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Horst Evers

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Beschreibung

Der Hauptgewinn! Der junge und ehrgeizige Kommissar Lanner aus dem niedersächsischen Cloppenburg wird tatsächlich nach Berlin versetzt. Allerdings erwarten ihn dort Kollegen, die ihn als «Dorfsheriff» schikanieren, eine Bevölkerung ohne den geringsten Respekt und eine Stadt, die ihn mit ihrer anregenden Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn in immer neue Bredouillen bringt. Dazu die Leiche eines Mannes, der vor Monaten im Garten seines Mietshauses vergraben wurde, den niemand kannte, in dessen Wohnung man jedoch Unmengen von Bargeld findet. Obendrein ereilt den Chef der größten Schädlingsbekämpfungsfirma ein mysteriöser Tod, und kurz darauf wird Berlin von einer gewaltigen Rattenplage bedroht … Die sich dramatisch entwickelnden Fälle überfordern Lanner bald noch mehr als die Stadt. Zum einzigen Verbündeten wird ausgerechnet ein alter Mitschüler und Feind aus Cloppenburg, der schon vor langer Zeit in Berlin gestrandet ist und als Aushilfskammerjäger arbeitet. Die beiden machen sich an die Enträtselung eines Geheimnisses, das sie sehr viel tiefer in die Abgründe und den Organismus Berlins führt, als sie sich das eigentlich gewünscht hätten. Umwerfend komisch, unglaublich spannend und undurchschaubar wie das Leben selbst.

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Seitenzahl: 453

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Horst Evers

Der König von Berlin

Kriminalroman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Über Horst Evers

Inhaltsübersicht

WidmungErster TagDie Leiche lag ...Es standen bereits ...Als Lanner zu ...Claire Matthes schnitt ...Georg Wolters hatte ...Routiniert jagten seine ...Zweiter TagAls Lanner gegen ...Max Machallik war ...Dr. Jortz, der Leiter ...Als Lanner in ...Als Lanner seinen ...Es war ein ...Dritter Tag«Am liebsten würde ...Brandenburg hatte etwas ...Nicht einen leeren ...Lanner stellte den ...Er zitterte am ...Das «Gasthaus zur ...Sein Herz raste. ...Carola Markowitz war ...Hauptwachtmeisterin Simon und ...Als Carola Markowitz ...Es war bereits ...Er hatte einen ...«Ich denke, wir ...Sein Herz schlug ...Schlagartig war eine ...Vierter TagSein Schädel brummte ...Wie ein Hund ...Lanner hatte fast ...Nichts lässt einen ...Carola Markowitz wusste ...Kolbes Anblick hätte ...Nachdem ihr Sohn ...Die U-Bahn fuhr ...Als Erstes hörte ...Die beiden Kammerjäger ...«Entschuldigen Sie, Frau ...Carola Markowitz gab ...Bis zur Stadtautobahn ...Sie wollen was?» ...Es war ein ...Nur wenn man ...Während Lanner Maschmann ...Zufrieden grinsend steckte ...Man hatte ihn ...Wie ein riesiger, ...Das sanfte Brummen ...Als Carsten Lanner ...Epilog

Für Jürgen

Erster Tag

Die Leiche lag mitten im Sandkasten.

Kein Wunder, dass die Frau am Telefon so laut gewesen war. Lucy, ihre fünfjährige Tochter, war wohl nach dem Frühstück zum Spielen in den Hof, hatte die Schutzplane vom Sandkasten gezogen und den leblosen Körper entdeckt. Andere Kinder hätten die Leiche womöglich zuerst erforscht, sich die Augen angeschaut, gefühlt, wie kalt und schwer sie ist, ob hart oder weich. Aber so war Lucy nicht. Lucy war eher eines dieser «Ich-laufe-am-besten-mal-rot-an-und-schreie-dann-so-laut-ich-kann»-Kinder. Und Lucy konnte sehr laut schreien. Auch schrill und hoch. Gerade noch so in den Grenzen des menschlichen Wahrnehmungsvermögens. Lucy wusste, wie gut sie schreien konnte. Es strengte sie nicht an, es machte ihr Freude, gab ihr das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das ist natürlich ein kostbares Gut bei einem Kind. Einmal, im Flugzeug, war es ihr sogar gelungen, so lange und eindrucksvoll zu schreien, bis sie zur Belohnung den Piloten im Cockpit besuchen durfte. Daher war die Frau so laut gewesen, wenngleich sie routiniert im Übertönen ihres Kindes schien, wie manche Bauarbeiter, die auch die Fähigkeit entwickelt haben, in unmittelbarer Nähe des Presslufthammers zu telefonieren.

Toni Karhan tippte mit dem Fuß gegen die Leiche. Der mittelgroße, schwarzhaarige, schlanke, aber kräftige Mann im unauffällig-eleganten Anzug wusste, was er tat. Er war einer der Besten, vielleicht sogar der Allerbeste in seinem Fach. Er hatte noch beim Alten gelernt. Beim großen Alten. Der hatte ihm alle Tricks beigebracht. Alle Tricks, doch nicht alles, was er wusste.

Toni konnte mit seiner Fußspitze mehr über eine Leiche erfahren als andere mit einem ganzen Labor. Er trat noch mal leicht gegen den leblosen Körper. «Ist seit höchstens vierundzwanzig Stunden tot. Vergiftet.»

Frau Kreutzer, Lucys Mutter, lachte verächtlich: «Na, ganz toll. Vergiftet. Das hätte ich mir vielleicht auch noch gerade so zusammenreimen können. Glückwunsch!»

Georg Wolters nahm Toni zur Seite. «Vierundzwanzig Stunden? Bist du dir da wirklich sicher? Ich meine, die sieht doch schon ziemlich aufgedunsen und fertig aus.»

«Ganz sicher.»

«Also, ich hätte gedacht, die liegt länger. Und das kriegst du raus, indem du nur einmal kurz mit dem Fuß dagegentippst? Wahnsinn.»

Toni schaute ihn ausdruckslos an. «Gewicht, Geräusch, Konsistenz. Das alles sagt viel über Todesursache und Todeszeitpunkt. Aber ganz sicher, dass sie hier nicht länger liegt als einen Tag, ich bin, weil ich habe gefragt Kind, wann es zuletzt hat gespielt in Sandkasten.» Die Einweghandschuhe schnalzten, als Toni sie gegen ihren ausdrücklichen Widerstand über seine Hände zubbelte. Dann holte er einen Schraubenzieher aus der Tasche, beugte sich hinunter und untersuchte das Gebiss.

Georg war unzufrieden. «Aber warum ist das Biest denn schon so verrottet nach höchstens vierundzwanzig Stunden?»

Toni strich vorsichtig über das Fell. «War schlimmes Gift. Nicht gut.»

Toni war in sein eigentliches, binäres Sprachsystem zurückgekehrt. Im Prinzip konnte er damit alles bewältigen, was an notwendiger Meinungsäußerung anfiel. Was für einen Computer die 1 und die 0 war, war für Toni «gut» und «nicht gut». Wobei er einen großen, einen gewaltigen Vorteil gegenüber Computern besaß. Er hatte noch eine dritte Option: die vielgenutzte Möglichkeit des «ist egal». Sie schenkte ihm ungeheure Freiheit. Wahrscheinlich ist es genau diese Freiheit, sich nicht permanent zwischen 1 und 0 entscheiden zu müssen, sondern Dinge egal finden zu können, die den Unterschied zwischen Mensch und Maschine, vielleicht sogar das Wunder des Lebens selbst ausmacht.

Ansonsten war Tonis spärliches Ausreizen seiner sprachlichen Möglichkeiten einem pragmatischen Beschluss geschuldet. Eigentlich war sein Deutsch exzellent. In seiner Familie und seiner Heimatstadt Breslau war häufig Deutsch gesprochen worden. Als er vor zehn Jahren zum Studium nach Berlin kam, perfektionierte er es, indem er zahllose Bücher las. Während das Lesen ihm bis heute große Freude bereitet, konnte er sich für das Sprechen nie so richtig begeistern. Im Gegenteil, sein aus Romanen und Dramen erworbener Wortschatz und Satzbau haben die Menschen in Berlin immer mehr irritiert, als dass sie ihm Vorteile verschafft hätten. Als er dann sein Talent als Kammerjäger entdeckte, wurde ihm schnell klar, wie außerordentlich dienlich es seinem Status und seinen Karrierechancen war, als geheimnisvolles osteuropäisches Ungezieferbekämpfungsgenie mit apartem Akzent und karger Syntax aufzutreten. Ein unsicherer Ex-Student, der sich mit perfektem Deutsch und gewählter Ausdrucksweise anzubiedern versuchte, hätte davon nur träumen können. Er sprach nur das Allernötigste, unbeholfen und gebrochen, zugleich aber würdevoll und mysteriös. Georg bewunderte seinen polnischen Kammerjägerlehrmeister dafür, wie er nach Belieben zwischen den Sprachcodes hin- und herzuschalten vermochte. Wenn sie zu zweit im Wagen oder im Büro saßen, redete Toni normal und fließend. Nur im Kundengespräch nutzte er seine osteuropäische Kunstsprache mitsamt dem binären Gut-Nicht-gut-System, ergänzt durch das raffinierte «Ist egal».

