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Manche Sommer verändern ein Leben. Andere beenden es. Hanna lebt in einer Gartensiedlung am Wiener Stadtrand. Verletzungen haben die einsame Frau gelehrt, Menschen auf Abstand zu halten. Nur Günther und Loretta, Freunde aus Kindertagen, besitzen ihr Vertrauen. Als eine junge Blondine wiederholt vor Hannas Haus auftaucht, erwacht Hannas Argwohn. Sie stellt die fremde Frau zur Rede. Die Begegnung nimmt allerdings eine unerwartete Wendung und in diesem Sommer kehrt etwas in Hannas Leben zurück, womit sie längst nicht mehr gerechnet hat: Liebe. Drei Monate später wird ein Notarzt in Hannas Gartenhaus gerufen. Eine Frau liegt leblos im Schlafzimmer. Eine andere hat den Notruf gewählt. Was geschah zwischen den beiden Frauen? Und welche Wahrheit kam ans Licht, als es längst zu spät war?
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Brigitte Kaindl
Der lila Tod
Nur einen Sommer
Roman
Der lila Tod
Manche Sommer verändern ein Leben. Andere beenden es.
Hanna lebt in einer Gartensiedlung am Wiener Stadtrand. Enttäuschungen haben die einsame Frau gelehrt, Menschen auf Abstand zu halten. Nur Günther und Loretta, Freunde aus Kindertagen, besitzen ihr Vertrauen.
Als eine junge Blondine wiederholt vor Hannas Haus auftaucht, erwacht Hannas Argwohn. Sie stellt die fremde Frau zur Rede. Die Begegnung nimmt allerdings eine unerwartete Wendung und in diesem Sommer kehrt etwas in Hannas Leben zurück, womit sie längst nicht mehr gerechnet hat: Liebe.
Drei Monate später wird ein Notarzt in Hannas Gartenhaus gerufen. Eine Frau liegt leblos im Schlafzimmer. Eine andere hat den Notruf gewählt. Was geschah zwischen den beiden Frauen? Und welche Wahrheit kam ans Licht, als es längst zu spät war?
Ein fesselnder Psychothriller über misstrauische Herzen und tödliche Geheimnisse.
Autorin
Brigitte Kaindl ist gebürtige Wienerin, verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Ihre Autobiografien „Mein Weg aus dem Fegefeuer“ sowie „Die zwei Wölfe“ schrieb sie unter dem Pseudonym ‘Brenda Leb’. Unter ihrem bürgerlichen Namen veröffentlichte sie humorvolle Unterhaltungsliteratur sowie zahlreiche Romane mit sozialkritischem Hintergrund.
Impressum
© urheberrechtlich geschütztes Material
Text von Brigitte Kaindl © Copyright by Brigitte Kaindl
www.brigittekaindl.at
Alle Rechte vorbehalten
Alle Rechte einschließlich dem des vollständigen oder teilweisen
Nachdrucks in jeglicher Form sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen
sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Autor: Brigitte Kaindl
Umschlaggestaltung: Brigitte Kaindl
Leuchtende Tage.
Nicht weinen, dass sie vorüber.
Lächeln, dass sie gewesen!
Konfuzius
September 2018
Die junge Mitarbeiterin in der Notrufzentrale stellte ihren Kaffeebecher ab und wollte soeben aus ihrer Jacke schlüpfen.
Da schrillte das Telefon.
Sie blickte im Raum umher, während sie den Zipp ihres Blazers öffnete. Vor sieben Uhr morgens waren nur wenige Schreibtische besetzt und die drei Kolleginnen, die die Nachtschicht übernommen hatten, telefonierten angeregt. Sie konnten das eingehende Gespräch daher gar nicht entgegennehmen.
Sehnsüchtig blickte die junge Frau auf die Dampfwolke, die dem Pappbecher mit wirbelnden Kringeln entfloh. Sie wusste, dass sie den ersten Schluck trinken würde, wenn er bereits kalt war.
Wie jeden Tag.
Doch pflichteifrig strich sie ihre Jacke ab und griff hastig zum Telefonhörer.
„Bitte kommen Sie rasch!“, hörte sie eine laute, hysterische Frauenstimme. „Sie ist tot! Ich glaube, sie ist tot!“
Juni 2018
Hanna ging mit beschwingten Schritten zur Spüle und füllte den Wasserbehälter auf. Sie zupfte einige Blätter vom Zweig der Pfefferminze und gab sie in den Wasserkrug.
