Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Der Krieg der Puppenspieler E-Book

Larry Niven

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E-Book-Beschreibung Der Krieg der Puppenspieler - Larry Niven

Eine Reihe explodierender Sonnen droht die Galaxis zu vernichten. Als das Volk der Puppenspieler sich in Sicherheit bringen will, versperrt ihnen unversehens eine feindliche Spezies den Weg. Ein Krieg ist unvermeidlich, doch sind die Puppenspieler im Grunde ein Volk von Feiglingen. In ihrer Not suchen Sie sich Hilfe - ausgerechnet bei dem paranoiden Menschen Sigmund Ausfaller ...

Meinungen über das E-Book Der Krieg der Puppenspieler - Larry Niven

E-Book-Leseprobe Der Krieg der Puppenspieler - Larry Niven

LARRY NIVENEDWARD M. LERNER

DER KRIEG DERPUPPENSPIELER

ROMAN

Aus dem Amerikanischenvon Ulf Ritgen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2009 by Larry Niven and Edward M. Lerner

Published by arrangement with Larry Niven and Edward M. Lerner

This book was negotiated through

Literary Agency Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Destroyer of Worlds«

Originalverlag: Tor Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2011 by Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Köln

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN: 978-3-8387-0255-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Werner Heisenberg - vielleicht

INHALTSVERZEICHNIS

Dramatis Personae

Prolog

Drohendes Unheil

Thssthfok

Der letzte Strohhalm

Die letzte Hoffnung

Augenzeugin der Geschichte

Weltenzerstörer

Endspiel

Epilog

DRAMATIS PERSONAE

MENSCHEN1

Sigmund Ausfaller – Verteidigungsminister von New Terra (und Leiter des Geheimdienstes); stammt ursprünglich von der Erde

Sabrina Gomez-Vanderhoff – Planetargouverneurin von New Terra

Eric Huang-Mbeke – Held der Unabhängigkeitsbewegung von New Terra; Ingenieur

Alice Jordan – Flüchtling aus dem Sol-System

Penelope Mitchell-Daskovics – Biologin im Dienst der Regierung von New Terra

Kirsten Quinn-Kovacs – Heldin der Unabhängigkeitsbewegung von New Terra; Mathematik-Genie, Pilotin und Navigatorin der Don Quixote

Omar Tanaka-Singh – Held der Unabhängigkeitsbewegung von New Terra

BÜRGER/PUPPENSPIELER

Baedeker – Ingenieur; in Ungnade gefallener ehemaliger Angestellter der General Products Corporation; im selbstgewählten Exil auf New Terra

Minerva – Baedekers Forschungsassistent

Nessus – Kundschafter der Konkordanz

Nike – Hinterster der Konkordanz und Vorsitzender der Experimentalistenpartei

Vesta – stellvertretender Außenminister; Leiter des Geheimen Direktorats

PAK

Thssthfok – Klimatologe, dann Exilant, dann Schiffbrüchiger

Phssthpok – Anstifter des Bibliothekarskrieges; Pilot des Rettungsschiffs, das ausgesandt wurde, um die Verlorene Kolonie zu finden

GW’OTH

Ol’t’ro – 16-plex-Verstandeskollektiv (d.h. ein Gw'otesht 16er-Verband)

Er’o – Physiker und Forschungsreisender; führende Wesenheit innerhalb von Ol't'ro

PROLOG

1

Intelligenz wurde überbewertet.

Intelligenz war zwar nicht unbedeutend, aber lange nicht so wichtig, wie viele meinten. Denn unerbittlich sprang Intelligenz von reiner Beobachtung zu subtilen Implikationen, weiter zu tiefschürfenden Schlussfolgerungen und schließlich zu absoluter Gewissheit. Intelligenz enthüllte mit derselben Unerbittlichkeit Bedrohungen und Schwächen, erkannte Gelegenheiten, die sich immer und überall ergaben. Intelligenz verstand, dass andere in der gleichen Geschwindigkeit zu ähnlichen Schlussfolgerungen kamen …

Und dass zahllose Rivalen daraufhin augenblicklich handeln würden.

Protektor zu werden, zu dieser Intelligenz zu erwachen, bedeutete, jegliche Unschuld zu verlieren - und damit auch die Fähigkeit, jemals nicht wachsam zu sein.

Doch hier und jetzt, so unendlich weit von der Heimat entfernt, lagen die Dinge anders.

Allein stand Thssthfok in den Weiten der Eiswüste. Er trug nichts als eine dünne Weste, die er jedoch ihrer unzähligen Taschen wegen anhatte, nicht, damit sie ihn wärmte. Seine harte, ledrige Haut war sein Schutz vor der Kälte, zumindest für kurze Zeit würde das genügen. Ein tragbarer Unterschlupf befand sich nur wenige Schritte hinter ihm; sein Shuttle war auch nicht viel weiter entfernt.

Die Luft war klar und frisch, aber ohne jeden Reiz für Thssthfoks Geruchssinn. In den Ozeanen dieser urtümlichen Welt wimmelte es von Lebensformen, die meisten davon Einzeller; die Landmassen hingegen waren unbesiedelt. Heimische Raubtiere, die Thssthfok hätte fürchten müssen, gab es also nicht. Protektoren, die Furcht erregendsten aller Raubtiere, gab es in einem Umkreis von mindestens einem Zehnteltag nicht - außer ihm selbstverständlich.

Die Nachkommen und Brüter, die zu beschützen Thssthfoks gesamter Lebenszweck war, befanden sich alle auf Pakwelt, so weit entfernt, dass keinerlei Kontakt möglich war. Ihre Sicherheit lag nun in den Händen des Clans, dem er sie anvertraut hatte. Darüber hinaus hatte er alle anderen Mittel ausgereizt - Geiseln genommen, Belohnungen in Aussicht gestellt, die furchtbarsten Drohungen ausgestoßen. Ohne diese umfassenden Maßnahmen hätte Thssthfok nicht hierherkommen können. Das aber wäre überaus bedauerlich gewesen. Denn wenn seine Mission erfolgreich sein sollte, würde jedes einzelne Mitglied des Rilchuk-Clans Sicherheit in einem Maße genießen, so umfassend wie nur irgend vorstellbar …

Sie wären erlöst von den endlosen Kriegen auf Pakwelt.

Das einzige Geräusch, abgesehen vom Wispern des Windes, war das Surren der starken Elektromotoren, die dabei waren, mittels Bohrungen aus den tiefen Erdschichten Proben zu nehmen. Eingeschlossen im Gletschereis nämlich ruhte dort eine Geschichte, die zu schreiben Weltalter auf Weltalter nötig gewesen war. Sie stand in den Schichten aus Eis zu lesen, in den Spuren von Asche und den mikroskopisch kleinen Blasen im Eis gefangener Gase.

Thssthfok war hier, um diese Geschichte zu lesen.

Sättigung und Dichte der eingeschlossenen Gase würden ihm davon berichten, wie sich das Klima entwickelt hatte. Die Aschekonzentration und -verteilung würde ihm die Häufigkeit von Vulkanausbrüchen verraten. Von gelegentlichen staubkorngroßen Einschlüssen seltener Metalle wie Iridium ließe sich auf Einschläge großer Meteore schließen. Fänden sich Muster in der Abfolge und Dicke von Schichtungen, dann wüsste Thssthfok von Schwankungen der Meeresspiegel und planetenweiten Vereisungsperioden. Gerade diese letzte Information, dazu die detaillierten Beobachtungen der soeben in die Umlaufbahn gebrachten Satelliten und die Messwerte zu den Orbitalparametern dieser Welt … zusammengenommen würden diese Erkenntnisse ihm viel über die Eignung dieser Welt sagen, und zwar auf lange Sicht gesehen.

Denn diese Welt bot auch sehr viel gemäßigtere Klimabedingungen. Mit der rechten Vorbereitung könnten weite Landstriche auf den Kontinenten ein ebenso angenehmer Lebensraum sein wie die weiten Savannen, denen die Pak ihre Evolution verdankten. Allerdings nur, wenn die momentanen Bedingungen fortbestünden. Planetare Umgestaltung kostete Zeit und jede Menge Ressourcen. Den ganzen Clan umzusiedeln, hunderte von Protektoren und viele tausend Nachkommen und Brüter, wäre sowieso ein enormes Unterfangen. Thssthfok war hunderte von Lichtjahren gereist, um die Antwort auf eine einzige Frage zu finden: Wie veränderlich war das Klima hier auf dieser Welt?

Die Bohrkernproben mussten so weit in der Zeit zurückreichen wie möglich. Vorhersagen zur Veränderlichkeit klimatischer Bedingungen, die nur auf gegenwärtigen Daten fußten, besaßen nicht mehr Aussagekraft als Antworten in einem Ratespiel. Das war keine Grundlage, um über das Schicksal von allem und jedem, was Thssthfok lieb und teuer war, zu entscheiden. Das Eis würde seine Geheimnisse preisgeben. Eile gegenüber würde es sich jedoch als widerständig erweisen …

Auf diese Weise nun, weit entfernt von der Gefahr, abgeschnitten von jeglichen Hinweisen auf die Umstände, in denen sich seine Brüter befanden, war Thssthfok in Sicherheit. Ganz anders als irgendwo, zu welcher Zeit auch immer, er es auf der Pakwelt gewesen wäre, war er in Sicherheit und brauchte seiner Umgebung keinerlei Beachtung zu schenken. Er brauchte weder der Vergangenheit noch der Zukunft Beachtung zu schenken. So sehr war er in Sicherheit, dass er, was einem Protektor gar nicht entsprach, in eine nicht enden wollende Gegenwart eintauchen durfte. Er durfte in eine Zeit zurückkehren, die vor jedem Gedanken lag.

Er war so sehr in Sicherheit, dass er von seiner Zeit als Brüter träumen durfte …

Thssthfok erinnerte sich.

Er erinnerte sich an das Jagen, die Paarung, das Kämpfen und das Erkunden. Alles war Genuss gewesen, pure Freude. Er erinnerte sich daran, dass alles seine Neugier weckte, er aber so gut wie nichts begriff. Er erinnerte sich gut daran, wie stolz er darauf gewesen war, diese lächerlichen paar Werkzeuge herstellen zu können: angespitzte Stöcke, verschiedenartige Steinkeile, Riemen und Bänder aus gegerbter Tierhaut. Thssthfok erinnerte sich daran, wie er ehrfurchtsvoll in die Flammen von Lagerfeuern gestiert hatte. Er erinnerte sich daran, sich mit Sippenmitgliedern unterhalten zu haben - wenn man den Austausch von Gedanken und Gefühlen mithilfe von ein paar hundert Grunzlauten und Gesten überhaupt als Unterhaltung bezeichnen konnte.