Lucys Mutter hatte sich mittlerweile wieder gefangen. Weniger wütend war sie deshalb aber noch lange nicht. Nachdem sie ihre Tochter hoch in die Wohnung geschickt hatte, fuhr sie Toni an: «Die Ratte ist vergiftet worden? Was wollen Sie eigentlich damit sagen? Heißt das, irgendjemand hat in unserem Innenhof einfach mal Gift ausgelegt?»

Georg versuchte, sie zu beruhigen. «Das muss nicht hier im Hof gewesen sein. Das kann auch von einem Hof zwei, drei, vier, fünf Häuser weiter kommen. Wahrscheinlich haben die Ratten ein unterirdisches Tunnelsystem angelegt, das mehrere Höfe miteinander verbindet.»

«Unterirdisches Tunnelsystem? Na großartig! Und was macht das für einen Unterschied? Hier spielen überall Kinder. In allen Höfen! Da kann man doch nicht einfach ein paar Kilo Gift verteilen! Hallo? Geht’s noch?»

Die Frau hatte sich jetzt ordentlich in Rage geredet. Georg hätte ihr gern gesagt, wie unerhört attraktiv er sie in ihrer Wut fand. Die aufgerissenen Augen, die Zornesröte, dazu die roten gelockten Haare, der zierliche, aber vor Energie nur so strotzende Körper, das gefiel ihm schon sehr. Dennoch entschied er sich für eine professionelle Antwort. «Die Leute sind verunsichert. Die vielen Ratten in diesem Jahr, an allen Ecken kommen sie an die Oberfläche. Da bleibt es nicht aus, dass der ein oder andere in Panik gerät und unüberlegte, dumme Sachen macht.»

«Ja, aber das kann es ja wohl nicht sein: in der ganzen Stadt Gift auszukippen!»

Nun mischte sich auch Toni ein. «Natürlich nicht. Wenn hier jeder Amateur verstreut Gift, wie und wo er will, ist nicht gut.»

Lucys Mutter riss theatralisch die Hände in die Luft und ließ sie dann auf ihre Oberschenkel klatschen. Zu Georgs Freude schienen nun auch ihre Ohren vor Wut zu glühen.

«Natürlich», sie blies Toni die Worte ins Gesicht, «natürlich ist das nicht gut für Sie, wenn hier Amateure Gift streuen! Schließlich wollen Sie das ja tun! Sie, die Profis! Und sich das teuer bezahlen lassen!»

Toni schaute sie ernst an. «Wir tun, was wir tun müssen. Seriös. Professionell. Verantwortungsbewusst. Steht so auch auf Homepage: www.die-anderen-haustiere.de. Bezahlen muss sowieso Hausverwaltung. Dürfen die gar nicht ablehnen. Aber wenn Sie nicht wollen Gift, wir können die Ratten auch bekämpfen biologisch, ganz natürlich, ist gut.»

«Was?» Man konnte die Verblüffung seiner Kontrahentin nicht überhören. Damit hatte Toni sie offensichtlich aus dem Tritt gebracht. «Ganz natürlich? Ich meine, biologisch? Das können Sie wirklich? Ohne Gift?»

«Ja, ist zwar etwas teurer, aber ist möglich. Ganz biologisch, ohne Gift. Ist egal.»

«Ach so», die Stimme von Lucys Mutter beruhigte sich, die Gesichtsmuskeln steuerten fast schon auf ein Lächeln zu, «entschuldigen Sie, das wusste ich nicht. Und das funktioniert bestimmt? Also, die Ratten werden sicher verschwinden?»

«Garantiert. Ist gut, bisschen teurer, aber gut.»

«Ach, ich denke, das wird die Verwaltung schon zahlen, bei den ganzen Kindern hier. Das müssen die doch auch einsehen. Wie genau funktioniert diese biologische Bekämpfung denn?»

Tonis Miene wurde noch ernster. «Mit Schlangen.»

«Was?»

«Schlangen. Wir setzen hier fünfzehn bis zwanzig Schlangen aus, die fressen Ratten. Dann ist gut.»

«Ach. Und was wird dann mit den Schlangen?»

«Krokodile. Beste biologische Bekämpfung von Schlangen sind Krokodile, aber dafür müssten wir dann hier in den Hinterhöfen anlegen Sumpf. Würde vermutlich teuer. Muss man sehen, was sagt Hausverwaltung. Ist egal.»

Mit Freude registrierte Georg, wie die Zornesröte ins Gesicht von Lucys Mutter zurückkehrte. Eigentlich hatte er diese Aushilfsstelle als Kammerjäger ja angenommen, weil ihm vor Jahren mal irgendjemand erzählt hatte, was für gute Karten Kammerjäger bei Frauen hätten. Die Frauen seien aufgewühlt wegen der Gefahr durch Ratten, Insekten oder sonstiges Ungeziefer, und der Kammerjäger erschiene ihnen wie eine Art Held oder Retter. Die Mischung aus emotionaler Ausnahmesituation, Dankbarkeit und Bewunderung gäbe den Frauen nicht selten etwas Flatterhaftes, sodass für einen erfahrenen Kammerjäger, Interesse vorausgesetzt, alles Weitere also mehr oder weniger Routine sei … Lauter so Zeug war in seinem Kopf gewesen, aber die bisherigen sechs Monate in diesem Beruf hatten Georg dann doch gelehrt, dass die erotische Anziehungskraft von Kammerjägern wohl nicht mehr als ein moderner oder uralter Mythos war.

Der Beruf des Kammerjägers schien ohnehin voller Mythen und Geheimnisse zu stecken. Max, einer der beiden Söhne des Alten, hatte ihn in diese Geheimnisse eingeführt. Georg hatte nicht schlecht gestaunt, als ihm der Juniorchef höchstpersönlich mitteilte, sie würden jetzt als Erstes losziehen und vernünftige Arbeitskleidung besorgen. Denn das sei mit das Wichtigste. Noch mehr wunderte er sich, als sie dann nicht zu irgendeinem Kammerjägerausstattungs-Spezialgeschäft fuhren oder wenigstens zu John Glet, der ersten Adresse für Arbeitskleidung in Berlin, sondern zu Peek & Cloppenburg am Tauentzien, um ihm dort drei elegante, aber unauffällige Anzüge in Dunkelgrau, Hellgrau und Blaugrau zu kaufen. Dazu eine Reihe Businesshemden, die man im Sommer ruhig einmal ohne Jackett tragen konnte. An diesem Tag lernte Georg, dass die wichtigste Eigenschaft eines Kammerjägers Unauffälligkeit ist. Niemand möchte, dass alle Nachbarn es mitbekommen, wenn ein Kammerjägerfahrzeug vor der Tür steht. Daher waren sämtliche Dienstfahrzeuge auch unauffällige Mittelklassewagen ohne jeden Hinweis auf die Firma.

«Gut zehn Millionen Ratten gibt es im Großraum Berlin», hatte der Juniorchef ihm erklärt. «Dazu noch jede Menge andere Nager, die zum Teil mit den Wanderratten, der einzigen echten Rattenart, die in der Stadt vorkommt, verwechselt werden. Wegen Insekten, Ungeziefer oder Schädlingen werden wir natürlich auch gerufen. Ein gigantischer Markt, auf dem sich mehr als sechzig Firmen tummeln, die tagtäglich rund um die Uhr im Einsatz sind. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie trotzdem niemals ein Kammerjägerfahrzeug in der Stadt sehen? Alles andere – Feuerwehr, Krankenwagen, Klempner, Elektriker, Baufirmen – sieht man. Aber Kammerjäger nie. Und warum? Weil sie unsichtbar bleiben wollen. Niemand möchte sie vor dem Haus stehen haben. Deshalb darf nichts, weder das Fahrzeug noch die Kleidung, noch die Ausrüstung, den Kammerjäger verraten. Manchmal, wenn in amerikanischen Filmen Kammerjäger, oft Ex-Militärs mit sadistischer Lust am Töten, Geländefahrzeuge mit großen Leuchtkakerlaken obendrauf haben oder Kanister voller Gift, das sie mit Pump-Guns versprühen, könnte ich mich bekleckern vor Lachen. Nichts könnte weiter weg von der Wirklichkeit sein. Mein Vater», hatte der Juniorchef seine Einführung damals beendet, «mein Vater sagte immer: Ein guter Kammerjäger kommt immer wie ein Pornoheft, also im neutralen Schutzumschlag.» Dann hatte er gelacht, bevor er Georg noch zweifelhafte Komplimente machte. Georg sei perfekt geeignet für den Kammerjägerberuf, weil er schon von Natur aus so unauffällig sei, mittelgroß, mittelschwer, mittelalt, mittelsportlich, das Haar mittelblond und mittelschütter.