Eine Stunde zuvor hatte sie zwei Ranken der üppig wuchernden Staude aus ihrem Vorgarten abgeschnitten und eingewässert. Somit hatte sie duftende Minze in der Küche und musste nicht jedes Mal in die Junihitze hinausgehen, wenn sie einzelne Blätter benötigte.
Wasser mit einem Hauch Minze schmeckt erfrischend und wertet das kühle Nass nicht nur geruchlich, sondern auch geschmacklich auf.
Das wusste die 48-Jährige, die seit dem Tod ihrer Eltern das schmucke Gartenhaus, in welchem sie aufgewachsen war, allein bewohnte und sowohl ihren Kräutergarten als auch die Geruhsamkeit der beschaulichen Gartensiedlung schätzte.
Über ihre Gesichtszüge zog sich ein leichtes Lächeln, als sie den Deckel der Karaffe verschloss. Wie sehr ich mich offenbar verändert habe, dachte sie kopfschüttelnd, denn als junges Mädchen hätte ich mich nie so ausgedrückt.
Geruhsam! Beschaulich!
Pah!
Weil Jugendliche Ruhe suchen.
Sie hatte es jedenfalls nicht getan.
Überhaupt nicht!
Genauso wenig wie die Halbwüchsigen, die ebenfalls mit der Monotonie dieser Gegend überhaupt nichts anzufangen wussten und Ventile suchten, um dieser Eintönigkeit entfliehen zu können.
Beschaulichkeit.
Der Eltern höchstes Glück wurde für ihre pubertierenden Sprösslinge zum Nährboden grenzenloser Unzufriedenheit mit den sich automatisch einstellenden, negativen Auswirkungen.
Wenn die jugendliche Hanna früher um sich geblickt hatte, hatte sie neben ihrer eigenen Niedergeschlagenheit bloß die Aggressionen der Halbwüchsigen gesehen, die mit ihrer ebenso deprimierenden Langeweile auch nicht zurechtkamen.
Und wenn diese, anfangs leise vor sich hin schwelende Unzufriedenheit irgendwann zu heftig lodernder Angriffslust anwuchs und in weiterer Folge in explosive Aktion umschlug, war es mit der Ruhe vorbei.
Dann wurden selbst die Eltern laut und einige Jahre lang gab es bürgerkriegsähnliche Zustände in Hütteldorf.
Alt gegen Jung.
Jung gegen Alt.
Schön war das für beide Seiten nicht gewesen.
Überhaupt nicht.
Doch das war Schnee von gestern.
Die Jungen von damals sind älter und teilweise selbst Eltern geworden, die Alten gestorben und die Jugendlichen, die nun hier lebten, hatten viel mehr Freiräume und Freiheiten, als dies der Generation zuvor zugebilligt worden war.
Ein Hoch auf die antiautoritäre Kindererziehung. Nun lebten die Jugendlichen ihre Bedürfnisse in den Clubs der Großstadt aus und hier, in Hütteldorf, herrschte demnach wieder die altbekannte Beschaulichkeit und Ruhe.
Im ruhigen, grünen Hütteldorf.
Wie sehr Hanna diese Gegend inzwischen liebte.
Dabei war sie sich als Jugendliche sicher gewesen, dass sie hier niemals auch nur einen einzigen Tag verbringen würde.
Nämlich freiwillig!
Hier will ich nicht einmal begraben sein, hatte sie immer nur darauf gewartet, von hier verschwinden zu können.
Hier, im Westen der Stadt, wo der Wienerwald seine grünen Finger ausstreckte und Verkehrslärm sowie Hektik des urbanen Lebens durch frische Luft und ländliche Stille zu überwuchern versuchte.
In dieser ausgedehnten Gartensiedlung mit großem Erfolg.
Weitab stark befahrener Straßenzüge oder großer Supermärkte dominierte in dieser hügeligen Gegend das Grün. Hanna hatte als Kind stets gedacht, sie lebte in einem Dorf voller Hütten, woraus sich der Name Hütteldorf ableitete.
Erst in der Schule hatte sie erfahren, dass der Name dieser Gemeinde gar nichts mit Hütten zu tun hatte, sondern auf das adelige Geschlecht der Utendorfer zurückgeht.
Über Hannas Gesicht schlich sich das nächste Grinsen, denn diese Geschichte hatte sie als Mädchen genauso langweilig gefunden, wie die Gegend selbst.
Und eigentlich fand sie diese Information auch heute noch uninteressant. Komisch nur, warum mein Gehirn dieses unnötige Wissen dann nicht von meiner zerebralen Festplatte gelöscht hat? Und ganz seltsam, warum es mir gerade jetzt in den Sinn kommt. Scheinbar werde ich alt, dachte sie kopfschüttelnd, als sie erkannte, dass sie, wie früher ihre Eltern, immer öfter an ihre Schulzeit und Kindheit dachte.
