Der letzte Aufstand - Francis Knight - E-Book
Beschreibung

Die vertikale Stadt Mahala steht kurz vor dem Krieg mit den benachbarten Stadtstaaten. Es könnte sich als schlimmster Alptraum entwickeln, aber Rojan und die überlebenden Schmerzmagier bereiten sich auf ihren letzten Aufstand vor. Die Stadt muss mit Strom versorgt werden - und das schnell. In der alchemistischen Werkstatt wird an einem Generator gearbeitet, die Fabriken produzieren Waffen schneller denn je und trotzdem bleiben die Magier der letzte Ausweg aus der Krise. Rojans Schwester hat die Leitung der Alchemisten inne, verfolgt dabei den Plan, die Kraft der Magier so effektiv wie möglich zu nutzen und gegen die heranstürmenden Armeen einzusetzen. Während die Nahrungsmittel immer knapper werden und sich die Bewohner auf einen Krieg vorbereiten, für den sie nicht gewappnet sind, scheint dieses riskante Unterfangen, die einzige Möglichkeit zu sein ...

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Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.

Titel der englischen Originalausgabe: »Last to Rise«

Copyright ©2013 by Francis Knight First published in Great Britain in 2013 by Orbit, an imprint of Little, Brown Book Group

Copyright der deutschen Ausgabe ©2016 by Papierverzierer Verlag, Essen

Übersetzung: Melanie Vogltanz Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag Covergestaltung: Stefanie Messing Coverbild: Tony Andreas Rudolph

Autorenfoto: Kevin Fitzpatrick

Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-944544-25-0

Für Nerisse;

Fantastischer als Hit Girl.

Und nein, du kriegst kein Butterflymesser

zum Geburtstag.

Über Nunchucks lässt sich reden.

Inhaltsverzeichnis
Der letzte Aufstand
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Autorin Francis Knight

Prolog

Ich hatte nicht gerade viel, mit dem ich arbeiten konnte – ein Bild von dem jungen Mann, fast noch ein Junge, das Pasha mir im Büro gegeben hatte. Er hatte einen dunklen Teint, dennoch blasser, als er hätte sein können, sein sollen, ähnlich wie ich selbst und tausend andere. Seine Haut hatte nicht den blau-weißen Schimmer eines Unterstädters, der sein Leben in der Dunkelheit verbracht hatte, er wirkte mehr wie ein Oberstädter von der falschen Seite von Handel, der die Sonne vielleicht für ein paar Minuten am Tag sah, um die Mittagszeit, wenn sie direkt herabschien, und sie in der restlichen Zeit nur aus zweiter oder dritter Hand zu Gesicht bekam, wenn sie von Spiegeln reflektiert wurde und durch spinnwebenverhangene Oberlichter fiel. Außerdem war er dünn, ebenfalls wie wir alle, und wurde immer dünner. Ein Mann wie tausend andere unterhalb von Handel, abgesehen von dem Gestank des Miefs, der an ihm haftete, und den unerklärlichen Ereignissen in seinem Verstand, die er gesehen und vielleicht sogar unbeabsichtigt ausgelöst hatte.

Eine Erschütterung ließ die Wände erbeben und Staub auf mein Gesicht herabrieseln, wo er auf klammem Schweiß haften blieb. Es rief mir in Erinnerung, warum ich diesen Mann finden musste, und zwar bald. In den letzten Tagen war dieser Lärm zu einem Teil der Stadt geworden, hallte die Brückenwege entlang und suchte jede Ebene heim, von den dunkelsten Tiefen Begrenzungs hinauf zu den raren und sonnendurchtränkten Höhen des Weltengipfels, wo er selbst das Ministerium erschütterte. Und mit jedem neuerlichen Einschlag konnte man den Gedanken förmlich sehen, der durch die Köpfe aller schoss, Unter- wie Oberstädter gleichermaßen.

Die Storad waren an den Toren.

Die Storad lauerten jenseits der Stadtmauern … und warteten auf ihre Chance.

Kapitel 1

Wahrscheinlich gibt es irgendeine Art allumfassende Wahrheit, von der mir bislang niemand erzählt hat – nämlich, dass, wenn ich jemanden aufspüren muss, er sich immer in der beschissensten Gegend aufhält, die ich mir vorstellen kann, und ich kann mir eine Menge Scheiße vorstellen.

Dieser Ort jedoch würde fraglos den ersten Preis abräumen – tief in den Eingeweiden Mahalas, wo die Sonne niemals schien. Nicht einmal eine Brise gelangte hier hinunter, was sehr bedauerlich war, weil er sie hätte brauchen können.

Vorbei anKeine-Hoffnung, hinunter in das noch schlimmereBegrenzungund hinüber zum Grund desSturzes, dessen heruntergekommene Überreste jeden daran erinnerten, was passieren konnte, wenn ein Magier komplett durchdrehte. Dort stieß man auf denMief– er lag über derHöhle, allerdings nur knapp – und auf jene Menschen, die dafür sorgten, dass wir nicht in unserem eigenen Abfall erstickten. Es gab den einen oder anderen, der der Meinung war, dass auch ich dort hingehörte.

Behutsam suchte ich mir meinen Weg, an den tropfenden Balken vorbei, im Licht der neu entzündeten Glimmlampen, deren Anblick mir noch immer einen Schauer über den Rücken jagte. Ihr Schein durchdrang nur einen kleinen Teil der Dunkelheit – die Gegend hier unten hatte nicht unbedingt Prioritätsstatus, wenn es um die Belieferung mit Glimm ging, und die Menge an Lampen war dürftig –, aber zumindest konnte ich sehen, wohin ich ging und wo ich besser nicht reintrat, was auf so ziemlich alles zutraf.

Ich bewegte mich an großen, übelriechenden Fässern voller wer-weiß-was vorbei. Alles, was ich erkennen konnte, war, dass der Inhalt klumpig und von einem scheußlichen Braun-Grün war, das selbst im Dämmerlicht hell leuchtete und Dämpfe absonderte, die rochen, als könnten sie auf eine Entfernung von zehn Metern töten. Ich war dankbar, dass ich nicht der neugierige Typ war, denn ich war ziemlich sicher, dass niemandwissenwollte, was sich darin befand. Vermutungen reichten schon völlig.

Stetig tropf-tropf-tropfte Wasser von der Decke, gefiltert durch hundert oder mehr Ebenen der Stadt über uns, durch Ritzen und Spalten und Oberlichter. Zumindest hoffte ich, dass es nur Wasser war, denn es sickerte in meinen Mantelkragen, als hätte es dort seine neue Heimat gefunden. Der schwache chemische Odem nach Synth übertünchte andere, erdigere Gerüche, und ich fragte mich, wie viele der Bewohner desMiefsdem Synthox zum Opfer gefallen waren.

Es schien niemand hier zu sein, doch ich wusste, dass mein Mann irgendwo hier unten sein musste. Seit wir das Glimm zurückhatten, wurden die Magier benutzt, um es zu produzieren, anstatt dass man sie jagte und exekutierte, weil sie (unter anderem) unheilig waren. Also wurden wir nun für prosaischere Gründe getötet, obwohl Magier noch immer etwas scheu waren, wenn es darum ging, offen aufzutreten. Schließlich hätte all das auch ein Bluff sein können – das Ministerium hatte schon mal solche Dinge abgezogen, und niemand unterhalb vonHandeltraute dem Ministerium, ganz gleich, ob deren Mitglieder in den Tempeln die vernünftigen, bereinigten Gebete beteten.

Da Magier nun eine Notwendigkeit darstellten, hatte der neue Erzdiakon eine Belohnung für jeden Hinweis auf … nennen wir es, ungewöhnliche Ereignisse ausgesetzt, so dass wir nun zahlreiche Informanten hatten, die sich dabei überschlugen, ihren Nächsten auszuliefern. Meistens handelte es sich um einen unbedeutenden Racheakt – Männer, die jemanden verpfiffen, von dem sie glaubten, er hätte eine Affäre mit ihrer Frau, oder einen lästigen Rivalen, oder nur diesen versnobten Bastard von der nächsthöheren Ebene, der andauernd seinen Müll auf die darunterliegenden Wege kippte, statt ihn in Eimern mit dem Flaschenzug in denMiefzu schicken. Oft taten es die Denunzianten auch fürs Geld – Geld bedeutete Essen, und Essen war schwer zu bekommen, bei der Belagerung auf der einen Seite der Stadt und Nachbarn mit fragwürdigen Absichten auf der anderen, und nicht viel dazwischen außer Ebene über Ebene voller Hungernder, die von der Gebirgskette eingekesselt waren, die uns beschützte, oder es zumindest bis jetzt getan hatte.

