Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Der Liebe eine Stimme geben E-Book

Lisa Genova  

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E-Book-Beschreibung Der Liebe eine Stimme geben - Lisa Genova

"Die meisten Menschen lieben mit einem vorsichtigen Herzen - nur, wenn bestimmte Dinge passieren oder nicht passieren, nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn der Mensch, den wir lieben, uns verletzt, uns im Stich lässt, uns enttäuscht, wenn dieser Mensch schwer zu lieben wird, dann hören wir oft auf zu lieben. Wir schützen unser empfindliches Herz." In Der Liebe eine Stimme geben erzählt Bestsellerautorin Lisa Genova die berührende Geschichte einer Freundschaft zweier Frauen, in der ein außergewöhnlicher kleiner Junge eine ganz besondere Rolle spielt.

Meinungen über das E-Book Der Liebe eine Stimme geben - Lisa Genova

E-Book-Leseprobe Der Liebe eine Stimme geben - Lisa Genova

INHALT

CoverTitelImpressumWidmungPrologEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundundzwanzigDreiundundzwanzigVierundundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzigSiebenundzwanzigAchtundzwanzigNeunundzwanzigDreißigEinunddreißigZweiunddreißigDreiunddreißigVierunddreißigFünfunddreißigSechsunddreißigSiebenunddreißigAchtundunddreißigNeununddreißigVierzigEpilogAnmerkung der AutorinDanksagung

LISA GENOVA

DER LIEBE EINE STIMME GEBEN

ROMAN

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Veronika Dünninger

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Love Anthony«

Für die Originalausgabe: Copyright © 2012 by Lisa Genova

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Gallery Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., New York.

Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Hanna Granz, Witten Umschlaggestaltung: Gisela Kullowatz Umschlagmotiv: © picture-alliance / Trigger Image, © shutterstock / Martin Valigrusky E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-8387-4491-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Tracey Im Gedenken an Larry

PROLOG

Es ist das Columbus-Day-Wochenende, und sie haben Glück mit dem herrlichen Wetter, einem Spätsommertag im Oktober. Sie sitzt auf ihrem Strandliegestuhl, die Lehne senkrecht gestellt, und gräbt die Fersen in den heißen Sand. Das Meer vor ihr glitzert weiß und silbrig im Sonnenschein. Es gibt keine Fischerboote oder Jachten in der Ferne, keine Kitesurfer oder Schwimmer nahe der Küste, nichts als einen puren Meerblick heute. Sie atmet ein und aus.

Nimm es in dich auf.

Ihre drei Töchter sind eifrig dabei, eine Sandburg zu bauen. Sie sind zu nah am Wasser. Binnen einer Stunde wird die Burg überflutet und zerstört werden, aber sie hören ja nicht auf die Warnungen ihrer Mutter.

Ihre älteste Tochter, fast acht, ist die Architektin und Vorarbeiterin. Mehr Sand hier. Eine Feder dort. Holt ein paar Muscheln für die Fenster. Grabt dieses Loch tiefer. Die beiden jüngeren sind ihre treuen Bauarbeiter.

»Mehr Wasser!«

Die jüngste, knapp vier, liebt diesen Job. Sie läuft mit ihrem Eimer los, bis sie knietief im Meer steht, füllt den Eimer und kommt zurück, kämpft mit seinem Gewicht, verschüttet mindestens die Hälfte des Wassers, während sie zu ihren Schwestern zurücktorkelt, lächelnd, voller Freude über ihren Beitrag zu dem Projekt.

Sie liebt es, ihren Töchtern so zuzusehen, in ihr Spiel vertieft, ohne auf ihre Mutter zu achten. Sie bewundert ihre jungen Körper, alle in Kleinmädchen-Bikinis, die Haut noch immer tief gebräunt von einem Sommer im Freien, während sie hüpfen, in die Hocke gehen, sich bücken, sich setzen, völlig unbefangen.

Das Wetter und der Feiertag haben viele Touristen auf die Insel gelockt. Verglichen mit den letzten Wochen seit dem Labor Day scheint der Strand heute überfüllt von Spaziergängern und ein paar Sonnenanbetern. Erst gestern ist sie eine Stunde an genau diesem Strandabschnitt entlanggegangen und hat nur eine einzige andere Person gesehen. Aber das war ein Freitagmorgen, und es war neblig und kalt.

Ihre Aufmerksamkeit fällt auf eine Frau, die auf einem ähnlichen Strandstuhl am Rand des Wassers sitzt, und ihren Jungen, der neben ihr für sich allein spielt. Der Junge ist ein mageres kleines Ding, ohne Hemd, in einer blauen Badehose, vermutlich ein Jahr jünger als ihre jüngste Tochter. Er baut eine Reihe aus weißen Steinen im Sand.

Jedes Mal, wenn das Wasser hereinflutet und seine Steinreihe für einen Moment in weißem Schaum ertränkt, springt er auf und ab und kreischt. Dann läuft er ins Wasser, als würde er ihm nachjagen, und wieder zurück, mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Sie beobachtet ihn weiter, aus irgendeinem Grund gebannt von ihm, während er methodisch immer mehr Steine an seine Reihe anlegt.

»Gracie, frag diesen kleinen Jungen doch einmal, ob er euch helfen will, die Sandburg zu bauen.«

Aufgeschlossen und gewohnt, Anweisungen zu befolgen, springt Gracie hinüber zu dem kleinen Jungen. Sie sieht zu, wie ihre Tochter mit ihm redet, die Hände in die Hüften gestemmt, aber die beiden sind zu weit entfernt, als dass sie hören könnte, was ihre Tochter sagt. Der Junge scheint sie gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Seine Mutter sieht für einen Moment über ihre Schulter.

Gracie läuft allein zurück zu ihrer Stranddecke.

»Er will nicht.«

»Okay.«

Bald beginnt das Meer mit seinem Angriff auf die Burg, den Mädchen wird es langweilig, weiter an ihr zu bauen, und sie fangen an zu murren, dass sie Hunger haben. Es ist Mittag, und sie hat kein Essen mitgebracht. Zeit zu gehen.

Sie schließt die Augen und nimmt einen letzten warmen, frischen, salzigen Atemzug, dann atmet sie aus und steht auf. Sie sammelt eine Handvoll im Sand verstreute Schaufeln und Burgförmchen ein und trägt sie zum Meer, um sie auszuspülen. Sie lässt das Wasser über ihre Füße schwappen. Es ist betäubend kalt. Während sie die Strandspielsachen ihrer Töchter ausspült, sucht sie den Sand nach Muscheln oder Meerglas ab, irgendetwas Schönem, um es mit nach Hause zu nehmen.

Sie sieht nichts Lohnenswertes, aber sie entdeckt einen einzelnen, strahlend weißen Stein, der aus dem Sand hervorragt. Sie hebt ihn auf. Er ist oval, vollkommen glatt gewaschen. Sie geht hinüber zu dem kleinen Jungen, bückt sich und legt ihren Stein behutsam an ein Ende seiner Reihe an.

Er sieht sie so kurz an, dass sie sie fast gar nicht bemerkt hätte – entzückende braune Augen, die sie in der Sonne anblinzeln, voller Freude über ihren Beitrag zu seinem Projekt. Er springt auf und kreischt und fuchtelt mit den Händen, ein fröhlicher Tanz.

Sie lächelt die Mutter des Jungen an, die ihr Lächeln erwidert, aber es ist zurückhaltend und misstrauisch, ein Lächeln, das nicht zu mehr einlädt. Sie ist sich sicher, dass sie diese Frau oder ihren kleinen Sohn nicht kennt, und sie hat keinen bestimmten Grund zu denken, dass sie sie je wiedersehen wird, aber als sie sich zum Gehen wendet, winkt sie und sagt mit völliger Überzeugung: »Bis später.«

EINS

Beth ist allein in ihrem Haus, lauscht auf den Sturm und überlegt, was sie als Nächstes tun könnte. Um genau zu sein, ist sie nicht wirklich allein. Jimmy ist oben und schläft. Aber sie fühlt sich allein. Es ist zehn Uhr morgens, die Mädchen sind in der Schule, und Jimmy wird mindestens bis mittags schlafen. Sie sitzt mit angezogenen Knien auf der Couch, schlürft einen heißen Kakao aus ihrem blauen Lieblingsbecher, sieht dem Feuer im Kamin zu und lauscht.

