Der letzte Sommer - Helen Simonson - E-Book

Der letzte Sommer E-Book

Helen Simonson

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Beschreibung

Stürmische Zeiten in bester britischer Gesellschaft Im Sommer 1914 besucht der Medizinstudent Hugh seine geliebte Tante Agatha, deren Ehemann ein hoher Beamter in der Regierung ist. Er wird begleitet von seinem Cousin Daniel, der von einem Leben als Poet und englischer Gentleman träumt. Agatha besteht darauf, dass das Säbelrasseln auf dem Balkan unbeachtet verklingen wird und dass König, Kaiser und Zar wie immer in ihren Sommerurlaub gehen werden. Zudem ist sie mit weitaus Wichtigerem beschäftigt: Seit kurzem ist sie Mitglied des örtlichen Schulbeirates und befürwortet die Einstellung einer weiblichen Lehrkraft. Als Beatrice Nash mit einem Schrankkoffer und riesigen Bücherkisten in der Kleinstadt ankommt, ist schnell klar, dass sie deutlich freidenkender – und attraktiver – ist, als eine Lateinlehrerin es sein sollte. Beatrice, die kürzlich ihren Vater verloren hat, will vor allem in Ruhe gelassen werden. Ihre ganze Energie fließt in ihre Schriftstellerei und in das Entmutigen möglicher Heiratskandidaten. Nichts ist Beatrice wichtiger als ihre Unabhängigkeit. Doch Daniels Charme und Hughs scharfer Verstand wie auch sein nobler Charakter lassen sie in ihrer Haltung schwanken. Mit Ausbruch des Krieges findet der idyllische Sommer ein jähes Ende. Als die Bewohner von den ersten Soldaten Abschied nehmen müssen, ahnen alle, dass sich ihr Leben grundlegend ändern wird.

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Über das Buch/Über die Autorin   Im Sommer 1914 besucht der Medizinstudent Hugh seine geliebte Tante Agatha, deren Ehemann ein hoher Beamter in der Regierung ist. Er wird begleitet von seinem Cousin Daniel, der von einem Leben als Poet und englischer Gentleman träumt. Agatha besteht darauf, dass das Säbelrasseln auf dem Balkan unbeachtet verklingen wird und dass König, Kaiser und Zar wie immer in ihren Sommerurlaub gehen werden. Zudem ist sie mit weitaus Wichtigerem beschäftigt: Seit kurzem ist sie Mitglied des örtlichen Schulbeirates und befürwortet die Einstellung einer weiblichen Lehrkraft. Als Beatrice Nash mit einem Schrankkoffer und riesigen Bücherkisten in der Kleinstadt ankommt, ist schnell klar, dass sie deutlich freidenkender – und attraktiver – ist, als eine Lateinlehrerin es sein sollte. Beatrice, die kürzlich ihren Vater verloren hat, will vor allem in Ruhe gelassen werden. Ihre ganze Energie fließt in ihre Schriftstellerei und in das Entmutigen möglicher Heiratskandidaten. Nichts ist Beatrice wichtiger als ihre Unabhängigkeit. Doch Daniels Charme und Hughs scharfer Verstand wie auch sein nobler Charakter lassen sie in ihrer Haltung schwanken. Mit Ausbruch des Krieges findet der idyllische Sommer ein jähes Ende. Als die Bewohner von den ersten Soldaten Abschied nehmen müssen, ahnen alle, dass sich ihr Leben grundlegend ändern wird.

© Nina Subin

Helen Simonson ist in East Sussex / England geboren und aufgewachsen. Nach dem Abschluss an der London School of Economics hat sie lange in der Werbung gearbeitet. Ihr erster Roman ›MrsAlis unpassende Leidenschaft‹ stand auf der Longlist für den IMPAC Dublin Award, war New York Times-Bestseller  und auf der Bestsellerliste der unabhängigen Buchhandlungen mehrere Wochen auf Platz 1. Der Roman wurde in über 20Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in New York.

Michaela Grabinger arbeitet seit 1985 als Übersetzerin. Zu den von ihr übersetzten Autoren zählen u.a. P. D. James, Michael Crichton, Elif Shafak, Tan Twan Eng und Xinran.

Helen Simonson

Der LetzteSommer

Roman

Aus dem Englischen von Michaela Grabinger

Für meine ElternAlan und Margaret Phillips

TEIL I

Vorherrschend und höchst sonderbar war der Eindruck, in welch außergewöhnlicher Weise sich die unerhörte Milde von Licht und Luft, Himmel und Meer, jener erdenklich schönste englische Sommer, mit der ganzen Wucht von Tat und Leidenschaft, all den anderen so grässlichen und anrührenden, heroischen und tragischen Dingen, vermischte und ihrer wie etwas weit Überlegenes spottete. Nie waren verzweifelte Handlungen sanfter beschienen als von den beiden unvergesslichen Monaten, in denen ich oft vom alten Festungwall eines erhöht gelegenen Städtchens in Sussex aus auf den glänzenden blauen Streifen des Ärmelkanals hinausblickte.

Henry James, Within the Rim

1

Wie eine Insel ragte das Städtchen Rye aus dem flachen Marschland. Die Pyramide verschachtelter roter Dächer glühte im schräg einfallenden Licht der Abendsonne. Die Kreidehügel von Sussex zogen sich als breite, nahtlose Schattenlinie von Ost nach West, aus den Wiesen dampfte die Hitze des Tages, und das Meer lag da wie gewalztes Zinn. Hugh Grange stand vor dem Terrassenfenster und hielt in dem vergeblichen Versuch, die Zeit zum Stehen zu bringen, die Luft an. Als kleiner Junge hatte er das oft gemacht, wenn seine Tante das Anzünden der Lampen in diesem etwas abgenutzten Wohnzimmer zum Anlass genommen hatte, ihn zu Bett zu schicken. Lächelnd dachte er daran, wie sich jene Sommerabende hingezogen hatten, an denen man ihm erst nach bitterlichem Klagen erlaubt hatte, viel länger als sonst aufzubleiben. Kleine Jungen, das wusste er mittlerweile, waren unverbesserliche Spitzbuben, die sich mit dunklem Herzen und unschuldig blickenden Augen bettelnd, flehend und schmeichelnd immer neue Rechte und Leckerbissen zu verschaffen suchten.

Die drei Jungen, denen er in diesem Sommer auf Bitten seiner Tante Privatunterricht erteilte, hatten ihn um einen halben Sovereign und den Großteil seiner Bücher erleichtert, ehe ihm klar geworden war, dass sie weder so großen Hunger hatten, wie ihr Gejammer glauben machen wollte, noch irgendein Interesse für Ivanhoe, das über die Frage hinausging, was der Mann mit dem Gebrauchtbücherstand am Marktplatz dafür zahlen würde. Doch er nahm es ihnen nicht übel. Vielmehr bewunderte er ihre Pfiffigkeit und hegte den kleinen Traum, dass die wenigen Unterrichtsstunden und sein Vorbild ihre Bauernschläue bis zum Beginn des neuen Oberschuljahrs in geistige Neugier verwandeln könnten.

Die Tür zum Wohnzimmer wurde schwungvoll geöffnet, und Hughs Cousin Daniel trat mit einer gespielten Verbeugung zur Seite, um Tante Agatha den Vortritt zu lassen. »Tante Agatha glaubt nicht, dass es Krieg geben wird«, bemerkte er lachend und folgte ihr ins Zimmer. »Und wenn sie es sagt, ist es natürlich auch so. Die maßgeblichen Herren werden den Teufel tun, sich ihr zu widersetzen.« Tante Agatha versuchte streng zu schauen, verdrehte aber nur die Augen und stieß fast gegen einen Beistelltisch, weil sie plötzlich alles verschwommen sah.

»Nichts dergleichen habe ich gesagt«, entgegnete sie und versuchte ihr langes, besticktes Tuch auf der Schulter zu behalten. Ebenso gut könnte man einen flachen Drachen auf einem kugelrunden Stein ablegen, dachte Hugh, während das Tuch bereits wieder herabzurutschen begann. Tante Agatha war auch mit fünfundvierzig noch eine gut aussehende Frau, aber sie neigte zur Korpulenz, und ihr Körper wies wenig Kantiges, zum Drapieren Geeignetes auf. Das Kleid aus fließendem Chiffon, das sie zum Abendessen angelegt hatte, besaß einen tiefen, weich fallenden Halsausschnitt und lange Ärmel im orientalischen Stil. Hugh hoffte, es möge im Verlauf des Essens die Fasson behalten, denn Tante Agatha pflegte ihre Gesprächsbeiträge mit ausladenden Gesten zu garnieren.