Damals war die Welt neu und aufregend gewesen, wenn auch im Großen und Ganzen unerklärlich. Manchmal war bei Todesfällen der Grund offensichtlich: Den einen hatten wilde Tiere zerrissen, der andere war aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt oder von einem Speer durchbohrt worden. Aber oft starb jemand, ohne dass es eine Vorwarnung oder einen Grund gegeben hätte. Da blieb nur plötzlicher Gifthauch als Erklärung, die Ausdünstung übler Gerüche.

Denn Geruch war alles: So spürte man Feinde auf oder ging ihnen aus dem Weg. Der Geruch verband die Sippe; der Geruch zog einen zur Paarung, und am Geruch erkannte man die eigenen Nachkommen.

Thssthfok erinnerte sich an den vielfältigen, köstlich warmen Geruch der Sippe. Jedes Mitglied der Sippe hatte einen eigenen, einzigartigen Geruch. Dessen raffinierte Feinheiten gaben über Generationen hinweg eine Abstammungslinie preis. Damals hatte man ihn noch nicht Thssthfok genannt. Es gab keine Namen, denn Namen waren nicht notwendig. Den Verwandtschaftsgrad zu riechen genügte vollauf.

Geruch war alles, und der Tod war überall, und das Leben …

Das Leben war spannend; es sprühte vor Kraft.

Blitze und Sternenfunkeln, Jahreszeiten und Gezeiten, die Eigenheiten der wilden Tiere und die Wünsche und Bedürfnisse der geheimnisvollen Wesen, auf die man in der Ferne gelegentlich einen Blick erhaschen konnte (oder noch seltener: die einem nahe kamen, sich einmischten) … alles war unergründlich und wundersam. Trotz ihrer Intensität und Unauslöschlichkeit waren diese Erinnerungen verschwommen. Ein Brüter steckte eben immer nur kurz einen Zeh in die Unermesslichkeit des Ozeans aus Weisheit.

Und dann, eines Tages, geschah es: Wie alle Brüter, die im richtigen Alter waren, roch er …

… den Himmel.

Der Himmel war eine weitere unter vielen vagen Vorstellungen, die die Brüter teilten. So wie sie selbst Steine und Speere warfen, warfen - das war ganz offensichtlich - höhere, machtvollere Wesen die Blitze. Wer außer Göttern hätte den Mond und die Sonne über das Firmament tragen können? Wer außer Göttern konnte die Sterne am Himmel verteilen und die Phasen des Mondes bestimmen? Möglicherweise stiegen die Götter vom Himmel herab, so glaubten viele, und nähmen die Gestalt der Sterblichen an, um ihr Volk zu besuchen. Das würde die geheimnisvollen Fremden erklären und auch ihre machtvollen, magischen Werkzeuge. Weil der Himmel doch gewiss ein besserer Ort war, würde erklären, warum die geheimnisvollen Fremden so selten herab zu den Brütern und ihren Sippen kamen.

Der Himmel, so stellte sich heraus, war gar nicht hoch droben in den Lüften.

Der Himmel war ein Baum, kaum mehr als ein Busch, auf jede erdenkliche Art und Weise ganz gewöhnlich. Viele Male war der Brüter, der Thssthfok gewesen war, schon an diesem Baum vorbeigegangen; der Baum gehörte zu den gänzlich vertrauten Dingen. An jenem Tag aber hatte der Baum einen unwiderstehlichen Duft verströmt. Plötzlich hatte sich Thssthfok kniend an den Wurzeln des Baums wiedergefunden. Mit bloßen Händen hatte er in der steinigen Erde gegraben. Der Duft zwang ihn, drängte ihn vorwärts, tiefer hinein in die Erde. Abgebrochene Fingernägel und aufgeschürfte Haut waren belanglos gewesen, auch das Blut, das von seinen Händen troff. Er musste es finden …

Er wusste nur nicht was.

Die Finger, mit denen er wie wild in der Erde grub, stießen auf ein langes Stück knorriger, rötlich gelber Wurzel. Der Duft wurde überwältigend. Als er sich das nächste Mal seiner selbst bewusst wurde, hatte er schreckliche Magenkrämpfe. Völlig hirnlos mahlten seine Kiefer auf etwas herum, das viel zu faserig war, um es zu kauen. Er lag auf dem Rücken, neben einer langen, ausgegrabenen Baumwurzel ausgestreckt. An der Wurzel hingen einige Knollen mit rauer Schale. Pflanzensaft quoll aus Wunden, wo vormals, das schien sicher, Knollen gesessen hatten, die ausgerissen worden waren. In einem der hintersten Winkel seines Gehirns dämmerte es Thssthfok, dass es eine dieser Knollen war, auf der er gerade erfolglos herumkaute.

Um ihn herum stank es. Ein Teil von ihm wollte den Gestank fliehen; ein anderer Teil aber erkannte den Gestank als seinen eigenen. Dass sein ureigener Geruch sich verwandeln könnte, war erschreckend. Zugleich erkannte ein anderer Teil von Thssthfok mit ungewöhnlicher Klarheit, dass das, was ihn da überkommen hatte, ihn hilflos hatte werden lassen. Diese infernalische Ausdünstung aber würde, wenn andere sie ebenso abstoßend fänden wie er selbst, ihm Feinde vom Leib halten.

Der neue Geruch allerdings nahm bereits an Intensität ab. Er verwandelte sich erneut, und zwar diesmal in einen Geruch, der Thssthfok seltsam richtig für sich selbst erschien. Wie konnte das nur sein? Was sonst hatte sich verändert? In plötzlicher Panik tastete er seinen Körper ab.

Sein Haar war ihm in ganzen Büscheln ausgefallen, am Kopf ebenso wie auf der Brust und an allen Gliedern. Seine Knie, Ellbogen und Hüftknochen standen mit einem Mal hervor; auf wundersame Art waren sie riesig geworden. Die Fingerknöchel waren entzündet und verdickt. Sein Mund fühlte sich seltsam an, die Haut war unerklärlich straff. Mit der freien Hand, in der anderen hielt er noch die halb gegessene Knolle, berührte er erschrocken Lippen und Zahnfleisch, nur um festzustellen, dass sie zusammengewachsen waren. Seine Wangen fühlten sich an wie gegerbte Tierhaut. Er tastete seine Brust, seine Beine und den anderen Arm ab: Sie waren kräftiger geworden. Angstvoll blickte er hinunter zu seinen intimsten Körperteilen - und sie waren fort!

Er heulte auf. Seinen gequälten Aufschrei aber dämpften die Reste jener Wurzel in seinem Mund, deren Genuss ihn zum Krüppel gemacht hatte. Und dennoch …

Trotz Schmerz, Schock und Verwirrung konnte er nicht umhin, eines zu bemerken: Seine Gedanken waren nie klarer gewesen.

Er kaute weiter.

Das Dröhnen der Maschinen veränderte die Tonhöhe, als ein weiterer Bohrkern aus den Gletschertiefen sich der Oberfläche näherte.

Thssthfok kehrte aus der zeitlosen Gegenwart eines Brüters in diese, seine eigene Gegenwart zurück. Sein Erwachen wurde vom Gefühl eines großen Verlustes begleitet. Brüter fühlten. Als Brüter war er eins gewesen mit dem Land, eins mit der Sippe; jede Erfahrung hatte ihn in glühende Begeisterung versetzt.

Intelligenz war ein schwacher Ersatz dafür.

Nur ein einziges Gefühl war ihm geblieben, so intensiv, dass es alles andere überstrahlte: Er musste die beschützen, die er zurückgelassen hatte. Das hieß nicht etwa seine Nachkommen. Denn sie existierten schon lange nicht mehr. Entweder waren sie tot oder wie er selbst von der Wurzel des Lebensbaums verwandelt worden. Aber deren Nachkommen und die Kindeskinder ihrer Kindeskinder, die galt es zu beschützen.

Ebenso viele Generationen würden noch einmal vergehen, ehe Thssthfok zurückkehren könnte. Nicht allerdings nach Schiffszeit: da wären kaum sechs Jahre vergangen. Denn sein Schiff bewegte sich knapp unterhalb der Lichtgeschwindigkeit durch den Raum. Thssthfok selbst wäre sogar noch weniger gealtert. Seine biologische Uhr würde im Kälteschlaf beinahe bis zum Stillstand verlangsamt.

Geruch und Erinnerung waren untrennbar miteinander verbunden. Jetzt, wo die Erinnerung an die Heimat wach geworden war und daher die Eindrücke wieder ganz frisch, schien Thssthfok die sterile, geruchlose Luft über dem vom Wind glatt gefegten Eis bedrückend. Vielleicht sollte er für eine Weile zur Hauptbasis der Expedition auf den südlichen, gemäßigten Kontinent zurückkehren. Dort saßen Geologen und Biologen an ihren Forschungsaufträgen. Dort fände sich dann wenigstens der Geruch von Verwandten, auch wenn es nur ein schwacher Abklatsch dieses Geruches war, verströmt von Protektoren wie ihm selbst. An Bord des Schiffes dann gab es wenigstens noch synthetische Gerüche. Zwar verblasste auch die beste Arbeit eines Parfümeurs neben den schweren, miteinander verschmolzenen Wohlgerüchen der Heimat und der Sippe, aber es war wenigstens etwas.

Ein dumpf-metallisches Klunck kündigte die Ankunft des letzten Tiefenbohrkerns aus dem Eis an. Thssthfok benutzte eine Zange, damit die Wärme, die seine Hände ausstrahlten, kein noch so kleines Detail vernichtete. Er legte den schlanken Probenzylinder in eine durchsichtige Isoliertasche. Die Schichtung der Probe war bereits automatisch gescannt worden; die Ergebnisse erschienen sofort auf dem Display. Thssthfok jedoch untersuchte die Eisprobe lieber selbst. Wenn es darum ging, Muster aus vermeintlicher Regellosigkeit herauszulesen, konnte keine Maschine mit Augen, Gehirn und Äonen der Evolution mithalten.

