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1876 in Kansas. Die Stadt Hutchinson, 80 Meilen östlich von Dodge City,wird von einem Despoten beherrscht. Jim Hannigan war lange Zeit unterwegs. Hannigan kämpft mit allen Mitteln gegen die Übermacht von Revolvermännern der Hoisington Company, Mac Dalton. Hier kommt der schnellste Revolvermann Lionel Loningham ins Spiel. "Ich habe keinen Gott und brauche ihn nicht, solange ich meine wichtigsten Dinge zusammen habe, mein Colt, mein Pferd und meine Manneskraft"
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Seitenzahl: 386
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Der lange Weg
Autor und Idee: Peter Rentzsch
Copyright: by Peter Rentzsch - Berlin
Mai 2014
Westernroman
1876 in Hutchinson - Kansas, die Befreiung einer Stadt.
Ähnliche Begebenheiten zur Geschichte sind rein zufällig!
Autor und Idee: Peter Rentzsch
Copyright: by Peter Rentzsch - Berlin
published by: epubli GmbH, Berlin
http://www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-0244-3
© 2014 Peter Rentzsch
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung und Vervielfältigung – auch auszugsweise – ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Autors gestattet. Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Werkes, liegen beim Autor. Zuwiderhandlung ist strafbar und verpflichtet zu Schadenersatz.
Jim Hannigan war lange Zeit unterwegs, viel zu lange denkt er sich und lenkt seinen guten Partner seinen Rappen mit dem Namen Slater in Richtung seiner Heimat, genauer gesagt nach Kansas wo er geboren ist. Es ist die Ranch und das Weideland seiner Eltern. Seit der Heimreise drehen sich seine Gedanken nur um das Eine, 'Wenn Menschen in Not geraten, nehmen sie mutige, fremde Menschen in der Verantwortung für ihr eigenes bescheidenes Leben oder werden Gottesfürchtig, um ihre Tatenlosigkeit zu rechtfertigen. Er sagt sich,
"Ich habe keinen Gott und brauche ihn nicht, solange ich meine wichtigsten Dinge zusammen habe, mein Colt, mein Pferd und meine Manneskraft". Kato, der Koch auf der Ranch seiner Eltern, er war ein ungewöhnlich großstämmiger Japaner und lebte schon in der zweiten Generation mit seinen Eltern bei Jim Hannigans Familie, er verwaltete nach dem Tod seiner Arbeitgeber das bestehende Barvermögen der Hannigans. Es blieb Jim Hannigan das Vermögen auf der Bank in Dodge City, so glaubt er. Die Ranch, 80 Meilen östlich vor Dodge City, besitzt Katos Aussage nach ein Raubrancher, einer der im großen Weidekrieg damals als Sieger hervorging und zum mächtigsten Mann mutierte, der sich weit und breit alles vereinnahmte und sich Duke nennen ließ. Duke, wie Herzog oder Graf, Großgrundbesitzer. Jims Vater hatte seinen Sohn während des Kampfes um die Ranch Kato anvertraut und zur Sicherheit in die Berge geschickt. Es war schon wieder Frieden zwischen den Weißen und den Indianern in Kansas. Kato wurde Jim Hannigan sein Ziehvater, -Mutter und Lehrer. Er unterrichtete ihn in den Bergen in Schießen, Reiten, Lesen, Schreiben, Rechnen und Kämpfen. Ja, Jim Hannigan kann kämpfen. Er lernte eine Kampfart, die erst 30 Jahre später als Sport angewandt werden sollte, …Karate. Kato sein Lehrer war Meister auf diesem Gebiet. Nachdem Jim 16 Jahre alt war, hatte auch Kato das Gebrechen eingeholt. Er starb ohne erkennbaren Grund, einfach so in friedlicher Nacht. Jim ging zur Union und wurde durch seine Heldentaten erst zum Leutnant, dann wegen seiner Durchsetzungskraft schnell zum Major befördert. Als der Krieg nun beendet war, kündigte er bei der Armee, zog durch die Städte und bot für Revolverlohn seine Dienste an, um feigen Städtern die Pest vom Hals zu schießen, die sie sich aus Geldgier in die Städte geholt haben. Jim denkt oft an seine Eltern, deren Bilder er nur noch verschwommen in weiter Ferne sieht, da er schon 32 Jahre alt ist. An was seine Eltern starben, weiß er nicht, Kato schwieg darüber wie ein Grab. Sie sollen diesem Weidekrieg zum Opfer gefallen sein. Aber Klarheit wird Jim erst in Dodge City bekommen, wenn er das Testament liest.
So steht er nun am Scheideweg zwischen Rache und Vergangenheitsbewältigung, seiner Zukunft und dem Wiederaufbau seiner Ranch, von dem was ihm noch von seinen Eltern geblieben ist. Der Aufbau einer verloren geglaubten Sache ist auch eine Art Vergangenheitsbewältigung, so weiß er es aus dem Krieg und gerade aus der Zeit danach. Der Krieg hatte im ganzen Land sichtbar seine Opfer gefordert. In der Nacht sieht er oft die Bilder der Männer die er töten musste, die sich ihm in den Weg stellten und ihm keine Wahl ließen, keine Möglichkeit zum friedlichen Dialog zwischen zwei Menschen die zu Feinden wurden. Menschen die als ehemalige Nachbarn und Freunde nur aus der Befehlskette heraus wussten, dass sie nun erbitterliche Feinde sind. Er muss nach Dodge City, denn dort liegen in einem Schließfach Geld und die Papiere für die Eigentümerschaft seiner Ranch. Sein alter Gaul, der jeden Befehl wie ein Hund parierte, brachte ihn ohne jegliche Zwangsandrohungen dorthin wo Jim seinen Blick lenkte. Sie waren seit Anbeginn des Weges eine Einheit, Reiter und Pferd, jeder sorgte für den anderen. Aber wehe dem, der sich ungefragt an diesem Tier vergriff, es zu reiten versuchte. Jim war um die 1,80 groß und hatte mit 90 magere Kilo keinen Gramm Fett zu viel. Wenn er läuft, dann sieht es so aus als federte er ein wenig. Das breiten Kreuz und die großen Hände verraten jedem, der Verdruss mit ihm suchte, dass es keinen Spaß macht, mit ihm zu kämpfen. Seine Augen sind klar und hart, leicht katzenhaft aber unaufdringlich. Die Augenbrauen verraten Sanftmütigkeit. Seine schwarze Kleidung lässt nur wenig von seiner Muskulösität erahnen. Doch 46 cm Oberarmumfang kann auch ein schwarzes Hemd nicht verbergen, denn dort schauen die Menschen zuerst hin und wissen sofort Bescheid.