»Und was sagt Onkel John?«, fragte Hugh, trat vor das Tablett mit den Karaffen und schenkte seiner Tante das übliche Glas Madeira ein. »Kann er morgen wirklich nicht kommen?« Er hatte gehofft, die Meinung seines Onkels zu einem weniger weltbewegenden, aber nicht minder wichtigen Thema einholen zu können. Nach jahrelangem Medizinstudium stand er nicht nur kurz davor, Erster Assistenzarzt von Sir Alex Ramsey zu werden, einem der führenden Allgemeinchirurgen Englands, sondern war vermutlich auch in dessen sehr hübsche Tochter Lucy verliebt. Im vergangenen Jahr hatte er sich Lucy gegenüber eher reserviert gegeben, vielleicht um sich und anderen zu beweisen, dass seine Zuneigung mit keinerlei Hoffnung auf Aufstieg verknüpft war. Genau dieses Verhalten hatte ihn zu einem ihrer Favoriten unter den Studenten und jungen Ärzten, die Sir Alex Ramsey umschwärmten, werden lassen; doch erst seit diesem Sommer, seit sie mit ihrem Vater zu einer langen Vortragsreise nach Norditalien aufgebrochen war, empfand er in ihrer Abwesenheit eine wohlige Wehmut. Ihm fehlten die lebhaften Augen, ihr helles Haar, wie sie es nach einer trockenen Bemerkung von ihm lachend zurückwarf. Selbst die kleine Brille vermisste er, die sie trug, wenn sie für ihren Vater die Patientenakten abschrieb oder dessen umfangreiche Korrespondenz besorgte. Sie kam frisch von der Schule und ließ sich hin und wieder von den Vergnügungen ablenken, die London für fröhliche junge Leute bereithielt, war aber ihrem Vater sehr ergeben und würde, davon war Hugh überzeugt, einem aufstrebenden jungen Chirurgen eine hervorragende Ehefrau sein. Er hatte den großen, dringenden Wunsch, darüber zu reden, ob eine Heirat für ihn schon in Frage kam.

Onkel John war ein kluger Mann. Er hatte noch jedes Problem, das ihm Hugh über die Jahre stammelnd vorgetragen hatte, schnell begriffen und die Dinge stets so lange mit ihm besprochen, bis Hugh überzeugt gewesen war, eine fast unlösbare Schwierigkeit ganz allein bewältigt zu haben. Jetzt war Hugh kein kleiner Junge mehr. Er wusste, dass die Weisheit des Onkels nicht zuletzt auf diplomatischer Schulung beruhte, aber auch, dass sein Onkel eine ehrliche Zuneigung zu ihm hegte. Bevor seine Eltern zu ihrer lang ersehnten einjährigen Reise aufgebrochen waren, hatten sie ihm nahegelegt, sich im Notfall an Onkel John zu wenden.

»Deinem Onkel zufolge versuchen alle fieberhaft die Wogen noch vor Beginn der Sommersaison zu glätten«, antwortete seine Tante. »Er erzählt mir zwar nichts, aber der Premierminister und der Außenminister beraten sich täglich stundenlang in geheimer Sitzung mit dem König.« Onkel John bekleidete ein hohes Amt im Außenministerium, und Whitehall, wo es im Sommer sonst eher verschlafen zuging, war seit der Ermordung des Erzherzogs in Sarajevo voll von geschäftigen Staatsdienern, Politikern und Generälen. »Jedenfalls hat er mich angerufen und gesagt, dass er die Lehrerin abgeholt und nach Charing Cross zum letzten Zug gebracht habe. Sie wird erst nach dem Abendessen eintreffen und bekommt ein kleines Nachtmahl.«

»Wäre es angesichts der späten Stunde nicht rücksichtsvoller, sie in ihrer Unterkunft abzusetzen und ihr von der Köchin etwas Kaltes bringen zu lassen?«, sagte Daniel, ignorierte den trockenen Sherry, den Hugh ihm anbot, und schenkte sich ein Glas von Onkel Johns bestem Whisky ein. »Sie ist bestimmt sehr erschöpft und wahrscheinlich kaum auf ein Zimmer voller Leute in Abendgarderobe eingestellt.« Er bemühte sich um eine sachliche Miene, doch Hugh entdeckte einen leicht angewiderten Zug um seinen Mund, der wohl von der Aussicht herrührte, die neue, von der Tante engagierte Lehrerin unterhalten zu müssen. Nach seinem Abschluss am Balliol College hatte Daniel die ersten Sommerwochen als Gast eines adeligen Studienfreunds in Italien verbracht und sich eine dünkelhafte Attitüde zugelegt, die ihm Tanta Agatha – wie Hugh voller Vorfreude angenommen hatte – sehr schnell wieder austreiben würde. Doch Agatha hatte sich langmütig gezeigt und gesagt: »Soll er ruhig hineinschnuppern in das Leben der höheren Kreise, die Dämpfer kommen schnell genug. Wenn Daniel im Herbst die Stelle im Außenministerium antritt, die er den Bemühungen eures Onkels zu verdanken hat, lässt ihn sein Freund bestimmt sofort fallen. Gönnen wir ihm die kurze glanzvolle Zeit.«

Hughs Ansicht nach musste Daniel lernen, wo sein Platz im Leben war, doch er liebte seine Tante Agatha und befürchtete, jede weitere Diskussion könnte sie auf den Gedanken bringen, er verübelte es ihr, dass Daniel ihr Liebling war. Beim Tod von Daniels Mutter, Agathas Schwester, war Daniel erst fünf Jahre alt gewesen. Sein Vater war ein sonderbarer, kühl wirkender Mensch. Einen Monat nach dem Tod der Mutter hatte er Daniel ins Internat gegeben, und Agatha hatte Daniel über Weihnachten und in den Sommerferien bei sich aufgenommen. Hugh hatte damals zwiespältige Gefühle in Bezug auf Weihnachten gehabt. Die Feiertage verbrachte er immer in London bei seinen Eltern, die ihn vergötterten und verwöhnten, aber viel lieber wäre er mit ihnen nach Sussex gefahren, zu Tante Agatha. Doch seine Mutter, Onkel Johns Schwester, wollte bei ihren Freundinnen in der Stadt sein und sein Vater der Bank in der Weihnachtszeit nicht allzu lang fernbleiben. Hugh war glücklich gewesen inmitten der Berge von gestreiftem Geschenkpapier, der riesigen geheimnisvollen Schachteln und der überall in der Villa in Kensington herumstehenden Schalen mit Obst und Süßigkeiten. Doch wenn er abends im Bett gelegen hatte und die Musik der elterlichen Einladung zu ihm heraufgedrungen war, hatte er den Blick auf die dunklen Dächer hinter dem Fenster gerichtet und versucht, bis nach Sussex zu sehen, wo Tante Agatha Daniel bestimmt genau in diesem Augenblick eine ihrer wilden Gutenachtgeschichten erzählte, Geschichten von Riesen und Elfen, die in den Höhlen der Hügel von Sussex lebten und Feste feierten, die manchmal wie Donner klangen.

»Sei nicht albern, Daniel. Miss Nash kommt heute Abend hierher«, sagte Tante Agatha. Sie bückte sich, knipste die elektrische Lampe neben dem geblümten Sofa an, nahm Platz und streckte die Füße von sich, die merkwürdigerweise in mit Hummern bestickten orientalischen Pantoffeln steckten. »Es war ein harter Kampf, bis ich die Schulbeiräte dazu gebracht habe, eine Frau einzustellen. Ich werde sie mir gründlich ansehen und ihr verdeutlichen, was zu tun ist.«

Die Oberschule des Städtchens gehörte zu den zahlreichen sozialen Anliegen seiner Tante. Sie glaubte an Bildung für alle und schien zuversichtlich, dass zumindest aus einigen der Bauernjungen und Händlersöhne, die sich mit schmutzigen Knien im neuen, aus Backstein errichteten Schulhaus hinter dem Bahngleis drängten, führende Persönlichkeiten werden würden.

»Sie soll sich dich gründlich ansehen, willst du wohl sagen«, erwiderte Hugh. »Und dann entsprechend eingeschüchtert sein.«

»Ich halte es mit den Beiräten«, erklärte Daniel. »Eine Horde Jungen zu zähmen, das schafft nur ein Mann.«

»Unsinn«, entgegnete Tante Agatha. »Außerdem sind Lehrer heutzutage nicht mehr so leicht aufzutreiben. MrPuddlecombe, unser letzter Lateinlehrer, hatte die Stirn, uns nach nur einem Jahr zu sagen, dass er nach Kanada auswandert, um dort mit einem Cousin sein Glück zu versuchen.«

»Es war unmittelbar vor den Sommerferien, Tante«, sagte Hugh.

