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Man schreibt das 32. Jahrhundert. Seit den verhängnisvollen Kriegen gegen die Frogs sind mehr als 100 Jahre vergangen. Die Erde wurde von den Menschen weitgehend verlassen und fristet nur noch ein Schattendasein. In dem Machtvakuum ist eine Vielzahl neuer Reiche entstanden. Eines davon ist die Sternenlichtvereinigung, in der sich zwölf von Menschen besiedelte Systeme verbündeten. Sie sehen sich in der politischen und kulturellen Nachfolge der Menschheit vor dem Erscheinen der Frogs. Der erste Testflug des Erkundungskreuzers ALAN SHEPARD mit einer neuartigen Alien-Technologie führt direkt in die Katastrophe. Der junge Kommandant Peter Brandt und seine Crew stürzen auf einem lebensfeindlichen Planeten ab. Es beginnt ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben. Die Funkverbindung zum Mutterschiff JOHANNES KEPLER ist abgerissen, die Vorräte sind knapp, und mit dem bevorstehenden Sonnenaufgang wird die Absturzstelle im Höllenfeuer des sehr nahen Zentralgestirns verbrennen. Sind Peter Brandt und seine Leute in eine Falle der Velorianer geraten?
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2026
Eric Zerm
Sternenlicht Nr. 29
Der letzte Flug der ALAN SHEPARD
Saphir im Stahl
Sternenlicht Nr. 29
Eric Zerm - Der letzte Flug der ALAN SHEPARD
e-book Nr.: 323
Erste Auflage 01.02.2026
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
Schlosswaldweg 11
64678 Lindenfels
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Thomas Budach
Vertrieb: neobooks
Eric Zerm
Sternenlicht Nr. 29
Der letzte Flug der ALAN SHEPARD
Saphir im Stahl
Inhaltsverzeichnis 1. Absturz 2. Qualm und Chaos 3. Steine und Staub 4. Wieder ein Ziel 5. Morgendämmerung 6. Erster Kontakt 7. Die Nerven liegen blank 8. Nahbegegnung der zweiten Art 9. Temperaturanstieg 10. Nahbegegnung der vierten Art 11. Die Zeit drängt 12. Neues Kommando 13. Aufstieg 14. Systemabsturz 15. Fragmente 16. Kristallwand 17. Die Sphäre 18. Sonnenaufgang 19. Sabotage
1. Absturz
Der plötzliche Lärm in der ganzen Umgebung traf Peter Brandt wie ein Vorschlaghammer. Schneller, als er diesen Gedanken in Worte fassen konnte, wusste er, dass etwas Schlimmes passiert war. Das Ende des Überlichtflugs hatte sich gerade angefühlt, als wäre die ALAN SHEPARD gegen eine Wand geknallt. Der Druck an Körper und Schultern zeigte ihm, dass die Sicherheitsgurte angezogen hatten, sonst wäre seine Stirn jetzt zweifellos Teil des Kommandanten-Schaltpults. Brandt spürte, wie stärker werdende Vibrationen die ganze Zentrale des Erkundungskreuzers erfassten. Alarmsignale in allen Tonlagen und aus allen Richtungen, ein nicht zu definierendes Grollen und dazu aufgeregte Rufe von seiner sechsköpfigen Crew.
„Was ist passiert?“
„Der Einstein-Rosen-Antrieb ...!“
„Wir stürzen ab!“
„Hat uns was getroffen?“ Mit Schrecken registrierte Brandt, dass mindestens vier der Anwesenden in Panik gerieten, was in einer Notlage für einen Erkundungskreuzer tödlich war. Zum Glück erinnerte sich Brandts Verstand sofort wieder an das jüngste Kommando-Training. Anstatt nun ebenfalls wahllos Fragen ins Chaos zu brüllen, bemühte er sich um einen lauten, aber gefassten Kommando-Ton: „Ruhe! Instrumente ablesen! Wir brauchen Informationen!“ Der Ruf klang in seinen Ohren viel zu jung und unschuldig, aber er wirkte zum Glück trotzdem.
