Der Liebesunfall - Evelyn Holst - E-Book

Der Liebesunfall E-Book

Evelyn Holst

4,7

Beschreibung

Die Ehe von Hendrik von Lehsten und seiner Frau Marion steckt seit dem Tod ihrer kleinen Tochter in einer tiefen Krise. Marion möchte ein Abendessen zu einer Aussprache nutzen, doch an diesem Abend kommt es zu einem Unfall, der in einer Katastrophe endet. Leonie, Anfang dreißig und Kindergärtnerin, zieht ihre fünf Jahre alte Tochter Luna alleine groß. Der ebenfalls allein erziehende Marius ist sehr in sie verliebt und wäre gern der neue Vater für Luna. Er lädt Leonie zum Essen ein. Doch der schöne Abend endet dramatisch, als Leonie einen Fahrradunfall hat und ins Krankenhaus eingeliefert wird … und dort ihrem Schicksal begegnet.

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Evelyn Holst

 

DERLIEBESUNFALL

 
 
 
 

IMPRESSUM

 
 
 

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ABW Wissenschaftsverlag GmbHAltensteinstraße 4214195 BerlinDeutschland

 

www.abw-verlag.de

 

© E-Book: 2013 ABW Wissenschaftsverlag GmbH

 

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

 

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

 

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ISBN 978-3-86474-079-4

 

Produced in Germany

 

E-Book-Produktion: ABW Wissenschaftsverlag mit bookformer, BerlinUmschlaggestaltung: brandnewdesign, HamburgTitelabbildung: Frozen love, melkozyorov, iStockphoto

 

P130013

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

 

1. Kapitel

 

Es war ein grauer, früher Dezembermorgen und die Sonne war noch viel zu kraftlos, um mehr als ein paar zaghafte Strahlen über die Straßen der Stadt zu schicken. Dunkle, graue Wolken hingen über den Dächern, manchmal schneite es ein bisschen. Die Menschen, die zur Arbeit hetzten, zogen die Schultern ein und duckten sich fröstelnd in die Winterkälte. Es war ein Tag, an dem jeder am liebsten zuhause geblieben wäre. In der warmen Küche sitzen, Kaffee trinken, die Morgenzeitung lesen.

Doch Hendrik von Lehsten war froh, als seine Haushälterin Uschi die schwere Relieftür seiner Jugendstilvilla hinter ihm zudrückte und er in seinen bereits vorgewärmten Dienstwagen steigen konnte. „Einen wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen“, hatte sie ihn wie jeden Morgen verabschiedet und ihm ihr breites, freundliches Lächeln geschenkt. Der arme Mann, dachte sie, wie an jedem Morgen, so reich, so erfolgreich und so unglücklich. Genau so unglücklich wie die bildschöne Frau, mit der er seit siebzehn Jahren verheiratet war. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Uschi seufzte und war wieder einmal überzeugt, dass die Ehe und das Glück selten auf Dauer zusammen passten.

„Ihnen auch einen wunderschönen Tag, Uschi“, lächelte er über seine Schulter, ohne sich noch einmal umzudrehen, obwohl er wusste, dass sie ihm nachsah, bis seine schwere Wagentür endgültig zuklappte. Erst dann würde sie wieder ins Haus zurückkehren und ihren Pflichten nachgehen. Sie war die gute Seele seines Haushaltes, unentbehrlich, ein Hochzeitsgeschenk seiner Mutter Louise von Lehsten. „Deine Frau ist in Haushaltsdingen unfähig, mein Sohn“, hatte sie gesagt und Uschi, damals noch jung, schmal und dunkelhaarig, hatte ihn schüchtern angelächelt. Jetzt war sie 51 Jahre alt und die Spuren von fast zwei Jahrzehnten, die sie größtenteils in der Küche verbracht hatte, waren nicht ohne Spuren auf ihren Hüften geblieben. Ihn störte es nicht, im Gegenteil, sie schon. „Ich müsste dringend abnehmen“, sagte sie oft, aber dann zog sie wieder einen duftenden Apfelkuchen aus der Backröhre oder rührte einen Becher Crème fraîche in die Bratensauce, tauchte ihren Probierlöffel in die Köstlichkeiten und lachte: „Das Leben ist zu kurz für Diäten. Guten Appetit.“