Mühelos sonderte Thssthfok Schichtungen auf Grund von Druckbeanspruchung aus, die mit der Tiefe korrelierten. Erst danach begann er mit seiner Analyse der Schichten im Eis. Einige dieser Schichten waren dicker als andere, die Niederschlagsmengen hier am Bohrort ein Hinweis auf den Schneefall weltweit. Mit einem Blick sah er Zyklus auf Zyklus folgen.

Die Sonne, der Mond und die benachbarten Planeten beeinflussten mit ihren Schwerefeldern diese Welt, zerrten an ihr, alle auf ihre eigene Weise, alle mit ihrem eigenen Tempo. Daher veränderte sich für diese Welt die Gestalt ihres Orbits, die Neigung ihrer Achse und die langsame Präzession ihrer axialen Neigung. Mit jeder Verschiebung variierte auch die Kraft der Sonneneinstrahlung auf den gesamten Globus.

Solche Einzelheiten bestimmten das Klima.

Genau wie die vorherigen Proben erzählte dieser letzte Bohrkern von den Eiszeiten. Orbitalveränderungen erklärten das meiste und Schichten aus Vulkanasche den Rest. Die Bohrung aus dem Eis enthielt nicht einen einzigen Grund, für die nächsten Jahrtausende mit einer neuerlichen Eiszeit zu rechnen.

Mit größter Wahrscheinlichkeit würde Pakwelt sehr viel eher eine neue Eiszeit erleben. Mit etwas Glück würde diese als Folge von Pakwelts eigenem astronomischen Zyklus erst lange nach Thssthfoks Tod eintreten. (Hätte Thssthfok Pech, nun, eigentlich wohl besser: alles liefe nur einfach normal, würde er sehr viel eher ein weiteres Opfer des Krieges. Die meisten Protektoren blieben im Krieg. Der Streit um die verbliebenen Ressourcen veränderte sich nie in seiner Heftigkeit.)

Ein Teil von Thssthfok fand eine Eiszeit, besonders eine, die von einem nuklearen Winter beschleunigt wurde, faszinierend. Aber er war mehr Protektor als Klimatologe. Seine eigene Sippe wäre in Gefahr und er zu weit fort, um sie zu verteidigen. Daher erfüllte ihn diese Vorstellung mit Grauen. Selbst ein begrenzter atomarer Schlagabtausch würde die gemäßigten Klimazonen für lange Zeit unbewohnbar machen. Jede Sippe aus diesen Regionen zöge aus, um neuen Lebensraum für ihre Brüter zu erobern. Die Kämpfe um Territorien im Äquatorgürtel würden mit unvorstellbarer Brutalität geführt.

Rilchuk, die Insel, auf der Thssthfok geboren worden war, die Heimat seiner Sippe, lag auf dem Äquator. Das dortige Land wäre auf einen Schlag unermesslich wertvoll. Brüter mit dem falschen Geruch - seine Sippe also! - würden von jedem Eroberer niedergemetzelt.

Thssthfok dachte: Ich muss ein neues Rilchuk finden, egal, ob auf diesem Planeten oder auf einem anderen, einen Ort, um meinen Nachfahren für viele Generationen Schutz zu gewähren.

Wenn es nicht schon längst zu spät ist.

Wie bereits hunderte Male, seit er aus dem Kälteschlaf erwacht war, unterdrückte Thssthfok dieses ungute Gefühl. Ließe er erst Zweifel knospen und erblühen, verlöre er jeglichen Lebenswillen. Es war besser, sich nicht mit Dingen zu beschäftigen, von denen man nichts wusste.

Mit neu gewonnener Hingabe widmete Thssthfok sich wieder der Bohrkernprobe aus dem Eis. Er spürte es in den Knochen: Das war die richtige Welt! Je eher er es beweisen könnte, desto eher könnte er seine Nachfahren aus der Kriegsgefahr fortbri …

In einer der geschlossenen Taschen seiner Weste schrillte Thssthfoks Funkgerät. Es war auf den Kommandokanal eingestellt. Das grelle Schrillen war eindeutig: Notsignal zur sofortigen Rückkehr.

Rückkehr? Thssthfok benötigte noch Proben aus größerer Tiefe, um zu beweisen, dass diese Welt sicher war. Um seine Brüter wirklich in Sicherheit zu wissen. Allein schon die Bohrkerne aus dem Eis anständig zu verpacken und das Bohrgerät zu bergen, würde einen halben Tag dauern. Er griff nach dem Funkgerät: »Commander, ich erbitte einen weiteren Tag Aufschub. Die Bohrkerne …«

Bphtolnok, Kommandantin dieser Mission, war auf dem Ramjet im Orbit stationiert. Dass die Kommandantin die Schwester von Thssthfoks Großvater war, würde ihm keinerlei Vorteile einbringen. Jeder auf dieser Mission war Teil der Sippe.

Bphtolnok fiel Thssthfok ins Wort. »In zwei Zehnteltagen an Bord oder du wirst zurückgelassen!«

2

Der Rückruf aller vom Planeten brachte Chaos in den Hangar. Thssthfok war immer noch dabei, sein Shuttle zu sichern, als er erneut gerufen wurde.

Er bahnte sich seinen Weg durch vollgestopfte Gänge, die vom Lärm vieler Stimmen und dem Dröhnen der Lüftungsanlagen widerhallten. Es war eigentlich gar nicht vorgesehen, dass sich die gesamte Schiffsbesatzung im Wachzustand an Bord aufhielte. Was auch immer der Grund für den Rückruf war, so konnte es nicht bleiben. Die Lebenserhaltungssysteme konnten gar nicht so viele auf einmal mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Momentan sollten zumindest einige sich schon in die Warteschlangen vor den Kälteschlafkammern eingereiht haben.

Noch während Thssthfok sich durch die Menge drängte, erreichte die New Hope maximale Beschleunigung.

Thssthfok betrat die Kommandanten-Kabine und fand dort neben Bphtolnok, der Kommandantin, vier weitere Pak vor. Drei davon waren, wie die Kommandantin, Krieger, gezeichnet durch ehrenvoll im Kampf erworbene Narben. Der vierte Anwesende, Thssthfoks Halbbruder Floshftok, war Astrophysiker.

Preisgabe einer viel versprechenden Kolonie-Welt. Ein Notfall-Start - und die Kommandantin war nicht auf der Brücke. Eine Dringlichkeitsbesprechung, die Militärtaktik, Astrophysik und Klimatologie betraf. Jeder dieser Umstände war für sich genommen bereits außergewöhnlich. Und alle zusammen? Es konnte nur einen einzigen Grund für all das geben: Die Brüter ihrer Sippe waren in Gefahr!

Jede Nachricht von Rilchuk wäre Jahrhunderte unterwegs gewesen. Obwohl Thssthfok seit Tagen zum ersten Mal den Sippengeruch aufnahm, erkannte er sofort Verzweiflung. Protektoren ohne Brüter besaßen keinen Lebenszweck. Sie verloren den Willen zu leben, verloren ihren Appetit und verhungerten elendiglich.

Trotzdem.

Zumindest Bphtolnok musste die Gefahr kennen, die ihnen drohte - und sie hatte entschlossen gehandelt. Es musste also noch Zeit sein. Gefahr musste von anderswo drohen, nicht auf Pakwelt selbst.

Floshftoks Anwesenheit bewies, dass die Bedrohung eine astrophysikalische Komponente aufweisen musste: etwas, das in den Weiten des Raums entdeckt worden war. Eine unerwartete Neutrino-Fluktuation von Fusionsreaktoren im benachbarten Sonnensystem möglicherweise. Oder der hungrige Rachen eines Ramjets, der sich näherte. Oder der weißglühende Ausstoß eines Fusionsantriebs eines Ramjets oder eines anderen Kriegsschiffes, das abbremste, um hierher, in den Orbit dieser Welt, zu gelangen.

Um ebensolche fernen Bedrohungen von natürlichen Phänomenen zu unterscheiden, war ein Astrophysiker Teil dieser Expedition.

Pak oder Fremdwesen - die Reaktion wäre dieselbe. Wenn es Pak wären, dann waren es sicher Rivalen um die unverbrauchte Welt, in deren Orbit die New Hope gerade eben noch gekreist hatte. Wenn es Fremdweltler waren, dann dürften auch sie potenzielle Rivalen um diese Welt sein. Thssthfok hatte kein Interesse an anderen intelligenten Spezies. Neugier war eine Brütereigenschaft; längst also hatte er sie hinter sich gelassen.

Pak oder Fremdweltler, Eindringlinge oder Nachbarn - wen immer Floshftok ausgemacht hatte, er musste vernichtet werden. All diese Gedanken schossen Thssthfok durch den Kopf, während er die kleine Kabine durchquerte und Platz nahm. Im Verlangen, mehr zu erfahren, beugte er sich gespannt vor.

»Fass alles noch einmal zusammen!«, befahl die Kommandantin.

Floshftok rief eine holographische Darstellung der stellaren Nachbarregionen auf. Zu sehen war die unendliche Weite des Raums zwischen den Sternen in der Nachbarschaft als Falschfarbenbild. Jede Farbe stand für eine bestimme Art von Strahlung.

Thssthfok betrachtete die Darstellung aufmerksam: Was immer es war, es war zu groß, um etwas anderes als ein astronomisches Phänomen zu sein. Jede Menge Neutrinos und die Strahlung von … tja, was?

»Supernovae«, erklärte Floshftok.

Mehrzahl. Aber wie viele? Die Wellenfront zeigte keinerlei Krümmung. Dann waren es also viele Supernovae, die kugelförmigen Wellenfronten jeder einzelnen Explosion glichen sich wechselseitig aus. »Das galaktische Zentrum?«, fragte Thssthfok ungläubig. Je näher ein Stern in der letzten Brennphase am Ende seines Lebens einer Supernova war, desto wahrscheinlicher kam es zu einer …

»Kettenreaktion«, gab Floshftok ihm Recht.