Jim Hannigan sieht und riecht Dodge City schon von weiter Entfernung. Der Creek transportiert menschlichen Unrat und enthält an dieser Seite kein sauberes Wasser. Es stinkt und Brodelt in den Buchten und Tümpeln. Dodge City hat das gleiche Problem wie alle anderen Städte auch, Müll und Exkremente von Mensch und Tier zu entsorgen wurde jahrzehntelang vernachlässigt. Das ist das Problem, wenn Gewinnsüchtige Kräfte eine Stadt zu schnell entstehen lassen, da bleiben nachhaltige Errungenschaften auf der Strecke. Die Stadt ist in den letzten Jahren um das Vierfache größer geworden, aber auch turbulenter. Obwohl Jim noch drei Meilen entfernt ist, hört er die Geräusche dieser Stadt, die Revolverschüsse von betrunkenen Cowboys oder Nichtstuer. Dodge City ist eine Rinderstadt geworden, mit Anbindung an die Bahn. Die Amüsiersaloons wuchsen in den letzten Jahren nur so aus dem Boden - wie Pilze. Die dort wohnende Gemeinde findet keinen Schlaf mehr, was auch der Nachteil des großen Geldes ist, das nur den Monopolen zur Verfügung steht. Jim denkt sich, 'ehe ich in die Stadt reite, warte ich bis die Nacht vorbei ist'. So sucht er sich auch gleich einen guten Platz zum Schlafen, um ausgeruht zu sein, für seinen unscheinbaren Besuch in dieser Stadt. Ja er muss ausgeruht sein, denn er hat dort Feinde. Castlekings, Männer, Revolverhelden, Preisboxer und gekaufte Townmarchals die sich mit ihm seit Jahren versuchten zu schießen, für schmutziges Geld. Und wenn sie verlieren, sind sie auch noch nachtragend, obwohl der Kampf ihre Entscheidung war. Aber auch Freunde, die gibt es in Dodge City.
Er macht zwei kleine Feuer hinter einem windgeschützten Hügel. Sein Pferd, das am anderen Feuer steht schnaubt nervös. Es war mal wieder gut, dass er die alten Ratschläge seines Ziehvaters Kato beherzigt und zwei Feuer macht, eines das man brennen lassen kann, sollte man den Rauch von außen in die Nase bekommen und das andere Feuer weiter hinten in unwegsamen Gebüschen, wo er schläft oder wacht. Sein Pferd steht am ersten Feuer, das ist es so gewöhnt. Diese Strategie hat ihm oft das Leben gerettet, vor hartgesottenen Banditen. Das Pferd schnaubt ein wenig, so als wittere es einen Artgenossen, das erkennt Jim an der Art des Schnaubens. Es ist ein Reiter oder eine Reiterin, denn er hört keine Schritte des fremden Pferdes, nur das Rascheln im Unterholz des Waldes kurz vor der Stadt. Da sieht er sie aus den Büschen heraus, eine Frau. Obwohl es dunkel ist und nur die Sterne leuchten, sieht er das Funkeln in ihren Augen. Sie scheint Schutz zu suchen, als seien ihr irgendwelche Verfolger auf den Fersen. Sie kriecht unter die Decke am ersten Feuer, in der Hoffnung dort von dem Schlafenden Schutz zu bekommen. Doch liegt da nur Jims Sattelzeug, das vorgeben soll als würde der Schläfer sich nicht sonderlich um seine Sicherheit bemühen. Jim will sich gerade aufrichten, verharrt jedoch mitten in der Bewegung. Und das war gut so, denn es springen drei Männer um das Scheincamp zwischen den Bäumen hervor. Es sind drei gefährlich wirkende Männer, einer lang, schlank, mit einem tiefhängenden Colt. Der zweite Mann ist etwas untersetzt mit dicken Armen, wie einer der jeden Tag im Zirkus die Kugelhanteln stemmt. Der dritte Mann ist der redselige der das Sagen hat, er sieht aus wie ein Boxer.
Er näselt ein wenig und sagt,
»Hey Honey, du brauchst dich nicht zu verstecken, Loningham sagt, es sei nur zu deinem Besten, wenn Du die Brautaussteuer in seinem Freudenhaus abarbeitest.«
Nach diesen Worten lacht er und schießt mit seinem Colt auf das Sattelzeug unter Jims Decke, in der Hoffnung ihren Beschützer getötet zu haben. Der Schuss hallt durch die weite Nacht und wirft an den Wänden der Häuser von Dodge City einen Widerhall. Jim schleicht sich um das Lager herum und steht schon breitbeinig vor den Dreien.
Er hüstelte und ruft scharf,
»Lasst stecken, Jungs …!«, Jim sagt es mit einem mitleidigen Tonfall.
Der größere Revolvermann, den sie mit Bad anreden, zieht seinen Colt instinktiv, schnell und zügig. Ja er zieht sehr schnell, und höchstwahrscheinlich ist er einer von den Schnellsten, die sich zur jetzigen Zeit in und um Dodge City befinden. Aber es reicht nicht, Jim hat seine Waffe den kleinen Bruchteil einer Sekunde schneller gezogen als Bad, und sein Lauf zeigt schon im Beginn der Bewegung auf Bads Schulter. Und schon bemerkt Jim den Rückstoß in seiner Hand. Seine Kugel trifft Bad mit voller Wucht in die linke Schulter, den Revolverarm des Mannes. Er kann nicht einmal mehr abdrücken. Seine Hähne an beiden Colts waren nicht gespannt, er war leichtsinnig, so wie Mörder nun mal sind, die in der Missachtung allen Lebens nicht an ihre eigene Sicherheit denken, wenn sie Blut lecken und sich über Allem gestellt fühlen. Dieser Schuss hallt ebenfalls durch die Nacht, nur noch ein wenig lauter, weil Jim schon einen gedrehten Lauf in seinem Revolver hat und die Kugel mit einer höheren Geschwindigkeit ihr Ziel sucht. Außerdem muss das Pulver einen größeren Druck aufbauen, um den Drall zu erzeugen.
Jim sagt,
»Los, zieht Eure Colts, oder traut ihr euch nicht? Lieber schießt ihr auf einen Schlafenden, ihr feiges Pack – los verpisst Euch, aber vorher lasst Ihr verdammten Narren 50 Dollars da, für den Schaden an meinen Sattel!«, die letzten Worte ruft er scharf und mit großer Verachtung.
Sie zahlen, nehmen Bad in die Mitte, und geleiten ihn stützend zu seinem Pferd.
Jim holt einiges Zeug aus seiner Sattelrolle, kocht erst einmal einen starken Kaffee und sieht sich die Frau von der Seite an. Sie ist wohl um die 24 Jahre alt, groß und wohlgeformt. Ja solche Frauen hat er nur in seinen Träumen besessen. In den Städten hat er sich mit vielen Frauen getroffen, aber alle waren schlecht, sie wollten das viele Geld das in die Saloons floss. Und anderen Frauen sahen in ihm bei der Arbeit den Helden, und wenn seine Arbeit beendet war, sahen sie in ihm den Mörder, der nicht besser war als die Halunken, die er aus ihren Städten jagte. Jim sieht sich diese Frau intensiv und bemusternd an.
Sie sagt unerwartet,
»Ann, Ann Baxter, so heiße ich. Mein Vater betreibt eine große Ranch im Kreis "Hutchinson".