Das Stimmendurcheinander endete. „K.I.M., wie ist unser Status?“, wandte er sich mit fester Stimme an die Künstliche Intelligenz des Kreuzers.
„Überlichtflug zu früh beendet. Grund ist ein starkes Gravitationsfeld. - Einstein-Rosen-Antrieb ausgefallen. Temperatur der Außenhülle steigt exponentiell. Verlust der strukturellen Integrität in 90 Sekunden. Multiple Schäden in ...“
„Stopp!“ fuhr Brandt der sanften weiblichen Stimme energisch ins Wort. Um diese multiplen Schäden konnten sie sich kümmern, wenn sie in zwei Minuten noch lebten. „Alarmsignale auf stumm schalten! Außenbild auf die Astroscheiben!“
Einen Augenschlag später schienen die Astroscheiben in der Zentrale in einem gleißend-weißen Licht zu explodieren. Automatisch wurde die Lichtstärke gedimmt, aber was Brandt jetzt sah, ließ ihm fast das Herz stehenbleiben. Er blickte auf eine Feuerwand.
„Eine Sonne! - Wir stürzen auf die äußere Korona zu!“, hörte Brandt die Stimme seines Astrogators Björn Jansen. Die Stimme des Endfünfzigers klang für die katastrophale Lage ungewöhnlich ruhig. Ein Teil von Brandts Verstand erinnerte sich daran, dass er Jansen unter den Panikstimmen vor wenigen Sekunden gar nicht gehört hatte.
„K.I.M., wir müssen unseren Sturz in die Sonne bremsen!“, rief Brandt.
„Ein Bremsmanöver wäre nicht nachhaltig! - Strukturelle Integrität würde trotzdem versagen“, lautete die sanft gesprochene, aber verheerende Analyse der KI.
„Oh Gott! Hilfe!“, hörte Brandt die schwankende Stimme von Kirsten Gardner. Die junge Wissenschaftlerin schien den Tränen nahe. Brandts Hände ballten sich kurz zu Fäusten. Die Temperatur im Inneren der ALAN SHEPARD stieg bereits rasant an. Ohne seine neuartige Hüllenpanzerung und den Absorberschirm wäre der Erkundungskreuzer mit seiner Besatzung schon zu Asche verbrannt. Das zunächst unterschwellige Grollen war intensiver geworden. Die Vibrationen waren jetzt ein allgegenwärtiges Zittern. Der kleine Kreuzer raste wie ein glühender Meteor seinem Ende entgegen. Brandts Verstand arbeitet so schnell, dass sich das ganze ihn umgebende Chaos für einen Moment zu verlangsamen schien.
„Leutnant darf ich einen Vorschlag machen?“ Jansens Tonfall wirkte auf Brandt geradezu nervtötend ruhig. Ich weiß, verdammt noch mal, dass die Zeit drängt! brüllte ihm Brandt in Gedanken zu.
„Warnung! Verlust der strukturellen Integrität in 50 Sekunden!“ Kann die Künstliche Intelligenz nicht einfach mal die Klappe halten!
Plötzlich wirbelte Brandt in seinem Sessel herum. „Jansen, nutzen wir die Schwerkraft der Sonne aus, um uns von hier wegzuschleudern.“
„Mein Gedanke!“, lächelte Jansen. „Wir brauchen aber zusätzlichen Schub, um der Gravitation der Sonne entkommen zu können.“
„Ich gebe Ihnen alles, was wir haben!“, hörte Peter Brandt die Stimme von Debbie Reynolds. Die kleine Bordingenieurin hatte sich wieder im Griff.
„Jansen, Kurs erstellen! Reynolds, alle verfügbare Energie auf den Antrieb! K.I.M., Fluchtmanöver ausführen, sobald der Kurs steht!“, befahl Brandt. Schon während er die Worte sprach, bemerkte der junge Kommandant, dass die beiden an ihren Pulten arbeiteten. Wenn das nicht funktionierte, würden sie in weniger als 30 Sekunden verbrennen.