Eigentlich werde ich genau wie sie, obwohl ich doch nie so werden wollte, erkannte sie selbstreflektiert, wie sehr sich ihre Vorstellungen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hatten.
Nun, sie hatte sich den geänderten Gegebenheiten anpassen müssen.
‘Wenn man nicht bekommt, was man liebt, muss man lieben, was man bekommt.’
Das hatte ihre Mutter stets vor sich hergebetet, wenn Hanna sich etwas sehnlichst gewünscht aber nicht erhalten hatte.
Wie sehr sie diesen Spruch immer gehasst hat.
Trotzdem hat sie gelernt, sich zu arrangieren.
Obwohl: sie hatte sich förmlich arrangieren müssen, um nicht völlig durchzudrehen.
Es war ihr doch gar nichts anderes übriggeblieben! Sie hat lernen müssen, die Brosamen, die ihr geblieben waren, zu lieben, denn, was sie geliebt hatte, war dahin. Keiner ihrer Wünsche hatte sich erfüllt. Nichts war geworden, wie sie es sich erhofft hatte.
Nicht einmal andeutungsweise.
Es hat schon sein Gutes, dachte sie schulterzuckend, während sie eine Zitrone auspresste, den Deckel der Karaffe noch einmal hob und den vitaminreichen Saft in den Wasserkrug leerte.
Immerhin verschwand mit ihren unerfüllten Träumen doch auch die Unzufriedenheit aus ihrem Leben.
Gottlob!
Zufriedenheit ist eine nicht zu unterschätzende Basis für ein gutes Leben.
Ein gutes!
Kein ‘sehr gutes’ wohlgemerkt. Den Unterschied kannte sie sehr wohl. Doch sie wollte nicht unbescheiden sein, denn ein gutes Leben führte sie!
Ein sehr gutes Leben hingegen, so ein kitschig schönes Leben wie es einem vor Romantik triefende Hollywood-Komödien vorgaukeln, so ein sehr gutes Leben strebte sie inzwischen doch gar nicht mehr an. Glück, Liebe, all das, was für sie früher zu einem sehr guten Leben gehört hätte, all diese Dinge waren für sie doch inzwischen in so unerreichbare Ferne gerutscht, dass sie sie gar nicht mehr erreichen hätte können.
Und auch nicht mehr wollte.
Sie war nun einmal kein Frosch, der, in eine Milchschüssel gefallen, so lange mit den Beinen strampelte, bis aus der Milch Butter wird, um auf dem festen Klumpen raushüpfen zu können.
Sie wollte aber auch gar nicht mehr kämpfen, vermutete sie doch außerhalb der Milchschüssel die gleiche Milch wie die, in der sie sowieso schon die gesamte Zeit über ihre Runden zog.
Und diese Vermutung war nicht an den Haaren herbeigezogen.
Wirklich nicht! Immerhin hatte sie doch bereits einen Blick über den Tellerrand geworfen. Und dieser Blick hatte ihr genügt.
Nein danke!
Da schwamm sie lieber weiterhin genüsslich in ihrer gewohnten, inzwischen schon säuerlich gewordenen Milch herum und war zufrieden, dass sie schwimmen konnte. Solange sie nicht unterging, war alles in Ordnung. Nicht unterzugehen war doch auch schon ein nicht zu unterschätzender Sinn des Lebens.
Überleben! Juhu!
Sie hatte überlebt, schwamm zufrieden und genügsam ihre Runden.
Herz, was willst du mehr?
Sie liebte, was sie hatte!
Ja, Mama, du hast, wie immer, rechtgehabt.
Immerhin: Zufriedenheit war viel Wert. Sehr viel sogar.
Wenn sie bloß daran dachte, wie verdrossen sie als Mädchen gewesen war, weil sie das Gefühl gehabt hatte, hier bei lebendigem Leib von ihrer Langeweile aufgefressen zu werden.
Wie sehr sie nach dem prickelnden Großstadtleben gelechzt hatte!
Partys.
Clubs.
Die Vorstellung des ‘wirklichen’ Lebens. Wie verlockend waren diese verführerischen Gedanken gewesen. Wie gerne hätte sie nächtelang durchgetanzt, geliebt, geflirtet, das Leben genossen.
Dabei hätte es in der Großstadt die Möglichkeit gegeben. Einige ihrer Schulkolleginnen durften in Nachtclubs gehen.
Doch nicht Hanna!
