Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Der lange Weg nach Orbadoc - Benita Batliner

Eine Unheil verkündende Vision liegt über Geronimos erstem Flug nach Orbadoc. In einem Sturm wird er von seiner Familie, den Fliegenden Schweinen, getrennt und ist nun, unerfahren und jung wie er ist, auf sich allein gestellt. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Bis zum Odelynstag muss Geronimo das kostbare Amulett der Sippe nach Orbadoc bringen, sonst verlieren die Fliegenden Schweine ihre Flugfähigkeit. Unterwegs befreundet er sich mit der Krähe Deborah. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, auf dem Begegnungen mit magischen Wesen, neue Freundschaften aber auch viele Gefahren und Abenteuer auf sie warten. Eine berührende Geschichte über Freundschaft und darüber, wie der Glaube an sich selbst Flügel verleiht.

Meinungen über das E-Book Der lange Weg nach Orbadoc - Benita Batliner

E-Book-Leseprobe Der lange Weg nach Orbadoc - Benita Batliner

INHALT

Prolog

Aufbruch

Der Zoloq

Deborah

Im Zauberwald

Das Grosse Atelier

Der Geniglischt

Merilsilivren

Tsungalopso

Horgur

Der Himmelsbaum

Mit vereinten Kräften

Geronimos Route

Route der Fliegenden Schweine

PROLOG

„Er darf es nicht tragen!“

„Aber die Tradition will es so“, beharrte Hieronymus.

Er hielt dem durchdringenden Blick Oraklingards stand. Sicher, sie war das älteste und weiseste der Fliegenden Schweine. Und sie konnte die Zeichen lesen. Bisher war auf ihre Aussagen auch immer Verlass gewesen.

Dennoch.

Nachdenklich wackelte Hieronymus mit der Schnauze. Seine schwarzen Augen verengten sich zu Schlitzen und er spähte angestrengt zum Hügel am See hinüber, als könnte dieser ihm seine Zweifel zerstreuen.

„Du musst dich irren“, sagte er bestimmt. „Dieses eine Mal irrst du dich.“

Oraklingard wetzte ihren Hängebauch an der trockenen Erde ihrer Weissagemulde und grunzte verärgert. Ausser Hieronymus hätte sie es keinem einzigen Fliegenden Schwein jemals gestattet, in einem solchen Ton zu ihr zu sprechen.

Noch nie hatte irgendeines von ihnen es gewagt, ihre Prophezeiungen infrage zu stellen. Aber Hieronymus war ihr Anführer. Er stand in der Rangordnung als einziger über ihr.

„Na schön“, seufzte sie. „Ich kann ja noch einmal nachschauen. Breite deine Flügel aus. Der Wind bläst gerade günstig und die Sonne steht im richtigen Winkel.“

Hieronymus öffnete seine mächtigen Schwingen. Wie ein zorniger Drache, bereit sich im nächsten Augenblick auf seine unschuldige Beute zu stürzen, erhob sich sein Schatten gross und dunkel über die Wiese.

Lange meditierte Oraklingard über dem Schattenspiel und murmelte dabei unverständliche Formeln in ihr Doppelkinn.

Besondere Beachtung schenkte sie dem unteren Rand der Flügel, der sich im Wind wie Wellen kräuselte, sich bald wieder entspannte und schliesslich aufs Neue wellte. Dann schloss sie die Augen und lauschte.

Lauschte der Melodie, die der Wind ihr ins Ohr säuselte. Er spielte auf Hieronymus Schwingen wie auf einer Harfe.

„Es gibt keinen Zweifel“, sagte sie leise, wie um sich zu entschuldigen.

„Ich sehe Unheil über unsere Gemeinschaft kommen. Grosses Unheil.“

AUFBRUCH

Konnte das Leben schöner sein, fragte sich Geronimo und blinzelte in die Sonne, die ihm zärtlich den Bauch kitzelte. Höchstens in Orbadoc, entschied er. Nur dort war der Klee noch saftiger, die Butterblumen noch fetter und die Olbknollen, die an den Wurzeln der mächtigen Olbbäume wuchsen, so gross wie die Hinterbacken von Jungschweinen und so schmackhaft und würzig wie sonst nirgends auf der Welt.

Bei diesen Gedanken lief Geronimo das Wasser im Maul zusammen. Er schmatzte wohlig. Dabei war er noch gar nie in Orbadoc gewesen. Die Fliegenden Schweine verbrachten dort nur die Winter.

Geronimo war erst in diesem Frühling geboren worden und hatte den Sommer auf der Insel Ipsalöö im hohen Norden verbracht, wohin die Fliegenden Schweine seit Generationen zogen, wenn es in ihrer Heimat Orbadoc zu heiss wurde, das Gras verdorrte und alle Olbknollen aufgefressen waren. Früher war das anders gewesen, wusste Geronimo von seinem Vater. Es regnete noch öfter und Orbadoc war das ganze Jahr über üppig und grün. Die Fliegenden Schweine mussten noch nicht zweimal pro Jahr die lange Strecke zwischen Norden und Süden bewältigen. Aber die Sommer wurden immer trockener und es kam die Zeit, da das Land die Fliegenden Schweine nicht mehr das ganze Jahr über ernähren konnte.

