Der Knochenacker - P. J. Parrish - E-Book

Der Knochenacker E-Book

P. J. Parrish

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Beschreibung

Eine verlassene Farm im Süden Michigans... Vor neun Jahren ist Amys Mutter hier spurlos verschwunden. Nun kehrt das Mädchen an den Ort seiner Kindheit zurück, um herauszufinden, ob damals ein Verbrechen geschehen ist. Hat ihr Vater eine Gewalttat begangen? Auf Amy und Detective Louis Kincaid wartet ein verzwickter Fall! Dramatik und Nervenkitzel für Fans von Val McDermid und Jeffery Deaver. Begeisterte Leserstimmen: »...ein wirklich gelungenes Buch.« »...sehr gut dargestellte Charaktere, mit denen man wirklich mitfiebert.«

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Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Ähnliche


P. J. Parrish

Der Knochenacker

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

Widmung1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. KapitelDanksagung
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Für meine Schwester, Kelly,

ein kluges altes Haus

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1

Es lag direkt südlich von Hell. Aber wenn man die Abbiegung verpasste, landete man in Bliss. Und dann blieb einem nichts anderes übrig, als nach Hell zurückzukehren und es noch einmal zu versuchen.

Zumindest hatte ihr das der junge Tankwart an der Texaco-Tankstelle gesagt. Und da sie schon so lange nicht mehr hier gewesen war, musste sie ihm glauben, denn sie hatte überhaupt keine Erinnerung mehr an diese Gegend.

Es würde bald regnen. Schon seit einer halben Stunde beobachtete sie die grauen Wolken, die sich über den Maisfeldern zusammenzogen.

»Bist du dir ganz sicher, dass du weißt, wohin du unterwegs bist, kleines Fräulein?«

Sie schaute den Fahrer des Pick-ups an. Er war ein alter Mann mit grauen Haarbüscheln auf dem Kopf und an den Ohren.

An der Tankstelle hatte sie sich nicht getraut, einen von den riesigen Lastwagen anzuhalten, die auf dem Highway vorbeigerast waren. Und als der alte Mann neben ihr gehalten hatte, war sie nur eingestiegen, weil der Pick-up so klein war und der Fahrer so alt und harmlos gewirkt hatte. Dennoch umklammerte sie ihren Rucksack noch fester, als sie seinen Blick spürte.

»Ja«, sagte sie. »Zur Lethe Creek Road. Die müsste jetzt bald kommen.«

Der alte Mann betrachtete sie noch einen Moment lang mit seinen rotgeränderten Augen, dann konzentrierte er sich wieder auf die Straße. Sie schaute ihn nicht an, denn sie wollte nicht mit ihm reden. Sie wollte einfach nur dort ankommen, wo sie hinmusste.

Der Rucksack lag schwer auf ihrem Schoß, und sie schob ihn von einem Schenkel auf den anderen. Es war anstrengend gewesen, ihn den ganzen Weg mitzuschleppen, aber als sie losgezogen war, hatte sie nicht gewusst, was sie alles brauchen und wie lange sie unterwegs sein würde, und so hatte sie eingepackt, soviel sie nur tragen konnte: Dosen mit Thunfisch, Tomaten und Sardinen, ein halbvolles Päckchen Kakaopulver und ein Paket Kräcker. Alles Haltbare, das sie finden konnte. Sie hatte sogar daran gedacht, eine leere Plastikmilchflasche mit Wasser zu füllen. Und zum Schluss hatte sie noch die letzten vier Gläser Pflaumenmus aus dem Keller geholt.

Niemand würde merken, dass sie fehlten. Niemand würde merken, dass sie weg war.

»Ist das die Straße?«

Sie warf dem alten Mann einen kurzen Blick zu, dann schaute sie aus dem Fenster. Die winterlichen Felder waren immer noch mit Stroh bedeckt. Sie nickte.

Aus dem tiefgrauen Himmel über dem Land kam dumpfes Donnergrollen.

»Sieht aus, als würden wir noch mehr Regen kriegen«, sagte der alte Mann.

Sie schloss die Augen. Ein anderes Geräusch in ihren Ohren, ein anderes Gewitter in ihrem Kopf, Erinnerungsfetzen an grüne Vorhänge, die im Wind flatterten.

Lauf weg! Lauf weg! Lauf weg!

Durch den grünen Vorhang nach draußen, quer übers Feld, Maisstoppeln, die ihr die Haut an den nackten Beinen aufrissen. Sie kauerte im Dreck, hielt sich die Ohren zu, um nichts hören zu müssen.

Das Bild ließ ihr das Mark in den Knochen gefrieren. Es war neu. Es war noch nie in ihren Erinnerungen aufgetaucht. Auch diese Stimme nicht. Andere schon, aber nicht diese.

Sie spürte einen Stoß, als der Pick-up von der Asphaltstraße auf den Schotterweg abbog, und öffnete die Augen.

»Na so was, ich wusste gar nicht, dass es hier ein Gehöft gibt.«

Sie sah den alten Mann nicht an. Fasziniert starrte sie auf das alte Haus. In ihrer Erinnerung war es immer ganz klein gewesen, weil sie gar nicht richtig geglaubt hatte, dass es existierte. Aber jetzt sah sie es vor sich, und es wurde größer und immer größer.

Der Pick-up hielt vor einem Zaun. Sie rührte sich nicht. Das Haus hatte sie völlig in seinen Bann gezogen.

»Ist es hier?«

Sie hörte den alten Mann nicht.

»Kleines Fräulein? Bist du dir auch ganz sicher, dass wir hier richtig sind?«

Sie fand ihre Sprache wieder. »Ja.« Aber sie wagte nicht, den Blick von dem Haus abzuwenden, denn dann würde es sofort verschwinden, so wie immer, wenn sie aus ihren fiebrigen Träumen erwachte. Es dauerte eine Weile, bis das Motorengeräusch des alten Pick-ups sie in die Realität zurückholte. Das Haus war nicht verschwunden.

Sie drückte ihren Rucksack an die Brust und sah den alten Mann an. »Danke fürs Mitnehmen«, sagte sie.

Sein Mund war schmal und hart, aber er hatte sanfte Augen. »Du solltest nicht zu Fremden ins Auto steigen. Das Trampen ist nichts für junge Mädchen.«

Sie nickte.

»Sieht verlassen aus. Hast du hier Verwandte?«

»Ja, Sir.«

Zweifelnd betrachtete er das Haus, dann langte er über sie hinweg und öffnete die Beifahrertür. Sie sprang hinaus und nahm den Rucksack über eine Schulter. Der alte Mann musterte sie ein letztes Mal, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr davon.

Sie schaute sich um. Registrierte die drei kleinen grauen, von hohem Unkraut fast völlig überwucherten Schuppen und dahinter die Scheune, die vor dem düsteren Himmel bedrohlich aufragte. Dann betrachtete sie wieder das alte Farmhaus.

Es war immer alles da gewesen in ihrem Kopf, ein verschwommenes Bild, das jetzt klare Konturen annahm: rote Ziegelsteine, grünes Dach, hohe, schmale Fenster. Überall Kanten, Ecken, Spitzen und harte Linien, als gäbe es drinnen kein einziges Eckchen, wo man sich wohl fühlen konnte.

Es begann zu regnen. Alles war so still, dass nur das Geräusch der Regentropfen auf den Blättern der Eiche über ihr zu hören war. Selbst die Stimmen in ihrem Kopf schwiegen, als hielten sie abwartend den Atem an.

Sie kletterte über das verschlossene Tor im Zaun und stapfte zur Veranda. Die Haustür war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Vom Pick-up aus war das Schloss nicht zu sehen gewesen. Der alte Mann hätte sie niemals aussteigen lassen, wenn er es bemerkt hätte.

Hast du hier Verwandte?

Ja, Sir.

Sie hatte ihn angelogen. Hier war niemand mehr. Das war deutlich zu sehen. Vielleicht hatte sie das schon immer geahnt. Sie wusste es nicht. Aber genau deswegen war sie hergekommen. Weil sie sich vergewissern musste.

Ihr Herz begann zu pochen, und etwas schnürte ihr die Kehle zu, wie es manchmal passierte, so als würde sie keine Luft bekommen. Sie atmete einige Male tief ein, um sich zu beruhigen, aber irgendetwas sagte ihr, dass es diesmal nicht funktionieren würde. Außerdem schwitzte sie trotz des kalten Regens.

Sie zwang sich weiterzugehen. Ganz langsam, den schweren Rucksack auf dem Rücken, ging sie um das Haus herum.

An der Seite des Hauses befand sich eine weitere, ziemlich baufällige Veranda, in deren Ecke ein verrosteter Kühlschrank stand. Auch dort gab es eine Tür, aber sie war mit Brettern zugenagelt.

Alle Wege ins Haus waren versperrt – aber irgendwie musste sie hineinkommen.

Sie kämpfte sich durch hüfthohes Unkraut, um hinters Haus zu gelangen. Hier gab es nur Fenster, einige davon mit Brettern vernagelt und alle zu hoch angebracht, als dass sie sie hätte erreichen können. Nachdem sie das Haus einmal umrundet hatte und wieder vor der seitlichen Veranda stand, hatte sie Herzrasen und so starke Kopfschmerzen, dass sie einen Moment lang die Augen schließen musste.

Ganz plötzlich war es da. Ein neues Bild – eine blaue Holztür. Sie öffnete die Augen. Aber wo?

