Der Kopf von Ijsselmonde - Jacob Vis - E-Book

Der Kopf von Ijsselmonde E-Book

Jacob Vis

5,0

  • Herausgeber: SAGA Egmont
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Spannung pur! Ein Waldarbeiter des beschaulichen Ortes Ijsselmonde macht zufällig einen grausigen Fund: den abgetrennten Kopf eines jungen Mannes südländischer Herkunft. Der Rest des Körpers ist nirgends aufzufinden. Lange tappt das Team um Inspektor van Arkel im Dunkeln, doch dann erhält es einen Tipp von einem dem Schlachthofangestellten, der wenige Tage später selber tot aufgefunden wird... Die Jagd auf den unsichtbaren Mörder beginnt!-

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Seitenzahl: 286

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Djanna

Man kann sich nicht von der Lektüre losreißen

Unglaublich gut. Spannend bis zur letzten Seite
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Jacob Vis

Der Kopf von Ijsselmonde

Kriminalroman

Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer

Saga

Der Kopf von Ijsselmonde ÜbersetztStefanie Schäfer OriginalHet hoofdCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2006, 2020 Jacob Vis und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726412420

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Das Arbeitspferd ging rückwärts, bis es kurz vor dem gefällten Baum stand. Der Holzrücker befestigte die Kette um den Stamm, nahm die Zügel auf und schnalzte. Das Pferd trat gehorsam an und schleppte den Stamm aus dem Wald.

Der Forstarbeiter blieb am Waldrand stehen und kontrollierte den Abschnitt, in dem sie an diesem Tag gearbeitet hatten. Der letzte Baum lag zehn Meter vom Weg entfernt, kaum sichtbar unter einer Schicht von Zweigen verborgen. Das Rückepferd zögerte. Der Mann erhob die Stimme und behutsam schritt es in das Gestrüpp hinein. Plötzlich sank das Tier mit dem rechten Vorderbein weg. Es kämpfte um sein Gleichgewicht. Der Holzrücker ließ die Zügel fallen und hakte blitzschnell die Kette los. Die Zügel bekam er jedoch nicht mehr rechtzeitig wieder zu fassen. Die Stute quälte sich aus dem Loch heraus und trabte zu ihrem Hänger, der hundert Meter weiter auf dem Waldweg stand. Der Forstarbeiter rannte ihr schimpfend hinterher.

Keuchend stand die Stute neben dem Hänger. Über ihren rechten Vorderhuf zog sich ein Streifen Blut und oberhalb des Kötenhaars klebte eine gelbgraue Substanz. Der Holzrücker kniete sich hin, um die Wunde zu untersuchen. Doch er konnte keine Verletzung erkennen. Merkwürdig. Angeekelt betrachtete er die Masse, die zäh auf den Weg tropfte. Er stellte das Pferd in den Hänger, füllte das Heunetz und schloss die Klappe. Dann holte er einen Spaten aus dem Auto, ging zurück zu der Stelle, an der das Pferd eingesunken war, schob die Zweige beiseite und begann zu schaufeln. Er grub wie ein erfahrener Bauer: kein Spatenstich zu viel. Plötzlich unterbrach er seine Arbeit. Auf dem Boden des Lochs lag ein mit Sand beschmutzter Menschenkopf, die Schädeldecke vom Pferdehuf halb eingetreten. Einen Augenblick starrte der Holzrücker seinen Fund reglos an. Dann hob er den Kopf mit dem Spaten aus dem Loch und trug ihn zum Hänger.

Die Polizeibeamtin am Schalter musterte den Mann, der mit einem zugebundenen Müllsack die Wache betrat. Er trug eine Wollmütze und ein altmodisches Jackett über einem Arbeitsoverall. Er sah müde und mitgenommen aus: ein Mann am Ende eines harten Arbeitstages. Er blieb an der Tür stehen und blickte sich um.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie freundlich.

»Ich möchte mit dem obersten Chef sprechen«, sagte er.

»Commissaris Klein hat Urlaub«, antwortete sie, »und Inspecteur van Arkel ist in Zwolle. Er wollte aber heute Nachmittag nochmal reinkommen. Ist es dringend?«

»Ja«, sagte der Mann. Er wirkte angespannt, entschlossen und hilflos zugleich. Sie betrachtete ihn, wie sie es auf der Polizeischule gelernt hatte. Wenn er jetzt ginge, würde sie ihn später haargenau beschreiben können.

»Ich könnte Adjutant Vermeer Bescheid sagen.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich will den obersten Chef sprechen.«

Er hielt den Sack fest umklammert, und dennoch hatte man den Eindruck, als könne er ihn jeden Moment von sich wegschleudern.

Sie zeigte auf den Sack. »Hat es etwas damit zu tun?«

»Ja.«

Die Polizistin war eine vernünftige junge Frau. Laut Vorschrift hätte sie die Sache genauer unter die Lupe nehmen müssen. Es hätte sich um einen Verrückten handeln können, der mit einer Bombe das Präsidium in die Luft jagen wollte. Aber der Mann sah nicht aus wie ein Verrückter. Er sah aus wie jemand, der mit etwas Grauenvollem konfrontiert worden war, und solche Menschen sollte man nicht mit Vorschriften belästigen.

»Wenn Sie mir nur schon mal Ihren Namen nennen würden«, bat sie.