„Kurs liegt an“, meldete sich die KI zu Wort. „Beschleunigungsmanöver beginnt in fünf Sekunden.“
„Alles festhalten!“, rief Peter Brandt in das inzwischen fast übermächtige Getöse im Inneren des Kreuzers. Irgendwo explodierte eine Schalttafel. Die Vibrationen waren inzwischen so stark, dass er jederzeit damit rechnete, dass die SHEPARD ihre Einzelteile in allen Richtungen schüttelte.
„Beschleunigungsmanöver startet!“
Peter Brandt fühlte sich von einem unsichtbaren Riesen in den Sessel gedrückt. Für einen Moment blieb ihm der Atem weg. Auf der Astroscheibe wurde die Feuerwand für einen Augenschlag noch mächtiger. Es wirkte, als würde das Beschleunigungsmanöver die SHEPARD direkt ins Innere der Sonne feuern. Dann rasten orangerote und gelbe Strukturen an ihnen vorbei. Das tiefe Grollen dominierte jetzt die gesamte Umgebung. Weitere Instrumente in der Umgebung gaben ihren Geist auf.
„Wenn wir das hier überleben, gibst du einen aus!“ Das war Henry Kosinski. Die Stimme von Brandts Jahrgangs-Kamerad – er war der Armierungsoffizier der SHEPARD - klang etwas zu hysterisch, um den Satz so lässig wirken zu lassen, wie er wohl gedacht war.
Plötzlich hatte Brandt den Eindruck, dass die orangeroten und gelben Strukturen der Sonne, die seine Astroscheibe wiedergab, undeutlicher wurden. Die Vibrationen waren zwar immer noch stark, schienen aber wieder nachzulassen. Das tiefe Grollen in der Umgebung nahm ebenfalls leicht ab.
„Es klappt!“ freute sich Björn Jansen. „Wir haben den Punkt der größten Annäherung an die Sonne hinter uns.“
„Komm schon, Baby, nur noch ein bisschen!“ Das war Bordingenieurin Debbie Reynolds, die eine geradezu innige Beziehung zur Technik der SHEPARD pflegte.
„Beschleunigungsmanöver abgeschlossen!“, meldete K.I.M.. Wenn es in den Berechnungen keinen Fehler gegeben hatte, waren sie jetzt schnell genug, um nach dem Swing-by jenseits der Sonne wieder in den freien Raum geschleudert zu werden. Ein Blick auf die Astroscheibe bestätigte Brandts Hoffnung. Das Inferno der Sonne blieb langsam hinter ihnen zurück. Warum aber ließ der gefühlte Druck auf seiner Brust nicht nach? Laut KI beschleunigte der Unterlichtantrieb nicht mehr.
„Scheiße, irgendwas stimmt nicht!“, fluchte die Ingenieurin.
„Eine anständige Meldung, Reynolds!“, fauchte Peter Brandt heftiger, als er beabsichtigt hatte. Debbies laxe Ausdrucksweise ging ihm gerade gegen den Strich, aber er hatte sie nicht so anschnauzen wollen.
„Der Unterlichtantrieb bekommt immer noch volle Energie. Er schaltet nicht ab“, entgegnete die Ingenieurin aufgeregt. „Ich mache gerade einen Systemcheck. Ich fürchte, die Steuerelektronik hat was abbekommen.“ Debbie war viel zu beschäftigt, um seinen rauen Ton bemerken zu können.