Wegen dieser Belagerung war es schwierig, an Nahrung ranzukommen.GuteNahrung, etwas Essbares, das kein wässriger Brei oder von Käfern durchsetzt war, hatte fast schon einen mythischen Ruf. In dieser Zeit, in der wir schon so lange besetzt waren, dass sogar Ratten verdammt schmackhaft auszusehen begannen, hätte ich meine Seele für Speck verkauft, und meinen linken Arm für alles, was nicht nach Sägespänen und Mausexkrementen schmeckte. Doch leider war meine Seele in ihrem momentanen Zustand keinen krummen Kupferling wert, und, wegen eines kleinen Zwischenfalls, der mit der Beschaffenheit meiner magischen Fähigkeiten und meinen Rachegelüsten zu tun hatte, sah es mit meinem linken Arm nicht viel anders aus; zumindest nicht mit meiner Hand. Die war nämlich vollständig im Eimer.

Natürlich versuchte jeder, von dem Geld zu profitieren, indem sie dem Erzdiakon Berichte ablieferten, in denen sie Leuten vorwarfen, dass sie »komisch aussahen«, »seltsam gingen«, »eine Warze hatten«, oder, bei einer besonders denkwürdigen Gelegenheit, »Scheiße laberten«. Auch ein paar ernsthaftere Anschuldigungen kursierten, aber die kümmerten mich nicht sonderlich, denn auch mir hätte man ein paar ernste Vorwürfe an den Kopf werfen können.

Aber unter all dem fand sich auch der eine oder andere nützliche Bericht. Gestern war ein Mann, dünn wie ein Stock und den Gestank dieser Gegend hinter sich herziehend, ins Büro gehuscht und hatte skeptisch das Schild an der Tür betrachtet:

LIZENZIERTE MAGIER, ANNAHME ALLER MAGISCHEN AUFTRÄGE. UNSERE SPEZIALITÄTEN UMFASSEN SOFORTIGE KOMMUNIKATION, GEDANKENLESEN, PERSONENSUCHE UND UMGESTALTUNG. DISKRETION GARANTIERT. PREISE AUF ANFRAGE.

Es war ein gutes Schild, und umso besser, weil Magier nun legal waren und man für die Durchführung eines Zaubers nicht länger verhaftet werden konnte, wobei »verhaftet« lange ein Euphemismus für »auf hässliche Weise krepieren« gewesen war. Dennoch hatte das Ministerium Jahrzehnte damit verbracht, jedem zu erzählen, wie böse und unheilig wir waren, und die Menschen brauchten Zeit, um sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Beim Gedanken an Magier hatte der dünne Mann gezögert. Beim Anblick von Pasha, mit seiner Unterstädterblässe unter der dunklen Haut, die für einen Oberstädter »Ketzer« oder Schlimmeres bedeutete, ergriff er die Flucht, als wäre Namrat persönlich hinter ihm her, der seine Seele verschlingen und anschließend in der Hölle auskacken wollte. Doch bevor der Mann entkommen war, hatte Pasha seine Magie benutzt, um die Informationen aus seinem Verstand zu schöpfen – und diese beinhalteten eine Reihe unerklärlicher Ereignisse hier unten imMief. Unerklärlich war, wonach wir suchten, und folglich auch, warum ich hier unten war und so wenig wie möglich zu atmen versuchte, nur für den Fall, dass das Einatmen dieses Gestanks tödlich war.

Ich hatte nicht gerade viel, mit dem ich arbeiten konnte – ein Bild von dem jungen Mann, fast noch ein Junge, das Pasha mir im Büro gegeben hatte. Er hatte einen dunklen Teint, dennoch blasser, als er hätte sein können, sein sollen, ähnlich wie ich selbst und tausend andere. Seine Haut hatte nicht den blau-weißen Schimmer eines Unterstädters, der sein Leben in der Dunkelheit verbracht hatte, er wirkte mehr wie ein Oberstädter von der falschen Seite vonHandel, der die Sonne vielleicht für ein paar Minuten am Tag sah, um die Mittagszeit, wenn sie direkt herabschien, und sie in der restlichen Zeit nur aus zweiter oder dritter Hand zu Gesicht bekam, wenn sie von Spiegeln reflektiert wurde und durch spinnwebenverhangene Oberlichter fiel. Außerdem war er dünn, ebenfalls wie wir alle, und wurde immer dünner. Ein Mann wie tausend andere unterhalb vonHandel, abgesehen von dem Gestank desMiefs, der an ihm haftete, und den unerklärlichen Ereignissen in seinem Verstand, die er gesehen und vielleicht sogar unbeabsichtigt ausgelöst hatte.

Eine Erschütterung ließ die Wände erbeben und Staub auf mein Gesicht herabrieseln, wo er auf dem klammen Schweiß haften blieb. Es rief mir in Erinnerung, warum ich diesen Mann finden musste, und zwar bald. In den letzten Tagen war dieser Lärm zu einem Teil der Stadt geworden, hallte die Brückenwege entlang und suchte jede Ebene heim, von den dunkelsten TiefenBegrenzungshinauf zu den raren und sonnendurchtränkten Höhen desWeltengipfels, wo er selbst das Ministerium erschütterte. Und mit jedem neuerlichen Einschlag konnte man den Gedanken förmlich sehen, der durch die Köpfe aller schoss, Unter- wie Oberstädter gleichermaßen.

Die Storad waren an den Toren.

Die Storad lauerten jenseits der Stadtmauern, warteten auf ihre Chance, und sie hatten einen Tross großer, qualmender Maschinen, die einen guten Versuch gestartet hatten, die besagten Tore in Schutt und Asche zu legen. Die Erschütterungen stammten vom Einschlag der Geschosse der Maschinen, die wie übergroße Pistolenkugeln aussahen, und wurden von einem ohrenbetäubenden Donnern begleitet. Erschütterung und Schrecken ließen die gesamte Stadt erzittern.

Mit Erleichterung erreichte ich das Ende der Fässer und, in der Hoffnung, ich könnte nun einen tiefen Atemzug nehmen, ohne mich zu übergeben, holte ich Luft. Der Geruch wurde kein bisschen besser. Stattdessen wurde er schlimmer, so dass meine Augen tränten. Für eine frische Brise hätte ich mit Freuden Morde begangen. Wo zur Hölle steckte dieser Kerl? Wo steckten alle?

Eine Reihe kleinerer Becken und Fässer füllten dieHöhleaus, größere, die kleinere speisten. Der Überschuss lief in einen Kanal, der sich seinen Weg hinunter ins Zentrum bahnte. Grünlicher Schaum blubberte und dampfte an der Oberfläche einiger Becken, aber das Zeug, das ablief, sah erstaunlich klar aus. Die Flüssigkeit – ich konnte und wollte sie nicht Wasser nennen, außer vielleicht im weitesten Sinne – plätscherte den Kanal mit einem vergnügten Sprudeln hinab, bis sie über eine Kante und außer Sichtweite floss.

Noch immer hatte ich keine Menschenseele zu Gesicht bekommen, und allmählich wurde ich ungehalten. Wir hatten keine Zeit zu verlieren, nicht mit den Storad vor unserer Haustür, die unsere Tore Stück für Stück zerlegten. Das am Fließband gefertigte Glimm zerlegte Pasha und mich ebenfalls Stück für Stück. Keine Zeit zu verlieren, und wir brauchten jeden Magier, den wir finden konnten, ob sie nun wussten, dass sie Magier waren, oder nicht. Ich versuchte, zu rufen, durchsuchte jeden Winkel, aber alles, was mir meine Anstrengungen einbrachte, waren mehr Gestank und grünes Zeug auf meinem Mantel. Oben imWeltengipfelnäherte sich die Mittagszeit, und ich musste so schnell wie möglich sehen, dass ich von hier wegkam. Ich hatte keine Zeit, Spielchen zu spielen, und bei dem Gedanken fluchte ich, denn das bedeutete, dass ich meine Kräfte einsetzen musste. Dabei hatte ich gehofft, ich würde davonkommen. Falsch gedacht.

Ich fand eine Mauer, die nur wenig feucht war, lehnte mich dagegen und hoffte wie verrückt, dass ich diesmal nicht auf den Knien enden würde, denn ein ruiniertes Paar Stiefel reichte vollends, ich musste mir nicht auch noch meinen Anzug einsauen. Ich schloss die Augen und zog meine übel zugerichtete Hand aus der Tasche. Normalerweise brauchte ich einen persönlichen Gegenstand, eine Verbindung zu demjenigen, den ich suchte, sofern ich ihn nicht gut kannte: eine Haarlocke, einen Fetzen Kleidung, ein Bild. Dieses Mal war alles, was ich hatte, das Gesicht, das Pasha mir gezeigt hatte, ein Bild in meinem Kopf, wenn man so will, gemeinsam mit einem Namen und der relativen Sicherheit, dass der Kerl hier unten sein musste. Es konnte klappen. Ich hoffte, dass es das würde, denn das würde wehtun, und ich kann Schmerz nicht leiden, erst recht nicht, wenn er sinnlos ist.