Regen und Sand schlagen gegen die Fensterscheiben wie ein angreifender Feind. Windspiele klimpern in einem fort, eine völlig verrückte Musik, aus irgendeinem fernen Nachbarsgarten von den Böen herübergetragen. Der Wind heult wie ein verzweifelt wimmerndes Tier. Ein verzweifelt wimmerndes wildes Tier. Die Winterstürme auf Nantucket sind wild. Wild und brutal. Früher haben sie ihr Angst gemacht, aber das war vor Jahren, als sie neu auf dieser Insel war.

Die Heizung zischt. Jimmy schnarcht.

Die Wäsche hat sie bereits erledigt, die Mädchen werden erst in ein paar Stunden nach Hause kommen, und es ist zu früh, um das Abendessen in Angriff zu nehmen. Sie ist froh, dass sie die Einkäufe schon gestern erledigt hat. Das ganze Haus muss gestaubsaugt werden, aber damit wird sie warten, bis Jimmy aufgestanden ist. Er ist erst nach zwei Uhr morgens von der Arbeit nach Hause gekommen.

Sie wünscht, sie hätte das Buch für den Buchclub im nächsten Monat. Sie vergisst immer wieder, bei der Bibliothek vorbeizufahren, um es sich auszuleihen. Das Buch in diesem Monat war Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone von Mark Haddon. Es war eine schnelle Lektüre, eine Mordgeschichte, erzählt von einem autistischen Teenagerjungen. Sie mochte es und war besonders fasziniert von der seltsamen Innenwelt der Hauptfigur, aber sie hofft, dass das nächste Buch ein bisschen leichter sein wird. Im Allgemeinen wählen sie eher ernste Literatur für den Buchclub, aber im Moment könnte sie eine angenehme Flucht in eine heiße Sommerromanze gebrauchen. Das könnten sie alle.

Ein lauter Rums gegen die Rückseite des Hauses lässt sie zusammenzucken. Grover, ihr schwarzer Labrador, der auf dem Flechtteppich geschlafen hat, hebt den Kopf.

»Schon gut, Grove. Das ist nur Daddys Stuhl.«

Da sie wusste, dass ein schwerer Sturm im Anzug war, hatte sie Jimmy gestern Abend gebeten, seinen Stuhl noch ins Haus zu bringen, bevor er zur Arbeit fuhr. Es ist sein »Zigarren«-Stuhl. Einer der Sommerbewohner hat ihn im September am Straßenrand stehen lassen, mit einem Schild, auf dem ZU VERSCHENKEN stand, und Jimmy konnte nicht widerstehen. Das Teil ist Schrott. Es ist ein Adirondack-Stuhl aus Zedernholz. An den meisten Orten der Welt könnte dieser Stuhl ein Leben lang halten, aber auf Nantucket zersetzt die salzige, feuchte Luft letztendlich alles, was nicht aus den dichtesten künstlichen Verbundstoffen besteht. Alles muss außergewöhnlich hart sein, um hier zu überleben. Und vermutlich mehr als nur ein bisschen dicht.

Jimmys moderiger, zerfressener Stuhl gehört auf den Müll oder wenigstens in die Garage, wie Beth gestern Abend weise bemerkt hat. Aber stattdessen hat der Wind ihn einfach in die Luft geworfen und gegen das Haus geschleudert. Sie spielt mit dem Gedanken, aufzustehen und den Stuhl selbst in die Garage zu schleppen, aber dann überlegt sie es sich anders. Vielleicht wird der Sturm ihn ja zertrümmern. Aber natürlich, selbst wenn das passiert, wird Jimmy einfach irgendeinen anderen Stuhl finden, auf dem er sitzen kann, während er seine stinkenden Zigarren raucht.

Sie sitzt da und versucht ihren Kakao, den Sturm und das Feuer zu genießen, aber der Impuls, aufzustehen und etwas zu tun, lässt ihr keine Ruhe. Ihr fällt nur nichts Sinnvolles ein. Schließlich tritt sie an das Kaminsims und nimmt das Hochzeitsfoto von Jimmy und sich in die Hand. Mr. und Mrs. James Ellis. Vor vierzehn Jahren. Ihr Haar war damals länger und blonder. Und ihre Haut war makellos. Keine Poren, keine Flecken, keine Falten. Sie berührt ihre achtunddreißig Jahre alte Wange und seufzt. Jimmy sieht umwerfend aus. Das tut er noch immer, meistens.

Sie studiert sein Lächeln auf dem Foto. Er hat einen leichten Überbiss, und seine Eckzähne stehen ein klein wenig vor. Als sie ihn kennen lernte, fand sie, dass seine leicht schiefen Zähne seinen Charme unterstrichen, ihm zu diesem markanten guten Aussehen verhalfen, ohne dass er damit wie ein Bauernlümmel aussah. Sein Lächeln ist ein selbstbewusstes, schelmisches, breites Grinsen, die Art, bei dem sich die Leute – Frauen – alle Mühe geben, der Grund dafür zu sein.

Aber seine Zähne gehen ihr in letzter Zeit auf den Geist. Die Art, wie er mit der Zunge zwischen ihnen herumstochert, nachdem er gegessen hat. Die Art, wie er sein Essen mit offenem Mund kaut. Die Art, wie seine Eckzähne vorstehen. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie sie anstarrt, während er redet, und wünscht, er würde den Mund halten. Auf diesem Hochzeitsfoto sind sie perlweiß, aber inzwischen sind sie eher karamell- als cremefarben, missbraucht von jahrelangem täglichem Kaffeegenuss und diesen stinkenden Zigarren.

Seine einst schönen Zähne. Ihre einst schöne Haut. Seine ärgerlichen Angewohnheiten. Sie hat sie auch. Sie weiß, dass ihr Genörgel ihn rasend macht. Genau das passiert, wenn Leute älter werden, wenn sie seit vierzehn Jahren verheiratet sind. Sie lächelt über Jimmys Lächeln auf dem Foto, bevor sie es zurück auf das Kaminsims stellt, etwas links von dort, wo es zuvor stand. Sie tritt einen Schritt zurück. Sie kneift die Lippen zusammen und beäugt das ganze Arrangement.

Ihr Kaminsims ist ein knapp drei Meter langes Stück Treibholz, das über der Feuerstelle hängt. Sie haben es eines Abends am Surfside Beach angeschwemmt gefunden, in jenem ersten Sommer. Jimmy hob es auf und sagte: Das werden wir eines Tages über dem Kamin in unserem Haus aufhängen. Dann hatte er sie geküsst, und sie glaubte ihm. Sie kannten sich erst seit ein paar Wochen.

Drei Fotos stehen auf dem Kaminsims, alle in denselben verwitterten weißen Rahmen – links eines von Grover, als er sechs Wochen alt war, in der Mitte Beth und Jimmy, und rechts ein Strandporträt von Sophie, Jessica und Gracie in weißen Blusen und rosa geblümten Bauernröcken. Es wurde kurz nach Gracies zweitem Geburtstag aufgenommen, vor acht Jahren.

»Wo ist nur die Zeit geblieben?«, sagt sie laut zu Grover.

Ein riesiger, pfirsichfarbener Seestern, den Sophie drüben beim Sankaty-Leuchtturm gefunden hat, flankiert das Beth-und-Jimmy-Bild auf der linken Seite, und eine vollkommene Nautilusmuschel, auch sie riesig und ohne einen Knacks oder Kratzer, auf der rechten. Die Nautilusmuschel hat Beth drüben am Great Point gefunden, in dem Jahr, in dem sie Jimmy geheiratet hat, und sie hat sie sicher durch drei Umzüge gebracht. Seitdem hat sie hunderte von Nautilusmuscheln in der Hand gehabt und nie wieder eine ohne Makel gefunden. Das hier ist die ständige Anordnung auf dem Kaminsims. Nichts anderes ist hier erlaubt.

Sie rückt das Hochzeitsfoto noch einmal zurecht, ein Stück nach rechts, und tritt einen Schritt zurück. So. So ist es besser. Genau in der Mitte. Alles so, wie es sein soll.

Und was jetzt? Sie ist auf den Beinen, voller Tatendrang.

»Komm, Grover. Lass uns die Post holen.«

Draußen bereut sie die Idee sofort. Der Wind peitscht durch ihre dickste »windundurchlässige« Winterjacke, als wäre sie ein Sieb. Ein eisiger Schauer läuft ihr über den Rücken, und die Kälte fühlt sich an, als würde sie tief in ihre Knochen eindringen. Der Regen kommt von der Seite, klatscht ihr ins Gesicht, sodass sie kaum die Augen offen halten kann, um zu sehen, wohin sie geht. Der arme Grover, der eben noch warm und zufrieden geschlafen hat, winselt.