„Warnung! Keine Kontrolle mehr über Unterlichtantrieb“, meldete sich K.I.M. zu Wort. „Schiff entfernt sich mit hoher Unterlichtgeschwindigkeit vom Zentralgestirn und wird ohne Kurskorrektur auf den zweiten Planeten des Systems treffen.“
Brandts überhitzter Verstand brauchte einen Augenblick, um sich der Bedeutung dieser Meldung bewusst zu werden. Er drehte sich zu seinem Astrogator um. „Können Sie das bestätigen, Jansen?“
„Leider ja. Unser Swing-by-Manöver um die Sonne hat uns direkt auf einen Kollisionskurs mit dem zweiten Planeten befördert.“ Etwas schuldbewusst fügte der alte Astrogator hinzu. „Es tut mir leid. Wüsste ich mehr über das System, in dem wir aus dem Überlichtflug gerissen wurden, hätte ich einen anderen Kurs gewählt.“
„Schon gut! - Berechnen Sie eine Bahn, die uns an dem Planeten vorbeiführt. - Danach kümmern wir uns um das Problem mit dem Antrieb.“
„Schon dabei!“, entgegnete Jansen, sich bereits seinem Schaltpult zuwendend.
„Warnung! Multiple Schäden an den Steuertriebwerken! Von einer Zündung wird abgeraten!“, zerschmetterte die KI die leicht aufkeimende Hoffnung.
Jetzt reichts mir aber! wollte Brandt schon brüllen, wandte stattdessen aber nur den Kopf zu Seite. „Reynolds?“, rief er in Richtung der Ingenieurin.
„Ist leider so! Das Swing-by-Manöver an der Sonne vorbei hat den Steuertriebwerken mächtig zugesetzt. Die sehen vermutlich aus wie ...“
„Können wir Sie trotzdem einsetzen?“, fiel Brandt der jungen Frau ins Wort und übertönte mit seiner Stimme so etwas wie „... verbrannter Toast“.
„Äh ... ja.“ Reynolds klang verunsichert. „Ja ... wir können sie zünden, aber ... ähhhh ...“
„Reynolds! Ja oder nein?“, versuchte Brandt ihren Gedankengang zu beschleunigen.
„Jetzt lassen Sie mich doch in Ruhe! Ich brauche einen Moment!“, fauchte sie zurück.
„Warnung! Absturz auf dem zweiten Planeten des Systems in weniger als fünf Minuten!“, verlieh eine Meldung der KI Brandts Frage Nachdruck. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Astroscheibe auf seinem Schaltpult. Die Kugel des Planeten, der sie sich näherten, wuchs mit beängstigender Geschwindigkeit. Sie schillerte in vielen Farben, fast wie ein Kristall. Wenn die ALAN SHEPARD noch länger beschleunigte und es ihnen nicht gelang, den Kurs zu ändern, würden sie wie ein Komet auf der Oberfläche dieser Welt einschlagen ... sofern die Welt so etwas wie eine feste Oberfläche hatte. Wie entspannt müssen doch die Zeiten in der Raumfahrt-Antike gewesen sein, als man noch Wochen oder Monate zwischen den Planeten unterwegs gewesen war. Unwillkürlich musste Brandt an den Namensgeber der ALAN SHEPARD denken. Soweit er sich erinnerte, war das ein Amerikaner, der in einer Blechbüchse namens MERCURY-Kapsel kurz durch die Atmosphäre der Erde gehüpft war.
„Oh neinnn!“ Kirsten Gardner sehnte sich mit Sicherheit in ihr Labor zurück. Die Unterlichttriebwerke der SHEPARD lieferten immer noch vollen Schub. Sie schienen die Absicht zu haben, sie auf direktem Weg in den Planeten zu feuern.
„Ich hab's!“, hörte Brandt die junge Ingenieurin. Dann redete sie so schnell, dass er Mühe hatte, ihr zu folgen: „Laut der Messdaten haben die Steuertriebwerke nach wie vor Energie, aber sie werden uns um die Ohren fliegen, wenn wir sie zünden. - Wenn wir ... wenn wir aber die am stärksten beschädigten stilllegen und nur die mit den geringsten Schäden benutzen ... dann ... dann ...“ Reynolds machte eine Pause, denn sie wusste wohl nicht, wie sie sich ausdrücken sollte. „... explodieren sie vielleicht nicht“.
„Vielleicht?“ Brandt klang fassungslos.