»Umso schlimmer. Reines Glück, dass dein Onkel John damals mit Lord Marbely sprach und Lady Marbely gerade nach einer Stelle für die junge Frau Ausschau hielt. Sie ist eine Nichte der Marbelys und wurde von ihnen wärmstens empfohlen, trotz der leisen Andeutung eines weiteren Grundes, weshalb ihnen daran lag, dass Miss Nash aus Gloucestershire verschwand.«

»Haben die Marbelys einen Sohn?«, fragte Daniel. »Darauf läuft es ja meistens hinaus.«

»Nein, nein, Lady Marbely hat mir mehrmals versichert, dass sie ganz unscheinbar ist«, antwortete Tante Agatha. »Ich mag fortschrittlich sein, aber eine hübsche Lehrerin würde ich niemals einstellen.«

»Wir sollten mit dem Essen beginnen«, mahnte Hugh nach einem Blick auf die verbeulte Taschenuhr, ein Erbstück seines Großvaters. Seine Eltern baten ihn ständig, sich etwas Moderneres anzuschaffen. Noch während er sprach, ertönte der Gong.

»Ja, ich möchte mein Essen ordentlich verdaut haben, wenn uns dieser Ausbund an Tugend heimsucht«, erklärte Daniel und trank sein Glas auf einen Zug aus. »Ich soll ihr wohl vorgestellt werden und darf mich nicht einfach in meinem Zimmer verstecken?«

»Würdest du mitfahren, wenn Smith sie abholt, Hugh?«, fragte Agatha. »Zwei von eurer Sorte würden sie wahrscheinlich überfordern, und bei Daniel weiß man nie, ob er sie nicht spöttisch angrinst.«

»Und wenn Hugh sich in sie verliebt?«, warf Daniel ein. Hugh hätte ihm am liebsten mitgeteilt, dass seine Zuneigung bereits einer anderen galt, begnügte sich jedoch mit einem verächtlichen Blick, weil seine Heiratsabsichten zu bedeutsam waren, um sie Daniels despektierlichen Frotzeleien auszusetzen. »Immerhin ist er ja auch völlig unscheinbar«, fügte Daniel hinzu.

Beatrice Nash war sich so gut wie sicher, einen großen Rußfleck auf der Nase zu haben, wollte den Taschenspiegel aber nicht erneut hervorholen und den alkoholisierten jungen Mann auf dem Sitz ihr gegenüber damit zu einem weiteren Schwall Komplimente ermuntern. Kurz nach der Abfahrt in Charing Cross hatte sie einen Blick auf ihr Gesicht geworfen, und der Bursche hatte in dem kleinen goldenen Spiegel eine Aufforderung zu neckischen Bemerkungen gesehen. Weiteren Gesprächsstoff hatte ihr Buch geliefert, obwohl dem Mann der Name Trollope nichts zu sagen schien und er zugab, mit Literatur nichts anfangen zu können. Schließlich hatte er ihr sogar seine kleine Reisetasche als Fußstütze angeboten, woraufhin sie die Füße sofort wieder unter dem Sitz verstaut hatte, aus Angst, er würde ihr die Schuhe ausziehen.

Als er ihr beim Umsteigen in Kent in das von ihr gewählte Abteil gefolgt war, hatte sie ihn scharf zurechtgewiesen. Er war lachend zurückgewichen, doch der Zug war bereits angefahren. Nun steckten sie gemeinsam in einem Abteil ohne Zutritt zu einem Gang. Er fläzte sich auf seinem Sitz und gab sich missmutig den Anschein zu dösen, während sie steif dasaß, den Rücken kerzengerade an den kratzigen Bezugsstoff der Sitzbank presste und sich bemühte, weder den Gestank seiner Fahne einzuatmen noch die unverschämte Nähe seiner ausgestreckten Beine in der gebügelten weißen Flanellhose und den glänzenden braunen Schnallenschuhen wahrzunehmen.

Sie hielt den Kopf zum Fenster gewandt und ließ die feuchten grünen Wiesen an sich vorbeiziehen, bis Schafe, Gras und Himmel zu farbigen Streifen verschwammen. Jetzt bereute sie, dass sie das Angebot der Marbelys abgelehnt hatte, ihr eine Dienerin als Begleitung mitzugeben. Ada Marbelys langwierige Erörterung der Frage, mit welchem Fahrzeug sie zum Bahnhof gebracht werden könnte und welcher Dienstbote entbehrlich wäre, hatte ihr Qualen bereitet. Man hatte ihr zu verstehen gegeben, dass diese Fahrt eine sehr, sehr große Unannehmlichkeit darstellte und man sie keinesfalls in einem Automobil hinbringen und selbstverständlich auch niemanden aus der angestammten Dienerschaft damit beauftragen konnte. Sie hatte auf ihrer Selbstständigkeit beharrt und die Kränkung dahinter versteckt, hatte die Marbelys an die weiten Reisen mit ihrem Vater vom Westen Amerikas über Marokkos Kasbahs bis zu den weniger bekannten klassischen Stätten Süditaliens erinnert und erklärt, dass sie durchaus in der Lage sei, sich selbst und eine Reisetruhe notfalls auf einem Bauernkarren nach Sussex zu befördern. Sie war hartnäckig geblieben und sah jetzt ein, dass nur sie selbst schuld war, wenn sie die Widrigkeiten des Alleinreisens erdulden musste. Immerhin gelang es ihr, die eigene Dickköpfigkeit ein wenig zu belächeln.

»Jede Frau wird schön, wenn sie lächelt«, sagte der Mann. Sie drehte abrupt das Gesicht, um ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, doch seine Augen schienen geschlossen zu sein, und das runde, verschwitzte Gesicht verharrte weiter auf dem breiten, von einem speckigen gelben Tuch umschlungenen Hals. Er kratzte sich an der Brust und gähnte, ohne die Hand vorzuhalten, als würde Beatrice nicht existieren.

Eine Frau als hässlich zu bezeichnen war die billigste Retourkutsche überhaupt, was jedoch weder kleine Jungen noch erwachsene Männer davon abhalten konnte, sich ihrer zu bedienen, sobald sie sich angegriffen fühlten. Obwohl sie es stets leichthin abgetan hatte, wenn ihr Vater sie »meine Schönheit« genannte hatte, fand sie, dass sie ein angenehmes Gesicht mit gleichmäßigen Zügen hatte, und war sogar ein bisschen stolz auf ihr markantes Kinn und ihre gute Haltung. Dass eine solche Beleidigung reine Lüge war, minderte jedoch nicht ihre Wirkung, und Beatrice musste sich auf die Lippe beißen, um dem Kerl keine Genugtuung in Form einer Erwiderung zu verschaffen.

Der Zug bremste in einer riesigen zischenden Dampfwolke. Erleichtert hörte Beatrice den Ruf des Bahnhofsvorstehers: »Rye. Bahnhof Rye.« Sie sprang auf, nahm ihre Tasche von der Gepäckablage, schob das Fenster herunter, ohne auf die gefährlich durch die Luft fliegenden glühenden Kohlestückchen zu achten, und umklammerte den Knauf an der Außenseite, um die Tür möglichst schnell zu öffnen.

»Welch glückliche Fügung«, sagte der junge Mann und trat hinter sie. Seine Tasche berührte ihr Bein, und sie drückte sich fester an die Tür. Als sie seinen Atem im Nacken spürte, begann sie fast zu weinen. »Falls Sie hier in der Gegend bleiben, müssen Sie mir erlauben, Sie zu besuchen.«

Sie öffnete die Tür. Während sie ausstieg, machte der Zug einen letzten Ruck, und sie fiel um ein Haar auf den Bahnsteig. Ihre Tasche schlug gegen den linken Fußknöchel, und seitlich am Kopf löste sich mindestens eine Haarnadel. Ohne auf ihr Aussehen oder den Schmerz zu achten, eilte sie zum Gepäckwagen, um ihre Truhe zu holen, und stieß mit einem vom Dampf umhüllten Mann zusammen. Als er sie am Ellbogen packte, damit sie nicht beide zu Boden stürzten, entfuhr ihr ein Angstschrei.

»Ist Ihnen etwas geschehen?«, fragte der Mann. »Es tut mir aufrichtig leid.«

»Lassen Sie mich los!« Die unterdrückte Wut verlieh ihrer Stimme einen bösen Klang.

Der Mann – ein junger Mann – trat einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. »Ich wollte Sie nicht verärgern, Miss. Es tut mir wirklich sehr leid.«

»Ich hab sie zuerst gesehen, Grange«, sagte der Bursche aus dem Zug.

»Bitte lassen Sie mich in Ruhe.« Beatrice schlug die Hand vors Gesicht. Plötzlich war sie zu erschöpft, um sich noch länger zu wehren. Ihr Zorn verebbte, und sie begann zu zittern, als wäre der leichte Wind ein Wintersturm.