»Tut mir leid, Grover. Wir sind gleich wieder zu Hause.«

Die Briefkästen sind etwa eine halbe Meile weit entfernt. In Beths Nachbarschaft gibt es eine Handvoll Sommerbewohner und Leute, die das ganze Jahr über hier leben, aber auf ihrem Weg zu den Briefkästen sind es hauptsächlich Sommerleute. Daher sind die Häuser um diese Jahreszeit leer und dunkel. In den Fenstern brennt kein Licht, kein Rauch steigt aus den Schornsteinen auf, keine Autos parken in den Auffahrten. Alles ist leblos. Und grau. Der Himmel, die Erde, die verwitterten Zedernschindeln an jedem leeren, dunklen Haus, das Meer, das sie jetzt nicht sehen, aber riechen kann. Alles ist grau. Daran kann sie sich nie gewöhnen. Das eintönige Grau des Winters auf Nantucket kann selbst den unerschütterlichsten Geist ins Wanken bringen. Selbst die stolzesten Einheimischen, die Leute, die diese Insel am meisten lieben, kommen im März ins Grübeln.

Warum nur leben wir auf diesem gottverlassenen Fleckchen grauen Sands?

Frühling, Sommer und Herbst sind anders. Der Frühling bringt die gelben Narzissen, der Sommer bringt den Mykonos-blauen Himmel, der Herbst bringt die rostroten Cranberry-Sträucher. Und sie alle bringen die Touristen. Sicher, die Touristen haben auch ihre Nachteile. Aber sie kommen. Leben! Nach dem Weihnachtsmarkt im Dezember reisen sie alle ab. Sie kehren zurück aufs amerikanische Festland und weiter, zu Orten, an denen sie McDonald’s und Staples und BJ’s haben, und Geschäfte, die über den Januar hinaus geöffnet sind. Und Farbe. Sie haben Farben.

Kalt, durchnässt und elend erreicht sie die Reihe grauer Boxen, die den Straßenrand säumen, öffnet das Türchen ihres Briefkastens, entnimmt ihm drei Postsendungen und stopft sie rasch in ihre Jacke, um sie vor dem Regen zu schützen.

»Komm schon, Grover. Nach Hause!«

Sie machen kehrt und gehen denselben Weg zurück. Jetzt, wo der Regen und der Wind sie von hinten antreiben, kann sie den Kopf heben und sehen, wohin sie geht, statt die meiste Zeit auf ihre Füße zu blicken. Von Weitem kommt jemand auf sie zu. Sie fragt sich, wer es sein könnte.

Als sie näher kommen, erkennt sie, dass es eine Frau ist. Die meisten von Beths Freundinnen leben mitten auf der Insel. Jill lebt in Cisco, nicht allzu weit von hier, aber in der anderen Richtung, zum Meer hin, außerdem ist diese Frau zu klein, um Jill zu sein. Sie trägt einen Hut, einen Schal, den sie sich um Mund und Nase geschlungen hat, einen Parka und Stiefel. In dieser Aufmachung und bei diesem Wetter wäre es schwer, jemanden zu erkennen, aber Beth müsste eigentlich wissen, wer sie ist. Es gibt nicht viele Leute in dieser Gegend, die an einem Donnerstag im März bei diesem Wetter draußen unterwegs sind. Es gibt keine Wochenend- oder Tagesausflügler, die heute einen Spaziergang auf Nantucket unternehmen.

Inzwischen trennen sie nur noch ein paar Meter, aber Beth kann sie noch immer nicht erkennen. Sie kann nur sehen, dass die Frau lange, schwarze Haare hat. Beth macht sich bereit, Hallo zu sagen, und sie lächelt bereits, als sie genau vor ihr ist, aber die andere Frau sieht zu Boden, meidet den Blickkontakt. Daher sagt Beth nicht Hallo, und sie kommt sich albern vor, dass sie gelächelt hat. Grover trottet auf sie zu, um an ihr zu schnuppern, aber die Frau huscht schnell vorüber und ist schon an ihnen vorbei, bevor Beth oder Grover mehr über sie in Erfahrung bringen können.

Nach ein paar Schritten, noch immer neugierig, wirft Beth einen Blick über die Schulter und sieht die Frau bei der Reihe von Briefkästen, am hinteren Ende.

»Vermutlich eine New Yorkerin«, murmelt sie, bevor sie sich umdreht und weiter nach Hause eilt.

Als sie wohlbehalten wieder zu Hause sind, schüttelt sich Grover, sodass er Wassertropfen in alle Richtungen spritzt. Normalerweise würde sie ihn dafür tadeln, aber jetzt ist es egal. Sobald sie die Tür geöffnet hat, hat sich ein Schwall Wasser in den Windfang ergossen. Sie nimmt ihren Hut ab, schlüpft aus ihrer Jacke, und die Post fällt auf den Boden. Sie streift die Stiefel ab. Sie ist vollkommen durchnässt.

Sie schält sich aus ihren nassen Socken und Jeans, wirft sie in die Waschküche und schlüpft in eine Fleece-Pyjamahose und Pantoffeln. Wärmer und trockener und sofort glücklicher geht sie noch einmal zur Haustür, um die Post vom Boden aufzuheben, bevor sie zurück zur Couch geht. Grover hat es sich wieder auf dem Flechtteppich bequem gemacht.

Die erste Sendung ist die Heizkostenabrechnung, die vermutlich höher sein wird als ihre monatliche Hypothekenzahlung. Sie beschließt, sie erst später zu öffnen. Die nächste ist ein Victoria’s-Secret-Katalog. Sie hat sich vor drei Jahren zu Weihnachten einen einzigen Push-up-BH bestellt, und seither schicken sie ihr immer wieder diese Kataloge. Sie wird ihn ins Feuer werfen. Die letzte Sendung ist ein handschriftlich adressierter Briefumschlag an sie. Sie öffnet ihn. Es ist eine Karte mit dem Bild eines Geburtstagskuchens auf der Vorderseite.

Mögen all deine Wünsche in Erfüllung gehen.

Na, das ist ja seltsam, denkt sie. Ihr Geburtstag ist erst im Oktober.

Als sie die Karte aufklappt, sind die Worte Alles Gute zum Geburtstag mit einer einzigen, selbstbewussten Linie mit blauem Kugelschreiber durchgestrichen. Darunter hat irgendjemand geschrieben:

Ich schlafe mit Jimmy.

P. S. Er liebt mich.

Sie braucht ein paar Sekunden, um die Karte noch einmal zu lesen, um sicher zu sein, dass sie die Worte richtig verstanden hat. Sie spürt ihr Herz hämmern, während sie den Umschlag wieder in die Hand nimmt. Wer hat das geschickt? Ein Absender steht nicht darauf, aber die Briefmarke ist auf Nantucket abgestempelt worden. Sie erkennt die Handschrift nicht. Die Schrift ist ordentlich und geschwungen, eindeutig die einer Frau. Einer anderen Frau.

Den Briefumschlag in der einen und die Karte in der anderen Hand sieht sie hoch zum Kaminsims, auf ihr perfekt zentriertes Hochzeitsbild, und sie schluckt. Ihr Mund ist auf einmal wie ausgedörrt.

Sie steht auf und tritt an den Kamin. Sie schiebt das eiserne Schutzgitter zur Seite. Sie wirft den Victoria’s-Secret-Katalog ins Feuer und sieht zu, wie sich seine Ränder einrollen und schwarz werden, während er zu grauer Asche verbrennt. Verschwunden. Ihre Hände zittern. Sie umklammert den Briefumschlag und die Karte. Wenn sie sie jetzt verbrennt, dann kann sie so tun, als hätte sie sie nie gesehen. Sie haben nie existiert.

Ein Schwall unerwarteter Emotionen durchflutet sie. Sie verspürt Angst und Wut, Panik und Demütigung. Sie verspürt Übelkeit, als müsste sie sich gleich übergeben. Aber was sie nicht verspürt, ist Verblüffung.

Sie schließt das Kamingitter. Die Karte und den Umschlag in der Faust, stapft sie die Treppe hoch, mit laut polternden Schritten, Jimmys Schnarchen entgegen.