Meine Hand begann langsam zu heilen, nachdem ich sie vollkommen ruiniert hatte, aber genug Magie herauszupressen, um die Glimmlampen und alles andere in den letzten Wochen zu betreiben, hatte den Heilungsprozess nicht unbedingt beschleunigt. Der Generator half, indem er die Magie aufnahm und vervielfachte, aberHandelist ein hungriges Monstrum. Blau-violett und geschwollen umschreibt noch nicht einmal annähernd den jämmerlichen Zustand meiner Hand, aber das war nun mal ein Teil meines Lebens. Wenn ich Glück hatte, würde sie mir in naher Zukunft nicht abfallen.

Ich atmete tief ein und schloss die Finger zur Faust. Zuerst kam der Schmerz, vertraut und verhasst, eine silbrig-rote Linie der Agonie in meiner Hand, meinem Arm, meinem Kopf. Nach dem Schmerz kam die Energie, die Flut der Magie, die mir den Weg zeigen würde, und die mich auch lockte, verspottete. Schmerz war meine geringste Sorge, wenn ich einen Zauber ausführte, denn das Nichts lag stets auf der Lauer, beobachtete, hoffte, ich würde hineinfallen und niemals wieder auftauchen. Es machte mir eine Scheißangst, wenn ich ehrlich bin, denn ein Teil von mirwolltesich fallenlassen, in warme Behaglichkeit und angstfreie Faszination, frei sein von allem, sich um nichts mehr sorgen.

Das Gesicht – ich konzentrierte mich auf das Gesicht. In letzter Zeit hatte ich zahlreiche Gelegenheiten gehabt, meinen Suchzauber zu praktizieren, hatte mehr in der letzten Woche ausgeführt als im ganzen vergangenen Jahrzehnt, was meine arme Hand bezeugen konnte, und ich wurde besser, verfeinerte meine Fähigkeiten. Ein Gesicht war nicht gerade viel, dennoch konnte ich einen Zug spüren, einen Ruck an meinem Arm. Eine erhobene Stimme hallte in meinem Kopf wider, und eine zweite, die gegen sie anredete, obwohl ich nicht sagen konnte, ob es sich um den Kerl handelte, den ich suchte – noch nicht. Doch es war besser als nichts, also folgte ich dem Ziehen an meinem pochenden Arm, dem Pulsieren der Energie und der Gewissheit in meinem Kopf, dassdiesder Weg war, den ich gehen musste. Meine Magie, zumindest dieser Teil davon, hatte mich nur selten in die Irre geführt – sie war beinahe das Einzige, auf das ich mich verlassen konnte.

Das Ziehen führte mich eine verseucht aussehende Spalte zwischen zwei Fässern hinunter, eine, die ich allein nie gefunden hätte. Selbstwennich sie bemerkt hätte, wäre ich dort ohne das magische Ziehen nie hinuntergestiegen, denn zwischen zwei dieser Fässer eingeklemmt zu sein, seitlich, da meine Schultern nicht in die Spalte passten, sorgte für einen Extraschwall Gestank. Wahrscheinlich war es letzten Endes ganz gut gewesen, dass ich nichts zum Frühstück hatte auftreiben können. Ich hielt den Atem an und quetschte mich hindurch.

Die andere Seite öffnete sich zu einem dunklen, stetig tropfenden Tunnel, der vielleicht einmal ein Weg gewesen war, bevor jemand etwas darübergebaut hatte. Das war in Mahala so eine Sache: Irgendwer baute immer irgendwo irgendwas drüber – esgabkeinen anderen Platz, auf dem man hätte bauen können, nicht mehr. Der Tunnel war kaum breiter als die Spalte zwischen den Fässern, aber wenigstens der Geruch verflüchtigte sich ein wenig, als ich ihn betrat. Meine gesunde Hand lag auf dem Griff meiner Strahlenpistole, nur für alle Fälle.

Die hallenden Stimmen wurden lauter, und ich war dankbar, für den Moment keine weitere Magie einsetzen zu müssen, obwohl das Pochen meiner Hand bedeutete, dass ich mehr als genug zusätzliche Energie hatte, sollte ich sie brauchen. Der Tunnel wand sich voran, beleuchtet von einem flackernden Licht an den feuchten Wänden. Kein Glimm, sondern der schwächere Schein einer Reißnussöllampe, das letzte Mittel der Ärmsten der Armen. Ein Geruch von tagealten Fürzen und verfaultem Fisch vermischte sich mit dem allgegenwärtigen Gestank, der den Fässern entstieg.

Ich näherte mich meinem Ziel, das verriet mir das Ziehen. Nach einer Kurve öffnete sich der Tunnel zu einem weiten Gang, der von stinkenden Lampen hell erleuchtet war, mit Wänden, die aussahen wie Lumpen, die nur von Schimmel zusammengehalten wurden. Rechter Hand befand sich eine Reihe von Eingängen, die mit zerschlissenen Vorhängen behangen waren.

Mieferverbrachten ganze Leben hier unten, nur selten wagten sie sich aus ihrem kleinen Reich heraus. Die Stimmen wurden deutlicher – ein Mann und eine Frau, die heftig miteinander stritten, die genauen Worte waren noch immer unverständlich. Doch ich musste nicht hören, was sie sagten, um mir ein Bild zu machen. Sie schienen die »Schlampe!«, »Bastard!«, »Meine Mutter hat immer schon gesagt –«, »Deine Mutter ist eine –«-Phase erreicht zu haben, und ich zögerte, mich einzumischen. In familiäres Kreuzfeuer zu geraten, ist niemals empfehlenswert, denn die Wahrscheinlichkeit war groß, dass sie sich dannbeideauf dich stürzten. Ich hatte Narben, die das bewiesen.

Mein Zögern – na gut, feiger Drang nach Selbstschutz – verabschiedete sich postwendend, als das unverkennbare Geräusch einer offenen Hand ertönte, die gegen eine Wange klatschte. Die Frau schrie, als hätte die Hölle in just diesem Moment ein Portal zu ihren Füßen geöffnet, aus dem Namrat heraussprang und ihr Gesicht zu fressen begann. Ich hatte meine Strahlenpistole gezogen und war um die Ecke, bevor der Schrei Zeit hatte, zu verklingen. Ich mochte eigennützig sein und Verantwortlichkeit um jeden Preis vermeiden, ja, würde fast alles tun, um ihr zu entkommen, aber ich hatte auch diese andere kleine Schwäche, eine, die Erlat schrecklich auf die Nerven ging.

Innerhalb eines Herzschlags war ich um die Ecke, die Strahlenpistole im Anschlag und bereit, dem Kerl in den Kopf zu schießen, sein Gehirn mit einer konzentrierten Magieentladung kurzzuschließen. Er mochte ein Magier sein, mochte der Kerl sein, nach dem ich suchte, aber dennoch …

Weiter kam ich nicht, bevor er mich rammte und uns beide in einem Knäuel aus Gliedern und angestoßenen Köpfen auf den Gang hinaus- und gegen die Wand stieß. Ich landete auf meiner kaputten Hand – natürlich – und hielt einen Schrei zurück, ebenso wie den Schwall von Energie, der mein Hirn erschütterte und mich dazu bringen wollte, mit meiner Magie um mich zu schlagen. Ganz gelang es mir nicht, und meine Kräfte liefen Amok. Ziellos brachen sie aus mir hervor. Ein paar Fetzen im Eingang, die als Vorhänge dienten, verwandelten sich in zwei gekräuselte Pfützen aus braunem Glibber auf dem Boden, bevor ihnen klebrige Stummelflügel wuchsen und sie halb fliegend, halb stolpernd den Gang hinunter verschwanden. Ups.

Als sich mein Kopf etwas geklärt hatte, erkannte ich, dass mich der Kerl nicht wie gedacht angegriffen hatte. Er war gegen die Wand geschleudert worden, hatte dabei stattdessen mich getroffen und lag nun benommen und verwirrt auf dem Boden.

Im Raum, der uns gegenüber lag, deutlich sichtbar, da irgendein Idiot ihre Vorhänge umgestaltet hatte, stand eine aufgebrachte Frau, die Hände zu Fäusten geballt und mit glühenden Augen und einem gekräuselten, zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Es mag seltsam erscheinen, dass ich nicht als Erstes bemerkte, dass sie flog, oder vielmehr einen halben Meter über dem Boden schwebte. Da wir hier aber über mich sprechen, war dasErste, was ich an ihr bemerkte, die Tatsache, dass der formlose Fetzen von einer Tunika, den sie trug, ihre überwältigende Figur nicht verbergen konnte – rund und kurvig an den besten Stellen, und einige dieser Stellen wogten auf ziemlich ablenkende Weise. Das Schweben registrierte ich unmittelbar danach, und die Erkenntnis verpasste mir eine geistige Ohrfeige. Ich suchte nicht den Typen mit dem schmalen Gesicht, der am Boden der Wand zusammengesunken war.

Nicht er war der Magier.

Sie starrte mich an, mit einem roten Handabdruck auf einer Seite ihres Gesichtes, hoch erhobenen Kopfes und mit einem Kinn, das sie in fast königlichem Stolz vorreckte, als würde sie mich herausfordern. Versuch es, mach schon, wenn du dich traust, besagte dieser Blick. Wenn du es wagst, werde ich dich ebenso zerschmettern. Du wirst schon sehen.