»Du bist ein widerlicher Säufer, Wheaton«, sagte der junge Mann so ruhig, als spräche er über das Wetter. »Kannst du eine achtbare junge Frau nicht von deinen Flittchen unterscheiden? Benimm dich!«

»Dachte immer, du hättest es nicht so mit den Damen, Grange«, sagte Wheaton hämisch kichernd. »Oder verwechsle ich dich da mit deinem hübschen Cousin Daniel?«

»Hör auf zu pöbeln, Wheaton«, gab der junge Mann zurück. »Geh nach Hause, bevor ich dich dazu zwingen muss. Du würdest mich zwar mühelos zu Boden schlagen, dir dabei aber deine ach so schönen Kleider ruinieren.«

»Ich gehe schon. Meine schluchzende Mutter wartet mit einem Festmahl auf mich«, sagte Wheaton völlig unbeeindruckt von der versteckten Androhung körperlicher Gewalt. »Kannst die Lehrerin haben.« Er wankte davon. Beatrice spürte, dass sie rot anlief.

»Sind Sie Miss Nash?« Beatrice blickte ihn an, traute sich jedoch nicht zu, auch nur ein Wort hervorzubringen. »Ich bin Hugh Grange. Meine Tante, Agatha Kent, schickt mich, Sie abzuholen.«

»Ich glaube, ich muss mich setzen.« Der junge Mann hatte freundliche graue Augen – mehr sah sie nicht, denn der ganze Bahnhof begann sich langsam zu drehen. »Ich falle gleich in Ohnmacht.«

»Da ist eine Bank.« Er zerrte an ihrem Ellbogen. Sie sank auf die Sitzfläche. »Gut. Beugen Sie sich nach vorn und atmen Sie.« Er drückte ihren Kopf zu den schmutzigen Bodenziegeln des Bahnsteigs hinunter. Sie atmete in tiefen, langen Zügen und spürte, dass leichter, lindernder Schweiß auf ihre Stirn trat.

»Entschuldigung. Wie albern von mir.«

»Aber nein.« Sie sah nur die beiden derben Stiefel, gut eingefettet, aber abgewetzt und voller Kerben. »Es tut mir leid, dass Wheaton Sie so aufgebracht hat.«

»Hat er nicht. Ich – ich hätte mehr zu Mittag essen sollen. Normalerweise esse ich sehr gut, wenn ich verreise.«

»Ja, man muss bei Kräften bleiben, das ist wichtig«, erwiderte er, und obwohl kein sarkastischer Unterton herauszuhören war, kehrte die Wut zurück, die sie den ganzen Tag in sich zurückgehalten hatte. Sie begann wieder zu zittern. Der junge Mann legte die Finger an ihren Puls und fragte: »Soll ich den Bahnhofsvorsteher um ein Glas Wasser bitten oder glauben Sie, Sie schaffen es zum Wagen? Ich soll Sie so schnell wie möglich zu Tante Agatha bringen.«

»Es ist alles in bester Ordnung.« Sie erhob sich langsam. »Ich muss nach meiner Truhe und dem Fahrrad sehen.«

»Die holt Smith später beim Bahnhofsvorsteher ab. Lassen Sie mich Ihre Tasche tragen.«

Beatrice zögerte, aber der Tonfall des jungen Mannes hatte nichts Herablassendes, und die Besorgnis stand ihm in Form einer einzelnen senkrechten Falte zwischen den Augen ins offene Gesicht geschrieben. Ihm lag daran, sie gut zu behandeln. Ihr wurde klar, dass sie schon seit Monaten kein rechtes Vertrauen mehr darin hatte, von anderen Menschen gut behandelt zu werden. Blinzelnd gab sie ihm die Tasche, ohne ein Wort zu sagen. Er nahm sie und wog sie in der Hand, weil sie unerwartet schwer war.

»Entschuldigung. Ich habe wie immer viel zu viele Bücher mitgenommen«, sagte Beatrice.

»Das macht nichts.« Er ergriff ihren Arm und bugsierte sie durch einen Seitenausgang. »Aber wie schwer ist dann erst die Truhe? Ich werde den Stationsvorsteher bitten, telefonisch einen Pferdekarren zu bestellen, damit das Auto keinen Achsenbruch erleidet.«

Auf der Fahrt, die hügelan aus der Stadt hinausführte, hielt die junge Frau das Gesicht von ihm abgewandt und den Blick auf die vorbeiziehenden Hecken und Cottages gerichtet. Hugh betrachtete den langen Hals und das dicke braune Haar, das sie locker im Nacken geknotet trug. Obwohl sie sicherlich müde war, erinnerte nichts in ihrer Haltung an den von fortwährender Resignation gerundeten Rücken und an die hängenden Schultern der Schullehrer, denen er bisher begegnet war. Selbst seine Professoren in Oxford, fast alle mit Familie und finanziell abgesichert, waren im Lauf der Jahre unter dem ständigen Ansturm der Unwissenheit ihrer Studenten krumm geworden. Der sommerlich leichte Reisemantel der Frau bestand aus festem, weichem Leinen von guter Qualität; Rock und Jacke, beides eng anliegend, waren modisch schmal geschnitten, aber schlicht. Seiner Schätzung nach war sie ein, zwei Jahre jünger als er, demnach zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig. Nicht mehr das furchtsame Mädchen frisch von der Schule, aber bei Weitem nicht die langweilige alte Jungfer, die er erwartet hatte. Er verspürte einen Funken Interesse, der sich am besten im Gespräch näher erforschen und zum Zünden bringen ließ.

»Ich entschuldige mich noch einmal für den unseligen Wheaton«, sagte er. »In nüchternem Zustand benimmt er sich Frauen gegenüber wie ein vollkommener Gentleman, aber wenn er getrunken hat, stürzt er sich auf jedes weibliche Wesen in seiner Nähe.«

»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Es war ja wohl meine eigene Schuld. Warum okkupiere ich auch genau das Abteil, in dem er sitzen wollte!«

Hugh fühlte, dass er unter ihrem Blick errötete. »So habe ich das ganz und gar nicht gemeint. Aber Männer wie Wheaton…«

»Gibt es denn andere?«

»Andere?«

»Andere Männer. Unter dem Einfluss von Alkohol haben doch die meisten den Hang, ihre Manieren zu vergessen.« Sie presste die Lippen zusammen, und Hugh überlegte, wie er sich aus dem Gespräch stehlen könnte.

»Soll ich mich für uns alle entschuldigen?«, fragte er leise.

»Es wäre mir lieber, Sie würden sich für gar niemand anderen entschuldigen. Mein Vater sagt, wenn wir unsere eigenen Fehler so schnell einräumen würden wie die der anderen, wäre die Welt um einiges besser.«

»Da hat er recht, ist aber leider viel zu optimistisch. Ein sehr religiöser Mann?« Er sah einen schmallippigen Abstinenzler vor sich, der mit dünnen Fingern auf den Einband einer Bibel klopfte.

Die junge Frau lachte prustend auf, schlug aber sofort die Hand vor den Mund und rang um Fassung.

»Entschuldigung.« Wieder war ihm das Wort herausgerutscht.

»Danke«, sagte sie nach einer kurzen Pause. Ein Lächeln verwandelte ihr Gesicht und brachte die braunen Augen zum Leuchten. »Er ist vor einem Jahr gestorben, und ich hätte nicht gedacht, dass ich je wieder über ihn lachen könnte.«

»Also nicht religiös.«

»Nein, nicht unbedingt. Das erzählen Sie aber bitte nicht Ihrer Tante. Von einer Lehrerin erwartet man bestimmt untadelige Eltern.«

»Ja, das ist wahr. Und wie steht es mit den anderen typischen Attributen?«

Sie warf ihm einen fragenden Blick zu. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich durchaus qualifiziert bin. Nur an meiner Bereitschaft zur dankbaren Unterordnung solle ich noch arbeiten, hat man mir gesagt.«

»Gut, dass meine Tante sich im Schulbeirat so sehr für Sie eingesetzt hat, dass es ihr äußerst peinlich wäre, ihre Kandidatin jetzt als ungeeignet zu bezeichnen«, sagte er, während sie auf dem breiten, kiesbestreuten Vorplatz von Tante Agathas Haus hielten. Es sollte ein Scherz sein, aber die junge Frau wirkte beunruhigt, als Smith ihr den Schlag öffnete. Während sie vor ihm ins Haus trat, fragte sich Hugh, ob es nicht besser gewesen wäre, ihr außerdem mitzuteilen, dass sie nicht annähernd so unscheinbar war, wie seine Tante es gern gesehen hätte.  