Lange suchten sie nach einem idealen Ort für den Sommer und fanden ihn schliesslich in der abgelegenen Insel Ipsalöö. Dort fühlten sie sich wohl.

Trotzdem war es nicht ihre ursprüngliche Heimat. Es war nicht Orbadoc. Geronimo glaubte, bereits jedes Geheimnis dieses wundervollen Landes im Süden zu kennen, so lebendig und begeistert hatten die älteren Fliegenden Schweine ihm und seinen Freunden immer wieder davon berichtet, wenn sie sich abends vor dem Schlafengehen zum täglichen Geschichten erzählen auf der grossen Wiese versammelt hatten. Er konnte es kaum mehr erwarten, endlich die grosse Reise anzutreten.

„Geronimo!“

Wie ein Wirbelsturm fegte Hieronymus‘ Stimme über den Hügel. Gräser erzitterten, Vögel verstummten, Schmetterlinge klappten entsetzt ihre Flügel zusammen und der fette Käfer, der sich hoffnungsvoll am Stängel einer Wilden Möhre empor gehangelt hatte, plumpste vor Schreck mitten auf Geronimos Nase.

„Wo steckst du schon wieder?“

Augenblicklich war Geronimo auf den Hufen. Vergessen waren seine Tagträume. Klee und Butterblumen welkten dahin und Olbknollen verschrumpelten zu erbärmlichen Häufchen. Orbadoc rückte in weite Ferne.

„Ich komme schon, Vater“, quiekte Geronimo, stiess sich vom Boden ab und schoss schnell wie ein Komet den Hügel hinab. Den Anführer der Fliegenden Schweine liess man besser nicht warten. Kurz vor seinem Vater zog Geronimo noch einmal in die Höhe, legte die Flügel an den Körper, drehte sich im Fallen um die eigene Achse, breitete die Schwingen wieder aus und landete in einer eleganten Schleife direkt neben Hieronymus.

„Hab’ noch ein bisschen geübt“, schwindelte er und warf Hieronymus einen bangen Seitenblick zu. Sein Ringelschwänzchen zuckte nervös. Würde Hieronymus ihm glauben? Er war der Ansicht, es schicke sich für den Sohn des Anführers nicht, sich stundenlang im Gras zu wälzen und zu träumen. Für den Sohn des Anführers gebe es immer etwas Nützliches zu tun, gebe es immer etwas zu lernen. Schliesslich habe er einmal eine grosse Aufgabe zu erfüllen, wenn er dereinst in seine Fussstapfen trete. Immer diese Predigten! Und nicht nur von seinem Vater. Auch Olimbo, Geronimos Fluglehrer sprach so zu ihm, genauso wie alle anderen älteren Schweine. Der Sohn des Anführers soll dies, der Sohn des Anführers muss jenes, das darf er nicht und dieses schon gar nicht. Und alles sollte er besser können als die anderen Ferkel, weil er sie eines Tages anführen würde. Dabei war er doch der Kleinste von allen.

„Dieses Manöver haben wir heute im Flugunterricht gelernt“, beeilte Geronimo sich zu erzählen. „Und Olimbo hat mich heute sogar gelobt, Vater. Ich war genau so schnell wie Rochulio und Fegasio. Und meine Schleifen hab’ ich sogar präziser geflogen als alle beide zusammen, sagt Olimbo.“

Genau genommen war er natürlich nicht ganz so schnell geflogen wie seine beiden gleichaltrigen Cousins, welche beide grösser und stärker waren als er. Sogar die beiden Mädchen, Backlinda und Susalia, waren grösser als er. Seine Tante Metulda, die ihn nach dem Tod seiner Mutter aufzog, hatte ihn immer nur an jene Zitze gelassen, die am wenigsten Milch gab.

Geronimo schielte noch einmal zu seinem Vater. Hatte er ihn mit seiner Schilderung der Flugstunde besänftigt oder würde wieder einmal sein Ärger auf ihn nieder hageln, wie so oft, wenn er seinen Sohn beim Faulenzen und Tagträumen erwischte?

Aber Hieronymus sagte nur: „Komm mit, mein Sohn. Ich muss mit dir reden.“

Schweigend trotteten Vater und Sohn neben einander her. Die Abendsonne hatte ein goldenes Tuch über die Landschaft gelegt. Grillen zirpten, als hätten sie der Welt etwas Wichtiges mitzuteilen und die Fledermäuse flogen ihre ersten Jagdrunden.

Mit seinem gewichtigen Körper drückte Hieronymus die dichten Zweige eines Weissdornbusches zur Seite, der den Eingang zu seiner Schlafstätte verdeckte. Flink schlüpfte Geronimo an ihm vorbei und setzte sich an den Rand der erdigen Mulde. Sein Vater liess sich ihm gegenüber auf seine Hinterbacken herab. Schweigend betrachtete er seinen Sohn.

Im letzten Monat, seit Geronimo nur noch feste Nahrung zu sich nahm, hatte er zwar mächtig zugelegt, aber er war immer noch zu klein für sein Alter. Anfangs hatte Hieronymus sich oft gesorgt, ob sein Sohn überleben würde, so klein und mager war er immer gewesen. Erst spät war Hieronymus seiner Schwester Metulda auf die Schliche gekommen, dass sie seinen Sohn fast verhungern liess.