»Jan Westerhof.«

Sie schrieb den Namen auf und notierte sich die Uhrzeit. »Ich rufe den Inspecteur im Auto an. Er wird inzwischen unterwegs sein. Aber es kann eine Weile dauern, bis er hier ist.«

»Ich warte solange.«

»Gut.« Sie zeigte auf die steinerne Wartebank. »Wenn Sie dort Platz nehmen möchten?«

»Ein Mann mit einem Sack?«, wiederholte Ben van Arkel. Die Stimme der Beamtin klang durch das Autotelefon leicht verzerrt. Er schaute hinüber zum Polizeipräsidium am anderen Ufer. »Sag Bescheid, dass ich gleich komme. Die Brücke wird gerade geöffnet.«

Das Mittelteil der eisernen Brücke ging in die Höhe. Von Norden näherte sich ein Lastkahn. Van Arkel stellte den Motor ab und betrachtete die Silhouette von Ijsselmonde: eine Reihe weißer, monumentaler Gebäude, begrenzt von zwei mittelalterlichen Toren. Auf der Südseite eine riesige Kirche. Von der Brüstung des Kirchturms aus blickte man auf die Dächer der alten Stadt: eine Mischung verschiedenster Baustile, vierzehntes bis zwanzigstes Jahrhundert. Der Gedanke, dass er in einem jener hübsch restaurierten alten Häuser an der Ijsselkade wohnte, versöhnte ihn einigermaßen mit den Zweifeln, die ihn hinsichtlich seines Berufs manchmal plagten.

Er fuhr auf die Brücke, hinter ihm eine Frau in einem Peugeot 205. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit einer etwas zu forschen Nase. In dem Moment, als sie nach links in die Kade einbog, raste ein junger Mann in einem alten BMW über die rote Ampel auf der gegenüberliegenden Seite. Er sah die Frau im letzten Moment und reagierte mit einer Vollbremsung, sein Wagen geriet ins Schleudern und blieb quer auf der Kreuzung stehen. Ein Aufprall schien unvermeidlich, doch die Frau fuhr in einem unnachahmlich geschickten Manöver um den BMW herum. Van Arkel schaute ihr voller Bewunderung hinterher. Dann stieg er aus und verpasste dem Straßenrowdy einen Strafzettel.

Vor dem Präsidium stand ein VW-Bus mit Pferdeanhänger. Über der Klappe des Hängers hing ein Pferdeschweif. Van Arkel zupfte kurz daran und sprang erschrocken auf den Bürgersteig, als das Pferd dröhnend gegen die Wand des Hängers ausschlug.

Die Beamtin am Schalter wies mit einem Kopfnicken auf den Forstarbeiter.

»Das ist er.«

»Ich nehme ihn mit in mein Büro«, sagte van Arkel. »War sonst noch etwas?«

»Nein, Inspecteur.«

Van Arkel streckte dem Mann die Hand hin und sagte: »Ich bin Inspecteur van Arkel. Sie wollten mich sprechen?«

Der Forstarbeiter erwiderte schlaff seinen Händedruck. »Jan Westerhof, Holzrücker. Ich wollte den obersten Chef sprechen. Sind Sie das?«

»Im Augenblick ja«, antwortete van Arkel. »Der Commissaris ist in Urlaub. Er kommt am Montag zurück. Wenn Sie ihn sprechen wollen, müssen Sie nächste Woche wiederkommen.«

Westerhof zeigte auf den Sack. »So lange kann das nicht warten.«

»Gehen wir in mein Büro«, sagte van Arkel. »Möchten Sie eine Tasse Kaffee?«

»Gern. Bestellen Sie gleich einen Schnaps dazu.«

Van Arkel lächelte. »Ist es so schlimm?«

Westerhof nickte. Van Arkel schaute ihn forschend an. Westerhof wirkte unnatürlich ruhig, als habe er etwas Schockierendes zu verkünden.

Ein Mann im Arbeitskittel brachte ein Tablett mit Kaffee. Westerhof legte den Sack auf den Tisch und fing an, die Knoten aufzudröseln.

»Setzen Sie sich lieber hin, Inspecteur.«

»Ich sitze schon«, erwiderte van Arkel, erhob sich jedoch, als der Sack aufging. Auf dem Tisch stand der Kopf eines jungen Farbigen; das Plastik lag ihm wie eine Krause um den Hals. Die Schädeldecke war eingedrückt. In der linken Wange klaffte ein Loch. Das restliche Gesicht war unversehrt. Er konnte nicht länger als ein paar Tage tot sein. Van Arkel schaute Westerhof fassungslos an.

»Woher haben Sie das?«

»Aus dem Wald.«

»Sie haben ihn heute Nachmittag gefunden?«

»Ja. Ich bin danach sofort hergekommen.«

»Meneer Westerhof, wo im Wald haben Sie das da gefunden?«

»In Abschnitt 27, ein paar Meter neben dem Weg. Es war unser letzter Baum in diesem Abschnitt.«

»Ich möchte gern, dass ein paar Kollegen sich das ansehen«, sagte van Arkel und wählte eine Nummer. »Jaap? Würdest du bitte rüber in mein Büro kommen? Ja, jetzt sofort. Bring Mirjam und Haydar mit.« Er schaute Westerhof an. »Jetzt erzählen Sie uns doch mal die ganze Geschichte. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, können Sie ruhig schon damit anfangen.«

Westerhof nahm seine Mütze ab. »Das hätte ich beinahe vergessen ...« Er warf einen düsteren Blick auf den Kopf. »Meine Stute ist in ein Loch getreten. Als sie rauskam, war Blut an ihrem Huf. Sie hatte keine Verletzung, also musste es etwas anderes sein. Ich dachte an das, was wir Stinkgrube nennen, deshalb habe ich angefangen zu graben und ...«

»Was ist eine Stinkgrube?«

»Ein Loch mit Schlachtabfällen, um Füchse anzulocken.«

Van Arkel öffnete das Fenster. »Wie kamen Sie darauf, dort zu graben?«

»Es hätte ja auch was anderes sein können.«

»Wie man sieht. Bitte fahren Sie fort.«

»Unten in dem Loch fand ich den da und habe ihn mitgenommen.«

»Und Ihnen ist nicht in den Sinn gekommen, ihn dort zu lassen und uns anzurufen?«

»Nein. Wie Sie sehen, ist er schon angefressen.«

»Augenblick«, sagte van Arkel. Er ließ Mirjam van Roon, Jaap Vermeer und Haydar Seyat herein. »Das ist Meneer Westerhof. Er hat uns das da mitgebracht.«

Adjutant Vermeer schaute den Kopf an. Er war ein kräftiger Mann mit einem fleischigen Gesicht und Hornbrille. Er schüttelte Westerhof die Hand und fragte: »Wo haben Sie den gefunden, Westerhof?«

»Im Wald.«

»Mann, Mann, Mann ...« Vermeer zeigte auf die angefressene Wange. »Füchse?«

»Glaub schon«, sagte Westerhof. »Deshalb habe ich ihn lieber mitgenommen.«

»Gut gemacht«, sagte Vermeer.