2

Das Haus gefiel Beatrice auf Anhieb. Von außen wirkte es wie eine Mischung aus einem mittelalterlichen Hallenhaus und mehreren strohgedeckten Cottages, doch die großen, komfortablen Innenräume, die elektrischen Lampen und glänzenden Böden kündeten von Tatkraft und Weltoffenheit, es wirkte nicht wie ein unter dem Druck des eigenen Stammbaums versteinerter Haushalt. Lady Marbely hatte sich langsam und schleppend bewegt wie eine Frau, die nur auf ihre Beisetzung in der Familiengruft wartet; ihr Leben wie ihr Anwesen waren vom Staub der Etikette überzogen und von den Mauern der Erhabenheit umschlossen. Die Weltsicht von Agatha Kent und ihrem Ehemann kannte Beatrice nicht, aber sie hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass die beiden sich auf alle Makel ihrer Abstammung stürzen würden, noch ehe die Suppe serviert war.

»Sie sind also Beatrice, und Sie haben bestimmt Hunger«, sagte eine füllige Frau in einem wallenden orientalischen Gewand und trat durch die offene Glastür, die in ein mit vielen Lampen bestücktes Wohnzimmer führte. Sie befand sich in dem gewissen Alter, in dem die Jugendblüte der Charakterstärke weichen muss, aber ihr Gesicht mit den intelligenten Augen und dem souveränen Lächeln war schön, und ihr Haar besaß noch seine jugendliche Spannkraft und drohte aus den sorgsam hochgesteckten Rollen zu entwischen. »Ich bin Agatha Kent, und das hier ist mein Neffe Daniel Bookham.«

»Guten Abend«, sagte Daniel, ohne auch nur höfliches Interesse vorzuspielen.

Dass Beatrice allen romantischen Jungmädchenträumen abgeschworen hatte, hieß nicht, dass ein hübsches Gesicht keinen Eindruck mehr auf sie machte, und Daniel Bookham war mit seinem sorgfältig zerzausten, über die blauen Augen fallenden braunen Haar, mit der prägnanten Kinnpartie und dem noch fast flaumigen Schnurrbart ein ungemein gut aussehender junger Mann. Obwohl ihr das nachlässig geschlungene Halstuch und das ganze bohemienhafte Gehabe lächerlich erschienen, verspürte sie eine leichte Enttäuschung, weil er jünger war als sie, schob das Gefühl aber rasch beiseite.

»Meinen anderen Neffen, Hugh Grange, kennen Sie ja bereits«, fügte Agatha hinzu. Beatrice drehte sich um und betrachtete ihn noch einmal im hellen Licht der Diele. Er war einen Kopf größer als Daniel und hatte etwas Schlichtes an sich, das ohne den direkten Vergleich mit dem fast klassischen Erscheinungsbild des jüngeren Cousins durchaus attraktiv gewesen wäre. Während seine Tante ihm auftrug, sich um das Gepäck zu kümmern, und das Dienstmädchen anwies, sie in ihr Zimmer zu bringen, gelangte Beatrice zu der Überzeugung, dass es klug wäre, Hugh Grange fest im Blick zu behalten.

Es war vermutlich das drittbeste Gästezimmer, dachte Beatrice, klein und mit einem schmalen Bett aus Eichenholz und einem schmucklosen Schreibpult möbliert, hatte jedoch eine hübsche blau gestreifte Tapete und geblümte Chintz-Vorhänge. In einer Ecke befand sich ein mit Spitzenstoff umhängtes Waschbecken mit fließendem Wasser, und ein großes Fenster ließ die Nacht und den Duft aus dem Garten herein. In der Ferne deutete ein silbriger Schimmer das mondbeschienene Meer an. Das Dienstmädchen hatte Beatrice stolz das Bad gleich gegenüber gezeigt, in dem eine riesige Wanne mit einer furchterregenden Anordnung von Armaturen und ein verschnörkeltes Mahagoni-Klosett standen, dessen erhöhter Sitz es als Wassertoilette auswies. Der mit Schnitzereien versehene Mahagonibehälter oben an der Wand und die lange Messingkette verliehen der Apparatur etwas beinahe Sakrales.

»Ich weiß, wie es funktioniert, danke«, sagte Beatrice, bevor das Dienstmädchen ihr die Benutzung erklären konnte.

»In diesem Flügel sind zurzeit nur Sie untergebracht. Sie haben ihn ganz für sich«, sagte das Mädchen.

»Wohnen die Herren nicht im Haus?«

»Sie sind lieber ganz oben in ihren alten Zimmern. Ich weiß zwar nicht, wie Master Hugh in dem kleinen Bett schlafen kann – wahrscheinlich nur, wenn er sich wie ein Igel einrollt–, aber er will in kein anderes Zimmer, und Master Daniel hat es eine Zeit lang mit dem grünen Zimmer vorn im Haus versucht, aber dann hat Master Hugh ihn ganz schrecklich mit irgendwas aufgezogen, und MrsKent hat gesagt, er darf wegen der neuen Vorhänge keine Zigarren rauchen, und da war er bald wieder oben.« Die Stimme des Dienstmädchens hatte im Verlauf des Redeschwalls einen immer weicheren Klang angenommen, und weil die beiden jungen Männer solche Zuneigung zu wecken vermochten, dachte Beatrice nun besser von ihnen.

Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Vater. Die vielen Dienstboten, die sich im Lauf der Zeit um ihn und sie gekümmert hatten, waren ihm alle treu ergeben gewesen. So viele Abschiede, schön und zugleich bitter. Wie oft hatte sie sich an den Busen einer schluchzenden Haushälterin geschmiegt, die ihr übers Haar strich und sie anflehte, nur ja zu schreiben? Einmal hatten sie ein Dienstmädchen nach Italien mitgenommen, und die junge Frau war vor Gram fast umgekommen, weil sie sich nicht an die Fremde hatte gewöhnen können und den Vater und sie im Stich lassen musste. Sofort sah sie wieder den kalten Bahnsteig vor sich, das tränennasse Gesicht des Mädchens hinter dem Zugfenster und sich selbst, ein dünnes Kind, das versuchte, nicht allzu sehr zu schlottern, und sich schwor, das nächste Dienstmädchen mehr auf Abstand zu halten. Jeder freundlichen Hausangestellten – und ihr Vater hatte sie allesamt eher wegen ihrer Freundlichkeit als wegen ihrer großen Putz- oder Kochkünste eingestellt – war sie ein Stück distanzierter als der Vorgängerin begegnet. Dem Mädchen von Agatha Kent konnte sie vollkommen ungerührt gegenüberstehen.

Die atemlose junge Frau bemühte sich, hochnäsig zu bleiben. Dass Beatrice Lehrerin war, wusste bestimmt das gesamte Personal, und Dienstboten hatten nun einmal die seltsame Angewohnheit, jeden, der in der Hierarchie direkt über ihnen stand, mit der Ruppigkeit von Revolutionären zu behandeln, während sie sich ihrer Herrschaft gegenüber bedingungslos ergeben zeigten. Im Grunde war das Mädchen wohl ein herzensguter Mensch. Kräftig, fleißig und geschlagen mit dem Dialekt der Gegend, was so mancher sie wohl spüren ließ. Beatrice schenkte ihr ein fröhliches Lächeln.

»Danke, Jenny, Sie sind sehr freundlich«, sagte sie.

»Ich bringe Ihnen gleich etwas zu essen«, verkündete das Mädchen, erwiderte Beatrices Lächeln, und alles Hochnäsige war verflogen.

Als sie in frischer Bluse und mit einem Schultertuch die Treppe hinunterging, durchquerte Daniel gerade die Diele.

»Warten Sie, ich frage Tante Agatha, wo sie Sie haben will«, sagte er und verschwand durch die Wohnzimmertür.

Beatrice blieb auf der untersten Stufe stehen und umklammerte das Geländer, bis ihr Handgelenk schmerzte. Hastig murmelte sie: »Demütigung ist der Zeitvertreib der Kleingeister«, eine Lebensweisheit ihres Vaters, die ihr im zurückliegenden Jahr nur allzu oft geholfen hatte.

»Soll ich die Lehrerin ins kleine Studierzimmer schicken?«, hörte sie Daniel fragen.