Für diese Art der Herausforderung lebte ich – jene, die Frauen mit einschloss.

Langsam kam ich auf die Füße und tat dabei mein Bestes, so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken. Das war gar nicht so einfach, denn selbst mit ihrer Schwebenummer war ich ein Stück größer als sie. Außerdem war ich erheblich breiter um die Schultern und zudem in einen schwarzen Anzug gehüllt, der die Uniformen der tödlichen Spezialsoldaten des Ministeriums imitierte. Er half mir dabei, die Angst der Göttin in meine gewöhnlichen Klienten zu pflanzen – Flüchtige, Männer, auf die ein Kopfgeld ausgesetzt war, größtenteils Kleinkriminelle, nichts zu Gefährliches, da ich mein Gesicht genau so mochte, wie und wo es war. Mögliche Magier aufzuspüren, war eine ziemlich neue Nebenbeschäftigung für mich, und ich wurde nicht einmal dafür bezahlt.

Es war nicht so einfach, nicht auf all das Gewoge zu starren, aber ich unternahm tapfere Anstrengungen, meine Zunge wieder einzurollen.

Sie spannte sich an, bereitete sich mit Sicherheit darauf vor, einen weiteren Zauber einzusetzen, vermutlich, um mich gleich neben dem Kerl gegen die Wand zu schleudern, also knipste ich mein altes, niemals scheiterndes Rojan-Lächeln an. Ich hatte den Frauen abgeschworen und mich in den vergangenen zwei, fast drei Tagen ziemlich gut geschlagen – ein neuer persönlicher Rekord, auf den ich ziemlich stolz war –, aber ich war dazu verdammt, früher oder später schwach zu werden. Wenn ich dabei meine Chancen auf Überleben steigern konnte, umso besser.

Auch diesmal ließ mich mein Lächeln nicht im Stich, denn die Anspannung wich ein wenig aus ihren Schultern.

»Ja, ich bin eine Magierin«, sagte sie, und die Abwehrhaltung klang in jedem ihrer Worte mit. »Was wirst du dagegen unternehmen? Mich ausliefern und die Belohnung kassieren?«

Ich schob die Strahlenpistole zurück in meine Tasche, ließ die Hand aber für alle Fälle darauf ruhen, und drehte das Lächeln noch etwas heller auf. Scheiß drauf, zwar hatte ich den Frauen abgeschworen, aber eine Gelegenheit sollte man nicht einfach wegwerfen. Und außerdem war da noch ihre Körperhaltung, dieses Wallen und Wogen, während sie so in der Luft hing …

Meine andere kleine Schwäche ist, dass ich Frauen fast magisch anziehe. Sie alle. Groß, klein, dick, dünn, schön oder schlicht, nichts davon schreckt mich ab. Absolut nicht widerstehen kann ich anmutigen Bewegungen oder Körperhaltungen. Erwischt mich jedes Mal. Für gewöhnlich hält es nicht lange an, denn Versuchungen zu widerstehen, gehört nicht gerade zu meinen Stärken. Sobald ich außerdem bekam, was ich wollte, hatte ich die Aufmerksamkeitsspanne eines Käfers, und ich bin wirklich Weltklasse, wenn es darum geht, Beziehungen zu versauen, aber bei den Titten der Göttin, es erwischte mich trotzdem.

Und wenn sie tatsächlich eine Magierin war, brauchten wir sie, vor allem, weil sie ihre Fähigkeiten im Griff zu haben schien, anders als die meisten unserer übrigen Rekruten. Daher war es nichtnuraus Selbstzweck, als ich sagte: »Ich habe mich gefragt, ob du schon Pläne fürs Mittagessen hast?«

Kapitel 2

Sobald das Essensangebot auf dem Tisch war, brauchte ich nicht mehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten – durch die Belagerung war jeder hungrig, mehr als hungrig, zumindest jeder, der inUnterhandellebte. Zwar versetzte es meinem Ego einen Dämpfer, dass es das Essen war, das sie überzeugt hatte, und nicht ich, aber vermutlich war es besser so. Noch mehr Probleme mit Frauen war das Letzte, was ich brauchte, und ich hatte bereits einen schönen Haufen davon – so wie mein Leben lief, hätte ich mir Sorgen gemacht, wenn es anders gewesen wäre.

Sie nannte sich Halina, und sie war misstrauisch und skeptisch und so zynisch, dass sie mich wie einen personifizierten Hoffnungsschimmer aussehen ließ. Sie bombardierte mich mit Fragen und belächelte die Antworten höhnisch, während ich sie durch die heruntergekommenen Winkel vonBegrenzungführte. Wir passierten tropfende Betonhäuser, die sich wie räudige Welpen auf der Suche nach Wärme zusammendrängten, auf einem Haufen übereinander kriechend und sich an den Seiten einquetschend, die noch übleren Gebäude darunter einklemmend; feuchte und ärmliche Häuser, die bessere Tage gesehen hatten – das hieß, bessere Dekaden. Brückenwege erstreckten sich über gähnende Abgründe zwischen zerfallenden Gebäuden oder krochen um sie herum wie ungezogene Kinder. Ein fast konstanter Regen fiel durch ihr Netz, das ihn in Millionen winziger Tröpfchen zerschnitt, von denen es sich jeder einzelne zum Ziel gemacht zu haben schien, in den Kragen meiner Jacke zu kriechen. Stufen führten in beide Richtungen in sich windende Dunkelheit, höchstwahrscheinlich mit einem Räuber an jeder Ecke, wenn sie nicht schon von einem Rauschjunkie besetzt war. Die Brückenwege, Treppen und Straßen, die fester mit den Gebäuden verbunden waren, waren beinahe leer – wirkten fast immer leer in diesen finsteren Tagen, in denen Menschen der Gedanke an Essen wichtiger war als daran, was vor unseren Toren lauerte und gegen sie anlief. Ein paar trostlose Gestalten schlenderten geistesabwesend über die Wege wie im Delirium – ob aus Hunger oder Verzweiflung, vermochte ich nicht zu sagen. Eine einzelne, dunkle Gestalt schwebte auf der anderen Seite des Spalts die Straße entlang, eine Ebene unter uns. Ihr Gesicht war bleich, als sie den Kopf hob und zu uns hinaufblickte.

Als wir die Grenze zuKeine-Hoffnungüberschritten und sie das Magierthema anschnitt, hielt Halina mitten auf einem Brückenweg an und brachte diesen dabei so zum Schwanken und Schwingen, dass ich fast einen Herzinfarkt bekam.

»Stimmt es also wirklich? Das mit den Magiern? Und ich dachte, ich wäre die Einzige«, sagte sie, während ich mich verstohlen festhielt und nicht zu zeigen versuchte, wie sehr mir zum Heulen zumute war. Der Weg nach unten war lang von dort oben, selbst am arschseitigen Ende vonKeine-Hoffnung. Lange genug, um mir Zeit für ein hübsches Schreikonzert zu geben, bevor ich am Grund aufschlug. Vielleicht würde ich vorher ein paar Sicherheitsnetze durchschütteln, aber ich traute ihnen nicht zu, mich retten zu können. Sie waren alt und zerschlissen und waren schon in ihren besten Zeiten nicht sonderlich effizient gewesen, weil Fallende dazu neigten, davon abzuprallen wie von einem Trampolin. Sie würden mir nur noch mehr Zeit zum Schreien geben.

»Was genau? Hör mal, können wir rübergehen?« Ich arbeitete mich vorwärts, aber sie hielt mich fest, und bei ihrer neuerlichen Bewegung hüpfte der Weg unter meinen Füßen. Meine impulsive Reaktion – ein Schrei des Entsetzens, den ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervorstieß – wurde noch verstärkt durch eine neuerliche Erschütterung von den Toren und der Tatsache, dass der Brückenweg an einem Ende brandgeschwärzt von den Feuern war, die hier während der jüngsten Aufstände gewütet hatten. Zum zweiten Mal an diesem Tag war ich froh, dass ich nicht zum Frühstücken gekommen war. Ich gab das mit dem »verstohlen« auf und hielt mich nur noch fest, während ich mir nur zu stark bewusst war, dass mir das auch nichts nutzen würde, sollte sich der Brückenweg entscheiden, sich von den schäbigen Gebäuden zu lösen, mit denen er verbunden war.

Verächtlich hob Halina eine Augenbraue und einen Mundwinkel. Nach einer schnellen Verrenkung von etwas, das ich nicht sehen konnte, hob sie vom Weg ab. Als wollte sie mir meine Angst richtiggehend unter die Nase reiben. Ich ignorierte sie, holte so tief Luft, wie ich konnte, und ging hinüber zu einer stabiler aussehenden Treppe, wo ich darauf wartete, dass die Welt wieder vernünftig wurde und aufhörte, vor meinen Augen zu verschwimmen.