Toni, der mit Georgs fachlicher Ausbildung beauftragt wurde, erzählte ihm später, dass der Alte früher immer behauptet hatte, sie seien die eigentlichen «Men in Black». Die große, unsichtbare Geheimorganisation – das seien die Kammerjäger, genau genommen die «Men in Grey», und der ganze Film eine Parabel über sie. Es gehe da, so der Alte, überhaupt nicht um eine geheime Behörde, die außerirdische Aktivitäten auf der Erde kontrolliere, sondern einfach nur um ihren Kammerjägeralltag. Aber den Film von echten Kammerjägern handeln zu lassen, sei politisch-gesellschaftlich schlicht zu brisant gewesen. Eine Einschätzung, die Georg, nachdem er sich «Men in Black» daraufhin noch einmal angesehen hatte, gar nicht so abwegig fand.

Nun jedoch verspürte er ganz andere Gefühle, eben Frau Kreutzer, Lucys Mutter, betreffend, die ihn auf beinah animalische Weise anzog. Wie sie wieder die Hände hochriss und auf die Oberschenkel klatschen ließ! Fast, als versuche sie zu fliegen, doch sie hob nicht ab, sondern stampfte, bebend vor Zorn, mit ihren Flipflops durch den Innenhof, stieß dazu unverständliche Wort- und Satzfetzen aus, wie: «Ohhrr! Nääähhh! Glaubsjanich! Weheeinerlacht! Näärrhh!», bis sie plötzlich im Erdboden versank. Ein letzter, ungewöhnlich lauter Schrei, dann war Stille.

Toni, der das Schauspiel ungerührt verfolgt hatte, fand als Erster seine Sprache wieder. Betont sachlich wandte er sich an Georg: «Frau Kreutzer hat entdeckt Tunnelsystem von Ratten. Spart uns Arbeit, ist gut. Aber jetzt Ratten sind gewarnt. Ist egal.»

Die Entdeckerin des Tunnelsystems fand ihre Lage allerdings alles andere als gut. Bis zur Hüfte steckte sie im Boden, zappelte und schimpfte und versuchte, so schnell wie möglich aus dem Rattentunnel herauszukommen. Georg begriff, wie günstig die Gelegenheit war, unauffällig Körperkontakt herzustellen und ein paar Heldenpunkte zu sammeln, rannte zu der erregten Frau und zog sie aus dem Rattenloch. Nur ihre Flipflops blieben im Erdreich gefangen.

Lucy, die alles aus der Wohnung im zweiten Stock verfolgt hatte, riss das Fenster auf und brüllte nach ihrer Mutter. Diese wiederum sprach hektisch, aber auch viel leiser, als Georg erwartet hatte: «Da war was da unten. Irgendwas war da. Ich hab’s genau gespürt, da war was an meinem Fuß. Da war was!»

Dann schrie sie zu ihrer Tochter hinauf, sie solle aufhören zu schreien. Woraufhin die Tochter schrie, sie schreie gar nicht, die Mutter schreie und solle mal damit aufhören, was wiederum die Mutter veranlasste, der Tochter zuzuschreien, sie, die Tochter, würde sehr wohl schreien, was diese natürlich schreiend bestritt.

Toni verfolgte interessiert dieses wie geprobt wirkende Zwiegespräch und überlegte, ob er nicht auch eine Familie gründen solle, bis ihn Georg, der nach den Flipflops grub, zu sich herüberwinkte.

«Schau dir das hier mal an. Da ist tatsächlich was.»

Beim Näherkommen roch Toni, dass es etwas sehr viel Größeres als eine verwesende Ratte sein musste. Ein Flipflop steckte in einem blauen Müllbeutel, den Frau Kreutzer mit ihrem Gestrampel aufgerissen hatte. Georg öffnete den Müllbeutel noch weiter. Was Toni wegen des Geruchs schon vermutet hatte, wurde nun zur Gewissheit. Kurz und präzise fasste er die Situation zusammen: «Nicht gut.»

Es standen bereits reichlich Polizeiwagen vor dem Haus, als Hauptkommissar Carsten Lanner in der Tempelherrenstraße in Kreuzberg eintraf. Hier war es immer schwer, einen Parkplatz zu bekommen, aber jetzt war selbst der Bürgersteig vollgeparkt. Lanner stellte den Wagen am Landwehrkanal ab und lief einige hundert Meter zurück. Auf die zwei Minuten kam es auch nicht mehr an. Außerdem taten ihm die paar Schritte sicher gut. Er hatte wieder ein wenig zugenommen, sodass sein natürliches Hosenbundwohlfühlgefühl nun genau in der Mitte zweier Gürtellöcher lag und er sich jeden Morgen zwischen bequem und ambitioniert entscheiden musste. Wenn er nur noch das bequeme Gürtelloch benutzte, würden Maßnahmen erforderlich werden. Lebensqualität verringernde Maßnahmen, denn dieses Gürtelloch markierte die Grenze zwischen sportlich und vollschlank. Und er hoffte sehr, noch eine Weile sportlich auszusehen, ohne dafür Sport treiben zu müssen.

«Na, guck mal einer an! Unser Dorfsheriff ist ja auch schon da.»

Der kleine dreieckige Mann mit dem großen roten, kurzgeschorenen runden Kopf gackerte vor sich hin. Lanner stöhnte leise. Manfred Kolbe von der Spurensicherung erwartete ihn bereits vor dem Haus. Wenn er denn irgendeine Art von Autorität besessen hätte, Kolbe hätte sie mit Freude untergraben.

«Was hat denn wieder so lange gedauert? Kühe auf der Straße?»

«Nein, Ochsen! Also, genau genommen nur einer, und der versperrt mir erst jetzt den Weg.»

Kolbe brauchte ungefähr eine halbe Sekunde, dann sprang er richtig an. «Boaaarrhh, der war gut. Aber richtig gut. Ich hab’s ja immer gesagt. Aus dem Dorfsheriff wird noch was. Hab ich immer gesagt. Manch anderer meinte, der packt das nicht. Also Berlin, das packt der nicht. Ich nenne keine Namen, aber da sind schon einige, die das denken. Doch ich hab immer gesagt, lasst den mal, der hat’s faustdick hinter den Ohren, der Dorfsheriff. Das hab ich gesagt.»

Es war ein drolliges Bild. Der kleine, dicke Berliner Brummkreisel Kolbe führte den gut einen Meter achtzig großen, in dieser Minute eher vollschlanken, mittelgescheitelten, braunhaarigen Lanner durch das Vorderhaus in den Innenhof. Wie ein stolzes Kind, das etwas zeigen möchte.

Lanner wirkte angestrengt. Wie immer, wenn er mit Kolbe oder einem anderen altgedienten Berliner Kollegen zu tun hatte. Wenn er ehrlich war, dachte er manchmal sogar selbst, er packe das nicht. Also, dieses ganze Berlin. Dabei war es genau das, was er immer gewollt hatte. Unbedingt. Zur Kripo, in die Mordkommission einer großen Stadt. Wie im «Tatort». Nur deshalb war er doch Polizist geworden. Und wie hart hatte er dafür gearbeitet. Der Riesenfall in seinem niedersächsischen Heimatdorf, den er im Alleingang gelöst hatte. Er wurde befördert und versetzt. Schon Hannover oder Bremen wäre ein Schritt gewesen, aber Berlin, das war der Hauptgewinn. Die Erfüllung seiner Träume. Mit Mitte dreißig Hauptkommissar, und das nicht irgendwo, sondern in der Hauptstadt. Wenn sie ihn jetzt sehen könnten in seiner alten Schule, da würde keiner mehr lachen. Doch ihn konnte ja leider keiner sehen. Obwohl er dafür immerhin auch keinen von den anderen sehen musste.

So richtig rund lief es allerdings nicht. Er hätte schon am ersten Tag misstrauisch werden können, als er in Berlin ankam, im Ostteil der Stadt am alten Mauerstreifen entlangfuhr und plötzlich ein großes Transparent sah: «Wen Gott bestrafen will, dem erfüllt er seine Wünsche.» Von da an kam ihm fast alles quer.