‘Wenn man nicht bekommt, was man liebt, muss man lieben, was man bekommt. ’
Und sie hatte nun einmal ihre überaus behütende Mutter bekommen. Eine Mutter, die auf ihre Tochter gut achtete und jugendliche Flausen mit einer einzigen Handbewegung vom Tisch zu fegen wusste.
Und sie hatte Hütteldorf bekommen.
‘Sei froh, dass du hier so eine gute Luft atmen kannst. Mitten in der Stadt bekommen die Leute von den Abgasen ein graues Gesicht, wenn sie aus dem Fenster blicken. Du hingegen bekommst rote Bäckchen, mein Liebling!’
Wieder so ein toller Spruch ihrer Mutter.
Einer, den sie ebenfalls erst heute zu schätzen gelernt hatte, denn hier gab es tatsächlich nichts, das an die Hektik der Großstadt erinnerte.
Weder den Verkehr noch den Trubel der Einkaufscenter.
Weder schlechte Luft noch das, was Jugendliche suchen, um sich lebendig fühlen zu können.
Nein, davon gab es hier, in der Gartensiedlung Hütteldorfs, tatsächlich nichts! Oder halt nicht viel.
Und für junge Mädchen gab es tatsächlich rein überhaupt gar nichts.
Ja, die Burschen zog es heute wie damals regelmäßig zum nicht weit entfernten Rapid-Stadion. Eigentlich zum Gerhard Hanappi-Stadion, wie das Allianz-Stadion seinerzeit genannt wurde. Für diesen Fußballclub war Hütteldorf sogar über die Grenzen seines Heimatbezirkes bekannt.
Doch Hanna mochte Fußball nicht.
Und vor allem mochte sie Fußballer nicht.
Und am wenigsten mochte sie Fußball-Fans.
Für Hanna waren Rapid-Anhänger ungehobelte Rowdies, die erst in der Gemeinschaft stark wurden.
Dann aber so richtig!
Sie musste auflachen, als sie an den größten Fehler ihres Lebens dachte. Trocken und bitter fehlte diesem Lachen aber jede Fröhlichkeit und um ihre Mundwinkel zog sich ein bitterer Zug.
Da riss sie ein glucksendes Kichern aus ihren trüben Gedanken.
Unvergleichbar und sprudelnd schallte Lorettas Lachen aus dem angrenzenden Esszimmer in ihre Küche, während ihre Freundin rief: „Hanna, wenn du nicht bald wiederkommst, gibst du Günther die Möglichkeit, sich zu erholen, und wir waren doch auf dem besten Weg ihm die niederschmetterndste Niederlage seines Lebens zu bescheren!“, zog sie ihren Mann auf, der soeben beim Rummy-Spiel haushoch zu verlieren drohte.
Hanna war froh, dass sie Loretta aus ihren Gedanken gerissen hatte und rief in das Esszimmer: „Du meinst, nicht so niederschmetternd wie derzeit bereits erkennbar, sondern nur so schmerzhaft wie üblich?“
Sie hörte Günthers Schnaufen und schloss den Behälter der Karaffe.
Dabei zog sich über Hannas Gesicht ein ehrliches Lächeln und ihre trüben Gedanken waren nun endgültig wieder verschwunden.
Sie sah wieder das Wesentliche: Ihre jugendlichen Verirrungen waren nichts weiter als unbedeutende Fehleinschätzungen gewesen, wie sie jedem Menschen passieren.
Doch dumm ist nicht, wer Fehler macht, sondern, wer nichts daraus lernt, wusste sie.
Und sie hatte aus ihren Fehlern gelernt, sich vorgenommen, dass ihr nie wieder so etwas oder auch nur so etwas Ähnliches widerfahren würde.
Nie wieder!
Sie hatte sich geschworen, niemandem mehr blind zu vertrauen.
Und daran hatte sie sich stets gehalten.
Hannas Vertrauen musste sich jeder, der von ihr als Vertrauter wahrgenommen werden wollte, erst verdienen.
Und wer sie liebte, tat es.
Wie Loretta, ihre gleichaltrige Schulfreundin und Günther, mit dem sie ebenfalls die Schulbank gedrückt hatte. Die beiden besaßen Hannas Vertrauen.
Und das völlig gerechtfertigt.
Seit Jahrzehnten konnte sie sich auf ihre Freunde verlassen und ihre wöchentlichen Spieleabende festigten das Band der Zusammengehörigkeit. Hanna hörte Loretta wieder auflachen, nachdem Günther etwas Unverständliches gemurmelt hatte.