Sie ging zurück hinters Haus und spähte durch das dichte Unkraut. Die blaue Tür war dort irgendwo, das wusste sie ganz genau.

Nein. Es waren zwei blaue Türen. Aber wo?

Sie kämpfte sich durch das nasse, dornige Gestrüpp, bis ihre Hände bluteten. Plötzlich wich sie erschrocken zurück.

Kellertüren. Aus verwitterten, ausgebleichten Brettern, die einmal blau gewesen waren.

Sie stellte den Rucksack im Unkraut ab und zog an einer Klinke. Die Tür öffnete sich knarrend und schwang mit einem dumpfen Geräusch gegen das Gestrüpp.

Sie spähte in die Dunkelheit. Ohne nachzudenken nahm sie ihren Rucksack und stieg hinunter.

Fünf Stufen. Daran erinnerte sie sich!

Es war stockdunkel hier unten, aber sie wusste, dass sie sich rechts halten musste. Denn dort führte eine Treppe nach oben.

Ein unangenehmer Geruch nach feuchtem Mauerwerk und nasser Erde schlug ihr entgegen, und sie hörte das leise Scharren davonhuschender Tiere, doch sie tastete sich unbeirrt durch die Dunkelheit, bis ihre ausgestreckte Hand das hölzerne Treppengeländer berührte.

Zehn Stufen. Auch daran erinnerte sie sich.

Oben angekommen, schob sie die Tür auf und trat in einen engen Flur.

Graues Licht hüllte sie ein wie ein Leichentuch. Vage Umrisse von Möbeln und Kisten waren am Rand ihres Gesichtsfelds zu erkennen, und seltsame Gerüche stiegen ihr in die Nase, nach Staub und Papier, vermischt mit einem ekelhaft süßlichen Gestank, der jedoch so schwach war, dass sie sich fragte, ob sie sich ihn nur einbildete.

Sie ließ den Rucksack auf den Boden fallen und ging langsam den Flur hinunter an einem Zimmer vorbei, in dem sich die verschossene grüne Tapete in verschimmelten Bahnen von den Wänden ablöste. Das nächste Zimmer war wie das erste, nur mit gelber Blümchentapete, die größtenteils in Fetzen auf dem abgetretenen Holzboden gelandet war. Im dritten Zimmer hingen blanke Kabel von der Decke herunter, und auch hier schälte sich die Tapete von den feuchten Wänden.

Als sie in der Mitte des dritten Zimmers stehen blieb, umfing sie ein kalter Luftzug. Ihr war, als würde sich das ganze Haus um sie herum bewegen, mit ihr mittendrin, mitten in seinem Herzen, dem Herzen eines sterbenden Tiers.

Stimmen.

Woher kamen sie? Sie waren sonst immer in ihrem Kopf gewesen, aber jetzt …

Jetzt waren sie außerhalb ihres Kopfs. Als befänden sie sich nur ein paar Schritte entfernt im nächsten Zimmer. Sie ging weiter den Flur entlang zur Vorderseite des Hauses.

Noch ein Zimmer, diesmal mit einer blau gemusterten Tapete und vergilbten Spitzengardinen. Hier waren die Stimmen ganz laut, viel lauter als das gewöhnliche Flüstern. Und sie waren –

Sie drehte sich um.

Dort in der hintersten Ecke stand ein kleines Klavier. Unter einer dicken Staubschicht war das dunkle Holz zu erkennen, und obendrauf stapelten sich längliche, schmale Schachteln.

Wie laut die Stimmen hier waren; es waren dieselben, die kamen, wenn sie schlief. Sie hatte nie richtig verstehen können, was sie sagten. Aber jetzt …

Wie gebannt betrachtete sie das Klavier.

Plötzlich hörte sie es ganz deutlich. Die Stimmen sangen ein Lied!

Catch Don set a seal

Oh do you know so sweet

You and me, Pearl, no matter hurt.

New rips in two in stormy. Sue lures while

You pray on guard all day trembling a while.

Tränen brannten ihr in den Augen. Die Stimmen waren echt. Sie hatte sie sich gar nicht eingebildet, und sie war nicht verrückt.

Die Stimmen, die sie immer in ihren Träumen hörte, waren wirklich, und sie sangen wirkliche Worte. Die Worte ergaben zwar keinen Sinn, aber das war ihr egal. Sie waren wirklich, genauso wie dieses Haus und genauso wie sie selbst.

You and me, Pearl, no matter hurt.

Sie schloss die Augen ganz fest. Die Stimmen wurden lauter.

You and me, Pearl, no matter hurt

You and me Pearl no matter hurt

youandmepearlnomatterhurt

hurt hurt hurt

hurt hurt hurt!

Plötzlich ein lauter Knall. Es war, als würden die Dielen unter ihren Füßen nachgeben, als würden die Wände auf sie zukommen. Sie rannte aus dem Zimmer.

Noch ein Knall. Es war nur der Donner, nur der Donner. Doch er trieb sie weiter.

Sie stand wieder in der Küche. Der Regen peitschte gegen das kleine Fenster über dem alten Spülbecken. Oder war das peitschende Geräusch in ihrem Kopf? Sie konnte es nicht mehr unterscheiden, weil etwas Schreckliches vor sich ging. Etwas türmte sich in ihr auf, schlimmer als alles, was sie bisher gespürt hatte, etwas Schlimmes unter ihrem Herzen, wenn es zu schnell schlug, und unter ihrer Haut, wenn sie feucht und klebrig wurde vom Schweiß, und unter ihrer Kopfhaut, wenn die Stimmen schrien.

Dieses Haus, dieses Zimmer. Hier befand sich etwas ganz Furchtbares.

Wieder krachte ein Donnerschlag. Sie hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen.

Aber sie konnte es immer noch sehen, wie einen Film, der hinter ihren Augenlidern ablief. Rot. So viel Rot. Überall klebriges, dickflüssiges Rot.

Lauf weg! Lauf weg! Lauf weg, Amy! Lauf weg! Versteck dich!

Sie öffnete die Augen.

Der Schrank. Da in der Ecke neben dem Spülbecken.

Sie kniete sich hin und zerrte an dem verrosteten Griff. Die Tür ging auf, und sie kroch in den Schrank. Sie zog die Tür wieder zu und drückte sich in die dunkle Ecke. Versuchte sich klein zu machen, kleiner und immer kleiner, bis sie verschwunden war.

Sie begann zu weinen.

Dann. Dann …

Ein Flüstern. Diese sanfte Stimme, die manchmal in ihren Träumen zu ihr kam, die sich vom Gekreisch der anderen abhob, kam auch jetzt an diesem dunklen Ort zu ihr und hüllte sie ein wie eine weiche Decke.

You and me, no matter how hurt

You and me you and me

Die anderen Stimmen wurden leiser und verstummten schließlich. Der Donner hörte auf. Dann war es still. Die unsichtbare Decke war immer noch da und wärmte sie.

Hast du hier Verwandte?

Sie umschlang ihre Knie und wiegte sich in der Dunkelheit.

»Ja«, flüsterte sie. »Ja, ja, ja.«

[home]

2

Sie kannten die Straße. Sie waren sie schon so oft gegangen, dass sie selbst in dieser dunklen Nacht wussten, wohin sie sich wenden mussten, auch ohne dass ihnen fahles Mondlicht oder der gelbliche Schimmer aus einem nahe gelegenen Haus den Weg wies.

Dennoch hatte Louis das Gefühl, dass diesmal etwas anders war.

»Alles in Ordnung?«, fragte er.

Der hochgewachsene Mann neben ihm antwortete nicht.

»Mel?«

»Ja.« Ein Räuspern wie das Knirschen der Steinchen unter ihren Schuhen. »Ja … Doch, es geht mir gut.«

Louis schaute seinen Freund nicht an, das brauchte er nicht. Er wusste auch so, dass Mel Landeta log. Irgendetwas lag ihm schon den ganzen Abend auf der Seele. Louis hatte es gespürt, als sie sich im Timmy’s Nook zum Essen an den Tisch gesetzt hatten. Bei Fischbrötchen und Bier hatten sie sich über die üblichen Dinge unterhalten: die Niederlagenserie des Basketballteams Miami Heat, Polizeitratsch aus dem O’Sullivan’s und wie Louis die ganze letzte Woche vor einem Motel in Fort Myers in seinem Auto gehockt hatte, damit irgendein Typ beweisen konnte, dass seine Frau fremdging.

Nachdem ihnen der Gesprächsstoff ausgegangen war und sie ihr Bier ausgetrunken hatten, war Mel in Schweigen verfallen. Und während sie jetzt über die dunkle Straße zu Louis’ Haus gingen, hing die Stille schwer in der kühlen Aprilluft.

»Mel, was beschäftigt dich?«, fragte Louis schließlich.

Eine lange Pause. »Eidechsen«, erwiderte Mel.

»Wie?«

»Du hast richtig gehört. Eidechsen.«

»Mel, wenn du nicht darüber reden willst –«

»Ich meine es ernst. Ich habe über die Eidechse nachgedacht, die ich auf deiner Veranda gesehen habe. Sie hatte keinen Schwanz.«

»Wahrscheinlich hat die Katze ihn ihr abgebissen«, sagte Louis.

Mel schwieg eine Weile. »Bei einer Eidechse wächst der Schwanz wieder nach. Wusstest du das?«

Louis schüttelte bedächtig den Kopf; er wusste, dass Mel es nicht sehen konnte.