Immer hatte sie ihrem Bruder beteuert, dass der Kleine ihre prallste Zitze bekäme, das Kerlchen aber einfach nicht trinken wolle. In seiner eigenen Trauer um seine verstorbene grosse Liebe Mailinda hatte er geglaubt, sein Sohn würde ebenfalls unter dem Verlust der Mutter leiden und deshalb so schlecht gedeihen.

Er hatte Metulda geglaubt. Schliesslich war sie seine Schwester. Es war auch nicht so, dass sie ihren Neffen hasste. Sie wollte nicht, dass er starb. Sie wollte nur, dass er schwach blieb. Ein schwacher Eber könnte niemals der Anführer der Fliegenden Schweine sein. Ihre beiden Söhne hingegen waren stark und die nächsten in der Erbfolge.

Nachdem Hieronymus Metuldas übles Spiel durchschaut hatte, überwachte er alle Mahlzeiten seines Sohnes persönlich. Der Verrat seiner Schwester hatte ihn schwer getroffen. Aber er würde ihr schon zeigen, wer hier den Ton angab. Sein Sohn, ob er jetzt noch klein war oder nicht, würde eines Tages seine Nachfolge antreten.

Der kleine Kerl hatte ein grosses Herz und er war klug. Das waren Eigenschaften, die für einen Sippenanführer wichtiger waren, als ein starker Körper. Ausserdem war er Hieronymus’ einziges Kind. Er liebte ihn über alles. Und er war das Einzige, was ihm von Mailinda geblieben war.

Erwartungsvoll aber noch ein wenig ängstlich blickte Geronimo zu der imposanten Gestalt seines Vaters empor. Er sah eigentlich gar nicht zornig aus, stellte Geronimo erleichtert fest. Eher nachdenklich, sogar ein wenig besorgt.

Und er schwieg noch immer.

„Vielleicht“, dachte Hieronymus, „hätte ich Geronimo zu einer anderen Bache bringen sollen. Zu einer, der das Wohl meines Sohnes mehr am Herzen gelegen wäre. Zu Silonda zum Beispiel. Sie macht mir seit Mailindas Tod ohnehin schöne Augen. Vielleicht hätte ich mehr Zeit mit meinem Sohn verbringen, vielleicht hätte ich öfter mit ihm herumtollen sollen. Oder war ich nicht streng genug? Vielleicht aber hätte ich…“

Hieronymus seufzte und straffte seine muskulösen Schultern.

„Was soll’s. Nun ist es, wie es ist.“

Dann, endlich, sprach er zu Geronimo.

„Mein Sohn. Ich habe mich stets bemüht, dir ein guter Vater und ein Vorbild zu sein. Es war nicht immer einfach für dich, das weiss ich wohl. Weder ich noch deine Tante Metulda konnten dir auch nur annähernd deine wundervolle Mutter ersetzen. Trotzdem bist du gut gediehen. Den körperlichen Rückstand wirst du schnell aufholen, wenn du erst die fetten Olbknollen in Orbadoc verspeisen wirst.“

Hieronymus lächelte seinem Sprössling aufmunternd zu.

„Kurz, du erfüllst mein Herz mit Stolz und Freude.“

Mit grossen Augen starrte Geronimo den Vater an.

Was war nur über ihn gekommen, dass er ihm eine solche Rede hielt? Das war doch sonst nicht seine Art.

„Da ist allerdings eine Sache, die mir Sorgen bereitet“, fuhr Hieronymus fort.

Geronimo zuckte unwillkürlich zusammen. Folgte jetzt doch noch die befürchtete Strafpredigt? Aber die Stimme des Vaters blieb ruhig, sein Blick glänzte sanft wie der See in der Abendsonne.

„In wenigen Tagen werden wir die grosse Reise antreten. Du weißt, welche Aufgabe dir als Sohn des Anführers dabei zukommt. Bist du ihr gewachsen?“

Geronimo schluckte, wagte aber nicht zu antworten. Seine Ohren begannen zu glühen.

„Ich weiss, ich war oft streng zu dir. Oft durftest du nicht spielen und sorglos über die Wiesen tollen oder durch die Lüfte sausen wie die anderen Ferkel, sondern musstest dir zusätzliche Lektionen von mir und deinen Lehrern anhören. Ich weiss auch, dass dir das ungerecht erschien. Aber du bist nun einmal kein gewöhnliches Fliegendes Schwein, sondern ihr zukünftiger Anführer. Und darauf musst du vorbereitet werden. Eines Tages wirst du es verstehen. Auch ich war jung wie du und ein Heisssporn, als mir diese Bürde auferlegt wurde. Aber ich habe sie getragen und die Aufgabe gemeistert, wie davor mein Vater und vor ihm sein Vater und so weiter bis zurück zu den Anfängen unserer Art. Deshalb wirst auch du, Geronimo, diese Aufgabe siegreich erfüllen. Weil du mein Sohn bist. Und weil es dir bestimmt ist.“

Hieronymus verscheuchte die Zweifel, die wie blutrünstige Mücken an seinen Gedanken sogen. Was sollte Geronimo mit diesem Unheil zu tun haben, das Oraklingard glaubte, voraus zu sehen.

