Der letzte erste Song - Bianca Iosivoni - E-Book

Der letzte erste Song E-Book

Bianca Iosivoni

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Beschreibung

Wenn ein einziger Song alles verändert

Ich werde nie wieder singen. Dieses Versprechen hat sich Grace vor langer Zeit gegeben. Doch als Masons Band eine Sängerin sucht, lässt sie sich dazu überreden, mitzumachen. Allerdings ist sie nicht auf das Prickeln vorbereitet, das sie plötzlich in Masons Nähe spürt - und auch nicht auf die Erkenntnis, dass sich hinter seinen vorlauten Sprüchen viel mehr verbirgt, als es den Anschein hat. Mit ihm gemeinsam Songs zu schreiben, fühlt sich richtiger an als alles andere. Aber Grace weiß, dass sie nie mehr als Freunde sein können. Denn Masons Herz gehört einer anderen ...

"Ein absolutes Muss für alle Fans von romantischen New-Adult-Romanen!" Merlins Bücherkiste über Der letzte erste Kuss

Das mitreißend romantische Finale der Firsts-Reihe

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Seitenzahl: 590

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Inhalt

TitelZu diesem BuchWidmungPlaylistKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29EpilogDanksagungDie AutorinBianca Iosivoni bei LYXImpressum

BIANCA IOSIVONI

Der letzte erste Song

Roman

Zu diesem Buch

Als Grace Watkins für ihr Studium nach West Virginia gezogen ist, hat sie sich selbst ein Versprechen gegeben: Ich werde nie wieder singen! Zu sehr schmerzt die Erinnerung an all die Momente, in denen sie den Ansprüchen ihrer Mutter – und ihren eigenen – nicht genügt hat. Doch als Mason für seine Band Waiting for Juliet eine Sängerin sucht, lässt sie sich dazu überreden vorzusingen. Allerding ist sie nicht darauf vorbereitet, dass es ihr tatsächlich Spaß macht, wieder auf einer Bühne zu stehen – und erst recht nicht auf das Prickeln, das sie auf einmal in Masons Nähe spürt. Oder dass sich hinter seinen vorlauten Sprüchen viel mehr verbirgt, als es den Anschein hat. Und auch das Herzklopfen, das sie plötzlich bekommt, wenn sie gemeinsam Songs schreiben und Musik machen, trifft sie völlig unvorbereitet. Denn egal, wie richtig es sich anfühlt, mit Mason zusammen zu sein – Grace weiß, dass sie nie mehr als Freunde sein können. Mason hat eine Freundin und ist deshalb absolut tabu für sie. Aber ihr Verstand lässt sich von dieser Tatsache deutlich leichter überzeugen als ihr Herz …

Für Melanie.

Und für alle,

die Musik genauso sehr lieben und leben

wie Mason und Grace.

Playlist

David Guetta feat. Sia – Titanium

Madilyn Bailey – Scars

Aloe Blacc – Wake Me Up (Acoustic)

Self Deception – Fuckin’ Perfect

Macy Kate & Kurt Hugo Schneider – Radioactive

Kurt Hugo Schneider, Sam Tsui & Megan Nicole – Drag Me Down

Adele – Rolling In The Deep

Idina Menzel – Let It Go

Fugees – No Woman, No Cry

Dion – Runaround Sue

Solomon Burke – Cry to Me

Swing Republic – Crazy in Love

Chester See & Lana McKissack – Stay With Me

Little Mix – Towers

Alex Goot, Tiffany Alvord & Luke Conard – We Are Young

Kurt Hugo Schneider, Sam Tsui, Alyson Stoner – Despacito

Rihanna – Love On The Brain

Fame On Fire – Hello

Roy Orbison – Oh, Pretty Woman

Halsey – I Walk The Line

Fame On Fire – Numb

Fun. – All Right

Dion & The Belmonts – A Teenager in Love

Jon D & Tiffany Alvord – This Town

Kurt Hugo Schneider, Christina Grimmie & Sam Tsui – Just A Dream

Little Mix feat. Jason Derulo – Secret Love Song

Vitamin C – Graduation (Friends Forever)

Dylan betrachtete mich wie beim allerersten Mal. Ruhig. Bewusst. Auskostend. Wie ein letzter erster Blick, denn wir wussten beide, dass er mich nie mehr auf diese Weise ansehen würde.

Der letzte erste Blick

»Und was war das?«, fragte ich leise.

»Noch ein erster Kuss, der nicht zählt?«

»Nein, Elle.« Luke lehnte seine Stirn an meine und als er die Luft ausstieß, streifte sein warmer Atem mein Gesicht. »Das war unser letzter erster Kuss.«

Der letzte erste Kuss

Ohne ein weiteres Wort stand Trevor auf, nahm mich bei der Hand und zog mich mit sich. Weg von den Tischen und in den hinteren Bereich, wo keiner hinging … außer mit einer ganz bestimmten Absicht. Wenn es nach mir ging, würde dies hier in einer weiteren gemeinsamen Nacht enden – nur dass es diesmal hoffentlich unsere letzte erste Nacht sein würde.

Die letzte erste Nacht

Kapitel 1

Grace

An einem Dienstagmorgen um vier Uhr zweiunddreißig vor Mason Lewis’ Wohnungstür zu stehen, war eventuell nicht meine beste Idee gewesen. Aber ich hatte einfach nicht schlafen können, sondern mich stundenlang nur in meinem Bett hin und her gewälzt. Als ich es nicht mehr ausgehalten hatte, war ich aufgestanden, hatte geduscht, mich angezogen und geschminkt und war hierhergekommen. Ausgerechnet hierher.

Ich ließ die Hand wieder sinken, mit der ich gerade hatte anklopfen wollen, und begann unruhig im Flur auf und ab zu laufen.

Das hier war eine total verrückte, völlig kopflose Aktion und passte so gar nicht zu mir. Ich war schließlich die beherrschte Tochter, das Vorzeigemädchen, das nett lächelte und zu allem brav Ja und Amen sagte.

Kopfschüttelnd blieb ich stehen. Nein. Das war ich früher einmal gewesen. Aber mit meinem Umzug nach Huntington, mit meinem neuen Leben am College hatte ich all das hinter mir gelassen. Oder etwa nicht?

Du hast so ein hübsches Gesicht, Grace! Ich wünschte nur, du würdest mehr auf dein Gewicht achten.

Moms Worte hallten unablässig in meinen Gedanken wider. Ich wünschte, ich könnte behaupten, sie wären Jahre alt, aber das waren sie nicht. Ich hatte sie erst letzte Woche gehört, als ich während der Semesterferien zu Hause in Montana gewesen war.

Ich verstehe nicht, warum du ständig Gewichtsprobleme hast, du bist doch nicht dumm.

Als ob das eine irgendetwas mit dem anderen zu tun hätte. Außerdem hatte ich keine Gewichtsprobleme! Ja, ich hatte während der letzten beiden Semester ein paar Kilos zugenommen und damit – großes Drama! – so etwas wie ein Normalgewicht erreicht. Für meine Mutter kam das tatsächlich einer Katastrophe gleich, was sie mich in den letzten Wochen immer wieder hatte wissen lassen. Und obwohl ich mich gegen ihre ständigen Sticheleien gewehrt und alles getan hatte, um sie nicht an mich heranzulassen, war dennoch etwas davon hängen geblieben. Etwas, das an mir nagte. Und dann hatte es nur noch diesen Spruch von Daniel am Sonntagabend gebraucht …

Ich schluckte hart und wandte mich wieder der Tür zu. Ich konnte es nicht mehr hören, weder laut ausgesprochen noch in meinen Gedanken. Diese Aktion mit Mason wäre kurz, schmerzhaft und schnell wieder vorbei. Keine ewig langen Trainingseinheiten im Fitnesscenter, wo mich jeder sehen und über mich urteilen könnte. Keine von Moms ständig neuen Ernährungsplänen. Nur ein hartes Workout, mit dem ich in Rekordzeit wieder die Figur erreichen würde, die ich zu Beginn des Studiums gehabt hatte. Und dann wäre endlich Ruhe.

Was Mason anging … Wir mussten keine besten Freunde werden. Um ehrlich zu sein, wollte ich jemanden wie ihn gar nicht näher kennenlernen. Was auch der Grund war, warum ich um vier Uhr fünfundvierzig noch immer vor dieser Tür stand.

Mason und ich hatten nicht viel gemeinsam. Zwar studierten wir beide Theater- und Musikwissenschaften an einem relativ kleinen College und hatten dank Emery einen Bekanntenkreis, der sich stellenweise überschnitt und wodurch wir uns unweigerlich über den Weg liefen, aber im Grunde gab es nichts, was uns verband. Wenn ich ehrlich war, konnte ich ihn nicht mal besonders gut leiden. Und genau deshalb war ich hier. Mason war so ziemlich der einzige Mensch, bei dem es mir egal war, was er von mir dachte. Ich mochte ihn sowieso nicht – und das beruhte auf Gegenseitigkeit, da war ich absolut sicher. Also war er auch der ideale und durch seine Vorgeschichte der einzige Kandidat für das, was ich vorhatte. Als Pluspunkt war ich mir ziemlich sicher, dass er keine Fragen stellen würde – und falls doch, würde er sich mit meinem eisigen Schweigen begnügen, da Mason sich genauso wenig für mich und das, was ich tat, interessierte wie ich mich für ihn. Der einzige Moment, in dem ich irgendwie wichtig für ihn gewesen war, war der Auftritt letztes Jahr gewesen, als ich für die ausgefallene Sängerin seiner Band eingesprungen war. Dafür schuldete er mir bis heute etwas. Höchste Zeit, diesen Gefallen einzufordern.