»Wo ist der Rest?«, fragte Brigadier Mirjam van Roon, eine hübsche blonde Frau von zweiunddreißig Jahren, die als Einzige Uniform trug.

»Den müssen wir suchen«, sagte van Arkel. Mirjam warf ihrem Vorgesetzten einen Blick zu. Ohne seine Blumenkohlohren wäre er ein attraktiver Mann gewesen. So wie der Farbige, dessen Kopf auf dem Tisch lag. Das Gesicht des Toten war von so auffallender Schönheit, dass nicht einmal die Verstümmelung und der Gestank diesen Eindruck zunichte machen konnten.

»Hübscher Junge«, sagte sie.

»Kennt ihn jemand?«, fragte van Arkel.

Brigadier Haydar Seyat nickte. Eigentlich war er zu klein für einen Polizisten, drei Zentimeter unter der Mindestgröße, doch er war angenommen worden, weil die Justizbehörden einen höheren Ausländeranteil forderten. Jetzt, acht Jahre später, war Seyat Brigadier, eine ungewöhnlich steile Karriere für einen Kurden, der gegen einen Berg von Vorurteilen anzukämpfen hatte.

»Das ist Ronnie van Splunter aus der Nieuwstraat. Alias Ronnie Calypso.«

Vor zwei Jahren waren acht antillische Familien aus einer benachbarten Stadt in die Nieuwstraat gezogen. Man habe sie deportiert, behaupteten sie. Umgesiedelt im Rahmen der Verteilungspolitik, erwiderte die Stadtverwaltung. Uns aufgehalst, klagten die Anwohner der Nieuwstraat und legten massiven Protest ein, als die Antillianer bei ihnen ihre lautstarke Straßenkultur einführten, welche an ihrem früheren Wohnort zu einem Krieg mit den Nachbarn geführt hatte. Haydar Seyat saß als Vertreter der Polizei in der Begleitkommission, die nach zwei Jahren Arbeit einen halbwegs akzeptierten Status quo erreicht hatte. Die Antillianer blieben in der Nieuwstraat wohnen und feierten ihre Feste fortan im Haus.

»Können Sie uns zeigen, wo Sie ihn gefunden haben?«, fragte van Arkel.

»Jetzt noch?«, fragte Westerhof zurück. »Meine Frau wird sich schon wundern, wo ich bleibe.«

»Sie können sie doch anrufen.«

»Ich muss mein Pferd füttern. Und ich selbst muss auch was essen.«

»Wie wär’s, wenn er vorher erst mal nach Hause ginge?«, schlug Vermeer vor. »Er füttert sein Pferd, isst zu Abend und in einer Stunde holen wir ihn ab.«

»In einer Stunde ist es dunkel«, warf van Arkel ein.

»Es ist jetzt schon dunkel. Mit der eigentlichen Arbeit können wir sowieso erst morgen früh anfangen.«

»Gut«, sagte van Arkel. »Dann gehen Sie jetzt erst mal nach Hause und in einer Stunde kommen wir Sie abholen.«

Westerhof griff nach seiner Mütze, murmelte einen Gruß und machte sich eilends auf den Weg.

Vermeer zeigte auf den Kopf von Ronnie Calypso. »Und was machen wir mit dem da?«

»Erst mal fotografieren«, antwortete van Arkel. »Mirjam, bitte sag du rasch Bunschoten Bescheid.«

»Du könntest ihn wenigstens hier rausbringen«, sagte Seyat. »Dieser Gestank bleibt tagelang hängen.«

Van Arkel wartete, bis Mirjam den Hörer aufgelegt hatte.

»Wann kommt er?«

»In zehn Minuten.«

»Dieser Gestank!«, sagte Vermeer und öffnete die Tür. »Wie kommt es, dass er jetzt schon riecht? Der Mann kann nicht länger als ein paar Tage tot sein.«

»Er hat eine Weile unter der Erde gelegen«, gab van Arkel zu bedenken. »Mach die Tür zu, Jaap, es zieht.«

Vermeer schloss die Tür und fragte: »Wer, was, wie, wo?«

»Und warum?«, ergänzte Seyat.

»Gute Frage«, sagte van Arkel. »Ihr stellt immer gute Fragen. Jetzt brauchen wir nur noch die passenden Antworten.«

Mirjam schaute Vermeer an, der den Sack wieder zuband. »Rache«, sagte sie.

»Wie kommst du auf Rache?«, fragte Vermeer. »Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Nein, aber wenn ein so gut aussehender Junge derart grausam ermordet und zur Schau gestellt wird ...« Sie zögerte einen Moment.

»Ist Rache ein logisches Motiv«, fuhr van Arkel fort. »Du sagtest ›zur Schau gestellt‹. Dabei lag er einen halben Meter unter der Erde!«

»Aber er wurde doch gefunden, oder?«

»Zufällig.«

»In der Tat, zufällig. Wie sollen wir vorgehen, Ben?«

»Wenn Bunschoten fertig ist, essen wir was und danach holen wir Westerhof ab.«

»Ich habe keinen Hunger«, erklärte Mirjam.

