Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Der letzte Spargel - Alexa Rudolph

Ein Krimi für radikale Feinschmecker Kommissar Poensgens wohlverdienter Urlaub nimmt ein jähes Ende, als seine ehemalige Vermieterin tot in ihrer Freiburger Wohnung aufgefunden wird – ermordet während der Zubereitung eines Spargelgerichts. Der charismatische Ermittler mit körperlichem Handicap begibt sich zwischen Rebenlandschaften und den Spargelfeldern des Kaiserstuhls auf die Suche nach dem Täter – bis er sich auf einmal selbst im Kreis der Verdächtigen wiederfindet.

Meinungen über das E-Book Der letzte Spargel - Alexa Rudolph

E-Book-Leseprobe Der letzte Spargel - Alexa Rudolph

Alexa Rudolph, geboren und aufgewachsen im wildromantischen Wehratal im Schwarzwald, war zwanzig Jahre als freischaffende Malerin tätig. Seit 2006 schreibt und publiziert sie. Sie hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Mann in Freiburg.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Montage aus istockphoto.com/rgbdigital; shutterstock.com/goldnetz

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Christine Derrer

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-321-9

Originalausgabe

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Mich haben immer nur die kriminellen Möglichkeiten des Normalmenschen beschäftigt, dabei ist mir die Aufklärung des Mordfalles gleichgültig. Gibt es etwas Langweiligeres und Gekünstelteres als Gerechtigkeit? Das Leben schert sich einen Deut darum, ob einem Gerechtigkeit widerfährt. Ich erzähle Geschichten; mein Ziel ist nicht, den Leser moralisch aufzurüsten, ich will unterhalten. Leute ohne Moral, wenn sie nicht sture, brutale Typen sind, amüsieren mich, sie sind phantasievoll, geistig beweglich und nicht bereit, sich der Gesellschaft zu beugen, und sie sind dramatisch nahrhaft.

Patricia Highsmith über Patricia Highsmith als Geschichtenerzählerin

Es ist das Leben, das uns umbringt, nicht der Tod …

… sagte mein Großvater

Prolog

Natürlich weiß sie, dass ihrem Schlafzimmerspiegel der Zauber des Widerscheins längst abhandengekommen ist. An einigen Stellen sammeln sich seit Jahren schwarze Punkte wie Fliegenschiss, an anderen ist das Glas vollkommen blind. Aber es macht ihr nichts aus. Wenn sie die Augen schließt, fühlt sie sich noch immer jung und schön.

Ihr Haar, das Stirn und Wangen wie eine Haube aus Schnee umrahmt und die Wachheit der eisblauen Augen unterstreicht, ist dicht wie früher und wird von ihr jeden Morgen über der Stirn zu einer Welle gelegt. Bürste, Stielkamm und Lockenstab haben ihren festen Platz auf der Frisierkommode, gleich neben dem leeren Parfümzerstäuber aus dunkelgrünem Muranoglas und der zierlichen Pistole im Samtfutteral.

Im Balkonzimmer ihrer herrschaftlichen Wohnung steht eine gedeckte Tafel – alles in Mauve, die Farbe der wilden Malve, als hätte sich ein Maler des 17. Jahrhunderts ein Stillleben ausgedacht, um es in einem Gemälde festzuhalten: Teller mit Goldrand, poliertes Besteck und Kristallgläser, ein Silberkännchen, Servietten mit Monogramm, Tulpen in einer Vase und eine Platte mit Spargeln – nature morte.

Asparagus

Auch wenn es nicht mehr so recht klappen will mit dem Mittagessen, so zwingt sie sich doch, täglich etwas auf den Tisch zu bringen. Meistens eine Kleinigkeit nur, denn ihr Magen ist kleiner geworden und protestiert bei jedem Gramm zu viel. Geht es aber Mitte April auf die Spargelsaison zu, fliegen ihre Erinnerungen zurück in die Vergangenheit, als ihr Mann noch lebte und sie gemeinsam den Gemüsemarkt am Fuße des Freiburger Münsters besuchten, um dort ihre ersten Spargeln einzukaufen.

Später, nach seinem Tod, ist sie noch fit genug und findet sich erstaunlich rasch ohne ihn zurecht. Sie konserviert und pflegt die Rituale ihres Alltags mit sicherer Hand. So kommt es, dass sie heute, hochbetagt und ein wenig müde, immer noch kindliche Freude empfindet, wenn auch sie wieder den Frühling begrüßen darf und nicht dem allgemeinen Novembersterben ihres Jahrgangs zum Opfer gefallen ist und sie aus den Spargelstangen ein sensationell leichtes, sanftes Menü zubereitet. Sie liebt das köstliche Essen, das den Aufbruch in die wärmere Jahreszeit ankündigt, ihren Stoffwechsel wieder auf Trab bringt und die Melancholie des Winters aus dem Gemüt schüttelt, als klopfe man einen schweren Mantel aus.

Seit sie Witwe ist und allein lebt, setzt sie sich für die Mahlzeiten an den kleinen Tisch in der Küche, mit abwaschbarer Decke und dem Fenster zum Hof. Sie macht sich keine Umstände mehr. Das Spargelessen jedoch muss perfekt zubereitet sein, darin lässt sie nicht nach. Am liebsten speist sie die alabasterfarbigen Stängel mit Badischen Kratzete, diesen in kleine Stücke gerissenen, dünnen Pfannkuchen, und mit brauner Butter, fachgerecht erhitzt, bernsteinfarbig und leicht nussig.

Unter wohligem Stöhnen beißt sie der Spargelstange den Kopf ab, presst seine weiche Konsistenz gegen den Gaumen und löst damit eine Aroma-Explosion aus, die ihr erneut ein zufriedenes Glucksen entlockt. Während sie so vor sich hin schlotzt, sich ihr Mund mit weiteren zu Brei zerdrückten Spargelspitzen füllt und dieser langsam und portionsweise die Speiseröhre hinuntergleitet, legt sie die restlichen zwanzig Zentimeter zurück auf den Teller, schiebt sie Stück für Stück mit dem Messerrücken hin und her, bis die Stängel akkurat nebeneinanderliegen. Doch ihres exquisiten Kopfes beraubt, wirken sie nun fremd, unbedeutend und seelenlos. Darum bugsiert sie einige von den weniger geschätzten Teilen in den Mixbecher einer chromblitzenden Küchenmaschine, dreht den Knopf auf »Power« und schaut gebannt zu, wie die flinken Messerchen des Häckselwerks eine blubbernde Masse produzieren.

»Huch, jetzt seid ihr mausetot«, sagt sie, kichert und stellt den Mixbecher in den Kühlschrank. Am nächsten Tag will sie daraus eine Spargelmousse zubereiten.

Es fröstelt sie ein wenig an den mageren Armen, also geht sie von der Küche in den Flur, um sich eine leichte Jacke von der Garderobe zu holen. Sie sieht und hört schlecht, trotzdem weiß sie, dass plötzlich jemand hinter ihr steht, dass gleich etwas Furchtbares passieren wird. Sie riecht die Gegenwart des Ungeheuers. Eine Brühe aus kaltem Schweiß, warmem Atem und süßlichem Aftershave schlägt ihr entgegen. Obwohl ihr das Blut vor Angst gefriert und die Füße erschrocken stehen bleiben, will sie mutig sein und sich umdrehen. »Wer sind Sie und wie kommen Sie in meine Wohnung?«, will sie rufen, doch schon das erste Wort erstirbt in ihrem Mund. Als ihr Köpfchen unter dem brachialen Schlag zerbricht, kann sie das Splittern ihres Schädelknochens nicht mehr hören. Ohne Schrei und leicht wie ein kleiner Vogel fällt sie zu Boden. In ihren Ohren rauscht ein gigantischer Wasserfall, und ihre Augäpfel werden fest wie Glas.