 

Hendrik ließ den Motor an und als das satte Summen ertönte, zuverlässig wie eine Schweizer Uhr, schaute er kurz zu dem Schlafzimmerfenster seiner Frau hoch. Seit jenem schrecklichen Tag, der ihr Leben für immer verändert hatte, schliefen sie auf ihren Wunsch hin getrennt und obwohl er ihre Wärme in den ersten Wochen schmerzlich vermisste, hatte er sich daran gewöhnt, allein zu schlafen. Schließlich tat er sowieso das meiste allein, denn sie gestattete ihre Nähe nur noch zu ganz besonderen Gelegenheiten. Und natürlich in der Öffentlichkeit, in der sie weiterhin als glamouröses Traumpaar galten. Das war ihr wichtig. Es gehörte zu den vielen Unverständlichkeiten seiner komplizierten Ehe, dass sie es sich trotz allem nicht nehmen ließ, ihn jeden Morgen hinter ihrer fest verschlossenen Schlafzimmertür, sie vertrug keine frische Luft, zu verabschieden. Dann hob sie ihre kühle, blasse, sehr gepflegte Hand und winkte ihm zu, bevor sie wieder ins Morgendunkel ihres Schlafzimmers abtauchte, in dem die Töne Aprikot und Mattgelb vorherrschten, Farben, so hatte sie der Innendesigner aufgeklärt, die stimmungsaufhellend waren. Es war nur ein kurzes Winken, eine kleine, fast verschämte Geste, große Bewegungen passten nicht zu ihrem kühlen Temperament, aber er fühlte sich fast ein wenig getröstet, als er sein Anwesen verließ und in die Seitenstraße einbog, die ihn auf die Hauptstraße und zu seinem Büro führte. Vielleicht hatte sie angefangen, ihm zu verzeihen. Er jedenfalls hatte die Hoffnung nie aufgegeben.

Der Bürgersteig war breit und von nassem Laub bedeckt, der Oktober ging zur Neige und als er gestern nach Hause kam, war er an einer Gruppe von Kindern mit bunten Laternen vorbeigefahren. Eine junge Frau ging hinter ihnen und rief ihnen etwas zu. Er hatte trotz der kühlen Temperatur seine Scheibe herunter gelassen, weil er sie singen hören wollte. „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne, brenne aus mein Licht ...“ Die Kinderstimmen klangen wild durcheinander, hoch und tief, laut und leise und auf einmal fühlte er sein Herz wie einen tiefen, kalten Schmerz. Wann würde er je darüber hinwegkommen?

Manchmal fühlte er sich fast wie früher, leicht, jung, fröhlich, so als läge das Leben in all seinen Möglichkeiten noch vor ihm, doch diese Augenblicke waren kurz, denn es genügte eine Winzigkeit, ein Kinderlachen, eine Erinnerung, der Geruch nach Milch und Marzipan und der Schmerz kam mit einer Wucht zurück, die ihm fast die Luft abschnürte. In so einem Moment hatte er kürzlich an seinem Bürofenster gestanden und eine Sekunde überlegt, wie einfach es wäre, wenn er sich einfach fallenlassen würde. Alles, alles hätte er darum gegeben, wenn er an diesem verfluchten Tag nicht ..., aber er wusste, es gab kein Zurück mehr. Das Leben musste weitergehen, irgendwie. Auch ohne sie. Ohne das Schönste und Liebste, das er je besessen hatte. Denn sie würde nie wieder zu ihm zurückkehren. Nie wieder.