»Ich schon«, sagte Vermeer. »Und du kommst mit. Wird dir gut tun. Es kann spät werden heute Abend.«

»Müssen wir das Waldstück nicht absperren?«, fragte Seyat. »Der Rest der Leiche kann zwar irgendwo anders liegen, aber auch direkt daneben.«

»Haben wir eine Detailkarte vom Haafterveen?«, fragte van Arkel.

»Im Archiv«, antwortete Vermeer. »Willst du wirklich jetzt sofort dahin?«

»Ja«, sagte van Arkel. »Haydar kommt mit mir. Du gehst mit Mirjam etwas essen und anschließend holt ihr Meneer Westerhof ab.«

»Wollt ihr nichts essen?«

»Wir holen uns schon irgendwo ein Brötchen. Wenn Bunschoten fertig ist, legt ihr Ronnie in den Kühlschrank. Nehmt zehn Mann und einen Krankenwagen mit. Und fordert die Hundestaffel an.«

»Ben, die ganze Stadt schwärmt aus, wenn wir mit so einem Riesenaufgebot in den Wald einfallen.«

»Ihr müsst’s ja wissen, ihr seid die Einheimischen«, sagte van Arkel. »Na gut, dann eben kein Krankenwagen. Aber die zehn Mann und ein Hundeführer. Wenn die sich auf zwei Wagen verteilen und sich unauffällig verhalten, merkt kein Mensch was.«

»Hier bleibt nichts unbemerkt«, erwiderte Vermeer. »Hier braucht man nur an eine andere Frau zu denken und schon steht’s morgen in der Zeitung.« Er zeigte auf den Kopf. »Ob der Mörder den Rest mitgenommen hat? Als eine Art Gummipuppe?«

»Warum müsst ihr im Angesicht des Todes immer solche ekligen Witze machen?«, fragte Mirjam böse.

»Gockelgehabe«, meinte van Arkel.

Es klopfte. Seyat öffnete dem Fotografen die Tür. Bunschoten war ein magerer Mann mit einer beeindruckenden Fototasche. Er blickte mit unergründlichem Gesichtsausdruck Ronnies Kopf an und begann, eine Fotoserie zu schießen.

Andrea lag im Dunkeln und wartete. Sie kannte jedes Geräusch in dem alten Haus, doch das, worauf sie wartete, blieb aus. Sie hörte nur das Rascheln der Mäuse hinter den Holzlatten und das Knacken der Dachbalken im Spitzboden. Wohl bekannte, vertraute Geräusche.

Da war es! Die knarzende erste Stufe, gefolgt von der unverkennbaren Art, wie ER die Speichertreppe hinaufstieg.

Andrea faltete die Hände. Bitte mach, dass er fällt! Mach, dass er hintenüberkippt und sich auf der Treppe den Hals bricht. Du kannst das, lieber Gott! Wenn du willst, kannst du alles! Sie betete lautlos und lauschte zugleich den Schritten des Mannes, der den Eingang zum Speicher betrat. Ich schlafe! Lieber Gott, mach, dass er weggeht! Er darf nicht kommen, du siehst doch, dass ich schlafe!

»Andrea?«

Sie blieb mucksmäuschenstill liegen. Sie hatte gelernt, ihre Atmung so zu beherrschen, dass sie natürlich ruhig wirkte: ein schlafendes Kind, das kein Erwachsener wecken würde. Kein Erwachsener, außer ihm. Der Mann legte ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte sie sanft.

»Andrea!«

Der Mann lächelte im Dunkeln. Ihr war kalt, doch sie tat überzeugend so, als erwache sie aus einem tiefen Schlaf. Kleine Andrea.

»Wir müssen noch beten.«

»Ja, Onkel.«

Noch lange nachdem er weggegangen war, blieb sie vor dem Bett hocken. Wenn sie still sitzen blieb, war das Brennen nicht ganz so schlimm, doch sobald sie sich bewegte, flammte der Schmerz auf. Ich will tot sein, dachte sie. Tot, tot, tot! All ihre Gedanken drehten sich um dieses eine Wort.

Sie stand auf. Jeder Schritt tat entsetzlich weh, doch sie hielt durch und wankte zur Tür. Einen Stock tiefer schnarchte ihr Onkel. Sie blieb an der Treppe stehen und schaute hinunter. Der Mond, der durch das Speicherfenster schien, erleuchtete den Treppenflur. Sechzehn Stufen weiter unten glänzte die Kupferrundung der Kanonenkugel, die ihr Onkel benutzte, um die Tür zur Speichertreppe offen zu halten. Der Geländerknauf, der genau in ihre Hand passte, vermittelte ihr ein merkwürdig vertrautes Gefühl.

Plötzlich fing sie unkontrollierbar an zu zittern. Die Schmerzen waren unerträglich. Ein paar Sekunden später hörte das Zittern genauso plötzlich wieder auf. Andrea holte tief Luft. Sie ließ das Geländer los und sprang.

2

Sechs Halogenlampen beleuchteten die Grube, in der Westerhof den Kopf gefunden hatte. Sie war rundum mit rotweißem Flatterband abgesperrt. Bunschoten hockte neben der Absperrung und erteilte einem Polizisten Anweisungen, der eine Lampe in das Loch richtete. Westerhof stand bei Jan van Dijk, dem Förster des Haafterveen. Van Arkel, Vermeer und Jules Berveas, der Staatsanwalt, sprachen mit einem Hundeführer, der einen Mecheler Schäferhund an der Leine hielt.

»Meinen Sie, dass es etwas nützt?«, fragte Berveas.

Der Hundeführer verzog skeptisch das Gesicht. »Für eine erfolgreiche Suchaktion braucht man Regen. Und Helligkeit. Eigentlich ist es schon zu dunkel. Aber wir werden es versuchen. Wenn Ihr Mann hier in der Nähe liegt, findet er ihn. Garantiert.«

»Gut«, sagte van Arkel. »Worauf warten Sie?«

»Dass Sie weggehen«, sagte der Beamte. »Sie stehen auf seiner Spur.«

Vermeer feixte. Van Arkel trat beiseite. Der Hund rannte los, an ihm vorbei. Er trabte einmal im Kreis um die Fundstelle herum und verschwand in der Dunkelheit.