»Bei Eidechsen, Schwämmen, Seesternen, selbst Würmern, bei denen wachsen Körperteile einfach wieder nach«, fuhr Mel fort.

Langsam wanderten sie weiter.

»Und bei Molchen auch«, sagte Mel. »Weißt du, was passiert, wenn man einem Molch ein Auge aussticht? Es wächst ein neues nach. Darüber hab ich nachgedacht. Bei einem Scheißmolch kann ein Auge nachwachsen, aber bei Menschen nicht. Ich möchte mal wissen, warum. Kannst du mir vielleicht erklären, wieso sich kein verdammter Wissenschaftler damit beschäftigt?«

In einer Kurve kam ihnen ein Auto entgegen, und Louis blinzelte im grellen Licht der Scheinwerfer. Sie blieben auf dem sandigen Seitenstreifen stehen, bis das Auto vorbeigefahren war.

»Wie wär’s mit noch einem Bier, bevor ich dich nach Hause fahre?«, fragte Louis.

»Schätze, eins mehr wird mich nicht umbringen«, erwiderte Mel.

Als sie die leicht abfallende Düne vor Louis’ Grundstück erreichten, legte Louis eine Hand auf Mels Arm und geleitete ihn durch die Dunkelheit zum Haus. Mel wartete auf der mit Fliegengitter eingezäunten Veranda, bis Louis das Licht im Wohnzimmer eingeschaltet hatte.

»Hier sieht’s ja aus wie in einem Saustall, Kincaid«, bemerkte Mel.

»Ich hab erst heute Morgen aufgeräumt«, erwiderte Louis und trat an den Kühlschrank.

»Dreckige Socken und Katzenscheiße. Besorg dir mal ’ne Dose Raumspray.«

Louis kam mit zwei Flaschen Heineken auf die Veranda. Mel nahm eine und streckte seinen langen Körper auf dem Sofa aus. Louis ließ sich in den Sessel gegenüber fallen und betrachtete Mel. Er hatte ihn schon seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen. Doch die beiden Männer verband eine Freundschaft wie die zwischen alten Eheleuten, die lange Gesprächspausen nicht füllen und nach längeren Zeiten der Trennung keine neuen Brücken bauen mussten. Es war die Art Freundschaft, bei der jeder wusste, wann man den anderen besser in Ruhe ließ. Louis spürte jedoch, dass dies keine solche Gelegenheit war.

»Machen dir deine Augen Kummer?«, fragte er.

Mel hielt sich die Bierflasche an die Stirn. »Das Autofahren habe ich schon drangegeben. Vielleicht werde ich demnächst auch das Herumlaufen einstellen.«

Louis trank einen großen Schluck. Das Schweigen zog sich hin. Schließlich griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein, ließ aber den Ton ausgeschaltet. Gerade lief Miami Vice. Sonny raste lautlos in einem Schnellboot die Atlantikküste entlang und zog einen glitzernden weißen Kielwasserstreifen durch das Wasser vor den pastellfarbenen Hotels. Louis bemerkte, dass Mel angestrengt auf den Bildschirm starrte, aber er wusste, dass sein Freund keine Einzelheiten erkennen konnte. Seit zehn Jahren litt Mel an Netzhautdegeneration, er sah das Leben nur noch wie durch einen Plastikduschvorhang. So hatte Mel es ihm beschrieben, als er einmal darüber gesprochen hatte, was nicht häufig vorkam.

»Denkst du manchmal über frühere Leben nach?«, fragte Mel.

Louis schaute ihn an. »Was meinst du damit?«

»Wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du das eine oder andere anders gemacht hättest.«

Louis trank einen Schluck Bier. »Nein.«

»Ich denke in letzter Zeit ziemlich viel darüber nach«, fuhr Mel fort. »Darüber, wie mein Leben war, bevor ich diesen Unfall verursacht habe.«

Mel hatte ihm die Geschichte erzählt: Er hatte nicht wahrhaben wollen, dass seine Augen schlechter wurden, und es einfach nicht fertiggebracht, seinem Chef zu erklären, dass er nichts mehr am Steuer eines Streifenwagens zu suchen hatte. Dann, eines Abends vor ein paar Jahren, hatte er an einer Kreuzung in Miami ein Auto nicht gesehen und war mit ihm zusammengestoßen. Der siebzehnjährige Fahrer hatte Jahre in ärztlicher Behandlung verbracht. Man hatte von Mel verlangt, in aller Stille den Dienst zu quittieren, aber er hatte mit viel Überredungskunst erreicht, dass man ihn stattdessen in ein wesentlich kleineres Revier in Fort Myers versetzt hatte – bis er schließlich aus freien Stücken aus dem Polizeidienst ausgeschieden war. Seitdem bezog er eine Berufsunfähigkeitsrente und half Louis manchmal bei dessen Arbeit als Privatdetektiv.

»Ich glaube, wir leben sehr viele Leben in diesem einen«, sagte Mel. »Leben, die nur Augenblicke dauern, wie die acht Sekunden, die ich gebraucht hab, um diesem Jungen reinzufahren. Oder die Minute, die man braucht, um jemandem zu erklären, dass man ihn nicht mehr liebt.«

Louis blickte auf seine Bierflasche und wischte das Kondenswasser mit dem Daumen ab. Er wünschte, Mel würde den Mund halten. Er war gefährlich nahe daran, zu einem Thema abzudriften, über das er und Louis noch nie gesprochen hatten: Mels frühere Beziehung zu Joe, Louis’ Freundin.

»Ach verdammt, tut mir leid«, sagte Mel. »Für heute genug gejammert.« Er zeigte auf seine leergetrunkene Flasche. »Hast du noch eins für mich?«

Louis ging in die Küche und nahm auch für sich noch ein Bier aus dem Kühlschrank, denn er war sich ziemlich sicher, dass Mel in spätestens einer Viertelstunde auf dem Sofa einschlafen und ihm die lange Fahrt über den Damm nach Fort Myers ersparen würde.

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer fiel ihm auf, dass das rote Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte. Am liebsten hätte er sich erst am nächsten Morgen darum gekümmert, aber es konnte schließlich ein neuer Auftrag sein. Oder ein Anruf von Joe.

Er hatte schon seit einer Woche nicht mit ihr gesprochen. Drei Monate zuvor war sie ins nördliche Michigan gezogen, um in Leelanau County einen Job als stellvertretender Sheriff anzutreten. Sie fehlte ihm. Er vermisste den Klang ihrer Stimme, das Gefühl ihrer Haut an seiner, den Duft ihres Parfüms in den Bettlaken.

Er drückte den Knopf.

Aber die Stimme, die aus dem Anrufbeantworter kam, war männlich. Tief, mit einem leichten Südmichigan-Akzent.

»Hallo … äh … das ist eine Nachricht für Louis Kincaid. Den Privatdetektiv. Sie werden sich vermutlich nicht mehr an mich erinnern, aber ich heiße Jake Shockey und bin Ermittler bei der Mordkommission von Ann Arbor.«

Louis stellte seine Bierflaschen ab und drehte die Lautstärke höher.

»Sie haben 1980 das Fahrzeug einer als vermisst gemeldeten Person gefunden«, fuhr die Stimme fort. »Der Fall ist nach wie vor ungelöst, aber es sind ein paar neue Spuren aufgetaucht, und als ich Ihren Bericht noch mal gelesen habe, sind mir einige Dinge aufgefallen, über die ich gern mit Ihnen sprechen würde. Sie wissen schon, Dinge, die einem zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht als wichtig erscheinen. Deswegen –«

Das Band schaltete sich ab. Louis drückte den Knopf erneut, um die nächste Nachricht abzuhören. Einige Sekunden lang war nur Papierrascheln und Schubladenknallen zu hören. Dann war Shockeys Stimme wieder da.

»Verdammte Technik«, murmelte er vor sich hin. »Also, hier ist noch mal Shockey. Ich wollte gerade sagen, dass ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie vielleicht nach Ann Arbor raufkommen und mir helfen könnten, den Fall noch mal neu aufzurollen. Die Kosten für Flug und Unterkunft würden wir Ihnen erstatten. Wenn Sie also bei dem, was Sie gerade als Privatdetektiv zu tun haben, etwas Zeit erübrigen könnten, lassen Sie es mich wissen. Rufen Sie mich bitte so bald wie möglich zurück. Vielen Dank.«

Dann hinterließ Shockey seine private Telefonnummer und legte auf.

Louis wartete, ob noch eine Nachricht von Joe folgte, aber es kam nichts. Er ging zurück ins Wohnzimmer, reichte Mel eine der Bierflaschen und ließ sich wieder in den Sessel fallen.

»Der Typ klingt ja wie ein richtiger Charmeur«, bemerkte Mel.

»Keine Ahnung. Ich kann mich nicht an ihn erinnern.«

»Erinnerst du dich denn an den Fall?«

»Nicht im Geringsten.«

Sie schwiegen eine Weile. Louis’ Blick wanderte wieder zu dem stummen Fernseher. Sonny knallte gerade irgendeinen Ganoven in einem rosafarbenen Hemd gegen eine türkisfarbene Mauer.

»Und, fährst du hin?«, fragte Mel.