Sie schwebte mit einem Grinsen zu mir herüber, das mich umgehauen hätte, wäre ich in der Verfassung gewesen, es wertzuschätzen. Außerdem stellte es merkwürdige Dinge mit meinem Magen an. Vielleicht war das aber auch nur immer noch ein Effekt von dem Gedanken an denSturz, dem ich so knapp entgangen war.

»Was ist los mit dir? Außerdem hast du meine Frage nicht beantwortet.« Sie setzte sanft auf der Stufe über mir auf. Was hätte ich nicht alles für ihre Fähigkeit gegeben – niemals wieder hätte ich irgendeine große Höhe fürchten müssen.

»Nichts. Welche Frage war das nochmal?«

»Ich habe die Nachrichtenblätter gesehen. Selbst imMiefsehen wir sie, sobald alle anderen damit durch sind. Ich kann sogar lesen. Stimmt es also, das mit den Magiern?«

Sie klang unfassbar stolz darüber, dass sie lesen konnte, aber hey, warum auch nicht? Nur wenige in den unteren Bezirken konnten mehr als ihren eigenen Namen lesen, wenn überhaupt – auf dieser Basis verdiente mein Kollege Dendal seinen Lebensunterhalt: Lesen und Schreiben für jene, die es selbst nicht konnten. Die Nachrichtenblätter wurden überwiegend von den Kardinälen gesponsert und verbreiteten daher ihre eigenen, eher individuellen Versionen der Ereignisse. Fakten waren unwichtig; einfache Worte für den einfach gestrickten Leser, auswendig vorgetragen für die, die es nicht selbst lesen konnten. Magier hatten, nun ja, einen ziemlich beschissenen Ruf in diesen Blättern. Wir seien legal, wie die meisten behaupteten, weil der Erzdiakon zu rein und heilig sei, um zu begreifen, wie verdorben wir seien, und dass er außerdem mit einem zu milden Wesen und einem Magierbruder gestraft sei. Der letzte Teil stimmte sogar – Perak war ein nachsichtiger Mensch, und vermutlich war es eine Strafe für ihn, dass ich sowohl sein Bruder als auch ein Magier war. Die Blätter allerdings ließen sich in allen schmutzigen Details darüber aus, wie verdorben wir seien. Sind.

»Das eine oder andere ist wahr«, begann ich vorsichtig, denn einige Magier waren in der Tat keine Unschuldslämmer gewesen. »Was die Nachrichtenblätter zum Beispiel zurückhalten, ist, wo das Glimm herkommt, stimmt’s? Ebenfalls sehr wenig liest man über die Storad, was mir sowohl komisch als auch dumm vorkommt. Warum wohl? Ich meine, die Storad sind an unseren Toren und versuchen, in die Stadt zu kommen, jeder wird wissen wollen, warum, oder nicht?«

Darüber lachte sie, und erneut tanzte mein Magen ausgelassen auf und ab. »Wegen der Magier, zumindest ist es das, was jeder erzählt. Magier und Unterstädter. Und du willst, dass ich mit dir gehe? Vielleicht, damit ich mich als Köder anbiete? Vielleicht will ich denMiefsowieso verlassen – wer würde das nicht wollen? Und vielleicht sind wir jetzt weit genug gegangen, und ich bewege mich nicht vom Fleck, bis du mir gesagt hast, worauf ich mich überhaupt einlasse.«

Mit einem Mal spielte mein Magen aus einem vollkommen anderen Grund verrückt: Es war ihr gelungen, sich so zu positionieren, dass ein kurzer Schubs ihrerseits genügen würde, um mich über die Kante zu befördern. Ich setzte mein bestes Lächeln auf und rutschte ein Stück zur Seite, so dass ich mit dem Rücken zur Wand stand.

»Pass auf …« Stottern ist nicht unbedingt günstig, wenn man flirtet, also versuchte ich, nicht nach unten zu sehen und mich zusammenzureißen. »Wie wäre es, wenn ich es dir zeige? Dann kannst du dich entscheiden. Und selbst wenn du nein sagst, bekommst du ein Gratisessen.«

Sie betrachtete mich abschätzend, nahm sich Zeit, mich von oben bis unten gründlich zu mustern, mit einer erhobenen Augenbraue, die zu sagen schien: Du musst mich auf den Arm nehmen. Ich straffte mich, strich mir mit einer Hand durch mein Haar und gab mir Mühe, auszusehen, als wäre ich ein würdiger Beziehungsanwärter – nicht einfach, in Anbetracht der Umstände, aber Teufel, man muss es zumindest versuchen.

Schließlich grinste sie wieder. Mir gefiel nicht, wie dieses Grinsen darauf anzuspielen schien, dass sie mehr wusste, als ich glaubte. »Na schön. Zur Hölle, ich wäre erst gar nicht mit dir mitgekommen, wenn ich nur die Hälfte von dem glauben würde, was in den Nachrichtenblättern steht. Außerdem wäre es ganz nett, mal aus demMiefrauszukommen. Aber versprechen kann ich nichts.«

»Klingt fair. Nach dir. Allerdings besser, ohne dabei zu schweben – wir sind vielleicht legal, aber das heißt nicht, dass uns die Menschen leiden können.« Ich winkte sie vor mich zur Treppe und folgte ihr nach oben.

»Es kümmert mich einen Scheiß, ob jemand weiß, was ich bin. Jedem, der ein Problem damit hat, verpasse ich mit meiner Magie einen Tritt in den Arsch. Und wo wir gerade von Ärschen sprechen, wenn du nicht aufhörst, auf meinen zu starren«, sie sah über ihre Schulter zurück, »werde ich dir zeigen, was passiert, wenn ichwirklichangepisst bin.«

Du musst wissen, diese Laubsägearbeiten an den Brückenwegen dort waren wirklich faszinierend, lauter verschlungene Muster und kleine Ikonen mit dem Gesicht der Göttin, vermischt mit stilisierten Versionen der Heiligen und Märtyrer. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, mich an ihre Namen zu erinnern, dass ich Halina und ihren Arsch den ganzen Weg über kaum beachtete.

Kapitel 3

Wir erreichten das Schmerzlabor am Rand vonHandel. Als sie es sah – seine brandgeschwärzte Fassade, das Chaos aus mechanischen und elektrischen Bauteilen, das Lises Arbeitsplatz war, die Ansammlung von Jugendlichen, meine fröhliche Bande von Zauberlehrlingen, die sich in einer Ecke auf Herz und Nieren prüften –, kräuselte Halina die Lippen. Dann entdeckte sie den grauen, wässrigen Brei, der alles war, was wir an Nahrung hatten, und fiel darüber her, als wäre es Steak mit Eiern.

Alle neuen Rekruten wurden im Labor oder in dem Gebäude direkt daneben einquartiert. Auf diese Weise war es einfacher, sie im Auge zu behalten, vor allem, da die meisten gerade erst lernten, mit ihren Kräften umzugehen, und das brachte für gewöhnlich einige Überraschungen mit sich. Wir hatten sogar unser Büro dorthin verlegt, und das gefiel mir um einiges besser als der alte Standort. Ich ließ Halina essen, als ob das Ende der Welt gekommen wäre, und steuerte auf meinen Schreibtisch zu.

Ich kam nicht sonderlich weit. Zum einen war Lise nicht an ihrem Arbeitsplatz, was seltsam war. Nicht nur, weil wir auf ihre Fähigkeiten und Erfindungen, die uns dabei helfen könnten, die Storad abzuwehren, angewiesen waren, sondern weil sie nur dann wirklich glücklich war, wenn sie basteln konnte. Wenn sie etwas von der Arbeit abhalten konnte, dann musste es etwas wirklich Wichtiges sein. Die erhobenen Stimmen, die durch die Tür drangen, waren ein Hinweis – ich konnte sie und Perak und ein Gewirr anderer Stimmen hören, die wild durcheinander sprachen. Ich war nicht vollkommen sicher, ob ich mich einmischen wollte, vermutete aber, dass es für einen Rückzug bereits zu spät war.

Der Schmerzraum war brechend voll. Lise stand schützend vor der Vorrichtung, die wir verwendeten, um Magie abzuzapfen, einen Schraubenzieher in der Hand, als fürchtete sie, jemand wollte das Gerät sabotieren. Auch Pasha war da. Er wirkte zerknittert und wütend, aber das tat er häufiger. Erzdiakon Perak, mein und Lises Bruder, ungewöhnlich für diesen ruhigen, gelassenen Mann, sah fertiger und angepisster aus, als ich ihn je erlebt hatte. Nachdem ich entdeckt hatte, wer sich noch im Raum befand, verstand ich auch, warum.

Eine ganze Ministeriumsdelegation: fette, selbstgefällige Kardinäle in überladenen Roben, Bischöfe, nur geringfügig weniger pummelig und protzig, Berater, die im Hintergrund lauerten und in Ohren flüsterten. Selbst ohne Roben konnte man sie augenblicklich als Ministeriumsmitglieder identifizieren. In einer Stadt, in der Nahrung Luxus und die Suche nach Frühstück eine schwierige Aufgabe war, die sich über den ganzen Tag ziehen konnte, und jeder unterhalb vonHandelsich an den Anblick der eigenen Rippen gewöhnt hatte, wirkten all diese Kerle rund und wohlgenährt.