Ich straffte die Schultern, atmete tief durch und hob die Hand zum Klopfen.

Mason

»Du schuldest mir noch einen Gefallen.«

Finster starrte ich die Person vor meiner Wohnungstür an und rieb mir den Schlaf aus den Augen. »Und das fällt dir ausgerechnet um vier Uhr morgens ein?«

Jeder meiner Freunde und Bekannten hätte sich einfach an mir vorbeigeschoben und wäre hereingekommen, egal ob ich im Weg stand oder nicht. Aber nicht Grace Watkins. Oh nein. Ganz die Lady wartete sie höflich und zog lediglich die schmalen Brauen in die Höhe, bis sie unter ihrem Pony verschwanden. Seufzend machte ich einen Schritt zur Seite und ließ sie rein. Jetzt war ich ja eh schon wach. Danke auch.

»Es ist kurz vor fünf«, informierte sie mich im Vorbeigehen.

Als ob das einen Unterschied machen würde.

Sie betrat die Wohnung, die ich mir mit ihrer besten Freundin Emery und einem neuen Austauschschüler aus Japan teilte, von dem wir im neuen Semester noch kaum etwas gesehen oder gehört hatten, und ließ ihre Handtasche auf den Sofatisch fallen. Dann erst drehte sie sich wieder zu mir um. Dabei schwang ihr langer rosafarbener Rock mit und ließ etwas nackte Haut über ihren Knien aufblitzen, bevor der Stoff wieder zurückfiel. Ich riss den Blick davon los und ließ ihn an ihr hinaufgleiten. Grace war schmal, fast schon zierlich, was durch die Kleider und Röcke, die sie ständig trug, nur noch betont wurde. Und sie war klein. Das war mir in dem einen Jahr, das ich sie mittlerweile kannte, nie aufgefallen, aber vor einigen Wochen hatte sie bei einem Spieleabend in der WG von Elle und Tate ihre Schuhe ausgezogen. Als wir dann zufällig nebeneinander in der Kochecke standen, reichte sie mir plötzlich statt bis zum Kinn nur noch bis zur Brust. Auch jetzt trug sie High Heels mit Absätzen, die so hoch und dünn waren, dass ich absolut nicht begreifen konnte, wie sie in den Dingern überhaupt laufen konnte. Dazu ein weißes, mit funkelnden kleinen Steinchen besetztes Oberteil und darüber eine dünne Strickjacke. Keine richtige Jacke, die einen irgendwie warmhalten würde. Aber die brauchte sie mitten im August auch nicht. Da war es selbst um vier Uhr morgens nicht besonders kalt. Ach nein, falsch: Um kurz vor fünf.

»Andere Leute sind um diese Zeit schon beim Sport oder auf der Arbeit«, sagte sie herablassend. In ihrem Gesicht war keine Spur von Müdigkeit zu erkennen – keine Augenringe, keine Kissenabdrücke auf der Wange, kein verschlafener Blick. Ihre Augen waren geschminkt, die Wimpern ewig lang, ihre Lippen glänzten rosig, und das schwarze Haar fiel ihr in leichten Wellen bis auf die Schultern. Wie konnte jemand schon um diese Uhrzeit so … perfekt aussehen?

»Diese Leute stehen so früh auf, weil sie verrückt sind oder keine andere Wahl haben«, brummte ich. »Ich schon. Mein erster Kurs beginnt um zehn!«

Was bedeutete, dass ich noch locker vier Stunden hätte schlafen können. Vier. Stunden.

»Dann kannst du heute ja eine Menge vorher schaffen. Gern geschehen«, fügte sie mit einem scheinheiligen Lächeln hinzu.

Ich wünschte, ich könnte sie in Gedanken verfluchen, aber dazu war ich noch nicht mal ansatzweise wach genug. Ohne irgendeine Form von Koffein intus zu haben, ging bei mir nichts. Also rieb ich mir ein weiteres Mal über das Gesicht und schlurfte zu der kleinen Kochecke. Sie war spartanisch eingerichtet mit Wasserkocher, Mikrowelle und einem kleinen Kühlschrank, da keiner von uns ein großer Koch war. Das Höchste der Gefühle waren irgendwelche Fertiggerichte. »Was willst du hier, Grace? Emery ist nicht da.«

Ich musste nicht nachschauen, um das zu wissen. Ihre offene Zimmertür zu dieser Zeit sagte mir mehr als genug. Und wenn Emery nicht hier war, hieß das, dass sie die Nacht bei meinem besten Kumpel Dylan verbrachte.

»Meinen Gefallen einlösen.« Grace folgte mir und schob mich mit sanfter Bestimmtheit zur Seite, als ich unkoordiniert mit Kaffeepulver und einer Tasse herumhantierte. »Letztes Jahr habe ich dir bei diesem Konzert geholfen, als ich für eure kranke Sängerin eingesprungen bin. Du erinnerst dich?«

»Ich erinnere mich«, bestätigte ich trocken und ließ mich auf einen der Hocker an der Kücheninsel fallen, um ihr das Feld zu überlassen. Wahrscheinlich hatte sie hier schon öfter Kaffee gekocht als ich selbst. Meistens nahm ich mir etwas auf dem Campus mit oder schaute kurz bei meinen Kumpels vorbei und bediente mich an ihrer großartigen Kaffeemaschine. Wie so ziemlich jeder aus unserem Freundeskreis, allen voran Elle. Aber die wohnte ja auch praktisch bei Luke und machte ständig Filmabende mit ihm. Was aber zum Glück nicht bedeutete, dass ich keine Games mehr mit meinen Jungs zocken konnte, auch wenn mich diese verdammte Katze dort eines Tages umbringen würde … Irritiert schüttelte ich den Kopf. Wie um alles in der Welt kam ich jetzt darauf? Gott, ich brauchte dringend einen Kaffee. Oder noch ein paar Stunden Schlaf. Vorzugsweise Letzteres.

Doch so leicht gab Grace nicht auf. Wortlos goss sie heißes Wasser über das Pulver, rührte um und stellte mir die dampfende Tasse hin. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen skeptisch. Es war ungewohnt, dass sie so nett zu mir war – oder meine bloße Existenz mit etwas anderem als einem Augenrollen und leise gemurmelten Beleidigungen kommentierte. Dabei hatte ich ihr überhaupt nichts getan. Gut, im ersten Semester hatte ich bei einer Aufführung, für die wir beide vorgesprochen hatten, dafür gesorgt, dass sie keinen Part darin erhielt, nachdem ich die männliche Hauptrolle bekommen hatte – aber das hatte ich mit gutem Grund getan. Die Besetzung hatte zu einer anderen Kommilitonin viel besser gepasst als zu Grace. Deswegen konnte man nach fast einem Jahr aber nicht immer noch sauer sein. Oder?

Sie schwieg, während ich den ersten Schluck meines Kaffees trank und gleich darauf das Gesicht verzog. Irrgs!

Ohne etwas sagen zu müssen, reichte sie mir den Zucker. Erst als ich ein paar Löffel reingeschüttet hatte, war das Gebräu genießbar. Und mit jedem Schluck wurde ich ein Stückchen wacher, auch wenn es draußen noch immer erschreckend dunkel war. Unser Wohnbereich hatte nur ein einziges Fenster, und dahinter war alles pechschwarz. Nicht das geringste Anzeichen von Sonne. Wenn man sich ans Fenster stellen würde, könnte man wahrscheinlich ein paar Straßenlaternen und vereinzelte Lichter in einigen Fenstern erkennen, hinter denen Leute ebenfalls viel zu früh auf den Beinen waren. Ich schauderte. Der Anblick und die Uhrzeit erinnerten mich viel zu sehr an meine Zeit bei der Army. Und es hatte einen Grund, dass ich nicht mehr dort war, sondern an einem College mit einem Stundenplan, der es mir erlaubte, an einem Dienstag bis kurz vor zehn zu schlafen. Zumindest, wenn man nicht vorher von ungebetenen Gästen aus dem Bett geworfen wurde.

Ich sah zurück zu Grace, die mich noch immer so aufmerksam studierte, als erwartete sie irgendeine Reaktion von mir. Dabei war ich kaum wach genug, um mehrere Sätze aneinanderzureihen. Stattdessen erwiderte ich ihren Blick und musterte sie genauso unverhohlen wie sie mich.

Grace hatte eine ebenmäßige, blasse Haut und einen kleinen Schönheitsfleck an der rechten Wange. Ihre Augen waren eine Mischung aus Grün und Blau, mit dichten Wimpern, die genauso dunkel waren wie ihr Haar. Der Kontrast zwischen ihrer hellen Augenfarbe und dem schwarzen Haar ließ ihre Augen riesig wirken. Es war das Erste, was einem an ihr auffiel, dicht gefolgt von den hohen Wangenknochen, der etwas zu groß geratenen Stupsnase und einem wunderschönen Mund mit warmen, weichen Lippen. Das wusste ich so genau, weil ich diese Lippen erst vor ein paar Monaten bei einer Runde Wahrheit oder Pflicht geküsst hatte.