Der Flurteppich mit den wolligen Fasern fängt sie auf und trägt sie sanft davon. Problemlos fliegt sie durch den Raum, steigt auf und sieht von oben ihren sterbenden Körper. Sie sieht sich in einer glitzernden Pfütze liegen und staunt, wie viel Flüssigkeit aus ihr herausquillt, sich zu einem blutroten See sammelt, auf dem weiße Blumen schwimmen. Nur eine Handbreit daneben liegt ein Feuerhaken, herausgelöst aus dem Bouquet des messingglänzenden Kaminbestecks.

Ein Windhauch spielt mit der Spitzengardine in der halb geöffneten Balkontür. In den Blumenkästen blühen Maiglöckchen sowie die späten, zartrosa gefüllten Tulpen, die Ähnlichkeit mit Pfingstrosen haben und lautlos wippen. Im Garten duftet wie jedes Jahr wieder der Fliederbusch und verströmt sein Parfüm bis hinauf zu den Kerzen der mächtigen schattenspendenden Kastanie, in der Bienen taumeln. Nur wenige Meter unterhalb führt eine Straße vorbei, auf der sich das Grölen und Blöken einer Horde alkoholisierter Männer nähert; sie halten sich an ihren Bierflaschen fest und treten in die Pedalen eines raupenähnlichen Fahrzeugs mit luftigen Sitzplätzen und Überdachung.

»Vatertag«, hat jemand auf ein Pappschild gekritzelt.

Sonderurlaub

Kriminalhauptkommissar Hans-Josef Poensgen kann Geburtstage auf den Tod nicht leiden. »Geburtstag ist was für kleine Kinder, aber nichts für vernünftige Leute«, wehrt er spröde ab, wenn er gefragt wird. Doch in diesem Jahr überfällt ihn aus heiterem Himmel der Wunsch, diesen überflüssigen Tag zu feiern. Mit sechsundvierzig ist man über die Halbzeit hinaus und bewegt sich auf die fünfzig zu, denkt er, erstaunt über sich selbst, und wird prompt das Gefühl nicht los, als strecke die Fünfzig bereits lüstern die Hand nach ihm aus und säusle ihm albernes Zeug ins Ohr. »Fünfzig ist die neue Vierzig« zum Beispiel oder »in zwanzig Jahren wirst du dich danach sehnen, noch einmal fünfzig zu sein« oder »mit fünfzig bist du im besten Mannesalter«. Doch bis zur fiesen Zahl fehlen immerhin noch vier Jahre, das sind tausendvierhundertsechzig Tage.

Kurz entschlossen beantragt Poensgen Sonderurlaub, den Kurt Fessler, oberster Chef der Freiburger Kripo, mit säuerlicher Miene bewilligt.

»Na gut, von mir aus, ein Brückentag, wenn’s unbedingt sein muss. Ich konnte wirklich nicht ahnen, dass Sie so eine sentimentale Haut geworden sind. Geburtstage waren doch bisher törichter Kram für Sie. Habe ich da was falsch verstanden?«

»Will mich mit einem Freund treffen, wir haben uns über ein Jahr nicht gesehen, jetzt hat es sich so ergeben. Mein Geburtstag ist absolut unbedeutend, also vergessen Sie den gleich wieder«, knurrt Poensgen und hat den Verdacht, dass Fessler neidisch auf ihn ist.

»Bin über fünfzig und habe noch drei Hosenscheißer zu versorgen – bis die ihr Abi machen, gehe ich in Pension und am Stock«, meint Fessler auch prompt.

Poensgen bestellt im Astoria in Wien ein Zimmer. Da ihn der Chef der Rezeption von früheren Aufenthalten her kennt, verspricht ihm der sympathische Mann mit dem grau melierten Schnauzbart in bester Wiener Mundart außerdem zwei Eintrittskarten für ein Konzert mit dem Pianisten Ivo Pogorelich, das offiziell seit Wochen ausverkauft ist.

»Sehr wohl, der werte Herr Oberkriminalrat aus Freiburg, schau an – aus Vorderösterreich, nicht wahr? –, bitte sehr, bitte schön, für Sie immer, machen wir doch gern und alles möglich, zu Ihren Diensten, eine Karte für einen bequemen Rollstuhlplatz und eine normale … gewiss, das passt schon, nichts ist unmöglich, werter Herr … alles wird von uns zu Ihrer vollsten Zufriedenheit geregelt. Bis dahin und guten Flug«, versichert der Mann am Telefon, und Poensgen fühlt sich schon beinahe wie in der österreichischen Metropole angekommen.

Donnerstag, 5. Mai. Abflug Basel, acht Uhr früh. Der Wetterbericht verspricht kühles, aber angenehmes Maiwetter. Poensgen wird zur Propellermaschine der Austria Airline gebracht und in seinen Sitzplatz gehievt, während sein Rollstuhl im Frachtraum mitfliegt.

Der Meister spielt Liszt

»Los, wir können rein«, ruft Hans-Josef Poensgen seinem Freund Andor Móricz zu, einem bekannten Kriminalschriftsteller aus Budapest.

»Jawohl, Herr Hauptkommissar Poensgen, auf in den Kampf«, meint Móricz auf Deutsch mit ungarischer Färbung. Er reicht der Kartenabreißerin des Wiener Konzerthauses die beiden Billetts, nicht ohne die junge Frau dabei charmant anzulächeln.

Die langbeinige Schönheit ist in einen strengen dunkelblauen Hosenanzug gekleidet und trägt die derzeit allgemein beliebte Pferdeschwanzfrisur. Hinreißend, wie ihre hellgrünen Augen leuchten und die Backengrübchen rechts und links in Bewegung sind. Móricz und Poensgen scheinen es gleichzeitig zu bemerken. Die Männer tauschen Blicke, suchen ihre Plätze. Nicht ganz einfach mit einem Rollstuhl. Die junge Frau eilt hinzu.

»Recht so. Bleiben Sie hier. Sie haben die Bühne direkt vor sich und hören perfekt.«

Poensgen stellt die Bremse fest. Móricz zwängt seine Rubensfigur in einen Klappstuhl zwei Plätze weiter. Immer mehr Menschen strömen herein und füllen rasch den Saal. Schick gekleidete ältere Damen, aber auch solche, die wie Zirkuspferdchen geschmückt sind, viele sanft gealterte Paare, die sich in ihrem Erscheinungsbild angepasst haben, eifrige junge Menschen in Alltagsgarderobe – alle drängen in die Sitzreihen, durchblättern das Programmheft oder wedeln mit Fächern. Freudige Erregung liegt in der Luft.

In einem Anfall gespielter oder echter Verzweiflung, er weiß es selbst nicht genau, richtet sich Poensgen auf, fährt sich durchs Haar, reibt sich die Augen und ruft zu Móricz hinüber: »He, ich muss verrückt sein, dass ich mir so etwas freiwillig antue. Wir sind garantiert falsch hier, was meinst du?«

Móricz grinst. »Wart nur ab, dir wird das Meckern gleich vergehen.«

»Wer ist der Typ auf der Bühne? Der Klavierstimmer?«

»Das ist der Meister selbst. Er spielt sich ein.«

Poensgen betrachtet stirnrunzelnd den schlanken schwarz glänzenden Flügel und feixt: »Ein Sarg, der sieht doch aus wie ein Sarg.«

Einige, die schon Platz genommen haben und Poensgens Bemerkung nicht überhören können, lachen.