»Und ich sagte Ihnen bereits, dass das nicht verhandelbar ist«, sagte Perak in diesem Moment. »Ich werde nicht einen meiner besten Magier an die Storad ausliefern, ganz besonders nicht dann, wenn das Glimm so knapp ist. Keine Magier, kein Glimm, kein Garnichts. Ich habe bisher nicht mit ihnen verhandelt und werde jetzt nicht damit anfangen.«

Ein verstimmtes Raunen lief durch den versammelten Klerus. Perak war … nun ja, er war nicht wie die anderen Ministeriumsmitglieder vor ihm. Die Bischöfe und Kardinäle waren eine Verhaltensweise gewöhnt, die sie selbst als Diskretion und Perak als ›sich um die Wahrheit herumdrücken‹ bezeichneten. Taktgefühl und Diplomatie im Stil des Ministeriums waren nicht unbedingt Eigenschaften, die in unserer Familie vererbt wurden, und Peraks direkte Art, die Dinge darzustellen, war ein frischer Windhauch, der die meisten von ihnen nach ihren Riechsalzen greifen ließ. Ich für meinen Teil fand es sehr unterhaltsam.

Einer der mutigeren Kardinäle fixierte Lise. »Was ist mit Elektrizität? Sie sagten, Sie könnten sie nutzbar machen. Also machen Sie das! Dann sind wir nicht länger abhängig von diesen verdammten Magiern und könnten all diese infernalischen magierbetriebenen Maschinen vernichten. Vielleicht sollten wir das so oder so tun.«

Lise starrte zurück und schwang ihren Schraubenzieher. Er mochte nicht nach einer sonderlich effektiven Waffe aussehen, aber er war nicht alles, was Lise hatte, und ich hatte keinen Zweifel daran, dass die Kardinäle wussten, wie hervorragend sie mit Sprengfallen umgehen konnte. Die Kardinäle selbst würden sich nicht an ihren Maschinen zu schaffen machen, dafür schätzten sie die Unversehrtheit ihrer Körper zu sehr.

Auf der anderen Seite des Raumes konnte ich sehen, wie Pasha darum kämpfte, den Mund zu halten. Ich selbst focht einen ähnlichen Kampf aus, aber Perak schaltete sich ein, bevor mir irgendwas Dummes herausrutschen konnte.

»Ich habe es Ihnen bereits erklärt: Es wird Monate dauern, einen nicht magiebetriebenen Stromgenerator zu bauen, mit zehnmal mehr Energie als die, die Rojan und Pasha in einer halben Stunde an dieser Maschine erzeugen können. In der Zukunft. Aber wirhabenkeine Zukunft, wenn die Storad in die Stadt kommen.«

»Was ist mit den Mishans? Uns gehen die Tauschwaren aus, und sie bereiten sich auf den Tag vor, an dem es die Storad über die Grenze schaffen – vielleicht können wir ihn gegen etwas eintauschen.« Ein zweiter Kardinal, nicht ganz so mutig wie der erste, mit einem teigigen, uninteressanten Gesicht, einer jener Menschen, die es gewohnt waren, zu sagen, was andere hören wollten – gewohnt, sich um die Wahrheit herumzudrücken und es Diplomatie zu nennen. »Wahrscheinlich wäre es gar nicht so wichtig, welchen von ihnen wir nehmen. Ein oder zwei Magier wären doch wohl kein großer Verlust?«

»Die Magier sind die beste Verteidigung, die wir haben. Ich tausche sie nicht ein, egal, mit wem!«

Nur ein oder zwei Kardinäle sahen aus, als würden sie annähernd mit Peraks Meinung übereinstimmen. Der Rest, auch wenn sie versuchten, es zu verstecken, hatten Blicke aufgesetzt, die nach Widerstand und Meuterei schrien.

»Perak, Sie scheinen nicht zu begreifen, dass die einzige Person, die glaubt, dass wir das hier gewinnen können, Sie sind.« Wieder der vorwitzige Kardinal. »Wir werden nicht aufhören, für das Wohlergehen der Stadt zu arbeiten, nur weil er Ihr Bruder ist und Sie nicht einsehen können – nicht einsehen wollen! –, dass er der beste Verhandlungstrumpf ist, den wir haben, wenn wir überleben wollen.«

Perak richtete sich zu seiner vollen – zugegebenermaßen nicht sonderlich beeindruckenden – Größe auf. »Wohlergehen der Stadt? Um Ihre eigene Haut zu retten, dafür arbeiten Sie, ich bin schließlich nicht blind. Ich arbeite im besten Interesse der Göttin, wie es auch die Magier tun, und wie Sie es tun sollten. Warum beten Sie nicht dafür? Wenn Sie mich nun entschuldigen würden …«

Nach und nach gingen sie, und die Hälfte von ihnen warf mir zum Abschied noch einen Ich-wünschte-du-wärst-tot-Blick zu. Der dreiste Kardinal trat an mich heran und flüsterte: »Wenn du nicht sein Bruder wärst, denkst du, er würde dich dann immer noch verteidigen? Oder würde er dich den Storad ausliefern? Wenn er nicht aufpasst, wird ihm bald keine Wahl mehr bleiben. Und dasselbe gilt für dich.«

Er ging, bevor ich die Gelegenheit hatte, zu antworten – oder mehr zu denken alsDas klang gar nicht gut. Auch Peraks Miene verriet nichts Gutes, als die Kardinäle gegangen waren. Wie um unsere Probleme noch zu unterstreichen und mich daran zu erinnern, warum Perak hier war, erschütterte ein weiterer Kanoneneinschlag den Raum. Diese Erschütterungen schienen alles zu begleiten, jeden Moment. Das ging so weit, dass meine Schulterblätter zu jucken anfingen, wenn sie zu lange ausblieben, während ich mich fragte, wann der nächste Einschlag kommen würde.

Einen halben Schritt hinter Perak, eine Position, in der sie festgeschweißt zu sein schien, seit sie der neue Captain seiner Leibwache geworden war, stand Jake. Ich versuchte, sie nicht anzustarren. Die Uniform stand ihr richtig gut – ein stilisierter Brustpanzer, der jede ihrer Kurven betonte, eine Hose, die ihr wie angegossen passte, die Schwerter, die sich immer innerhalb ihrer Reichweite befanden und die sie zu benutzen wusste, mit verheerenden Folgen. An der Oberfläche war sie kühl und gefasst, mit einem Blick wie aus gemeißeltem Eis. Darunter war sie ein Vulkan, der darauf wartete, auszubrechen, voll brodelnder Leidenschaft. Ich lebte in der Hoffnung, diese wieder zu erleben.

Du erinnerst dich an all die Dinge, von denen ich sagte, dass ich sie bei Frauen mag? Jake war all das, zusammengefasst zu einem grandiosen Paket, das mich in verschiedenen Bereichen meines Körpers ganz kribbelig machte. Und das war ein Jammer, denn sie war in Pasha verliebt und er in sie und … tja, ich hatte nicht so viele Freunde, um es mir leisten zu können, es mir mit ihnen zu versauen.

Also löste ich meinen Blick von ihr und sah stattdessen Perak an, der mir mit einem Nicken bedeutete, ihm zu folgen, und ans Fenster herantrat. Ich ging zu ihm, und gemeinsam blickten wir hinaus aufHandel, das unter seiner ganz eigenen Erschütterung erzitterte – ich konnte sein Vibrieren in den Füßen spüren.Handellief wieder, endlich. Es hatte viel, sehr viel Schmerz gekostet – viel Blut –, um ihn wieder zum Laufen zu bringen. Es würde nicht reichen. Nicht um die Maschinen aufzuhalten, die vor unseren Toren lagerten.

Wir überblickten die Rückseite der klobigen Fabriken, Boutiquen und Arkaden, die einst vor Einkäufern wimmelnden Geschäfte vonHandel, die einem alles verkauften, was man sich vorstellen konnte, und ein paar Dinge, die man sich nicht vorstellen konnte. Ich ließ meinen Blick denGrathinaufwandern, darüber hinaus RichtungHöhen, wo die aufstrebenden Klassen lebten, den Blick nach oben richteten und sich wünschten, dass sie sich ebenfalls leisten könnten, in zu leben – weite Plattformen, die sich über der Stadt erhoben und die Sonne der unteren Ebenen stahlen. Darüber, in der Dämmerung gerade noch sichtbar, war derWeltengipfel, jetzt Peraks Heim. Hier hatte das Ministerium für lange Zeit mit eiserner Hand und Gebeten geherrscht. Es veränderte sich nach und nach, aber zu langsam.

Ein weiterer Knall zog unsere Blicke nordwärts, über die gewaltige Häuseransammlung vonHandel, wo noch nie gebaut worden war. Dort drüben lagen Berge, die unsere Stadt einschlossen, uns zwangen, nach oben statt nach außen zu wachsen. Und dort waren auch die Storad.