»Bist du jetzt wach?«, unterbrach Grace unser Stare-Off und meine Gedanken.

»Sag du es mir.« Ich ließ mir Zeit damit, meinen Blick ein weiteres Mal über sie gleiten zu lassen, bis ich wieder bei ihrem Gesicht angekommen war.

Einen Moment lang hielt sie meinen Blick fest, dann blinzelte sie leicht und schaute kurz zur Seite, als müsse sie sich aus ihren Gedanken reißen. »Mein Gefallen«, erinnerte sie mich. Ihre Stimme war eine Spur leiser geworden, aber nicht weniger bestimmt. »Ich will, dass du mit mir trainierst. Fünf, sechs Wochen sollten ausreichen.«

Ich runzelte die Stirn. »Was trainieren? Deine Stimme? Den Text für eine Aufführung? Den …«

»Ich rede von Sport.« Ungeduldig schob sie sich das Haar zurück. »Du warst bei der Army, also hast du auch an einem Bootcamp teilgenommen. Ich will lernen, wie ihr dort trainiert habt.«

Okay, jetzt hatte ich endgültig den Faden verloren. Vielleicht lag es an dieser unmenschlichen Uhrzeit, oder der Tatsache, dass ein Teil von mir damit beschäftigt war zu ergründen, warum ausgerechnet Grace Watkins mitten in der Nacht in meiner Küche stand, aber ich konnte ihr nicht folgen.

»Du willst, dass ich dich trainiere?«, wiederholte ich ungläubig. »Dir ist aber schon klar, dass Luke der Sportler in unserer Gruppe ist?«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Luke war nicht bei der Army. Du schon.«

»Du willst den Militärdrill? Echt jetzt?«

Welcher vernünftige Mensch gab sich das freiwillig, wenn er nicht vorhatte, zur Armee zu gehen und dort Karriere zu machen? »Darf ich fragen, warum du dir das antun willst?«

Zum ersten Mal wirkte Grace nicht mehr ganz so entschlossen, sondern zögerte einen Herzschlag lang. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Das ist meine Sache.«

»Natürlich«, erwiderte ich gedehnt und nippte an meinem Kaffee. Okay, andere Taktik. »Was sagt eigentlich dein Freund dazu, dass du um vier Uhr morgens bei einem anderen Kerl auf der Matte stehst und ihn zum Sport nötigen willst?«

»Oh, Entschuldigung, ich wusste nicht, dass ich Daniel erst um Erlaubnis bitten muss, bevor ich irgendetwas tue.« Sie stützte sich mit beiden Händen auf die Kochinsel und fixierte mich. »Gib mir Bescheid, wenn du im 21. Jahrhundert angekommen bist, Mason.«

Ich gab mir keine Mühe, mein Grinsen zu verbergen. Auch wenn mich diese Frau nicht ausstehen konnte, mir gefiel, dass sie nie um eine Antwort verlegen zu sein schien.

Kopfschüttelnd richtete sie sich wieder auf. »Und was sagt deine Freundin dazu, dass du mit einer anderen Frau um fünf Uhr morgens Kaffee in deiner Wohnung trinkst?«

Schlagartig verging mir das Grinsen. Ich räusperte mich und nahm einen großen Schluck aus meiner Tasse. »Das mit Jenny und mir ist gerade …«

»Ach? Ist es wieder so weit?«

Ich verschluckte mich an meinem Kaffee. »W-was … was soll das heißen?«, brachte ich hustend hervor.

Grace verdrehte die Augen, wandte sich kurz ab und stellte mir gleich darauf ein Glas Wasser hin. Ich stürzte es hinunter, als würde es um Leben und Tod gehen. Scheiße … Ich hustete ein letztes Mal und klopfte mir gegen die Brust. Meine Augen tränten, und meine Kehle brannte.

»Was zum Teufel sollte das denn?«, stieß ich hervor und räusperte mich, weil ich so krächzend klang.

»Komm schon, jeder weiß von euren ständigen On und Offs.«

Autsch. Das hatte ich mir zwar schon denken können, aber so direkt hatte es mir noch niemand ins Gesicht gesagt. Und wenn ich so darüber nachdachte, wollte ich wirklich nicht mit Grace Watkins über mein Liebesleben – oder vielmehr das Fehlen dessen – reden. Dafür war sie mir zu brutal ehrlich. Nur Tate war schlimmer, denn abgesehen von ehrlich war die einfach nur gemein.

»Vergiss, dass ich gefragt habe.«

Sie lächelte selbstzufrieden. »Liebend gern. Also? Wie sieht es mit dem Training aus?«

»Habe ich eine Wahl?«

»Nein.«

Ich stieß ein lautloses Lachen aus. »Alles klar.«

»Eins noch.«

»Ja?«

Sie zögerte, reckte dann aber das Kinn vor. »Diese Sache bleibt unter uns, verstanden?«

Ich blinzelte überrascht, nickte jedoch. »Meinetwegen«, erwiderte ich, trank die Tasse aus und stand auf. »Dann lass uns gleich loslegen.«

Überrascht wich sie zurück. »Wie bitte? Jetzt sofort?«

»Dachtest du etwa, du kannst mich um vier Uhr morgens aus dem Bett schmeißen und ich werde dich nicht sofort da rausscheuchen, um dich mit zig Liegestützen zu quälen?«

Sie kniff die Augen zusammen. »Ist das die Rache dafür, dass ich dich um kurz vor fünf geweckt habe?«

»Jepp.« Ich streckte mich. »Denkst du, du kannst es mit mir aufnehmen?«

Statt einer Antwort stieß sie sich von der Kücheninsel ab, machte einen großen Bogen um mich und hob ihre Tasche vom Sofatisch auf. Dann steuerte sie die Tür an. »Und wie ich das kann. Wir treffen uns in zehn Minuten vor dem Wohnheim«, fügte sie hinzu, bevor die Tür hinter ihr zufiel.

Sekundenlang starrte ich auf das dunkle Holz und fragte mich unweigerlich, was um alles in der Welt ich mir da gerade eingebrockt hatte.

Grace

Was um alles in der Welt war in mich gefahren, diese verrückte Idee durchzuziehen und ausgerechnet Mason Lewis darum zu bitten, mit mir zu trainieren? Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich die Treppen nach unten nahm. Ich konnte den Kerl nicht leiden. Er war ein sexistischer Mistkerl, eine Drama-Queen, ein Partytier und jemand, der ständig im Rampenlicht stehen musste. Aber er war auch jemand mit einer unglaublichen Stimme. Einer Stimme, die mir unter die Haut ging, die mich den ganzen Sommer über verfolgt hatte und … Nein. Stopp. Zurückspulen. Er war ein Mistkerl. Ein Idiot. Außerdem hatte er sich im vorletzten Semester dafür eingesetzt, dass ich meine erste Hauptrolle nicht bekam. Und warum? Weil mein Äußeres und meine Stimme angeblich nicht zu der Rolle gepasst hatten. Stattdessen war sie an eine blonde Schönheit mit Sopranstimme gegangen, denn sie schaffte die hohen Töne im Musikstück, die ich nicht erreichen konnte. Nicht mehr.

Unbewusst strich ich über die etwa vier Zentimeter lange Narbe an meiner linken Schläfe und ließ die Hand sofort wieder sinken, als mir klar wurde, was ich da tat. Jetzt war nicht die Zeit und der Ort, um darüber nachzudenken, warum ich eine Rolle nicht bekommen hatte, die man mir früher auf dem Silbertablett serviert hätte. Ich warf einen kurzen Blick auf die schmale roségoldene Uhr an meinem Handgelenk. Noch acht Minuten. Ich musste mich beeilen, wenn ich mich an meine eigene Zeitangabe halten wollte. Und das würde ich, denn Pünktlichkeit und gute Manieren waren die wenigen sinnvollen Dinge, die man mir zu Hause beigebracht hatte.

Ich stieß die Eingangstür auf und hastete über den Platz. Mein Wohnheim war eines von vier Gebäuden, die um eine Grünanlage herum gebaut waren. Mason und Emery teilten sich eine WG in dem einen Haus, mein Einzelzimmer befand sich im Wohnheim gegenüber. Noch hatte die Spätsommerhitze nicht eingesetzt, und es war ein angenehm frischer Dienstagmorgen. Straßenlampen beleuchteten den Weg, und zwischen den Wolken am Himmel meinte ich, ein vereinzeltes Funkeln erkennen zu können. Bei Weitem nicht so viele Sterne wie zu Hause in Montana. Für mehr als einen kurzen Blick nach oben blieb mir jedoch keine Zeit. Ich betrat mein Wohnheim, nahm den Aufzug nach oben und zog mir die Kleider aus, sobald ich mein Zimmer betreten hatte. Meine Sportsachen zu finden, war nicht schwer. In dem winzigen Raum hatte ich einen noch winzigeren Schrank, und bis auf die Sportkleidung warteten so ziemlich alle anderen Sachen darauf, gewaschen zu werden.