Die neuen Kollegen nahmen ihn einfach nicht für voll. Sie hatten schon das gesamte Arsenal der Neulingsverarsche auf ihn abgefeuert, glaubte er, und doch fiel ihnen jeden zweiten Tag noch was Neues ein. Das Getuschel hinter seinem Rücken, wenn er, das unerfahrene Huhn vom Lande, etwas sagte, der dämliche Spitzname Dorfsheriff, den er sich auch noch selbst eingebrockt hatte, weil er meinte, es sei witzig, sich mit dem Satz vorzustellen: «Berlin, aufgepasst, der neue Dorfsheriff ist da!» Es gibt Sätze, bei denen weiß man schon, bevor man sie zu Ende gesprochen hat: Es war ein Fehler, sie überhaupt anzufangen. Dazu die Schikane mit dem Dienstwagen. Er hielt es zumindest für reine Schikane, dass er immer noch mit einem alten grün-weißen Streifenwagen durch Berlin fahren musste. Verdammt, er war Hauptkommissar der Kriminalpolizei. Er hatte Anspruch auf einen richtigen Dienstwagen, einen zivilen, mit Navi. Vor allem mit Navi! Es ist so demütigend, mit einem alten grün-weißen Streifenwagen nach dem Weg fragen zu müssen. Gerade in Berlin. Denn die Berliner finden es quasi konkurrenzlos witzig, einen Polizisten, der sich in ihrer Stadt offensichtlich nicht auskennt und vielleicht auch einen leicht norddeutschen Dialekt spricht, mal richtig in die Walachei fahren zu lassen. Deshalb war er wieder so spät dran. Weil die Berliner, die er nach dem Weg gefragt hatte, ihn ein bisschen die große, fremde Stadt angucken schickten. Vermutlich hatten sie ihre Freude.

 

Im Innenhof war nur noch ein Beamter, der mit zwei Männern sprach. Lanner schaute Kolbe überrascht an. «Wo sind denn Ihre ganzen Leute?»

«Wir sind hier erst mal fertig. Die Leiche oder das, was davon noch übrig ist, haben wir in dem Plastikbeutel beisammen, und der Rest ist abgesperrt. Es läuft uns nichts weg.»

Der junge Hauptkommissar atmete tief durch. Im Grunde seines Herzens war Kolbe wahrscheinlich nicht mal verkehrt, aber es war auch klar, dass es auf ewig so weitergehen würde, wenn sich Lanner jetzt nicht endlich Respekt verschaffte. Wie eine Espressomaschine, die kontrolliert Dampf ablässt, zischte er: «Jetzt hören Sie mir mal gut zu. Das ist mein Fall. Ich leite die Ermittlungen, und hier hat niemand ‹erst mal fertig› zu sein, bevor nicht der leitende Hauptkommissar den Fundort gesehen hat. Ist das klar?»

Kolbe versuchte ein Lächeln. «Na ja, ich dachte …»

Jetzt kam der Dampf stoßweise aus Lanner: «Sie sollen nicht denken. Sie sollen Spuren sichern. Und wenn Sie etwas herausfinden, dann sollen Sie mir das mitteilen. Ganz einfach. Und ich gebe Ihnen noch eine ganz einfache Anweisung: Ich will bis spätestens morgen früh wissen, wer der Tote ist und woran er gestorben ist. Würden Sie sich bitte allein darauf konzentrieren, denn das, und nur das, ist Ihre Aufgabe, Herr Kolbe!»

Das hatte gesessen. Lanner konnte förmlich hören, wie es in Kolbes rundem Kopf rumpelte und arbeitete. Im Tonfall eines ertappten Kindes murmelte er: «Entschuldigen Sie, Herr Lanner, ich wollte nicht vorgreifen. Wissen Sie, ich bin manchmal wohl allzu zupackend. Überfalle die Leute, sagt meine Frau. Wie ’ne Dampfwalze, sagt sie, aber ich mein das nicht so. Kommt nicht wieder vor.»

Lanner nickte. Er fühlte sich schlecht. Sein Auftritt war großkotzig und theatralisch gewesen. Das wusste er, und er schämte sich deswegen, aber immerhin hatte es seinen Zweck erfüllt. In ein paar Wochen würde er sich vielleicht bei Kolbe entschuldigen, wahrscheinlich würden sie dann über die ganze Geschichte lachen.

«Herr Lanner?»

Kolbe wollte offensichtlich noch etwas loswerden, und Lanner bemühte sich wieder um einen normalen Ton. «Gibt’s noch was?»

«Na ja», Kolbe suchte offenkundig nach den passenden Worten, «wegen der Sache mit der Identität …»

«Ich weiß», Lanner hatte sich jetzt wieder gefangen, «das ist bei einer monate- oder gar jahrealten Leiche sicher nicht ganz einfach. Sie müssen deshalb natürlich nicht die Nacht durcharbeiten. Geben Sie mir einfach so schnell wie möglich Bescheid.»

Kolbe schien erleichtert. «Oh, vielen Dank, da bin ich froh. Meine Frau hätte sich nämlich gar nicht gefreut, wenn ich die Nacht im Labor hätte zubringen müssen, wo sie doch heute ins Kino will und ich …»

«Schon gut.» Lanner drehte sich um und machte sich auf den Weg zu dem Beamten, der mit den beiden Männern sprach.

«Herr Lanner?» Kolbe war ihm hinterhergeschlichen.

«Was denn jetzt noch?»

«Na ja, nur weil Sie meinten, so schnell wie möglich Bescheid. Ich wollte Ihnen noch sagen, der Tote heißt Ansgar Kaminski, hatte hier im Haus im zweiten Stock eine Zweieinhalbzimmerwohnung und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit durch einen harten Schlag auf den Kopf gestorben.»

Kolbe grinste. Lanner nicht. «Wie haben Sie das so schnell herausgefunden? Hat jemand im Haus den Toten erkannt?»

«Nee, da gibt es nix mehr zu erkennen.» Kolbe hatte sichtlich Spaß. Es sah aus, als hüpfe er bei jedem Satz. «Nur am Schädel kann man sehen, dass der aber so richtig eine verpasst gekriegt hat. Aber so richtig.»

Lanner versuchte, Kolbes Triumphzug zu stoppen, irgendwie zu punkten. «Verstehe, Sie sind die Vermisstenmeldungen durchgegangen. Kaminski wurde hier im Haus vermisst, und Sie haben eins und eins zusammengezählt. Gar nicht dumm. Kompliment.»

«Nee, der war auch nicht vermisst gemeldet. Die Leute im Haus haben schon gesagt, dass die den bestimmt ein halbes Jahr nicht mehr gesehen haben. Ist ihnen aber erst jetzt aufgefallen, wo sie mitgekriegt haben, dass der die ganze Zeit tot im Garten lag.»

Die Fröhlichkeit in Kolbes Stimme ließ Lanner aufgeben. Instinktiv wusste er, dass er verloren hatte. Er hatte von Anfang an verloren. Resigniert gab er dem Spurensicherer die gewünschte Vorlage: «Also gut, wie haben Sie dann so schnell die Identität des Toten herausbekommen?»

Kolbe hielt kurz inne, und er genoss es, kurz innezuhalten, bevor er endlich sagen konnte, was schon seit der Geschichte mit dem Ochsen in ihm schlummerte. «Wissen Sie, Herr Hauptkommissar Lanner, hier in der Stadt haben wir doch noch etwas andere Möglichkeiten als auf dem Land. Das mag alles ein wenig verwirrend für Sie sein, aber Sie werden sich schon daran gewöhnen. Sie sollen ja ein besonders guter Polizist sein.»

«Wie haben Sie es so schnell rausgefunden?», zischte Lanner.

«Durch die Zähne natürlich.»

Lanner verdrehte die Augen. «Quatsch, so etwas dauert Tage.»

Kolbe hob einen Finger und ließ ihn dann verneinend hin- und herwackeln. «Früher vielleicht oder in Niedersachsen. Aber hier haben wir einfach sein Gebiss eingescannt …»

«Sie haben einen Kieferscanner in Ihrer Ausrüstung?»

«Hatten wir mal. Ist aber viel zu kompliziert und aufwendig. Mittlerweile machen wir das einfach mit dem iPhone. Da gibt es sehr gute Kieferorthopädie-Apps. Viel besser würde ein Zahnarzt das in seiner Praxis auch nicht hinkriegen. Das Gute am Smartphone-Scan ist aber vor allem die Geschwindigkeit. Die Daten gehen sofort an alle Berliner Zahnarztpraxen, damit die sie mit ihren Patientendaten vergleichen können. Und da unser Herr Kaminski natürlich in Berlin zum Zahnarzt gegangen ist, hatten wir nach nicht einmal zehn Minuten eine SMS mit seiner Identität und Adresse. Ich hab mir dann vom Präsidium die Erlaubnis geben lassen, mein Team gleich weiter in die Wohnung zu schicken. Ich weiß, das war nicht richtig, ich hätte Sie fragen müssen, aber Sie waren ja noch unterwegs. Sie werden sicher gute Gründe gehabt haben, so lange für den kurzen Weg hierher zu brauchen. Das geht mich auch nichts an. Aber wissen Sie, hier in Berlin geht alles viel hektischer zu. Wir haben leider nicht so viel Zeit wie auf dem Land. Die Verbrecher sind hier auch viel schneller, da muss man irgendwie mithalten.»