Als Louis nicht antwortete, rülpste Mel aus tiefster Seele und fuhr fort: »Klingt doch ziemlich verlockend. Ein bisschen bezahlter Urlaub im guten alten Ann Arbor. Über den Campus bummeln, ein paar Bierchen trinken, noch mal die süße Luft deiner Jugend atmen und leichtsinnige Abenteuer und wollüstige Momente Revue passieren lassen. Ich würde was dafür geben, mich noch mal wie zwanzig zu fühlen. Geht’s dir nicht auch so?«

»Das ist gerade mal neun Jahre her.«

»Richtig. Aber erzähl mir nicht, es würde sich jetzt nicht wie ein anderes Leben anfühlen«, sagte Mel.

Louis stand auf, trat an die Fliegengittertür und schaute nach draußen. Es war so dunkel, dass man das Wasser nicht sehen konnte, aber im Brechen der Wellen hörte er den vertrauten Puls des Golfs und spürte seinen Atem in der scharfen, salzigen Brise.

Vor sechs Monaten oder einem Jahr … da hätte es sich vielleicht noch nicht wie ein anderes Leben angefühlt. Aber mittlerweile schon. Es kam ihm vor, als wäre jener junge Mann, der er damals in Ann Arbor gewesen war, verschwunden, vielleicht sogar gestorben. Und der Mann, der an seine Stelle getreten war? Weit davon entfernt, perfekt zu sein, sein Lebensentwurf voller weißer Flecken, die noch ausgefüllt werden mussten. Und doch … fühlte sich dieser Mann, sein neues Selbst, wohl in seiner Haut und hatte auf dieser Insel sein Zuhause gefunden. Wann war die Veränderung eingetreten? Und wodurch? Durch die Nähe zu den Menschen, die er an sich herangelassen hatte? Margaret und Sam Dodie. Mel. Und Ben natürlich, denn vielleicht hatte er die Zuneigung eines heranwachsenden Jungen gebraucht, um selbst erwachsen zu werden.

Und Joe …

Sie war diejenige gewesen, die ihn wirklich gerettet hatte.

Louis hörte ein Grunzen hinter sich und drehte sich um. Mel hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt und war eingeschlafen.

Louis nahm ihm die Bierflasche aus der Hand und stellte sie auf den Tisch. Dann breitete er eine alte Decke über Mels Beinen aus, denn er wusste, dass Mel sie in ein paar Stunden brauchen würde, wenn die Kälte in das kleine alte Haus eindrang.

Er betrachtete den Anrufbeantworter. Etwas, das Shockey gesagt hatte, ließ ihn plötzlich stutzen. Mordkommission. Wieso ermittelte ein Detective der Mordkommission im Fall einer schon seit Ewigkeiten vermissten Person?

Er ließ Shockeys Nachricht noch einmal ablaufen, aber sie enthielt keine weiteren Informationen. Dann, nach kurzem Zögern, wählte er Joes Nummer. Zum dritten Mal in zwei Tagen meldete sich nur der Anrufbeantworter. Er lauschte den knappen Worten, die sie mit ihrer tiefen Stimme auf Band gesprochen hatte, und wartete auf den Piepton.

»Ich bin’s noch mal«, sagte er. »Ich komme rauf in den Norden.«

[home]

3

Die Luft roch nach frisch umgegrabener Erde. Waren das Gerüche von einer nahe gelegenen Farm, die der Wind herübertrug? Louis konnte sich jedoch nicht an Äcker in der Nähe der Stadt erinnern. Ann Arbor war immer noch die College-Stadt, an die er sich von den vier Jahren, die er hier verbracht hatte, gut erinnerte. Aber seitdem schien die Stadt gewachsen zu sein, wirkte unfreundlicher, Verkehr und Lärm hatten zugenommen und störten die weihevolle Stille der University of Michigan.

Louis stellte den Mietwagen auf einem Parkplatz ab, denn nach der langen Reise würde ihm ein Spaziergang zum Polizeirevier guttun. Zuerst hatte es im Flughafen Tampa zwei Stunden gedauert, bis die Maschine endlich abgehoben hatte. Dann hatte er in Detroit eine Stunde verloren, weil sein Koffer nicht angekommen war. Ein Angestellter von Northwest, der nach dem Verbleib des Koffers geforscht hatte, hatte das Gepäckstück schließlich in San Antonio lokalisiert und Louis versichert, es werde ihm noch am selben Abend ins Hotel gebracht werden.

Der einzige Pullover, den er eingepackt hatte – eigentlich der einzige, den er noch besaß, seit er nach Florida gezogen war –, befand sich in seinem Koffer. Als er sich jetzt auf dem Weg die South University Street hinunter den Reißverschluss seiner Windjacke bis zum Kinn hochzog, um sich gegen die eisige Luft zu schützen, dachte er, dass er vielleicht doch besser den Wagen hätte nehmen sollen.

Eine Glocke begann zu läuten. Auch ohne sie zu sehen, wusste Louis, dass es die Glocke des Burton Memorial Tower war, die jede Stunde läutete. Er zählte drei Schläge. Verflixt, zu allem Überfluss würde er auch noch zu spät kommen. Von der nächsten Telefonzelle aus rief er im Polizeirevier an.

»Immer mit der Ruhe«, sagte Shockey. »Wo sind Sie denn jetzt?«

»In der Nähe der juristischen Fakultät«, erwiderte Louis.

»Kennen Sie das Krazy Jim’s?«

»Den Hamburger-Laden?«

»Genau den. Dort können wir uns treffen.«

Louis trat aus der Telefonzelle in den kalten Nieselregen. Er eilte über die Straße und durch den steinernen Torbogen, der in das klösterliche Gemäuer der alten juristischen Fakultät führte.

Erinnerungen stürmten auf ihn ein.

Der kalte Marmorboden des Speisesaals, in dem er meist allein gegessen hatte. Das Zimmer im Studentenwohnheim, das so eng gewesen war wie eine Gefängniszelle. Das Schnarchen seines betrunkenen Zimmergenossen, das ihn regelmäßig in die stille Abgeschiedenheit des Lesesaals der Bibliothek getrieben hatte. In diesem Raum mit dem fünfzehn Meter hohen Deckengewölbe, im sanften Licht der Messinglampen und in der Atmosphäre altehrwürdiger Tradition hatte er immer das Gefühl gehabt, als würde die Zeit stillstehen. In dieser an eine gotische Kathedrale erinnernden Bibliothek hatte der Schmerz der Einsamkeit ein wenig nachgelassen.

Als er sich jetzt dem westlichen Torbogen näherte, schaute er hoch zu den alten bleiverglasten Fenstern des Lawyers Club. Dort wohnten die Jurastudenten. Dort zu wohnen war damals sein größter Traum gewesen.

Damals. In einem anderen Leben.

Er ging die State Street hinunter und bog nach links in die Division Street ab. Die Fenster unter der roten Markise von Krazy Jim’s Blimpy Burgers waren beschlagen, so dass das Schild mit der Aufschrift »Billiger als im Supermarkt« nur verschwommen sichtbar war. Als Louis den Laden betrat, schlugen ihm Schwaden aus Fett und Rauch entgegen.

Am vorderen Ecktisch saß ein Mann in einem grauen Regenmantel. Ein bulliger Typ mit gerötetem Gesicht und dem typischen harten, durchdringenden Blick, der unmöglich zu einem Universitätsprofessor gehören konnte. Der Mann stand auf, als Louis näher kam.

»Kincaid?«

»Ja. Sie sind Shockey?«

»Der bin ich.« Als Shockey ihm die Hand entgegenstreckte, waren unter seinem Regenmantel ganz kurz die goldfarbene Dienstmarke und eine Automatik im Halfter zu sehen. Shockeys Händedruck war fest, und seine Hände waren rauh. Nicht die Hände eines Detective, der viel Zeit am Schreibtisch verbrachte.

»Und«, fragte Shockey, »erinnern Sie sich jetzt, wo Sie mich sehen?«

Louis musterte das pockennarbige und doch relativ ansehnliche Gesicht mit den kaffeebraunen Augen und dem kurzgeschnittenen dunklen Haar.

»Nein, beim besten Willen nicht. Tut mir leid.«

»Aber ich erinnere mich sehr gut an Sie«, sagte Shockey. »Ich war da, als Sie den ersten Tag in Uniform auf dem Revier erschienen sind. Wir alle konnten es kaum erwarten, den Vorzeigepolizisten mit eigenen Augen zu sehen.«

»Wie bitte?«

»Na ja, Sie wissen schon, der neue Cop der Achtziger. Einen –«

»Schwarzen?«, fiel Louis ihm ins Wort.

Shockey hob verblüfft die Brauen, dann grinste er schief. »Nein, Mann«, sagte er. »Einen mit ’nem verdammten College-Abschluss.«

Louis sah Shockey schweigend an, bis der sich räusperte. »Haben Sie Hunger?«

Der Duft nach gebratenen Zwiebeln ließ Louis das Wasser im Mund zusammenlaufen. »Ja, ich könnte was zwischen die Kiemen gebrauchen«, sagte er.

»Na, dann wollen wir uns mal anstellen«, sagte Shockey.

Sie nahmen sich beide ein Plastiktablett vom Stapel neben dem Tresen.

»Wissen Sie«, sagte Shockey, »als ich nach Ihnen gesucht habe, hätte ich eigentlich ›Rechtsanwalt‹ als Namenszusatz erwartet. Hat mich ziemlich gewundert festzustellen, dass Sie bloß ein kleiner Schnüffler sind, der in einer popeligen Hütte wohnt und sich mit irgendwelchem Versicherungsscheiß rumschlägt.«

Louis nahm eine Cola aus dem Kühlfach und schob sein Tablett hinter das von Shockey.