Und so ging die Dringlichkeitssitzung weiter; selten wurde mehr als ein Wort oder ein kurzer Satz untereinander ausgetauscht. Die Brüter, um deren Sicherheit Thssthfok Angst hatte, brauchten dagegen viele Wörter, um die einfachsten Gedanken wiederzugeben. Protektoren jedoch pressten auch noch der leisesten Andeutung Inhalt ab. Ihr Verstand arbeitete in solch hohem Tempo, dass ihre Argumente und Schlussfolgerungen nicht in Worte zu fassen waren.

Keine Supernova hatte den Nachthimmel von New Rilchuk erhellt. Was Floshftok entdeckt hatte, war der äußerste, vorderste Rand einer Wellenfront. Die Strahlung, über den ganzen Frequenzbereich des Spektrums, musste von stellaren Überresten hinter den Neutrinos ausgehen. Die Druckwelle würde auf ein Zehntel der Lichtgeschwindigkeit anwachsen, wäre tausende Lichtjahre breit. Sie würde alles Leben auf jedweder Welt in ihrem Weg auslöschen.

Kein Wunder, dass die New Hope die Flucht ergriffen hatte.

Kein Krieger, auch kein Klimatologe oder Astrophysiker konnte einem explodierenden Stern die Stirn bieten. Thssthfok blickte sich am Tisch um. Dieses Mal war es einer der Krieger, der Thssthfok mit der Schlussfolgerung zuvorkam.

Klssthfok, der dienstälteste Taktiker an Bord, sagte: »Das Ende aller Zyklen.«

Seit Jahrmillionen - zur näheren Bestimmung von wie vielen Millionen Jahren waren die historischen Aufzeichnungen zu lückenhaft - hatten die Pak für Sippe und Clan gekämpft. Aus allem und jedem hatte man versucht, Vorteile zu ziehen; jede noch so schreckliche Folge wurde entschuldigt. Im Verlauf der Auseinandersetzungen hatten Pak einander mit jeder erdenklichen Katastrophe heimgesucht. Ökologische Zusammenbrüche. Gentechnisch erzeugte Seuchen. Nukleare Winter. Bombardierungen vom Weltraum aus. Vergiftete Wüsten und radioaktives Ödland. Dieses Erbe umfasste nicht nur ganz Pakwelt, sondern auch Asteroide wie Monde des gesamten Heimatsystems und jede kolonisierbare Welt der näher gelegenen Sterne.

Der Wiederaufbau wurde nach jedem dieser Kollapse immer schwieriger zu bewerkstelligen, die Phasen der Erholung beanspruchten immer mehr Zeit. Ol und Kohle gab es auf Pakwelt schon lange nicht mehr; ebenso fehlte das meiste an spaltbarem Material. Deuterium und Tritium waren aus den Meeren so gut wie verschwunden. Metalle wurden öfter aus antiken Ruinen gewonnen, denn als Erz in neuen Minen gefördert. Nur Wissen - manchmal zumindest - dauerte fort, um die Leiden zu mildern.

Und um den nächsten Kollaps voranzutreiben.

Nur gab es keine Erholung mehr für eine Welt, die steril wäre.

»Ein letzter, endgültiger Kollaps«, sagte Thssthfok. Darum also hatte man ihn hierher gerufen. Sobald die bevorstehende Katastrophe allgemein bekannt würde, hätten alle Protektoren auf Pakwelt nur ein einziges Ziel: mit ihren Brütern zu flüchten.

Es gab aber nicht genügend Ressourcen, um eine ganze Welt zu evakuieren.

Es gäbe Krieg um die wenigen Raumschiffe und um die Ressourcen, die möglicherweise genutzt werden könnten, um weitere Schiffe zu bauen. Es gäbe Krieg um jede Art von Versorgungsgütern, die notwendig waren, um ein Schiff auszurüsten. Und weil dies unvermeidlich der letzte Krieg war, würde dieser Krieg ohne jede Rücksicht, völlig ungehemmt geführt.

Doch egal, wie nah die New Hope an der Lichtgeschwindigkeit war, das Schiff vermochte nicht ganz die Wellenfront einzuholen, die gerade auf Pakwelt zuraste, um die Heimat vor der Katastrophe zu warnen. Trotzdem musste die Besatzung der New Hope zu ihren Brütern zurückkehren. Zwangsläufig würde das Schiff mitten in dem erbittertsten Krieg zurückkehren, der denkbar war.

Kein lebender Pak hatte je einen nuklearen Winter erlebt. Die Taktiker bräuchten die bestmöglichen Informationen über die Bedingungen, unter denen der Krieg stattfände. Der Großteil der Besatzung schliefe während des anstehenden Fluges, doch Thssthfok würde die Bedingungen analysieren, die sie bei ihrer Ankunft vorfänden.

Thssthfok fragte sich, ohne die Möglichkeit einer Antwort auf diese Frage zu erhalten, ob er dann noch Brüter hätte, die er retten könnte.

3

Pakwelt litt Qualen.

Über den Himmel zogen Bänder in schmutzigem Schwarz. Die Kontinente ertranken im Schnee, die Ozeane waren übersät mit Eisbergen. Tagseite oder Nachtseite unterschieden sich kaum. Wo Rauch und Qualm am dicksten waren, blieb es immer dunkel. Überall sonst beherrschte das grelle Leuchten des galaktischen Zentrums den Himmel.

Trümmerschutt umkreiste die Welt; die Wracks der Raumstationen dieses Raumfahrtzeitalters vereinigten sich mit den Überresten aus vergangenen Zeiten. Neue Krater zeichneten das narbige Gesicht des Mondes, dort, wo zuvor Kolonien florierten. Der vierte Planet hatte einen seiner Monde verloren; seine Überreste verteilten sich gerade zu einem neuen Ring.

In einem Lichtjahr Entfernung bewiesen die Rückstände von Fusionsantrieben einer kleinen Flotte, dass einige Clans hatten entkommen können. Viele Trümmer und Ruinen waren das Werk dieser Davongekommenen: Sie hatten zur eigenen Versorgung alles an Vorräten und Lebensmitteln geplündert und alles vernichtet, was sie nicht hatten stehlen und fortschaffen können, damit rivalisierende Clans es nicht nutzen konnten.

Wie war es dem Rilchuk-Clan ergangen? Das bliebe herauszufinden.

Nach maximaler Beschleunigung war Thssthfoks Shuttle jetzt noch eine Dreitagesreise von Pakwelt entfernt. Die New Hope hatte sich der Heimat ebenso weit genähert, allerdings aus einer anderen Richtung: Versteckt hielt sie dort Position. Die Instrumente des Shuttles registrierten nur verstreute Himmelskörper, Brocken aus Fels und Eis. Ein Strahler, abgefeuert von einem dieser Klumpen, würde Thssthfok ohne jede Vorwarnzeit treffen. Er konnte nichts dagegen tun. Also justierte er, während er wartete, sein Hauptteleskop neu und richtete es auf Pakwelt.

Wären Protektoren dazu in der Lage, Thssthfok hätte geweint.

Nur verkohlte Ruinen und immer noch aufsteigende Säulen aus Asche und Ruß zeigten, wo einst große Städte gestanden hatten. Die große Staumauer im Lobok, einem der breitesten Flüsse, war zerstört worden. Was nicht in die See gespült worden war, lag jetzt in einer dicken Eisschicht gefangen. Nichts war von der einst weitläufigen Insel Rabal geblieben außer einem vulkanischen Stumpf am Meeresboden, ein gespenstischer Anblick. Aus dieser Entfernung war es Thssthfok nicht möglich zu sagen, was eine solch kataklystische Eruption hatte auslösen können. Aber reichlich Theorien dazu schwirrten ihm durch den Kopf.

Der aus uralten Zeiten stammende, weitläufige Komplex der Großen Bibliothek nahe dem südpolaren Ödland wirkte intakt, geradezu friedlich - jedenfalls bei dieser Auflösung. In ihrer Not zu entkommen war alles, worauf Pak ihr ganzes Streben richteten, bessere Bewaffnung. Waffentechnische Neuerungen aber war ein Wissen, das keine Sippe in der Großen Bibliothek aufgehoben wissen wollte. Die sich immer weiter verbreitende Strahlung würde niemanden übrig lassen, der das Wissen noch würde nutzen können, das hier in der Großen Bibliothek zusammengetragen worden war.

Nach Jahrmillionen und zahllosen aufeinander folgenden Zyklen war dieser großartige Verwahrungsort von Wissen, diese Quelle der Weisheit belanglos geworden.

Die Große Bibliothek …

Für viele brüterlose Protektoren war die Große Bibliothek das Leben selbst. Solange sie sich selbst davon zu überzeugen vermochten, dass sie dem Wohl aller Pak dienten, kehrte ihr Appetit zurück, und es gelang ihnen, ihre Abkömmlinge zu überleben.

Für andere wiederum waren die Bibliothekare ein Gräuel, ein Verbrechen gegen die Natur und die Große Bibliothek ein absolut deprimierender Ort.

Thssthfok dachte zurück an seinen Besuch der Großen Bibliothek, kurz bevor die New Hope zu ihrer Expedition aufgebrochen war. Er hatte sich in alte Berichte zur klimatischen Entwicklung von Pakwelt vertieft. Jeder der Gänge in der Großen Bibliothek war mit dem Symbol der Bibliothek geschmückt: die stilisierte Doppelhelix, die für das Leben und die Abfolge der Zyklen stand. Die aufwärts gedrehte Spirale stand für das Versprechen, es kämen bessere Zeiten. Es stand auch dafür, dass das Scheitern vergangener Äonen mithilfe des Wissens der Großen Bibliothek gemildert worden sei. Die abwärts gedrehte Spirale verkörperte den zwangsläufig folgenden nächsten Zusammenbruch, das nächste Scheitern, auf das sie immer vorbereitet sein mussten.

Thssthfok war mit seinen Recherchen nur langsam vorangekommen. Die meisten Kenntnisse über das Klima lagen nur in gedruckten Texten vor. Sie waren in nahezu unzerstörbare Metallplatten geprägt. Überlebensfähigkeit hatte Vorrang vor Benutzbarkeit. Man ging davon aus, dass weder das Fehlen von Elektrizität noch das Veralten von Formaten die Daten unbrauchbar machen würde. Nie aber war auch nur ein Gedanke daran verschwendet worden, dass diese archaische Darreichungsform dem Personal der Großen Bibliothek unglaublich viel Arbeit bescherte. Denn es musste gewissenhaft alles aus alten Sprachen in neuere übertragen.