Móricz erhebt sich noch einmal aus seinem Sessel, kniet neben Poensgens Rollstuhl und flüstert eindringlich: »Josef, das dort oben ist eine etwas teurere Ausführung. Der Steinway kostet garantiert hunderttausend Euro – vielleicht etwas zu viel für einen Sarg, meinst du nicht? Allerdings, darin beerdigt zu werden wäre durchaus auch mein Traum, ich muss dir recht geben, eine wunderbare Vorstellung.«

»Quatsch, wenn du eines Tages nicht mehr unter den Lebenden bist, werden sie deine Asche von der Elisabethbrücke in die Donau wehen lassen«, lästert Poensgen. »Ist aber letztendlich wirklich egal, wie und wo man seine Ruhe findet – mir persönlich soll’s jedenfalls wurscht sein.«

»Mir nicht. In einem schwarzen Steinway und unbedingt eine weiße Marmortaube auf dem Grab, möglichst ganz nah bei der reizenden Alma auf dem Grinzinger Friedhof … das wäre superbe.«

»Und bitte schön, wer ist diese Alma? Hattest du was mit der?«

»Oh, heiliger Josef, deine Ignoranz! Alma Mahler war das unglaublichste Weib ihrer Zeit, und sie trug nie ein Höschen, wenn sie zum Beichten ging. Den Rest kannst du dir ausmahlern.«

»Interessant, du willst also neben ihr im Grab liegen. Und was versprichst du dir davon?«

»Nichts. Aber es wäre doch wirklich netter, neben ihr zu liegen als neben unserem Premierminister.«

»Einverstanden, ich verstehe. Aber jener spezielle Herr wird auch nicht neben einem aufmüpfigen Schriftsteller liegen wollen. Ich glaube also nicht, dass ihr euch eines Tages unter Tage begegnen werdet.«

Móricz zieht ein gequältes Gesicht, Poensgen legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm und flüstert mit leichtem Spott in der Stimme: »Schau doch, der Pogorelich wird fotografiert. Seine weiblichen Fans müssen ihm unbedingt auf die Pelle rücken. Und was macht er? Er lächelt, der Meister.«

Nachdenklich beobachten sie das immer wilder werdende Gedrängel vor der Bühne. Mehr und mehr Frauen schieben sich nach vorn.

»Und jetzt auch noch Selfies, mit einem Smartphone in der Hand ›werden Weiber zu Hyänen‹. Bis ich zum Tatort komme, stehen schon zwanzig von ihnen herum und fotografieren. Am liebsten würden sie ein Foto mit Leiche machen. Distanzloses Pack. Neuerdings können wir nur noch mit mobilen Schutzwänden arbeiten, alles wegen der Gaffer. Die Leute fotografieren mit Begeisterung Katastrophen und stellen das Zeug ins Internet.«

»›Pack‹ sagt man nicht.« Móricz verdreht tadelnd die Augen. Poensgen wickelt ein Hustenbonbon aus.

Ivo Pogorelich verabschiedet sich von seinen Fans und verschwindet hinter der Bühne, um sich umzukleiden. Es wird ein wenig stiller, nach und nach rutschen auch die Foto-Damen in ihre Stühle.

»Aufgeräumt wie in Schubladen, die alten Schachteln«, murmelt Poensgen.

In der Reihe vor ihm dreht sich plötzlich eine Konzertbesucherin um und starrt ihn an. Sie hat ein Plastikgesicht, in dem sich nichts mehr bewegt. Doch Poensgen erkennt sofort, welcher Geistesblitz ihr bei seinem Anblick durch den Kopf zischt. Es ist doch immer dasselbe.

»Sind Sie nicht …?« Sie verzieht ihren Schlauchbootmund.

»Wer weiß, gnädige Frau, wer weiß …«, brummt Poensgen.

Die Frau bekommt noch rötere Wangen, als sie ohnehin hat, und kichert verlegen. »Jo mei, ich dacht schon, aber es ist ja wirklich eine unglaubliche Duplizität. Ich wollt eben zu meinem Begleiter sagen, schauen S’ nur, Herr Hofrat, hinter Ihnen sitzt dieser Erfinder von Wikileaks, der Julian Assange, den haben sie aus der Botschaft Ecuadors rausgelassen, und jetzt ist er in Wien, im Konzert. Hierher kommen sie doch alle, die Guten und die Bösen. Nichts für ungut, aber wirklich verblüffend ihre Ähnlichkeit, diese hellen Haare und der Blick und überhaupt alles.«

»Und überhaupt«, wiederholt Poensgen, spuckt das Bonbon wieder aus und packt es sorgfältig zurück ins Papier. Schräg hinter ihm steht die Kartenabreißerin und beobachtet ihn.

Móricz bleckt sein schneeweißes Gebiss. »Du machst vielleicht ein Bullengesicht, Josef. He, du bist nicht im Dienst. Relax endlich, es geht gleich los. Franz Liszts ›Dante Fantasie‹, das ist ein Hammerstück. Da fliegen dir die Ohren davon, und deine Seele geht auf wie Hefekuchen. Das war nach Beethoven so was wie Zukunftsmusik, verstehst du? Etwas ganz Neues, an das sich noch niemand herangewagt hatte … wünsche dir göttliches Vergnügen, ich muss an meinen Platz, bis später. Hast du dein Telefon ausgemacht?«

Poensgen nestelt das Smartphone aus der Brusttasche seines Jacketts und wirft einen Blick darauf. Ein Anruf ist in der Mailbox gespeichert. Das ist Kramer, der ihn im Präsidium vertreten muss. Er hat es vor zehn Minuten versucht.

Das Licht im Saal wird gedimmt. Auf der Bühne erscheint unter tosendem Beifall Ivo Pogorelich: eleganter grauer Gehrock, kurze Verbeugung. Er schreitet zum Flügel.

Ein blonder männlicher Engel nimmt auf einem Hocker neben ihm Platz, um die Noten umzublättern. Das Publikum klatscht noch immer enthusiastisch, wird nur allmählich leiser. Endlich ist Ruhe.

Pogorelich konzentriert sich. Seine Finger lauern, fallen plötzlich wie Geier über die Tasten her. Der Steinway ächzt. Die Töne fetzen durch den Saal.

Warum hat Kramer angerufen? Er sollte doch nur bei einem absoluten Notfall … aber Kramer ist ein Ehrgeizling, der will alles richtiger als richtig machen, denkt Poensgen. Nachher, in der Pause, wird er Kramer zurückrufen.

Poensgen blickt zu Móricz, der gebannt das Szenario auf der Bühne verfolgt. Poensgen ist irritiert. Ist das Liszt? Er ist sich nicht sicher. Er lehnt sich zurück und lauscht. Es kommt ihm vor, als zertrümmere ein Verrückter Musik. Hier schlägt jemand brutal zu, haut rücksichtslos in die Saiten, schuftet wie ein Berserker, rast in aberwitzigem Tempo über die Tastatur. Atemstillstand im Saal. Niemand raschelt, keiner hustet. Poensgen schwitzt. Er spürt seinen Hemdkragen. Vorsichtig lugt er wieder zu Móricz. Der scheint jetzt vollends in einer anderen Welt zu sein, hat die Augen weit aufgerissen, sieht aus wie ein erschrockenes Kind.

Mein Gott, dauert der Liszt lang, denkt Poensgen. Ein virtuoses Stück, aber irgendwie krank. Ist das schön? Aber schön ist vermutlich langweilig. Also nicht schön. Interessant. Aufregend. Hart, brutal, rauschhaft, wie ein Mörder, der immer wieder zusticht. Blut spritzt aus dem Steinway, rinnt die Bühne herunter, hinterlässt eine Spur, tropft und sammelt sich zu einer Pfütze. Warm und stickig ist die Luft, viel zu warm. Und Kramer wird es vielleicht noch einmal versuchen, vielleicht genau in diesem Moment.

Die Leute klatschen. Poensgen vergisst, dass auch er klatschen sollte. Móricz macht einen langen Hals, beugt sich zu ihm herüber und ruft enthusiastisch in die Klatschwand hinein, dass er ein glühender Ivo-Bewunderer sei, aber heute habe der Meister doch ein wenig übertrieben, nicht immer die richtigen Tasten getroffen, danebengespielt, aber egal, genial sei genial, und ob es ihm auch gefallen habe?

Poensgen nickt, ist abwesend, blickt auf die Uhr. Jetzt noch das Schumannstück. Ein deutscher Komponist, nicht so ein Verrückter wie dieser Liszt, dieser Ungar.

Poensgen versucht sich zu lockern. Irgendetwas brodelt in ihm. Wäre er nicht an den Rolli gefesselt, er würde davonrennen.