Kolbe strahlte, und Lanner starrte in die leere Grube, wo mal die Leiche gelegen hatte.

«Herr Lanner?»

«Was?»

Wenn es so etwas wie vollkommenes Glück überhaupt geben kann, dann war es wohl das, was Kolbe jetzt durch die Augen tanzte. «Ich wollte fragen, ob ich mich dann wieder in die Wohnung begeben darf. Ich meine, da wären noch einige Spuren zu sichern, und das, und nur das, ist ja meine Aufgabe.»

Lanner fühlte sich unendlich müde. «Herr Kolbe, kann ich davon ausgehen, dass Sie diese Geschichte im Laufe der nächsten drei bis vier Wochen jedem einzelnen Polizisten zwischen Salzwedel und Schwedt erzählen werden?»

Jetzt wäre Kolbe um ein Haar geplatzt, aber es gelang ihm gerade noch so, wegzuhüpfen. Dabei sang er fröhlich vor sich hin: «Ich freu mich so! Ich freu mich so!»

Lanner atmete durch und versuchte, das Gespräch gleich wieder zu vergessen. Er ging in die andere Ecke des Hofs, zu dem Beamten mit den zwei Männern. Der junge Wachtmeister freute sich, ihn zu sehen. «Ah, Sie sind Kommissar Lanner, nehme ich an. Ich bin Wachtmeister Schürrmann.»

«Angenehm», murmelte Lanner und stellte erfreut fest, dass er nicht mal gelogen hatte.

«Das hier sind die Kammerjäger, die die Leiche im Prinzip gefunden haben. Herr Karhan und Herr Wolters.»

Carsten Lanner und Georg Wolters starrten sich an. Fast reflexartig überlegten beide, ob sie sich jetzt prügeln sollten, dann jedoch lächelten sie verlegen, und Lanner rief hilflos aus: «Na, wenn das nicht der Georg Wolters ist!»

Georg hätte gern etwas Schlagfertiges geantwortet, sagte aber stattdessen: «Carsten, der Lannerweiler, ich fass es nicht.»

Dann standen beide da und schwiegen. Wachtmeister Schürrmann hielt es als Erster nicht mehr aus. «Also, wenn Sie mich benötigen, ich bin dann im Prinzip unten im Vorderhaus, den Zugang absichern.» Zügig, fast flüchtend, verließ er den Garten.

Toni setzte sich auf die Hollywoodschaukel. «Georg, rede du ruhig mit Kommissar, ist gut.»

Lanner lächelte. «Georg Wolters, wie lang ist das her? Fünfzehn Jahre?»

Georg löste sich jetzt auch. «Mindestens. Mann, du hast ja richtig Karriere gemacht. Kommissar in Berlin. Nicht schlecht, Herr Specht.»

«Ja, läuft nicht schlecht, ich kann nicht klagen.» Lanner griff sich lässig ans Kinn. «War ja zuerst bei der Polizei in Cloppenburg, aber dann, wie das so geht, Beförderung, Versetzung, und auf einmal biste Hauptkommissar in Berlin.»

Na klar, dachte Georg, wie das so geht, der alte Streber Lanner. Als wenn der einfach so auf seine Beförderung gewartet hätte. «Na ja, ich denk mal, Hauptkommissar in Berlin wird aber doch nu bestimmt nicht jeder. Und erst recht nicht jeder Polizist aus Cloppenburg.»

Lanner schaute verlegen zu Boden. «Ja klar, stimmt, bisschen Leistung musste auch bringen. Die brauchten hier halt einen, verstehste? Und du? Wie läuft’s denn bei dir so? Du bist doch schon länger in Berlin, oder?»

«Sofort nach der Schule bin ich hierher. Nö, bei mir läuft es eigentlich auch ganz gut.» Georg war klar, dass er, der ungelernte Hilfskammerjäger, auf den ersten Blick womöglich gar nicht so den Eindruck machte, als liefe es ganz gut. Er wusste aber auch nicht, was er sonst sagen sollte. «Weißte, dieser ganze verkopfte Kram mit Studium und so. Ich hatte irgendwann das Gefühl, das bin nicht wirklich ich. Damit bewirke ich doch nichts. Ich wollte etwas Richtiges, etwas Sinnvolles tun.»

Lanner nickte verständnisvoll. «Du meinst, so etwas wie Tiere vergiften?»

Georg zuckte kurz, egal, da musste er durch. «Klar, Tiere vergiften, das klingt jetzt erst mal nicht so wahnsinnig konstruktiv. Aber nur auf den ersten Blick. Genau genommen sind wir so eine Art Gärtner, also Veterinärgärtner. Die Landschaftsgärtner beschneiden die Bäume und mähen das Gras, und wir mähen halt sozusagen den Tierbestand der Stadt. Wenn es uns nicht gäbe, würde hier alles wuchern. Die Stadt würde in einer Rattenflut versinken.»

Lanner zog die Augenbraue hoch. «Na, im Moment sieht es aber so aus, als würde die Stadt in einer Rattenflut versinken, obwohl es euch gibt.»

«Du meinst die Plage? Mach dir keine Sorgen. Es ist ganz normal, dass die Population im Herbst ansteigt, und dieses Mal ist es eben ein bisschen heftig, weil die im Sommer so gute Bedingungen, so viel Nahrung hatten. Dann vermehren die sich besonders stark. Aber wir kriegen das schon wieder unter Kontrolle.»

«Klar.» Lanner grinste. «Wenn du das sagst.»

Beinah verärgert bemerkte Lanner, wie sich eine wohlige Wärme einstellte. Georg Wolters, der blöde Arsch, eine der nervigsten, unerfreulichsten Figuren seiner ohnehin an deprimierenden Erinnerungen so reichen Schulzeit, stand vor ihm, und sein rätselhafter Körper verirrte sich in relative Glücksgefühle. Georg war für ihn wie ein Stück Heimat, etwas Vertrautes in dieser Riesenstadt. Jemand, der dieselbe Sprache zu sprechen schien. Wahrscheinlich immer noch ein Arsch, aber immerhin ein vertrauter Arsch, besser als nichts. Oder zumindest besser als die unberechenbaren Berliner Ärsche.

«Ist ja auch egal, Georg. Hauptsache, du fühlst dich wohl bei deiner Berufung. Und ihr habt die Leiche gefunden?»

«Genau genommen hat Frau Kreutzer ihn gefunden, den Herrn Kaminski. Ich finde es würdevoller, seinen Namen zu nennen, wo ihr schon das Glück hattet, den so schnell rauszufinden.»

Lanner räusperte sich. «Glück? Ich würde mal sagen, mit Glück hat das wenig zu tun. Das war astreine, hochmoderne Polizeiarbeit. Mit der Kieferorthopädie-App im iPhone, das geht dann direkt in die Zahnarztpraxen, und wenn der Tote Berliner ist, haben wir in Nullkommanix den Namen.»

Georg schaute ihn fragend an. «Eine Kieferorthopädie-App?»

Jetzt erwachte auch Toni in seiner Hollywoodschaukel. «Ist Blödsinn. Gibt keine solche App. Wüsste ich, wenn es gäbe. Gibt aber nicht. Ist Blödsinn.»

Georg nickte. «Also, wie ich das mitgekriegt habe, waren die so schnell, weil der alles bei sich hatte. Portemonnaie, Ausweis, Schlüssel. Sogar sein Handy. War alles im Müllsack. Deshalb wussten die sofort den Namen.»

Lanners Blick wurde leer. Gern hätte er etwas gesagt, aber eine kognitive Lähmung verhinderte jedwede Regung in Gesicht und Hirn.

Toni wertete die Fakten aus: «Wenn war Raubüberfall, Täter waren ganz schön schlampig.»

Lanner hörte ihn längst nicht mehr. Was er hingegen vernahm, war das plötzliche, laute, mehrstimmige Lachen in der Wohnung im zweiten Stock. Wahrscheinlich hatte Kolbe der versammelten Kollegenschar gerade mit viel Tamtam die komplette Geschichte erzählt. Es würde nicht das letzte Mal gewesen sein. Mehr noch: Wenn es überhaupt eine Sache auf der ganzen Welt gab, die amtlich sicher war, dann, dass dies für einige Jahre Kolbes Lieblingsanekdote werden würde.

Als Lanner zu Kaminskis Wohnung kam, fiel ihm gleich das rausgebohrte Sicherheitsschloss auf. Kolbe stand im Flur. Lanner beschloss, so zu tun, als habe es das unselige Gespräch im Hof nie gegeben, und deutete auf das Loch in der Tür: «Ich dachte, der Tote hätte alle Schlüssel bei sich gehabt?»