Es war lächerlich. Sicherlich hatte die fette Alte nur wieder einmal zu viel Sauerampfer gefressen und davon Blähungen bekommen, dass es ihr schier die Gedärme zerriss. Kein Wunder, sah sie alles in trüben Farben.

„Geronimo“ sagte Hieronymus feierlich. „Bald tritt ein weiterer Sohn eines Anführers der Fliegenden Schweine seine erste Reise in den Süden an. Du wirst dieses Jahr das Amulett nach Orbadoc tragen. So ist es Brauch seit Anbeginn. Diese Tradition wurde niemals unterbrochen und sie soll auch in diesem Jahr fortgesetzt werden.“

In dieser Nacht schlief Geronimo unruhig. Immer wieder schrak er aus bösen Träumen hoch. Einmal übergab ihm sein Vater das Amulett. Es war grösser als er selbst und als Geronimo davon zu Boden gerissen wurde, brüllten alle umstehenden Schweine vor Lachen.

Ein anderes Mal wurde allen Jungschweinen vor dem Abflug nach Orbadoc der Bauchumfang gemessen und nur jene, die das Mindestmass erreichten, durften mitfliegen. Geronimo war als einziger zu dünn und musste ganz alleine in Ipsalöö bleiben, wo er im kalten Winter jämmerlich erfror. Geronimo erwachte und rang nach Luft. Er starrte ängstlich in die Dunkelheit. Alles war still, nur vereinzelt zirpte noch eine übermütige Grille und am Rande der Mulde leuchtete ein Glühwürmchen. Die ruhigen, gleichmässigen Atemzüge seines Vaters beruhigten Geronimo allmählich und an dessen warmen Bauch geschmiegt, schlummerte er wieder ein.

Geronimo flog in grosser Höhe. Die Landschaft zerschmolz zu blassem Grün und Braun. Die Sonne wärmte angenehm seinen Rücken und seine Schwingen. Auf und nieder, auf und nieder. Er spürte keine Anstrengung. Er war eine Feder, die auf sanften Windeswellen schaukelte. Aber wo waren die anderen Fliegenden Schweine? Geronimo blickte sich um. Da war niemand. Nicht einmal ein Vogel. Nicht einmal eine Wolke. Nichts. Niemand. Er flog ganz alleine. Und er war unterwegs nach Orbadoc. Plötzlich war er eingehüllt in dichten kalten Nebel.

Wie aus weiter Ferne drangen Stimmen an seine Ohren. Sie klangen seltsam dumpf, wie durch Wasser gerufen. Geronimo hörte hämisches Gelächter, Flüstern, Schreie.

Dann drangen die verzweifelten Rufe seines Vaters durch die anderen Stimmen. „Geronimo! Geronimo! Geronimo!“ Sie wurden immer leiser, bis sie schliesslich ganz verstummten. Aus dem Augenwinkel sah Geronimo etwas Schwarzes. Es war ein grosser Vogel. Und er schoss direkt auf ihn zu…

„Geronimo.“

Die Nebel zerrissen. Erleichtert und unendlich glücklich sah Geronimo das geliebte Gesicht seines Vaters über sich. Alles war gut.

Es war noch beinahe dunkel, als sich die Fliegenden Schweine zwei Tage später auf der Kuppe des Hügels versammelten. Nur ein zaghafter rosa Schimmer am Horizont liess das baldige Erwachen des Tages erahnen. Hie und da war ein verstohlenes Gähnen zu sehen und einige missgelaunte Grunzer störten die Ruhe des Morgens.

Die Fliegenden Schweine waren keine Frühaufsteher und jedes Jahr erhitzten dieselben Diskussionen die Gemüter der Sippe. Die passionierten Langschläfer – von jenen kamen an diesem Morgen die grummligen Grunzer – vertraten die Ansicht, man solle die lange Reise nach Süden besser ausgeschlafen antreten. Nur in jenem Zustand könne sich die Körperkraft aufbauen und bis in die Flügelspitzen ausdehnen, was einen sicheren Flug zur Folge habe.

Die andere Gruppe, welche gewöhnlich zwar auch gerne bis in den späten Vormittag hinein schlief, war dagegen der Meinung, ein Start in den warmen Mittagsstunden lähme die Flugkraft derart, dass die gesamte Reise danach träge und mühselig verliefe. Zu letzterer Gruppe gehörte Hieronymus. Und da er der Anführer war, hatten die Langschläfer sich seiner Entscheidung zu beugen.

Die Müdigkeit steckte den Fliegenden Schweinen jedoch nicht so hartnäckig in den Knochen, dass sie darüber ihre Vorfreude auf die bevorstehende Reise vergassen. Schon bald waren alle Unstimmigkeiten vergessen und gute Laune machte sich breit. Der Himmel war klar, die Luft roch würzig und verheissungsvoll.

Durstig leckten die Fliegenden Schweine glitzernde Tautropfen von den Gräsern und Kräutern, bevor sie diese ebenfalls verspeisten. In diesem Punkt waren sich alle einig: Vor einer langen Flugreise nahm man besser nur ein leichtes Frühstück zu sich, jedoch ein ausgedehntes Festmahl am Vorabend.