Und dann braust die Musik Schumanns über ihn hinweg, ohne auf seine Anspannung Rücksicht zu nehmen. In Pogorelich kämpft der Dämon, und auch Poensgen meint, etwas vom Höllenfeuer zu spüren. Teufel auch, sein Mund ist staubtrocken, er braucht dringend ein Bier. Das Publikum ist aus dem Häuschen und kann sich kaum beruhigen.

Der Saal wird heller. Pause. Gott sei Dank.

Die Menschen erheben sich. Auch Móricz steht auf. Alle gehen freundlich zur Seite, um Poensgen in seinem Rollstuhl Platz zu machen. Er will zuerst zur Toilette, er muss sich mit einem Katheter die Blase entleeren, die zum Platzen voll geworden ist.

Im Foyer begegnet er sich selbst in den Spiegeln, bemerkt, wie ihn die Leute anstarren. Und er sieht Andor, im selben Alter wie er, der auf kurzen, stämmigen Beinen neben ihm steht und stark und gesund wirkt. Eine pechschwarze, dichte Mähne wirbelt um seinen Kopf. Das Kinn ist weich und die Wangen von schönster Gutmütigkeit. Leider ist sein Bauch in den letzten Jahren etwas zu ausladend geworden, und Andors offen stehendes weinrotes Jackett ist mindestens zwanzig Jahre alt.

Er hält zwei Gläser Sekt in den Händen und möchte auf Poensgens Geburtstag anstoßen. Doch Poensgen tippt genervt auf dem Smartphone herum. Er hört die Mailbox ab, und seine Gesichtszüge rutschen in eine einzige Bestürzung.

Móricz beobachtet ihn und protestiert: »Josef, du bist nicht im Dienst, du musst jetzt wirklich keine Nachrichten checken.«

Poensgen versagt fast die Stimme, er kippt den Sekt in sich hinein. »Meine ehemalige Vermieterin – sie ist tot. Jemand hat dieses harmlose, brave Frauchen abgeschlachtet. Gut, dass mich Kramer angerufen hat, ich muss sofort nach Freiburg.«

Móricz schaut ihn irritiert an und holt Luft. »Einverstanden, Josef, morgen kannst du reisen, doch jetzt warten noch zwei besondere Fälle auf dich. Brahms und Strawinsky heißen die Täter. Und außerdem, Josef, alte Damen sind niemals harmlos.«

Poensgen hält ihm das leere Sektglas hin. »Gieß nach, verdammte Scheiße.«

Zwei Stunden später sitzen Poensgen und Móricz im Restaurant Führich in der Führichgasse, schräg gegenüber vom Hotel Astoria. Das Restaurant ist so gut wie leer, nur zwei Tische sind besetzt.

»Meine Herrn, die Küche hat schon geschlossen, wir können Ihnen höchstens noch eine Suppe servieren«, sagt der Kellner und zwinkert nervös.

»Was für eine Suppe haben Sie denn?«, will Poensgen wissen, während Móricz schon das Weizenbier in sich hineinlaufen lässt und das geleerte Glas lautstark auf den Bierdeckel und die Tischplatte setzt.

»Heute gibt’s Spargelcremesuppe, die Herrn.«

»Gut, dann bringen Sie uns bitte zwei, Spargelcreme ist in Ordnung.«

Der Kellner geht, und Móricz und Poensgen sind für sich.

»Morgen ist kein Platz mehr im Flieger frei, ich habe eben bei der Airline angerufen. Ich kann erst übermorgen fliegen.«

»Vernünftig, sehr vernünftig. Ich kann dich aber auch im Auto mitnehmen, muss sowieso in Kürze nach Deutschland, das ließe sich problemlos arrangieren. Mein Lieber, deine alte Dame … wie heißt sie doch gleich?«

Móricz hebt fragend die rechte Braue, und Poensgen murmelt: »Henriette von Schubert, eine wohlhabende Witwe, fünfundachtzig Jahre, meine ehemalige Vermieterin in Freiburg, über ein Jahr habe ich bei ihr in der Talstraße gewohnt. Sie ist noch eine vom ganz alten Schlag und zu ihren Mitmenschen immer hilfsbereit und nett.«

»Also gut, Henriette von Schubert rettest du jetzt auch nicht mehr. Wenn sie tot ist, ist sie auch übermorgen noch tot, und alles, was du für sie tun kannst, kannst du dann auch noch für sie tun.«

Móricz hebt bedauernd die Schultern. »Das ist jetzt eine ganz nüchterne Geschichte. Es sind schon Leute wegen zehn Euro oder einem Handy umgebracht worden. Josef, du bist nicht für jeden Mord zuständig, denke bitte auch mal an dich. Vielleicht auch an mich, schließlich bin ich extra mit dem Auto von Budapest hergefahren, um dich zu treffen und mit dir deinen Geburtstag zu feiern, auch wenn dir jetzt nicht nach Feiern zumute ist.«

»Erstens ist es mein Job, und zweitens geht es um den frischen Tatort, niemand kennt sich in ihrer Wohnung so gut aus wie ich. Ich kenne jedes ihrer komischen Häkeldeckchen und fast jedes Bild an der Wand, ich weiß sogar, wo die Schlüssel hängen und die Speiseeisvorräte im Kühlschrank liegen. Ich erkenne sofort, wenn etwas verschoben wurde, denn sie selbst hat garantiert nichts verändert. Sie könnte blind sein und würde sich dennoch zurechtfinden.«

Poensgen trinkt aus und fährt fort: »Andor, so einen seit Jahrzehnten aufgeräumten, gleichförmigen Haushalt hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Kramer meinte vorhin, sie sei mit dem Feuerhaken aus dem Kaminbesteck erschlagen worden. Ich bin sicher, dass wir wunderbares Material darauf finden werden.«

»Gut so. Jetzt komm mal wieder runter und beruhige dich. Deine Leute werden schon alles richtig machen. Reden wir bitte schön endlich von dir und welchem Umstand ich es verdanke, dass ich hier an deiner Seite sitze.«

»Umstand? Du sagst es, ein Geburtstag ist ein saudämlicher Umstand. Würde lieber einen Dreitausender besteigen, aber vielleicht ist es besser so …«

Poensgen blickt auf einmal verloren drein, wirkt beinahe melancholisch, und Móricz platzt laut heraus, als er Poensgens Dackelblick bemerkt. »Josef, dir fehlt ganz schlicht und einfach eine Maria.«

»Was fehlt mir?«

»Ein Weib, eine Frau an deiner Seite, nun stell dich nicht so dumm. Du weißt genau, was ich meine.«

»Eine Maria soll ich mir zulegen? Vergiss nicht, dass die Maria ihrem Josef einen kleinen Schreihals untergejubelt hat. Ich glaube nicht, dass ich zum windelwechselnden Vater tauge, und schon gar nicht, wenn es ein Ableger vom Erzengel ist. Dieser Gabriel war ein ganz schlimmer Finger.«

Móricz bestellt ein neues Bier. »Nein, zwei Biere, ein zweites für meinen wunderbaren Freund«, korrigiert er sich, ruft es übermütig dem Kellner zu, der an ihren Tisch gekommen ist und verlegen erklärt, dass es leider keine Suppe mehr gäbe. Die sei nämlich ausgegangen, es sei ja auch schon recht spät, und er wolle doch lieber gleich die Rechnung kassieren.

»Dreiundzwanzig Uhr dreißig, meine Herrn, Zeit für Feierabend, wir haben noch keine Saison. Kommen Sie im Sommer wieder.«

Nach ihrem Rausschmiss stehen Móricz und Poensgen auf dem Bürgersteig der Führichgasse und wissen nicht so recht, was sie jetzt machen sollen.

»Hunger«, mault Móricz und lässt seinen Blick unternehmungslustig schweifen, doch das Sträßchen schläft. Ein anderes Restaurant gibt es nicht in der Nähe, eine Musik-Bar allenfalls und einige teure Läden, die ihre Rollgitter heruntergelassen haben.