Jim fragt,
»Und was ist mit Loningham, wer ist das …?«
Loningham …? Den habe ich in der Postkutsche kennen gelernt, er stellte sich mir als erfolgreicher Geschäftsmann vor und meinte, dass er in mich verliebt sei. Er versprach mir eine Welt voller Frieden, Freuden und Glück mit Kindern und einer kleinen Ranch oder einem Geschäft in der Stadt. Aber … «, Sie schluckt mühsam und trinkt noch ihren Becher Kaffee leer, dann schiebt sie hinterher, »…er hat es mit vielen Frauen so gemacht, sie nach Dodge City geschleppt, geheiratet und dann in seinem Freudenhaus gefangen gehalten und uns dazu gezwungen, unsere Körper für seine Gewinnsucht zu verkaufen, …unsere Liebe zu missbrauchen. Er erpresst uns damit, dass er unsere Väter darüber unterrichtet, dass wir uns von ihnen abgewendet haben und uns freiwillig Prostituieren. Ich konnte in einem günstigen Moment durch die Hintertür am Schweinestall flüchten, und nun bin ich hier. Ich gehe nicht mehr zurück.«
»Und wer waren die drei Strolche …?«
»Die drei Männer? Sie waren seine Scouts, die er ständig losschickt, um eine seiner ausgerissenen Investitionen zurückholen zu lassen. Sie haben bisher alle ausgerissenen Frauen zurückgebracht, tot oder lebendig! Und die, die zurückkamen, konnten durch die Prügelstrafe Wochenlang keine Männer mehr empfangen! Das hat er ihnen spüren lassen. Dadurch stiegen unsere Schulden bei ihm in grenzenlose Höhen.«
Jim seine Gedanken kreisen nur noch um das Eine.
Er fragt,
»Und ich soll Dir jetzt helfen?«
Ann nickt langsam und erwidert,
»Es wäre nicht nur für mich …«
Jim nickt verständnisvoll und schüttet seinen Rest Kaffee ins Feuer. Nein, er will keine Rache für sie oder gar ein Exempel statuieren, nein, er will Gerechtigkeit, die gibt es nach dem Krieg nur noch selten. Das neue Geld der Union ist tausendmal begehrter als die alten Dollars, dazu noch schwer zu beschaffen. Und das treibt die gewissenlosen Geschäftemacher auf dem Plan diese Situation auszunutzen.
Sie legen sich am Feuer auf den weichen Waldboden, wickeln sich in die Decken und wissen, dass sie eine ruhige Nacht vor sich haben werden.
Am nächsten Tag reiten sie los.
Ann sagt,
»Ich gehe mit Dir zurück in die Stadt, aber nicht an diesem Haus von Loningham, da gehe ich nicht mehr vorbei.«
»Doch, wir müssen …«, sagt Jim. »Denk an die vielen Frauen, denen es genauso geht wie Dir.«
Jim erkennt wieder seinen Hass gegen diese Sorte Männer, er verspürt wieder jenes Gefühl in sich, welches er hat wenn ihm das Unrecht ins Gesicht springt. Diesmal geht es nicht um ihn, sondern um wehrlose und unschuldige Frauen, und er muss es so hart wie es nur geht anstellen. Er muss sich diesen Loningham greifen, ihn vielleicht sogar töten oder zum Krüppel schlagen - ihn zerbrechen. Das denkt er sich, derweil sie unbemerkt mit dem Strom der Menschen in die Stadt gelangen.
Nicht weit vom Freudenhaus entfernt ist die Bank, die er betritt, nachdem er sein Pferd am Saloon von Meggy angebunden hat. Er überlegt, 'Meggy ist ein tolles Mädchen, sie kam damals nach Dodge City, nachdem ich sie aus einer misslichen Lage befreite, als sie von einem Haufen Nichtsnutze in die Büsche gezogen wurde. Sie ist jetzt etwas fülliger geworden, aber im Gesicht erkennt man immer noch ihre Schönheit, nun leitet sie diesen Saloon mit den drei angestellten Tingeltangelmädchen'. Jim geht in die Bank hinein und schreibt die Schließfachnummer auf einen Zettel, schiebt es dem Mann hinter dem Schalter unter den Schlitz und wartet bis der Mann dahinter zu ihm hoch schaut. Er begutachtet den Zettel, zieht die Brille nach vorn, damit er Jim besser betrachten kann und nickt Jim mit ernster Miene zu.
»Kommen Sie bitte mit!«, sagt er , so als würde er ganz nebensächlich kurz zur Pause gehen wollen. Seine Schritte sind schlürfend.
Das ist Jim ganz Recht, denn er will kein Aufsehen machen und das war ihm bis jetzt gelungen. Der Mann geleitet Jim zu einem großen Raum, der von allen Seiten an den Wänden mit Fächern bedeckt ist und zieht einen kleinen Behälter aus der Wand, gibt ihn Jim und entfernt sich rückwärtsgehend mit einem untergebenden Kopfnicken, mit den Worten,
»Wenn Sie fertig sind, schieben Sie den Behälter in die Wand zurück und gehen durch die gegenüberliegende Tür wieder hinaus. Das Schließfach ist noch für 10 Jahre Ihr Eigentum, daher gibt es keine Formalitäten, Mister!«
Er geht hinaus und lässt Jim allein mit dem langen Kasten. Jim schaut das erste Mal hinein und sieht das viele neue Unionsgeld, randvoll in Bündeln als 100 Dollarnoten sowie eine Urkunde für die Ranch 80 Meilen östlich von Dodge City. Unter dem Geld liegt ein Brief von seinem Vater.
Er beginnt zu lesen:
"TESTAMENT: Lieber Jim, wenn Du das hier liest, dann sind wir nicht mehr am Leben. Hier auf der Bank lagern 420.000 Dollars, die wir in Katos sicheren Händen legten. Kato war immer ein guter, treuer Mensch, der Dich mit in die Berge nahm, derweil wir hier den Weidekrieg gegen „Brad Lettinger“ mit „Mc Baxters“ führten. Kümmere Dich um die Ranch, aber sinne nie nach Rache. Gehe zu meinen alten Partner Andrew J. Hoisington zur gleichnamigen Stadt, er kann Dir helfen. Ich wünsche Dir ein schönes Leben, Deine Dich liebenden Eltern!"