Der Spurensicherer begriff sofort, dass sich Lanner mittlerweile die echten Informationen besorgt hatte. Er nickte dem Hauptkommissar anerkennend zu, als habe der irgendeine schwierige Prüfung bestanden. «Der eine Schlüssel hat dann doch gefehlt. Warum auch immer. Weiß nicht, ob das was zu bedeuten hat.»

«Hm, muss ich mir das selbst notieren, oder schreiben Sie das ausnahmsweise mal in den Bericht?»

Kolbe wirkte beleidigt. «Natürlich steht das im Bericht. Die Späße sind eine Sache, das gehört dazu. Aber die eigentliche Arbeit kommt dabei niemals zu kurz. Die Berichte sind immer eins a und topkorrekt. Können Sie sich drauf verlassen. Wir sind schließlich Preußen hier.» Der kleine Mann schaute Lanner eindringlich an. Von dem Schalk, der sonst in seinem Blick irrlichterte, war nichts zu sehen. Vermutlich war dieses preußische Glaubensbekenntnis wirklich sein heiliger Ernst.

Ein Schnauzbart, dachte Lanner. Im Rheinland hätte so jemand einen Schnauzbart mit nach oben gezwirbelten Enden. Dazu vielleicht eine Fliege, und er würde mit derselben ironiefreien Ernsthaftigkeit über seine rheinische Natur sprechen. Deren Gefangener er ist, wenngleich er sich natürlich pudelwohl in dieser Gefangenschaft fühlt.

Kolbe führte ihn in das große Zimmer, wo noch zwei andere Spurensicherer beschäftigt waren. «Anhand des Staubs und der verdorrten Pflanzen können wir bereits sagen, dass seit knapp einem halben Jahr niemand mehr in der Wohnung war. Oder wenn, dann nur jemand, der Pflanzen hasst und keinen Staub aufwirbelt.»

Lanner schaute zu den beiden Beamten, die größere Papierstapel durchsahen. «Mir will nicht in den Kopf, wie einer einfach so verschwinden kann, ohne dass ihn irgendjemand vermisst.»

Kolbe zuckte die Schultern. «Wieso nicht? Würde Sie denn wer vermissen?»

«Also, ich denke, wenn ich nicht zur Arbeit erscheinen würde, würden die mich schon suchen.»

Kolbe lachte. «Na, da würde ich mich an Ihrer Stelle aber nicht drauf verlassen.»

Das Stöhnen des Kommissars war lautlos. Ein Stöhnen mit den Augen, aber es entging Kolbe nicht.

«Jetzt seien Sie doch nicht gleich wieder eingeschnappt. Sie müssen auch mal über sich selber lachen. Hier in Berlin lacht man viel über sich selber. Das gehört zu unsrem Savoir-vivre. Das befreit, tut gut. Wenn Sie nicht über sich lachen können, werden Sie mit dieser Stadt immer Probleme haben. Und Sie haben es ja auch noch besonders einfach, weil man über Sie so gut, so leicht und so viel lachen kann.» Wiehernd drehte er sich weg. «Außerdem geht’s mir doch nicht anders. Wenn bei mir das Gehalt weiter pünktlich käme, würde mich aus der Familie wahrscheinlich auch keiner suchen.» Er tippte einen der Beamten an. «Herr Liebig, erzählen Sie dem ernsten Herrn Hauptkommissar doch, was wir bislang haben.»

Liebig richtete sich auf und suchte in diversen Taschen nach seinen Notizen. Als er sie nicht sofort fand, fing er schon mal an zu reden. «Die Wohnung war ungewöhnlich aufgeräumt. Kein dreckiges Geschirr, keine Wäsche, nicht einmal rumliegende Zeitschriften. Ganz so, als hätte Kaminski verreisen wollen. Auch keine Kampfspuren, hier wurde er jedenfalls nicht umgebracht …» Liebig fingerte jetzt hektisch an seiner Kleidung rum.

«Ist das alles?» Kolbes Stimme war plötzlich ungewohnt scharf.

«Nein, natürlich nicht.» Liebig suchte gleichzeitig nach Worten und nach seinem Block. «Nur in einem der Schränke hier war Kleidung, alle anderen Schränke sind mit Papier vollgestopft. Haufenweise Ausdrucke, Manuskripte. Krimis, Liebesromane, Biographien vor allem. Aber eben nicht als Bücher, sondern nur auf DIN-A4-Blättern. Als hätte er sich all diese Bücher ausgeliehen und dann selbst noch mal abgetippt.» Liebig zog den Kittel aus, um seine Taschen besser abtasten zu können, wahrscheinlich zum zwanzigsten Mal.

Lanner wollte ihn erlösen. «Vielen Dank, das war ein guter Überblick.»

«Herr Liebig ist noch nicht fertig!» Es klang fast so, als würde Kolbe seinen Spurensicherer anbrüllen. Liebig hörte auf zu suchen und schaute ihn verzweifelt an. Kolbe bellte: «Private Dinge?»

«Ach ja, genau, das ist sehr ungewöhnlich.» Liebigs Stimme klang immer verzagter. «In der ganzen Wohnung gibt es so gut wie keine privaten Dinge. Keine Fotos, kein Schmuck, keine Erinnerungsstücke, nichts in der Art. Alles, was wir gefunden haben, war eine Liste mit zehn Telefonnummern.» Er stoppte und blickte fragend zu seinem Vorgesetzten.

Kolbe griff in seine Kitteltasche, holte einen Notizblock raus und warf ihn Liebig hin. Dann fiel er plötzlich wieder in seinen gewohnten, jovial-kumpelhaften Ton: «Merken Sie sich das, Liebig, die zweitwichtigste Regel für einen jungen Spurensicherer: Niemals den Notizblock offen liegenlassen, es könnte immer ein Arschlochvorgesetzter vorbeikommen, ihn einstecken und dann auf Ihre Kosten den dicken Larry machen.»

Liebig griff schnell nach seinem Block. «Kommt nicht wieder vor.»

Sein Chef grunzte zufrieden. «Ich weiß. Außerdem spricht für Sie, dass Sie die wichtigste Regel eingehalten haben.»

Der junge Spurensicherer rieb sich verlegen die Nase. Kolbe schaute zu Lanner rüber, der das Kunststück wiederholte, mit den Augen zu stöhnen. «Schon klar. Sie wollen jetzt wahrscheinlich, dass ich Sie frage, welches denn die wichtigste Regel für einen jungen Spurensicherer ist.»

Kolbe griente. «Vermutlich ist es genau diese schnelle Auffassungsgabe, die Ihnen den Ruf eingebracht hat, ein ganz hervorragender Kommissar zu sein. Also?»

Im Tonfall eines müden Kindes, das sich des lieben Friedens willen, aber ohne echte innere Einsicht entschuldigt, murmelte Lanner: «Und was ist die wichtigste Regel für junge Spurensicherer?»

Kolbe nahm Haltung an, als habe er ein bedeutendes Geheimnis zu lüften. «Den Clou, den absoluten Höhepunkt, immer dem Chef zu überlassen.»

Jetzt griff die Dramaturgie doch noch beim Kommissar. Ohne seine Neugier zu verbergen, fragte er: «Es gibt noch mehr? Also einen Clou bei dieser Geschichte? Hier in der Wohnung?»

«Allerdings.» Kolbe ging einen Schritt zum Fenster, um seinen Bauch in die Sonne zu drehen. «Wir haben noch etwas gefunden. Etwas, was in so einer Berliner Mietwohnung nun wirklich mehr als ungewöhnlich ist.»

«Nämlich?»

«Geld.»

«Geld?»

«Obwohl, das trifft es nicht mal genau.» Kolbe genoss es sichtlich, das ganze Ausmaß der Ungeheuerlichkeit zu umreißen. «Man muss sagen: viel Geld. Und zwar in bar. Jede Menge. Überall, in jeder Ecke. In Umschlägen, Tütchen, Dosen, manchmal auch lose. In der ganzen Wohnung ist Geld versteckt.» Plötzlich wirkte Kolbe wie jemand, der nach einem traumatischen Erlebnis dringend die polizeiliche psychologische Betreuung in Anspruch nehmen sollte. «Also, ich hab ja schon viel in Kreuzberger Wohnungen gesehen. Schlimme Sachen auch. Aber so was, darauf ist man echt nicht gefasst.»

Lanner blickte ihn mitfühlend an. «Wie viel ist es denn?»

Kolbe drehte sich um und brüllte: «Liebig! Wie ist der aktuelle Stand?»

«Also bis jetzt gute hundertsechzigtausend, alles in gebrauchten, mittelgroßen Scheinen. Tendenz steigend.»