ZWEI

Olivia zieht sich bis auf die Unterwäsche aus und schlüpft in eine Jogginghose, Socken und ihr ältestes Boston-College-Lieblingssweatshirt. Trockener, aber noch immer frierend eilt sie hinunter ins Wohnzimmer und drückt auf die Fernbedienung für den Kamin. Sie stellt sich vor das Heißluftgebläse und wartet, aber es verströmt keine spürbare Wärme. Sie legt eine Hand an das Glas. Es ist kaum warm. Es war Davids Idee, den Kamin auf Gas umzustellen. Besser für die Mieter. Praktischer und weniger schmutzig.

Obwohl ihnen das Cottage seit elf Jahren gehört, haben sie und David nie wirklich hier gelebt. Sie haben es als Investition gekauft, kurz bevor der Immobilienmarkt boomte und die Preise in die Höhe schossen. David, der nach seinem BWL-Studium widerstrebend in das Immobilienunternehmen seiner Familie eintrat, hält immer Ausschau nach Immobilien mit Potenzial. Es geht ihm ausschließlich um die Lage, die Lage, die Lage. Er sucht nach einem sanierungsbedürftigen Objekt in der richtigen Gegend, kauft es, beauftragt Baufirmen damit, die Küche und die Bäder zu renovieren und es innen und außen zu streichen, und dann verkauft er es. Das Ziel ist immer ein schneller Umsatz, ein VERKAUFT-Schild im Vorgarten und ein ordentlicher Gewinn in seiner Tasche.

Aber Nantucket war etwas anderes für David. Da fast fünfzig Prozent der Insel zum Naturschutzgebiet und als »für immer wild« erklärt sind, sodass nur die Hälfte der knapp hundertdreißig Quadratkilometer Bauland ist, war David nicht daran interessiert, dieses Haus schnell wieder zu verkaufen. Er versicherte Olivia, dass der Grundstückswert niemals unter das sinken würde, was sie dafür bezahlt hatten. Das Haus ist nichts Besonderes, ein bescheidenes Drei-Zimmer-Cottage mit kaum nennenswerten Details in den Zimmern oder im Grundriss. Aber mit seiner Lage, keine Meile vom Fat Ladies Beach entfernt, ist es eine hoch begehrte Ferienimmobilie, und David lag richtig mit seiner Vermutung, dass sie mit Vermietungen im Sommer ihre jährlichen Hypothekenzahlungen stets mehr als decken würden.

Es ist eine kluge Investition für unsere Zukunft, hatte er gesagt, damals, als sie sich eine Zukunft noch so glückselig vorstellen konnten.

In den Zwischensaisons wohnten sie jedes Jahr für ein, zwei Wochen in dem Haus, im Allgemeinen im Oktober, aber sie hörten ganz auf, hierherzukommen, nachdem Anthony drei geworden war. So ziemlich alles hörte auf, nachdem Anthony drei geworden war.

Eine heftige Windböe heult in der Ferne, sie klingt in Olivias Ohren wie ein kleines Kind, das vor Schmerz aufschreit. Die Fenster klappern, und eine kalte Brise streicht über ihren entblößten Nacken. Sie fröstelt. Nantucket im Winter. Sie wird eine Weile brauchen, um sich daran zu gewöhnen.

Sie reibt die Hände aneinander, um sie zu wärmen. Unzufrieden mit dem Ergebnis fragt sie sich, wo sie eine Decke finden könnte. Sie ist erst seit neun Tagen hier, und sie ist noch dabei zu lernen, wo alles ist, fühlt sich noch immer wie ein Gast in diesem Haus. Eine Fremde in einer Pension. Sie durchsucht den Wäscheschrank und findet eine graue Wolldecke. Sie kann sich undeutlich erinnern, sie gekauft zu haben, wickelt sie sich um die Schultern und macht es sich im Wohnzimmersessel mit der Post bequem.

Die Rechnungen werden nach wie vor an ihre Adresse in Hingham geschickt, einem kleinen Vorort an der Südküste von Boston, daher hat sie bis jetzt noch nichts bekommen außer Werbebroschüren von Handwerkern, Postkarten für die Kommunalwahlen und Coupon-Flyern, aber heute hat sie richtige Post bekommen.

Noch bevor sie die erste Sendung öffnet, weiß sie, dass es ein Buch von ihrer alten Chefin, Louise, ist, die als Lektorin bei Taylor Krepps arbeitet. Auf dem Umschlag klebt ein gelbes Etikett mit ihrer Nachsendeanschrift. Louise weiß nicht, dass Olivia nach Nantucket gezogen ist. Auch das mit Anthony weiß sie nicht.

Sie weiß gar nichts.

Es ist jetzt fünf Jahre her, dass Olivia bei Taylor Krepps Publishing in der Sparte Selbsthilfebücher als Juniorlektorin für sie gearbeitet hat, aber Louise schickt ihr noch immer Vorausexemplare. Vielleicht ist das Louises Art, ihr die Tür offen zu halten, ihr Versuch, Olivia zu überreden, wieder arbeiten zu gehen. Vielleicht ist Louise aber auch einfach nie dazu gekommen, sie aus ihrem Verteiler zu streichen. Olivia hat Louise gegenüber nie angedeutet, dass sie je zurückkommen würde; es ist ein paar Jahre her, seit sie ihr zuletzt eine Nachricht mit einem Dank oder einer Anmerkung zu einem Buch geschickt hat, und noch länger, seit sie eines der Bücher gelesen hat. Aber sie kommen trotzdem noch immer.

Sie hat keine Kraft oder Lust mehr, irgendjemandes Selbsthilfebuch zu lesen. Sie interessiert sich nicht mehr für irgendjemandes Ratschläge oder Weisheiten. Was wissen die denn schon? Was spielt es für eine Rolle? Es ist doch alles Blödsinn.

Früher glaubte sie an die Macht von Selbsthilfebüchern, um zu bilden, zu informieren und zu inspirieren. Sie glaubte, die richtig guten könnten Leben verändern. Als Anthony drei wurde und ihnen in aller Deutlichkeit gesagt wurde, womit sie es zu tun hatten, glaubte sie, sie würde irgendwo irgendjemanden finden, der ihnen helfen könnte, einen Experten, der ihr Leben verändern könnte.

Sie durchforstete jedes Selbsthilfebuch, dann jede medizinische Fachzeitschrift, jeden Lebensbericht, jeden Blog und jedes Online-Elternnetzwerk. Sie las Jenny McCarthy und die Bibel. Sie las und hoffte und betete und glaubte an alles, was Hilfe, Rettung, Umkehr, Erlösung versprach. Irgendwo musste irgendjemand irgendetwas wissen. Irgendjemand musste den Schlüssel haben, um ihren Sohn aufzuschließen.

Sie öffnet den Umschlag und hält das Buch in Händen, streicht mit den Fingern über den glatten Umschlag. Das Gefühl eines neuen Buchs liebt sie noch immer. Dieses hier hat den Titel: Die Drei-Tage-Wunderdiät von Peter Fallon, Doktor der Medizin.

Pah, Wunder, dass ich nicht lache.

Früher ging sie zu Konferenzen und Seminaren. Bitte, Experte Dr. Soundso, zeigen Sie uns die Antwort. Ich glaube an Sie. Früher ging sie jeden Sonntag in die Kirche. Bitte, Gott, schenk uns ein Wunder.

Entschuldigung, Dr. Fallon. Es gibt keine Wunder, denkt sie und wirft das Buch auf den Boden.

Als Nächstes hält sie den Pappumschlag von David hoch, starrt ihn einen langen Moment an, bevor sie die Lasche behutsam aufreißt und den Umschlag senkrecht hält.

Drei weiße, runde, vollkommen glatte Steine fallen ihr in den Schoß. Sie lächelt. Anthonys Steine. Und drei an der Zahl. Sie schüttelt den Umschlag. Es kommen keine mehr. Es hätte ihm gefallen, dass es genau drei sind und nicht einer oder zwei oder vier. Er liebte Dinge, von denen es jeweils drei gab. Die drei kleinen Schweinchen, Eins-zwei-drei-los, Klein-mittel-groß. Natürlich, er hat nie zu ihr gesagt: Mom, ich mag die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen. Aber sie wusste, dass es so war.

Sie lässt die drei kleinen Steine in ihrer Hand rollen, genießt, wie kühl und glatt sie sich anfühlen. Wenn sie mit der Post fertig ist, wird sie sie in die Glasschale auf dem Couchtisch legen, die bereits mindestens fünfzig andere von Anthonys weißen, runden Steinen enthält. Ein Schrein in einer Schale.