»Was denkst du, wie lange noch?« Ich brauchte nicht zu sagen, was ich meinte; es war die Frage, die zurzeit jeden beschäftigte und auf jedermanns Lippen lag. Wie lange noch, bis wir verhungerten oder sie die Tore niederrissen, was auch immer zuerst eintreffen würde.

Perak starrte nach draußen, auf die Verantwortung, die ich – vergebens – versuchte, von mir zu weisen, sein Gesicht eine Maske des Elends. In mir erwachte der miese Verdacht, dass er hier war, um sein übliches »reiten-wir-Rojan-in-die-Scheiße«-Spiel durchzuziehen. Er tat das nie mitAbsicht. Aber dennoch tat er es. Und trotzdem, ganz gleich, wie sehr ich vor der Verantwortung davonrannte – und glaub mir, ich konnte rennen wie der Teufel –, wenn der kleine Bruder rief, ließ der große Bruder ihn nicht im Stich, konnte es nicht. Ich war zu müde, um länger davonzulaufen.

»Nicht lang genug«, sagte er.

»Ich vermute, der Magier, den sie dem Feind übergeben wollen, bin ich?«

»Hmm? Oh, ja. Die Storad haben eine Liste mit Forderungen aufgesetzt. Dass wir die Tore öffnen, sie friedlich einziehen lassen, die Fabriken niederreißen, die Magier vernichten und auch, dass wir ihnen zuerst dich übergeben, damit sie dich öffentlich hinrichten können, als Zeichen unseres guten Willens. Im Gegenzug wollen sie die Stadt nicht vollständig zerstören. Ich vermute, Dench wird bis zum Tag seines Todes an seinem Groll festhalten.«

Ach ja, der berüchtigte Dench mit dem sorgenvollen Gesicht und dem schlaffen Schnauzbart. Ehemaliger Leiter der Spezialeinheit, ehemalige rechte Hand von Perak. Ehemaliger Freund von mir, wie ich mit relativer Sicherheit behaupten konnte, zum Teil, weil ich den Bastard direkt im Lager der Storad abgeliefert hatte, mit denen er sowieso gemeinsame Sache gemacht hatte. Kein großer Verlust, obwohl … obwohl es recht praktisch gewesen wäre, ihn nun in der Nähe zu haben, weil er ein geschickter, verschlagener und ausgesprochen hinterhältiger Kämpfer war – einer von jener Sorte, die man gern auf seiner Seite wusste, aber nicht auf der des Gegners.

»Aber ich sagte ihnen – wieder – dass wir nicht verhandeln«, sagte Perak. »Über keine der Forderungen. Die Kardinäle glaubten, wir könnten sie vielleicht besänftigen, indem wir dich ausliefern, und über den Rest reden. Ich sagte nein. Ich befürchte allerdings, sie werden es nicht dabei belassen. Ich glaube, dass du vorsichtig sein musst, Rojan.«

»Wann muss ich das jemals nicht sein? Aber du hast doch einen Plan, nicht wahr?«

Wahrscheinlich klang es sarkastischer als geplant, denn Perak hatte immer Pläne, was Teil des Problems war. Wie damals, als er Tage damit verbracht hatte, ein Feuerwerk zu planen, das dann die Vorderseite des Hauses, einen Teil des Brückenweges davor und die Fassade des Ladens gegenüber weggesprengt hatte. Nachdem er also erfolgreich sich selbst und jeden innerhalb eines Radius‘ von einem Kilometer zu Tode erschreckt hatte, war er in Ohnmacht gefallen. Dadurch blieb es an mir hängen, benommen und verwirrt, wie ich war, die Standpauke meines Lebens von besagtem Ladenbesitzer und, später, von Ma über mich ergehen zu lassen. Zuerst war ich zu benommen, um zu protestieren, und als ich es nicht mehr war, spielte es keine Rolle mehr – der Ladenbesitzer hielt mich für schuldig, also war es so. Zu dem Zeitpunkt war Ma vom Synthox bereits zu krank, um ihm zu widersprechen, und ich wollte die Situation für sie nicht noch schlimmer machen, als sie bereits war.

Also verbrachte ich sechs Wochen damit, diesen beknackten Laden neu einzurichten, und reparierte dabei Dinge, die bereits vor Peraks kleiner Eskapade kaputt gewesen waren. Der Ladenbesitzer setzte mich heftig unter Druck und drohte damit, zu Ma zurückzugehen, wenn ich den Anschein erweckte, als würde ich nachlassen, drohte mit allem Möglichen. Ma konnte das nicht ertragen, also ertrug ich es. Und Perak? Perak sagte, dass es ihm leidtäte, und meinte es auch, und kehrte wieder zurück zu seinen Tagträumen über andere Chemikalien, die er zusammenmischen könnte, um sie zum Explodieren zu bringen.

Damals hätte ich ihn am liebsten erwürgt, sehnte mich danach, nicht der Erwachsene in dieser Familie sein zu müssen, obwohl ich erst ein Teenager war. Sehnte mich danach, vor aller Verantwortung zu fliehen, was ich auch augenblicklich tat, als Ma gestorben war. Wenn ich Perak jedoch nun betrachtete, dann vermutete ich, dass seine Tagträume nur seine Art gewesen waren, den damaligen Geschehnissen zu entfliehen, dem, was mit uns geschah, mit Ma, ähnlich wie meine Flucht vor der Verantwortung. Denn mittlerweile war seine Zeit der Tagträume vorbei.

»Ich habe einen Plan, oder vielmehr Lise«, sagte er jetzt.

»Das erklärt den Geruch im Labor.«

Lises Spezialität waren Chemikalien, und der Gestank dessen, was sie zusammenbraute, erfüllte das Labor, den Schmerzraum und die Büros. Die Farben waren recht hübsch, man durfte sich nur nicht von dem Dunst stören lassen, der sie begleitete und einem die Augäpfel in den Höhlen platzen lassen konnte. Das heutige Gebräu war ein besonders beißend riechendes Gemisch, bei dem sich mir die Kehle zuschnürte. Namrat allein wusste, was sie damit vorhatte.

Peraks Lächeln war so dünn wie er selbst, wie wir alle. »Aber deswegen bin ich nicht hier. Oder vielleicht doch, aber nur zum Teil. Du musst in dieHöhlehinunter.«

»Was? Wozu? Ich hab zurzeit schon genug um die Ohren – ich muss versuchen, Magier aufzutreiben, muss versuchen, sie zu ernähren, da muss ich nicht auch noch in dieHöhlehinunterlatschen.« Das war natürlich nicht der Grund, weshalb ich nicht gehen wollte. DieHöhlewürde Erinnerungen wachrufen, die ich lieber ruhen lassen wollte, aber das würde ich niemals laut sagen, schon gar nicht mit Jake in Hörweite. Ihr gegenüber versuchte ich wenigstens, so zu tun, als wäre ich heldenhaft.

»Sieh mich an, Rojan. Ich habe eine ganze Stadt voller verhungernder Menschen, und außerhalb der Grenzen sind die Storad, die versuchen, sich ihren Weg ins Innere zu erkämpfen; innerhalb der Grenzen habe ich einen Haufen Kardinäle, die schlimmer als nutzlos sind und aktiv versuchen, allem zuwiderzuhandeln, was ich tue. Ich bin ziemlich sicher, dass die Hälfte von ihnen nach einem Weg sucht, sich durch Bestechung den Durchgang durch das Mishantor zu erkaufen und auf die Gegenseite überzulaufen. So ziemlich alle von ihnen wollen dich ausliefern, um etwas Zeit zu gewinnen. Ich habe Wachen, die Angst davor haben, irgendwas zu bewachen, Spezialsoldaten, die noch immer nicht über das hinweggekommen sind, was du mit Dench gemacht hast, und Dench, der den Storad all unsere kleinen Geheimnisse erzählt. Und unten in derHöhlehabe ich Tunnel. Ich weiß nicht, wie viele es sind, von den meisten nicht einmal, wo sie sind, aber was ich weiß, ist, dass die Storad sie finden werden, wenn wir es nicht tun. Und sie werden sie benutzen, denn das ist eines der Geheimnisse, die Dench ihnen mit Sicherheit verraten hat. Die Storad haben bereits begonnen, die Gebirgsflanken zu untersuchen; ich habe sie dabei beobachtet. Die Kardinäle ebenso, und sie bekommen es mit der Angst zu tun. Früher oder später werden die Storad diese Tunnel finden, und ich will darauf vorbereitet sein.«

Vor langer Zeit, als die Stadt nicht mehr gewesen war als eine Burg in einem geschickt gelegenen Bergpass, hatte der Kriegsherr, der der Inbegriff von Verschlagenheit gewesen war, eine Vielzahl von Tunneln anlegen lassen – hinterhältige Tunnel, die man nicht fand, bis man direkt in sie hineingefallen war, und die nicht zufällig direkt vom Burgfried hinter jenen Punkt außerhalb der Stadt führten, wo sich jede Armee, die dumm genug war, uns zu belagern, niederlassen würde. Was fantastisch gewesen wäre, wenn wir nur wüssten, wo diese Tunnel waren.