Jim kann sich die Tränen nicht unterdrücken, daher sieht er die beiden Fotos von seinen Eltern sehr verschwommen, aber er erkennt sie, auch das Bild seiner Mutter, die immer in seinem Bettchen schaute, so ein Gesicht kann kein Kind je vergessen. Er zählt das Geld, es waren noch 380.000 Dollars, 40.000 hatte Kato fürs Überleben in den Bergen von Utah gebraucht. Kato gab Jim bevor er starb einen Zettel, er sagte,
"Merke Dir die Nummer auf diesem Zettel und vernichte ihn. Merke sie Dir, denn das ist die Nummer des Schließfachs. Dein Erbe ist darin, mit der Urkunde deiner Ranch. Die Grundsteuern werden regelmäßig um Jahre von der Bank im Voraus bezahlt, da auch noch irgendwo ein Konto existiert. Sie liegt an der neuen Farmerstadt Hutchinson, zwischen ihr und Dodge City.« Das sagte Kato damals zu ihm, kurz danach starb er. Jim zog nach der Beerdigung in den Krieg. Nach dem Krieg ritt er in Richtung Kansas und schlug sich mit Revolverlohn durch viele Bundesstaaten. Daran erinnert er sich, derweil er aus der Bank läuft und eilig zu Meggys Saloon schlendert. Mit 50.000 Dollars in der Tasche, ist er ein Opfer, der eine ganze Horde auf sich lenken könnte, wenn sie davon wüssten. Er darf nicht an das Geld denken, denn Gauner und Taschendiebe haben einen besonderen Instinkt für Telepathie entwickelt. Doch Jim läuft, als hätte er nur noch lumpige 10 Dollars in der Tasche, der nach einem kühlen Bier im Saloon verlangt. Er weiß, dass ihn jeder Revolverschwinger von Hinten erschießen wird, wenn sie Geld bei ihm wittern, da ist es mit der Revolverehre schnell vorbei.
Meggy hat Ann Baxter derweil in ihrem Privatzimmer versteckt, bis Jim zurückkommt und sie abholt. Jim kommt in den Saloon und sieht sich nach allen Seiten um. Sein Instinkt sagt ihm, dass es gleich losgeht, denn sein Kommen hat ganz Dodge City irgendwie aufgewühlt. Fremde Menschen fallen immer auf, vor allem wenn sie nicht dem Durchschnitt entsprechen. Er stellt sich an dem Tresen und bestellt ein kühles Bier, das auch gleich an der langen Theke angerutscht kommt. Der Barmann schob es ihm hin und eilt gleich darauf in einer schützenden Ecke. Jim weiß Bescheid und sieht in dem großen Spiegel über der Theke zwei Männer hinter der Schwingtür stehen. Ein dritter Mann kommt zwischen den Beiden und läuft mit überheblich wirkenden Schritten auf Jim zu. Jim dreht sich langsam um und stellt sich in einer sicheren Position. Seine Hände schweben über die Colts, deren Kimmen an den abgerundeten Läufen abgefeilt sind, damit sie sich schnell und geschmeidig aus dem gefetteten Holster ziehen lassen.
Der Mann bleibt mitten im Raum stehen und sagt gepresst,
»Hey du Mistkerl, rück das Mädchen raus, sie ist das Eigentum von Mister Loningham!«
Jim begreift, der Mann ist der erste Handlanger von diesem Loningham, der Bad ersetzen soll. Und diese beiden Burschen waren dieselben Leute der letzten Nacht, die sein Lager überfielen und auf seinen Sattel schossen. Der Revolvermann zuckt mit dem linken Auge und bewegt seine Finger nervös über seinen Colt. Das zeigt Jim, dass dieser Kerl viel zu ungeduldig ist und dadurch einen Sekundenbruchteil zu spät ziehen wird. Jim hat von Kato gelernt, auf solche Signale zu achten, und noch etwas, …bevor jemand zu ziehen beginnt, hebt oder zuckt er mit der Schulter. Das verschafft Jim immer den entscheidenden Vorteil, denn Jim lernte mit der Hand nur eine kurze Bewegung zu machen und den Arm hinterher zu schieben. Dann hat sich der Schuss auch schon gelöst. Genauso wirft man ein Bowiemesser aus der Hüfte. Jim sieht jetzt wie die Schulter sich kaum sichtbar hebt und hat schon wie durch Zauberhand seinen Colt in der Hand und richtet den Lauf auf dem Revolvermann. Der Mann hält in der Bewegung inne, deren Lauf noch im Holster steckt. Mit einem Knall kommt Meggy aus dem hinteren Zimmer mit der Schrotflinte in der Hand hervor,
…und sagt,
»Hey Jack, Du hast jetzt hier Hausverbot. Scher dich zum Teufel!«
Die letzten Worte ruft sie so gepresst, dass man annehmen müsste, sie zieht gleich beide Hähne an ihrer Parker durch.
Jim steckt seinen Colt in den Holster und sagt lässig,
»Hey Jack, bedank Dich bei der Lady, sie hat Dir eben ein neues Leben geschenkt. Mach was draus, verlass die Stadt und such Dir eine sinnvolle Arbeit.«
Jim dreht sich nach diesen Worten Meggy zu, in der Weile er den Hammer an der Waffe entspannt. Jim achtet nicht mehr auf die Männer an der Tür, die jetzt zu ihm gelaufen kommen und sich hinter ihm postieren. Meggy weitet ihre Augen und Jim erkennt in ihren Pupillen das Spiegelbild eines Mannes hinter sich. Er duckt sich und dreht seinen Körper zur Seite. Meggy bekommt die Faust des Mannes beinahe zu spüren. Jim streckt nur seinen Arm aus und spannt seinen ganzen Körper an. Seine Faust sticht gerade ohne Schwung zu holen, zum Kinn des Kraftpakets. Seine unteren Vorderzähne schieben sich mit voller Wucht in die oberen Schneidezähne, die jetzt mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum fliegen. Jim steht noch in einem Zenkutsu Dachi, so nennt man diese Stellung in der man so viel Kraft entfalten kann, dass man einen Stier zu den Englein schickt. Es poltert und der Kraftprotz liegt mit seinen 190 Pfund längst auf den verstaubten Bretterboden des Saloons. Da liegt der Mann, vor dem die ganze Stadt erzittert. Jetzt wissen sie es. Jim ist eine ganz andere Klasse von Revolvermännern, die es in dieser Gegen nie gegeben hat und vielleicht auch nie wieder geben wird.
Jim sagt zu Meggy,
»Jetzt haben Deine schönen Augen mich gerettet, wir sind quitt Meggy!«
Dabei nimmt er ihren schönen Kopf in seine großen Hände und küsst sie auf die schönen, strahlenden Augen.
Er fragt,
»Kann ich Ann noch hier bei Dir lassen?«
Sie nickt,
»So lange Du willst! Wo gehst Du hin?«, fragt sie.
»Zu Loningham …«, erwidert Jim.
Meggy hat Angst um Jim, denn sie weiß, dass er von Loninghams Leuten überrumpelt werden könnte. Der Amüsiersaloon von Loningham ist wie eine Festung, von vielen Revolverschwingern bewacht und behütet.
Jim braucht nur dem Mann zu folgen der eben noch mit diesem Kraftpaket an der Saloon-Tür stand, denn er verschwindet in dem größten Gebäude der Stadt. Es ist ein Haus aus Holzplanken erbaut und wurde schnell mit drei Stockwerken hochgezogen. Jim geht hinüber und betritt ebenfalls das Etablissement ohne Probleme und geht gleich die kaum sichtbare Nebentreppe nach oben, stellt sich hinter der Tür und lauscht den Gesprächen drinnen.