Anthony hätte es allerdings nicht gefallen, dass seine Steine in Olivias Schale auf dem Couchtisch liegen. Er wollte sie lieber aufgereiht haben, schnurgerade Steinparaden auf dem Boden, im ganzen Haus. Gott verhüte, dass Olivia je aufräumte und seine Steine zurück in die Kiste in seinem Kinderzimmer legte. Aber manchmal konnte sie sich nicht beherrschen. Manchmal wollte sie einfach nur durchs Haus gehen, ohne über eine Steinparade zu stolpern. Manchmal wollte sie einfach nur durch ein normales Haus gehen. Das war immer ein Riesenfehler. Sie lebten nicht in einem normalen Haus. Und mit einer Veränderung, egal wie klein, konnte Anthony sich nie anfreunden.

Sie schaut in den Umschlag und sieht einen zusammengefalteten Bogen Briefpapier.

Habe diese drei unter der Couch gefunden.

Alles Liebe, David

Sie lächelt, dankbar, dass er sich die Zeit nimmt, ihr drei Steine zu schicken, dass er weiß, wie sehr sie sich darüber freuen wird. Und für das Alles Liebe, David. Sie weiß, dass diese Worte nicht dahingeworfen oder unaufrichtig sind. Sie liebt ihn auch noch immer.

Anthonys restliche Steine liegen in seiner Kiste, die jetzt in ihrem Schlafzimmer steht. Sie war eines der wenigen Dinge, die sie bei ihrer letzten Überfahrt hierher unbedingt mitnehmen wollte, und es war nicht leicht gewesen, sie herzuschaffen. Sie hat sich damit abgeschleppt, hat geschwitzt und an ihrer geistigen Gesundheit gezweifelt, von der Rückbank von Davids Wagen zur Fähre in Hyannis, von der Fähre zum Taxi in der Stadt, vom Taxi zu ihrem Schlafzimmer hier. Mehr als einmal hat sie während der Überfahrt mit dem Gedanken gespielt, die Steine einfach über Bord zu werfen, sich von der physischen und emotionalen Last zu befreien, diese ganzen verdammten Steine mit sich zu schleppen. Aber es sind Anthonys verdammte Steine. Schöne, verdammte Steine, am Strand gesammelt und wie besessen aufgereiht von ihrem hübschen Jungen, und jetzt kunstvoll ausgestellt in der Glasschale auf dem Couchtisch.

Und so sind die verdammten Steine mitgekommen. Sie hat ihre Kochbücher zurückgelassen, ihre Sammlung von Büchern, an denen sie bei Taylor Krepps mitgearbeitet hat, ihre ganzen Romane. Sie hat nichts von den Möbeln, Haushaltsgeräten oder dem Geschirr mitgenommen. Sie hat Anthonys Kleider, noch immer zusammengelegt, in seinen Schubladen gelassen, sein Bett ungemacht, seine Barney-DVDs in dem TV-Schränkchen, all die pädagogischen Spielzeuge, mit denen er nie spielte, seine Zahnbürste in der Halterung im Bad, seine Jacke an dem Haken neben der Haustür.

Sie hat ihre Kleider mitgebracht, ihren Schmuck, ihre Kamera und ihren Laptop. Und sie hat ihre Tagebücher mitgebracht. Eines Tages wird sie den Mut haben, sie zu lesen.

Außerdem hat sie ihre ganzen Fotos zurückgelassen – ihr College-Album, ihr Hochzeits- und ihr Flitterwochen-Album, die Sammlung künstlerischer Aufnahmen von Sonnenuntergängen und Bäumen und Muscheln, die sie gemacht hat und von denen die besten die Wände ihres Hauses schmücken, Anthonys Baby-Album. Sie hat das alles bei David zurückgelassen. Sie hat das Gefühl, als ob dieses Leben nicht ihr passiert ist. Es ist irgendeiner anderen Frau passiert.

Nur ein Bild hat sie behalten. Sie sieht zu dem acht mal zehn Zoll großen Foto hoch, das gerahmt und mattiert an der Wand über dem Kamin hängt, das eine Foto, für das sie über viele Tage hinweg viele Stunden geduldig gewartet hat, um es zu bekommen. Sie erinnert sich, wie sie im Schneidersitz vor dem Kühlschrank saß, die Kamera vor dem Gesicht, den Finger auf dem Auslöser, bereit zu knipsen, wartend. Wartend. Anthony kam oft an ihr vorbei, auf den Zehenspitzen hüpfend, kreischend und mit den Händen fuchtelnd. Jedes Mal hielt sie den Atem an. Sie bewegte sich nicht. Er sah sie nicht an.

Eines Tages setzte er sich nur ein paar Schritte vor ihr hin und drehte mindestens eine Stunde lang mit dem Zeigefinger das Hinterrad eines Spielzeuglasters. Sie stand nicht auf, um ihm zu zeigen, wie man richtig mit dem Laster spielte. Sieh mal, Anthony, so macht der Laster, brumm, brumm. Sie gab ihm keinen neuen Anstoß. Sie bewegte sich nicht. Er sah sie nicht an.

Bei jedem Versuch taten ihr irgendwann Knie, Arme und Gesäß weh und flehten sie an, ihre Haltung zu ändern. Auch ihr Verstand versuchte es ihr auszureden, machte sich lustig darüber, dass sie schon wieder einen Vormittag damit vergeudete, wie eine Idiotin auf dem Boden zu sitzen. Sie ignorierte sich selbst und saß da, still, unauffällig, unsichtbar.

Und dann, eines Tages, geschah es. Er sah genau ins Objektiv. Er war vermutlich durstig, sah zum Kühlschrank, wollte Saft. Vermutlich war es purer Zufall, aber sie drückte auf den Auslöser, bevor sein Blick weghuschte. Sie sah auf das LCD-Display, und da waren sie. Seine Augen! Weit geöffnete Fenster zu einem strahlend klaren Tag. Keine entrückten oder wandernden Augen. Tiefe, dunkle, schokoladenbraune Augen, die ihrem kleinen Jungen gehörten, die seine Mutter anblickten. Die sie sahen.

Jetzt sitzt sie in ihrem Wohnzimmersessel, die Post in ihrem Schoß, und verliert sich in seinen Augen, während sie sich die Tränen aus ihren eigenen wischt, froh über die Möglichkeit, sie anzuschauen und echte Bedeutung zu sehen, auch wenn sie nicht versteht, was für eine Bedeutung das ist, auch wenn es nur ein einziger Moment in fast neun langen Jahren war, und auch wenn sie sie immer nur so gesehen hat, durch ihr Nikon-Objektiv und dann auf zweidimensionalem Papier. Sie ist froh, dass sie das hat.

Sie wischt sich mit dem einen Zipfel der Decke noch einmal die Augen und wendet ihre Aufmerksamkeit dann der letzten Sendung zu, einem braunen Umschlag der Kanzlei Kaufman & Renkowitz. Olivia zieht den Stapel Unterlagen aus dem Umschlag und liest die Überschrift auf der ersten Seite.

Trennungsvereinbarung für David und Olivia Donatelli

Sie schließt die Augen und lauscht auf den Wind und den Regen, der gegen die Scheiben schlägt, aufs Dach trommelt, rings um sie wütet. Sie wickelt ihre Füße in die Decke und hält die drei Steine fest, die noch immer in ihrer Hand liegen. Wie alles andere kann auch dieser Sturm nicht ewig dauern.

DREI

Von ihrer Seite des Betts abgewandt, die dicke Daunendecke bis zum Kinn gezogen, schläft Jimmy noch tief und fest.

»Jimmy«, sagt Beth laut, fast brüllend, womit sie sogar sich selbst erschreckt.

Er schnellt hoch. »Hä? Was ist denn?«

Jimmy fällt es nicht leicht, aufzuwachen, das hat es noch nie getan. Seine Gedanken sind im ersten Moment völlig verworren, taumeln durch seinen Kopf und prallen gegen die Wände seines Schädels, als hätte er eben sechs Bier gekippt. In den ersten paar Sekunden nach dem Aufwachen könnte er das Alphabet oder die vollständigen Namen seiner drei Töchter nicht aufsagen. In diesem Augenblick weiß er vielleicht nicht einmal, dass er drei Töchter hat. Sie zögert, gibt ihm eine Minute, damit sich der Nebel zwischen seinen Ohren lichten kann. Oder vielleicht zögert sie auch, weil sie sich selbst noch eine Minute länger geben will, in der sie nicht tun, was sie zu tun im Begriff sind.