 

So sehr war er in seine trüben Gedanken versunken, dass er fast die rote Ampel überfahren hätte, schon halb auf der Straße stand, wenn nicht das wütende Hupen der anderen Autofahrer und das melodische Klingeln seiner Freisprechanlage ihn rechtzeitig in die Gegenwart zurückgerissen hätten. „Ja?“, fragte er ungeduldig, ohne sich mit Höflichkeiten aufzuhalten. „Was für ein Termin? Nein, meine Frau hat mich nicht informiert. Heute ist es sowieso unmöglich, ich bin total ausgebucht. Ja, wir melden uns.“

Er schob eine CD in den Spieler und seufzte tief. „Wut über einen verlorenen Groschen“ perlte aus den Lautsprechern, ein kleines Stück von Wolfgang Amadeus Mozart, das er liebte, seit er als Anfänger vor über dreißig Jahren seine Klavierlehrerin Nathalie damit fast in den Wahnsinn getrieben hatte. Doch diesmal verfehlten die fröhlich klimpernden Töne ihre aufmunternde Wirkung. Der Anrufer war ihr Gynäkologe Dr. Helmut Sörensen gewesen. Sie hatte es also immer noch nicht aufgegeben. Er konnte es ihr nicht übel nehmen, auch sie hatte ja ein Recht auf Glück. Aber ein Termin beim Arzt war das Letzte, worauf er Lust hatte. Doch wie tief steckte er in ihrer Schuld?

Er hielt vor dem großen Bürokomplex, in dem seine Produktionsfirma die beiden oberen Etagen hatte und parkte. Auf dem Weg zum Fahrstuhl griff er wieder nach seinem Handy. „Ja, ich bin’s. Dein Frauenarzt hat angerufen, ich war etwas überrascht. Hat sich bereits erledigt? Ich verstehe nicht. Das muss ich auch nicht? Gut, wenn du meinst. Das wirst du mir heute Abend erklären, ja, solange kann ich warten. Nein, das war kein Sarkasmus. Im Drei Tageszeiten? Ist gut, bis dann.“

Er steckte sein Handy in die Hosentasche und betrat den Fahrstuhl, drückte das 7. Stockwerk und war erleichtert, dass sie offensichtlich ihre Meinung wieder geändert hatte.

Und dann begann sein Tag.

 

„Bis heute Abend“, Marion von Lehsten legte den Hörer auf und ging ins angrenzende Badezimmer, wo das wohltemperierte Wasser bereits den oberen Wannenrand erreicht hatte. Sie legte eine Tablette mit Fichtenduft hinein und stellte den Wasserhahn ab, bevor sie hinein stieg. Sie badete jeden Morgen, mindestens eine Stunde lang, ohne dieses Ritual war sie unfähig, den Tag zu beginnen. Denn nur in der allerersten Sekunde nach dem Aufwachen umfing sie eine trügerische Leichtigkeit, das Leben ist gut, dachte sie dann schlaftrunken, es geht mir gut, ich kann aufstehen und den Tag beginnen – aber diese Sekunde verging und die Gewissheit, dass nichts mehr sein würde wie früher, legte sich auf ihr Herz wie ein bleiernes Gewicht. In diesen Momenten konnte sie nichts aushalten, das Morgenlicht hinter ihren schweren, samtigen Vorhängen nicht, die leise Stimme ihrer Haushälterin Uschi nicht, die deshalb wortlos das Tablett mit dem Frühstück – eine Tasse grüner Tee und ein Vollkorntoast mit Butter und Honig – abstellte und lautlos wieder verschwand. Sie konnte dann nur ins duftende Schaumbad steigen wie in einen tröstlichen Mutterleib und darauf warten, dass sich die lähmende Traurigkeit in ihr langsam etwas auflöste. Oft wartete sie vergebens, dann kroch sie in ihr Bett zurück und war nicht ansprechbar.