Claire Matthes schnitt den Nusskuchen in sechs streichholzschachtelgroße Teile. Dann machte sie es mit dem Bienenstich und dem Apfelkuchen genauso. «Schauen Sie, Julia, wenn Sie jetzt die Stückchen schön auf einem Teller drapieren, dann werden Sie merken, wie zufrieden die Jungs sind.»

Julia Jäger, die junge Sekretärin, sah aufmerksam zu, und doch war ein leichter Widerwille zu spüren. «Ich weiß nicht. Als ich mich als Chefsekretärin beworben habe, hatte ich mir ein etwas anderes Aufgabenfeld vorgestellt als das Arrangieren von Kuchentellern.»

«Ach was, ich hab den beiden Jungs schon die Windeln gewechselt, kenne sie seit vierzig Jahren. Glauben Sie mir, was den Kuchen angeht, sind die wie ihr Vater.» Die kleine, mittlerweile vierundsechzig Jahre alte erste Chefsekretärin zog ihr apartes grünes Wollseidekostüm gerade und streckte den schlanken Körper. «Junge Frauen, die mehrere Sprachen sprechen, irrsinnig schnell mit dem Computer sind und verboten gut aussehen, finden Sie jede Woche, die lassen sich ohne weiteres austauschen. Aber eine Sekretärin, die weiß, wie er seinen Kuchen am liebsten isst, wird ein Chef irgendwann mehr lieben als jeden anderen Menschen auf der Welt. Also auf eine besondere Weise lieben. Nicht körperlich natürlich. Wenn eine Liebe körperlich wird, geht in der Regel der Respekt verloren. Insbesondere zwischen Chef und Sekretärin.»

Julia strich sich über ihre glatten, braunen, schulterlangen Haare. Bei diesen Worten huschte vor ihrem inneren Auge eine Zukunft vorbei, vor der sie sich stets gefürchtet hatte. Sie schwieg, um Claire Matthes nicht zu verletzen. Auch war sie froh, diese Stelle bekommen zu haben. Trotz ihrer fast dreißig Jahre hatte sie recht wenig Berufserfahrung, und außerdem war sie Mutter einer vierjährigen Tochter, eine Kombination, die es ihr auf dem Arbeitsmarkt nicht leichtmachte.

«Es ist im Prinzip ganz einfach», Frau Matthes war längst wieder mit dem Kuchen beschäftigt, «Sie müssen die Stücke nur in Form einer Schnecke legen. Von innen nach außen. Die Sorten immer abwechselnd.»

Direkt nachdem Julia den Innensenator zu den beiden Brüdern durchgestellt hatte, half sie Claire Matthes, den Kuchen herzurichten. Der würde nach dem Telefonat helfen, hatte sie gesagt. Seit Tagen ging das jetzt schon so. Zwei-, drei-, manchmal viermal am Tag rief der Innensenator an. Oder die Gesundheitssenatorin. Oder der Schulsenator. Oder der Polizeipräsident. Oder alle gleichzeitig. Natürlich ging es jedes Mal um die Rattenplage, die die Brüder einfach nicht in den Griff bekamen. Im Gegenteil, die Fälle von Rattenbefall mehrten sich rasant, von Tag zu Tag. Gut einen Monat nach dem Tod des Alten hatte es angefangen. Seitdem schien die Rattenpopulation in der Stadt förmlich zu explodieren. Es waren nur noch fünf Tage bis zur Senatswahl, und der Opposition war es gelungen, die Ratten zum Wahlkampfthema zu machen. Der Regierende Bürgermeister war dumm genug gewesen, den Berlinern in einer leicht melodramatisch-heroischen Rede sein Wort zu geben, er werde das Rattenproblem lösen. Schließlich sei das hier Berlin, hatte er gesagt, Berlin sei ganz andere Probleme gewohnt, wegen so ein paar Ratten wäre den Berlinern nicht bange. Er war sogar gelobt worden für seine selbstbewusste, mutige Rede. Jetzt allerdings, wo so ziemlich allen Berlinern doch angst und bange wurde, wuchs die Nervosität beim Bürgermeister und seinen Senatoren. Mehrfach täglich brüllten sie die Machallik-Brüder am Telefon an, und mittlerweile kamen sie auch schon mal persönlich vorbei, um Dampf abzulassen. Claire Matthes wusste, dass sich die Herren und Damen Senatoren das beim alten Machallik niemals getraut hätten. Vor dem hatten sie Respekt gehabt.

Die Geschichten vom alten Machallik kannte jeder. Mehr als einmal hatte er im Suff geprahlt, die Ratten würden ihn rächen, falls ihm etwas zustoße. Er war ein Unikum gewesen, ein Berliner Original. Laut, leutselig und ausgestattet mit einem durch nichts zu erschütternden Größenwahn. Kurz, er war wie die Stadt selbst.

Anfang der fünfziger Jahre hatte Machallik seine Kammerjägerfirma gegründet. Schnell stieg er zum größten und wichtigsten Schädlingsbekämpfer Berlins auf. Exzellente Kontakte zu Politik und Wirtschaft ließen ihn eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Stadt werden, auch wenn ihn kaum ein normaler Berliner kannte. Die Mächtigen liebten oder fürchteten ihn – oder beides. Jedenfalls begünstigten sie seinen Aufstieg. Es hieß, Erwin Machallik, der Kammerjäger, der Gott der Ratten, der König der wahren Berliner Unterwelt, würde alle, wirklich alle Geheimnisse der Stadt kennen. Womöglich war dieser Umstand auch sein Geschäftsmodell.

Seine Frau hingegen, die zwei Jahre vor dem alten Machallik gestorben war, hatte kurz vor ihrem Tod den beiden Söhnen mitgeteilt, ihr Vater sei weder ein Gott noch ein König, eigentlich nicht mal ein gerissener Geschäftsmann, sondern alles in allem einfach nur ein riesengroßes Arschloch. Dies sei die einzig wirklich sichere Erkenntnis, die sie nach über vierzig Jahren Ehe habe gewinnen können.

 

Als Julia Jäger den Kuchen in Helmut und Max Machalliks Büro brachte, saßen die beiden schweigend vor dem riesigen Fernseher. Der war noch vom alten Machallik, aber eigentlich war das gesamte Büro noch so, wie es der Firmengründer hinterlassen hatte. Das Chefbüro hatte keinen Schreibtisch. Wenn Erwin Machallik mal was zu unterzeichnen hatte, erledigte er dies am Schreibtisch der Sekretärin. In seinem Büro befanden sich nur ein Couchtisch, zwei Sofas, von denen eines zum Bett umgebaut werden konnte, fünf schwere Sessel, eine absurd große Bar mit Tresen aus rotem Buchenholz und ebendieser riesige Fernseher, der als einziger Einrichtungsgegenstand im Raum nicht aus schwarzem Leder oder holzvertäfelt war und fast irritierend modern wirkte. Das Ganze erinnerte mehr an einen Siebziger-Jahre-Partykeller als an die Chefetage eines führenden Berliner Unternehmens.

Die Brüder starrten auf den Fernsehschirm, obwohl der schwarz war. Wahrscheinlich hatten sie ihn ausgeschaltet oder die DVD gestoppt, als ihre Sekretärin klingelte. Sie musste tatsächlich klingeln. Denn wie jeder ordentliche Größenwahn beinhaltete auch der von Erwin Machallik eine respektable Portion Paranoia: Er hatte sein Büro nicht nur schalldicht und abhörsicher gemacht, sondern die Wände komplett aus verkleidetem Titanstahl anfertigen lassen, samt einer gewaltigen Sicherheitstür, die wie der Zugang zu einem Safe aussah. Es war praktisch ein Panic Room, und das, obwohl schon das gesamte Untergeschoss des großen Bürohauses in der Potsdamer Straße wie ein Luftschutzbunker gebaut und gesichert war. Eine Maßnahme, mit der Erwin Machallik wohl seine Kindheitstraumata aus dem Zweiten Weltkrieg, die Angst vor Luftangriffen und Überfällen, kompensieren wollte.

«Frau Matthes schickt mich mit dem Kuchen.»

Während Helmut Machallik weiter wie gebannt auf den dunklen Bildschirm starrte, lächelte Max der jungen Sekretärin zu. «Vielen Dank, Frau Jäger. Ich sehe, Frau Matthes hat Ihnen auch gesagt, wie Sie den Kuchen anordnen sollen.»

«Ja, das schien ihr sehr wichtig zu sein. Ich wollte ihr nicht widersprechen.»

Max Machallik nahm Frau Jäger das Tablett mit dem Kuchenteller und den beiden Tassen heißer Schokolade ab. «Frau Matthes kennt uns schon, seit wir kleine Jungs waren. Es fällt ihr wohl immer noch schwer, zu akzeptieren, dass wir erwachsen sind, ja nicht einmal mehr so richtig jung. Aber wir hängen an ihr, und sie meint es gut. Tatsächlich freue ich mich jedes Mal, wenn die Kuchenteile wie eine Schnecke angeordnet sind. Und mein Bruder auch.»