»Holt alle Leute zusammen und verpasst ihm von hinten eine Kugel, durchsiebt den Hundesohn und werft ihn hinten zu den Schweinen am Haus, die freuen sich immer auf Frischfleisch, und jetzt geh, Barnie!«
Dies hört Jim Hannigan auf dem dunklen Flur. Die Tür geht auf und Barnie kommt heraus, schiebt die Tür wieder zu und steht plötzlich vor Jim Hannigan. Barnie erschrickt und will gerade einen Aufschrei machen. Doch Jim zieht mit einem Dreh seinen Ellenbogen heraus und feuert Barnie mit der Ellenbogenspitze auf die Schläfe. Der Mann den Loningham drinnen Barnie nannte, fällt wie ein Handtuch in sich zusammen und bleibt regungslos liegen. Jim weiß, dass dieser Schlag tödlich sein kann, zumal das Gehirn kurzweilig ohne Blut auskommen muss. Er zieht ihn nach hinten zum Fenster und legt ihn in die Rutsche hinein, die runter zu den Schweinen führt, knebelt ihn und lässt ihn dort oben auf der Schütte liegen. Dann geht er ins Zimmer von Loningham. Jim steht eine Weile in der Tür und wartete auf ein Zeichen, doch Loningham schaut nicht hoch,
…aber fragt,
»Was ist Barnie, noch ein Problem, …soll ich etwa …?«
Loningham steht auf und erschrickt, als er Jim sieht.
»Wer sind Sie?«, fragt er, »wo ist Barnie?«
»Barnie hat jetzt andere Probleme, Mister. Sie packen jetzt Ihre Sachen und kommen mit mir nach draußen. Wenn sie auch nur einem von Ihren Leuten einen Wink geben, schieße ich sie nieder!«, sagt Jim.
Ehe sich Jim versieht, gibt Loningham ihm einen Stoß, sodass er nach hinten rudert und Barnie anrempelt, der dann unaufhaltsam die Rutsche zu den Schweinen herabgleitet. Jim zieht den Colt und schlägt Loningham voll auf den Hinterkopf, wobei der massige Körper des Bosses zusammensackt. Barnie kam schon unten an und liegt gefesselt im Schweinetrog. Jim schaut kurz aus dem Fenster und sieht wie sich die Schweine auch schon über Barnies Körper her machen. Die Schweine schmatzen und die Knochen von Barnie knacken am lebendigen Leib, indessen Barnie versucht unter seinem Knebel vor Schmerzen zu schreien, doch niemand hört ihn, bei dem lauten Treiben in dieser Stadt.
Loningham kommt wieder zu sich und lässt sich von Jim mit wankenden Schritten zum Ausgang führen. Als sie an das Zimmer der Mädchen vorbeikommen in deren sie festgehalten werden,
…sagt Jim zu ihm,
»Lass sie raus, sie sollen selbst entscheiden, lass jeder von ihnen 5.000 Dollars auszahlen, dann gehen wir beide raus. Wenn Sie Alarm geben, sind sie tot und enden in der Schweinemast wie Ihr Freund Barnie!« Beim letzten Satz knirscht er mit den Zähnen.
Jim öffnet die Tür und ruft zu den Frauen,
»Wenn ihr unten seid, geht zum Zahlmeister, holt Euch Geld und geht zum Saloon von Meggy rüber, dann verlasst diese Stadt. Gebt auch Ann Baxter 5.000 Dollars, sie wartet auf Euch.«
Loningham geht mit Jims Colt im Rücken zum Zahlmeister und veranlasst zähneknirschend die Auszahlung sowie die Freilassung der Frauen.
Er sagt:
»Hey Shorty, ich kann es jetzt nicht erklären, aber ich komme wieder!«
Loningham weiß noch nicht, dass es keine Wiederkehr mehr geben wird, zu mindestens nicht mehr als Boss. Das ganze Dreistöckige Gebäude, das aus Holzbrettern gebaut wurde, wackelt und berstet, als die Frauen geschlossen die Treppe herunterstürmen. Dies hört Hannigan noch aus der Entfernung von 100 Yards.
Derweil Jim mit Loningham aus der Stadt reitet, gehen die Frauen jeweils um 5.000 Dollars reicher zu Meggy hinüber.
Meggy fragt,
»Wo ist Jim?«
»Er ist mit Loningham aus der Stadt geritten!«, sagt eines der Mädchen.
Ann Baxter steht da wie begossen, sie traut ihren Ohren nicht. Noch vor kurzem dachte sie, dass Jim genau dieser Mann ist, den sie mal heiraten würde, denn die Ehe mit Loningham gilt nichts, diese war, wie auch die anderen Ehen fingiert und stehen nirgends verzeichnet. Ann stehen die Tränen in den Augen, sie schaut Meggy an,
Meggy erwidert,
»Los Mädchen folge ihm, er ist der beste Mann den man finden kann. Mich liebt er nicht, aber er achtet mich sehr. Ich sah es in seinen Augen, wenn er Dich ansah. Er tut das alles für Dich, das weiß ich, und nun reite ihm hinterher, …schönes Mädchen!«
*
Loningham sitzt auf seinem Gaul und versucht Jim Hannigan zu überreden, ihn zur Stadt zurückzubringen. Jim lässt sich nicht erweichen und bereut schon, dass er nicht all sein Geld aus dem Schließfach genommen hat, er müsste irgendwann wieder in diese Stadt kommen, um das Restliche Geld zu holen. Jim wollte den Mädchen nur Zeit verschaffen und dann Loningham wieder frei lassen, dass er wieder zurück zu seinem Freudenhaus laufen kann, ja laufen, denn er sollte barfuß ohne Pferd, abgerissen zurückkommen.
Sie sind jetzt schon zwei Tage und eine Nacht unterwegs als Loningham nach einer Rast verlangt. Diese Stelle war nicht von ungefähr, sie war für Loningham quasi ausgesucht, für den Fall, dass er mal unbewaffnet sein sollte und von jemanden seinen Coltlauf im Rücken hat. Er setzt sich an einem Gebüsch und spielt mit den Fingern im Sand, dabei verwickelt er Jim in ein langweiliges Gespräch und lässt ihn unvorsichtig werden.
Ganz plötzlich hat Loningham einen Revolver in der Hand, aber macht den großen Fehler.
Er ruft,
»Halt Jim Hannigan, …nehmen Sie die Hände vom Colt!«
Jim reicht schon das Pressen des ersten Wortes dieser Warnung. Er reißt den Revolver aus dem Holster und schießt instinktiv in Richtung der Stimme. Ein Schuss und der Spuk ist beendet. Loningham sackt auf die Knie, hat eine Kugel in der rechten Schulter. Jim flucht, denn er will ihn nicht töten, nun muss er sich um ihn kümmern und zu einem Doc bringen. Er hat damit rechnen müssen, dass jeder Gangster in jedem Winkel seiner Umgebung und auf eventuellen Fluchtwegen Waffen versteckt, für den Fall, dass er eine Waffe auf diesem Pfad benötigt. Er entscheidet sich zur Rückkehr nach Dodge City, um Loningham zum Doc zu bringen. Nur, er begeht nicht den Fehler, dass er den gleichen Weg zurück nimmt, um nicht auch noch irgendwelche Verfolger in die Gewehre zu laufen. Er dreht eine Schleife auf dem Plateau auf dem man keine Hufspuren hinterlassen kann. Dieses Gelände war mal vor Millionen von Jahren Meeresboden, wo, wenn man eifrig sucht auch noch Muscheln findet. Dieser Bereich liegt auf einem lang gestreckten Hügel, wo der ständige Westwind auch den Sand wegbläst.