Der Anruf ihres Mannes hatte sie aus ihren Gedanken geschreckt, in denen sie sonst versuchte, ihn so wenig wie möglich vorkommen zu lassen. Sie ertrug ihn immer weniger, aber sie wusste nicht, wie sie ihre Ehe beenden konnte, ohne ihn völlig zu zerstören. Deshalb hatte sie ihren Frauenarzt, zu dem sie großes Vertrauen hatte, um Vermittlung gebeten und sich dann doch anders entschieden. Sie musste es selbst tun, auch wenn es ihr schwer fiel. Denn obwohl sie sich schon lange nicht mehr liebten, Hendrik brauchte sie, brauchte ihre Vergebung. Aber er tat ihr nicht mehr gut. Schon lange nicht mehr. Seit das Grauen passiert war nicht mehr. Das Telefon auf dem Badewannenrand klingelte wieder. Sie lächelte, weil sie wusste, wer sie um diese Zeit anrief. Und er war es. Er enttäuschte sie nicht. Er war nicht wie Hendrik.

„Hallo, mein Schatz, ja, ich habe auch Sehnsucht. Wahnsinnige Sehnsucht sogar. Heute Abend geht’s leider nicht. Ich bin mit Hendrik verabredet. Ja, ich werde mit ihm reden. Das verspreche ich dir. Alles wird gut. Ich liebe dich.“ Als sie auflegte, wusste sie, dass sie den Tag beginnen konnte.

„Uschi“, rief sie. „Bitte bring mir ein frisches Handtuch.“ Sie lächelte.

 

2. Kapitel

 

„Luna, in einer Sekunde gehen wir los und wenn du dann deine Schuhe nicht angezogen hast, dann explodiere ich“, Leonie Baumgarten lief durch die Wohnung, sammelte auf, stellte zurück, schob zurecht, versuchte soviel Ordnung zu schaffen, wie so früh am Morgen möglich war, wenn sie beide wieder einmal verschlafen hatten und in einer Viertelstunde im Kindergarten sein mussten, aber die Wohnung bei ihrer Rückkehr nicht als Schlachtfeld vorfinden wollten. „Luna!“, jetzt schrie Leonie, denn als sie das Kinderzimmer betrat, saß ihre kleine Tochter seelenruhig auf dem bunten Verkehrsteppich und zog ihre Barbiepuppe an. Die laute, hektische Stimme ihrer Mutter irritierte sie nicht, im Gegenteil. Sie lachte und hielt ihre Puppe hoch: „Schau mal, Mama, sie hat auch eine grüne Jacke an.“

Leonie holte tief Luft und beschloss, nicht zu explodieren. „Das finde ich einfach super, mein Schatz“, sagte sie stattdessen. „Aber deine Jacke ist rot.“ Luna hielt ihren kleinen Arm vors Gesicht: „Ist sie nicht“, grinste sie. „Der Papa von Malte sagt, die ist kirschgrün.“ Leonie unterdrückte ein Seufzen. Marius, der Papa von Malte, genauso alleinerziehend wie sie aber dabei wesentlich entspannter, fuhr gelegentlich Taxi und kirschgrün nannte er es, wenn er bei sehr spätem Gelb noch über die Kreuzung bretterte. Was ihm bereits drei Punkte im Flensburger Strafregister eingebracht hatte. Dass er noch immer sein Kind im Manne hätschelte und auch als Taxifahrer ein sehr lässiges Verhältnis zu Verkehrsregeln pflegte, nahm ihm Leonie weniger übel als die Tatsache, dass er bei seinen wilden Fahrten seinen Sohn und dessen Freunde auf dem Beifahrersitz mitfahren ließ und noch nicht einmal darauf achtete, dass die Kinder angeschnallt waren. „Ich zeig dich bei der Taxiinnung an, wenn du das noch einmal machst“, hatte sie ihn angeschrien und Luna aus dem Auto gezerrt, ein etwas lächerlicher Vorgang, bei dem alle Umstehenden sie mit großen, erstaunten Augen angesehen hatten und der Luna schrecklich peinlich war. „Mama, das sind doch meine Freunde“, hatte sie protestiert, als Leonie sie hinten auf dem Kindersitz ihres Fahrrades festzurrte. „Die kannst du doch nicht so anschreien.“ „Du hast Recht, mein Schatz“, Leonie war zerknirscht.