Helmut machte ein Geräusch. Ob dieses allerdings eher bestätigender oder ablehnender Natur war, vermochte die junge Sekretärin nicht zu entschlüsseln.

Es war die Idee des Vaters gewesen, Helmut und Max nach den beiden Torschützen des Wunders von Bern zu nennen, was viele Jahre später die Mutter zu der Bemerkung verleitete, das Aussuchen der Namen sei der einzige Moment seines Lebens gewesen, in dem Erwin Machallik über seine Söhne nachgedacht, ja sich überhaupt für sie interessiert hätte.

Nachdem er seinem Bruder den Kuchenteller gereicht hatte, wandte sich Max Machallik wieder Frau Jäger zu. «Sie müssen verstehen. Wir schätzen und respektieren Frau Matthes wirklich sehr. Sie ist schon länger in der Firma, als wir auf der Welt sind. Wir könnten es niemals übers Herz bringen, sie nach Hause, also in Rente zu schicken. Aber mit den heutigen vielfältigen Aufgaben einer Sekretärin ist sie natürlich vollkommen überfordert. Deshalb sind Sie nun da. Ich hoffe, es stört Sie nicht, sich die Chefsekretärinnenstelle mit Frau Matthes zu teilen. Also zumindest pro forma.»

Julia Jäger wusste, dass schon mehrere Versuche unternommen worden waren, Frau Matthes eine junge Sekretärin an die Seite zu stellen. Bislang hatte keine von ihnen länger als vier Wochen durchgehalten. Außerdem war ihr völlig klar, dass es qualifiziertere und erfahrenere Bewerberinnen gab. Warum Frau Matthes ausgerechnet sie ausgesucht hatte, war ihr nach wie vor ein Rätsel. Möglicherweise war es sogar alles andere als ein Kompliment, von Frau Matthes ausgewählt worden zu sein.

Als sie Helmut Machallik die Trinkschokolade neben den Kuchenteller stellte, gab er erneut ein Geräusch von sich, und obwohl dieses Geräusch bei weitem nicht die phonetischen Mindestanforderungen für ein Wort oder gar einen Satz erfüllte, spürte sie doch deutlich, dass es bereits viel freundlicher, beinah warmherzig klang. Auch Max Machallik hatte das bemerkt und wirkte ein wenig erleichtert. «Wir freuen uns jedenfalls beide sehr, dass Sie hier sind, und sind guter Hoffnung, dass Sie es auch lange bleiben.»

Die junge Sekretärin lächelte dem etwas fülligen Max Machallik und seinem richtig dicken Bruder zu. Dann bedankte sie sich und verließ den Raum. Nachdem die schwere Stahltür ins Schloss gefallen war, stöhnte Helmut Machallik verächtlich auf: «Flirtest du etwa mit der Kleinen?»

Max versuchte, souverän zu reagieren, konnte aber nicht verhindern, dass die Röte auf seinen Wangen bis zur Halbglatze hochkroch. «Ich wollte nur nett sein, und dir würde ein bisschen mehr Freundlichkeit auch nicht schaden. Wir suchen jetzt schon lang genug eine neue Sekretärin, weiß Gott, und die Frau Jäger scheint wirklich patent zu sein.»

«Na ja, zumindest macht sie guten Kakao und Kuchen.» Helmut kicherte, verschluckte sich und hustete ein paar Kuchenkrümel auf sein Hemd. Ärgerlich wischte er sie weg und rieb sich dabei einige Flecken ein.

«Ist ja auch egal», sagte Max und ließ sich zurück in den Sessel fallen. «Lass uns jetzt den Rest der Aufnahme angucken.»

Helmut stieß die Fernbedienung angewidert von der Lehne. «Wozu denn? Als wenn wir die verdammte Aufnahme nicht schon hundertmal gesehen hätten. Ich habe keine Lust mehr auf diesen Mist!»

«Du weißt genau, es ist vielleicht unsere einzige Chance. Irgendwo könnte Vater einen Hinweis versteckt haben.»

«Die Aufnahme ist nur der endgültige Beweis, dass Mama recht hatte. Papa war ein Riesenarschloch und außerdem nicht ganz dicht.»

Max guckte in seinen Kakao. Sein Bruder lag nicht ganz falsch. Wahrlich nicht. Das Video auf der DVD ging schon gut los: Erwin Machallik, mittelmäßig betrunken, sitzt in einem der Sessel in ebendiesem Büro und grölt in die Kamera. Bezeichnet das, was dann folgt, als sein Testament. Entstanden war das Video wohl kurz vor seinem Tod vor knapp zwei Monaten. Also vielleicht ein paar Tage, womöglich aber auch mehrere Wochen, bevor er vergiftet wurde. Ganz genau ließ sich das nicht sagen. Auch war unklar, wer die Aufnahme gemacht hatte, ob jemand hinter der Kamera gestanden oder ob Erwin Machallik diese selbst auf einem Stativ befestigt hatte.

Natürlich war es kein Testament im juristischen Sinne. Erwin Machalliks wahres Vermächtnis war sehr viel bedeutender als Besitz, Anteile und Geld. Dieses Video sollte davon künden. Das ruft er zumindest in der Eingangssequenz. Drei Kopien würde er anfertigen, und seine Söhne hatten das Gefühl, er habe diese Anzahl erst während seiner Ansprache endgültig festgelegt. Jedenfalls denkt er vor und nach diesem Satz längere Zeit nach. Überhaupt wirkt seine Rede wahrlich nicht wie ein sorgsam vorbereitetes Vermächtnis, eher wie ein improvisierter Rundumschlag.

Eine Kopie hatte für die Brüder in einem Bankschließfach gelegen, eine hatte der Regierende Bürgermeister bekommen, und wo sich die dritte Kopie befand, war unklar. Obwohl mittlerweile auch der Innensenator, die Gesundheitssenatorin und der Polizeipräsident die DVD gesehen hatten, war noch nichts bis zur Presse vorgedrungen. Das war in der Tat ungewöhnlich für eine Stadt wie Berlin, wo es normalerweise selbst bei Dingen, die nachweislich überhaupt nie geschehen sind, irgendwo eine undichte Stelle gibt, durch die etwas zur Presse durchsickert. Ja, sogar bei Dingen, die nicht nur nie passiert sind, sondern darüber hinaus auch niemanden interessieren, finden sich immer noch einige, die gern, oft und lange darüber reden. Und dieses Video hätte viele Leute und insbesondere die Presse brennend interessiert.

Allein die ersten zwanzig Minuten, die ausschließlich aus wüsten, ordinären Beschimpfungen so ziemlich aller bekannteren Persönlichkeiten des Berliner Lebens bestanden, unterbrochen nur durch die Enthüllung vieler Affären Machalliks mit den Gattinnen von Politikern, Sportlern, Diplomaten, hochrangigen Beamten und Topmanagern, waren schon spektakulär. Er legte dar, von etlichen Kindern der Führungselite dieser Stadt der Vater zu sein, und entschuldigte sich dann immer wieder wortreich, leider nicht alle seine Affären erwähnen zu können, da er bedauerlicherweise nie Buch geführt und einige Beziehungen einfach vergessen habe, was er jedoch den Frauen gegenüber nicht als Respektlosigkeit verstanden wissen wollte, es sei sein Fehler, wenn er sich nicht erinnere, allein sein Fehler. Mit dem in diesen zwanzig Minuten enthaltenen Material hätten sämtliche Berliner Blätter ein halbes Jahr ihre Titelseiten füllen können. Doch der Höhepunkt, das eigentliche Vermächtnis des Königs der Berliner Unterwelt, kam in der zweiten Hälfte des Videos. Es sollte all die Affären in den Schatten stellen.

«Lass uns trotzdem noch mal das Ende anschauen. Vielleicht haben wir irgendetwas übersehen.» Max schien unverdrossen.

Helmut stopfte sich noch ein Stück Kuchen in den Mund, bevor er antwortete. Eine Angewohnheit, die er von seinem Vater hatte und die Max wirklich an ihm hasste. Begleitet von einem Krümelregen, stieß er seine Sätze aus: «Was, bitte, können wir denn da noch übersehen haben? Der alte Wichser beschreibt genüsslich, wie die Ratten ihn rächen und die Stadt übernehmen, falls ihm etwas zustößt. Schritt für Schritt, mit genauer Angabe der Tage. Ich kann es auswendig.»

«Und bislang sind alle seine Prophezeiungen eingetroffen.»

«Na und? Meinst du echt, der Alte kann aus dem Grab heraus die Ratten dirigieren? Bist du jetzt auch verrückt geworden – so wie der Bürgermeister und sein bekloppter Innensenator?»