Reynolds stammelte. „Naja ... es ... es ist einfach zu viel kaputt, um das genau sagen zu können. Eigentlich weiß ich noch nicht mal, ob die Messdaten stimmen.“
„Kurs berechnet!“, meldete sich Astrogator Jansen zu Wort.
„Tun Sie's, Reynolds!“, rief Brandt der Ingenieurin zu. Was haben ich denn für eine Wahl? - Entweder knallen wir ungespitzt in einen Planeten oder wir explodieren – VIELLEICHT - bei der Zündung der Steuertriebwerke! - Da setze ich auf „vielleicht“.
Am Platz von Debbie Reynolds herrschte für einige Sekunden große Hektik. Dabei sprach die Ingenieurin mit einer Mischung aus Flüchen und Komplimenten auf die Instrumente ein.
„Bitte hol uns hier raus, Debbie!“, mischte sich das zarte Stimmchen von Kirsten Gardner in das Durcheinander.
„Warnung! Absturz auf dem dem zweiten Planeten des Systems in vier Minuten!“, meldete K.I.M. in ihrer gewohnt sanften Stimmlage.
„Fertig! Wir können!“, meldete Reynolds.
„K.I.M., Kurskorrektur ausführen!“, befahl Brandt.
„Warnung! Multiple Schäden an den Steuertriebwerken! Von einer Zündung wird abgeraten!“, rief die KI allen Anwesenden wieder ins Gedächtnis. Die schillernde Planetenkugel füllte inzwischen fast Brandts ganze Astroscheibe.
„Befehl trotzdem ausführen! Autorisation Leutnant Peter Brandt, Kommandant des Erkundungskreuzers ALAN SHEPARD“, schnauzte der junge Kommandant die KI an, obwohl er natürlich wusste, dass ihr sein Tonfall gleichgültig war.
„Bestätigt! Steuertriebwerke zünden in zehn Sekunden!“, lautete die sanfte Antwort.
Irgendwo an Bord der SHEPARD knallte eine mächtige Entladung, und ganz plötzlich war der Druck auf Brandts Brust weg. Noch bevor er seinen Kopf in Richtung Debbie Reynolds gedreht hatte, meldete das Bordsystem K.I.M.: „Parameter haben sich geändert. Unterlichttriebwerke ausgefallen. Bitte um erneute Bestätigung des Steuertriebwerke-Befehls.“
Die schillernde Planetenkugel füllte jetzt Brandts gesamte Astroscheibe. Zwar beschleunigten sie jetzt nicht mehr, aber das Trägheitsgesetz würde sie trotzdem mit unveränderter Geschwindigkeit auf diese Welt knallen lassen.
„Steuertriebwerke-Befehl bestätigt!“, rief Brandt.
Im selben Augenblick zerrten wieder die G-Kräfte. Im Hintergrund schrien Kirsten Gardner, Debbie Reynolds, Henry Kosinki und ihr Kommunikationsoffizier Pierre Dubois kurz auf. Astrogator Björn Jansen blieb wie immer relativ gelassen, und Bordärztin Doktor Elena Nikolowa litt – wie schon die ganze Zeit - stoisch vor sich hin.
Für ein paar Sekunden veränderte sich überhaupt nichts! Dann bemerkte Brandt, wie der gewölbte Horizont der schillernden Planetenkugel am Rand seiner Astroscheibe allmählich ins Bild rückte. Wenn sie Glück hatten, kamen sie wirklich an ihr vorbei. Die Steuertriebwerke mussten nur noch einen kleinen Moment durchhalten. Und dann? meldete sich der Mahner in Brandts Verstand. Dann treiben wir ohne Unterlichtantrieb, ohne Einstein-Rosen-Antrieb und ohne Steuertriebwerke hilflos durch ein Sonnensystem, das wir nicht kennen ... bis uns Energie und Luft ausgehen! - Sie würden definitiv Hilfe von außen brauchen, gestand sich Brandt ein.
„Dubois, setzen Sie einen Notruf ab!“, rief er dem Kommunikationsoffizier zu.
Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich Dubois – extrem aufgeregt – zu Wort meldete. „Die Kommunikationssysteme sind tot. Wir sind stumm und taub.“
Was denn noch???, schoss es Brandt durch den Kopf. Allmählich war er mit seinem Latein am Ende.
„Dieser Planet hat eine atembare Atmosphäre!“, rief die Wissenschaftlerin Kirsten Gardner in den Raum.
Brandt fuhr zu ihr herum. Ein verrückter Gedanke nahm schon Form an. „Weiter, Gardner! Was wissen wir noch?“
Die junge Frau war geradezu geschockt, dass sie Brandt direkt ansprach, denn sie wurde fahrig. „Äm ... ich meine ... eigentlich fast nichts ... ich habe nur ...“
„Gardner, wenn wir dort notlanden können, muss ich das wissen, bevor es zu spät ist!“, fiel ihr Brandt ins Wort. Bei ihrer hohen Geschwindigkeit und ihren notdürftig zusammengeschalteten Steuertriebwerks-Resten konnte die SHEPARD schon in wenigen Minuten in keine Umlaufbahn mehr schwenken.
„Ruhig Blut, Gardner. Erzählen Sie uns einfach das Wenige, das Ihnen vorliegt.“ Das war Björn Jansen, dessen ruhiger Tonfall sogar Peter Brandts Puls etwas verlangsamte.
„Also ...“, begann die Wissenschaftlerin aufgeregt. „Die wenigen Sensoren, die noch arbeiten, melden, dass dieser Planet eine Stickstoff-Sauerstoff-Atmosphäre hat. Sie ... sie ist dünn, aber atembar. Zu Vegetationszonen und Landmassen kann ich nichts sagen ... unsere Sensoren dringen nicht bis zur Oberfläche durch ... Zu ... zu viele Partikel in der Luft ... Ich weiß nicht, ob ...“
„Danke, Gardner!“ Mehr musste Brandt im Moment nicht wissen. Er drehte sich in Richtung des Astrogators. „Jansen, bringen Sie uns in einen Orbit, durch den wir in der Atmosphäre bremsen können. Wir landen.“
„Aye, Leutnant“, bestätigte Jansen eine Aufgabe, die extrem herausfordernd war. Brandt wusste, dass das quasi Millimeterarbeit war. Wählte Jansen eine zu steile Flugbahn, würde die Luftreibung so stark, dass die SHEPARD unweigerlich verglühte. Aber wählte er eine zu flache Flugbahn, prallte sie von der Atmosphäre ab und landeten im Nichts.
„Kurs berechnet“, meldete Jansen so, als unternähme er gerade einen gemütlichen Spazierflug.
„K.I.M., neuen Kurs steuern! - Wir bremsen in der Atmosphäre und landen!“, befahl Peter Brandt der Bord-KI.
„Warnung! Schäden garantieren keinen sicheren Atmosphärenflug!“, wandte die sanfte weibliche Stimme ein.
„Befehl trotzdem ausführen!“, rief Brandt.
„Bestätigt! Steuere neuen Kurs.“
Schon nach wenigen Augenblicken spürte Peter Brandt ein Ruckeln und Zucken des Erkundungskreuzers. Dann ging ein Ruck durch die SHEPARD, als hätte jemand stark auf die Bremse getreten. Das Schillern des Planeten nahm auf Brandts Astroscheibe einen leichten Orangeton an.
„Wir dringen in die äußere Atmosphäre des Planeten ein“, meldete K.I.M..
„Gardner, ich hoffe, da unten gibt es tatsächlich etwas, auf dem wir wirklich landen können“, mahnte Brandt, und bereute seine Äußerung sofort. Sie hatten ohnehin keine Wahl mehr. Dieser Planet hatte atembare Luft. Das war in jedem Fall besser, als das kalte Vakuum des Weltalls.