Als die Sonne mit ihren Strahlenfingern über den Kamm der Ipsalööer Berge griff, formierten die Fliegenden Schweine sich zu einem Kreis. Gefolgt von Geronimo trat Hieronymus erhobenen Hauptes in die Mitte. Dort blieb er stehen, nickte seinen Mitschweinen nach allen Seiten zu und wandte sich dann an seinen Sohn.

Bedächtig streifte er sich das Amulett ab, welches an einem Band aus geflochtenen, rotgolden glänzenden Haaren um seinen Hals hing. Vorsichtig nahm er es zwischen die Zähne und hielt das Amulett in die Höhe. Er drehte sich langsam einmal um die eigene Achse, damit jedes Fliegende Schwein es sehen konnte. Dann hängte er das Band mit dem Amulett seinem Sohn um den Hals. Lauter Jubel brach unter den Fliegenden Schweinen los. Nur Oraklingard stimmte nicht in die Freudenrufe ein. Stattdessen bestrafte sie ihren Anführer mit einem missbilligenden Blick. Aber Hieronymus beachtete sie nicht.

In dem Moment als sein Vater ihm das kostbare Amulett umlegte, lief Geronimo ein heisser Schauer über den Rücken, als hätte die Sonne mit ihrer Feuerhand darüber gestrichen. Das Gewicht der Verantwortung zerrte unbarmherzig an seinem Nacken. Gleichzeitig schwoll seine Brust vor Stolz wie die Wangen der Frösche im Teich. Ihm, dem Kleinsten der ganzen Sippe, wurde diese grosse Ehre zuteil. Er konnte es noch gar nicht wirklich glauben. Über seine Aufregung vergass er beinahe zu atmen.

Sein Vater beugte sich zu ihm hinab, fixierte ihn mit seinem Blick und sagte mit beschwörender Stimme: „Geronimo, du weißt, was das Amulett für uns bedeutet. Gib’ gut auf es acht.“

Eine Weile sah er seinen Sohn schweigend an, dann fügte er leise hinzu: “ Enttäusche mich nicht.“ Hieronymus wandte sich wieder seiner Sippe zu und rief: „Seid ihr bereit?“

Ein zustimmendes Raunen ging durch die versammelten Fliegenden Schweine. Ihr Anführer breitete seine mächtigen Schwingen aus.

„Dann lasst uns fliegen. Auf nach Orbadoc!“ brüllte er und erhob sich in die Lüfte.

„Auf nach Orbadoc“, schrieen die Fliegenden Schweine im Chor und folgten ihm.

Hieronymus Sippe war bereits viele Meilen geflogen. Das tiefblaue Meer war unter ihnen dahin gewogt und Geronimo und die anderen Jungschweine hatten sich einen Spass daraus gemacht, die Möwen, welche immer wieder ihre Route gekreuzt hatten, zu necken. Für andere Lebewesen waren die Fliegenden Schweine unsichtbar, sobald sie sich in die Lüfte erhoben.

Den ersten Tag und die erste Nacht waren sie ohne Pause durchgeflogen. Erst im Morgengrauen des zweiten Tages hatten sie die Insel Gubland, die grösste der Gimlund Inseln erreicht. Erschöpft schliefen sie den ganzen Tag und flogen erst am Abend nach einem ausgiebigen Mahl weiter.

Nach einem weiteren Halt auf der kleinen Insel Gär, überflogen sie die weissen Strände von Narlio. Wie schön sie in der Sonne glitzerten, als lägen dort Millionen von Diamanten im Sand verstreut. Geronimo war begeistert und wäre so gerne gelandet, doch sein Vater bestand darauf, dass die Sippe die nächste Nacht im Schutze der Hügel verbrachte, die dem Calargebirge vorgelagert waren.

Das war letzte Nacht gewesen. Die Luft war bereits kühl und von weit her hörten sie Wölfe heulen. Geronimo fürchtete sich, doch sein Vater erklärte ihm, dass die Fliegenden Schweine kaum Feinde hatten. Wenn ihnen ein Raubtier zu nahe kam, flogen sie einfach davon. Natürlich stellten sie immer Wachen auf, die die schlafenden Schweine rechtzeitig vor Gefahren warnten.

Das letzte Mal, als ein Fliegendes Schwein von einem Raubtier gerissen worden war, lag viele Jahre zurück. Es war in den Tarubergen gewesen. Der fette Caliro hatte sich von der Rotte entfernt, um seinen ewigen Hunger an einem Plätzchen mit besonders saftigem Klee zu stillen. Dabei schmatzte er so laut, dass er den Tarupanther nicht hörte. Für die flinke Grosskatze war er eine leichte Beute gewesen.

Seitdem war kein Fliegendes Schwein mehr so leichtsinnig, die Sippe zu verlassen.

Jetzt glänzten die weissen Gipfel des Calargebirges unter den Fliegenden Schweinen. Ein frischer Nordwind hatte ihnen am Morgen in den Rücken geblasen und sie leicht wie Federn die steilen Felshänge hoch getragen. Doch mittlerweile pfiff ihnen der Wind eisig um die Ohren und liess die Haut ihrer Schwingen knattern wie Fahnen im Sturm.