Und sie hatte sich wirklich bemüht, die Dinge etwas lockerer zu sehen, ihrer fünfjährigen Tochter etwas mehr Freiheiten zu gewähren, was ihr schwer fiel. Die Geburt war ein einziges Trauma gewesen, 28 Stunden Wehen, die so schmerzhaft waren, wie nichts vorher oder nachher in ihrem Leben, aber sie hatte durchgehalten, ohne Schmerzmittel, ohne Kaiserschnitt und ohne einen Vater für ihr Kind, so wie all die anderen Mütter, die mit ihr im Kreißsaal lagen und die alle einen Partner auf der Bettkante hatten, der Händchen hielt.

Lunas Vater hatte sie kurz nach der Zeugung verlassen, nachdem er ihr mit den Worten „Ich lasse mich nicht hereinlegen, meine Liebe, bitte beseitige den Schaden“ die Telefonnummer eines Gynäkologen auf den Küchentisch geknallt hatte. Später erfuhr sie dann, dass er verheiratet war und vier weitere Kinder hatte, davon zwei mit anderen Frauen. Sie hatte ihn nicht lange und nicht gut genug gekannt, um wirklich zu trauern. Luna war ein „Unfall“ gewesen, das Ergebnis einer beschwipsten, verantwortungslosen Nacht, die sie bis zur Geburt bereut hatte, obwohl eine Abtreibung für sie nie in Frage gekommen wäre. Doch als Luna, rot verschrumpelt wie eine kleine Kaulquappe auf ihrem nassen Bauch zappelte, da war sie der glücklichste Mensch auf der Welt. Und daran hatte sich bis jetzt nichts geändert, im Gegenteil. Leonie liebte ihre Tochter mit einer Wucht, die sie manchmal selbst erstaunte, denn sie hatte eigentlich große Pläne mit ihrem Leben gehabt. Ärztin wollte sie werden und Kindern in Afrika helfen, Ehe und Familie, das alles sollte später kommen, frühestens mit Mitte Dreißig. Wenn überhaupt.

Und jetzt war sie 31 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und Kindergärtnerin. Das Leben nahm manchmal ganz erstaunliche Wendungen.

Leonie seufzte, als sie beim letzten Rundgang durch die halbwegs aufgeräumte Wohnung ihren Mantel vom Garderobenhaken riss und die Tür abschloss. „Mama, der Marius sagt, wenn du nicht immer so böse gucken würdest, dann würden sie uns mal zum Pizzaessen einladen“, Luna rutschte neben ihrer Mutter das Treppengeländer herunter und als sie unten angelangt war, rief sie hoch: „Also, Mama, wenn du mich fragst ...“

„Ich frag dich aber nicht“, rief Leonie die Treppe herunter, weil sie wusste, was jetzt kam. Und es kam auch: „Dann würde ich Maltes Papa sofort als Papa nehmen. Du müsstest ihn auch nicht heiraten. So.“