Loningham sackt im Sattel immer mehr zusammen, das Hemd klebt an seiner blutenden Wunde und verhindert jetzt das Nachbluten. Es ist ein Steckschuss, weil Jim schon ca. 80 Meter entfernt war und die Kugel nicht mehr die Wucht des Durchschlagens hatte. Er wird nicht verbluten, doch eventuell an Wundfieber sterben, da Jim nicht einmal einen Whiskey bei sich hat, um die Wunde zu desinfizieren. Die Fliegen machen ganze Arbeit, und das Brummen dieser Viecher wird immer stärker. Es sind die gleichen Fliegen, die in der Mittagssonne auf den menschlichen Unrat in den Flussbecken am Rande der Wege herfallen. Loningham muss aushalten, denn die Stadt ist schon zu sehen.
Jim entschließt sich Loningham gleich zum Doc zu bringen und umgehend die Stadt zu verlassen. Am Haus des Arztes hängt ein Schild. "Kranke und Arme zuerst. Schusswunden zuletzt". Jim weiß jetzt, dass er dem Doc vertrauen kann, der hat von den Zuständen in dieser Stadt wahrscheinlich auch schon die Nase voll.
Jim schmeißt sich Loningham über die Schulter und betritt den großen Warteraum, in dem auch noch andere Patienten auf eine Behandlung warten.
Jim sagt zu der Frau am Holztresen,
»Das ist Loningham, und hier ist Geld, behandelt ihn gut. Und wenn er wach wird, sagt ihm, er soll nicht nach mir suchen, sonst töte ich ihn endgültig!«
Jim geht hinaus, setzt sich auf Slater und verlässt die Stadt erneut. Slater fühlt auch eine gewisse Ruhe in sich denn Dodge City hat er als Pferd auch nicht gemocht. Er schnaubt und wedelt mit der Mähne, um Jim sein Wohlgefallen zu zeigen. Jim könnte jetzt im Sattel schlafen und würde rechtzeitig von Slater geweckt werden, wenn Gefahr drohen sollte.
Eine Woche ist nun vergangen und Jim hat noch keine Menschenseele angetroffen, hatte Zeit über vieles nachzudenken. Er dachte oft über diese Ann nach, die er im Glauben in Dodge City zurückgelassen hat. Ob sie ihn hätte glücklich gemacht, weiß er nicht, aber er fühlt sich wohl, wenn er an sie denkt. Ja, er war gern in ihrer Nähe, und er spürt dies auch umgekehrt, dass sie ihn liebt. Er denkt aber auch über diesen Loningham nach, der wie ein listiger Wolf aussieht, mit der Gewandtheit eines schwarzen Panthers. Loningham wirkt auf Frauen, daher hat er leichtes Spiel mit ihnen. Jim kennt diese Sorte, die zumeist die Flüsse entlang fahren und dort ihr Glück mit gezinkten Karten machen, oder als Zuhälter abhängige Frauen zu den Kerlen in die Kabinen schicken, damit sie das Spielkapital stehlen. Jim hat von Loninghams Taten schon gehört, wie listig er ist. Und eines weiß Jim, Loningham ist einer der schnellsten und gefährlichsten Revolvermänner, den der Wilde Westen je hervorgebracht hat.
Die Müdigkeit schleicht sich in Jim Hannigans Gliedern, er ertappt sich dabei, dass er seine Augen schließt, indessen sein Pferd stetig im taumelnden Rhythmus dahin trabt. Man nennt es Sekundenschlaf, wenn man auch gleich wieder zu sich kommt. In diesen paar Sekunden laufen im Kopf ein paar Dinge ab, die einem das Gefühl geben, als verarbeitet man einen ganzen Tag, aber es sind nur zwei, drei Sekunden. Jim hört Stimmen, die ihn umgeben, sie sprechen zu ihm, sie wirren um ihn herum,
…sie sagen wie aus der Ferne:
»Jim, wach auf, …wach auf Jim!«
Jim schreckt hoch, aber es ist ganz still. Sein Gaul ist stehen geblieben und schabt mit den Vorderhufen auf dem Boden. Er wittert wohl Wasser, doch spürt er Gefahr, dass es Verdruss gibt, wenn er weiterläuft. Jim hört das Knistern eines Feuers neben dem Plätschern eines Baches, und bekommt jetzt den Duft von einem gegrillten Hasen in die Nase, als gerade der Wind in seine Richtung dreht.
»Fein gemacht, Slater …«, sagt er zu seinem Gaul und streichelt ihm am Hals.
Dann rutscht er lautlos aus dem Sattel, streckt seine müden Knochen und geht gebückt durch die Büsche. Er sieht das kleine Feuer hinter den Baumreihen am Bach lodern. Es ist ein offenes Camp, eines was nur redliche und arglose Tramper in der Nacht aufbauen.
Jim ruft,
»Hallo Feuer, darf ich näher treten?«
Eine dunkelfarbene kehlige Frauenstimme sagt,
»Komm näher Cowboy, zeig Dich, wir sind bewaffnet und schießen gleich, wenn Du uns nicht gefällst!«
Jim hatte sofort erkannt, dass es eine verstellte Frauenstimme war, die sich als Mann ausgibt und sich als gefährlich erweisen soll. Er tritt näher, und da sieht er sie, …Ann Baxter mit einer ihrer Gefährtinnen aus dem Freudenhaus oder Leidenshaus, je nach dem, von welcher Seite man es betrachtet.
Ann sagt,
»Ich bin Dir gefolgt - Jim, und ich hoffte, dass meine 5.000 Dollars dazu ausreichen, mit Dir ein neues Leben zu beginnen.«
Jim wollte gerade etwas fragen, da wurde ihm schon schwarz vor den Augen. Für einen kurzen Moment hat er nicht aufgepasst und sich zu arglos an das Feuer gehockt. Doch war er nicht der Einzige, der das Camp beobachtete. Slater war bestimmt nicht wegen den beiden Frauen stehen geblieben, er musste eine andere Gefahr gewittert haben, dies wird Jim im Moment des Zusammenbrechens klar.