Dunkle Wolken krochen hinter ihnen her. Langsam schlichen sie näher und türmten sich zu riesigen Bergen auf. Hungrige Wolkenmonster beugten sich über die Gruppe der Fliegenden Schweine. Weit aufgerissene Mäuler mit fransigen Zähnen schnappten nach ihnen, um sie in dunklen Schlünden zu zermalmen. Donner grollte böse, und wütende Blitze zerfetzten den purpurnen Himmel.

„Bleibt dicht beisammen“, brüllte Hieronymus „und nehmt die Kleinen in die Mitte.“

Doch schon fuhr eine starke Böe in die Gruppe hinein und wirbelte sie durcheinander wie ein Häufchen trockenes Laub. Gierige Wolkenarme griffen nach Geronimo und zogen ihn von seinen Lieben fort. Fette schwarze Bäuche rieben sich an ihm. Teuflische Fratzen lachten ihm höhnisch ins Gesicht.

„Vater“, schrie er aus Leibeskräften. „Vater!“

Aber seine Rufe wurden vom Krachen des Donners verschluckt, seine Sicht von gleissendem Licht geblendet.

Geronimo keuchte, prustete, schlug seine Flügel mit aller Kraft. Wo waren nur die anderen? Er musste sie unbedingt einholen. Unermüdlich kämpfte er gegen den Wind, der ihn auf und nieder hüpfen liess wie einen Ball.

„Vater! Wo bist du? Vater! Warte auf mich!“ kreischte Geronimo verzweifelt. Keines der anderen Fliegenden Schweine war zu sehen oder zu hören. Nicht vor ihm, nicht hinter ihm. Weder links noch rechts.

Plötzlich war es still. Der Sturm hielt für einen Augenblick den Atem an. Dann schoss er Geronimo unter ohrenbetäubendem Donnern und Krachen wie einen Stein durch die Luft. Immer schneller und schneller wirbelte der entfesselte Wind Geronimo umher. Gefrässige Wolken verschlangen Geronimo und spuckten ihn wieder aus. Brutale Arme zerrten ihn hin und her und schleuderten ihn immer wieder im Kreis herum. Geronimo war gefangen im rasenden Zorn des Sturmes. Er toste und brauste in seinen Ohren, boxte, knetete und peitschte seinen kleinen Körper.

Dann war es vorbei. Geronimo stürzte in ein gähnendes schwarzes Loch und fühlte nichts mehr.

DER ZOLOQ

Etwas Kaltes drückte gegen Geronimos Wange. Als er die Augen öffnete, stach ihm grelles Licht in die Augen. Alles um ihn herum war weiss. Strahlendes, glitzerndes, kaltes Weiss. Geronimo versuchte aufzustehen, aber er fand keinen Halt. Ständig rutschte er ab. Er wedelte mit seinen Flügeln und strampelte, um auf die Beine zu kommen, doch trotz aller Bemühungen sich zu befreien, versank er noch tiefer in dem weissen Pulver.

Erschöpft schloss er die Augen. Das musste Schnee sein. Jetzt verstand er, warum die erwachsenen Schweine diesen so verabscheuten. Die erwachsenen Schweine! Er hatte sie verloren. Er war abgestützt. Wie ein Schlag in den Magen traf ihn die Erkenntnis.

„Was soll ich jetzt bloss machen?“ wimmerte Geronimo. Dicke Tränen kullerten über seine Wangen. Wenigstens sie fühlten sich warm an in dieser Eiseskälte, die ihn von allen Seiten umgab.

„Wo bin ich überhaupt?“

„Auf dem Berg Arom“, hörte er eine tiefe Stimme brummen.

Vor Schreck ruderte Geronimo so heftig mit seinen Flügeln, dass er sich selbst mit einer weiteren Ladung Schnee überschüttete. Über ihn gebeugt stand ein riesiges, zotteliges Ungetüm. Rot glühende Augen entzündeten Angst in Geronimos Herz. Er wagte kaum zu atmen. Das Wesen neigte sich tief zu Geronimo herab, benebelte ihn mit seinem fauligen Atem und schnupperte mit feuchter Nase an ihm herum wie ein streunender Hund. Dann richtete es sich wieder zu voller Grösse auf.

„Was für ein sonderbares Ding bist du denn?“

Geronimo brachte keinen Laut hervor.

„Na was? Kannste nich sprechen?“ knurrte es.

„Ein… ein Fliegendes Schwein bin ich“, stammelte Geronimo.

„Hohoho“, lachte das Monster und klopfte sich so heftig auf die Schenkel, dass daraus Schneewolken aufwirbelten.

„Ein fliegendes Schwein. Hohoho. Das is gut. Hohoho. Wirklich witzig.“

Dann fixierte das Ungetüm Geronimo wieder mit seinen Glutaugen und bemerkte lapidar:

„Schweine können nicht fliegen, das weiss doch jeder.“

„Können sie doch!“ schrie Geronimo empört und vergass für einen Augenblick seine Angst.

„Und wer bist du?

Das Vieh blähte seine Brust und verkündete stolz: „Ich bin der Zoloq.“

„Der Zoloq? Davon habe ich noch nie gehört“, gestand Geronimo.

„Was? Du hast noch nie vom grossen Zoloq gehört? Isses zu fassen!“ Seine Augen blitzten bedrohlich.

Geronimo zuckte zusammen.