Leonie beschloss, auf diese Feststellung, die ja im Grunde eine Forderung war, nicht zu reagieren, denn was hätte sie sagen können? Sie wusste, dass Marius sie mochte, dass er gern mehr aus ihrer Beziehung gemacht hätte als die gegenseitig wechselnde Betreuung ihrer beiden Kinder, aber sie wollte nicht. Klar, er sah sehr gut aus mit seinen blonden, windzerzausten Haaren und den meergrünen Augen, die immer zu lachen schienen. Er konnte gut mit Kindern umgehen, vermutlich weil er selbst noch ein Kind war. Mit ihm würden sie viel Spaß haben, sie und Luna, aber war das genug? Oder war es naiv und allzu romantisch, noch immer an die ganz große Liebe zu glauben? An einen Blitzschlag, der einen trifft und man weiß – das ist er! Der und nie wieder ein anderer! Bis in alle Ewigkeit! Doch obwohl sie von der Liebe und den Männern bisher nur enttäuscht worden war, glaubte sie noch daran. Ganz fest sogar. Er wird kommen, dachte Leonie, während sie mit Luna auf dem Kindersitz auf ihrem uralten, aber feuerrot angemalten Hollandrad durch die Straßen zum Kindergarten fuhr, eines Tages steht er vor mir und ich weiß es – das ist der Mann meines Lebens!

Unwillkürlich lächelte sie bei dieser Vorstellung, als sie vor dem Fahrradständer des Kindergartens „Schneewittchen“ vorsichtig abbremste, Luna aus dem Sitz hob und ihr Fahrrad verstaute. „Mama, guck mal, da ist Malte und sein Papa“, rief Luna und lief auf den großen blonden Mann zu, der eine Miniaturausgabe von sich an der Hand hielt. Sie waren ein schönes Paar, Vater und Sohn, ein inniges, und Leonie lächelte, als sie auf die beiden zuging. „Einen wunderschönen guten Morgen“, strahlte sie. „Was macht der Schnupfen, Malte. Besser?“ Der kleine Junge nickte und rannte dann mit Luna in das rote Backsteingebäude, dessen Fensterscheiben bunt und einladend mit Märchenmotiven beklebt waren. In Lunas Lieblingsfenster drohte ein giftgrüner Drache mit einer feurigen Zunge, der allerdings einen kleinen Drachen auf dem spitzen, stacheligen Rücken trug. „Mama, siehst du, der Papa trägt sein Kind, das will ich auch mal“, hatte Luna ihre Wahl begründet und es hatte ihrer Mutter einen kleinen Stich ins Herz gegeben, wie immer, wenn Luna über andere Väter sprach. Sie hatte das Thema angesprochen, als ihre Tochter drei Jahre alt und es ihr aufgefallen war, dass in ihrer kleinen Familie jemand fehlte. „Wo ist mein Papa?“, hatte sie nach einem Kindergeburtstag gefragt, wo der Vater ihrer Freundin Madeleine als Clown verkleidet mit den Kindern gespielt hatte und ihre Kinderstimme hatte traurig und fordernd zugleich geklungen. Und obwohl sich Leonie auf dieses Gespräch mit ihrer Tochter vorbereitet hatte seit sie den Zettel mit der Telefonnummer des Abtreibungsarztes in kleine, wütende Stücke zerrissen hatte, fühlte sie sich in diesem Moment überfordert von dem fragenden, kleinen Gesicht, den großen, unschuldigen Augen: „Dein Papa?“, hatte sie die Frage wiederholt, um etwas Zeit zu gewinnen, aber Luna hatte nur genickt und sie unverwandt angesehen. „Dein Papa wohnt woanders“, sie wusste, wie schwach sie klang, wie unglaubwürdig und es hatte sie nicht überrascht, dass diese Antwort ihrer Tochter nicht genügt hatte. „Wo wohnt mein Papa denn?“ Was sollte sie antworten? Ich habe keine Ahnung, der Schuft hat noch vier weitere Kinder und will nichts von uns wissen? „Dein Papa wohnt ganz weit weg, mein Schatz, so weit, dass er uns leider nicht besuchen kann.“ „Wo denn?“ Sie hätte sich denken können, dass ihr kleiner, wissbegieriger Schatz sich damit nicht zufrieden geben würde. „In Afrika“, ihr war auf die Schnelle nichts anderes eingefallen. „Bei den wilden Tieren. Auf die muss er aufpassen, damit die nicht weglaufen.“ Lunas Augen hatten geleuchtet, das gefiel ihr gut, ein Papa, der in Afrika auf wilde Tiere aufpasste! „Können wir ihn denn da mal besuchen, Mama? Bitte, bitte.“ Leonie hatte mit einem „Wenn du größer bist“ vorerst ablenken können, aber ihr war klar, dass dieser Aufschub nur ein kurzer war. Und als sie ein paar Tage später in der „Apfelpause“ der aufgeregten Stimme ihrer Tochter in die Sandkiste gefolgt war, wo sie mit ihren kleinen Freunden saß, Förmchen mit Sand füllte und stolz „Wenn ich sechs bin, dann fahr ich zu meinem Papa nach Afrika“ krähte, da war ihr klar, dass sie mit ihrer Lüge einen Bumerang abgeschossen hatte.