»Gehen wir in unser Hotel oder … oder vielleicht ein paar Meter weiter in die Kärntner«, muntert ihn Poensgen auf. »Dort gibt’s zur Krugerstraße hin eine Würstelbude, die ist garantiert noch in Betrieb.«

Sie laufen im nächtlichen Schatten des Astorias die Führichgasse entlang, als in der Nähe ein Knall die Stille zerreißt.

Poensgen und Móricz bleiben erschrocken stehen und schauen sich an.

»War das ein Schuss?«, flüstert Móricz und drückt sich an die Hauswand.

»Still, warte, rühr dich nicht!«, zischt Poensgen und schaut auf seine Armbanduhr. Dreiundzwanzig Uhr vierzig.

Im selben Moment hasten Schritte auf sie zu, halten inne, entfernen sich wieder, und eine schmächtige, dunkel gekleidete Gestalt mit Sturmhaube schält sich aus dem Schwarz der Häuser, rennt ein Stück die Kärntner Straße entlang, verschwindet wie eine Mimikry im Eingangsbereich einer Passage mit Hutgeschäft und Boutique – und löst sich auf.

Móricz stampft empört los, doch Poensgen pfeift ihn zurück. »Bleib gefälligst stehen, bist du lebensmüde?«

Aber Móricz ist bereits weitergerannt, und nun hält auch Poensgen nichts mehr zurück. Er beeilt sich, mit seinem Rolli zur Kärntner Straße zu kommen.

Die bekannte Geschäftsstraße hat sich längst zur Ruhe begeben, ist menschenleer und blitzsauber. Kunstvolle Schaufensterbeleuchtungen und die Schlagschatten der Häuser verwandeln den Boulevard in eine Theaterkulisse. Und dort, wo die Krugerstraße in die Kärntner einmündet, erstrahlt unter zwei Straßenlaternen ein kleiner Platz, auf dem eine grün-weiß angestrichene Bude steht, an der ein Schild klemmt. »Geöffnet«, ist mit Kreide darauf geschrieben und dahinter: »Wiener Würstl«. Auf dem Grillrost zischen Würstchen, liegen ordentlich nebeneinander und verströmen ihren fetttriefenden Duft, und in einer Aluminiumwanne stecken Fritten, goldgelb und fein geschnitten, davor zwei Behälter mit Senf und Ketchup zur Selbstbedienung. In einem rückwärtigen Regal funkeln Getränkedosen und Saftflaschen.

Móricz rennt schon auf die Wurstbude zu, während Poensgen hinter ihm irgendetwas fragt. Móricz scheint jedoch taub zu sein und nur noch die Würste im Sinn zu haben.

»Wo ist der Junge?«, ruft Poensgen laut.

»Wie? Welcher Junge?«, fragt Móricz ungehalten, weil er von Poensgen abgelenkt wird.

»Na, der Asiate, der hier normalerweise das Zeug grillt«, schimpft Poensgen. »Der muss doch den Schuss auch gehört haben, und wahrscheinlich hat er mehr gesehen als wir – er steht schließlich wie ein Leuchtturm mitten auf dem Platz.«

Móricz streckt sich und beugt sich, so gut es eben geht, über die Theke. »Josef, mein Gott, Josef, da liegt einer. Ich glaube, den hat’s erwischt!«

Gemeinsam schleichen sie um die Bude und entdecken die schmale Eingangstür, die halb geöffnet ist, wodurch sie Hinterteil und Beine eines Mannes sehen können, der unnatürlich gekrümmt und vollkommen leblos in einer Blutlache auf dem Boden liegt.

Ein zweiter Blick genügt, und beiden ist klar, dass der Mann tot ist.

»Es klingt komisch, aber wir müssen die Polizei rufen«, sagt Poensgen steif und greift nach seinem Smartphone. Er sieht, wie Móricz in die Bude klettert und sich über den Körper beugt. »Komm sofort heraus, du bist total verrückt, du machst doch sämtliche Spuren kaputt!«

»Bitte, bleib ganz ruhig, Josef, ich muss mir alles genauestens anschauen, ich habe noch nie einen Ermordeten gesehen, verstehst du denn nicht? Ich habe ein fachliches Interesse. Man hat ihm in den Rücken geschossen.«

»Geh sofort da weg. Ich befehle es dir! Andor, du bekommst ein saumäßig lästiges Problem. Ich habe keine Lust, wegen dir in Wien festzusitzen, das kann uns nämlich blühen. Siehst du jemanden außer uns? He, nur wir Armleuchter treiben uns hier herum. Denk darüber mal nach.«

Móricz ignoriert Poensgens wütende Aufforderung und keucht: »Scheiße, hier liegt eine Pistole, und ich weiß ganz genau, was das für eine Waffe ist.«

Poensgen wendet sich ab und wählt die 133.

Móricz stolpert aus der Wurstbude, greift nach dem Rollstuhl, schiebt ihn ein Stück vor sich her und redet aufgeregt auf Poensgen ein. »Das ist ein richtig dickes Ding, da liegt eine Glock 17.«

»Alter, wage es niemals mehr, mich unaufgefordert irgendwohin zu schieben. Hast du gehört?«, faucht Poensgen.

»Mimose. Die Glock 17, ist das nicht die Dienstwaffe der Wiener Polizei?«

»Ja, natürlich, das weiß ich auch, aber halte endlich deine Klappe. Ich will nichts mehr hören, absolut nichts mehr, kapiert?«

Móricz seufzt resigniert. »Aus dir soll einer schlau werden, aber gut, ich sage nichts mehr. Meinst du, ich könnte mir … ich meine, ob ich mir eines von den Würstchen genehmigen … zu schade, sie verbrennen, wenn man sie nicht endlich vom Grill nimmt.«

Spuren und Affen

Pünktlich Montagmorgen um acht Uhr trifft Poensgen im Polizeipräsidium Freiburg in der Abteilung Mord I ein. Er parkt den Rolli vor seinem Schreibtisch und verschafft sich einen ersten Überblick. Post und Papierkram warten bereits in Brusthöhe.

Das ist alles stinknormal und nennt sich Arbeitsalltag, so what, tröstet sich Poensgen. Er nimmt sich vor, ruhig zu bleiben, doch es ist eine gespannte Ruhe, die sich da in seinem Gesicht ausdrückt.

Seine Sammlung von Affenminiaturen, die ihn seit einiger Zeit begleitet und ebenfalls auf dem Schreibtisch ihren Platz hat, kitzelt ihm heute kein Lächeln hervor, nicht einmal ein vages Verziehen der Lippen. Gelegentlich fragt er sich schon, was dieser Spleen, den er sich zugelegt hat, eigentlich soll, denn so innig liebt er die Äffchen gar nicht. Er kann sich sogar vorstellen, dass die Affenbande eines schönen Tages aus seinem Büro verschwindet. Noch während er über ihre mögliche Entsorgung spekuliert, kommt es ihm plötzlich niederträchtig vor, sich so mir nix, dir nix von der Sammlung verabschieden zu wollen. Die kleinen Viecher haben ihm schließlich schon viel Freude bereitet und so manchen verkorksten Tag wieder ins Lot gebracht.

Es ist ihm bewusst, dass er nach seinem Umzug von Köln nach Freiburg noch immer nicht hundertprozentig angekommen ist. Sein Herz mag irgendwie nicht im badischen Rhythmus schlagen, sosehr er sich auch anstrengt; der treue Herzmuskel arbeitet weiter im rheinischen Takt und kommt nicht davon los. Die hiesigen Kollegen sind doch anders, denkt er. Es fehlt ihnen vielleicht ein Quäntchen Leichtigkeit. Die Kollegen in Köln sind unkomplizierter. Jawohl, das ist es, die Rheinländer machen nicht so viel Gedöns um alles. Gedöns und Kriminalität gibt es inzwischen in Freiburg jede Menge, auch wenn hier niemand von Gedöns redet.

Poensgen zieht den ersten Aktenvorgang vom Stapel. »Soko Spargelesserin«, liest er halblaut und schnaubt. Sein Schnauben klingt böse und das Schrillen des Telefons ebenso.