»Ich hab gehört, dass Sie vor ein paar Jahren in Michigan aus dem Polizeidienst geflogen sind, weil Sie ein großes Ding vermasselt haben, an dem die Jungs von der Staatspolizei dran waren«, bemerkte Shockey.

Louis sagte nichts dazu.

»Aber das beweist mir nur, was ich schon immer gesagt hab«, fuhr Shockey fort. »Polizeiarbeit hat nur mit Instinkt und Mumm zu tun. Entweder man hat’s, oder man hat’s nicht, da hilft auch kein Diplom.«

Sie hatten die Essensausgabe erreicht, wo eine dicke Schwarze mit weißer Schürze und rotem Kopftuch in einer dichten Dampfwolke stand und Hamburger briet.

»Für mich einen Fünfer mit Spiegelei auf Zwiebelringen, Irma«, sagte Shockey.

Die Frau nahm fünf Hackfleischbällchen, knallte sie auf den Grill und klopfte sie mit einem Pfannenwender flach. Anschließend schlug sie noch ein Ei auf. Dann sah sie Louis fragend an.

»Cheeseburger mit Fritten«, sagte Louis.

Die Frau zeigte mit dem Pfannenwender auf ihn, als wollte sie ihn damit durchbohren.

»Sie müssen die Fritten zuerst bestellen! Und den Käse zuletzt!«

»Hä?«

»Sie haben doch gehört, was ich gesagt hab.«

Shockey hob beschwichtigend eine Hand. »Er ist noch Jungfrau, Irma.«

Die Frau starrte Louis wütend an. »Von mir aus kann er ein Eunuch sein. Es muss alles seine Ordnung haben.«

Shockey drehte sich zu Louis um. »Was wollen Sie?«

Louis schwieg.

»Verdammt, nun sagen Sie schon, was Sie wollen«, zischte er Louis ins Ohr.

»Cheeseburger«, sagte Louis, ohne die Frau mit dem Pfannenwender aus den Augen zu lassen.

Shockey drehte sich zu der Frau um. »Einen Doppelten auf Kaiser, Irma.«

Irma funkelte Louis finster an, warf zwei Fleischbälle auf den Grill und klopfte sie flach.

»Ich wollte einen Cheeseburger«, sagte Louis zu Shockey.

»Vergessen Sie’s.«

Shockey schob sein Tablett zur Kasse und zückte seine Brieftasche.

»Was ist mit meinen Fritten?«, fragte Louis.

»Die können Sie auch vergessen.«

Ein Jugendlicher mit Haarnetz legte zwei in Papier eingewickelte Portionen auf die beiden Tabletts, und Shockey bezahlte. Sie bahnten sich ihren Weg zwischen den anderen Kunden hindurch zurück zu ihrem Tisch am Fenster. Shockey glitt auf die Holzbank, von wo aus er das Fenster und die Tür im Blick hatte, und Louis blieb nichts anderes übrig, als seinen Hintern auf einem winzigen hölzernen Drehstuhl zu balancieren. Er betrachtete die fettverschmierten Wände und die zerkratzten alten Tische.

»Warum treffen wir uns ausgerechnet hier?«, wollte Louis wissen.

Mit dem Kinn wies Shockey auf die fettigen Papiertüten. »Probieren Sie mal.«

Kopfschüttelnd wickelte Louis den Burger aus dem Papier und biss hinein. Er war köstlich. Selbst ohne Käse.

Als Louis seinen Burger schon gegessen hatte, arbeitete Shockey sich immer noch durch sein fünfstöckiges Hamburger-Monster mit Spiegelei. Louis überlegte, ob er sich noch einmal mit der Frau am Grill anlegen sollte, sagte sich dann jedoch, dass er lieber später mit Joe zusammen zu Abend essen wollte.

Er warf einen Blick auf die Uhr. Wenn er das hier in der nächsten halben Stunde hinter sich brachte, konnte er es noch bis um zehn Uhr nach Echo Bay schaffen.

Shockey war nicht entgangen, dass er nach der Uhr gesehen hatte. »Haben Sie noch was vor?«

»Nein«, erwiderte Louis und wischte sich die Hände an der Papierserviette ab. »So, und jetzt erzählen Sie mir, warum Sie mich hergebeten haben.«

Shockey legte seinen Burger ab und griff nach einer Serviette. »Wie ich Ihnen schon am Telefon erklärt habe«, sagte er, »geht es um den Fall einer verschwundenen Person. Eine vierundzwanzigjährige Frau namens Jean Brandt wurde am vierten Dezember 1980 von ihrem Ehemann als vermisst gemeldet. Ihr Ford Falcon Baujahr 71, der nach Aussage des Ehemanns zusammen mit ihr verschwunden war, wurde zur Fahndung ausgeschrieben. Eine Woche später haben Sie, Kincaid, den Wagen während einer Streifenfahrt entdeckt; er war am Amtrak-Bahnhof in der Depot Street geparkt.«

Louis dachte angestrengt nach, und ganz langsam kam die Erinnerung zurück. Es war ein eiskalter Abend gewesen, jede Menge Bagatellmeldungen und Unfälle mit Blechschäden. Er hatte damals die Angewohnheit gehabt, die Fahndungsmeldungen durchzugehen, um sich während der Schicht die Langeweile zu vertreiben. Der alte rote Falcon stand auf dem hintersten Parkplatz am Bahnhof, bedeckt von einer dicken Schneeschicht. Ein Reifen war platt gewesen. Ansonsten konnte Louis sich an nicht viel mehr als das Nummernschild erinnern. Es hing herunter, so als hätte jemand versucht, es abzumontieren, aber aufgegeben, nachdem er die Schraubenköpfe vermackelt hatte.

Aber eins wusste er noch. Das Kennzeichen war keines aus Washtenaw County gewesen, sondern aus dem Livingston County im Norden von Ann Arbor. Was bedeutete, dass das Verschwinden der Frau in die rechtliche Zuständigkeit des Sheriffs von Livingston County fiel, unabhängig davon, wo der Wagen gefunden worden war. Also konnte es nur einen Grund dafür geben, dass Shockey jetzt mit dem Fall zu tun hatte: Die Leiche der Frau musste hier in Ann Arbor aufgetaucht sein.

»Wo haben Sie sie gefunden?«, fragte Louis.

Shockey räusperte sich. »Wie bitte?«

»Die Leiche. Sie haben sie doch gefunden, oder?«

»Nein«, erwiderte Shockey.

»Und was ist mit den neuen Hinweisen? Haben Sie einen Zeugen oder sonst irgendwas außer dem Wagen, das die vermisste Person mit Ann Arbor in Verbindung bringt?«

Shockey schob sein Tablett weg. »Nicht direkt.«

»Und warum klemmen Sie sich dann hinter einen ungelösten Fall, für den Sie nicht mal zuständig sind?«

Shockey nahm sich noch eine Serviette und wischte sich das Gesicht ab. »Ich bin sozusagen mit der Aufklärung von ungelösten Fällen betraut. Dieser Fall ist mir immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Ich habe den Ehemann kennengelernt, Owen Brandt, als er den Falcon abholen wollte. Der Typ war ein richtiges Ekelpaket; er hat behauptet, seine Frau wäre ihm davongelaufen. Aber ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass er sie umgebracht und den Wagen hier abgestellt hat, um uns weiszumachen, seine Frau hätte den Staat verlassen.«

Louis schaute noch einmal auf seine Uhr.

»Sieht so aus, als hätten Sie doch noch was vor«, sagte Shockey.

Louis blickte Shockey über den Tisch hinweg an. Er war wahrscheinlich noch keine vierzig, wirkte aber älter. Und in diesem Augenblick schien sich alles an dem Mann zu kristallisieren. Er war ein Dinosaurier, dazu verdonnert, den Staub von ungelösten Fällen zu entfernen, während die jungen Cops – die mit den Diplomen – sich an ihm vorbei ihren Weg auf der Karriereleiter nach oben bahnten. Shockey hörte ihre Schritte hinter sich und kämpfte wahrscheinlich verzweifelt darum, seine goldene Dienstmarke zu behalten. Wenn es ihm gelänge, im ruhigen, kleinen Ann Arbor den Fall einer verschwundenen widerspenstigen Ehefrau zu lösen, würde ihm das sicherlich dabei von Nutzen sein. Zumindest für ein paar weitere Jahre.

Louis begriff ebenfalls, warum Shockey sich so bereitwillig hier in diesem Laden mit ihm getroffen hatte anstatt auf dem Polizeirevier. Seine Kollegen sollten nichts davon mitbekommen, dass er die Hilfe eines Privatdetektivs brauchte.

»Hören Sie«, sagte Louis, »ich habe damals das Fahrzeug entdeckt, weiter nichts. Ich habe meinen Bericht nach Livingston geschickt. Das Auto wurde abgeschleppt, damit war für mich der Fall erledigt. Was zum Teufel könnte ich jetzt auf einmal zur Lösung des Falls beitragen?«

»Sie haben den Wagen doch untersucht, oder?«

»Selbstverständlich. Das war Dienstvorschrift.«

»Und Sie haben ihn gründlich untersucht?«

»Ja, ich habe ihn gründlich untersucht.«

»Sind Sie sich auch ganz sicher, Schnüffler?«

Was sollte der Blödsinn? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Zuerst bekam er keinen Cheeseburger, und jetzt stocherte dieser alte Sack in einem Fall herum, mit dem er vor Jahren zu tun gehabt hatte. Während sein Körper sich bereitmachte aufzustehen, zur Tür zu gehen und ins Auto zu steigen, um zu Joe zu fahren, wanderten seine Gedanken in die Vergangenheit.