»Es ist sinnlos«, bemerkte Vermeer. »Er sieht ja gar nichts.«

»Der Hund braucht nur seinen Geruchssinn«, erwiderte van Arkel.

»Aber sein Herrchen muss ihm hinterherrennen. Was hoffst du eigentlich zu finden?«

»Den Rest.«

»Schon klar. Aber dann? Jetzt um diese Zeit zerstört man eher Spuren, als dass man eine kopflose Leiche findet.«

»Warten wir erst einmal ab«, sagte Berveas. Er trug eine Wachsjacke und einen grünen Hut, durch den sein pausbäckiges Gesicht noch rundlicher wirkte.

Aus dem Wald ertönte ein Ruf. »Licht!«

Zwei Beamte richteten die Scheinwerfer auf die Stelle, an der der Hund grub. Die Erhebung erinnerte ein wenig an einen Grabhügel, vor allem im unwirklichen Schein der Lampen. Westerhof und van Dijk betrachteten mit skeptischen Blicken den eifrig wühlenden Hund.

»Was ist das für ein Hügel?«, fragte Berveas.

»Ein alter Fuchsbau«, antwortete van Dijk.

»Ohne Fuchs?«

»Den hat Meneer van Beuningen vor ein paar Wochen erschossen.«

»Könnten keine Jungen drin sein?«

»Nein, Meneer. Und was jetzt noch beim Muttertier hockt, geht ein, bevor der Winter kommt.«

Berveas beobachtete gespannt den Hund, der ein tiefes Loch in den Bau gegraben hatte. »Ich glaube, dass er etwas gefunden hat.«

Der Hund knurrte, als sein Herrchen ihn zurückzog. Zwei Beamte holten Schaufeln aus dem Auto und fingen ungeschickt an zu graben. Westerhof und van Dijk nahmen ihnen schweigend die Schaufeln aus den Händen. Westerhof schabte die Erde an der Seite der Grube weg und enthüllte den Ärmel von etwas, was wie ein karierter Mantel aussah. Aus dem Ärmel schauten zwei dünne Knochen hervor. Was dahinter lag, stank entsetzlich. Die beiden Männer gruben vorsichtig um die Leiche herum. Diese Leiche hatte einen Kopf: den halb verwesten Schädel einer Dänischen Dogge.

»Jesus!«, sagte van Arkel.

»Das ist nicht Jesus«, erwiderte van Dijk allen Ernstes. »Das ist Polly.«

»Wer zum Teufel ist Polly?«

»Die Dogge von Meneer van Beuningen. Hatte immer eine karierte Decke um. Vor zwei Wochen ist sie gestorben. Meneer hat sie selbst begraben, der Jagdaufseher war dabei. Ich wusste nicht, dass er sie in den alten Bau gelegt hat.«

»Schaufelt bitte dieses Loch zu«, sagte Berveas. »Inspecteur, ich glaube, wir sollten die Suche abbrechen.«

Vermeer versammelte die Kollegen um sich und sagte: »Für heute Abend hören wir auf. Ich brauche zwei Freiwillige, die über Nacht hier bleiben. Freizeitausgleich laut Nachttarif.«

»Können wir uns den Zuschlag nicht auszahlen lassen?«, fragte ein Kollege.

»Geht auch. Hundertfünfundzwanzig Prozent.«

»Davon bleibt mir nicht mal die Hälfte übrig«, beklagte sich der Beamte. »Ich bleibe gegen Freizeitausgleich.«

»Okay, Schilder bleibt hier. Wer sonst noch?«

»Ich«, sagte Mirjam.

Van Arkel und Vermeer schauten sich an.

»Wir brauchen dich bei der Besprechung«, sagte Vermeer.

»Ihr könnt mir ja morgen berichten«, sagte Mirjam. »Ich bleibe heute Nacht hier.« Sie lachte beim Anblick ihrer skeptischen Gesichter. »Roelof Schilder passt schon auf mich auf. Und ansonsten haben wir ja noch den Geist von van Beuningens Dogge.«

»Hast du deine Dienstwaffe dabei?«, fragte van Arkel.

»Natürlich.«

»Warm genug angezogen?«

»Mein Gott, ja. Ich weiß wirklich, was ich tue.«

»Sie ist ein großes Mädchen, Ben«, sagte Vermeer.

»Ronnie war ein großer Junge«, entgegnete van Arkel. »Polly war ein großer Hund. Gut, Brigadier van Roon bleibt auch hier. Ihr meldet euch um drei Uhr.«

»Machen wir«, sagte Mirjam. »Ist im Bus noch Kaffee?«

»Ich sorge dafür, dass ihr heute Abend noch etwas Warmes bekommt«, versprach van Arkel. Aus der Gruppe der Beamten ertönte unterdrücktes Gelächter. »Dafür sorgen die schon selbst«, sagte einer.

»Ja«, fügte ein anderer hinzu. »Für so einen Nachtdienst würde ich mir glatt Urlaub nehmen.«

»Morgen Nacht darfst du«, sagte Vermeer.

»Kleiner Scherz«, erwiderte der Kollege versöhnlich.

»Ist registriert«, sagte Vermeer. »Van Roon und Schilder heute Nacht. Morgen Nacht Koenders. Noch jemand, der morgen Nacht Urlaub will?« Niemand sagte etwas. »Pech, Koenders. Morgen stehst du alleine hier.«

»Ich sagte doch, dass es ein Scherz war«, wehrte sich Koenders.

