selbst unser Bonsai-Hausflur, der für so was nicht gemacht ist, ein beifälliges Echo spendierte.

Ich war schier überrumpelt und lud ihn also auf eine Tasse in die Küche ein. Woraufhin er mich eine gute Viertelstunde umstandslos vollquanzte und zuqualsterte – mit seiner »Lady«, der er unbedingt noch ein drittes Kind machen, wie er das aber bitte schön bezahlen solle bei der »verschissenen Konjunkturlage«, da müsse er ja »doof« sein, und ob ich glaube, dass er »doof« sei? Schließlich aber fing er doch noch an.

Ich zog mich ins Arbeitszimmer zurück und lehnte die Tür nur an, um gleich zur Stelle zu sein, wenn er wieder was zu melden hätte. Aber es blieb still. Stunden vergingen, in denen er wortlos-fleißig die Wände weiß kullerte, und ich wollte schon beinahe vergessen, dass ein Fremdling im Haus war, als seine Donnergottstimme plötzlich machtvoll in den Alkoven drang. »Du bist der Geilste!«

Ich lauschte aufmerksam, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre, er war ja nicht zu überhören, indes es blieb bei dieser einen Verbaleruption. Dann aber, eine Stunde später, grollte es erneut aus dem Treppenhaus: »Das wird die Visitenkarte des Hauses, das kann ich dir aber sagen …« Er schien auch diesmal keine Antwort zu erwarten.

Gegen Ende des Vormittags bekam ich Hunger, wie eigentlich jeden Tag. Ich wollte eine Kleinigkeit essen gehen und anschließend ein paar Besorgungen machen. Das erklärte ich ihm, er nickte stumm streichend. Hochmotiviert.

Ich hatte alsdann das Haus kaum verlassen, da traf mich ein weiterer brachialer Böller voll von hinten. »Gibt’s eigentlich diese eine Sendung noch? Hundert Meisterwerke, glaube ich, hieß die …«

Nach Hause gekommen, satt und wohlgemut und zufrieden über den Tagesverlauf, verzog ich mich wieder in mein Geviert, lehnte die Tür an und musste diesmal auch nicht lange warten. Allerdings verloren seine Grölbotschaften plötzlich ihren positiven Nebensinn. »Deckt ja gar nicht, der Scheiß … Das kommt davon, wenn du bei Brillux einkaufst.«

Und so ging das fort und fort. »Da musste noch zweimal rüber, mindestens!«, hieß es tags darauf. Und dann noch: »Na, du kannst aus Scheiße keine Sahneschnitten machen!«

Wieder 24 Stunden später posaunte es bei gleichbleibendem Ausschlag des Pegels, aber durchaus zunehmendem Defätismus: »In der Zeit streich ich dir’n Parkhaus, Alter, aber innen und außen …«

Und so lange brauchte er dann auch. Innen und außen!

Nachschub aus dem Bunker

Giffendorf, Südheide. Ein sonniger Frühlingstag. Ich fahre in den Speckgürtel dieser kleinen, vom nahen VW-Werk monetär gut versorgten Trabantenstadt. Geklinkerte Einfamilienhäuser zieren das Weichbild. Nach altem Motoröl duftende Jägerzäune. Steingärten hier, Tulpenrabatten da.

Hanspeter Hartriegel‹ Pseudonym› wartet schon auf mich. Er öffnet zackig die schwere, gusseiserne Gartenpforte, kommt mir strahlend und mit weit geöffneten Armen entgegen und begrüßt mich jovial mit »Kamerad«. Einem Interview hat er erst zugestimmt, als ich ihm seine gute alte Einstellungstest-Frage »Jetzt mal Hand am Sack, habense gedient?« wie aus der Pistole geschossen und entsprechend positiv beantworten konnte: »Erste Nachschub 20, Husarenkaserne«, brüllte ich in den Hörer.

»Nachschub rollt«, brüllte er zurück. Dann wurde es eine Weile still. »Na ja, nur Etappe, aber die muss es schließlich auch geben …«

Damit war ich akkreditiert. Wir verabredeten einen Termin. Er lud mich zu sich nach Hause ein. Hier habe er alles schneller bei der Hand, hier könne er mir einfach mehr zeigen. Hanspeter Hartriegel ist Lobbyist für Kriegsspielzeug.

»Der erfolgreichste in diesem, na, nennen wir es doch ruhig mal: Metier«, wie er mir noch am Telefon beschied. Deshalb sei er auch gar nicht überrascht, dass ich an ihn herantrete, über kurz oder lang müsse man ja auf ihn kommen.

Jetzt geht er voran in seiner beigen, sehr kleidsamen Afrika-Korps-Uniform. Die kurzen Drillichhosen geben den Blick frei auf ein durchtrainiertes, gebräuntes Beinpaar. Der Mann ist topfit. Die 66 sieht man ihm wahrhaftig nicht an.

»Schnapszahl! Wurde natürlich entsprechend gefeiert. Fürst Bismarck aus Wassergläsern. Um elf haben die Ersten, na, nennen wir es doch ruhig mal: gereihert!«, erzählt er mir später.

Er schließt die Haustür auf. Sie ist dreifach verriegelt. »Nur herein, wenn es kein Vietcong ist«, winkt er mich lachend durch. »Schauen Sie sich nur um in meinem bescheidenen Bunker.«

Seine Frau habe er zum Shoppen geschickt. »Damit wir unter uns sind!« Vorher hat sie aber noch den Tisch gedeckt. Es gibt Brownies zum Kaffee. »Ich sag immer: ›Schatz, mach doch noch mal diese Eierhandgranaten, da könnt ich mich reinsetzen.‹«

Nachdem er sich in Windeseile drei davon einverleibt hat – »Das schnelle Essen habe ich mir in der Wehrmacht angewöhnt!«, bekennt er augenzwinkernd –, beginnt er zu erzählen.

Dieser kranke, dekadente Kinderzimmerpazifismus, der ihm Jahre, ach, Jahrzehnte die Ernte verhagelt habe, sei jetzt endlich überwunden. Die Gesellschaft stelle sich glücklicherweise ihrer neuen weltpolitischen Verantwortung und bereite die, »nennen wir sie doch ruhig mal: die jungen Erdenbürger« auf ihre zukünftige Aufgabe vor. Er bietet mir das Du an und fährt dann fort.

»Den Märklin-Millionendeal, na, wer hat den wohl eingerührt?« Hartriegel schüttelt schmunzelnd den Kopf. »Wie die sich gesträubt haben am Anfang, wie die Neger vorm Waschen. Richtige Kinder brauchen Panzer, habe ich denen gesagt, wenn ihr die nicht baut, dann machen das andere. Das ist die Lizenz zum Gelddrucken, und so ist es dann ja auch gekommen«, nickt er zufrieden.

»Ist doch klar, Mensch, du warst doch auch mal jung, oder nicht? Kinder müssen immer ballern, die wollen einen … sagen wir mal … VW-Pickup, dem man mit zwei Handgriffen einen leichten Flugabwehrmörser draufschrauben kann, wie im richtigen Leben.« Er schwingt sich nun behende aus seinem Korbsessel, seine Knie krachen wie Schüsse, aber er lacht nur und eilt zur Eichenregalwand, um mir vozuführen, was er meint.

»Hier, ganz einfach …« Er lässt das Geschütz in der Ladefläche einrasten und macht dann mit seinen dicken Lippen Feuergeräusche: »Pauh, pauh … Prototyp von Matchbox, steht kurz vor der Serie.«