Zurück zu jenem Abend am Bahnhof, als er frierend im Schneeregen stand und das Eis von den Türgriffen kratzte, um sich das Wageninnere anzusehen. Die Türen waren unverschlossen, und im Wagen hatte er nichts als Kippen und eine Hamburgertüte gefunden. Der Kofferraumdeckel wurde, weil das Schloss kaputt war, von einem zurechtgebogenen verrosteten Metallkleiderbügel provisorisch zugehalten. Durchgefroren, durchnässt und schlecht gelaunt hatte er mit der Taschenlampe kurz über das Chaos aus Werkzeugen und alten Zeitungen geleuchtet, den Kofferraum wieder zugeknallt und war zu seinem Streifenwagen zurückgegangen, um den Fund des Wagens zu melden.

Shockey schaute ihn unverwandt an. Die Frage hing immer noch in der Luft.

»Ich habe nichts übersehen«, sagte Louis.

»Der Wagen befindet sich noch in meiner Obhut«, sagte Shockey mit einem leichten Grinsen, das Louis auf die Palme brachte.

»Was halten Sie davon, wenn wir ihn uns noch mal ansehen?«, fragte Shockey.

 

Der Abschlepphof lag in der Nachbarschaft von Wohnwagenstellplätzen und Mietlagerschuppen außerhalb der Stadt in der Nähe des Flughafens. Shockey hielt vor dem stacheldrahtbewehrten Maschendrahtzaun, stieg aus und eilte zum Tor.

Während die Scheibenwischer sich langsam hin und her bewegten, sah Louis zu, wie Shockey die schweren Vorhängeschlösser aufschloss und das Tor öffnete. Neben dem Tor hing ein großes, gelbes Schild mit der Aufschrift VORSICHT BISSIGE HUNDE.

»Was ist mit den Hunden?«, fragte Louis, als Shockey sich wieder ans Steuer setzte.

»Hier gibt’s keine Hunde«, erklärte Shockey und fuhr auf das Gelände.

Er parkte vor einem Wellblechschuppen von der Größe eines Hangars. Louis stieg aus und trat in den kalten Regen.

Ein tiefes Dröhnen ließ ihn nach oben sehen, aber im Dämmerlicht konnte er nichts erkennen. Als das Dröhnen zu einem ohrenbetäubenden Kreischen anschwoll, tauchte aus den Wolken der verschwommene Strahl von Scheinwerfern auf. Louis duckte sich instinktiv, als der Jet über sie hinwegdonnerte.

»Hier entlang«, sagte Shockey.

Sie gingen um das Gebäude herum, vorbei an einer Reihe von Autos, von denen eins älter und verrotteter zu sein schien als das andere. Sie kamen vorbei an Motorrädern, ein paar Booten auf Anhängern und sogar an einem ausrangierten Traktor. Danach folgten Reihen alter Kühlschränke, Fahrräder und ein Stapel Türen. Je tiefer sie auf das Gelände vordrangen, desto ungeordneter waren die Schrotthaufen. Es war wie auf einem alten Friedhof, wo die frischen Gräber noch von jemandem gepflegt wurden, während die alten längst vergessen waren.

Louis blieb stehen und hob ein in Plastik eingeschweißtes Schildchen an, das an einem verrosteten Fahrrad baumelte. Darauf vermerkt waren eine Fallnummer, ein Name und das Jahr: 1968.

»Wie lange wird dieses ganze Zeug eigentlich aufbewahrt?«, fragte Louis.

»Bis in alle Ewigkeit«, erwiderte Shockey und ging weiter. »Vor ein paar Jahren hat ein Typ nach zwanzig Jahren Knast erreicht, dass sein Fall neu verhandelt wurde. Zum Glück hatten wir die Beweismittel noch, und er wurde wieder verurteilt.«

Louis folgte Shockey um eine Ecke des Gebäudes. Der rote Falcon stand mit der Front gegen den Zaun. Eine verwitterte Plane war vom Wind weggeblasen worden, so dass nur noch die vordere Hälfte des Wagens bedeckt war und der Kofferraum freilag. Mit einem angewiderten Seufzer wischte Shockey Dreck und altes Laub vom Heckfenster. Dann drehte er sich zu Louis um.

»Das ist er«, sagte er.

Louis trat näher und spähte durch das Seitenfenster ins Wageninnere. Es war zwar ziemlich dunkel, aber man konnte noch genug erkennen. Der Aschenbecher quoll immer noch von Kippen über, und die Hamburgertüte lag immer noch auf dem Rücksitz.

»Haben Sie den Wagen gründlich untersuchen lassen?«, fragte Louis, »auf Fingerabdrücke und so?«

»Noch nicht«, sagte Shockey. »Die Kiste steht hier seit neun Jahren. Wie gesagt habe ich den Fall erst kürzlich wieder aufgenommen.«

»Okay«, sagte Louis. »Und was soll ich übersehen haben?«

Der Kofferraum wurde nach wie vor von dem verrosteten Kleiderbügel zugehalten. Shockey entwirrte den Draht und hob den Kofferraumdeckel an. Louis entdeckte dieselben Werkzeuge und alten Zeitungen, die er schon neun Jahre zuvor gesehen hatte, aber dann fiel sein Blick auf etwas anderes. Unter einem zerknüllten Exemplar der Detroit Free Press lugte der Träger eines BHs hervor.

Mit Hilfe eines Schraubenziehers hob er die Zeitung an. Der BH war einmal weiß gewesen, aber jetzt war der Stoff verschmutzt und vergilbt, und die Spitze des linken Körbchens löste sich bereits auf. Am rechten Körbchen befanden sich bräunliche Flecken.

Blut.

Louis warf Shockey einen Blick zu. Am liebsten hätte er auf der Stelle bestritten, dass der BH sich im Jahr 1980 in dem Kofferraum befunden hatte, aber er war sich nicht vollkommen sicher. Es war ziemlich dunkel gewesen, und er hatte den Bericht über ein verlassenes Fahrzeug in aller Hast geschrieben, es konnte also durchaus sein, dass er den BH übersehen hatte.

»Und wo liegt das Problem?«, fragte Louis. »Das ist ein Beweismittel in einem Kriminalfall. Warum haben Sie es nicht eingetütet und ins Labor geschickt?«

»Deshalb«, sagte Shockey. Er zog einen Zettel aus der Tasche seines Regenmantels und reichte ihn Louis.

Es war ein Polizeibericht – Louis’ Bericht aus dem Jahr 1980 über das Auffinden des Falcon. Und es handelte sich nicht um eine Kopie. Es war das Original. Louis überflog es rasch.

Nach einer Routineüberprüfung des Fahrzeuginneren und des Kofferraums habe ich das Fahrzeug abschleppen lassen. Der Abschleppwagen meldete sich um 12:45. Am 11.12.80 habe ich die Polizeireviere in Ann Arbor und im Livingston County darüber in Kenntnis gesetzt, dass das zur Fahndung ausgeschriebene Fahrzeug in der Depot Street 325 in Ann Arbor, Michigan aufgefunden wurde. Weder der Fahrzeughalter Owen Brandt noch seine als vermisst gemeldete Frau Jean Brandt befanden sich am Fundort.

Louis gab Shockey den Bericht zurück. »Ich verstehe immer noch nicht, wo das Problem liegt. Der Bericht ist korrekt, und dass Sie den BH im Kofferraum gefunden haben, ändert nichts daran.«

»Ich glaube kaum, dass ein Anwalt das so sehen wird«, sagte Shockey.

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«

»Betrachten Sie es einmal so«, erwiderte Shockey. »Die Frau verschwindet im Dezember 1980. Eine Woche später wird ihr Wagen gefunden, ein Cop untersucht ihn und vermerkt in seinem Bericht nicht, dass sich in dem Wagen ein Beweismittel befand, das auf ein Gewaltverbrechen hindeutete. Neun Jahre später taucht plötzlich ein blutiger BH im Kofferraum auf.«

»So was kommt vor.«

»Es könnte vorkommen, wenn der Kofferraum im Jahr 1980 nicht untersucht worden wäre«, beharrte Shockey. »Dämmert es Ihnen denn immer noch nicht, was ein cleverer Anwalt daraus machen wird?«

»Sagen Sie’s mir.«

»Also gut, Sie sind im Zeugenstand«, sagte Shockey. »Officer Kincaid, Sie haben in Ihrem Bericht ausgesagt, Sie hätten den Kofferraum durchsucht. Sie haben nichts weiter gefunden als Werkzeuge und alte Zeitungen. Haben Sie die Zeitungen bewegt, Officer? Natürlich. Hatten Sie eine Taschenlampe dabei, Officer? Selbstverständlich. Wie kann es dann sein, dass Sie den BH nicht entdeckt haben, Officer? Könnte es sein, dass Sie ihn nicht gesehen haben, weil er später von der Polizei dort deponiert wurde?«

Louis warf noch einmal einen Blick in den Kofferraum. Er verstand, was Shockey ihm sagen wollte. Er hatte genug Anwälte erlebt, um zu wissen, wie Tatsachen verdreht werden konnten, aber er war sich nicht sicher, dass es in diesem Fall darum ging. Der Kofferraum war nicht besonders vollgestopft. Es gab einen Schraubenzieher, eine Rohrzange, ein Brecheisen, eine alte Ölkanne und ein paar Zeitungen. Selbst in der eisigen Kälte musste er das alles durchsucht haben. Es war Vorschrift, und damals hatte er nie gegen die Vorschriften verstoßen. Und nie im Leben hätte er den BH übersehen.