»Nein, um Gottes willen – es ist kein Feuer im Kamin, und abends wird es sehr kühl. Bitte sie hier herein.«

Daniel erschien an der Tür und winkte sie herbei. Die gerunzelte Stirn verzerrte seine klassischen Züge. »Hierher, Miss. Nur nicht schüchtern, bei uns geht es ganz zwanglos zu.«

»Man hat mich ganz bestimmt nicht zum Schüchternsein erzogen«, erwiderte sie scharf. »Ein Wohnzimmer auf dem Land jagt mir keinen Schreck ein!«

»Hörst du das, Tante?«, fragte Daniel. »Nicht jeder hat Angst vor dir.«

»Das will ich hoffen.« Agatha lehnte sich in die Ecke eines dick gepolsterten Sofas zurück. »Schließlich bin ich die freundlichste Frau der Welt und komme mit jedem gut aus.«

Hugh konnte sich kaum halten vor Lachen und trank rasch einen Schluck aus seinem Glas, bevor er sich aus dem Ohrensessel neben dem Kamin erhob.

»Wie Sie sehen, hält selbst Hugh meine Tante für eine schreckliche Frau.« Daniel lächelte Beatrice an, doch seine beiläufige Arroganz hatte dafür gesorgt, dass sein Charme bei ihr nicht mehr verfing.

»Ihr seid sehr ungezogen«, sagte Agatha. »Würdest du Miss Nash etwas zu trinken anbieten, Daniel? Kommen Sie, Miss Nash, setzen Sie sich neben mich.«

»Danke, ich möchte nichts.« Beatrice hätte gern ein kleines Glas Portwein getrunken, hütete sich aber, darum zu bitten. Wochen waren vergangen, bis Lady Marbely ihre Bemerkungen unterlassen hatte, wie ungewöhnlich Beatrices Wissen über Portwein sei und wie traurig sie es finde, dass die Mutter fehle und den doch recht ungewöhnlichen Ansichten des Vaters in Bezug auf angemessenes Verhalten nicht entgegenwirken könne.

»Sind Sie satt geworden?«, fragte Agatha. »Ich kann noch etwas Obst kommen lassen.«

»Danke. Das Abendessen war köstlich, und mein Zimmer ist sehr komfortabel. Wie freundlich von Ihnen, mich hier übernachten zu lassen!«

»Ich halte es für wichtig, dass wir uns kennenlernen, bevor Sie dem Rest der Stadt begegnen. Wir haben eine große Aufgabe vor uns und müssen uns vollkommen einig sein, Miss Nash.«

»Ich glaube, das war unser Stichwort«, sagte Daniel. »Hugh und ich ziehen uns hiermit zu einer Runde Billard zurück.«

»Hugh muss mit Ihnen über den Privatunterricht reden«, sagte Agatha, während die jungen Männer den Raum verließen.

»Privatunterricht?«

»Ein paar Burschen aus der Gegend, Schützlinge von mir. Ich habe ihm erzählt, dass Sie den Sommer über Privatunterricht erteilen möchten, und er tritt sie Ihnen gern ab. Es ist nicht sonderlich schwierig – nur ein bisschen Unterstützung für fortgeschrittene Lateinschüler.«

»Es wäre mir eine Ehre. Ich habe den drei Töchtern eines Professors an unserer Universität in Kalifornien Privatunterricht gegeben und fand es faszinierend, wie das Lateinische in dieser kleinen, ehrgeizigen Gruppe geradezu erblüht ist.«

»Ich weiß nicht, ob man bei den Knaben von Erblühen sprechen kann«, erwiderte Agatha mit skeptischem Blick. »Hugh findet sie zwar auch sehr aufgeweckt, und bei einem von ihnen könnten unsere Bemühungen möglicherweise anschlagen, aber sie sind doch recht aufsässig und ungehobelt.«

»Manchmal verdienen gerade die größten Herausforderungen unsere Mühe am allermeisten. Ich bin Ihnen und der Schule sehr dankbar für diese Chance.«

»Wir müssen sicherstellen, dass die Schulbeiräte keine Gründe finden, Ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten.« Agatha zögerte, und Beatrice sah, dass sie um Worte rang.

»Die Beiräte wollten mich nicht einstellen«, sagte sie. Es war nicht als Frage formuliert.

»Nein, nicht unbedingt«, sagte Agatha. »Aber wenn Sie erfolgreich arbeiten, werden sie ihre Meinung ändern.« Wieder stockte sie. »Ich bin eine der beiden einzigen Frauen im Schulbeirat und damit in einer durchaus heiklen Position. Ich muss meinen Reformeifer zügeln und mir sehr genau überlegen, wofür ich kämpfen will. Wir haben selbstverständlich weibliche Lehrkräfte – in den entsprechenden Fächern–, aber in diesem Fall war es schwierig, einen geeigneten Ersatz für den Lateinlehrer zu finden, der uns völlig überraschend verlassen hat, und Ihre Qualifikationen haben die der üblichen Bewerber so weit übertroffen, dass ich … Nun ja, ich habe eben alles mir Mögliche getan, um zu erreichen, dass Sie die Stelle bekommen.«

»Danke.«

»Sie sind allerdings nicht ganz das, was ich erwartet habe«, fügte sie hinzu, ohne die Bemerkung weiter auszuführen, und Beatrice, auf der Agathas Schweigen schwer zu lasten begann, bemühte sich langsam zu atmen, um ein mögliches Erröten ihrer Wangen zu verhindern.

»Meine Universitätszeugnisse und mein Lehrerdiplom sind völlig in Ordnung«, sagte sie schließlich.

»Ihre Befähigungsnachweise und Lady Marbelys Darstellung Ihrer Lebenserfahrung und der weiten Reisen, die Sie unternommen haben, legten die Vorstellung nahe, dass es sich um eine ältere Person handelt«, erklärte Agatha.

»Die Flausen der Mädchenzeit habe ich schon vor Jahren hinter mir gelassen. Ich war lange Zeit die Sekretärin und ständige Begleiterin meines Vaters. Um es deutlicher zu sagen: Den Luxus, herumzusitzen und darauf zu warten, dass ich reife wie ein Käse, kann ich mir nicht leisten.« Sie lächelte, um den harschen Ton abzuschwächen. »Ich habe nicht die Absicht zu heiraten, MrsKent, und muss meinen Lebensunterhalt seit dem Tod meines Vaters selbst verdienen. Sie werden mir doch nicht die Arbeit verweigern, für die ich studiert habe und ausgebildet wurde?«

»Nein. Aber diese missliche Notwendigkeit wollen wir gar nicht erst erwähnen. Wenn wir uns durchsetzen wollen, sollten wir uns auf Ihre Verbindung zu den Marbelys stützen und die Lehrtätigkeit eher als Dienst denn als Beruf hinstellen.«

»Wie Sie wünschen.« Beatrice versuchte, keinen allzu trockenen Ton anzuschlagen, überlegte jedoch, wie sie nach Gehalt und Unterbringung fragen sollte, wenn sie nicht den Eindruck erwecken durfte, beides zu brauchen.

»Ich war bei meiner Heirat natürlich älter als Sie«, sagte Agatha. Da es keine Frage war, biss sich Beatrice auf die Lippe und schwieg. Die ungenierten Erkundigungen über ihren Entschluss, ohne Ehemann zu leben, hatte sie gründlich satt. Agatha seufzte. »Die Welt verändert sich, Miss Nash – allerdings nur sehr langsam. Ich hoffe, dass wir durch unsere gemeinsame Arbeit Verstand und Leistung fördern und unser Land voranbringen werden.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die Sache der Frauen unterstützen, MrsKent?«.

»Nein, um Gottes willen! Diese Hysterie auf den Straßen schadet immens. Unser Wert vor Gott und den Menschen lässt sich nur durch sachliche Mitarbeit, etwa in Schulbeiräten, oder durch gute Werke unter Anleitung unserer angesehensten und gebildetsten Gentlemen beweisen. Oder sehen Sie das anders?«

 Beatrice sah es durchaus ein wenig anders. Sie hätte gern gewählt und einen Universitätsabschluss in Oxford, der Alma Mater ihres Vaters, gemacht. Selbst die gebildetsten Männer zeigten sich wenig geneigt, solche Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen zu beseitigen, ohne dass man es ihnen abverlangte. Aber vielleicht hatte Agatha Kent es gar nicht ernst gemeint. Das Gesicht unter den hochgezogenen Brauen blieb undurchschaubar.

»Ich weiß nur, dass ich nicht bloß Grundschullehrerin sein will«, sagte Beatrice. »Ich möchte unterrichten und studieren und schreiben wie mein Vater, und meine Leistungen sollen nicht weniger ernst genommen werden, nur weil ich eine Frau bin.«

Agatha seufzte noch einmal. »Sie sind ein gebildeter Mensch und können dem Land nützen, aber Frauen wie uns steht es besser an, unseren Wert zu demonstrieren, als auf der Straße zu demonstrieren. Und was wäre los, wenn sich alle Dienstmädchen plötzlich für unabhängig erklären und im Tingeltangel anheuern würden!«

»Ja, wer würde dann den Tee kochen!«, brach es aus Beatrice heraus, bevor sie sich beherrschen konnte.