Das orangefarbene Glühen des Bilds vor ihm nahm einen intensiveren Farbton an. Die Vibrationen der Umgebung wurden wieder zu einem starken Zittern. Bei der hohen Geschwindigkeit, die sie noch hatten, würden sie den Planeten, immer tiefer sinkend, noch mehrere Male umkreisen müssen, bis Brandt eine Landung auch nur in Erwägung ziehen konnte.
„Warnung, automatisches Steuersystem ausgefallen!“, meldete die Bord-KI. Wäre sie ein Mensch gewesen, Peter Brandt hätte sie garantiert erwürgt. Was soll denn noch alles schiefgehen?
„K.I.M., ich übernehme! Umschalten auf manuelle Steuerung!“, rief Brandt. „Kursdaten in einer optischen Darstellung als Hologramm über meine Astroscheibe!“
Sofort bauten sich vor ihm dreidimensionale Hologramme auf. Zum einen die Elemente der manuellen Steuerung mit den wichtigsten Daten und zum anderen eine Art Tunnel, den sie gerade dabei waren, zu verlassen; die Flugbahn, die Björn Jansen für sie berechnet hatte!
Peter Brandt griff in die dreidimensionale Grafik, und einen kurzen Augenblick später waren sie wieder auf Kurs innerhalb des holografischen Tunnels. Durch die nur notdürftig zusammengeschalteten Steuertriebwerks-Reste war die SHEPARD im Atmosphärenflug allerdings so schwerfällig wie ein antiker Ozeandampfer. Das Glühen auf der Astroscheibe war von einem leichten Orange über ein Rot-Gelb zu einem Blau-Weiß geworden. Der Erkundungskreuzer glühte und zog vermutlich einen kilometerlangen Feuerschweif hinter sich her. Brandt hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Mit größter Konzentration steuerte er den Kreuzer jetzt von Hand nur über die Hologramme. Er vermutete, dass ihnen keine Notlandung, sondern eine mächtige Bruchlandung bevorstand, aber bei allem, was seit dem abrupten Ende ihres Überlichtflugs passiert war, konnte er damit leben ...
2. Qualm und Chaos
Es war wohl der beißende Gestank, der Peter Brandt aus der Bewusstlosigkeit riss. Er zuckte hoch, holte keuchend Atem und stellte schockiert fest, dass er kaum Luft bekam. Seine Augen brannten. Die Luft bestand aus beißendem Rauch, der von Sekunde zu Sekunde dichter wurde. Luft! Ich brauche Luft! Seine Lungen sogen aber nur weiteren Rauch ein. Er begann immer stärker zu husten und zu keuchen. Seine Hände tasteten hektisch nach der Schnalle des Sicherheitsgurts. Das verdammte Ding schnürt mich völlig ein! Der Sicherheitsgurt sprang auf, und Brandt stürzte vornüber auf das Kommandanten-Schaltpult; oder auf das, was davon noch übrig war. Er versuchte, sich hoch und aus dem Sessel zu stemmen, aber seine Kräfte versagten. Die Hoffnung, dass er bei geöffnetem Sicherheitsgurt wenigstens ein bisschen besser atmen konnte, erfüllte sich nicht. Seine Lungen schrien nach Luft, aber bekamen immer nur weiteren Rauch. Brandts Husten und Keuchen wurde zu einem Gurgeln. Ich ersticke! Diese Erkenntnis traf ihn so klar, kalt und endgültig, dass er ...
„Los! Atmen Sie! Atmen Sie wieder!“ Das war Björn Jansens beruhigende Stimme. Sie war ganz dicht an seinem Ohr. Brandt spürte, dass er auf dem Boden lag und dass ihm etwas gegen Mund und Nase gedrückt wurde. Was ist passiert? War ich gerade bewusstlos? Ich brauche Luft!
„Sie sollen, verdammt noch mal, atmen!“ Jansen klang jetzt wütend. Ich kann nicht atmen! Der Rauch! Ich ersticke!