In den folgenden Wochen hatte sie sich um Schadensbegrenzung bemüht: „Nein, wir können den Papa nicht anrufen, da, wo er jetzt ist, gibt es keine Telefone“, aber ihr war nicht wohl gewesen dabei. Sie wollte ihre Tochter nicht anlügen, schließlich predigte sie ihr immer wieder wie wichtig es sei, die Wahrheit zu sagen. Aber was, wenn diese einfach zu trostlos war? Dein Vater, mein Schatz, wollte dich nicht und deshalb wollte ich nicht, dass er in deinem Leben noch eine Rolle spielt und habe in deiner Geburtsurkunde „Vater unbekannt“ eintragen lassen. Er ist auch nicht in Afrika, mein Schatz, sondern wohnt ungefähr zehn Minuten von uns entfernt. Das wusste sie, seit sie ihn einmal auf der Straße gesehen und ihm nachgegangen war. Mit einem Herzen voller Wut und Verletztheit.

Sie hatte der kleinen Luna diese Worte natürlich nicht gesagt, aber sie hatte sich aufgerafft und mit klopfendem Herzen bei ihm zuhause angerufen. Wenn seine Frau dran gewesen wäre, hätte sie einen beruflichen Kontakt vorgetäuscht. Aber er war selbst am Apparat: „Jürgen Klinger“, seine tiefe Stimme klang genauso warm wie damals, als sie mit ihrem Fahrrad in seinen Wagen gerammt war und er sie zum Essen eingeladen hatte: „Was kümmern mich ein paar Schrammen, wenn ich dafür eine so schöne Frau zum Essen einladen kann?“ Wie war es nur möglich gewesen, dass sie auf diesen Schmus hereingefallen war? Aber sie war glücklich, dass sie es war. Denn er war ein Feigling, aber er hatte ihr Luna geschenkt.

„Ich bin’s, Leonie. Erinnerst du dich noch an mich?“

Sein Schweigen sagte alles. „Wir haben eine Tochter, Jürgen“, hatte sie ihn einfach überrumpelt, „ und die glaubt, dass du in Afrika auf wilde Tiere aufpasst, und jetzt will sie dich sehen, und ich weiß jetzt leider auch nicht ...“ „Sie müssen sich verwählt haben“, sagte er, kalt und knapp und legte auf. Sie hatte nichts anderes von ihm erwartet und trotzdem traf sie die Enttäuschung wie ein Schlag ins Gesicht. Zum Glück hatte Luna nach ein paar weiteren Wochen ihren Papa vorerst vergessen, nur ein Bild hatte sie gemalt, das Leonie in ihrer Nachtischschublade aufbewahrte und sie jedes Mal zu Tränen rührte. Es zeigte ein dickes, graues Tier mit einem sehr langen Rüssel, offensichtlich ein Elefant, auf dem drei kleine Strichwesen hockten. Mama, Papa, Luna.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, die Stimme von Marius klang amüsiert, als er Leonie unterhakte und mit ihr zusammen auf den Eingang des Kindergartens zuging. „Ich habe dich gerade zu einem Abendessen eingeladen und wenn du Glück hast, gibt es diesmal kein Nudelschinkengratin. Könnte sein, dass ich mich zu einer Lammkeule aufraffe. Mit Kartoffelgratin und grünen Bohnen, also, was sagst du?“