»Sie müssen wissen, dass wir beide in den nächsten Monaten unter schärfster Beobachtung stehen, Miss Nash. Ich muss es in aller Offenheit sagen: Ich erwarte nicht nur, dass Sie Ihre eigenen großen Vorzüge und Ihre unangreifbare Integrität unter Beweis stellen, sondern auch meinen Ruf schützen. Ich habe mir im Laufe vieler Jahre in aller Stille eine Position geschaffen, die es mir ermöglicht, wichtige Dinge in dieser Stadt zu bewegen, was aber nicht heißt, dass ich keine Feinde hätte.«

»Ich verstehe.«

»Das bezweifle ich. Ein so unerhörtes Unterfangen wie die Anstellung einer Frau als Lateinlehrerin habe ich bisher noch nie forciert, und ich trage die persönliche Verantwortung für Sie. Sollten wir beide in dieser Sache versagen, könnten auch zahlreiche andere Projekte scheitern.« Einen Augenblick lang wirkte das freundliche Gesicht sehr müde. »Ich habe alles auf Sie gesetzt, Miss Nash. Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Mit Erstaunen verspürte Beatrice einen Hauch von Entschlossenheit in sich keimen. Es war eine andere Entschlossenheit als die trotzige Wut, mit der sie die Flucht vor den Marbelys betrieben hatte. Seit vielen Monaten war sie von niemandem gebraucht worden. Jetzt sah es ganz danach aus, als würde Agatha Kent sie brauchen. Die Zielstrebigkeit, die früher ihr Vater mit seinen Plänen in ihr geweckt hatte, kehrte zurück.

»Ich werde Sie nicht enttäuschen, MrsKent«, sagte sie.

»Strengen Sie sich an«, erwiderte Agatha mit einem warmen Lächeln, stand auf und streckte beide Hände aus. Es war eine elegante Geste, die aber nichtsdestoweniger besagte, dass Beatrice nun gehen solle.

»Gute Nacht, MrsKent.«

»Noch etwas, Miss Nash«, sagte Agatha, während Beatrice auf die die Tür zur Diele zuschritt. »Den Wunsch zu schreiben würde ich an Ihrer Stelle für mich behalten. Für eine Dame in Ihrer Position wäre es absolut katastrophal, in den Ruf einer Bohemienne zu geraten.«

Im Billardzimmer beschäftigte sich Daniel so ausgiebig mit der Wahl eines Queues, als wäre er mit Onkel Johns vier alten Stöcken nicht seit Kindertagen bestens vertraut.

»Ich wünschte mir sehr, Tante Aggie würde keine Projekte mehr in Angriff nehmen«, sagte er, während er das Queue aus Ebenholz und Palisander in Augenschein nahm, das Onkel John in Marokko gekauft hatte. Er begann die Gummispitze mit Kreide einzureiben, und wie immer blieb es Hugh überlassen, die Lampe anzuknipsen und die Kugeln für den Anstoß zusammenzulegen.

»Ihr Interesse an Bildungsfragen halte ich für berechtigt«, erwiderte Hugh, während er die Kugeln zu einem Dreieck anordnete und sich an dem glatten, dumpfen Geräusch erfreute, das beim Aufeinanderprallen der roten und der gelben entstand.

»Ja, ja, der Schulbeirat«, sagte Daniel. »Aber dann hat sie die Bengel auf dich abgewälzt.«

»Hast du Angst vor dem Aufstieg der arbeitenden Klasse?«

»Überhaupt nicht. Von denen bringt es keiner auch nur zum Fabrikangestellten. Aber sie riskiert, sich lächerlich zu machen.«

»Sich und die Leute in ihrer Umgebung…«

»Ich denke nur an Onkel John«, entgegnete Daniel. »Und sich jetzt auch noch für eine Frau als Lateinlehrer in der Oberschule einzusetzen – einfach haarsträubend!«

»Die anderen Kandidaten waren angeblich nicht gut genug.«

»Mehr als Grundkenntnisse sind dafür meiner Meinung nach nicht nötig. In diesem Beruf braucht man vor allem einen starken Arm, um den Rohrstock zu schwingen.«

»Ich habe den Eindruck, dass sich Miss Nash darauf freut, den jungen Leuten Cäsar und Vergil nahezubringen.«

Daniel schnaubte verächtlich, und der unwirsche Zug um seinen Mund wich einem breiten Grinsen. Hugh seufzte erleichtert auf. Normalerweise dauerte es eine Weile, bis sich Daniel in Rye wieder eingelebt hatte. Als kleiner Junge war er immer mit finsterer Miene angekommen, die Schultern unter einer unsichtbaren Last gebeugt, argwöhnisch blickend wie ein geschlagener Hund. Der zwei Jahre ältere Hugh hatte getan, als bemerkte er nichts, hatte sich mit einem Buch zurückgezogen oder dem Gärtner geholfen, Salat für die Küche zu pflücken, und ungeduldig darauf gewartet, dass der jüngere Cousin sein Schneckenhaus verließ, um wieder Anführer bei den Streichen und Abenteuern in der Stadt und in den Wäldern zu sein.

Denn die mitternächtlichen Streifzüge durch die Obstgärten, die Angelausflüge und Wanderungen zur Küste wurden immer von Daniel geplant. Daniel konnte die Köchin dazu bringen, seinen Rucksack mit Schweinefleischpasteten und harten Eiern zu füllen, oder den Milchmann überreden, Hugh und ihn auf dem Karren in die Stadt mitzunehmen. Hugh wäre gern so furchtlos wie Daniel gewesen, so einfallsreich und voller Pläne, wusste aber, dass er ein Verantwortungsgefühl und ein Gewissen besaß, die ihn die Fallstricke in Daniels oft skrupellosen Plänen erkennen ließen. Zumindest hatte Tante Agatha das behauptet, als die beiden Jungen Daniels wegen eine Nacht lang in Higgins Wood umhergeirrt waren, als sich Daniel den Arm gebrochen hatte beim Sturz von dem Seil, auf dem sie für den Zirkus trainiert hatten, als sie ein krankes, dreibeiniges Ferkel nach Hause mitgenommen und in einer Orangenkiste im Kinderzimmer beherbergt hatten, bis es seinen Kot auf dem ganzen Teppich verteilt und die Köchin auf seiner quiekenden, purzelnden Flucht über die Hintertreppe zu Tode erschreckt hatte.

»Du bist der Vernünftige.«

»Du bist der Ältere.«

»Daniel hat keine Mutter, die ihm so etwas sagt.« Diese Belehrung fand Hugh etwas unfair. Schließlich konnte er nichts dafür, dass seine Mutter noch lebte. Und einen Vater hatten sie beide, auch wenn der von Hugh zugegebenermaßen viel lustiger war. Außerdem gab es doch eine Menge Leute, die seinem Cousin moralische Grundsätze beibringen konnten – von Tante Agatha bis hin zum Lehrer in der Sonntagsschule, dessen Keramikzähne klapperten, wenn er ungezogene Burschen anschrie.

Obwohl Hugh es ungerecht fand, dass man immer mit ihm sprach, als wäre es seine Idee gewesen, die Zigeuner unten auf dem Marschland heimlich zu beobachten oder sich den Esel des Nachbarn auszuleihen, um die Reise nach Bethlehem nachzuspielen, hielt er den Mund. Schon in jungen Jahren war ihm klar, dass man Daniel aus Gründen, die man ihm nicht erklärte, die Wildheit ebenso nachsah wie die mürrischen Ankünfte.

Mehrmals hatte er gehört, wie sich Tante und Onkel leise über Daniels strenges Internat unterhielten. Tante Agatha hatte gesagt, sie wolle mit Daniels Vater sprechen, und Onkel John hatte sie angefleht, sich nicht einzumischen.

Hugh aber hielt nie das Internat für das Problem, denn auch von den Besuchen bei seinem Vater in London kam Daniel missmutig nach Rye. Im Lauf der Jahre verwandelte sich seine grüblerische Art in eine Haltung zynischer Distanz. Im Internat gewann er an Beliebtheit, und in Hugh entstand der starke Eindruck, dass sein Cousin die Kunst des gesellschaftlichen Lebens wesentlich fleißiger studierte als Mathematik oder Griechisch. In Oxford schien er in diversen Kreisen sehr begehrt zu sein, und Hugh sah ihn in London wie in Sussex nur noch selten. Daniel wurde oft aufs Land eingeladen, begleitete adelige Familien in europäische Großstädte oder unternahm Wanderungen in den Dolomiten und ähnlichen rustikalen Gegenden.

»Apropos Vergil – wie war es in Florenz?«, fragte Hugh.