»Brigadier van Roon mag keine Scherze im Angesicht des Todes«, sagte van Arkel. »Ich auch nicht. Gute Wache.«

Mirjam saß auf der vorderen Sitzbank des Busses und zündete sich eine Zigarette an. Schilder setzte sich neben sie. Mirjam hielt ihm das Päckchen hin. Schilder schüttelte den Kopf. »Danke. Ich habe aufgehört.«

»Vernünftig. Stört es dich, wenn ich rauche?«

»Nein.« Schilder schaute sie von der Seite an. »Warum wolltest du heute Nacht Dienst tun? Glaubst du, der Mörder kommt zurück?«

»Nein.«

»Warum denn dann?«

Mirjam antwortete nicht sofort. »Weil ich wissen will, wie es nachts im Wald ist«, sagte sie schließlich.

»Mein Opa hat die Bäume hier gepflanzt«, sagte Schilder.

»Dein Großvater?«, fragte Mirjam interessiert. »Erzähl.«

»Es war kurz nach dem Krieg«, sagte Schilder. »Er war arbeitslos und damals galt man als Versager, wenn man keine Arbeit hatte.«

»Heute auch.«

»Wenn ich ihm glauben soll, ist das heute ein Paradies verglichen mit damals. Man drückte ihm zusammen mit ein paar Hundert anderen eine Schaufel in die Hand. Erst Gräben ausheben, dann Bäume pflanzen: sechzig pro Stunde. Hinter den Pflanzern lief ein Aufseher her, der an den Bäumchen zog, und wenn sie sich bewegten, mussten sie die ganze Reihe nochmal machen.«

»Das waren noch Chefs.«

»Fand mein Opa auch. Eines Tages haben sie den Aufseher bis zum Hals ins Moor eingegraben und ihn den ganzen Tag stecken lassen.«

»Wie ist das ausgegangen?«

»Er ist abgehauen und nie wiedergekommen. Der Kerl, den sie danach kriegten, war noch schlimmer. Versteckte sich hinter einem Baum und guckte, ob die Leute auch arbeiteten.«

»Harte Zeiten«, sagte Mirjam. Sie drückte ihre Zigarette aus und verließ den Wagen. Sie kannte die Geschichte des Haafterveens, des Stadtwalds von Ijsselmonde. Der älteste Teil stammte aus den Zwanzigerjahren. Kurz nach dem Krieg war ein großes Waldstück hinzugekommen. Sämtliche arbeitslosen Männer in Ijsselmonde mussten im Winter 47 zum Arbeitseinsatz ins Haafterveen. Die vielen Monate, in denen sie unter erbärmlichen Bedingungen Bäume pflanzten, lösten bei den Zwangsarbeitern einen tiefen Hass gegen alles aus, was mit Innenpolitik zu tun hatte. 1948 stimmte halb Ijsselmonde für die Kommunisten, sodass sich zum ersten und einzigen Mal in der Geschichte die vierundzwanzig Glaubensgemeinschaften zu einem Bund zusammenschlossen, um die verlorenen Schafe wieder in den Schoß der Kirche zurückzuholen. Später legte sich der Hass, doch die Aversion gegen das Haafterveen blieb. Förster Jan van Dijk stand wenig Geld zur Unterhaltung des Waldes zur Verfügung, doch die angenehme Kehrseite war, dass er sein Reich nur mit einigen wenigen Wanderern und Fahrradfahrern teilte und niemand sich in seine Angelegenheiten einmischte.

»Wie hieß der zweite Aufseher?«, fragte Mirjam.

»Kuik.«

»Lebt er noch?«

»Ja, er ist in einem Pflegeheim.«

In der Nähe schrie eine Eule. Mirjam schaute dem Schatten nach, der geräuschlos vorbeiflog. »Was war das?«

»Eine Eule«, antwortete Schilder erstaunt. »Du weiß doch, wie eine Eule aussieht?«

»Nicht nachts«, erwiderte Mirjam.

Schilder lächelte. »Nachts sieht alles anders aus«, gab er zu. Er betrachtete die reglosen Gestalten der Bäume. »Wie Riesen. Man kann sich vorstellen, dass die Leute sich früher im Wald gefürchtet haben. Vor allem nachts.«

»Ich bin froh, dass wir zu zweit sind«, sagte Mirjam.

»Ich auch«, sagte Schilder. »Glaubst du, er wurde hier ermordet?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Auch deshalb wollte ich die Nacht hier verbringen.«

»Versuchst du, dich in den Mörder hineinzuversetzen?«

»Bei Mord fragt man sich immer nach dem Motiv und manchmal funktioniert das besser am Tatort. Der Kopf dieses Jungen wurde vor zwei Nächten hier in diesem Loch vergraben. Dort, nur ein paar Meter von uns entfernt. Was ist da geschehen?«

»Bei Antillianern weiß man nie.«

»Was hat sein Tod damit zu tun, dass er Antillianer war?«

»Alles«, antwortete Schilder heftig. »Sie dealen, ihre Frauen prostituieren sich, ihre Kinder klauen, und wenn sich jemand beschwert, kriegt er ein paar aufs Maul.«

»Ijsselmonder Differenzierungen«, meinte Mirjam sarkastisch. »Das hätte ich nicht von dir gedacht, Roelof.«

»Es ist doch so«, sagte Schilder. »Meine Eltern leben in der Nieuwstraat, und jedes Mal wenn ich sie besuche, bin ich froh, dass ich nicht mehr dort wohne.«

»Wohnen deine Eltern auch nicht mehr gern dort?«

»Sie haben ihr Häuschen vor zehn Jahren gekauft. Was sollen sie machen? Wegen dieser Schwarzen in der Straße werden sie es nie wieder los. Meine Mutter will auch gar nicht mehr weg. Sie hat ihr ganzes Leben dort verbracht.«

»Ein Grund mehr, umzuziehen«, entgegnete Mirjam. »So schlimm kann es doch nicht sein. Der Streit zwischen den Antillianern und der Nachbarschaft wurde doch beigelegt?«

»Vergiss es! Der schlimmste Krach ist vorbei, aber ansonsten läuft alles weiter wie gewohnt.«

»Die Nachbarn wollen sie also loswerden.«

»Ja.«

»Und Ronnie van Splunter? Was war das für ein Typ?«

»Weiß ich nicht«, antwortete Schilder widerstrebend. »Ich kannte ihn nicht. Wir kennen im Grunde keinen von denen so richtig. Die bleiben lieber unter sich.«

»Wir werden sie auf seinen Tod reagieren, was meinst du?«

»Mit einem verdammten Aufstand«, antwortete Schilder grimmig.