Thssthfok hatte seine Forschungen so schnell wie möglich vorangetrieben. Er war eifrig bemüht gewesen, den Sälen der Großen Bibliothek wieder zu entrinnen. Damals hatte er sich geschworen, sollte seine Blutlinie jemals von einem Schicksalsschlag getroffen und ausgelöscht werden, dann hätte er den Anstand, sich zu Tode zu hungern.

Die Große Bibliothek war eine der wenigen Institutionen der Pak, die über die engen Interessen einer einzelnen Sippe hinausgingen. Denn all diese waren vergänglich und würden vergehen.

Auf manche traf das bereits zu.

Die New Hope hatte das Heimatsystem gerade rechtzeitig erreicht, um Zeuge der Zerstörung des letzten verbliebenen Raumlifts zu werden. Die Konstruktion selbst war zu filigran, als dass man sie selbst mit maximaler Vergrößerung hätte wahrnehmen können. Aber die Zeitlupe der ablaufenden Zerstörung, als die Hälfte des langen Kabels auf dem Boden auftraf, war eindeutig. Unverkennbar war auch, wie die Blockadeflotte auseinander stob, als das andere Ende, das das Gegengewicht bildete, sich losriss. Kaum saßen so die gemeinsamen Feinde auf dem Planeten fest, da wandten sich die Flotten der raumgestützten Zivilisationen auch schon gegeneinander.

Die Insel Rilchuk war immer schon beschwerlich weit entfernt von den jetzt gerade vereisten Landmassen und nie mit den geringsten Bodenschätzen gesegnet gewesen. Sie wurde, jedenfalls im Augenblick, in Ruhe gelassen. Funksprüche in sippenspezifischen Codes wurden mit der flehentlichen Bitte beantwortet, doch bitte gerettet zu werden. Es war also noch nicht zu spät.

Nur so gut wie unmöglich, den Bitten nachzukommen.

Drei schier endlose Jahre voller Sandkastenspiele hatten immer nur gleich bleibende Ergebnisse gezeitigt. Die New Hope allein konnte Rilchuk nicht evakuieren. Sich Pakwelt überhaupt nur zu nähern, wäre töricht. Ein einzelnes Raumschiff konnte sich nicht gegen all jene verteidigen, die eifrig darum bemüht waren, es zu entern. Aber zusätzlich zu ihrem unersetzlichen Schiff hatte die Besatzung noch einen weiteren Aktivposten zu bieten …

Das Radar meldete die Annäherung eines weiteren Shuttles. Thssthfok schaltete das Teleskop-Display ab. Das Auftauchen dieses anderen Raumfahrzeugs war zu erwarten gewesen: Rilchuk war nicht der einzige Clan ohne Alternativen.

Die Schiffe tauschten Authentifizierungscodes aus und koppelten aneinander an. Thssthfok wartete darauf, dass sein Besucher an Bord käme. Trotz der miteinander verbundenen Luftschleusen trug der Fremde einen Druckanzug. Etwas, was ein Med-Scanner zu sein schien, hing an seinem Mehrzweck-Gürtel.

Das Gerät könnte leicht eine getarnte Waffe sein. Aber Thssthfok verlangte nicht, das Gerät zu überprüfen. Nur Verlust seines bewussten Seins oder Tod könnten Thssthfok davon abhalten, das Geheimnis zu schützen, das er jetzt und hier eintauschen wollte. Ein Sicherheitsmodul würde bei der ersten Anomalie seiner Vitalwerte den Kernreaktor des Schiffes detonieren lassen. Angesichts dessen, was auf dem Spiel stand, würde sein Besucher keine geringeren Vorsichtsmaßnahmen erwarten.

Misstrauisch nahm der Besucher seinen Helm ab und prüfte schnüffelnd die Luft. »Qweklothk«, stellte er sich selbst vor.

Ohne einen Clan-Namen zu nennen. Vielleicht unterschied sich kein Schneeball vom anderen. Rilchuk verströmte ein reiches, berauschendes Bouquet, veränderte sich mit den Jahreszeiten und war gewürzt mit dem salzigen Geruch der See. Rilchuk war ein Ort, eine Heimat, ein anständiger Clan-Name. Asteroiden-Bewohner würde genügen müssen, entschied Thssthfok.

Qweklothk sonderte nicht die leiseste Aura von Verwandtschaft ab. Die Haut kribbelte Thssthfok bei diesem ersten neuen Duft seit vielen Jahren. Selbstredend hatte Thssthfok nicht erwartet, hier im Asteroiden-Gürtel auf Sippenangehörige zu stoßen. Doch der Geruchssinn war ein primitiver, urtümlicher Sinn. Er war direkt mit dem Hinterhirn verbunden. Thssthfoks Verstand und seine Instinkte rangen miteinander. »Qweklothk«, wiederholte er.

Es war nichts als ein Etikett, eine bloße Aneinanderreihung von Lauten ohne jede Bedeutung, das ganze Konzept, das dahintersteckte, geradezu schockierend. Thssthfok hingegen war keine beliebige Abfolge von symbolhaften Lauten, sondern stand für das, was ihn ausmachte: die dominanten Pheromone seiner Großeltern, umgesetzt in Laute.

Er selbst war seinem Besucher gewiss ebenso fremd. »Thssthfok von Rilchuk.«

»Zeig es mir!«, verlangte Qweklothk.

Der schmale Frachthangar des Shuttles beherbergte eine Kälteschlafkammer. Thssthfok war als Teilnehmer dieses Zusammentreffens benannt worden, weil er nicht verraten konnte, was er nicht kannte: das Geheimnis der Kälteschlafkammern.

Qweklothk erwartete nichts anderes. Er stellte keine Fragen, während er die Kammer umrundete. Der Scanner, den er nun zur Hand genommen hatte, summte. Qweklothk verglich die Angaben auf seinem Instrument mit denen auf dem Display am Schaltfeld der Kälteschlafkammer. Er wischte Raureif von der Kuppel, um hineinschauen zu können. Reglos lag eine Gestalt darin. Mit etwas Geduld konnte man beobachten, wie sich die Brust langsam hob und senkte.

Qweklothk zog eine Sonde aus einer Tasche seines Druckanzugs hervor. Ohne zu fragen - sie wären schließlich nicht hier, wenn es nicht Thssthfoks Wünschen entspräche -, löste Qweklothk die Kuppel und nahm sie ab, um eine Gewebeprobe zu nehmen. Der Scanner piepte bestätigend.

Die New Hope hatte auf ihrer langen Reise keine Brüter mitgeführt. Der Brüter in der Kälteschlafkammer war in den Kolonien der äußeren Systeme bei einem Überfall zur Nachschubbeschaffung gefangen worden. Seine Sippe war ohnehin so gut wie tot.

Die Kammer verlangsamte den Metabolismus und damit die Absonderung von Pheromonen gegen null. Obwohl dieser Brüter so fremd war wie Qweklothk, verstärkte die geöffnete Kammer den Gestank nicht …

… bis Thssthfok sie weckte. Erfolgreiches Aufwecken war von zentraler Bedeutung für die Vorführung.

Thssthfok und Qweklothk rochen beide gleichermaßen fremd für sie. Das Kreischen des weiblichen Brüters verebbte und wurde vom Schweigen tiefster Verzweiflung ersetzt. Sie zitterte in der Kammer; ihr Blick huschte zwischen den beiden unbekannten Protektoren hin und her. In gewissem Umfang konnten Brüter denken. Sie wusste also, dass sie nur aus einer Laune der Protektoren heraus noch am Leben war.

Qweklothk knuffte und kniff sie, prüfte ihre Reflexe. Er scannte sie, so wie sie dalag. Er hob sie aus der Kammer und stellte sie auf die Füße. Er führte noch mehr Scans durch, während sie dastand und zitterte.

»Annehmbar«, sagte Qweklothk. Damit war der Handel abgeschlossen, und er wandte sich ab, um Thssthfoks Shuttle wieder zu verlassen. Als sei es ihm nachträglich erst eingefallen, brach er dem Brüter das Genick.

Asteroiden-Bewohner besaßen die Rohstoffe und die sonstigen Hilfsmittel, um Raumschiffe zu bauen und vor der sich ausbreitenden Strahlung zu flüchten. Aber das würde ihren Untergang nur herauszögern. Selbst bei Beinahe-Lichtgeschwindigkeit und gemessen in Schiffszeit wäre die Fahrt in die Sicherheit der weit entfernten galaktischen Ausläufer ein monumentales Unterfangen. Ohne Kälteschlaf konnten die Asteroiden-Bewohner, vor allem aber ihre Nachkommen und Brüter, diese Reise unmöglich überleben.

Wohnquartiere auf einem Ramjet gab es nur in begrenzter Anzahl, und sie waren äußerst kärglich in ihrer Ausstattung. In weniger gefährlichen Zeiten war man von der Annahme ausgegangen, der Kälteschlaf würde dem Rilchuk-Clan die Auswanderung in eine neue Heimat erlauben - eine Welt, weit genug entfernt, dass Rivalen ohne Kälteschlafkammern ihnen nicht würden folgen können. Welche Ironie, dachte Thssthfok, dass wir eine solche Welt gefunden haben, nur um sie wieder aufzugeben. Und dass einst einhundert Lichtjahre als große Entfernung galten.

Jetzt würde die Kälteschlaf-Technologie auf andere Weise zur Rettung seiner Blutlinie beitragen.

Viele Asteroiden-Bewohner würden beim Tausch von geretteten Brütern aus Rilchuk gegen Kälteschlaf-Technologie ihr Leben lassen.

Die Armada näherte sich auf Säulen aus Fusionsfeuer. Flugzeuge und Raumschiffe stiegen auf, um sie abzufangen. Strahlenwaffen, Lenkflugkörper und Railguns fauchten auf jedem der flugtauglichen Fahrzeuge auf. Tödlich getroffene Schiffe verschwanden vom Himmel; entweder stürzten sie wie Steine hinab in die Tiefe oder explodierten wie Feuerwerkskörper. Die Evakuierungsflotte kämpfte sich ihren Weg nach Rilchuk frei, kam der Insel immer näher. Zum festgesetzten Zeitpunkt, verschlüsselt in Clan-Codes, sendeten die Schiffe das zuvor vereinbarte Rufsignal über Funk.