»Was ist?« Er reibt sich die Augen und die Nase.

»Was ist das?« Sie wirft mit der Karte und dem Umschlag nach ihm, zielt auf seinen Kopf. Aber sie sind wie zwei schlecht konstruierte Papierflieger und flattern schlaff in seinen Schoß, anstatt ihn ins Gesicht zu treffen. Er nimmt die Karte in die Hand.

»Ich habe doch nicht Geburtstag.« Er reibt sich noch immer die Augen.

»Mach sie auf.« Sie bebt vor Anspannung, während er es tut.

»Ich verstehe nicht.«

»Stell dich nicht dumm. Wer hat das geschickt?«

»Augenblick, ich brauche meine Brille.«

Jetzt ist er also dumm und blind. Was als Nächstes? Taub? Sosehr ein Teil von ihr seine Antwort nicht hören will, kann ein anderer Teil nicht widerstehen und nötigt sie zu dem, was unvermeidlich scheint.

Jimmy greift nach seiner Brille auf dem Nachttisch, setzt sie auf und liest sich die Karte noch einmal durch. Er klappt sie auf und zu und wieder auf, studiert sie, als wäre sie ein Kreuzworträtsel oder eines von Sophies Algebraproblemen, als wäre es irgendeine Art Test.

Es ist ein Test, Jimmy. Es ist ein Test deiner Unbescholtenheit. Es ist ein Test deines Charakters.

Sie beobachtet sein Gesicht, während er konzentriert auf dieses völlig unergründliche Rätsel starrt und sich weigert, zu ihr aufzusehen. Er spielt auf Zeit.

»Das ist nicht die Steuernummer, Jimmy. Wer hat das geschickt?«

»Ich habe keine Ahnung.«

Jetzt sieht er sie an. Sie halten beide inne, starren sich in die Augen, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne sich zu bewegen, und niemand spricht ein Wort. Ein Showdown.

Jimmy beendet ihn, indem er aus dem Bett steigt und die Karte und den Briefumschlag in den Papierkorb wirft. Dann geht er an ihr vorbei und den Flur hinunter. Sie hört, wie die Badezimmertür zugeht. Offenbar hat er alles gesagt, was er zu der Karte zu sagen hat. Adrenalin schießt ihr jetzt durch die Adern, und sie schnappt sich die Karte und den Umschlag aus dem Papierkorb und stürmt aufgebracht den Flur hinunter zu der geschlossenen Badezimmertür.

Ihre guten Manieren lassen sie innehalten, als sie die Hand auf den Türknauf legt. Sie und Jimmy sind keines dieser Paare, die Bad-Intimitäten miteinander teilen. Sie reinigt sich nicht die Zähne mit Zahnseide, während er auf der Toilette sitzt, er plaudert nicht mit ihr, während sie unter der Dusche steht, sie wechselt nicht ihren Tampon, während er sich rasiert. Normalerweise würde sie nicht hineingehen. So eine Art Ehe führen sie nicht.

Aber was für eine Art Ehe führen sie dann? Sie drückt die Badezimmertür auf und starrt ihn an, während er über der Toilette steht.

»Mein Gott, Beth, kannst du mir nicht eine Minute Zeit geben?«

»Ich hätte gern eine richtige Antwort.«

»Warte einen Augenblick.«

»Sag mir, wer das geschickt hat.«

»Warte.«

Er spült die Toilette und dreht sich zu ihr um. Sie steht im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt, versperrt ihm den Ausweg. Er trägt nichts als karierte Boxershorts und seine Brille. Sein Haar ist zerzaust, seine Hände hängen schwer an den Seiten herab, und er sieht verletzlich aus, wehrlos. Ertappt.

»Du kennst sie nicht.«

Ihre Beine geben auf einmal nach, und sie lehnt sich gegen den Türrahmen, um nicht den Halt zu verlieren. Sie hat das Gefühl, auf Bahngleisen zu stehen, an die Schienen gekettet, während sie auf den entgegenkommenden Zug starrt, so nah, dass sie den heißen Wind seiner steten Vorwärtsbewegung auf ihrem Gesicht spüren kann.

»Wer ist sie?«, fragt sie, jetzt etwas weniger fordernd, und mit weitaus mehr Angst, die in jedem Wort mitschwingt.

»Sie heißt Angela.«

Da. Er gibt es zu. Es ist wirklich wahr. Er betrügt sie mit einer Frau namens Angela. Sie kämpft gegen hereinbrechende Wellen von Schwindel und wachsender Übelkeit, während sie versucht, sich Angela vorzustellen, aber sie findet kein Gesicht dazu. Sie ist keine echte Frau, wenn sie kein Gesicht hat. Vielleicht ist es nicht wirklich wahr.

»Angela wer?«

»Melo.«

Angela Melo. Es ist mitten im Winter auf einer vierzehn Meilen langen und drei Meilen breiten Insel. Jeder kennt jeden. Aber er hat recht. Angela Melo. Sie kennt sie nicht. Petra wird sie kennen.

»Nennst du sie Angie?«

Er seufzt und zappelt mit den Füßen, verzieht das Gesicht, als hätte sie ihn erst jetzt etwas zu Persönliches gefragt. »Ja.«

Sie konzentriert sich auf die Leere der weiß gefliesten Wand hinter ihm, außer Stande, zu atmen. Jimmy hat Sex mit einer Frau namens Angela Melo. Angie. Er ist nackt mit ihr zusammen, küsst ihren Mund, ihre Brüste, ihr alles. Sie fragt sich, ob er ein Kondom benutzt, aber sie ist zu verlegen und angewidert von dem Gedanken, um ihn zu fragen.

Sie geht zurück in ihr Schlafzimmer und setzt sich auf ihre Seite des Bettes, nicht sicher, was sie als Nächstes tun oder sagen oder fühlen soll. Sie wünscht, sie könnte die Uhr zurückdrehen und das hier ungeschehen machen. Wieder ins Bett kriechen, aufwachen und den Tag noch einmal von vorn anfangen. Und nicht die Post holen. Jimmy ist ihr gefolgt und steht jetzt vor ihr, wartet.

»Wie lange schon?«, fragt sie.

»Eine Weile.«

»Wie lange ist eine Weile?«

Er zögert. »Seit Juli.«

Sie weiß nicht, was sie erwartet hat. Sie hatte sich keine bestimmten Verdächtigungen oder Szenarien in ihrer Fantasie zurechtgelegt. Ein paar gestohlene Nächte. Vielleicht einen Monat oder zwei. Seit Juli? Sie zählt die Monate in Gedanken nach. Zu viele gestohlene Nächte, als dass sie sie zählen oder sich vorstellen könnte. Tränen beginnen ihr übers Gesicht zu strömen.

Verdammt, Beth, wein jetzt nicht. Brich nicht zusammen.

Sie will sich nicht wie ein Opfer fühlen. Wie ein Klischee. Aber sie kann nicht anders. Sie wirft sich auf ihre Seite des Bettes und schluchzt, ohne es zu wollen, während Jimmy noch immer ein paar Schritte von ihr entfernt steht.

»Liebst du sie?«, fragt sie. Sie würgt jedes Wort heraus, erschüttert und schwach.

»Nein.«

Sie betrachtet ihre Hände im Schoß, ihren Verlobungs- und ihren Ehering an ihrem Finger, Ringe, die mit Versprechen kamen, die sie nicht vor dem hier geschützt haben. Sie hat Angst davor, ihn anzuschauen, um zu sehen, ob er die Wahrheit sagt oder lügt. Er hat sie monatelang belogen, also lügt er vielleicht auch jetzt. Würde sie die Wahrheit wissen, wenn sie ihm in die Augen sieht? Was weiß sie eigentlich wirklich über ihn? Vor zehn Minuten hätte sie noch gesagt: Alles.

Sie schließt die Augen und gibt sich ihren Tränen hin. Irgendetwas muss jetzt passieren. Sie kann nicht einfach nach unten gehen, ihren Kakao austrinken und das Haus staubsaugen.

»Ich denke, du solltest gehen«, sagt sie. »Ich denke, du solltest ausziehen.«

Er steht reglos da. Beth hört auf zu weinen und wartet mit angehaltenem Atem auf seine Antwort.