»Hören Sie, Schnüffler«, sagte Shockey. »Ich will Ihnen nur klarmachen, dass man keinen Richter und keine Jury davon überzeugen kann, dass die Sachlage damals so war, wie sie jetzt ist. Sie müssen Ihren Bericht ändern.«

»Sie wollen, dass ich behaupte, ich hätte keinen Blick in den Kofferraum geworfen?«

Shockey zog ein zweites Blatt Papier aus der Tasche. »Ich habe hier ein leeres Formular«, sagte er. »Genau so eins, wie wir sie 1980 benutzt haben. Ich möchte, dass Sie alles noch einmal schreiben, aber die Tatsache weglassen, dass Sie den Wagen untersucht haben. Schreiben Sie einfach, wegen des Frosts hätten sich die Türen nicht öffnen lassen oder sonst was.«

Louis trat einen Schritt zurück, um Shockeys Gesicht besser sehen zu können. »Sie sind ein Vollidiot«, sagte er.

»Nun werden Sie doch nicht persönlich –«

»Abgesehen davon, dass Sie von mir verlangen, eine Straftat zu begehen, gibt es Kopien meines Berichts«, fuhr Louis fort. »Wie kommen Sie auf die Idee, Sie könnten mit so was durchkommen?«

»Die einzige Kopie Ihres Berichts befand sich in der Akte über das Verschwinden von Jean Brandt. Und die existiert nicht mehr.«

»Haben Sie sie etwa vernichtet?«

Shockey schwieg. Das leere Formular, das er Louis immer noch hinhielt, war schon vom Regen aufgeweicht. Im Dämmerlicht wirkten die Falten in Shockeys Gesicht wie in Stein gemeißelt, und in seinen Augen lag ein fast schon krankhafter Ausdruck verzweifelter Hoffnung.

Wieder donnerte ein Flugzeug über sie hinweg.

»Sie haben den BH deponiert, stimmt’s?«, sagte Louis.

»Ich sage Ihnen, es ist Jean Brandts BH, und er ist unsere einzige Hoffnung, einen Durchsuchungsbeschluss für die Farm zu bekommen«, sagte Shockey. »Owen Brandt ist ein Ungeheuer. Er hat seine Frau getötet und irgendwo auf der Farm da draußen begraben. Ich weiß es.«

»Das ist mir egal«, erwiderte Louis. »Ich werde keinen Bericht fälschen, damit irgendein abgehalfterter Scheißcop mit gefälschten Beweismitteln einen Prozess anstrengen kann, nur um seinen Job zu behalten.«

Louis ließ Shockey stehen. In der Ferne konnte er durch den Nebel verschwommen die Lichter der Startbahn am Flughafen Detroit Metro erkennen. Die schwere Luft fühlte sich plötzlich eiskalt an. Bei der Vorstellung, mit diesem Irren zusammen zurück in die Stadt fahren zu müssen, drehte sich ihm der Magen um.

»Ich bezahle Sie!«, rief Shockey hinter ihm her.

Louis fuhr herum. »Sie wollen mich dafür bezahlen?«

Shockey trat auf ihn zu. »Hören Sie«, sagte er, »wenn Sie auch nur einen Funken Verstand besäßen, dann hätten Sie immer noch Ihre Dienstmarke. Ich weiß alles über Sie. Sie kommen als Privatdetektiv auf keinen grünen Zweig und verdienen Ihre Kohle mit einem Halbtagsjob als Wachmann, wo Sie reichen Leuten dabei zusehen, wie sie am Swimmingpool liegen und sich bräunen.«

»Halten Sie die Klappe.«

»Sie haben noch dreihundert Dollar auf dem Konto, Sie fahren einen Wagen, der älter ist als Sie, und Ihr Nettoeinkommen im vergangenen Jahr hat kaum zum Überleben gereicht. Erzählen Sie mir also nicht, Sie könnten keine zehn Riesen gebrauchen.«

Louis hätte ihm am liebsten einen Kinnhaken verpasst. »Bringen Sie mich nach Ann Arbor, jetzt sofort«, sagte er. »Und wenn Sie unterwegs noch ein einziges Wort über diese Sache verlieren, melde ich die Geschichte Ihrem Vorgesetzten. Kapiert?«

Louis wandte sich zum Gehen. Als er den Wellblechschuppen erreichte, drehte er sich noch einmal um. Shockey war zu dem Falcon zurückgekehrt. Der Wind hatte zugenommen, und Shockey hatte große Mühe, die Plane über den Kofferraum zu ziehen und sie irgendwie festzuzurren.

Das leere Formular lag im Dreck.

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4

Das College Inn lag direkt an der Interstate 94, die Ann Arbor mit Detroit verband. In Louis’ Zimmer hing der typische Gestank nach Desinfektionsmitteln und verschimmeltem Teppichboden, der nach zahlreichen Bierpartys übrig bleibt.

Louis hielt sich gerade lange genug im Zimmer auf, um im Sheriff’s Department von Echo Bay anzurufen. Der Wachhabende erklärte ihm, Undersheriff Frye werde den ganzen Abend bei einem Abendessen mit dem Bürgermeister verbringen. Louis hinterließ eine Nachricht und dann noch eine zweite auf Joes privatem Anrufbeantworter, sie solle ihn bitte so bald wie möglich zurückrufen. Dann ging er schnurstracks in die Motelbar.

Der Raum war brechend voll, laut und verraucht. Louis fragte sich, wie eine schmuddelige Bar in einem heruntergekommenen Motel so viel Publikum anziehen konnte. Bis er den Fernseher entdeckte.

Basketball.

Dann fielen ihm all die gelb-blauen Mützen und T-Shirts auf.

Es war also noch schlimmer: ein Basketball-Team aus Michigan.

»He, Fred, stell den verdammten Ton lauter«, brüllte jemand.

Und am schlimmsten: Es lief die landesweite College-Meisterschaft, Michigan gegen Seton Hall.

Louis kämpfte sich durch das Gedränge zum Tresen vor. Er brauchte zehn Minuten, um den schwitzenden Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen.

»Gibt’s hier was zu essen?«, schrie Louis über den Lärm der Betrunkenen und das Geplapper der Sportreporter hinweg. Das Spiel hatte noch nicht einmal angefangen.

»Tacos bis zehn umsonst«, erwiderte der Mann und zeigte auf einen Buffet-Tisch.

»Geben Sie mir ein Heineken«, sagte Louis.

»Haben wir nicht.«

Louis seufzte. »Dann eben ein Stroh’s.«

Ein paar kräftige Schlucke Bier halfen ihm ein wenig, den schlechten Geschmack hinunterzuspülen, den Shockey bei ihm hinterlassen hatte. Louis bestellte noch ein Bier, doch schließlich trieb sein knurrender Magen ihn zu dem Buffet, wo er sich drei aufgeweichte Tacos auf einen Pappteller packte. Am Tresen war ein Hocker frei, und Louis schob sich vor einen bulligen Jugendlichen in einem Go-Blue-T-Shirt, um den Platz für sich zu beanspruchen.

»He, Mann«, protestierte der Jugendliche und plusterte sich auf.

»Zu spät«, sagte Louis.

Der Junge trollte sich mit finsterer Miene. Louis hockte sich an den Tresen und schlang gierig seine Tacos hinunter, den Blick auf den Fernseher gerichtet, ohne jedoch etwas zu sehen.

Er musste an die Frau mit dem Pfannenwender im Krazy Jim’s denken und an ihren Gesichtsausdruck, als er seine Bestellung vermasselt hatte, so als hätte sie gewusst, dass er nicht hierher gehörte.

Wie hatte sie das wissen können?

Während der vier Jahre, die er in Ann Arbor studiert hatte, war er nicht ein einziges Mal im Krazy Jim’s gewesen; er war überhaupt nie in irgendwelche Studentenkneipen gegangen. Keine Spiegeleier im Angelo’s nach einer durchzechten Nacht, keine Sangria im Dominick’s mit einer Schönheit aus einer Elite-Studentinnenverbindung, keine Winter-Refuge-Pizza im Cottage Inn und nach einem Spiel kein Bier im Brown Jug.

An diesen Orten hatte er sich nie wohl gefühlt. Der einzige Laden, den er mehr als einmal betreten hatte, war der alte Fleetwood Diner. Dort, wo die Außenseiter herumhingen und die Cops sich nach der Schicht noch auf ein Bier trafen, hatte er in Ruhe mit seinen Büchern sitzen und seinen Kakao mit Hershey’s Syrup schlürfen können. Dort hatte ihn niemand belästigt. Dort hatte er sich nie fehl am Platz gefühlt.

Aber das war in einem anderen Leben gewesen.

»Noch eins?«

Louis warf einen Blick auf seine Uhr. Es war schon nach zehn. Er schüttelte den Kopf, stellte das leere Bierglas ab und ging zurück auf sein Zimmer.

Das rote Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte nicht. Louis wusste, dass Joe in letzter Zeit viel um die Ohren hatte.