Plötzlich spürte er auf der Wange den ziehenden Schmerz einer heftigen Ohrfeige. Ein Schmerz, der ihn endlich aus seiner Panik befreite. Das Ding auf seinem Mund und seiner Nase war eine Atemmaske, die ihm Jansen aufgesetzt hatte. Und endlich gehorchten auch Brandts Lungen wieder. Er atmete tief ein, und der kalte frische Sauerstoff fühlte sich im Inneren der Brust für einen Moment fast wie etwas Lebendiges an, das ihn durchströmte und wieder mit Lebenskraft versorgte. Der erste Atemzug war etwas zu tief und zu intensiv, sodass er wieder husten musste. Doch nach dem Husten kam die Luft wieder. Peter Brandt entspannte sich noch nicht wirklich. Jansen ließ die Atemmaske, die er ihm gerade aufgesetzt hatte, los. „Gehts wieder, Leutnant?“, fragte er besorgt. Brandt sog erneut gierig die kalte herrliche Luft ein.
„Er darf nicht zu heftig atmen, sonst hyperventiliert er!“ Das war die Stimme von Doktor Elena Nikolowa. Durch ihre eigene Atemmaske klang sie etwas dumpf. „Tut mir leid, dass ich Ihnen gerade eine geklebt habe, aber anders gings auf die Schnelle nicht“, setzte sie hinzu.
Erst jetzt wurde Brandt die Hektik bewusst, die in der ganzen Umgebung herrschte. Und jetzt spürte er auch wieder das Brennen in den Augen, die in dem Rauch heftig zu tränen begannen. Er setzte sich auf. Etwas zu schnell, denn für einen kurzen Moment wurde ihm schwindelig. Er fand sich in einem Albtraum wieder. Die Zentrale der ALAN SHEPARD war ein Chaos aus verbogenem Metall, Trümmern, Splittern und Schmorbränden. Die Beleuchtung bestand nur noch aus einem unruhigen Flackern. Am anderen Ende feuerte die Silhouette von Pierre Dubois - wie alle anderen wohl mit einer Atemmaske auf dem Gesicht - gerade eine volle Ladung Löschpulver in eine Konsole. Ein paar Meter neben sich erkannte Brandt im beißenden Rauch Doktor Nikolowa, Kirsten Gardner und Debbie Reynolds, die aufgeregt um einen Körper herumwuselten, der dort lag. Mein Gott, das ist Henry! wurde Brandt schockiert bewusst.
„Reynolds, Sie halten seinen Kopf! Und Sie, Gardner, funken mir nicht immer dazwischen! Sie machen mich ganz kirre!“, schnauzte Nikolowa.
„Da ist Blut ... Da ist so viel Blut!“, jammerte die junge Wissenschaftlerin.
„Was Sie nicht sagen, Gardner!“, schoss Nikolowa sarkastisch zurück.
„Ich habe ihn. - Ich halte ihn ruhig!“, meldete sich Debbie Reynolds; nur einen Hauch weniger panisch, als Kirsten Gardner.
Brandt riss seinen Blick von den Frauen los, die gerade um Henry Koskinkis Leben kämpften. „K.I.M., wie ist unser Status?“, rief er mit erhobener Stimme. Björn Jansen half ihm dabei, sich auf die Beine zu stemmen. Die Künstliche Intelligenz der ALAN SHEPARD reagierte nicht.
„K.I.M., wie ist unser Status?“ wiederholte Brandt mit deutlich mehr Nachdruck in der Stimme.
Pierre Dubios hatte das eine Feuer erstickt und nahm sich jetzt den nächsten Schmorbrand vor.
„Oh je, das sieht übel aus!“ Das war Doktor Nikolowa.
„Was soll ich tun? Was soll ich tun?“ stammelte Gardner.
„Am besten gar nichts! - Oder helfen Sie Dubois beim Löschen!“, entgegnete Nikolowa trocken.
Die Künstliche Intelligenz blieb weiterhin stumm.
„Sie haben uns runtergebracht, Leutnant. Aber K.I.M. hat unsere Bruchlandung wohl nicht überstanden“, sprang Björn Jansen der schweigenden Künstlichen Intelligenz bei.