»Okay.«

Und dann ist er in Bewegung. Er steht am Wandschrank, zieht Kleidungsstücke von Bügeln, er steht an seiner Kommode, räumt Schubladen aus. Er packt seine Sporttasche.

Sie will aufschreien, aber ihre Stimme ist zu schwach, um einen Laut hervorzubringen. Okay? Er setzt sich nicht einmal zur Wehr. Er entschuldigt sich nicht, fleht nicht um Verzeihung. Okay? Er bittet sie nicht, mit ihm an dieser Sache zu arbeiten, ihn bleiben zu lassen.

Er will gehen.

Sie will ihn schlagen, ihn schütteln, ihn verletzen. Sie will etwas Hartes und Schweres nach ihm werfen. Sie denkt an ihre eiserne Nachttischlampe. Sie will ihn hassen. Aber zu ihrer Scham und Verwirrung will sie ihn auch umarmen, ihn beschwichtigen, ihn aufhalten. Sie will ihm sagen, dass alles gut werden wird. Sie will zu ihm gehen und ihn so küssen, wie sie sich früher geküsst haben. Diese tiefen, langen Küsse, bei denen sie dahingeschmolzen ist.

Jetzt küsst er eine Frau namens Angie und lässt sie dahinschmelzen.

Jetzt poltert er im Bad herum, sammelt vermutlich seine Sachen aus dem Medizinschränkchen ein. Sie sieht hinüber zu der Delle im Bett, wo er eben noch geschlafen hat. War er gestern Abend mit Angie zusammen, bevor er nach Hause gekommen ist, um hier zu schlafen und zu schnarchen?

Sie kann nicht eine Sekunde länger auf diesem Bett, ihrem gemeinsamen Bett, sitzen bleiben. Sie steht auf und beginnt es abzuziehen. Noch immer weinend, zerrt sie die Daunendecke, die Wolldecke und jedes Laken von der Matratze und wirft alles zu einem sich türmenden, besiegten Haufen auf den Boden. Während sie die Bezüge von den Kopfkissen zieht, sieht sie Jimmys Socken auf dem Boden liegen, träge und achtlos hingeworfen, die darauf warten, dass sie sie aufhebt und in den Wäschekorb legt. Sie hebt ständig seine stinkenden Socken auf. Seine stinkenden Socken, seine schmutzige Unterwäsche, seine Jacke, seine Schuhe, seine Krümel überall auf dem Boden von den Pastrami-Sandwiches und Chips, die er isst, ohne einen Teller zu benutzen, die Klumpen getrockneter Zahnpastaspucke, die er im Waschbecken hinterlässt, den Sand, den er ständig durchs Haus trägt. Sie hebt seine stinkenden Socken auf und wischt seine Krümel und seinen Sand und seine Spucke weg und macht seine Wäsche, während er eine Affäre hat.

Jimmy taucht am Fußende des Betts auf, seine Sporttasche und ihren großen roten Koffer in der Hand, den Koffer, den sie im Kmart in Hyannis gekauft haben, für ihren Ausflug zur Disney World im Oktober. Damals im Oktober, als er sie mit Angie Melo betrogen hat.

»Ich rufe dich an.« Er klingt widerstrebend.

»Mmmh.« Sie hält ihre ganze Bettwäsche und seine schmutzigen Socken in den Armen, während sie versucht, ihn nicht anzusehen.

Er steht da, versucht angestrengt, noch etwas zu sagen, hofft vielleicht, dass sie noch etwas sagt, dass sie ihn aufhält. Sie weiß es nicht. Sie wirft einen raschen Blick auf ihn. Seine Miene ist gequält, Tränen haben sich in seinen Augen gesammelt. Sie sieht weg. Er sagt nichts. Sie auch nicht. Er dreht sich um und geht die Treppe hinunter. Sie rührt sich nicht von der Stelle, bis sie hört, wie die Haustür hinter ihm ins Schloss fällt.

In der Waschküche misst sie das Waschpulver sorgfältig ab. Der Motor von Jimmys Truck springt an. Sie gießt den Weichspüler in den Messbecher. Jimmy fährt rückwärts aus der Ausfahrt. Sie dreht den Programmknopf auf BETTWÄSCHE und drückt auf START. Sein Truck schaltet in den ersten Gang hoch und rumpelt die Straße hinunter. Sie sieht zu, wie das heiße Wasser auf ihre Bettwäsche strömt. Dampf füllt die Trommel der Waschmaschine. Alles beginnt sich zu drehen.

Er ist gegangen.

Sie geht in die Küche, stellt sich an die Spüle, starrt aus dem Fenster und tut gar nichts. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie richtet ihre Gedanken entschlossen auf ihre Alltagsroutine, hofft, dass der Trost und die Sicherheit ihres Tagesplans die wilde Panik bezwingen, die mächtig in ihr aufsteigt.

Sie muss immer noch das Haus staubsaugen. Und bald kann sie das Abendessen im Schmortopf ansetzen. Es gibt Hühnernudelsuppe. Und zum Nachtisch wird sie Brownies backen. Die Mädchen kommen um zwei aus der Schule. Sophie hat ihre Theatergruppe, Jessica hat Basketball, und Gracie ist zum Spielen verabredet.

Sie wird es ihnen natürlich nicht sagen. Nicht heute. Sie werden es gar nicht bemerken. Jimmy ist zum Abendessen oder zur Schlafenszeit fast nie zu Hause.

Sie steht reglos an der Spüle. Der Wind heult. Die Heizung zischt.

Jimmy ist gegangen.

Sie atmet tief durch. Okay, Zeit, zu staubsaugen. Aber zuerst, bevor sie irgendetwas anderes tut, ruft sie Petra an.

VIER

Es ist vor Sonnenaufgang, und draußen ist es noch dunkel. Nicht so stockfinster wie in den Nantucket-Nächten, die mond- und sternenlos sind, wenn sie die Hand vor den Augen nicht sehen kann. Die Welt um sie herum ist gefärbt wie eine fotografische Lichtpause, ein vormorgendliches Blaugrau. Aber sie ist auch neblig, was typisch ist für diese frühe Stunde, vor allem in der Nähe der Küste, und durch die eingeschränkte Sicht erscheint sie dunkler, als sie tatsächlich ist. Obwohl die Scheinwerfer ihres Jeeps eingeschaltet sind und die Scheibenwischer hin- und herflattern, so schnell sie können, kann Olivia kaum sehen, wohin sie fährt. Sie fährt langsam, vorsichtig. Sie hat es nicht eilig.

Das Pförtnerhaus von Wauwinet ist nicht besetzt. Sie parkt den Jeep, steigt aus und lässt etwas Luft aus allen vier Reifen. Sie steigt wieder ein und fährt weiter. Der Asphalt geht jetzt in Sand über. Der Sand wird weich, und ihr Jeep sinkt ein, holpert und hüpft, während sie langsam vorwärtskriecht. Hier ist der Nebel sogar noch dichter. Sie kann zu den Seiten nichts sehen, und auch nach vorn nur wenige Meter weit.

Nach etwas über vier Meilen – sie weiß es nicht sicher, denn sie hat unterwegs keine Orientierungspunkte gesehen – ist der Weg von einer Abzäunung versperrt. Fahrzeugen ist die Zufahrt zum Strand verboten – ein Versuch, die vom Aussterben bedrohten Flötenregenpfeifer zu schützen, die nichts ahnend in den Reifenspuren nisten könnten. Sie parkt ihren Jeep am Zaun und steigt aus.

Durch tiefen, glatten, vom Wind liebkosten Sand stapft sie am Meer entlang, das sie hören und riechen, aber nicht sehen kann, da der Nebel noch immer alles einhüllt. Jetzt kann es nicht mehr weit sein. Sie zieht eine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche und hält sie vor sich, aber der Lichtstrahl zerstreut sich zwischen den Wassermolekülen in der Luft und erweist sich als nutzlos. Sie eilt weiter. Sie weiß, wohin sie geht.

Als der weiche, nachgiebige Sand in festen Boden übergeht, noch nass von der vorhergehenden Flut, atmet sie erleichtert auf. Jetzt ist jeder Schritt leicht. Trotz der Kälte schwitzt sie, und ihre Beinmuskeln schmerzen. Sie leckt sich die Lippen, genießt den Geschmack von Meersalz. Sie kann das Wasser noch immer nicht sehen, aber sie weiß, dass es jetzt genau vor ihr liegt, und sie ist enttäuscht, dass sie den Leuchtturm nicht sehen kann, der nur ein paar Schritte abseits ihres Weges sein muss, verborgen hinter der Nebelwand.