Der Sheriff von Leelanau, Mike Vilella, würde demnächst in den Ruhestand gehen, und als Undersheriff war Joe bei den in einem halben Jahr stattfindenden Wahlen automatisch Kandidatin für den Posten. Sie gab sich jede erdenkliche Mühe, die Einheimischen für sich zu gewinnen, und in einer Kleinstadt wie Echo Bay war die Teilnahme am Pfannkuchen-Abendessen, das vom Bürgermeister veranstaltet wurde, genauso wichtig wie ein Erfolg bei der Jagd auf Wilddiebe.

Und trotzdem, warum hatte sie nicht angerufen, wo sie doch wusste, dass er nur vier Stunden von Echo Bay entfernt war?

Louis streifte die Schuhe ab, griff nach der Fernbedienung und legte sich aufs Bett. Er schaltete den Fernseher ein. Auf allen Kanälen war das Basketball-Turnier zu sehen, so als wäre der Satellit darauf programmiert, alles zu übertragen, was auch nur entfernt mit dem Sport der University of Michigan zu tun hatte.

Sein Blick wanderte zum Telefon. Er schaltete den Fernseher auf stumm, nahm den Hörer ab und wählte. Mel Landeta nahm beim zweiten Klingeln ab.

»Ich dachte, du wärst heute Abend im O’Sullivan’s«, sagte Louis.

»Hier schüttet es wie aus Eimern«, sagte Mel. »Warte einen Moment.«

Das Telefon schepperte. Im Hintergrund wurde Solomon Burkes »A Change Is Gonna Come« leise gedreht. Dann war Mel wieder am Apparat.

»Wie läuft’s in Michigan?«

»Reine Zeitverschwendung.«

»Wofür braucht dich der Cop?«

»Es geht um den ungelösten Fall einer als vermisst gemeldeten Person«, erwiderte Louis. »Eine Frau ist vor neun Jahren verschwunden, und ihr Wagen wurde verlassen aufgefunden. Ich bin damals Streife gefahren. Der Detective, der den Fall bearbeitet hat, will ihn noch mal neu aufrollen.«

»Und?«

»Er hat einen blutverschmierten BH im Kofferraum deponiert, und jetzt will er, dass ich meinen Bericht nachträglich ändere.«

Louis hörte ein Feuerzeug klicken, als Mel sich eine Zigarette anzündete. »Was ist mit den Kopien deines Berichts?«

»Es gibt nur eine. Er behauptet, er hätte die andern vernichtet.«

Mel schwieg.

»Er ist ein abgehalfterter Cop, dem die jungen Spunde im Nacken sitzen«, sagte Louis. »Und er hofft anscheinend, dass er sie abschütteln kann, wenn er einen ungelösten Fall aufklärt.«

Mel sagte immer noch nichts.

»Was ist los?«, fragte Louis.

»Nichts«, erwiderte Mel.

»Red keinen Scheiß.«

»Was du eben gesagt hast, kann nur von einem jungen Kerl kommen.«

Louis schwieg. Auf dem stummen TV-Bildschirm versenkte Glen Rice gerade einen Ball im Korb. Im Zimmer nebenan waren Geschrei und Fußgetrappel zu hören.

»Aber vielleicht steckt auch noch mehr dahinter«, überlegte Mel.

»Zum Beispiel?«

»Erzähl mir was über die Frau.«

»Sie hieß Jean. Verheiratet mit einem Typen namens Owen Brandt. Sie haben auf einer Farm westlich von hier gewohnt.« Er ließ einen Moment verstreichen. »Der Ehemann hat sie als vermisst gemeldet, später aber ausgesagt, er hätte von Anfang an den Verdacht gehabt, dass sie mit einem anderen abgehauen war.«

»Erinnerst du dich noch, wie sie aussah?«

Louis kramte in seinem Gedächtnis. »Nein, eigentlich nicht.«

»Hübsch?«

Louis konnte sich nicht mehr an das Gesicht erinnern. »Worauf willst du hinaus?«

»Cherchez la femme.«

»Könntest du dich vielleicht ein bisschen klarer ausdrücken, Mel?«

»Il y a une femme dans toutes les affaires; aussitôt qu’on me fait un rapport, je dis, ›Cherchez la femme‹.«

»Darf’s vielleicht ein bisschen mehr sein?«

»Grob übersetzt: Hinter jedem Fall steckt eine Frau; wenn man mir einen Bericht bringt, sag ich: ›Sucht nach der Frau.‹ Hast du schon mal daran gedacht, dass dieser Shockey die Frau vielleicht gekannt hat? Und dass das womöglich sogar der Grund ist, warum er sich so in den Fall reinhängt?«

Louis versuchte immer noch, sich Jean Brandts Foto aus ihrer Akte in Erinnerung zu rufen. Ein Fragment tauchte auf: ein alter Schnappschuss, vergilbt und unscharf, ein Frauenkopf mit dunklem Haar.

»Wirst du ihm helfen oder nicht?«

»Der Typ hat versucht, mich zu bestechen, Mel. Ich fliege wieder nach Hause.«

Er hörte, wie Mel sich noch eine Zigarette anzündete. »Triffst du dich noch mit Joe, bevor du wieder zurückkommst?«

»Ja, wenn ich sie erwische.«

»Hat sie viel zu tun?«

Louis schwieg. Er hatte noch nie mit Mel über den Stress gesprochen, den die Entfernung von zweieinhalbtausend Kilometern für die Beziehung zwischen ihm und Joe bedeutete, aber Mel hatte ein feines Gespür.

»Tja«, sagte Mel, »ich bin ziemlich erledigt, ich hau mich jetzt in die Falle. Grüß Joe von mir, wenn du mit ihr sprichst.«

Louis verabschiedete sich und legte auf. Ein paar Minuten lang saß er auf der Bettkante und starrte das Telefon an, während er die Jubelrufe und das Gepolter aus den umliegenden Zimmern nur als dumpfes Dröhnen in seinem Hinterkopf wahrnahm.

Hinter jedem Fall steckt eine Frau.

Vielleicht hatte Mel recht. Vielleicht war Shockey in Jean Brandt verliebt gewesen, und vielleicht trieben ihn die Erinnerung an sie und an das, was er vor neun Jahren nicht für sie getan hatte oder hatte tun können, jetzt zur Verzweiflung.

Wenn Schuldgefühle der motivierende Faktor waren und nicht die Angst um den Job, dachte Louis, dann konnte er Shockeys Verzweiflung zumindest nachvollziehen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er deswegen hierbleiben und dem Mann helfen würde. Was konnte er schon tun, was die Polizei von Ann Arbor oder der Sheriff von Livingston County nicht erledigen konnten?

Das Telefon klingelte.

Louis nahm den Hörer ab. »Joe?«

»Hey, ist das Bierfass bei dir?«

»Falsches Zimmer, Kumpel«, sagte Louis.

Er legte auf, streckte sich auf dem Bett aus und starrte die vergilbten Deckenfliesen an.

Neun Jahre. Shockey vermisste diese Frau schon seit neun Jahren. Neun Jahre, die ihm wie sein ganzes Leben vorkommen mussten.

Louis setzte sich auf und zog den Zettel mit Shockeys privater Telefonnummer aus seiner Hosentasche. Der Zettel war feucht geworden, und die verwischten Zahlen waren kaum noch zu entziffern. Das Telefon klingelte acht oder neun Mal, so dass Louis schon aufgeben wollte, aber plötzlich war Shockeys Stimme in der Leitung.

»Ja?«

»Detective, hier spricht Kincaid. Eine Frage: Hatten Sie was mit Jean Brandt?«

Shockey atmete tief aus. »Ja, ich habe sie geliebt.«

Louis schloss die Augen. »Okay, Detective. Ich gebe Ihnen einen Tag Zeit, um mich davon zu überzeugen, dass Sie meine Mühe wert sind. Und schlagen Sie sich diesen Schwachsinn mit dem gefälschten Bericht aus dem Kopf. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Ja.«

Louis rieb sich die Stirn, weil er irgendwie das Gefühl hatte, er würde seine Entscheidung noch bereuen.

»Und, was tun wir jetzt?«, fragte Shockey. »Wo fangen wir an?«

»Ich will diese Farm sehen. Wo liegt sie?«

»Eine halbe Stunde westlich von Ann Arbor, gleich südlich von Hell.«

[home]

5

Louis schlug zum Schutz gegen den Regen den Kragen hoch und trat näher an das Tor von Owen Brandts Farm heran. Ein verrostetes, an einen Pfahl genageltes Metallschild hielt ihn davon ab, sich weiter vorzuwagen: AUF EINDRINGLINGE WIRD GESCHOSSEN.

Er war noch nie auf einer Farm gewesen. Er war in Michigan im Städtchen Plymouth aufgewachsen und mit den für Städte typischen Annehmlichkeiten großgeworden. Das Leben auf einer Farm kannte er nur aus dem Kino. Und er hatte es auf langweiligen Sonntagsausflügen zu den Irish Hills und auf endlosen Fahrten in den Norden durchs Fenster des alten Ford gesehen, mit dem die Familie jedes Jahr in die Ferien gefahren war.

Er erinnerte sich noch, dass er als Zehnjähriger geglaubt hatte, eine Farm sei ein hübscher, netter Ort, wo es sich gut leben ließ. Man pflückte die Äpfel direkt vom Baum, sprang aus einem Scheunenfenster in weiche Heuhaufen und konnte den ganzen Tag nach Lust und Laune auf einem Pferd herumreiten.

Louis betrachtete das Farmhaus durch den Nieselregen.

Es wirkte alles andere als freundlich und gemütlich.