*
Langsam gehen bei Jim die Augen wieder auf, er sieht ganz verschwommen, hört Stimmen, die er noch nicht einordnen kann. Das Feuer wird gerade sichtbar und brennt fast Baumhoch. Er beginnt zu denken und sucht verzweifelt nach Worten, aber ihm fällt nichts ein, nicht einmal sein eigener Name. Das Feuer sieht er, aber was dies sein mag, weiß er nicht, ihm fehlt ein großes Stück Gedächtnisleistung, was an der langen Ohnmacht und dem Schlag liegt. Er kann die Dinge nicht in Worten kleiden. Er sieht die beiden Frauen, kann sie nicht einordnen, dann sieht er drei Männer, die lachen, Whiskey trinken und sich zuprosten. Er sieht eine der Frauen an, sie lächelt ihm zu, aber hat Tränen in den Augen, die andere Frau liegt auf dem Boden, sie schreit und ein Mann liegt auf ihr und scheint sie zu vergewaltigen. Mit einem Mal fällt Jim wieder alles ein, er fühlt seinen Kopf und richtet sich im Schatten der Bäume auf. Die Männer dachten anscheinend, er wäre Tot und ließen ihn dort liegen wo er vorher stand und die Frauen ansprach. Seine Waffe liegt irgendwo im Laub des letzten Jahres. Wenn er jetzt anfängt sie zu suchen, sehen die Männer seine Bewegungen und schießen ihn ab, so viel steht fest, darum zieht er sein Bowiemesser aus der Rückenscheide und wirft es dem einen Mann, der auf der Frau liegt, in die linke Schulter, da er auch seinen Colt links trug und wohl nur links schießen kann. Jim hechtet auf den zweiten Mann zu, der ihn gerade ansieht, aber so ungünstig sitzt, dass er seine Waffe unmöglich herausbekommen kann. Währenddessen er diesen Mann nach oben zieht um ihn einen geraden Faustschlag zu verpassen, rammt Jim dem dritten Mann der gerade aufsteht, einen scharfen Seitwärtsfußtritt in die Kehle. Jim ist gelenkig wie eine Schlange, er kann im kalten Zustand ganz locker einen Spagat machen. Seine Präzision an der Anwendung seiner Schläge und Tritte, kann nur ein japanischer Meister würdigen. Jim ist mit oder ohne Waffe durchaus gleich gefährlich. Wenn man bedenkt, dass er mit Kato zum Trainingszweck auf Bärenfang ging. Er griff einen Bären ohne Waffe an und schlug ihn grün und blau, bis dieser über zwei Meter große Grizzley keine Lust mehr hatte mit Jim zu kämpfen. Jetzt ist es ähnlich. Die Männer liegen im Dreck und halten ihre Wunden. Drei Männer innerhalb von 10 Sekunden. Ann zieht den einen Mann von ihrer Gefährtin runter, zieht ihm das Messer aus der hinteren Schulter heraus und reicht es Jim zurück. Die Frauen beginnen sich um die verwundeten Männer zu kümmern, sie zu verarzten, und das ist der Unterschied zwischen Männer und Frauen. Männer wollen töten und lassen ihre unterlegenen Angreifer einfach sich selbst überlassend in ihrem Blut liegen. Frauen entwickeln da Mutterinstinkte, sie können nicht anders, auch hier in der Wildnis, wo jeder Schritt ins Unbekannte, Leben oder Tod bedeutet. Jim erkennt dies und weiß instinktiv, dass Ann eine gute Frau ist, die weder nach Ruhm noch nach Geld trachtet, sie war sogar bereit ihr Geld für ihre gemeinsame Zukunft zu investieren. Jim kannte bisher nur die andere Gattung von Frauen, die ihr eigenes Geld als ihr Eigentum betrachten und das Geld des Mannes als gemeinschaftliches Gut ansehen. Jim denkt noch einmal alles mit geschlossenen Augen durch. Er kann sich plötzlich an ihren Nachnamen erinnern. An dem Namen Baxter aus der neuen Stadt Hutchinson. Der Brief seines Vaters enthielt den Namen des Ranchers, der an dem Weidekrieg beteiligt war, der hieß auch Baxter. Und die Ranch liegt auch zwischen Dodge City und Hutchinson. Er winkte ab, denn es kann Zufall sein, der Name Baxter ist hier so stark vertreten wie Fliegen um einen Kuhhaufen. Sie verarzten die drei Männer und setzten sie auf ihre Pferde.
Jim sagt,
»Wenn wir uns noch einmal begegnen, und diese Begegnung ist nicht freundlicher Art, auch wenn ich nur das Gefühl habe, …dann töte ich Euch sofort!« Jim macht eine kleine Pause, dann fügt er hinzu, »…also, wenn wir uns noch einmal begegnen, seit friedlich sonst ist es aus mit Euch!«
Beim letzten Satz zeigt Jim seine blitzenden Zahnreihen und zeigt den stöhnenden Männern unmissverständlich, dass er jeden Kampf energisch entgegentritt. Das ist auch das einzige Rezept zum Erfolg, wie ihm das von Kato eingebläut wurde. Einen Kampf geht man nur aus dem Weg, wenn Kinder und unschuldige Frauen in Gefahr geraten. Die Männer bedanken sich bei den Frauen und entschuldigten sich bei Jim,
Jim sagt,
»Nein umgekehrt, entschuldigt Euch bei den Frauen, und bedanken könnt Ihr Euch bei mir, weil ich Euch laufen lasse!«
Die Gefährtin von Ann hält Jim gleich ihre Hand hin und sagt,
»Mandy Okland gleichnamig aus Oklahoma, vielen Dank für Ihre Hilfe. Meggy aus dem Saloon hat viel über Sie erzählt. Sie hat Sie Mister Hannigan wahrlich als Engel und gleichzeitig als Teufel beschrieben, ein Teufel im Kämpfen und ein Engel im Umgang mit Menschen. Aber sie hat untertrieben, sehr sogar. Ich weiß nicht wer sonst neben meiner Mutter so viel für mich getan hat.«
Jim fragt,
»Mandy, sie sind doch eben vergewaltigt worden, wie können sie noch so fröhlich sein und das diesen Kerlen nicht nachtragen? Wenn ich nicht aufgewacht wäre, dann hätten alle drei Sie vergewaltigt!«
»Mister Hannigan, ich bin schon seit zehn Jahren jeden Tag fünfmal vergewaltigt worden, da kam es auf das eine Mal nicht mehr darauf an, es gab schlimmere Männer, die mich erst schlugen, weil sie glaubten, sogar ich brauche das. Fürs Schlagen hat Loningham extra 50 Dollar verlangt, weil wir danach für mindestens zehn Tage wegen den blauen Augen ausfielen.« Mandy sagt es und schaut Jim direkt an.
Jim kann ihre Augen erkennen, sie sind wohlgeformt und tiefsinnig. Wenn man das ganze Gesicht betrachtet und die Augen ein wenig unscharf stellt, erkennt man eine Katze in ihrem Gesicht, die bei der nächsten Gelegenheit mit dem Fauchen beginnt. Mandy ist anders als die mittelblonde Ann. Mandy ist brünett bis rot und ein wenig breitgesichtig, aber nur an den Wangenknochen, die durch ihre großen Augen einen malerischen Sinn bekommen. Wenn ein Maler eine schöne Frau noch schöner darstellen könnte, so würde er sie genau so malen wie Mandy. Aber Jim hat noch keinen Blick für die schöne Mandy.