Ich riss die ordentlich zusammengefalteten Kleidungsstücke aus dem Schrank, schlüpfte hinein, schnappte mir eine Wasserflasche aus dem Minikühlschrank in der Ecke und stürmte zurück in den Flur. Noch im Laufen zog ich ein Zopfgummi aus der Hosentasche, zögerte jedoch. Ich trug meine Haare immer offen. Nicht nur, weil mir das besser gefiel, sondern auch, um diese schreckliche Narbe zu verbergen. Aber wenn Masons Bootcamp auch nur ansatzweise das war, was ich online über Militärtraining gelesen hatte, würde ich mit offenen Haaren sterben. Außerdem konnte es mir sowieso egal sein, was dieser Typ dachte.

Kurz entschlossen band ich mir das schwarze Haar zu einem Zopf zusammen, auch wenn ich diese Frisur verabscheute, und hastete weiter.

Als ich wieder nach draußen trat, war Mason schon da. Er hatte sich eine lange Hose angezogen und ein T-Shirt übergeworfen, dazu trug er ein Basecap auf dem Kopf. Verkehrt herum. Natürlich. Was auch sonst? Ich unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen. In seiner Miene war keine Müdigkeit mehr zu erkennen, während er mir entgegensah und dabei auf der Stelle auf und ab sprang, um sich aufzuwärmen.

Er mochte zwar kein Sportler sein wie Luke, der festes Mitglied des Leichtathletikteams war, aber man sah Mason an, dass er noch immer regelmäßig trainierte. Das schlichte graue T-Shirt spannte sich bei jeder Bewegung und betonte die Muskeln darunter. Nett. Genau wie sein Tattoo. Es bedeckte seinen ganzen linken Arm und passte so überhaupt nicht zu jemandem, dem man die Militärvergangenheit noch immer an seinem kurzen Haarschnitt ansah: ein riesiger schwarzer Violinschlüssel, dazu einzelne Textpassagen, die vermutlich aus Songtexten stammten. Da ich jemand war, der sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen konnte, war ich sofort neugierig geworden, als ich die Tätowierung das erste Mal gesehen hatte. Allerdings war ich Mason nie nahe genug gekommen, um die Schrift auf seiner Haut entziffern zu können. Oder vielmehr war ich beim einzigen Mal, bei dem ich ihm tatsächlich näher gekommen war, viel zu sehr von seinen Augen, seinen Händen und dem schmalen Silberring in seiner Unterlippe abgelenkt gewesen.

Ich hatte mich nie gefragt, wie es wohl wäre, jemanden mit einem Lippenpiercing zu küssen, weil diese Leute grundsätzlich nicht mein Typ waren. Aber jetzt hatte ich meine Antwort. Obwohl es nur eine Aufgabe war, die Tate uns beiden im letzten Semester beim Spielen von Wahrheit oder Pflicht aufgezwungen hatte, wurde ich die Erinnerung an diesen Kuss einfach nicht los. Er hatte sich förmlich eingebrannt. So sehr, dass ich nun viel zu lange auf Masons Mund starrte.

Hastig senkte ich den Blick und begann mit meinen eigenen Dehnübungen. Im Hause Watkins aufzuwachsen bedeutete, einen strikten Sport- und Ernährungsplan einzuhalten. Und auch wenn ich mir inzwischen erfolgreich abgewöhnt hatte, bei jeder Mahlzeit Kalorien zu zählen und mich schlecht zu fühlen, wenn ich überhaupt etwas aß, wusste ich noch genau, wie man sich vor dem Fitnesstraining richtig dehnte, um Verletzungen vorzubeugen. Nur dass das hier weder Aerobic noch Pilates oder Bauch-Beine-Po-Übungen sein würden. Ich hatte nach einem Army-Workout gefragt und, wenn ich das Zucken in Masons Mundwinkeln richtig deutete, würde ich genau das bekommen.

Er ließ die Arme sinken. »Bereit?«

Ich nickte.

»Gut. Wir beginnen mit einem kleinen Lauf zum Aufwärmen und damit ich einschätzen kann, wie fit du bist.« Er deutete auf die Grünfläche zwischen den Wohnheimen. »Fünfmal um den Platz sollte reichen.«

Ich zögerte. Joggen war zwar nie mein Lieblingssport gewesen, aber ich kam damit zurecht. Das war es auch nicht, was mich innehalten ließ. Kurz sah ich mich nach allen Seiten um. Hinter ein paar Fenstern der Wohnheime brannte Licht, aber die meisten waren dunkel, weil kaum einer unserer Kommilitonen jetzt schon wach war. Was nicht hieß, dass sich das nicht in der nächsten Viertelstunde ändern konnte.

»Können wir vielleicht woanders trainieren?« Ich versuchte, meine Stimme völlig neutral klingen zu lassen, damit Mason nicht auf die Idee kam, dass mir das irgendwie wichtig sein könnte.

Mason starrte mich einen Moment lang stumm an, dann bogen sich seine Mundwinkel nach oben. »Angst, mit mir gesehen zu werden, Prinzessin?«

Prinzessin?

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist mein Gefallen, oder nicht? Du hast mir damals alles versprochen, was ich will. Und ich will einen anderen Trainingsort.«

Theatralisch rollte er mit den Augen. »Ich wusste, dass ich das eines Tages bereuen würde. Okay, lass uns gehen.«

»Wohin?«

»Hinter dem PAC gibt es eine Wiese, auf der höchstens mal ein paar unserer lieben Kommilitonen für ihre Rollen üben, aber frühestens nachmittags. Jetzt ist da niemand. Und keiner kommt vorbei und sieht dich zufällig mit mir«, fügte er sarkastisch hinzu.

Ich presste die Lippen aufeinander, um eine ebenso sarkastische Antwort zurückzuhalten, und nickte stattdessen. »In Ordnung.« Ich zögerte einen Herzschlag lang, rang mir dann aber doch ein leises »Danke« ab.

Mason schnaubte. »Stets zu Diensten.«

Er joggte los, und ich folgte ihm. Das Schweigen zwischen uns dehnte sich aus, und keiner von uns versuchte, es zu brechen. Nicht einmal dann, als es zunehmend angespannter wurde.

Warum tat ich mir das doch gleich an? Ach ja. Eine schlaflose Nacht und ein Kommentar von meinem Freund Daniel, den er inzwischen sicher längst wieder vergessen hatte. Aber ich nicht.

Bist du sicher, dass du noch Nachtisch essen möchtest?

Eine simple, beinahe unschuldige Frage, aber darin schwang so viel mehr mit. Am Samstag waren wir vor dem offiziellen Semesterstart mit ein paar Leuten ausgegangen. Im Diner hatte ich nur einen Salat bestellt, anschließend jedoch mit den Desserts geliebäugelt – die Auswahl von Eiscreme über New York Cheesecake bis hin zu Mini-Donuts war einfach zu verlockend gewesen. Zumindest bis Daniel diesen Spruch rausgehauen hatte. Es war nur ein Scherz gewesen, und der ganze Tisch hatte gelacht. Mich eingeschlossen. Aber gegen das Ziehen in meinem Bauch war ich machtlos gewesen. Genauso wenig wie gegen meinen Entschluss, doch kein Dessert zu bestellen, auch wenn Daniel sich entschuldigt und regelrecht darauf bestanden hatte, dass ich eins nahm. Keine Chance. Weil ich mein Leben lang zu viele solcher Kommentare gehört hatte und sie sich in meinem Bewusstsein verankert hatten. Und dabei spielte es offenbar keine Rolle, ob ich zu Hause in Montana, in einem Umkleideraum bei einer Miss-Wahl irgendwo in den Staaten oder an der Blackhill University in West Virginia war. Kommentare wie diese verfolgten mich und kamen immer wieder, ganz egal, wie sehr ich dagegen ankämpfte und versuchte, sie aus meinem Gedächtnis zu verbannen.

Oh, Schätzchen, wie siehst du nur aus? Keine Sorge, das kriegen wir schon wieder hin.

Mit diesen Worten hatte mich Mom am Anfang der Sommerferien zu Hause willkommen geheißen, mich in die Arme genommen und mir anschließend die Wange getätschelt, als müsste sie mich trösten, weil ich mittlerweile fast so etwas wie ein Normalgewicht erreicht hatte. Die nächsten Wochen über waren nur noch Salate, Smoothies und Fitnessdrinks auf den Tisch gekommen, gepaart mit jeder Menge strenger Blicke und den üblichen Sticheleien von ihrer Seite aus. Und zum Abschied hatte sie mir einen neuen Ernährungsplan in die Hand gedrückt. Ich hatte ihn wortlos eingesteckt, obwohl ein Teil von mir mich selbst dafür verachtete.

Denn im Grunde war ich zufrieden mit meinem Gewicht. Ich hatte nie zu viel auf den Rippen gehabt, sondern war immer eher zu dünn gewesen. Im Gegensatz zu meiner Schwester Gillian, die Kurven besaß, auf die jede Frau neidisch sein konnte, war ich immer ein Strich in der Landschaft gewesen. Als alle anderen Mädchen in meinem Jahrgang Brüste bekamen, musste ich meinen BH noch ausstopfen, um wenigstens halbwegs mithalten zu können und nicht wie ein zu klein geratener, knochiger Junge zu wirken. Erst ein paar Jahre später war das nicht mehr nötig gewesen, aber ich war noch immer so schlank gewesen, dass mich Lehrerinnen in der Schule sogar darauf angesprochen hatten. Ob ich auch genügend essen würde und dass ich jederzeit zu ihnen kommen konnte, wenn ich irgendwelche Probleme hätte. Das hatte schlagartig aufgehört, als ich den ersten Schönheitswettbewerb gewann. Plötzlich sorgte sich niemand mehr um mein Gewicht – abgesehen von Mom, für die es immer ein, zwei Kilo weniger sein könnten.