»Vor allem voll mit englischen und amerikanischen Matronen, die krampfhaft versuchen, ganze Jahrhunderte Kunst und Geschichte in den üblichen Ablauf eines Aufenthalts in einem provinziellen Seebad zu stopfen. Eineinhalb Stunden und keine Minute länger für die Uffizien, weil um zwölf selbstverständlich ein Lunch ansteht, und frühnachmittags ist es zu heiß, um Kirchen zu besichtigen, und um vier geht es zum Tee. Und alle ziehen durch die Straßen und zeigen ihre Töchterhorden vor, und jeden Abend Dinner und Gesellschaften.« Er visierte die Phalanx aus Kugeln an und verteilte sie blitzschnell auf dem grünen Filz. »Die tun wirklich alles, damit es in Italien nicht exotischer zugeht als mitten in Surrey.«

»Wie hast du das nur ertragen?«

»Ich habe mir eine immer wieder ausbrechende Sommererkältung zugelegt und lag angeblich tagelang in meinem Zimmer. Sobald die Luft rein war, haben wir, mein Freund Craigmore und ich, uns hinausgeschlichen und zu zweit in der Stadt herumgetrieben.«

»Interessiert sich Craigmore auch für Lyrik?«

»Überhaupt nicht. Er ist ein ziemlich wilder Maler und für seine Unfairness berüchtigter Sportler. Aber er geht sehr gern spazieren. Wir sind durch die ganze Stadt und die Hügel hinauf gewandert. Ich war für Schönheit und Kunst zuständig und musste ihm sagen, was er in sein Reisetagebuch eintragen sollte, und er hat mir beigebracht, wie man den Tennisgegner in Grund und Boden spielt.«

»Normalerweise bringst du für Kulturbanausen nicht so viel Geduld auf.« Hugh verspürte einen Anflug von Eifersucht, weil sein Cousin die Sommerkameradschaft mit ihm so umstandslos gegen eine andere ausgetauscht hatte, und fügte hinzu: »Aber er hat ja einen Adelstitel…«

»Autsch! Sarkastische Ausbrüche sind doch sonst nicht deine Art.«

»Tut mir leid.«

»Jedenfalls kann man sich immer darauf verlassen, dass du dich entschuldigst.« Daniel stieß zu und versenkte eine rote Kugel sicher in einer Ecktasche. Die Andeutung, seine guten Manieren seien ein Zeichen von Schwäche, trieb Hugh das Blut ins Gesicht. Seine Entschuldigungen waren wenigstens ehrlich, während er von Daniel schon viele charmante zu hören bekommen hatte, hinter denen nichts steckte.

»Es tut mir leid, Hugh. Das war eine unverzeihliche Gehässigkeit.« Hugh suchte im Gesicht seines Cousins nach einem Anzeichen von Ironie, fand diesmal aber keines. »Er ist Viscount Craigmore, Sohn von Lord North«, fuhr Daniel fort. »Seine Mutter gab ihm in einer romantischen Anwandlung den Namen Lancelot, weshalb ihn selbst enge Freunde Craigmore nennen.«

»Kann ich verstehen.«

»Im Herbst fahren wir nach Paris, wir wollen dort schreiben und malen. Wir planen die Gründung einer Zeitschrift mit illustrierten Gedichten.«

»Und wie, um Himmels willen, willst du deinen Vater dazu bringen, dass er diesen Aufenthalt unterstützt? Ich dachte, du hättest deine Dichterei vor ihm verborgen.«

»Ich verberge ziemlich viel vor ihm. In diesem Fall werde ich sagen, dass mich Craigmores Vater eingeladen hat, mit ihm und seinem Sohn nach Paris zu reisen. Vater wird nichts dagegen haben, dass ich den Gentleman spiele – vor allem wenn ich erwähne, dass Craigmore eine jüngere Schwester hat, die eine hervorragende Partie wäre.«

»Sag bloß, du bist verliebt!« In Hugh glomm Hoffnung auf, denn wenn Daniel verliebt war, konnte er vielleicht seine eigenen amourösen Hoffnungen ansprechen, ohne gnadenlos geneckt zu werden.

»Ach was«, sagte Daniel. »Sie ist ein armes, blasses Ding und noch ganz grün hinter den Ohren, aber Craigmore meint, er könne seinen Vater davon überzeugen, dass ein paar Monate in Paris mit einem zusätzlichen Budget für den Unterhalt einer entsprechenden Geliebten einem britischen Gentleman den nötigen letzten Schliff verleihen, bevor er Verantwortung im Leben übernimmt.«

»Dann ist also die Lyrik die Geliebte?«, fragte Hugh. Sein Versuch, die Kugel in die Ecktasche zu befördern, misslang. Die Queuespitze stieß ins Billardtuch. »Wäre ihr nicht besser gedient, wenn du die Wahrheit sagen würdest?«

»Nein, um Gottes willen! Lord North kann mich nicht besonders gut leiden. Ich glaube, er misstraut Leuten, die schreiben.«

»Craigmores Vater mag es verdient haben, getäuscht zu werden, aber wenn du es bei Tante Agatha versuchst, wünsche ich dir viel Glück«, sagte Hugh. »Sie erwartet, dass du Onkel John dieses Jahr in den Staatsdienst folgst.«

»Ich muss sie nur davon überzeugen, dass ich es mein Leben lang bereuen würde, wenn ich mir diese Gelegenheit entgehen ließe.«

»Man kann doch Gedichte schreiben und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Beruf ausüben.«

»Mag sein, dass man die Chirurgie als Steckenpferd betreiben kann, aber glaub mir, die Lyrik ist für mich eine Sache auf Leben und Tod. Mein Bedürfnis zu schreiben ist genauso groß wie deines, in die blutigen Menschenleiber auf dem Operationstisch zu starren und in Tante Agathas größten Marmeladengläsern Hühnerköpfe einzulegen.«

»Die Sache mit den Marmeladengläsern brauchst du nicht hinauszuposaunen. Ich stelle sie in die Speisekammer zurück, bevor die Köchin etwas bemerkt.«

»Die Sache mit Paris muss auch nicht unbedingt erwähnt werden«, sagte Daniel. »Die neue Lehrerin wird Tante Agatha ablenken. Wir sollten uns um die arme junge Frau kümmern und dafür sorgen, dass Tante Agatha sie unter ihren ehrwürdigen Fittichen behält.«

»Das dürfte keine gute Idee sein. Miss Nash ist nämlich nicht mehr ganz grün hinter den Ohren.«

»Dafür strahlt sie etwas unselig Blaustrumpfhaftes aus«, entgegnete Daniel. »Du musst dich mit ihr über wissenschaftliche Themen unterhalten, Hugh. Wenn alle Stricke reißen, kann ich immer noch ein Sonett für sie schreiben.«

»Ein Sonett?«

»Keine Frau kann widerstehen, wenn sich ihr Name im fünfhebigen Jambus mit einer Blume reimt.«  

3

Die Sonne hatte den Tau auf dem Rasen noch nicht aufgesogen, und der Duft von Geißblatt und Goldlack durchdrang die salzige Luft. Der frühe Morgen war Agathas liebste Tageszeit. Er rief die einfachen Freuden der Kindheit in Erinnerung und verlockte dazu, barfuß durchs nasse Gras zu gehen. Um genau das zu tun, band sie die Schleifen an Ausschnitt und Taille ihres schlichten Baumwollmorgenmantels, schob die Füße in abgetragene Pantoffeln mit flachen Absätzen und machte sich auf den Weg zur Hintertreppe

Diese Treppe benutzte sie nur frühmorgens, und nie fühlte sie sich im eigenen Haus mehr daheim, als wenn sie den Kopf in die Küche steckte und die Köchin um eine Tasse Tee aus der großen braunen Kanne bat, in der er für das Personal den ganzen Tag hindurch frisch gehalten wurde. In der schwarz-weiß gefliesten Küche mit den hohen, sonnenhellen Fenstern und dem glänzenden neuen Gasherd mussten sie ein paar Minuten lang nicht Herrschaft und Köchin sein, die jeweils in ihrem eigenen Reich diesseits und jenseits der mit grünem Filz bespannten Tür zum Dienstbotentrakt regierten, sondern konnten sich als zwei Frauen unterhalten, die vor allen anderen aus den Federn gekommen waren und nun die erste Tasse Tee des Tages brauchten.

Heute standen zwei Schüsseln mit Himbeeren auf dem Küchentisch. Die Köchin schöpfte gerade den Rahm aus dem Milchkrug.

»Es war doch recht, dass ich sie gekauft habe? Der Milchmann hatte sie auf seinem Karren. Master Daniel isst sie so gern, und unsere sind noch ganz grün.«

»Sie werden die beiden wohl ewig verwöhnen«, sagte Agatha. »Und wie geht es Ihrer Enkeltochter?«

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