Ann macht Cafe, denn die Nacht beginnt erst. Sie essen den Rest vom Hasen, den die drei Männer verständlicherweise nicht mehr essen konnten und legen sich schlafen. Ann rutscht zu Jim unter die Decke und schmiegt sich an Jim heran. Mandy schläft neben einem Baum sofort ein, für sie ist der Bedarf an Männern erstmal gedeckt. Jim könnte ihr zwar gefallen, aber lieben, …das könnte sie erstmal nicht, denkt und fühlt sie. Ann war quasi der Neuzugang bei Loningham, die sich bis zum Schluss nicht prostituieren lassen hat, sie verschwand gleich bei der ersten Gelegenheit. Darum war dies auch ein einschneidendes Erlebnis für sie.
Am anderen Morgen verschnüren sie ihre Sachen, binden sie auf die Pferde und planen noch einen kleinen Umweg nach Hoisington, nordöstlich von Dodge City, zu machen. Das sei wichtig, denn dort lebt der Partner von Jims Vater "Andrew J. Hoisington", der Gründer dieser Vereinigung. Im Brief des Vaters stand, dass er diesen Mann aufsuchen solle, denn er kann ihm bei der eventuell noch bestehenden Fehde, die seine Ranch betreffen, helfen. Es sei wichtig, dies zu tun, bevor er die Ranch auf seinen Namen in Hutchinson überträgt.
*
Loningham hat sein Fieber überstanden, er erhebt sich aus dem Krankenbett in der Wohnung des Arztes und zieht sich seine alten Sachen an, die jedoch von der Helferin gewaschen wurden. Er fragt sich wie lange er wohl in diesem Bett gelegen hat, er weiß nur, dass Jim Hannigan ihn zum Doc brachte. Loningham geht hinaus und läuft zu seinem Etablissement und klopft an der Tür.
»Aufmachen, hier ist Loningham, aufmachen!«
Die Tür geht auf und der breitgesichtige Revolverschwinger Jack Stone steht breitbeinig mit dem Colt in der Hand im Türspalt, als sei sein Boss Loningham ein ungebetener Gast.
Stone zischt scharf durch die Zähne,
»Hey Loningham, wir dürfen Sie hier nicht mehr reinlassen. Es hat sich einiges geändert, bitte gehen Sie. Der Zahlmeister sagt, ich soll Sie rausschmeißen oder auf der Stelle abknallen und an die Schweine verfüttern …!«, nach diesen Worten schlägt Stone die Tür zu.
Loningham geht irritiert zur Bank, leert das gesamte Geschäftskonto und eilt zum Mietstall, verkauft sein Pferd und fährt mit der Postkutsche aus der Stadt.
Bevor Loningham zu einem Städter mit Geschäftssinn und Zuhälter wurde, war er selbst ein Mann der seinen Colt an verschiedenen Interessen vermietete, ohne nach dem Grund zu fragen. Dieses Etablissement in Dodge City ist ihm in die Hände gefallen, als er den wahren Inhaber im Auftrag der Konkurrenz aus dem Hinterhalt erschossen hat. Nun ist er wieder unterwegs, um mit seiner Skrupellosigkeit neue Geschäftsfelder zu erschließen. 160 Meilen östlich gibt es eine neue Stadt, sie heißt Hutchinson City, dort treibt es ihn hin. In zwei Tagen wahrscheinlich, ist er da. Dort soll es jetzt ganz ruhig sein, es ist ihm schon bekannt, dass es in einigen Monaten eine Rinderstadt zwischen Newton und Dodge City werden soll. Bahngleise sind schon gelegt. Nur der Verladebahnhof und das Geld dazu fehlen.
Nach zwei Tagen und eine Nacht kommt Loningham mit der Kutsche in Hutchinson an und mietet sich sofort ein Zimmer im einzigen Hotel der Stadt. Saloons gibt es drei Stück mit Animierfrauen als Abendprogramm, nur die Gäste fehlen noch, denn dazu muss es erst eine Rinderstadt werden. Die Bahn geht zwar schon durch, aber hat noch keine Absicht dort Rinder aufzunehmen. Der Zug hält dort auch nicht für Reisende, denn diese müssen nach Hoisington und mit der Kutsche zurück. Die Stadt hat mit der Bahn noch keine Verträge schließen können, weil sie kaum Steuereinnahmen haben. Die Bahn verlangt hohe Gebühren für den Halt an dieser Stadt. Dies macht sich Loningham nutzbar.
Loningham besitzt um die 35.000 Dollars, die muss er so einsetzen, dass jeder in der Stadt denkt, er verfügt über unendlich hohes Kapital. Er mietet sich ein Bürogebäude und vergibt die ersten Kredite, und spielt das alte Spiel der "Schaft". In Bootseigner investieren und ihnen an gefährlichen Stromschnellen die Ladung rauben. Dies will Loningham mit dieser Stadt machen. Wer mit seiner Rate länger als 10 Tage im Rückstand liegt, wird per Kreditkündigung enteignet, worauf er letztlich abzielt.
Loningham mietet sich ein paar Revolverschwinger, die dafür sorgen, dass die Kreditnehmer nach guten Umsätzen ihre Raten nicht mehr bezahlen können, diese werden mit dem Sheriff als Unterstützung sofort per Beschluss enteignet. Er setzt die alten Inhaber für Hungerslohn in ihren eigenen Geschäften ein und erhöht sein Kapital auf wundersamer Weise. So insgesamt war der Plan. Doch er wusste nicht, dass es schon eine Interessensgemeinschaft gibt, die die gleichen Pläne verfolgen. Ihnen fehlt nur der rechte Mann, einer wie Loningham, dem jeder vertraut.
*
Hannigan, Ann und Mandy sind schon die ganze Nacht unterwegs, weil sie keine Zeit mehr verlieren wollen, denn sie befürchten Verfolger. Die drei Burchen haben bestimmt in Dodge City einigen Leuten erzählt, dass die Frauen mit 10.000 Dollars, neues Unionsgeld, unterwegs sind, darum müssen sie sich auch beeilen. 10.000 Dollars in einem langwierigen Überfall zu gewinnen ist leichter, als sie durch jahrzehntelange Arbeit oder im gefährlichen Glücksspiel zu verdienen. Jim weiß das, und weiß auch, dass es meistens Horden von 10, 12 Mann sind, die untereinander eh nicht teilen und sich nach dem Beutezug gegenseitig umbringen. Schon deshalb ist der direkte Weg zur Ranch nicht gut, weil es keine sicheren Plätze zum Nachtcampen gibt, hier ist das Gebiet weit offen und abgerodet. Man kann zwar andere Verfolger rechtzeitig sehen, aber diese sehen Jim und die Frauen auch rechtzeitig und mischen sich eventuell unter den Frachtfahrgespannen, die tag/täglich diese Route befahren.