Ich seufzte innerlich – ich hatte das Gefühl, ich wusste, was nun kommen würde, dass ich diesen Kampf bereits verloren hatte. Ich übersprang die vorhersehbare Diskussion und ging direkt über zu: »Was soll ich für dich machen?«

Peraks Lächeln wurde aufrichtiger, und er wirkte etwas weniger erschöpft. »Geh hinunter in dieHöhle. Finde so viele Tunnel wie möglich, damit wir sie blockieren können. Für einen hat Lise etwas Besonderes vor, falls du einen Tunnel findest, der in der Nähe des Lagers der Storad endet. Mit etwas Glück könnte es auch ganz hilfreich für dich sein, ein Weilchen aus dem Blickfeld der Kardinäle zu verschwinden.«

»Wenn du sagst, ich soll so viele Tunnel wie möglich finden, kann ich dann annehmen, dass nicht einmal du weißt, wo sie sind?«

»Zumindest nicht alle, nein.«

»Perak, ich weiß wirklich nicht, ob ich der richtige Mann für diesen Job bin. Bestimmt wäre ein Bauingenieur besser geeignet?«

»Ich muss dichjetztaus der Schusslinie bekommen, bevor dich jemand einsammelt und zu Dench schickt. Das könnte mir etwas Zeit geben, bei den Kardinälen die Wogen zu glätten, besonders dann, wenn ich ihnen sagen kann, dass die Tunnel kein Problem mehr darstellen. Wo wärst du besser aus der Schusslinie als in derHöhle?«

»Aber du hast doch bereits ein paar Männer dort unten, oder? Männer, die besser in sowas sind als ich.«

»Von den Toren abgesehen, sind diese Tunnel unsere größte Schwachstelle. Ich will absolutsichergehen, dass sich jemand darum kümmert, und dafür brauche ich jemanden, dem ich vertrauen kann. Ich würde einer Wache nicht weiter trauen, als ich spucken kann, und die Spezialeinheit … nun ja, nach Dench setze ich in die auch nicht unbedingt sonderlich viel Vertrauen mehr. Du, Pasha, Dendal, Lise, Jake … ihr seid alles, was ich habe, worauf ich mich wirklich verlassen kann. Es war Dendals Idee. Er meinte, der Gedanke an Speck würde ausreichen, um dich zu überzeugen, und es wäre eine ganz gute Übung für einige der jüngeren Magier.«

Da war dieses Wort schon wieder: »Vertrauen«. So sehr ich es auch hasste, war es gleichzeitig schmeichelnd.

»Tja, ich nehme an – Moment, sagtest du Speck?« Wenn es eine Sache auf der Welt gibt, die mich vielleicht davon überzeugen könnte, dass es eine Göttin gibt und sie mit so etwas wie Güte auf uns herabblickt, dann ist es Speck. Heißer, krosser, fetter Speck, golden gebräunt und mit knusprigen Rändern. Beim bloßen Gedanken zog sich mein Magen schmerzhaft zusammen, und es wurde nicht besser, als ich daran dachte, was ich später tatsächlich essen würde – eine halbe Schüssel schäbigen Breis, wenn ich Glück hatte. Wenn ich kein Glück hatte, würden Käfer darin sein.

»Zu den Storad kam gestern ein Versorgungszug. Unter anderem brachte er um die hundert Schweine.« Perak versuchte, ein Lächeln zurückzuhalten. Nun spielte er seine Trumpfkarte aus. Und das nervte, vor allem, wenn man bedachte, dass er sie gegen mich ausspielte.

Ich starrte ihn an, während mein Mund fantasierte. Hundert Schweine.Hundert. Das war eine Menge Speck, und ich hätte mir ein Auge ausgestochen für einen einzigen lumpigen, grandiosen Speckstreifen. Also sprach mehr mein Magen als mein Hirn, als ich sagte: »In Ordnung, tun wir’s.«

Unser Vorhaben benötigte etwas Vorbereitung, also überließ Perak mich für eine Weile mir selbst. Schwarze Umrisse schwammen an meinen Augen vorbei, und durch meinen Kopf spukte eine hartnäckige Stimme. Ich brauchte Schlaf, aber mein dummes Unterbewusstsein würde mich mit zahlreichen wundervollen Träumen beglücken, über die ich nicht nachdenken wollte. Es wurde dunkel, und das bedeutete, dass zumindest eine Person meines Bekanntenkreises in der Nähe sein würde, eine Person, die vielleicht etwas gegen diese Umrisse tun konnte.

Ein kühler Wind fegte durch die Stadt, kroch durch jede Ritze und Spalte, so dass ich bis auf die Knochen durchgefroren war, als ich bei Erlat ankam.

Erlats Haus war nicht weit vom Labor entfernt, in der Gegend unterhalb vonHandel, wo die reichen Jungs zum Spielen hingingen, wenn sie sich abenteuerlustig fühlten, aber nicht mutig genug waren, sich in die richtig tiefen Bezirke vorzuwagen. Es war ein Hafen für friedliche Bars, die überteuertes, »authentisches« Bier verkauften – das heißt, verkauft hatten –, untermalt von den rhythmischen Bewegungen von Tänzerinnen, die, zumindest vermutlich, weder die Pocken hatten, noch süchtig nach Rausch waren. Alles dort unten war aufgesetzt schäbig, damit man erzählen konnte, man sei inUnterhandelgewesen und habe es überlebt. Zu gerne hätte ich einen dieser Gäste mal in die echten unteren Bezirke mitgenommen, aber ich vermutete, dass er dort gerade mal einen halben Herzschlag lang durchstehen würde, bevor er kein Stück Kleidung mehr am Leibe trug und keine Lippen mehr hatte, mit denen er prahlen konnte.

Erlats Zuhause war keine Bar, sondern das Heim einer der weiteren Gründe, warum die reichen Jungs hier herunter zum Spielen kamen – Frauen. ÜberHandelherrschte vom Ministerium durchgesetzte Frömmigkeit, dort blickte die Göttin jedem über die Schulter und stellte sicher, dass alle artig waren. Das war für Erlats Zunft nicht unbedingt zuträglich. Um ehrlich zu sein, in Anbetracht dessen war ich überrascht, dass derSummnicht noch stärker florierte. Aber das Geschäft lief gut genug, und Erlats Haus, das erst vor relativ kurzer Zeit eröffnet worden war und viele »exotische« Ladys mit blass-bläulichem Teint und reizvollem Akzent aus derHöhlezu bieten hatte, schlug ein wie eine Bombe.

Kersan empfing mich an der Tür mit der Information, dass Erlat nicht da sei, sagte mir jedoch auch, wo sie war und dass sie mit Sicherheit erfreut sein würde, mich zu sehen. Also machte ich mich auf den Weg zu einer kleinen, diskreten Bar unweit des Zentrums desSumm. War gar nicht so übel hier: Auf dem Boden lag richtiger Teppich, obwohl er so fleckig war, dass ich nicht sagen konnte, welche Farbe er hatte. Vielleicht lag das auch an der »diskreten« Beleuchtung, wegen der ich mich in Richtung Bar vortasten musste, um an was zu trinken zu kommen.

Ich setzte mich an die Theke, versuchte unauffällig in dunkle Ecken zu spähen und wünschte mir, Erlat wäre zu Hause gewesen.

Die Bar war – keine große Überraschung – nicht sehr gut besucht. Hinter der Theke gab es nicht viel, das das Potenzial hatte, mich erblinden zu lassen, nicht einmal in dieser vornehmen Gegend. Die allgemeine Knappheit durch die Belagerung begann ernsthaft wehzutun. Zumindest den meisten von uns – das Ministerium hatte noch immer Geld, Nahrung, vermutlich alles, was es wollte. Hier unten fielen die Ministeriumsmitglieder auf wie eine Schnecke im Essen. Pummelige, weiche Hände wedelten mit Scheinen, mehr Scheine, als ich für Monate sehen würde, vielleicht sogar für Jahre. Die Mädchen – edel und geschmackvoll gekleidet, aber trotzdem bei der Arbeit, mit der sie sich zu ernähren versuchten – umschwärmten sie.

Eine Erschütterung ließ den Barmann seine Gläser festhalten. Eines entkam ihm, fiel vom Regal und zerbrach auf dem Boden. So wie es aussah, war es nicht das erste. Eines der Mädchen stieß bei dem Geräusch einen kleinen, überraschten Schrei aus, aber die betrunkenen Ministeriumsjungs lachten und grapschten und versprachen ihnen das Blaue vom Himmel, versprachen ihnen ein Leben fernab von alldem, fernab von Mahala. Daraufhin lachten die Mädchen zurück, aber sie konnten die Angst in ihren Augen nicht verbergen – dass ihr einziger Ausweg war, sich bei selbstgefälligen Schwänzen wie diesen einzuschleimen.