Inzwischen hatte ich einen gesunden Body-Mass-Index. Mein Bauch mochte nicht mehr so trainiert und flach sein wie früher, sondern weich, weil ich hin und wieder etwas Süßes aß und weniger Sport machte als früher. Und das war in Ordnung. Zumindest war es das, bis ich diesen Sommer zurück nach Hause gefahren war.

»Runter auf den Boden. Dreißig Liegestütze!« Masons laute Stimme holte mich in die Gegenwart zurück. Ohne dass ich es gemerkt hatte, waren wir hinter dem Performing Arts Center angekommen. Um diese Zeit war wirklich noch niemand hier unterwegs. Wir waren völlig allein. Keine Zuschauer. Genau so, wie ich es gewollt hatte.

Ich zögerte nicht, stellte keine Fragen. Innerhalb von Sekunden kniete ich auf dem Gras, nahm die richtige Haltung ein, hievte mich hoch und wieder runter. Einmal. Zweimal. Dreimal. Zehnmal. Fünfzehnmal. Meine Muskeln begannen zu schmerzen und zu zittern. Gott, war ich wirklich so aus der Übung? Ich drückte mich ein weiteres Mal hoch und wieder hinunter. Meine Handgelenke gaben fast unter mir nach. Mein Atem kam nur noch in kurzen, flachen Stößen.

»Komm schon, Watkins!« Er ging neben mir in die Hocke. »Zwanzig Liegestützen müssen drin sein! Das ist das Minimum für den halbjährlichen Army Physical Fitness Test. Wenn du das nicht hinkriegst, kannst du das Training auch gleich sein lassen.«

Ich stemmte mich ein letztes Mal hoch, dann gaben meine Arme unter mir nach und ich sank ins weiche Gras. Mein ganzer Körper zitterte, aber Mason war noch nicht fertig mit mir. Er hatte gerade erst angefangen. Als Nächstes waren Sit-ups an der Reihe. Okay, wenigstens darin hatte ich Übung.

Dachte ich. Nach dreißig begannen die Schmerzen, nach vierzig das Muskelzittern und nach fünfzig war ich völlig erledigt.

Eine Hand tauchte in meinem Blickfeld auf. Ich zögerte kurz, ergriff sie dann jedoch und ließ mich schwungvoll in die Höhe ziehen.

»Was kommt als Nächstes?«, keuchte ich, eine Hand auf dem Bauch, die andere in die Seite gestemmt, um mich wenigstens halbwegs aufrecht halten zu können.

»Zwei Meilen laufen«, antwortete Mason und nahm ein paar Schlucke aus seiner Wasserflasche. »Wir variieren zwischen Sprinten und Joggen. Dein Ziel ist es, die Strecke in weniger als neunzehn Minuten zu schaffen. Kriegst du das hin?«

Ich war kurz davor, laut aufzulachen – ob vor Belustigung oder Verzweiflung wusste ich nicht einmal selbst –, aber dafür taten meine Bauchmuskeln zu sehr weh. Stattdessen nickte ich nur und trank selbst etwas Wasser. »Klar!«

Mason lief los, und ich hetzte ihm nach. Wir ließen das PAC – das Performing Arts Center – hinter uns, schlugen aber nicht den Weg zurück zu den Wohnheimen ein, sondern bogen an der nächsten Kreuzung ab. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich auf meine Atmung zu konzentrieren und das kurz darauf einsetzende Seitenstechen zu ignorieren, um auf den Weg zu achten. Außerdem musste ich aufpassen, ob Mason gerade auf der Stelle joggte, weil wir darauf warteten, dass eine Ampel umschaltete, oder ohne Vorwarnung lossprintete. Er war ein unnachgiebiger Trainer, und obwohl ich ihn innerlich dafür verfluchte, war ich ihm gleichzeitig auch dankbar. Denn es war genau das, was ich wollte. Genau das, was ich brauchte. Ein hartes Training, um wieder in Form zu kommen. Und vielleicht würde ich dann auch endlich all diese Kommentare vergessen können, die mich bis ans andere Ende des Landes verfolgt hatten.

Kapitel 2

Grace

Einen Tag später tat mir noch immer alles weh. Meine Arme und Beine brannten, meine Handgelenke schmerzten und von meinen Bauchmuskeln wollte ich gar nicht erst anfangen. Die fühlten sich nämlich so an, als würde ich nie mehr etwas essen können. Mason war beim Training brutal gewesen, aber genau das hatte ich gewollt: ein brutales militärisches Workout. Und obwohl mir alles wehtat, war das Wunder geschehen: All die Worte in meinem Kopf waren verstummt. Zumindest für den Moment. Und ich fühlte mich besser. Innerlich. Dort, wo es keine Muskeln gab, die vor Anstrengung zittern konnten.

Ich blieb auf dem großen Platz mit dem Memorial Fountain stehen und atmete tief durch. Die Sonne brannte vom Himmel, und um mich herum herrschte der reinste Trubel. In dieser Woche hatte mein zweites Jahr an der Blackhill University ganz offiziell begonnen. Ich gehörte schon längst nicht mehr zu den Neuen, war kein Freshman mehr, sondern ein Sophomore im dritten Semester. All die Leute, die zusammen mit mir ihren Highschoolabschluss gemacht hatten – mit Ausnahme einer gewissen Emery Lance –, waren schon ein Jahr weiter. Aber ich hatte erst herausfinden müssen, was ich eigentlich tun wollte. Zu einem Ergebnis zu kommen, ebenso wie zu der Erkenntnis, dass ich mein Studium so weit entfernt von meiner Heimatstadt wie möglich beginnen wollte, hatte lange gedauert. Aber jetzt war ich hier, zweitausend Meilen von meinen Eltern und den Erinnerungen an die verkorksten Sommerferien entfernt, und könnte nicht glücklicher darüber sein. Endlich hatte ich wieder das Gefühl, frei atmen zu können.

Die roten Backsteingebäude und kleinen Hörsäle waren mir inzwischen ebenso vertraut wie die Dozenten, meine Kommilitonen und das niedliche kleine Café ganz in der Nähe, in dem ich mir fast täglich meinen Kaffee holte. Doch während alle um mich herum offenbar ihrem neuen Alltag nachgingen, hatte ich noch immer keine Ahnung, was genau ich hier eigentlich tat. Ob dieses Gefühl jemals verschwinden würde? Oder wussten alle Erwachsenen da draußen im Grunde gar nicht, was sie machten, und gaben es bloß nicht zu? Der Gedanke hatte etwas Tröstliches und Erschreckendes zugleich.

Wie auf Kommando piepte mein Handy mit einer neuen E-Mail. Ich zog es aus meiner Tasche, überflog die Nachricht und seufzte innerlich. In den Ferien hatte Mom mehrmals laut darüber nachgedacht, dass mittlerweile ja genügend Zeit seit meiner Blamage vergangen wäre, und ich doch wieder an Schönheitswettbewerben teilnehmen könnte. Anscheinend war das nicht nur Gerede gewesen.

Liebes, ich habe dich für den Miss-Winternight-Wettbewerb angemeldet. Du bist in den Ferien hier, und das ist ein relativ simpler Contest mit wenig Konkurrenz. Das schaffst sogar du.

Mein Magen zog sich zusammen. Doch bevor ich darüber nachdenken oder darauf antworten konnte, hörte ich eine vertraute Stimme.

»Grace!«

Ich steckte das Handy wieder ein und drehte mich um. Myung-hee kam auf mich zu gerannt. Eine Strähne löste sich aus ihrem hochgesteckten schwarzen Haar.

»Und ich dachte schon, ich wäre die Letzte.« Keuchend blieb sie vor mir stehen und stützte sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab. Als sie sich wieder aufrichtete, blitzten ihre dunkelbraunen Augen vergnügt. »Guten Morgen!«

Ich erwiderte ihr Lächeln und schob jedes bisschen ungutes Gefühl, das diese Mail in mir geweckt hatte, entschieden beiseite. »Morgen.«

Myung-hee und ich hatten uns zwar schon öfter auf dem Campus gesehen, uns aber erst richtig angefreundet, als ich mit Laptop und Cappuccino an einem Tisch im Café saß und versuchte, mich zu entscheiden, ob ich dieses weiße Chiffon-Kleid mit dem tiefen Ausschnitt wirklich bestellen sollte oder nicht. Myung-hee saß am Nebentisch, hatte zufällig einen Blick auf meinen Bildschirm geworfen und mir auf der Stelle zum Kauf geraten. Wenige Minuten und diverse Lippenstiftfarbentipps später waren wir vollkommen in ein Gespräch über Mode, den eigenen Stil und Farbkombinationen vertieft gewesen. Sie studierte ihren Eltern zuliebe hier am College, da ihr Vater beim Theater arbeitete, wollte aber eigentlich viel lieber Make-up-Artist werden, statt selbst auf der Bühne zu stehen. Wahrscheinlich sah sie deshalb immer perfekt gestylt aus und schaffte es, ihre komplizierte Hochsteckfrisur ohne Spiegel wiederherzurichten. Und es dabei auch noch leicht aussehen zu lassen.