Poensgen wirft einen Blick aufs Display, lässt fünfmal läuten, greift endlich missmutig zum Hörer.

»Kramer, was gibt’s?«

»Soll ich Sie begleiten?«

»Wohin?«

»Talstraße Nummer …«, murmelt Kramer, als sei er Briefträger und suche ein Namensschild auf einem Briefkasten.

Poensgen starrt auf die Affen. Mittendrin hockt der Neuankömmling. Klein, aber oho. Das Geburtstagsgeschenk von Andor Móricz. Die verkleinerte Kopie eines Immendorffaffen mit Palette und Pinsel in der Hand. Der Winzling muss saumäßig teuer gewesen sein, überlegt Poensgen und greift nach dem Tierchen. Der Affe blinzelt ihn an. Poensgen fährt ihm mit dem Daumen übers Gesicht und wischt das Grinsen fort, das sowieso nur der irritierende Glanz polierter Bronze ist.

»Hallo?«, ruft Kramer ins Telefon und bringt sich wieder in Erinnerung.

»Nein, ich fahre – allein«, stößt Poensgen hervor, legt auf und sieht, wie Fessler hereingeschlurft kommt.

»Sorry, habe vergessen anzuklopfen«, tönt Fessler süffisant und baut sich vor Poensgen auf. »Und? Seit wann zurück?«

»Heute Nacht. Bin mit dem Auto …«

»Wie? Sie sind …?«

»Ein Freund … er hat mich gefahren, war ’ne Menge los auf der Autobahn, wir haben fast neun Stunden gebraucht. Stau an der Grenze und am Deggendorfer Kreuz.«

»Na, da wären Sie ja mit dem Rollstuhl schneller gewesen«, flachst Fessler.

»Ich fahre jetzt in die Talstraße.«

»Allein? Sie wissen, dass Sie das nicht sollen. Aber wollen Sie mir nicht erst einmal berichten, was Sie für ein himmelschreiendes Drama in Wien erlebt haben? Worauf mussten Sie sich nur wieder einlassen? War das nötig, sich einzumischen? Verdammt noch mal, Sie sind behindert! Sie sind doch von einer Überheblichkeit, wie sie im Buche steht. Das wird einen Mordsärger geben, das sage ich Ihnen. An dieser Story werden Sie eine Weile Vergnügen haben.«

Poensgen wirft Fessler einen scharfen Blick zu. »Was soll das? Wieso gibt es eine Sonderkommission Spargelesserin, sind denn alle verrückt? Soll ich Ihre grandiose Bezeichnung aus dem Ökoladen etwa witzig finden?«

»Die Soko Spargelesserin haben wir gestern einstimmig gebildet, da waren Sie bekanntlich noch nicht aus Ihrem Sonderurlaub zurück.« Fesslers Kinn zuckt gekränkt. »Ich habe vorläufig sechseinhalb Kollegen für den Fall freigestellt. Sie wissen, es fehlen uns Leute. Besonders Kramer hat sich sehr sorgfältig eingearbeitet und alles für Sie vorbereitet. Sie können sofort in den Fall einsteigen. Die Männer und Frauen von der Spurensicherung waren achtundvierzig Stunden lang in der Wohnung des Opfers, die haben jeden elenden Quadratzentimeter umgepflügt. Bisher hat keiner eine Ahnung, warum man die alte Frau …« Er donnert mit der Faust auf Poensgens Schreibtisch, lächelt plötzlich verbindlicher.

»Mein lieber Poensgen, die Spurenlage ist kompliziert, bisher können wir noch nichts zuordnen und analysieren. Aber dazu ist es sowieso viel zu früh, wir brauchen Zeit. Insgesamt ist festzustellen, dass da einer richtig aufgeräumt und geputzt hat. Kommt mir ziemlich professionell vor. Alle Spuren wie weggezaubert.«

Poensgen verzieht den Mund. »Kompliziert ist es doch immer. Oder war’s schon mal anders?«

Fessler deutet mit seinem Zeigefinger auf Poensgen. »Jaja, gehen Sie ruhig auch noch einmal hin. Aber nehmen Sie Kramer mit. Sie werden nichts finden, was wir nicht schon gefunden haben. Kramer hat einen verdammten Ehrgeiz, der will die Erfolgsleiter hochfallen, und außerdem will er’s Ihnen zeigen. Ich finde das ganz in Ordnung, dann strengt er sich wenigstens an. Also bedanken Sie sich und seien Sie nett zu ihm, und nichts für ungut, ich muss jetzt los. Wir haben noch eine Kindstötung im Schwarzwald reingekriegt, aber davon habe ich Sie vorerst befreit. Sie dürfen sich ausschließlich dem Fall Spargelesserin widmen.«

»Wie großzügig.«

»Ihren Wiener Wurstbudenmord, den sollten Sie schleunigst von der Hacke kriegen, verstanden? So was können wir hier nicht gebrauchen. Also mal unter uns, ich kann die Kollegen aus Wien irgendwie nicht leiden.« Fessler tippt sich an die Stirn. »Das müssen Sie sich einmal vorstellen, die haben eine Frau an ihrer Spitze, eine Oberinspektorin, ein völlig unfähiges Weib. Die Frau ist ein Alptraum – sollte lieber Kinder kriegen, als Verbrecher zu jagen.«

»Eva-Maria Brettschneider?«

»Exakt die.« Fessler dreht sich um und schlurft zur Tür.

»Die hat aber ganz nett was auf dem Kasten«, ruft ihm Poensgen hinterher.

Die Tür fällt zu, Poensgen ist wieder mit seinen Affen allein.

»Also gut, ihr dürft bleiben«, sagt er leise.

Tatort Talstraße

Kurze Zeit später kurvt Poensgen über den Flur seiner Abteilung, rollt zum Aufzug und gleitet in die Tiefgarage. Mit leisem Fiepen öffnet sich die Autotür seines umgerüsteten BMW. Poensgen wirft den blauen Schnellhefter mit der Aufschrift »Soko Spargelesserin« auf die Instrumentenkonsole und stemmt sich kraftvoll wie ein Barrenturner aus dem Rolli. Als er bequem sitzt, verstaut er das zusammengefaltete Aluminium-Gefährt auf dem vom Beifahrersitz befreiten Platz. Er startet den Wagen und fährt aus der Tiefgarage. Auf Höhe des Portierhäuschens grüßt ihn Karl Obrist, der Mann mit der Boxernase und den Blumenkohlohren. Poensgen hebt die Hand, und Obrist freut sich übers ganze Gesicht. Poensgen ist schon vorbei, bremst plötzlich, setzt den Wagen ein Stück zurück und lässt die Seitenscheibe herunter. Obrist kommt an den Wagen.

»Wollen wir nicht demnächst ein Bier zusammen trinken?«, ruft Poensgen.

Obrist nickt eifrig. »Gern, Sie müssen mir unbedingt von Wien erzählen. Meine Frau möchte auch einmal nach Wien, und ich kann mir einfach nichts darunter vorstellen. Städtereisen und dieses ganze Kulturzeug sind mir zu anstrengend, aber was tut man nicht alles. Stellen Sie sich vor, wir haben demnächst Hochzeitstag, sind seit vierzig Jahren verheiratet und immer noch zusammen – wie zwei alte Graugänse.«

Poensgen wirft Obrist einen nachdenklichen Blick zu, bevor er ihn mit gesenkter Stimme fragt: »Karl, Sie wohnen in der Nähe der Talstraße. Haben Sie was gehört oder gesehen? Über was reden die Menschen? Die erzählen garantiert irgendwas, das ist doch meistens so.«

»Alle sind entsetzt, viele haben Angst. So ein heimtückischer Mord an einer alten Frau passt nicht in unser schönes Viertel. Dort gibt es keinen Mörder. Bis jetzt nicht. Aber«, er stockt, »seit an jeder Ecke Ausländer rumstehen, machen sich einige Leute halt so ihre Gedanken, verstehen Sie? Das Leben in unserer Stadt ist anders geworden, das sagen alle.«

Poensgen schüttelt den Kopf. Er klingt verärgert. »Blödsinn, das sind wirklich Scheißhausparolen, aber so dumm muss man heute daherquatschen. Ist ja auch toll, einen Buhmann zu haben. Na schön, ich muss jetzt los. Machen Sie’s gut.« Er gibt Gas, und der BMW schießt davon.