Von den entwickelten Gegenden der Insel an ihrem einen Ende aus entfesselten Protektoren ihre Feuerkraft, um die Landung ihrer Retter zu decken. Am entgegengesetzten Ende der Insel, im primitiv gebliebenen, unterentwickelten Teil, duckten sich ängstlich Nachkommen und Brüter in schützende Deckung, als der Lärm losbrach und Chaos herrschte.

Nach schweren Verlusten auf beiden Seiten brachen die feindlichen Schiffe ihren Angriff ab. Die übrig gebliebenen Evakuierungsschiffe sendeten ununterbrochen Sippenerkennungscodes. Sie wurden zu Landezonen in der unbewohnten Mitte der Insel geleitet. Schon im Landeanflug drehten die Schiffe im letzten Augenblick ab …

… und verbrannten mit den Flammen ihrer Fusionsantriebe die Rilchuk-Protektoren am Boden. Die Asteroiden-Bewohner konnten sich ja wohl kaum darauf verlassen, dass die Rilchuk-Protektoren tatenlos zugesehen hätten, wie Fremde ihre Brüter einfingen.

Thssthfok hätte exakt dasselbe getan. Protektoren waren stets - nur aus eigener Sicht vielleicht nicht - entbehrlich.

Über Komm-Relaisstationen und mittels Fernabtastung beobachtete Thssthfok aus der relativen Sicherheit der weit entfernten New Hope, wie die Asteroiden-Bewohner Nachkommen und Brüter zusammentrieben, mit Gas betäubten und in die Schiffe verluden.

Damit hatten die Asteroiden-Bewohner die Rilchuk-Brüter als Geiseln genommen. Der Rilchuk-Clan hatte seinerseits eine große Gruppe Brüter der Asteroiden-Bewohner als Geiseln in seiner Gewalt. Der eine Clan brauchte Kälteschlafkammern und die nötigen Fachkenntnisse. Der andere Clan brauchte zusätzliche Schiffe. Jeder Clan für sich wäre mit Sicherheit dem Untergang geweiht. Zusammen hätten sie vielleicht die Chance zu überleben.

Thssthfok fragte sich, wie lange diese Allianz wohl halten würde.

Der Rilchuk/Asteroiden-Bewohner-Clan zog sich in die leeren Weiten des Raums zurück. Thssthfoks letzter Blick auf Pakwelt, ehe er sie im grellen Fusionsleuchten achtern aus dem Blick verlor, ging zur südlichen Hemisphäre. Aus dieser Entfernung war der Gebäudekomplex der Großen Bibliothek nicht mehr zu erkennen. Die geprägten Metallseiten in der Großen Bibliothek würden die bald eintretende Katastrophe überstehen, die alle auf dem Planeten Zurückgelassenen töten würde.

Thssthfok richtete das Teleskop der New Hope am Bug entlang voraus. Auf den Spiralarm der Galaxie und weit in den Raum dahinter.

Dort, bugvoraus, wartete, sofern die Flotte überhaupt eine hatte, die Zukunft.

Drohendes Unheil

4

Sigmund Ausfaller hatte schon immer gewusst, dass er einen entsetzlichen Tod sterben würde. Interessanterweise hatte er mit dieser Vermutung noch optimistisch gelegen. Er war schon zweimal einen entsetzlichen Tod gestorben - bislang jedenfalls.

Doch da die moderne Medizin fast schon Wunder zu vollbringen vermochte, war er alles in allem doch recht zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickelt hatten.

Das beunruhigte ihn.

Anheimelndes familiäres Chaos umgab Sigmund. Wie eine dritte Hypothek aufs Leben hatten ihn die Freuden der Häuslichkeit völlig überraschend im Griff. Er gestattete sich einen Moment, den Tumult um sich herum zu genießen.

Hermes war recht groß für sein Alter, dabei aber dünn wie eine Bohnenstange. Sein Kopf verschwand unter einem unmöglich zu bändigenden Schopf dunkler Locken. Hermes verfügte über unendlich viel Energie, hatte ständig ein schelmisches Grinsen auf den Lippen und fand immer wieder kreative neue Ausreden für die Dummheiten, bei denen man ihn stets aufs Neue erwischte - häufig genug brachte er sich selbst in prekäre Lagen. Die Gottheit, die für Geschick, Geschwindigkeit und Gewandtheit stand, erwies sich als äußerst passender Namensvetter.

Wie alt war Sigmunds Sohn? Acht, wenn man die Jahre wie hier auf New Terra zählte. Und auf der ›alten‹ Terra, der Erde? Niemand auf New Terra, nicht einmal Sigmund, konnte sich noch entsinnen, wie lang ein Erdenjahr war. Doch zumindest was dieses eine verschwundene Detail seiner Erinnerungen betraf, hatte Sigmund sich auf durchaus akzeptable Weise der Wahrheit angenähert. Er erinnerte sich nämlich daran, dass eine Schwangerschaft auf der Erde neun Monate gedauert hatte - neun von zwölf Monaten. Hier auf New Terra, wo man nicht in Monaten dachte, dauerte eine Schwangerschaft fünf Sechstel eines Jahres. Damit entsprach das Jahr auf New Terra etwa neunzig Prozent dieser unzureichend definierten Norm, und Hermes war damit kaum sieben Standardjahre alt.

Aber was machte denn Hermes da bloß, statt die Sachen zusammenzusuchen, die er für die Schule brauchte? Natürlich seine Schwester ärgern!

Athena war ein weiteres dieser Geschöpfe, die unablässig in Bewegung waren. Sie hatte ein hübsches Gesichtchen und war zierlich; ihr feines blondes Haar umgab ihren Kopf fast wie einen Heiligenschein. Obwohl sie kaum vier New-Terra-Jahre alt war, erkannte man doch schon die ersten Hinweise darauf, dass sie die sportliche Anmut ihrer Mutter geerbt hatte. Athena war frühreif; die Zeit würde zeigen, ob sie auch die Weisheit erlangte, die ihrer göttlichen Namensschwester zukam. Was nun den Bruder betraf, der sie ärgerte, bat Athena mit runden, unschuldigen Augen und theatralisch zitternder Unterlippe um mütterliche Intervention.

Erschreckend frühreif.

Penelope, abgekämpft und überarbeitet, lustig und klug, mühte sich nach Kräften, jeden auf den bevorstehenden Tag vorzubereiten. Penny war wunderschön, mit rosigen Wangen und funkelnden blauen Augen. Das aschblonde Haar fiel ihr in Wellen bis über die Schultern. Sie war ebenso hochgewachsen wie Sigmund, aber deutlich durchtrainierter. Sie war Sigmunds Ehefrau, seine beste Freundin und sein Anker im Meer des Lebens.

Ohne zu zögern wäre Sigmund bereit, zu sterben oder zu töten, um seine Familie zu retten.

»Wie sieht's mit der ETA für das Frühstück aus?«, fragte Penny. Ihr Tonfall verriet, dass die eigentliche Frage lautete, warum Sigmund die Mahlzeiten nicht einfach synthetisierte.

Die Antwort war einfach: weil Sigmund es vorzog, richtig zu kochen. Kochen ließ ihn seine innere Mitte finden. »Zwei Minuten.« Er wendete das Denver-Omelette - die einzige Bedeutung für Denver, mit der jemand auf dieser Welt noch etwas anzufangen wusste. Sigmund aktivierte den Toaster und goss Fruchtsaft ein. »Alle zu Tisch!« Gemeinsam mit Penny gelang es ihm, den Kindern abzuverlangen, wenigstens ein paar Happen zu essen, ehe es in die Schule ging.

Penny blieb noch lange genug zu Hause, um ein wenig über die neueste Krise zu schimpfen, die sich in ihrem Labor abzeichnete. Es reichte auch noch, um Sigmund zärtlich dafür auszuschimpfen, welch scheußliche Programmierung er für seinen Overall gewählt habe. Sie weigerte sich, auch nur einen einzigen Bissen zu essen, bis er den Nanotech-Stoff auf ein Muster und eine Textur eingestellt hatte, die, wie sie behauptete, einer bedeutenden Persönlichkeit wie ihm angemessener sei. Dann tätschelte sie ihm den Arm. »Siehst du, so schwer war das doch gar nicht, oder?«

Bevor Sigmund nach New Terra gekommen war und Penelope kennen gelernt hatte, hatte Sigmund ausschließlich Schwarz getragen. Kein unnötiger Aufwand, keine Zurschaustellung. Doch das war in einem anderen Leben gewesen, auf anderen Welten. Er sah einfach keinen Sinn darin, soziale Signale in programmierbare Kleidungsstücke einzubinden. Wozu auch, wenn einfach jeder alles mit seiner Kleidung auszudrücken vermochte …

Doch genau aus diesem Grund war die Wahl so wichtig, die man traf, weil man eine Aussage machte. Sigmund weigerte sich eigensinnig, die Regeln zu lernen. Die Regeln, die für Kleidungsstücke existierten, gehörten zu den wenigen Geheimnissen, die zu ignorieren er sich leisten konnte.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schaute lächelnd zu, wie Penny aß. Bedeutete das Streifenmuster auf ihrer Kleidung, dass sie die Leitung des Naturkunde-Labors innehatte, in dem sie arbeitete? Oder manifestierte sich dieses Signal vielleicht in der Pseudo-Baumwollsamt-Oberfläche, die sie für ihre Kleidung gewählt hatte? Sigmund hatte nie so recht verstanden, warum Penny sich wann für welchen Stil entschied. Eigentlich war es ihm auch egal. Dass sie beide Pastelltöne trugen - he, wir sind Gefährten, wir sind gebunden! -, war das Einzige, was wirklich von Bedeutung war.

Sigmund tippte an sein Handgelenksimplantat, um es auf Uhr-Modus umzustellen. Gut, er hatte noch ein paar Minuten Zeit. »Also gibt es ein Problem mit den Krebsen«, begann er.

»Genau. Die sind an eine Umgebung angepasst, in der es Gezeiten gibt. Früher gab es auf dieser Welt ja auch Gezeiten. Aber jetzt gibt es die nicht mehr.« Sie warf einen Blick auf ihr eigenes

Handgelenksimplantat. »Das war die Kurzfassung. Die ausführliche Version dauert deutlich länger, und es ist schon spät. Frag mich heute Abend noch mal! Sofern du heute Abend zu Hause bist, heißt das.« Sie küssten sich kurz, dann brach Penelope auf.