»Schicker Lippenstift.« Ich deutete auf das strahlende Rot, das ihren Mund betonte und die einzige Farbe in ihrem ansonsten schwarzen Outfit war.

»Ja? Danke. Der ist neu.« Sie strahlte mich an. »Schöne Schuhe.«

Ich sah an mir hinunter. Zu dem dunkelblauen Kleid und dem dünnen Cardigan in Mauve trug ich silberne Riemchensandalen mit hohem Absatz. Den ganzen Tag in diesen High Heels herumzulaufen würde mörderisch werden, aber das war es mir wert. Und wie sagte Mom immer? Wer schön sein will, muss leiden.

»Danke«, erwiderte ich ehrlich.

»Okay, das war’s jetzt mit den Komplimenten. Los, sonst kommen wir noch zu spät! Und du weißt, wie Mr Denvers sein kann!« Sie hakte sich bei mir unter und zog mich mit sich. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mitzulaufen, auch wenn die Muskeln in meinen Beinen bei jeder Bewegung protestierten und ich aufpassen musste, bei dem Tempo nicht in den hohen Schuhen umzuknicken.

»Ich bin schon so gespannt auf das Wintermusical! Dieses Jahr wollen sie noch früher mit den Vorbereitungen anfangen, also müssen wir üben, üben, üben!«

»Schlimmer als letztes Jahr kann es ja nicht werden«, kommentierte ich trocken.

Myung-hee kicherte. »Unglaublich, dass sie das Foto von Jessicas brennendem Kleid in der Collegezeitung gebracht haben. Sie ist so ausgerastet.«

»Zu Recht. Die Statisten waren eine Katastrophe. Wer ist überhaupt auf die Idee gekommen, dass sie ihre Fackeln wirklich anzünden?« Kopfschüttelnd betrat ich das Performing Arts Center.

Fast augenblicklich senkte sich eine angenehme Ruhe über mich. Draußen war es sonnig, warm und laut gewesen. Hier drinnen war es wesentlich dunkler, ein paar Grade kühler und stiller. Und das, obwohl jede Menge Leute an uns vorbeiwuselten, die Gänge entlanghuschten und in den einzelnen Räumen verschwanden. Das Gebäude vereinte sowohl die Proberäume für die Musik- und Theaterstudenten als auch Umkleiden voller Kostüme, eine mittelgroße Konzerthalle, zwei Theatersäle, ein Auditorium, ein Tanzstudio mit mehreren Übungsräumen sowie zwei Hörsäle. Es war der Ort auf dem ganzen Campus, an dem ich am liebsten war und wo ich mich am wohlsten fühlte. Hier konnte ich mich ausprobieren, hier konnte ich meinen Text und meine Schritte üben und Fehler machen, ohne dafür Ärger zu bekommen. In diesen Räumlichkeiten ging es nicht darum, perfekt zu sein, sondern darum, das Beste aus sich herauszuholen.

Zusammen mit Myung-hee schlüpfte ich ins Auditorium, wo sich bereits die meisten Leute unseres Studiengangs versammelt hatten. Jedes Semester gab es in der ersten Woche eine Pflichtveranstaltung, an der alle Jahrgänge teilnehmen sollten. Hier wurden die geplanten Projekte und Aufführungen und die damit verbundenen freien Rollen für die kommenden Monate vorgestellt. Ich entdeckte ein paar Leute, die ich aus dem letzten Jahr kannte und mit denen ich teilweise bis in die Nacht hinein trainiert hatte. Da waren Hannah, Jessica und ihr Freund Jacob, Chloe, Zachary, Alyssa und … Mason. Er stand neben zwei Kerlen, die zu seiner Band gehörten, wenn ich mich nicht irrte. Paxton, ein Senior und damit zwei Jahre über uns, und … den Namen des zweiten Typen hatte ich vergessen. Emery hatte ihn mir sicher bei einem Auftritt der Band ins Ohr geschrien, aber da wir abgesehen davon noch nie etwas miteinander zu tun gehabt hatten, konnte ich mich nicht daran erinnern.

Mason schien mich ebenfalls zu bemerken und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Wenn er damit auf den Muskelkater aus der Hölle anspielte – um den er sich sicherlich keine Sorgen machen musste –, konnte er sich seine gute Laune sonst wohin stecken. Ich wandte den Blick ab und konzentrierte mich auf unseren Dozenten, der nun das Wort ergriff.

Rund eine Stunde später waren wir alle entlassen und durften in unsere jeweiligen Kurse gehen. Ich verabschiedete mich von Myung-hee, die in eine andere Richtung musste, und machte mich auf den Weg quer über den Campus zu meinem nächsten Seminar. Die Sonne strahlte noch immer, aber das angenehme Gefühl von Ruhe blieb im PAC zurück. Stattdessen stellte sich ein kaum merkbares Unwohlsein ein, an das ich mich schon vor langer Zeit gewöhnt hatte. Rücken gerade, Schultern nach unten, Kinn heben. Obwohl ich seit anderthalb Jahren bei keinem Schönheitswettbewerb mehr mitgemacht hatte, hallten Moms Anweisungen noch immer in meinen Ohren nach. Ihrer Ansicht nach musste man nicht nur auf dem Laufsteg perfekt sein, sondern auch darüber hinaus. Eine Lady mit hervorragenden Manieren, die nie aufbrausend wurde, stets dem Anlass angemessen gekleidet war, sich zurückhaltend verhielt und keine eigene Meinung hatte.

Warum? Warum fiel mir das alles ausgerechnet jetzt ein? Konnten die Sommerferien zu Hause und dieser eine lächerliche Kommentar meines Freundes so eine Wirkung auf mich haben? War mein Selbstwertgefühl wirklich so gering?

Unbewusst hob ich die Hand, um mir das Haar glatt zu streichen, nur für den Fall, dass es von der warmen Augustbrise zerzaust worden war. Doch als ich merkte, was ich da gerade tun wollte, nämlich sichergehen, dass die Narbe an meiner Schläfe weiterhin vor den Augen aller verdeckt war, senkte ich die Hand wieder. Moms Perfektionswahn hatte mich meine halbe Teenagerzeit über geprägt. Er war wie ein Käfig, in den ich mich freiwillig hatte sperren lassen. Und selbst jetzt, zweitausend Meilen von zu Hause entfernt, ließ ich es noch immer zu.

Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. Ich war eindeutig zu optimistisch gewesen. Das Training mit Mason war wohl noch nicht hart genug, wenn ich so früh schon wieder in solche Grübeleien verfiel.

In der sprachwissenschaftlichen Fakultät traf ich auf Emery Lance, die ein Gesicht zog, als müsste sie gleich vor Gericht statt in den Hörsaal.

»Sag mir noch mal, warum ich Französisch gewählt habe«, begrüßte sie mich und schob sich das platinblonde Haar mit den mittlerweile wieder pinkfarbenen Spitzen über die Schulter zurück.

»Weil du anfangs keine andere Wahl hattest und inzwischen sogar den einen oder anderen vernünftigen Satz auf Französisch rausbringst.«

Sie verdrehte die Augen, was dank Eyeliner und Mascara einen dramatischen Effekt hatte. »Ich hasse diese Sprache immer noch.«

»Und ich finde Biologie schrecklich«, erinnerte ich sie, während wir den Hörsaal betraten. »Trotzdem gehe ich immer noch hin und schneide kleine Tiere auf.«

»Du meinst wohl eher, ich schneide sie für dich auf«, korrigierte sie mich schnaubend.

In unserem ersten Semester waren wir uns zufällig über den Weg gelaufen – und beide gleichermaßen entsetzt gewesen. Denn Emery und ich waren früher in Montana zusammen zur Highschool gegangen und alles andere als beste Freundinnen gewesen. Genau genommen hatten wir uns aus mehr oder weniger gerechtfertigten Gründen nicht ausstehen können. Das hatte sich auch nach unserer Ankunft in Huntington, West Virginia, nicht geändert. Erst als wir dazu gezwungen gewesen waren, in Biologie und Französisch zusammenzuarbeiten, und unser Heimweh uns einander nähergebracht hatte, war diese offene Abneigung etwas anderem gewichen. Zuerst Akzeptanz und schließlich Freundschaft.

Ich mochte Emery, weil es ihr egal war, was die Leute von ihr dachten und welche Gerüchte gerade über sie kursierten. Sie zog ihr Ding durch, selbst wenn sie andere damit vor den Kopf stieß. Früher hatte ich sie dafür verabscheut, weil sie genau das tat, was mir nie erlaubt gewesen war. Ich hatte nie ich selbst sein dürfen. Wobei … um ehrlich zu sein, hatte ich viel zu oft das Gefühl, überhaupt nicht zu wissen, wer ich eigentlich war. Aber wer wusste das schon in unserem Alter? Mittlerweile bewunderte ich Emery dafür. Außerdem war sie eine willkommene Abwechslung zu dem oberflächlichen Getue, das es viel zu oft unter den Musik- und Theaterstudenten gab.