Obrist geht zurück in sein Häuschen und beugt sich über ein Kreuzworträtselheft. Senkrecht, anderes Wort für »fremd«, fünfzehn Buchstaben: u n v e r s t a e n d l i c h. Passt! Er kritzelt es hin und lächelt zufrieden.

Zehn Minuten später stellt Poensgen seinen BMW exakt an die Stelle, wo er früher immer parkte, als auch er noch in der Talstraße wohnte. Er macht den Motor aus, schnappt sich die Akte und blättert darin. Zuerst schaut er sich die technisch perfekt gemachte Fotodokumentation vom Tatort an: der Kopf der Toten – bestialisch zugerichtet. Das weiße Haar – ein blutiges Knäuel.

»Jede Woche zum Friseur und bei Nebel ein leichtes Kopftuch, genau wie die Queen«, erinnert er sich an ihre Worte und wie sie sich dabei über die Haarwellen gestrichen hat, um sie zu richten, obwohl sie kein bisschen zerzaust waren.

Neben der Toten liegt eine zerrissene Perlenkette. Ihre Kette. Sie war nie ohne ihre Kette.

»Sie wissen doch, Kommissar Poensgen, Perlen schmeicheln dem Teint einer Frau.«

Stirnrunzelnd vertieft er sich in das Protokoll.

Also, wie war das?

Die Tote lag drei Stunden im Flur ihrer Wohnung, bevor sie am 5. Mai gegen Abend aufgefunden wurde, von einem Mann namens Romillo Renato Wolf, achtundsiebzig Jahre alt, Künstler, wohnhaft im selben Haus, parterre.

Aha, das ist also der Mann, der in meine ehemalige Wohnung eingezogen ist. Mein Nachmieter, den ich damals nicht mehr kennengelernt habe. Aber wieso entdeckt der die Tote? Hat er einen Schlüssel zur Wohnung?

Poensgen blättert hin und her. Er sucht, ob noch mehr Informationen über Wolf und die Situation im Haus notiert sind. Enttäuscht stellt er fest, dass es zu dem Mann bisher noch keine ausführlichere Befragung gibt, jedenfalls nicht in diesem Bericht.

Poensgen hebt langsam sein Gesicht, sieht vor seinem inneren Auge die alte Frau auf dem Boden liegen. Viel Blut ist um sie herum. Kein schöner Anblick, nichts für schwache Nerven. Poensgen schüttelt sich, fährt sich übers Kinn, beobachtet in Gedanken versunken die Straße.

Die Autos halten sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, praktizieren verkehrsberuhigtes Fahren. Auf dem Gehweg albern Schülerinnen von einer nahen Schule herum, einige dunkelhäutige Schönheiten und ein paar Mädchen mit Kopftüchern mittendrin. Die jungen Dinger kichern und halten allesamt Smartphones in ihren Händen. Sie achten nicht auf ihn, auch nicht auf den grauhaarigen Professoren-Typ mit Einkaufskorb am Lenkrad, der gemächlich an ihnen vorbeiradelt und zum Supermarkt an der Ecke steuert. Im selben Moment zwängen sich eine mit Tüten bepackte Frau und ein kleines Mädchen aus dem Geschäft. Die Frau ist hochschwanger, trägt ein buntes Kopftuch und ein dunkles Mantelkleid. Sie bewegt sich mit schwerem, schwankendem Schritt. Unerwartet hält sie inne und blickt zu Poensgen. Ihr Gesicht ist sehr jung, fast noch kindlich. Er schaut ihr nach, bis sie zwischen parkenden Autos vor einer Villa aus seinem Blickfeld verschwindet.

Ein VW-Pritschenwagen mit Freiburger-Umland-Kennzeichen fährt suchend an ihm vorbei und setzt sich unmittelbar vor seinen BMW. Zwei breitschultrige Gestalten in Arbeitsklamotten springen heraus, einer rechts, der andere links; sie beäugen die Häuser, diskutieren, wirken unschlüssig. Der ältere von ihnen zieht einen Fetzen Papier aus der Jackentasche und kommt an Poensgens Wagen.

Poensgen lässt die Seitenscheibe herunter, der Mann schiebt sein Gesicht ins Wageninnere. Sein Atem riecht nach Knoblauch und leerem Magen.

»Sprech nix Deutsch, wo ist Haus?« Er streckt Poensgen das Papier hin.

Poensgen versucht, die Schrift zu entziffern. »Schubert, Talstraße. Was wollen Sie dort?«

Der Mann zuckt hilflos die Achseln.

»Wieso wollen Sie zu dieser Adresse? Und woher kommen Sie?«, drängt Poensgen.

»Ich bin der Pavkovic aus Badenweiler«, murmelt er und blickt ihn treuherzig an. Mit seinen Händen imitiert er die Bewegungen eines Klavierspielers und nickt dabei heftig.

»Das Klavier?«, ruft Poensgen und kann seine Überraschung nicht unterdrücken.

»Richtig, Klavier. Wir holen Klavier, wir sind Transportfirma.«

Poensgen schüttelt verwundert den Kopf. Er zieht seinen Ausweis aus der Lederjacke. »Kriminalpolizei Freiburg, bleiben Sie hier, bis ich ausgestiegen bin.«

Pavkovic weicht zurück. Der zweite Mann kommt zögernd dazu. Nun stehen sie da wie Plisch und Plum, die zwei ungezogenen jungen Hunde, die ertränkt werden sollen, denkt Poensgen.

Er öffnet seine Wagentür, bugsiert den Rollstuhl auf die Straße und klappt ihn fahrbereit auf. Poensgen fällt mit Schwung in den Rolli-Sitz. Er schmeißt die Wagentür zu. Für einen Moment geht ein Ruck durch die Männer, und es sieht aus, als wollten sie weglaufen. Doch sie bleiben auf der Straße stehen, schauen ihm zu, wie er telefoniert. Er spricht nur wenige Sätze, steckt das Mobiltelefon wieder ein und rollt mit drei kräftigen Schüben zum Pritschenwagen. Die Männer folgen ihm. Sie halten Abstand, aber sie kommen ihm nach. Und dann verstehen sie. Sie können nicht mehr fortfahren.

Poensgen hat seinen Rollstuhl vor die Schnauze des Pritschenwagens gestellt und steckt sich in aller Ruhe ein Zigarillo zwischen die Lippen, ohne es anzuzünden. Sein Blick ruht auf den Männern, in deren Gesichtern jetzt Entrüstung steht. Er spürt ihren Ärger, sagt aber nichts. Es dauert endlose fünf Minuten, bis ein Streifenwagen angerast kommt und stoppt. Zwei Polizisten springen heraus.

»Nehmen Sie die Personalien von Plisch und Plum auf und den ganzen übrigen Kram, der dazugehört. Ich möchte die Herren befragen, nicht jetzt, aber später. Also lassen Sie sie danach nach Hause fahren, aber machen Sie ihnen klar, dass sie in den nächsten Tagen ins Präsidium kommen müssen«, weist Poensgen die Kollegen an und rollt davon.

Aus der Zeit gefallen

Als sei es erst gestern gewesen, dass er seinen Rolli mit ein paar Handgriffen die Rampe hinaufbewegt und sich einen Moment auf dem gekachelten Vorplatz ausgeruht hat, den Hausschlüssel aus der Tasche gezogen und die Eichentür … genauso kommt es ihm vor, als er jetzt nach seinem Schlüsselbund greift. Beim Auszug hatte er vergessen, den Schlüssel fürs Haus abzugeben, hatte ihn später vorbeibringen wollen, was auch eine Gelegenheit gewesen wäre, die alte Dame zu besuchen und mit ihr eine Tasse Tee zu trinken. Sie hätte sich gefreut, sehr gefreut sogar, das weiß er. Sie hätte sich mehr als gefreut, sie wäre glücklich gewesen, denkt er.

