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In "Der Kriegsfreiwillige" entfaltet Hedwig von Mühlenfels in eindringlicher Prosa die facettenreiche Psychologie eines Mannes, der sich freiwillig in einen vernichtenden Krieg begibt. Die Erzählung zeichnet ein vielschichtiges Bild vom inneren Konflikt des Protagonisten und den erdrückenden Erwartungen seiner Zeit. Mühlenfels nutzt eine klare, jedoch poetisch aufgeladene Sprache, um die seelischen Abgründe und die Tragik des Einzelnen im Angesicht von kriegerischer Zerrüttung zu beleuchten. Das Buch ist ein bemerkenswertes Zeugnis der literarischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts, in dem der Krieg als unausweichliches Schicksal und gleichsam als moralischer Prüfstein inszeniert wird. Hedwig von Mühlenfels, eine bedeutende Schriftstellerin dieser Epoche, wurde stark von ihren persönlichen Erlebnissen und der politischen Lage beeinflusst, die sie in ihrer Jugend direkt erlebte. Ihre zahlreichen Aufenthalte im Ausland und ihre Auseinandersetzung mit philosophischen Strömungen prägten ihr Werk und ermöglichten es ihr, gesellschaftliche Strukturen und menschliche Motive aus einer einzigartigen Perspektive zu erfassen. "Der Kriegsfreiwillige" ist somit nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch ein tiefgründiger Kommentar zur Zeitgeschichte. Für jeden Leser, der sich für die menschliche Psyche und die oft schmerzlichen Entscheidungen im Kontext von Krieg und Frieden interessiert, ist "Der Kriegsfreiwillige" unverzichtbar. Mühlenfels gelingt es, die Leser auf eine Reise mit zu nehmen, die sowohl ergreifend als auch aufwühlend ist, und lädt dazu ein, über die universellen Fragen von Pflicht, Mut und Verzweiflung nachzudenken. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Dieses mit bangem Herzen geschriebene Büchlein widmet ihrem verehrten FreundeHerrn Hermann Sudermann in Dankbarkeit die Verfasserin
Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag ins Zimmer[1q]. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir, Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise und ging zur Großmutter hin.
Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren; erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum Tee rufen lassen.
Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand freiwillig auf Brunnenwache[1], denn irgend jemand im Orte hatte erzählt, daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du mit“, und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die übernommene Pflicht.
Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“
Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.
„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an ihn gedacht hat.“
„Ich habe auch schon für ihn gesammelt[2q]!“ sagte Maria, nicht ohne leisen Trotz in der Stimme.
Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber, lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt? Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt, ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte. Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel. Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott in Zwietracht geraten muß!“
„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.
„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das bestätigte die Großmutter sehr kräftig, fast herausfordernd; denn es war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz: Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie ich es für gut hielt.“
„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt hätte, Großmutter,“ meinte Maria.
„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder weich.
„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung! Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“
„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“
„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen mußte.“
„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte.
„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe.
„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut nichts und machst nur dich selbst elend.“
Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der Schwiegertochter an ihre Brust.
„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“
Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach leise, aber nicht ohne Heftigkeit:
„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘ Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht! Nun, wo Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir Sicherheit böte.“
„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte Kluft war wieder da.
„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“
Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er und ließ den Kronleuchter aufblitzen.
Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine, gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.
„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas Trinkbares bringen.“
Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.
„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der Zeitung vor.
„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in drei Wochen wären sie in Paris.“
„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter. „In drei Wochen sind wir nicht in Paris, das sagt mir mein klarer Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“
Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“
Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe, daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“
Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf.
„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann Prell vor.“
„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend.
„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“
Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot warten. Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei solchen Veranlassungen kommen kann.“
„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann? Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“
„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur[2] gab,“ begann Maria.
„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“
„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein.
„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen.
„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria! Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das hätte ich sehen mögen.“
„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug gehen.“
„Glaubst du, daß ihm das hart war?“
„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“
„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist, ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr begeistert?“
„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert, Großmutter.“
„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘ nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug.
„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“
„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie die Kameraden gegeben.“
„Das kann man sich denken.“
„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen Blödsinn zusammengeschrieben.“
„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt, und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine letzte Zeit.“
„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß ihm etwas passiert.“
„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“
„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“
„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“
Maria war bleich geworden.
„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft bringt, machen soll. Es kommt immer alles anders als man denkt, im Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt geprüft?“
„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du, so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin Luise[3]?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte man ihren hundertsten Todestag?‘“
„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“
Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte, gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen. Großmutter war ärgerlich.
„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“
Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt aber Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut, hier in Ruhe zu sitzen.“
Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich, man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“
Das verstand Großmutter nicht.