Ja, Sigmund würde ohne zu zögern töten oder sterben, um seine Familie zu beschützen. Er würde töten oder sterben, um seine Wahlheimat zu beschützen oder die Leute, die ihn so freundlich aufgenommen hatten.

Das Schwierige war nur, jeden Morgen aufzuwachen und sich zu fragen, ob heute wohl der Tag gekommen war …

Geistige Gesundheit wurde überbewertet.

Das nahezu unendliche Universum hielt eine nahezu unendliche Anzahl an Möglichkeiten bereit, einen umzubringen. Jeder Vernünftige begreift diese einfache Logik und verhält sich entsprechend vorsichtig.

Jeder Vernünftige vielleicht - aber es waren nicht einzelne Individuen, die definierten, was geistige Gesundheit eigentlich bedeutete. Es waren Gruppen, die diese Definition vornehmen. Und aus irgendeinem Grund schien bei den Menschen Respekt vor den zahllosen Gefahren im Universum nicht zu den entsprechenden Kriterien für geistige Gesundheit gezählt zu werden. Vernünftig oder geistig gesund? Das waren doch recht unterschiedliche Standards!

Sigmund war nicht paranoid geboren - nicht sonderlich zumindest. Erst als er zehn Jahre alt war und seine Eltern nicht mehr zurückkehrten - nach feindseligen Auseinandersetzungen, die nie das Ausmaß erreichten, in den offiziellen Statistiken über die Kzin-Kriege überhaupt mitgezählt zu werden. Sie waren bei einem so genannten Grenzzwischenfall ums Leben gekommen.

Und jeder wusste, dass die Kzinti ihre Opfer auffraßen.

Sigmund hatte abgewartet, hatte geschwiegen und den Therapeuten genau das erzählt, was sie gern hören wollten. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte er sich ruhig verhalten, Fallen ausgelegt, war wachsam geblieben, hatte zugeschaut und abgewartet. Bis …

Eine Vorsichtsmaßnahme, die jeder geistig Gesunde als ›paranoid‹ abgetan hätte, hatte ihn gerettet. Mittlerweile war er als Finanzanalyst mittlerer Ebene für die Vereinten Nationen tätig, und mit seinen Nachforschungen hatte er ein Verbrechersyndikat in arge Bedrängnis gebracht. Allerdings wurde er nicht rechtzeitig genug gerettet - er starb mit einem Dolch im Herzen. Doch die UN-Polizei traf rasch genug ein, um ihn wiederzubeleben. Eine Falle, die Sigmund auf eigene Kosten ausgelegt hatte, hatte sie alarmiert.

Er war dem Autodoc mit dem Herzen eines anderen Menschen und mit der Einladung entstiegen, ein gänzlich neues Leben zu führen: als Agent des Amtes für Außerirdischenbelange der Vereinten Nationen. Wenn es darum ging, Bedrohungen aufzuspüren, die den Interessen der Erde zuwiderliefen, war die UN von Paranoikern ganz begeistert.

Achtzehn Jahre später wurde Sigmund ein zweites Mal umgebracht. Dieses Mal kam die Polizei zu spät, um seinen Leichnam noch zu bergen. Trotzdem wurde Sigmund gerettet: Ein verdeckt arbeitender V-Mann hatte ihn verschwinden lassen. Sigmund war dem Kerl jahrelang auf den Fersen gewesen … und der umgekehrt ihm.

Sigmund und Nessus verband mehr als nur ihre Rivalität. Auch Nessus war nach den Begriffen seiner eigenen Spezies - den dreibeinigen, zweiköpfigen Puppenspielern - geistig alles andere als gesund.

Geistig gesunde Puppenspieler waren philosophierende Feiglinge. Geistig gesunde Puppenspieler verließen niemals ihre Heimat, und sie gestatteten auch keinem Nicht-Puppenspieler zu erfahren, wo diese Heimat sich befand. Geistig gesunde Puppenspieler liefen vor jeglicher Gefahr davon - so wie sie gerade jetzt vor der Supernova-Kettenreaktion flohen, die man kürzlich entdeckt hatte und die wie eine gewaltige Wellenfront aus dem galaktischen Zentrum heranbrandete. Weil geistig gesunde Puppenspieler niemals ihre Heimat verließen und ihre Technik wahrhaftig fortgeschritten war, nahmen sie ihre Heimatwelt mit. Die Evakuierungsflotte der Puppenspieler war im wahrsten Sinne des Wortes eine Weltenflotte.

Aber wie Sigmund schon bald, nachdem er auf New Terra erwacht war, herausfinden sollte, flohen die Puppenspieler auch vor ihrer eigenen finsteren Vergangenheit.

5

Sigmund überquerte den zentralen Platz von Long Pass City. Dabei musterte er sein Ziel, den vier Stockwerke hohen Amtssitz des Gouverneurs respektive der Gouverneurin, genauestens. Es war kein sonderlich beeindruckendes Gebäude. Sigmund ließ den Blick wachsam über die geschäftige Menge auf dem belebten Platz schweifen. Das Grün von Bäumen und Büschen sprenkelte den Platz. Sigmund blickte hinauf zu den stattlichen Pinien, Pappeln und Eichen und hinüber zu den in drollige Tierfiguren geschnittenen Büschen und …

Ein scharfer, schriller Knall.

Das Geräusch und eine plötzliche Bewegung lenkten Sigmunds Blick unwillkürlich in Richtung eines ihm etwa bis zur Schulter reichenden Gewirrs aus roten und violetten Lianen. Gerade als Sigmund dorthin blickte, schoss eine der violetten Lianen aus dem Gewirr heraus. Es war ein fremdartiges Gewächs, außerirdisch, das Hecken bildete und fremdartige, außerirdische Insekten fing und auffraß.

Rasch wanderte Sigmunds Blick weiter, hinunter auf den Boden …

… und Sigmund entdeckte zwei Schattenrisse zu seinen Füßen; der eine erstreckte sich rechts, der andere links von ihm. Wieder huschte sein Blick weiter, dieses Mal himmelwärts …

… wo winzige künstliche Sonnen in zwei parallel zueinander verlaufenden Bögen vom Himmel schienen. Am Horizont im Osten deutete ein rotgoldener Schimmer auf eine weitere Reihe von im Orbit kreisenden Sonnen hin, die gleich aufgehen würden.

Sigmund schauderte es. Er zwang sich, seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Platz und den Menschen darauf zu widmen. Von seiner Eskorte wurden ihm irritierte Seitenblicke zugeworfen. Er begriff, dass er wohl gezögert und seinen Schritt verlangsamt haben musste. Daraufhin nahm er das vorherige Tempo wieder auf und schritt zielstrebig auf den Amtssitz der Gouverneurin zu.

Dreizehn hiesige Jahre auf dieser Welt, und ihre Fremdartigkeit vermochte ihn immer noch unversehens anzuspringen. Eines der wenigen Dinge, die Sigmund von der Erde wusste, war, dass sie einen Stern umkreist hatte - dass auf der Erde ein Jahr wirklich eine Bedeutung gehabt hatte. Frei sich im Raum bewegende, bewohnbare Planeten wie New Terra waren eine Ausnahme. Dass Nessus die Erinnerung an eine Leben spendende Sonne unangetastet gelassen hatte, bedeutete nur, dass dieses Wissen keinen Hinweis für die Lokalisierung der Erde bot.

Außer die Erde war doch wie New Terra, und Sigmunds Erinnerungen an einen ganz normalen Stern waren ihm als falsche Spur bewusst eingepflanzt worden …

Es wäre nett, einfach nur einmal etwas ganz sicher zu wissen.

Früher hatte Sigmund nur einen einzigen Schritt machen müssen, um von zu Hause oder vom Büro aus zu seiner Besprechung mit der Gouverneurin zu kommen. Wie geisteskrank war denn nun das: direkter Stepperscheiben-Zugang zum Büro der politischen Führerin dieser Welt! Jedermann hier vertraute dem Teleportationssystem. Es spielte keine Rolle, dass die Puppenspieler es entwickelt und installiert hatten. Es spielte auch keine Rolle, dass die Menschen auf dieser Welt bis vor ein paar Jahren alle noch Sklaven gewesen waren, ohne es zu wissen. Die Puppenspieler waren ihre absoluten Herren gewesen. Diese Welt, damals noch eine aus einer ganzen Weltenflotte, war nur unter dem Namen Naturschutzwelt Vier bekannt gewesen. Aber es war nicht irdisches Leben, das die Puppenspieler so besorgt gewesen waren zu erhalten, nicht hier, außerhalb der Enklave, die ihren Sklaven Lebensraum bot. Pinien und Eichen, nicht etwa violette, insektenvertilgende Hecken waren die Merkwürdigkeiten hier.

Keinen Augenblick zu früh war Sigmund am Ziel seines Fußmarsches über den Platz angelangt. Vor dem Amtssitz der Gouverneurin salutierten bewaffnete Gardisten. Die Truppführerin streckte die Hand aus, um Sigmunds Ausweis entgegenzunehmen. »Guten Morgen, Herr Minister«, begrüßte sie ihn.

»Guten Morgen, Lieutenant.« Es hatte Jahre gedauert, bis die Lektion gesessen hatte: Jeder, absolut jeder, musste sich ausweisen, die ID überprüft werden. Das galt auch für den Verteidigungsminister. Das galt sogar für die Gouverneurin dieses Planeten.

Sigmund zog eine ID-Disk aus der Tasche. Er drückte den Daumen auf das Sensorfeld. Wie ein Springteufel baute sich sogleich ein Holo auf, das seinen Namen und sein Abbild vor dem durchschimmernden Hintergrund New Terras entstehen ließ.

Jenseits des Kontrollpunktes schoben sich jede Menge Leute durchs Foyer. Vereinzelt waren auch Puppenspieler darunter - nur dass Puppenspieler ein Begriff von der Erde war und hier politisch alles andere als korrekt. Die Außerirdischen - die eigentlichen Ureinwohner dieser Welt - nannten sich selbst Bürger. Nach der Unabhängigkeit New Terras hatten tausende von Bürgern beschlossen zu bleiben. Eingeborene New Terrans sahen darin nichts Merkwürdiges: Woanders als auf der Heimatwelt zu leben, würde einem Bürger einen niedrigen Status verleihen, ihn als Ausgestoßenen brandmarken oder gar als geistesgestört. Warum also nicht einen Neuanfang hier auf der Heimatwelt wagen?