Schlagartig ist ihm alles wieder gegenwärtig. Wie sie ihn damals im Präsidium in seinem Arbeitszimmer besucht hat, mit einem Bild unter dem Arm, und dieses sogar selbst aufgehängt hatte. Wie sie das Freiburger Münster neben den Kölner Dom gerückt hat, um ihm, dem Kommissar aus Köln, eine Freude zu machen …

Er holt tief Luft, weil ihm die Erinnerung an die Begegnung unangenehm ist. Er hat die Frau damals schleunigst loswerden müssen, wegen eines dringenden Falls im Schwarzwald … wie enttäuscht sie war und den Tränen nahe. Ein seltsamer Morgen war das, draußen dieses garstige Novemberwetter, Schneeregen und Wind, und drinnen die greise, hochgewachsene Lady, todschick und mit geputzten Lackschuhen.

Gedanklich noch immer zwischen Lackschuhen und Kölner Dom verheddert, sticht Poensgen den Schlüssel ins Schlüsselloch. Die schwere geschnitzte Tür schwingt bis zum Anschlag auf und hakt sich in einem Riegel fest.

Der Riegel – auch eine nette Geste von ihr – sollte ihm das Hereinkommen erleichtern.

Sein Blick fällt auf die Briefkästen. Zwei Blechkisten hängen nebeneinander an der Wand. In jedem steckt ein Journal eines Bürgervereins. Er entzieht dem ersten Kasten das Heft. Die Klappe scheppert laut, ein Namensschildchen zeigt sich: »Schubert«.

Er rollt ganz dicht an den Kasten und entdeckt im Inneren einen Brief.

»Briefkastenschlüssel suchen«, murmelt er vor sich hin, während sich der Rolli wie selbstverständlich auf die weiß lackierte und bunt verglaste Wohnungstür der Parterrewohnung zubewegt. Der dicke Fußabstreifer, den er damals weggeräumt hatte, damit der Rollstuhl in die Wohnung gleiten konnte, liegt jetzt wieder ordentlich an dem dafür vorgesehenen Platz. Ein Visitenkärtchen klebt an der Tür, grau umrandet. Er selbst hatte dergleichen nie gebraucht, hatte sozusagen namenlos dort gewohnt.

»Studio Wolf«, liest Poensgen halblaut.

Studio? Was denn für ein Studio?, denkt er verärgert, weil er auch davon nichts weiß. Aber wie sollte er auch. Er ist nie mehr hier gewesen. Er fühlt sich unwohl. Eine Spur schlechtes Gewissen beschleicht ihn.

Er wendet seinen Rolli und hält vor dem altertümlichen Lift mit dem Scherengitter. Der Käfig steht oben. Poensgen drückt auf den Knopf. Unter lautem Ächzen und Klappern bequemt sich der Apparat, herunterzukommen.

Gleich darauf zuckelt der Kasten mit Poensgen wieder hinauf. Poensgen verlässt den engen Lift so geschickt wie früher, wenn er Frau von Schubert am Sonntagabend besucht hat und zusammen mit ihr den unvermeidlichen Tatortkrimi anschauen musste. Es war ihr Highlight der Woche, wenn er zu ihr kam. Zum Film gab es Wein und Gebäck oder Eiscreme mit Waffeln.

Jawohl, verdammte Kacke, so war das, denkt er und spürt seinen Groll.

Welches brutale Schwein hat die Frau umgebracht? Ich muss ihren Mörder finden. Ich muss, ich muss, das bin ich ihr schuldig. Er starrt auf die Wohnungstür, die einen Spalt offen steht.

Was für eine Frechheit. Wer wagt es, Schloss und Siegel zu öffnen? Er zögert und überlegt kurz, ob er Kramer anrufen soll. Kramer wartet darauf. Doch er hakt den Gedanken ab. Es muss ohne Kramer gehen.

Entschlossen zieht er sich Einmalhandschuhe über. Die Sinne geschärft, drückt er vorsichtig und doch energisch die Tür auf. Er hält einen Moment inne, ist jetzt ganz Ohr, atmet in die Stille.

Unmittelbar hinter dem Eingang muss er einige Klebebänder überrollen, die auf dem Flurteppich angebracht sind. Die dünnen Papierstreifen rascheln, und die Reifen seines Rollstuhls pressen sich in die Teppichwolle.

Hier hat sie gelegen, jämmerlich verblutet.

Aufmerksam lässt er seinen Blick wandern. Die Umgebung ist ihm vertraut, ein bisschen wie – der Gedanke kommt ihm falsch und doch auch irgendwie richtig vor – nach Hause kommen. Er erkennt sogar den Geruch wieder, der ihn abgestoßen hat. Gekochter Kohl, auch wenn weit und breit kein Kohl vorhanden war. Aber es roch danach. Vielleicht riechen alte Frauen nach Kohl, hat er jedes Mal gedacht.

Er ruft sich zur Ordnung: Idiot, bleib professionell, bleib neutral, bloß keine Rührseligkeiten, vor allem keine Abneigung. Gefühle führen auf die falsche Spur. Was bildest du dir eigentlich ein? Kanntest die Frau doch kaum. Was weißt du schon von ihr? Es waren doch nur ein paar unbedeutende Begegnungen. Ihr Leben, ihre Intimität, woher sie kam, mit wem sie verkehrte, ihre finanzielle Situation? Du hast keine Ahnung, also bleib auf dem Teppich!

Apropos Teppich. Davon liegen genügend herum; er weiß es, in jedem Zimmer liegen die zum Teil abgewetzten bunten Brücken und Galerien übereinander, quer und längs wie in einem orientalischen Basar.

Poensgen rollt weiter, betrachtet Stück für Stück der altbackenen Flureinrichtung: Garderobenständer, Ankleidespiegel, Hutablage, Telefontisch, Schirmständer, eine Bodenvase mit künstlichen Gräsern. Hausschuhe mit Pelzpuscheln vor einer Truhe. Darauf eine mit blauen Blumen bestickte Decke, oval und mit dicker geklöppelter Spitze außenrum.

Unter seinen Rädern knistern wieder die Klebebänder. Er rollt über den mit Kreide gemalten Körperumriss, fährt einfach darüber hinweg. Seine Hand zuckt. Er will das alles nicht, aber er kann nicht anders, der Rolli ist störrisch, hat seinen naturgemäß eingeschränkten Wendekreis.

Poensgen betrachtet die Klebebänder und fragt sich, warum die Kollegen von der Spurensicherung dieser Methode den Vorzug gegeben haben, wo doch die dreidimensionalen Fotografien absolut aussagekräftig sind und inzwischen bei der Mordkommission eingeführt. Er überrollt jetzt auch die lang gezogene braunrote Spur, die wie eine Riesenzunge über den Teppich leckt und die letzten Meter des Sterbewegs dokumentiert.

»Hier also«, murmelt Poensgen und starrt auf die Stelle, wo die Zunge in einen Fleck übergeht: trocken, ellipsenförmig und mit kleinen Ausstülpungen. Durchmesser circa sechzig Zentimeter, oval wie ein Ei, die Urform des Lebens, oder wie das Spitzendeckchen auf der Truhe.

Eigentlich eine hübsche Form, aber saumäßig traurig, denkt er. Er wartet, spricht ein paar Notizen in sein Smartphone und peilt vorsichtig die verglaste Tür zum Wohn- und Balkonzimmer an. Er schwitzt in den behandschuhten Händen, die die Räder vorwärtspullen. Und plötzlich ist da ein Geräusch. Poensgen hält den Atem an. Er dreht den Kopf und lauscht. Er glaubt, den verspielten Ton eines Glöckchens zu hören. Nein, nichts dergleichen. Still ist es. Kein Glöckchen.