»Komm schon.« Ich ließ mich auf einen Platz im vorderen Drittel der Reihen fallen. »Eines Tages wirst du als Fotografin durch die Welt reisen und froh sein, dich auf Französisch unterhalten zu können.«

»Niemand braucht Französisch«, murmelte sie und setzte sich neben mich.

»Stimmt. Warum solltest du auch nach Frankreich wollen? Schreckliches Land, gar keine Atmosphäre, geschweige denn schöne Fotomotive. Oder nach Kanada. Da sind alle so nett, die wüssten gar nichts mit dir anzufangen«, fügte ich hinzu. »Belgien steht sicher auch nicht auf deiner Reiseliste, die Schweiz fällt weg, dann noch Luxemburg, Monaco, Haiti, die Seychellen, die Elfenbeinküste, Madagaskar und viele weitere Länder in Afrika.«

Sekundenlang starrte sie mich nur an. »Manchmal hasse ich dich, weißt du das?«

»Und ob ich das weiß.« Zufrieden lächelnd packte ich meine Unterlagen aus. Diese kleine Diskussion hatte eindeutig ich gewonnen.

Ich reihte Laptop, Buch, Notizblock und Stift säuberlich nebeneinander auf und begann, mich mental auf die erste Französischstunde im neuen Semester vorzubereiten. Glücklicherweise war mir diese Sprache immer leichtgefallen, aber ich hatte auch den Vorteil, damit neben Englisch aufgewachsen zu sein. Meinen Eltern zufolge war eine zweisprachige Erziehung unabdingbar, wenn man etwas aus sich machen wollte, und inzwischen war ich ihnen dankbar dafür. Denn die ganzen Länder, die ich Emery genannt hatte, gehörten definitiv zu den Orten, die ich eines Tages besuchen wollte.

Neben mir packte Emery ebenfalls ihre Sachen aus. Dazu noch einen knallig gelben Flyer mit fetter schwarzer Schrift, der mir irgendwie bekannt vorkam. Vielleicht, weil ich ihn schon mehr als ein Dutzend Mal gesehen hatte – an irgendwelchen Pinnwänden auf dem Campus, angeklebt an Litfaßsäulen und Ampeln in der Stadt, in diversen Clubs ausliegend und immer, immer in der Wohngemeinschaft meiner besten Freundin. Und jetzt platzierte sie das Ding auch noch so offensichtlich in meinem Blickfeld, während sie sich die größte Mühe gab, dabei völlig unbeteiligt zu wirken.

Ich zog die Brauen in die Höhe. »Ernsthaft?«

»Ach, komm schon!« Sie drehte sich halb zu mir um, als hätte sie nur auf diese Reaktion gewartet. »Das ist deine Chance, Grace.«

»Wozu? Um mich in aller Öffentlichkeit zu blamieren? Nein, danke, schon erlebt. Ich kann auf eine Wiederholung verzichten.«

»Aber du liebst das Singen!«

»Singen? Ja!«, stellte ich klar. »Öffentliche Auftritte? Nein, nein und nochmals nein!«

Allein beim Gedanken daran drehte sich mir der Magen um. Ich hatte kein Problem damit, bei Theateraufführungen und Musicals auf der Bühne zu stehen, denn dort war ich nicht allein. Selbst bei Soloauftritten wusste ich, dass es ein ganzes Team gab, das genau wie ich im Rampenlicht stand. Dort war ich nur eine von vielen, ganz egal, ob ich eine Haupt- oder Nebenrolle übernahm. Und vor allem ging es im Theater oder Musical immer darum, in die Haut eines anderen zu schlüpfen. Eine Rolle zu spielen. Nicht darum, man selbst zu sein. Aber genau das musste ich beim Singen.

»Du versuchst mich schon seit dem letzten Semester dazu zu überreden. Nicht mal in den Sommerferien zu Hause hatte ich Ruhe! Wann gibst du endlich auf?«

»Wenn du endlich zu diesem Vorsingen gehst.« Sie gestikulierte so wild mit den Händen, dass sie beinahe den Typen, der vor uns saß, am Kopf traf. »Ich weiß, dass du es draufhast und es locker in die Band schaffen würdest.«

»Schon mal daran gedacht, dass ich gar nicht in einer Band sein will?«

»Bullshit.«

Ich riss die Augen auf. »Wie bitte?«

»Oh, du hast mich schon verstanden: Bull. Shit«, wiederholte sie, und ich gab mir alle Mühe, nicht bei diesem schrecklichen Wort zusammenzuzucken. »Du liebst es, zu singen, und ich habe dich zusammen mit Maze und der Band letztes Jahr auf der Bühne gesehen. Und gehört! Ihr wart großartig!«

Ich verdrehte die Augen. »Das war eine Ausnahme. Ich habe nur einem … nur Mason ausgeholfen.«

»Und es hat dir Spaß gemacht, das konnten wir alle sehen.«

Ja, das hatte es. Weil ich gar keine Zeit gehabt hatte, mich vor dem Auftritt verrückt zu machen und nervös zu werden. Weil ich nicht darüber hatte nachdenken können, was es bedeutete, auf die Bühne zu gehen. Von allen angestarrt zu werden. Verwundbar zu sein. Schließlich war ich an jenem Abend mit Emery, Dylan, Luke und den anderen in diesen Club gegangen, um Elles Geburtstag zu feiern, und nicht, um vor über zweihundert Leuten aufzutreten. Aber dann war die Sängerin plötzlich krank geworden, der Auftritt drohte nach der Hälfte der Songs ins Wasser zu fallen, und Mason hatte mich geradezu angefleht, als Ersatz für Hazel einzuspringen. Keine Zeit für Lampenfieber. Keine Zeit, um darüber nachzudenken, dass all die Menschen mich dort oben auf der Bühne sehen würden – und keine Rolle, die ich gerade spielte.

Emery war die Einzige, die die Geschichte hinter meiner Abneigung gegen solche Auftritte kannte. Wir kamen schließlich aus derselben Kleinstadt, und kurz nach ihrem ganz persönlichen Skandal hatte es meinen gegeben. Nur dass sich die Leute nicht über mich empörten, sondern hinter vorgehaltener Hand kicherten, mir abfällige Blicke zuwarfen und mit dem Finger auf mich zeigten. Die Highschool-Queen, die von ihrem Thron gefallen war. Und ich war unglaublich tief gefallen. Doch bis wir beide zweitausend Meilen entfernt an diesem College gelandet waren, hatte auch Emery nur die Gerüchte gekannt. Irgendwann hatte ich ihr die ganze Wahrheit erzählt, genauso wie sie mir. Ich redete mir gerne ein, dass das der Wendepunkt in unserer Beziehung gewesen war, der Moment, in dem aus Feindschaft Freundschaft geworden war, aber das stimmte nicht. In Wirklichkeit war es ein schleichender Prozess gewesen, angefangen damit, dass wir Laborpartner in Biologie sein mussten und ich Emery Nachhilfe in Französisch gab, bis hin zum Heimweh, das uns beide genauso verband wie die Erleichterung, so weit weg von zu Hause zu sein.

Emery blies sich eine hellblonde Strähne aus dem Gesicht. »Der einzige Grund, aus dem du nicht zum Vorsingen gehen willst, ist …«

»Sag es nicht.«

»… dass du Angst hast.«

Ich presste die Lippen so fest aufeinander, dass mich der Schmerz davor bewahrte, in Gedanken zurück zu jenem Tag zu gehen. Danach war alles den Bach runtergegangen. Meine aufstrebende Karriere. Mein Familienleben. Meine Beziehung zu Stephen. Meine Gesundheit. Mein Selbstwertgefühl.

»Hey …« Emery stupste mich an. Auf einmal wirkte sie nicht mehr so wild entschlossen, mich zu dieser Sache zu überreden, sondern überraschend mitfühlend. »Ich weiß genau, wie es ist, Angst davor zu haben, dass sich etwas Schreckliches wiederholt.«

Ich schloss die Augen. Sie hatte recht. Von allen Menschen, die ich kannte, konnte niemand dieses Gefühl so gut nachvollziehen wie Emery. Aber im Gegensatz zu mir hatte sie sich den Gründen dafür schon vor einem Jahr gestellt – und sie überwunden. Selbst wenn bis heute noch Gerüchte über sie kursierten und ein paar idiotische Kommilitonen gelegentlich meinten, irgendwelche dämlichen Sprüche raushauen zu müssen. Die meisten trauten sich das allerdings nicht mehr, weil die Sache längst vergessen war oder weil sie gehörigen Respekt hatten. Nicht vor ihrem Freund Dylan oder den anderen Jungs in der Clique, sondern vor Emery selbst. Denn dieses Mädchen konnte sich nicht nur mit Worten zur Wehr setzen.

Im Vergleich dazu waren meine eigenen Befürchtungen vollkommen lächerlich – so viel konnte ich mir eingestehen. Und im Grunde hatte Emery recht. Ich war einfach nur feige. Wieso sollte ich mich dieser Furcht nicht ebenfalls stellen können? Weil allein beim Gedanken daran, wieder als Sängerin auf der Bühne zu stehen und mich so verletzlich zu machen, jeder Fluchtinstinkt in mir erwachte? Wollte ich mich wirklich mein Leben lang von einer einzigen schlimmen Erfahrung beeinflussen und einschränken lassen? Gott, ich hatte es satt, dass mir alle vorschreiben wollten, was ich tun konnte und was nicht. Ganz egal, ob es dabei um meine Mutter oder meine eigenen Ängste ging. Ich hatte es so satt.