Leonie sah ihn an und dachte wehmütig: Schade, dass ich mich nicht in dich verlieben kann. Mein Leben wäre so einfach, wenn ich es könnte. Aber ich mag dich einfach nur als Freund. Ganz ohne romantische Gefühle. Ganz ohne Herzklopfen. „Wir kommen gern, Marius“, sagte sie stattdessen. „Um sieben?“, fragte er und lächelte sie an. Sie nickte und freute sich auf den Abend. Marius kochte gut und die Kinder hatten immer jede Menge Spaß miteinander. Und das Beste war: Sie musste weder kochen noch hinterher aufräumen. Der pure Luxus. „Bis heute Abend“, lachte sie, während sie „Schneewittchen“ betrat und Sekunden später hatten die Kinderhorden sie verschluckt.

Marius sah ihr nach und wusste nicht, wie viel Sehnsucht in seinen Augen lag. Ich weiß, dass du mich noch nicht liebst, Leonie, dachte er, aber ich habe Zeit und viel Geduld. Ich werde warten.

 

3. Kapitel

 

Es war ein langer Tag gewesen, gespickt mit verschobenen oder ganz geplatzten Terminen, stressigen Telefonaten und nörgelnden Kunden, und als Hendrik von Lehsten um 19 Uhr auf die Uhr guckte, fühlte er sich so knochentief erschöpft, dass er am liebsten in die Sauna und dann sofort ins Bett gegangen wäre. Aber das konnte er sich leider nicht leisten. Seine Produktionsfirma BILDERWELTEN hatte gerade einen riesigen Auftrag an Land gezogen, ein monatelanges, sehr zähes Ringen der Konkurrenzbewerber war vorausgegangen ... es ging um eine Sendereihe in einem Privatsender über deutsche Millionäre, die einzeln porträtiert und nach dem Spielfilm am Dienstag ausgestrahlt werden sollten. Er hatte hoch gepokert und es geschafft und jetzt war er nur noch müde. Er trat ans Fenster und schaute auf die Straße, es war bereits stockdunkel und die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos blinkten wie hektische Glühwürmchen. Überall begann der Feierabend, die Menschen setzten sich zum Essen hin, lachten, erzählten vom Tag, stritten sich ... und er fühlte sich plötzlich so einsam, so verloren, dass er unwillkürlich die breiten Schultern wie zu einem Frösteln zusammenzog.

„Soll ich den Termin mit Dr. Mannweiler bestätigen?“, Regina Schneider, seine unentbehrliche Assistentin, stand in der Tür und sah ihn fragend an.

Er seufzte. Dr. Mannweiler war der Justiziar des Privatsenders, ein hagerer, kahlköpfiger Pfennigfuchser, der unter Produzenten gefürchtet war. „Bestätigen Sie“, nickte Hendrik erschöpft. „Morgen um neun?“ Sie sah ihn besorgt an. „Genau, er nimmt die Frühmaschine aus Köln. Die Unterlagen sind vorbereitet. Geht es Ihnen nicht gut? Sie sehen ...“, taktvoll suchte sie nach einem Wort, „... erschöpft aus, Herr von Lehsten. Soll ich Ihnen noch einen Kaffee bringen?“ Er bemühte sich um ein Lächeln, sie sollte sich um ihn keine Sorgen machen, was sie natürlich trotzdem tat, denn sie liebte ihn, zärtlich, heimlich, seit ihrem ersten Arbeitstag vor sieben Jahren. „Ein Kaffee wäre schön“, lächelte er sie an. „Ich bin in einer Stunde mit meiner Frau verabredet und sie mag es überhaupt nicht, wenn ich müde bin.“