»Wie, glaubst du, fühlen sich seine Eltern?«

»Das hat hiermit doch einen Dreck zu tun, Brigadier! Natürlich ist es schlimm für die Eltern! Stell dir mal vor, dein Sohn würde so gefunden. Aber trotzdem heißt das nicht, dass ...«

»Ja?«

Schilder zögerte. »Dass es nicht einen verdammt guten Grund dafür gegeben haben muss, dem Kerl den Kopf abzuhacken.«

»Streit wegen eines missglückten Deals? Oder Streit, weil die Musik zu laut war?«

Schilder schaute sie perplex an. »Du glaubst doch wohl nicht, dass einer von den Nachbarn es getan hat!«

»Wenn ich dich so höre, gibt es Motive genug.«

»Lächerlich! Du wirst doch nicht etwa mit diesem Unsinn zum Inspecteur rennen?«

»Weiß ich noch nicht.«

Schilder sah ihre Zähne im Mondlicht glänzen. Lachte sie ihn jetzt etwa aus?

»Die Leute hier tun so etwas nicht. Streitigkeiten unter Nachbarn, ja. Hin und wieder eine Kneipenschlägerei. Aber Mord?« Schilder schüttelte den Kopf. »Niemals!«

»In Ijsselmonde hat es noch nie einen Mord gegeben?«

»Doch, schon. Aber keinen von diesen komplizierten.«

»Keine abgetrennten Köpfe und so?«

»Nein. Weißt du, woran das liegt? Wir sind zu dumm dazu.«

Mirjam lachte. »Das nenne ich ein wissenschaftliches Argument.«

Am Ende des Weges tauchte ein Auto auf. Mirjam und Schilder liefen zum Waldrand und zogen ihre Pistolen. Das Auto hielt neben dem Bus an. Van Arkel stieg aus, eine Thermoskanne und drei Plastikbecher in den Händen.

»Sie hätten uns vorher Bescheid sagen können«, meinte Schilder.

»Hätte ich«, antwortete van Arkel. »Hab ich aber nicht. Tut mir Leid. Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?«

»Eine Eule«, sagte Mirjam. »Und ein Vorgesetzter, der Kaffee vorbeibringt.«

Van Arkel lachte. »Zum Nachtdienst gehört Kaffee. Halt mal. Die Zuckertütchen sind in meiner Jackentasche.«

Mirjam wärmte ihre Hände an dem Becher. »Warst du bei der Familie?«

»Ja. Ein Drama«, sagte van Arkel. Er hatte mit allem gerechnet im Hause van Splunter: Hass, Wut und lautstarke Kundgebungen der Trauer, doch die beherrschte, würdevolle Reaktion von Ronnies Mutter hatte ihn überrascht. Als habe sie den Tod erwartet.

»Es ist auch ein Drama«, sagte Mirjam. »Für uns ist es ein Fall, aber für die Eltern ... Stell dir vor, du müsstest den Kopf deines Sohnes identifizieren!«

Die Eule schwebte über den Waldrand hinweg. Mirjam griff van Arkel am Arm.

»Da ist sie wieder!«

Van Arkel richtete den Blick auf den lautlosen Schatten. »Ich wusste gar nicht, dass die Viecher so leise fliegen können.«

Mirjam schaute der Eule nach, die im Wipfel einer Rottanne verschwand. Sie füllte die Becher nach und fragte: »Habt ihr schon beschlossen, wie es weitergeht?«

»Du, Haydar und ich führen die Ermittlungen durch. Vermeer hält im Büro die Stellung. Der Staatsanwalt lässt uns freie Hand.«

»Willst du keine Sonderkommission einrichten?«

»Vorläufig nicht. Wir werden von einem Experten vom Zentralen Geheimdienst der Kriminalpolizei, dem CRI, unterstützt.«

»Sind keine Ordnungspolizisten dabei?«, fragte Schilder.

»Doch, natürlich. Morgen früh um sechs werdet ihr abgelöst.«

Schilder spielte mit seinem leeren Becher. »Kann ich nicht mitmachen, Inspecteur?«

»Warum möchtest du das?«

Schilder steckte den Becher in die Tasche seiner Uniformjacke. »Scheint mir interessant«, erklärte er ungeschickt.

»Ein Mordfall bedeutet knallharte Arbeit, wenn nötig sieben Tage die Woche. Bist du dazu bereit?«

»Ja.«

Van Arkel schaute ihn forschend an. »Ich bespreche das morgen mit Vermeer. Wenn er dich im normalen Dienst entbehren kann, bist du dabei. Vorausgesetzt, die anderen Teammitglieder sind damit einverstanden.«

Schilder schaute Mirjam an. »Brigadier?«

»Wie könnte ich jemanden ablehnen, mit dem ich Nachtdienst schiebe?«, antwortete Mirjam. »Weißt du, was das Gute daran ist, wenn du demnächst auch Brigadier bist?«

»Ja?« Schilder sah ihre Augen im Mondlicht funkeln und fragte sich, ob sie einen Freund hatte. Dumm, dass er das nicht wusste.

»Dann brauchst du nicht mehr zu fragen, ob du mitmachen kannst«, sagte sie. »Dann wirst du einfach eingeteilt.«

Schilder sah, wie sie ihren Vorgesetzten anschaute, und auf einmal begriff er. Mirjam war in van Arkel verliebt.