»Einverstanden.«

Emerys Kopf ruckte zu mir herum. »Wie bitte? Was? Ich glaube, ich habe mich eben verhört.«

Ich stieß die Luft langsam aus. »Ich gehe zum Vorsingen. Aber nicht, weil ich in die Band will, sondern um mir und dir zu beweisen, dass ich es kann.«

»Ha! Das ist die Grace Watkins, die ich kenne.« Stolz schwang in ihrer Stimme mit. »Heute Abend ist der nächste Termin. Ich komme mit.«

»Das solltest du auch«, murmelte ich und schlug mein Französischbuch auf, als unsere Dozentin den Hörsaal betrat. »Schließlich hast du mir das eingebrockt.«

Mason

»Hey, Mann!«

Ich drehte mich um und blinzelte gegen die Sonnenstrahlen an. Luke joggte auf mich zu und wirkte trotz der Augusthitze und dem langen Tag, der bereits hinter uns lag, geradezu ekelhaft frisch und wach. Genau genommen sah er so aus, als würde er gleich einen Marathon rennen wollen, während ich mich so fühlte, als hätte ich bei der Hell Week der Navy SEALs mitgemacht.

»Was gibt’s?« Ich begrüßte ihn per Handschlag. Zwar war ich gerade auf dem Weg zu meinem letzten Kurs, aber das hielt mich nicht davon ab, hier mit ihm stehen zu bleiben und eine Pause einzulegen. Alles war besser, als bei Professor Ivanovich im Hörsaal zu sitzen und seiner monotonen Stimme zu lauschen, während man mit aller Macht dagegen ankämpfte, einfach einzuschlafen. Und das galt für die guten Tage.

Heute war definitiv kein solcher Tag. Es war bereits später Nachmittag und mittlerweile war ich bei meinem … Scheiße, ich wusste gar nicht mehr, beim wievielten Kaffee ich gerade war. Dass Grace mich gestern so früh geweckt und spontan zu einer Sporteinheit gezwungen hatte, hatte meinen ganzen Schlafrhythmus durcheinandergebracht. Und ich hasste es, wenn ich nicht genügend Schlaf bekam. Schlafen war großartig und rangierte auf der Liste der Dinge, die ich am liebsten tat, ganz weit oben. Gleich hinter Sex, guter Musik, Burger essen und die Jungs beim Zocken fertigmachen.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, sprach Luke auch schon weiter: »Später bei Trev, Dylan und mir? Gestern kam das neue DLC raus und …«

»Ich kann nicht«, unterbrach ich ihn und rieb mir mit Daumen und Mittelfinger über die Augenlider. »Heute Abend ist ein Vorsingen für die Band.«

»Schon wieder?« Luke starrte mich an. »Ich dachte, ihr hättet längst eine neue Sängerin gefunden. Läuft die Suche nicht seit letztem Semester?«

»Jepp.«

Die Wahrheit war, dass einfach niemand Hazel ersetzen konnte. Sie hatte Waiting for Juliet nicht nur gegründet, sondern auch noch eine perfekte Mezzosopranstimme, mit der sie sogar manche Sopran- und Alt-Parts singen konnte. Nicht ganz so hoch oder tief selbstverständlich, aber das Spektrum war breit gewesen, ihre Stimme stark und ihre Ausstrahlung auf der Bühne umwerfend. Ich hatte immer gewusst, dass wir sie als Sängerin verlieren würden, wenn sie ihren Abschluss machte, allerdings hätte ich nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, eine würdige Nachfolgerin für sie zu finden. Oder dass sich so viele Menschen bewerben würden, die nicht mal einen einzigen verdammten Ton halten konnten.

»Was ist mit der kleinen Blonden, die ihr vor den Ferien bei einigen Proben dabei hattet?«

Ich verzog das Gesicht. »Du meinst die, die mit ihrer Stimme fast Fensterscheiben zersplittern lassen konnte? Nichts weiter. Sie war ein bisschen zu sehr an Pax interessiert.«

Fragend runzelte Luke die Stirn.

Ich seufzte übertrieben. »Pax ist aktuell zwar wieder solo und steht auch auf Mädels, aber Blondie war eben nicht sein Typ. Sie wollte das nicht akzeptieren und hat ihm nachgestellt. Bis er sie der Campus-Security gemeldet hat, weil sie nachts in sein Zimmer einbrechen wollte.«

»Du verarschst mich.«

»Nope.« Ich breitete die Arme aus. »Du glaubst gar nicht, was da für Leute aufkreuzen … Da war auch noch dieser Typ, der so von sich selbst überzeugt war, dass er meinte, jeder weitere Kandidat wäre Zeitverschwendung. Nur dass er dann selber keinen Ton treffen konnte.«

Luke grinste. »Soll ich euch Ohrstöpsel besorgen?«

Ich schnaubte. »Besorg uns lieber jemand Anständiges als Frontfrau oder meinetwegen auch als Frontmann.«

»Na klar. Ich melde mich, wenn ich das nächste Mal über so jemanden stolpere.« Er klopfte mir auf die Schulter. »Viel Erfolg beim Vorsingen, Mann. Und komm vorbei, falls doch noch ein Wunder geschieht und ihr jemanden für die Band findet. Ich werde Trev und Dylan solange fertigmachen.«

»Als ob!«, rief ich ihm nach, denn wir wussten alle, dass Luke immer der Erste war, der draufging. Völlig egal, ob es sich dabei um Egoshooter, Horror-, Action- oder Survivalgames handelte. Zum Glück war sein Optimismus, was Videospiele anging, unerschütterlich.

Kopfschüttelnd sah ich ihm nach, dann machte ich mich seufzend auf den Weg in den Hörsaal. Im Grunde hatten wir alle eine Medaille verdient, wenn wir es schafften, bei Professor Ivanovich wach zu bleiben. Irgendwie gelang es ihm, sogar das spannendste Thema sterbenslangweilig zu gestalten, indem er seinen Text, den er wahrscheinlich vor Ewigkeiten mal auswendig gelernt hatte, stur herunterbetete. Als es endlich vorbei war, brannten meine Augen davon, so lange auf einen Punkt an der gegenüberliegenden Wand gestarrt zu haben, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als mich mit guter Musik auf den Ohren irgendwo hinzulegen und endlich Ruhe zu haben. Morgen früh würde ich noch mal mit Grace trainieren, aber wenn mich das Mädchen wieder um vier Uhr morgens weckte, würde ich sie eigenhändig in den Fluss werfen, bevor ich mich zurück in mein Bett legte und weiterschlief. Und ja, vier Uhr fünfundvierzig zählte immer noch als vier und nicht als fünf Uhr.

Es war noch warm draußen, als ich um kurz nach acht aus dem Gebäude kam und mich in den letzten Sonnenstrahlen streckte. Meine Motivation für dieses erneute Vorsingen ging gegen null, weil ich genau wusste, dass wieder nur Leute aufkreuzen würden, die entweder nicht singen konnten oder aus anderen Gründen nicht in unsere Band passten. Es war echt frustrierend. Wir brauchten eine Frontfrau oder einen Frontmann. Selbst wenn ich bei einigen Songs mitsang, konnte ich nicht den gesamten Part übernehmen, ohne die Gitarre zu vernachlässigen. Und ganz egal, wie groß mein Selbstbewusstsein war und wie viele Frauen während unserer Auftritte loskreischten und mir hinterher ihre Telefonnummer andrehen wollten, ich wusste, dass meine Stärke bei der Gitarre lag und nicht im Gesang. Das war keine falsche Bescheidenheit, sondern die Wahrheit. Ich war gut, aber nicht gut genug, um für immer die Leadstimme zu sein.

Abgesehen davon wäre es schön, wenn sich zur Abwechslung auch mal jemand anderes um die ganze Organisation, das Aussuchen der Songs, die wir coverten, die Diskussionen mit den Dozenten, wann wir den Raum für unsere Proben nutzen konnten, und all das andere Zeug kümmern würde. Früher war das Hazels Aufgabe gewesen, und nach ihrem Weggang war ich für sie eingesprungen, aber das war eigentlich nur übergangsweise gedacht gewesen. Nur so lange, bis wir eine neue Sängerin gefunden hatten – damit ich auch wieder Zeit für meine eigenen Songs hatte.

Stirnrunzelnd sah ich auf meine Hände hinab. Es war Wochen her, seit ich zuletzt an einem eigenen Stück gearbeitet hatte. Mit dem ersten Song hatte ich schon letzten Winter fertig werden wollen, und jetzt hatten wir bereits August. Neben der Suche nach einem Ersatz für Hazel und dem ganzen Auf und Ab mit Jenny in den letzten Monaten hatte ich einfach keinen Kopf dafür gehabt. Und das ärgerte mich am allermeisten.

»Yo, Maze!«

Ich riss den Kopf hoch.

Jesse, unser Keyboarder, blieb neben mir stehen. In einer Hand balancierte er einen Pappkarton mit vier Bechern, mit der anderen schlug er in meine ein. »Bereit für Runde dreihundertzweiundzwanzig?«

Ich schnaubte und nahm mir einen Kaffee. »Bringen wir es hinter uns.«