Der Leuchtturm Great Point Light ist zweimal zerstört worden, einmal vom Feuer und einmal vom Sturm, und beide Male wiederaufgebaut worden. Als gut zwanzig Meter hoher, zylinderförmiger Turm aus weißem Stein erhebt er sich trotzig und majestätisch über diesem brüchigen Haufen Sand, wo der Atlantische Ozean auf den Nantucket Sound trifft, dessen Existenz fortwährend bedroht ist von Erosion und orkanartigen Winden. Und der dennoch überlebt.

Abgesehen von den Möwen und vielleicht ein paar Flötenregenpfeifern erwartet sie, allein hier zu sein. Von Mai bis September, stellt sie sich vor, wimmelt es auf diesem sieben Meilen langen Strandabschnitt von Allradfahrzeugen, Spaziergängern, Familien auf naturkundlichen Wanderungen, Urlaubern. Aber am siebzehnten März ist niemand hier. Sie ist allein. Dreißig Meilen Wasser trennen sie vom Cape Cod im Norden, und etwa dreitausendfünfhundert Meilen Ozean liegen zwischen dem Punkt, an dem sie steht, und Spanien im Osten. Dieser Ort, so scheint es ihr, kommt dem Nirgendwo am nächsten. Und Nirgendwo ist genau der Ort, an dem sie heute sein will.

In der Vergangenheit, vor nicht allzu langer Zeit, hätte es sie nicht gereizt, so weit weg von irgendjemand oder irgendetwas anderem zu sein. Mehr noch, es hätte ihr Angst gemacht. Eine Frau allein an einem abgelegenen Strand, meilenweit entfernt von jemandem, der sie hören könnte, wenn sie Hilfe bräuchte – wie die meisten Mädchen ist sie dazu erzogen worden, eine solche Situation zu meiden. Aber jetzt hat sie nicht nur keine Angst, sie ist sogar froh, hier zu sein. Sie befürchtet nicht eine Sekunde, allein hier draußen am Great Point vergewaltigt oder ermordet zu werden. Durch das behütete, vorstädtische Hingham zu gehen, umgeben von gewöhnlichen Leuten, die alltägliche Dinge taten – das war es, was sie fast umgebracht hatte.

Die Chips-und-Snacks-Abteilung im Supermarkt. Ein Little-League-Baseballspiel, das im Gange ist. Die St. Christopher’s Church. Aufzüge im Einkaufszentrum. Ihre alten Freundinnen, die mit ganz normalen Kindern gesegnet sind – eine, die unschuldig mit ihrer Tochter im Schultheaterstück prahlt, eine andere, die sich leise beklagt, dass der Mathematikunterricht in der dritten Klasse ihren Sohn nicht genug fordert. Sie meidet sie alle.

All diese Orte und Leute und Dinge sind aufgeladen, angefüllt mit Erinnerungen an Anthony oder den Anthony, für den sie gebetet hat, oder den Anthony, der hätte sein können. Und sie alle haben das Potenzial, sie binnen eines Augenblicks völlig zu verwandeln, dafür zu sorgen, dass sie weint, sich versteckt, schreit, Gott verflucht, aufhört zu atmen, den Verstand verliert – manchmal alles auf einmal.

Auf dem Weg zur Bank oder zur Tankstelle nahm sie einen Umweg über viele Blocks in Kauf, um ihre Kirche nicht sehen zu müssen. Sie ging nicht mehr ans Telefon. Im letzten Sommer sah sie im Supermarkt einen Jungen, sie schätzte ihn etwa auf Anthonys Alter, der neben seiner Mutter herging. Olivia ging es gut bis zur Chips-und-Snacks-Abteilung, als der Junge fragte: Mom, können wir die kaufen? Er hielt eine Rolle Salz-und-Essig-Pringles hoch, Anthonys Lieblingssnack. Ohne Vorwarnung war mit einem Mal aller Sauerstoff aus dem Geschäft gewichen. Sie stand wie gelähmt da, schnappte nach Luft, ertrank in Panik. Sobald sie sich wieder bewegen konnte, stürzte sie aus dem Geschäft, ließ ihren vollen Einkaufswagen einfach stehen und weinte fast eine Stunde in ihrem Auto, bis sie sich so weit gefangen hatte, dass sie nach Hause fahren konnte. Sie hat die Chips-und-Snacks-Abteilung seitdem nie wieder betreten. Sie ist dort nicht sicher.

Die Welt ist voll von Fallen wie den Salz-und-Essig-Pringles, die sie verschlucken, was ihr durchaus recht wäre, nur dass sie sie dann doch wieder ausspucken und sagen: Und jetzt mach weiter. Jeder will, dass sie jetzt weitermacht. Mach weiter. Blick nach vorn. Sie will nicht. Sie will hier sein, allein am Great Point, weit weg von all den Fallen. Sie will stillstehen, sich nirgends hinbewegen.

Sie kauert sich hin und schreibt mit dem Zeigefinger Alles Gute zum Geburtstag, Anthony in den nassen Sand. Heute wäre er zehn geworden.

Sie erinnert sich an den Tag, an dem er geboren wurde. Seine Geburt war unkompliziert, aber lang. Sie hatte eine natürliche Geburt gewollt, aber nach zwanzig Stunden schmerzhafter und erfolgloser Wehen gab sie sich geschlagen und bat um eine PDA. Zwei Stunden, eine winzige Dosis Pitocin und sechs Wehenschübe später war Anthony geboren. Rosig-violett, die Farbe von Petunien, ruhig und mit weit aufgerissenen Augen. Sie liebte ihn auf Anhieb. Er war schön und voller Versprechungen, ihr kleiner Sohn, der eines Tages Little-League-Baseball spielen würde, der der Star im Schultheaterstück und gut in Mathematik sein würde. Damals wusste sie nicht, dass sie viel bescheidenere Träume für ihren Sohn hätte haben sollen, dass sie ihren neugeborenen Jungen hätte ansehen und denken sollen: Ich hoffe, du wirst lernen, zu sprechen und auf die Toilette zu gehen, bis du sieben bist.

Seine ersten Geburtstage verliefen normal – mit Kuchen, die sie in der Bäckerei auswählte und kaufte, Kerzen, die Olivia ausblies, Geschenken, die sie und David auspackten, übertrieben entzückt und begeistert. Aber er war erst ein und dann zwei Jahre alt, daher war das zu erwarten. Nach dem zweiten Jahr begannen die Geburtstage immer mehr von der Norm abzuweichen.

Anthony wurde nicht mehr zu den Geburtstagspartys anderer Kinder eingeladen, als er vier war, und als er fünf wurde, hielten sie und David es genauso und feierten nur noch im privaten Kreis der Familie. Es war einfacher so. Anthony nahm ohnehin nicht an den Partyspielen teil oder achtete auf den Geburtstagsclown. Es brach ihr noch immer das Herz.

Und während sich die immer reiferen Interessen seiner Altersgenossen mit jedem neuen Lebensjahr in den Partythemen widerspiegelten – von Elmo über Bob den Baumeister und Spider-Man bis hin zu Star Wars –, hatte Anthony jedes Jahr einen Barney-Geburtstag, mit dem er rundum zufrieden war. Natürlich, sie hätte sich auch mit einer anderen Figur anfreunden können. Aber es gab keinen Grund, so zu tun, als würde er Superhelden oder Roboter oder Ninjas lieben. Er liebte Barney, und es würde keine anderen kleinen Jungen bei seinen Partys geben, die ihn wegen seiner Liebe zu einem lila Dinosaurier aufzogen.

Und so zündeten Olivia und David jedes Jahr die Kerzen auf seinem Barney-Kuchen an und sangen »Happy Birthday«. Dann sagten sie: Komm schon, Anthony! Wünsch dir etwas und puste die Kerzen aus! Und dann tat er es nicht, daher pusteten sie sie für ihn aus. Sie wünschte sich immer etwas, jedes Jahr dasselbe.

Bitte werde nicht älter. Du musst sprechen, bevor du älter wirst. Du musst »Mom« und »Dad« sagen und »ich bin sechs Jahre alt« und »ich will heute auf den Spielplatz gehen« und »ich liebe dich, Mom«, bevor wir noch einen verdammten Barney-Kuchen auf den Küchentisch stellen. Bitte hör auf, älter zu werden. Uns bleibt keine Zeit mehr.

Sie hörte nie auf mit dem Wünschen.