»Deine Eltern wohnen doch in der Nieuwstraat«, sagte van Arkel. »Kennst du die Gegend?«

»Früher schon«, antwortete Schilder. »Jetzt schaue ich nur noch ein paarmal die Woche vorbei.«

»Haben deine Eltern Kontakt zu ihren antillischen Nachbarn?«

»Kaum.«

»Andere Nachbarn?«

»Auch nicht.«

»Die Antillianer leben also wirklich ganz für sich.«

»Inzwischen schon«, sagte Schilder. »Früher herrschte Kriegszustand.«

»Wegen des Krachs?«

»Ja ...« Schilder zögerte.

»Weshalb sonst noch?«

»Ihre Arroganz. Sie benehmen sich, als wären sie das auserwählte Volk.«

»Auserwählte Völker nehmen ein schlimmes Ende«, sagte Mirjam.

Van Arkel schaute sie an. Der Tod des Jungen ging ihr nahe. Sie hielt eine Art Totenwache ab. Prima. Abstand war gut, Betroffenheit besser. Es erweckte den Toten nicht wieder zum Leben, führte einen aber manchmal zu dem Mörder.

Andrea hatte einen Schädelbasisbruch und einen Schock, als sie eine Stunde nach ihrem Selbstmordversuch in die Poliklinik eingeliefert wurde, jedoch kein Gehirntrauma, wie der Dienst habende Internist befürchtet hatte, als er sie wie ein Häufchen Elend auf der Krankenbahre liegen sah.

»Was ist passiert?«, fragte er den Mann, der hinter der Bahre herging.

»Sie ist die Treppe runtergefallen.«

»Einfach so?«

»Sie musste aufs Klo und ist im Dunkeln gestolpert.«

»Sind Sie der Vater?«

»Ihr Vormund.«

»Hat sie keine Eltern?«

»Nein«, sagte der Mann. »Ihre Eltern sind tot.«

»Sind Sie ihr einziger Erziehungsberechtigter?«

Der Mann nickte. »Meine Frau ist vor drei Jahren gestorben.«

»Hat sie Angst im Dunkeln?«, fragte der Internist.

»Davon habe ich nie etwas gemerkt.«

»Bis jetzt«, sagte der Internist und schaute dem Mann geradeheraus ins Gesicht.

»Stimmt.«

»Bleiben Sie hier?«

»Nein. Ihr jüngerer Bruder wartet zu Hause.«

Der Internist untersuchte Andrea noch sorgfältiger als seine übrigen Patienten. Kinder fallen nicht einfach so von der Treppe, gewiss nicht mitten in der Nacht. Er entdeckte Sperma in ihrem After. Am nächsten Morgen sprach er mit ihrem Hausarzt, der keinen Verdacht auf Missbrauch hegte, jedoch zugab, dass der Onkel ein merkwürdiger Sonderling war: im Grunde nicht der ideale Vormund für zwei Waisenkinder. Das fand auch das Jugendamt, aber Bertus Kuik war der einzige direkte Verwandte, der sich bereit erklärt hatte, die Kinder nach dem Tod ihrer Eltern aufzunehmen.

Der Internist besprach die Sache mit Commissaris Klein, der gerade erst seinen Dienst in Ijsselmonde angetreten hatte. Klein beschloss, die Ermittlungen persönlich durchzuführen. Er redete mit dem Onkel und dem Mädchen, doch Kuik leugnete alles und Andrea schwieg, als habe sie plötzlich die Sprache verloren.

Der Internist behielt sie zwei Wochen länger im Krankenhaus als unbedingt nötig. Sie sprach wieder, lachte sogar und überraschte ihn mit ihrer Intelligenz und ihrem Durchsetzungsvermögen. Er ließ sie Kraftübungen durchführen. Andrea trainierte wie besessen.

Schließlich kehrte sie nach Hause zurück. Es ließ sich nicht vermeiden, solange der Täter nicht gestand und das Opfer schwieg. Aber so leicht würde es nicht noch einmal geschehen, dachte der Internist, als Andrea ihn zum Abschied umarmte. Sie war muskulös wie eine Athletin und in ihren Augen lag ein Blick, wie er ihn noch nie bei einem Kind gesehen hatte: Hass und unverhohlene Rachsucht.

3

Van Arkel betrachtete das Foto von Ronnie Calypsos unversehrter rechter Gesichtshälfte. Von dieser Seite aus wirkte der Tote genauso friedlich wie die dänische Moorleiche, die er letztes Jahr gesehen hatte. Er war beeindruckt gewesen von dem Frieden auf dem zwanzig Jahrhunderte alten Gesicht. Obwohl der Mann aus Tollund gewusst haben musste, was ihn erwartete. Hatte Ronnie van Splunter es auch gewusst? Van Arkel blickte Seyat an, der ihm am Schreibtisch gegenübersaß, und fragte: »Kanntest du ihn?«

»Ich habe mich gelegentlich mit ihm unterhalten. Ich weiß, wie und wo er wohnte.«

»Allein?«

»Nein, mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen.«

»Kennst du die auch?«

Seyat starrte das Foto lange an. »Ich kenne seine Schwester«, sagte er schließlich.

Sie schauten sich an und wandten gleichzeitig den Blick ab.

»Es ist vorbei«, sagte Seyat.

»Bist du mit ihr ins Bett gegangen?«

Seyat seufzte. »Man könnte eher sagen, dass sie mit mir ins Bett gegangen ist.«

»Während der Dienstzeit?«

»Ja.«

»Wie dumm, Brigadier. Strohdumm. Ich hoffe, sie schmeißt nicht mit Steinen auf dein Glashaus.«

Seyat warf das Foto auf den Tisch. »Ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen, Ben. Es ist nun mal passiert, vor einem Jahr. Ich hatte gerade die Scheidung hinter mir ...«

»Und?«