„Ich wollte dich nicht beleidigen. Ich bin doch erst ein kleines Schwein und weiss nicht viel von der Welt.“

Der Zoloq neigte seinen gewaltigen Schädel zur Seite.

„Willste damit sagen, dasste noch grösser wirst?“

„Sicher. Ein ganzes Stück.“

„Hmm.“ Der Zoloq kratzte sich am Bauch. „Dann warte ich wohl besser noch ne Weile, bevor ich dich verspeise.“

„Was?“ kreischte Geronimo. „Du kannst mich nicht fressen!“

„Na, wozu sollste sonst gut sein? Siehst doch ganz appetitlich aus.“

„Oh, da irrst du dich aber. Fliegende Schweine schmecken ganz scheusslich. Oder hast du schon einmal gehört, dass die Menschen, die ja angeblich gerne Schweinefleisch verzehren, Fliegende Schweine essen?“

Von seinem Vater wusste er, dass die Menschen nur aus dem Grund keine Fliegenden Schweine assen, weil sie nicht wussten, dass es sie gab.

„Nö. Hab ich tatsächlich nicht“, überlegte der Zoloq.

„Aber meine Alte kann schon feststellen, ob de was taugst. Sie muss nur einmal an dir schnuppern. Für ausgewählte Leckerbissen hat sie nämlich ’nen hervorragenden Riecher.“

Geronimo schnürte es vor Angst und Grauen die Kehle zu. Lieber wollte er hier auf der Stelle erfrieren, als im Bauch dieses Ungeheuers zu enden.

Der Zoloq beugte sich wieder zu Geronimo hinab, hob ihn auf seine Pranken und presste ihn an sein zottiges Fell. Es stank fürchterlich nach ranzigem Fett und einer Mischung aus Essig, Schweiss und Moschus. Geronimo wurde speiübel und während der Zoloq, ein munteres Liedchen pfeifend, durch den Schnee stapfte, kämpfte Geronimo gegen seinen rebellierenden Magen an.

Ein verspielter Wind wirbelte hie und da eine Handvoll Schnee auf, welcher dann puderig über Geronimos Gesicht rieselte. Vereinzelt ragten graue Felsen aus dem Schnee, manche davon ritzten messerscharf den azurblauen Himmel, andere kauerten rund und dick wie schlafende Rhinozerosse in der weissen Masse.

Auf einen besonders mächtigen Felsen, der wie eine verkohlte Mauer das Weiss zerteilte, hielt der Zoloq zu. Erst als sie ganz nahe waren sah Geronimo, dass auf der Seite ein Loch im Stein klaffte, gerade gross genug, dass der Zoloq hindurch schlüpfen konnte.

„Das ist mein bescheidenes Heim“, sagte er und trat ein.

Die Wände der Höhle glänzten feucht wie Schleimhäute und von der niederen Decke hingen mächtige Eiszapfen herab.

Schwaden von Ammoniak waberten durch das dunkle Loch. Sie verflochten sich mit der widerlichen Ausdünstung des Zoloq, mit dem Geruch von Blut, verwesten Kadavern und Kot zu einem infernalischen Gestank, der sich wie die Scheren eines Krebses in Geronimos empfindliche Nase biss.

An die seitliche Wand gelehnt sass ein zweites Monster auf einem Haufen dicker grauer Rüben. Es war etwas kleiner und noch zotteliger als der andere Zoloq. Das musste seine Gemahlin sein. Geronimo konnte nur daran erkennen, wo bei dem Wesen oben und unten, hinten und vorne war, dass es eine der Rüben in sein Maul stopfte und geräuschvoll daran nagte.

Neben der Zoloqfrau lagen drei tote Schneehasen, welchen sie offensichtlich das Genick gebrochen hatte. Ihre Gesichter waren auf den Rücken gedreht. Sie hob einen der Hasen auf und streckte ihn dem Zoloq entgegen.

„Ganz frisch. Noch keine Stunde tot, die leckeren Kerlchen.“

Dann nahm sie einen zweiten Hasen hoch und biss ihm genüsslich in den Bauch. Blut spritzte über ihr weisses Fell.

Geronimo schrie auf.

„Was ist das?“ fragte die Zoloqfrau mit einem abschätzenden Blick zu Geronimo.

„Das hab ich im Schneefeld oben am Schluchzerstein gefunden. S’is als Geschenk vom Himmel gefallen, sozusagen. Hohoho. Es behauptet, es sei ein Schwein und könne fliegen. Was sagste dazu? Hohoho.“

„Ein Schwein und fliegen? Huhuhu“, dröhnte die Zoloqfrau.

„So was Ulkiges hab ich ja noch nie gehört.“

Sie grapschte nach Geronimo, hob ihn hoch, betrachtete ihn von allen Seiten und zupfte an seinen Flügeln. Sie schnupperte an ihm und leckte mit ihrer rauen Zunge über seinen Rücken. Geronimos Muskeln verkrampften sich zu Stein und sein Atem war ein erbärmliches Stottern. Die Zoloqfrau setzte Geronimo auf den kalten Boden. Ihre Augen leuchteten sanft und verklärt.

„Mmm, das duftet lecker. Sehr lecker.“

Geronimo schlotterte am ganzen Körper und fiel beinahe in Ohnmacht.