Sigmund hatte eine andere Erklärung für ihr Bleiben. Viele von denen, die geblieben waren, waren sicherlich Spione.

Spion oder nicht: Niemand konnte einen Puppenspieler mit einer anderen Spezies verwechseln. Ein Puppenspieler - immer männlich, denn weibliche Puppenspieler erschienen nie in der Öffentlichkeit - war ein Dreibeinwesen; er stand auf zwei Vorderbeinen und einem kräftigen, mit erstaunlich vielen Gelenken ausgestatteten Hinterbein. Der Rumpf erinnerte Sigmund an einen Strauß, nur dass es der ledrigen Haut an Federn mangelte. Zwischen massigen Schultern erhoben sich zwei lange, sehr bewegliche Hälse - sie erinnerten vage an aus Socken gefertigte Handpuppen, daher der Spitzname, den man ihnen auf der Erde gegeben hatte. Auf jedem Hals thronte ein abgeflachter, dreieckig wirkender Kopf mit nur einem Ohr, einem Auge und einem Mund. Der Mund diente auch als Hand; die Zunge und die mit wulstigen Knötchen besetzten Lippen ersetzten dabei die Finger. Der knöcherne Buckel mit der dichten Haarmähne, der zwischen den Halsansätzen saß, beherbergte das Gehirn.

Außer einem Gürtel oder einer Schärpe mit Taschen trugen die Puppenspieler keine Kleidungsstücke. Wie die überlegt getroffene Stoffwahl unter den New Terrans zeigte die für die Mähne gewählte Frisur Stand und Stellung eines Puppenspielers an. Selbst bei den wenigen Puppenspielern im Foyer ließ sich eine erstaunlich große Bandbreite an Zöpfen und Locken, Bänder- und Edelsteinschmuck feststellen.

Während Sigmund den Blick über die Menge im Foyer schweifen ließ, über Menschen und Puppenspieler gleichermaßen, fragte er sich: Wer von euch ist ein Spion?

Der Lieutenant beendete die Sicherheitsüberprüfung und gab Sigmund die Holo-ID zurück. »Vielen Dank, Herr Minister.«

Ein Mitarbeiter der Gouverneurin wartete gleich hinter dem Haupteingang auf Sigmund und geleitete ihn bis zum Vorzimmer der Gouverneurin. Hier standen weitere Wachen. Sigmund zeigte seine ID vor, ehe er - zu einem Vier-Augen-Gespräch - ins Amtszimmer der Gouverneurin gebeten wurde.

Sabrina Gomez-Vanderhoff wirkte eher wie eine schon etwas tüdelige, aber allseits geliebte Großmutter und so gar nicht wie ein Mensch, der auf dem Planeten das höchste politische Amt innehatte. Ihr Amtszimmer war spartanisch eingerichtet, vollkommen unprätentiös. Das einzige Zugeständnis an Wohnlichkeit waren ein paar Zimmerpflanzen - dankenswerterweise alles irdisches Grün - und Familien-Holos. Sigmund hatte Sachbearbeiter in den Finanzbehörden kennen gelernt, deren Büros fantasiereicher gestaltet waren.

Kein Wunder, dass er Sabrina gern mochte.

»Morgen, Sigmund!«, begrüßte ihn die Gouverneurin. Amtsbezeichnungen und Titel waren nur zu offiziellen Anlässen im Gebrauch oder wenn Untergebene im Raum waren. Sabrina trug Bluse und lange Hose, beides wild gemustert und in einer wahren Orgie aus Farben. Zweifellos unterstrichen Farbgebung und Muster Sabrinas hohe Position. Allerdings hätte Sigmund Penny gebraucht, um diesen gewagten Mix tatsächlich in seiner Symbolhaftigkeit zu entschlüsseln. In ihrem gediegenen Nachkommen-Ring glitzerten vier kleine Rubine und ein Dutzend Smaragde: Sie standen für Kinder und Enkelkinder. New Terra war ein landwirtschaftlich dominierter Planet, weite Landstriche so gut wie unbewohnt. Kleine Familien waren hier selten. Auch das unterschied New Terra von der Erde - in diesem Fall eine begrüßenswerte Abweichung.

Sabrina wedelte mit der Hand in Richtung eines eingebauten Synthesizers. »Bedienen Sie sich doch!«

»Kaffee, schwarz«, beauftragte Sigmund das Gerät. Dann erst machte er mit dem Scanner in der Hand einen kurzen Rundgang durch Sabrinas Büro: Er suchte nach Wanzen. »Alles sauber, Sabrina.«

Sie beide wussten, dass er log.

Hoch oben an der Wand hinter Sigmund gestattete der Gitterrost des Luftschachts einen guten Ausblick in Sabrinas Büro. Die Schrauben, die das Gitter an seinem Platz hielten, taten auch noch ihre Pflicht als stereoskopische audiovisuelle Sensoren. Diese Wanzen, die nicht entdeckt zu haben Sigmund vorgab, gingen weit über das technische Niveau New Terras hinaus - nicht aber über das der Puppenspieler.

Ausgestattet mit einer derart exzellenten Informationsquelle würden Agenten der Puppenspieler anderswo mit weniger Sorgfalt nach Informationen forschen. Das jedenfalls erhoffte sich Sigmund.

Nicht dass er darauf seinen Kopf verwettet hätte.

Sabrina und er nahmen Platz, Sabrina hinter ihrem Schreibtisch: Sie saß den verborgenen Kameras genau gegenüber und bot ihnen besten Blick auf sich. Sie sagte: »Also, Sigmund: Was gibt es denn heute Furcht erregendes zu bereden?«

Was eigentlich war nicht Furcht erregend? Aber sie sprachen höchst selten in Reichweite der Wanzen über die wirklich Furcht erregenden Themen und Dinge. »Die Don Quixote ist überfällig, wenn auch noch nicht alarmierend verspätet. Dann ein Trainingsunfall an der Militärakademie. Und: Die Ausschussrate in der Rüstungsfabrik drei ist immer noch zu hoch.«

»Ein Trainingsunfall? Ich hoffe, nichts Schlimmes!«

Sigmund ließ sich an seiner Stimme nichts anmerken. »Wir haben einen Kadetten verloren.« Der junge Mann würde schon bald an einem Ort wieder auftauchen, von dessen Existenz die Puppenspieler und ihre Sympathisanten hoffentlich noch nichts wussten: an der Akademie des Nachrichtendienstes von New Terra. Auf der Spion-Schule.

»Frischen Sie doch bitte mein Gedächtnis auf: Wohin genau war die Don Quixote doch gleich unterwegs?«

»Sie ist auf einer Routine-Mission, betreibt Voraus-Aufklärung im nächsten Quadranten vor New Terra«, der Welt, die wiederum an der Spitze der Weltenflotte den anderen Welten voraus war. Sigmund argwöhnte, dass die vormaligen Herren über New Terra nicht das Geringste dagegen hatten, dass der Planet den anderen vorausschoss. So wie New Terra unter der höchsten Geschwindigkeit, die ihr Planetenantrieb zuließ, durch den Raum schoss, war sie nichts anderes als ein Blitzableiter. Jeder feindlich gesonnene Alien, dem die Aufklärer der Menschen begegneten, würden eher gegen die Welt, die die Vorhut war, einen Angriff führen, als gegen die, die hinterherhinkten. »Dass der Bericht sich verspätet, Sabrina, hat nicht unbedingt etwas zu bedeuten.« Der Bericht war auch überhaupt nicht verspätet. Nicht alles, was die Aufklärer taten, war für Puppenspieler-Ohren bestimmt. Es war dabei völlig unerheblich, ob die Puppenspieler für die Aufklärungsberichte gut zahlten - was sie taten, und zwar in der einzigen Währung, die wirklich von Wert war: in Schiffen.

Was nur dazu diente, langsam, aber sicher die Schiffe zu ersetzen, die zerstört worden waren, als Hearth beinahe erfolgreich versucht hatte, seine verlorene Agrarwelt zurückzuerobern. Sigmund behielt den stoischen Gesichtsausdruck bei. Er wollte sich seinen Unmut nicht anmerken lassen. Es war ja nicht so, dass Sabrina weniger Unmut empfunden hätte.

Punkt für Punkt brachte Sigmund Sabrina auf den neuesten Stand über die noch in den Kinderschuhen steckende Rüstungsindustrie New Terras. Nur jemand, der nicht auf dieser Welt geboren war, wie Sigmund selbst nämlich, durfte hoffen, das ganze Konzept dahinter zu begreifen, ganz zu schweigen davon, das ganze Unterfangen dann auch noch in die Tat umzusetzen. Der ganze Talent-Pool dieser Welt bestand aus - ihm.

(Wer außer einem nicht hier geborenen Paranoiker würde denn überhaupt die Notwendigkeit für Streitkräfte erkennen? Die einzigen Planeten in der Nähe waren die, die zur Weltenflotte gehörten. Deren Einwohner waren den New Terrans zahlenmäßig im Faktor eine Million zu eins überlegen. New Terra war nur deshalb noch eine freie Welt, weil die Puppenspieler es aus einer Laune heraus so wollten. Unter diesen Puppenspielern gab es Nessus. Zumindest der erwartete, dass Sigmund - wie auch immer - die Interessen der New Terrans zu schützen verstand. Das war der Grund, warum Nessus Sigmund hierher gebracht hatte. Ein ziemlich vielschichtiger Charakter, dieser Nessus.)

Sabrina bat um Hintergrundinformationen zu einer langen Liste von Themen. Bei einigen tat Sigmund Unmut kund. Schließlich aber war die Besprechung zu Ende.

Sigmund erhob sich und wandte sich zum Gehen. »All diese Antworten zu bekommen wird eine Weile dauern«, warnte er.

Das war, wie sie beide, Sabrina und er, ganz genau wussten, noch eine Lüge. Sie diente dazu, zu erklären, warum er die nächsten Tage durch Abwesenheit glänzen würde - während er tatsächlich seinem eigentlichen Job nachging.