„Stell dir vor, es hat noch nie von uns Zoloqs gehört.“

„Isses zu fassen“ sagte die Zoloqfrau und musterte Geronimo mit zusammen gekniffenen Augen. „Dann wollen wir uns mal von unserer freundlichsten Seite zeigen, nicht wahr.“ Sie lachte ihr schrilles Huhuhu.

„Hohoho.“ Der Zoloq stimmte in das grausige Gelächter seiner Gattin ein. Dann wurde er plötzlich ernst.

„Es ist noch zu klein und zu dünn. Wär‘ Verschwendung, wenn wir es jetzt schon fressen würden. Wir sollten es erst ‘ne Weile mästen. Es hat gesagt, es wird noch grösser.“

„Noch grösser, sagst du?“ Die Augen der Zoloqfrau blitzten wollüstig auf.

„Was es wohl frisst?“ fragte sie und streckte Geronimo eine Rübe hin.

„Na? Friss, Kleiner und werde fett.“

Dann packte sie wieder einen der Schneehasen und grub ihre scharfen Zähne in sein totes Fleisch. Beide Zoloqs lachten noch lange über den armen Geronimo, der sich zitternd in eine Ecke der Höhle verkroch. So sehr sein Magen auch knurrte, Geronimo rührte die Rübe nicht an.

Die Tage vergingen und Geronimos Hoffnung seinem Schicksal zu entrinnen, erstarb bevor sie geboren wurde. Er frass kaum, verkroch sich in seiner Ecke wo er vor sich hin weinte und jämmerlich fror. Die Rüben, welche die Zoloqfrau ihm gab damit er fett würde, versteckte er unter seinen Flügeln, und wenn das Monster die Höhle verliess, scharrte er ein Loch in die Erde und vergrub sie darin.

In seinen Gedanken kuschelte er sich an den warmen weichen Bauch seines Vaters. Würde er ihn jemals wieder sehen? Jäh fiel es ihm ein. Das Amulett! Entsetzen packte Geronimo hart an der Kehle. Das Amulett musste zu den Fliegenden Schweinen zurück. Sonst waren sie verloren.

Der Eingang zur Höhle verdunkelte sich. Die Zoloqs kamen heim von der Jagd. Aus Geronimos Ecke drang ein leises Wimmern zu ihnen.

„Was’n los mit dem Kleinen? Er wird uns doch nicht krank werden?“ Besorgt beugten sich die beiden Monster über Geronimo und untersuchten ihn eingehend.

„Hmm. Er wird einfach nicht fett, obwohl er so viele Rüben frisst.“

Die Zoloqfrau befingerte Geronimos Bauch, aus welchem die Rippen deutlich hervor traten.

„Vielleicht sind Rüben die falsche Nahrung für ihn?“ Sie stupste Geronimo unsanft an:

„Na? Warum wirste nicht fett von den feinen Rüben, sondern immer nur dünner?“

Geronimo schniefte und wischte sich verlegen über die tränennassen Augen.

„Ich weiss nicht. Sie bekommen mir wohl nicht so gut. Obwohl sie mir ganz vorzüglich schmecken. Ja, wirklich. Und ich esse auch immer alles auf, was du mir gibst.“

Geronimo wagte nicht, den Zoloqs bei dieser Lüge in die Augen zu schauen und er hoffte, dass sie nicht bemerkten, wie sein Ringelschwänzchen zuckte und seine Ohren glühten.

„Grmm“, brummte der Zoloq unwillig. „Schade um die schönen Rüben, wenn er davon nicht zunimmt.“

„Was fressen denn solche Kerlchen wie du am liebsten?“ fragte die Zoloqfrau mit zuckersüsser Stimme.

„Olbknollen“, gestand Geronimo.

„Soso, Olbknollen? Was’n das für’n Zeug?“

„Die würden euch sicher auch schmecken, sogar noch viel besser als ich. Ja ganz bestimmt“, versuchte Geronimo die beiden zu überzeugen.

„Dann müssen die Dinger aber verdammt lecker sein. Wir können sie ja als Beilage vertilgen. Hohoho.“

„Wo wachsen diese Olbknollen, mein Kleiner?“ säuselte die Zoloqfrau und nickte Geronimo aufmunternd zu.

„Die findet man nicht so leicht. Man braucht dazu die feine Nase der Fliegenden Schweine.“

Am nächsten Morgen weckte die Zoloqfrau Geronimo unsanft aus seinem Schlummer. Sie packte ihn roh an einem Flügel und zerrte ihn in den vorderen Teil der Höhle, wo ihr Gatte so laut schnarchte, als stünde ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Die Zoloqfrau trat ihm in den Hintern und nachdem der Zoloq sich unter wüsten Verwünschungen aufgerappelt hatte, streckte sie ihm Geronimo hin und befahl:

„Nimm ihn mit und such’ diese Olbknollen.“

„Wieso ich?“ maulte der Zoloq.

„Du hast ihn angeschleppt, jetzt sorg’ auch dafür, dass er Fleisch auf die Knochen kriegt.“

„Da muss ich ja ins Tal runter steigen.“

„Tu, was du tun musst. So jedenfalls nützt uns das Schwein nichts. Frisst unsere Rüben und wird trotzdem nicht fett. Wenn’s dir nicht passt, dann lass ihn meinetwegen laufen.“