„Ach Günther, jetzt suche nicht schon wieder nach hundert Ausreden. Du bist heute schlicht und ergreifend nicht auf der Höhe und deshalb sieht deine Bilanz so niederschmetternd aus!“
„Niederschmetternd?“, hörte Hanna Günther aufrufen. Und jetzt verstand sie aufgrund der Lautstärke jedes Wort.
„Ich habe euch beiden lediglich einen Vorsprung gelassen und wenn Hanna erst wieder hier am Tisch sitzt, werde ich euch schon zeigen, wer der ungekrönte Rummy-Weltmeister ist“, wollte Günther seinen bereits besiegelten Untergang mit großen Worten wegreden.
Nun lachte Hanna in der Küche hell auf.
Sie hob die Karaffe hoch und wollte soeben damit in das Esszimmer zurückgehen, um gemeinsam mit Loretta Günthers Niederlage festzumachen. Da fiel ihr Blick durch das Fenster.
Hanna wusste, dass man durch die dichte Gardine von draußen nicht hereinsehen konnte.
Doch sie konnte von herinnen aus alles sehen.
Diese Tatsache nutzte sie, um unerkannt nach draußen spähen zu können. Mit klopfendem Herzen ging sie näher an den weißen Stoff, um besser durch die kleinen Löcher blinzeln zu können.
Tatsächlich! Da stand sie. Schon wieder!
Durch die bestickte Gardine hindurch sah sie eine junge Frau auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse stehen.
Was an sich nichts Ungewöhnliches wäre. Überall auf der Welt stehen Menschen in Gassen herum.
Aber nicht hier!
Hier war es deshalb ungewöhnlich, denn hier stand niemand bloß herum.
Wenn, dann ging man.
Und zwar nach Hause. Oder in die Stadt. Egal, wohin, aber man bewegte sich. Und zwar in zügigen Schritten, denn hier gab es nichts zu sehen, außer Gärten und Häuser mit geschlossenen Fenstern.
Doch diese Frau ging nicht. Sie stand auf dem Gehsteig, als wartete sie auf einen Linienbus.
Hier in dieser schmalen Gasse würde ein Bus doch nicht einmal durchkommen, schüttelte Hanna den Kopf und wusste daher, dass die junge Frau sicherlich auf keinen Bus wartete.
Doch was macht sie dann hier?
Hannas Stirn begann sich zu runzeln, denn ihr Misstrauen erwachte. Bereits eine Woche zuvor hatte sie die hübsche Blondine mit den schulterlangen Haaren vor ihrem Haus stehen gesehen.
Was machte sie hier?
Und wer war sie?
Sie war sicherlich keine neue Nachbarin.
Warum Hanna das dachte? Weil die junge Frau bloß dastand und auf ihr Haus blickte.
Ausgerechnet auf ihr Haus.
Warum tat sie das?
Hanna überlegte bereits, ob sie rausgehen und einfach nachfragen sollte.
Doch was sollte sie fragen?
„Was machen Sie hier?“
Diese Worte klangen schon sehr unfreundlich. Andererseits: Warum sollte sie freundlich sein? Möglicherweise führte die junge Frau etwas im Schilde!
Falls dem so wäre, sollte sie ruhig wissen, dass die Leute, die hier wohnten, aufmerksam waren. Möglicherweise wäre es sogar klug, wenn die Blondine mitbekam, dass hier achtsame Bürger wohnten. Wachsame Menschen, die sehr wohl bemerkten, wenn hier jemand herumspionierte.
Denn genauso wirkte es: Als wollte sie in Erfahrung bringen, wer in diesem Haus wohnte und wie sie sich Zutritt verschaffen konnte.
Dieser Gedanke ist zwar jetzt sicherlich sehr weit hergeholt, wusste Hanna. Andererseits: von der Hand zu weisen war diese Betrachtung nicht! Immerhin waren die Einbrüche der vergangenen Jahre in den Häusern der Nachbarn so gut vorbereitet gewesen, dass die meisten Täter bisher noch frei herumliefen.
Und wohl gerade ihre nächsten Coups vorbereiteten?
Wie diese junge Frau?
Die Blondine sah zwar nicht wie eine Kriminelle aus, doch grimmig blickende Hutträger mit dunkler Brille und Narbe im Gesicht sind lächerliche Kriminalfilm-Relikte des vorigen Jahrhunderts. In alten schwarz/weiß-Filmen waren Bösewichte an zerknitterten Gesichtern und eindeutiger Mimik als Schurken sofort erkennbar gewesen.
Was Hanna lächerlich fand, denn inzwischen wusste doch bereits jedes Kind, dass Kriminelle kein eindeutiges Profil besitzen.
Wenn Hanna bloß an den berühmt-, berüchtigten Wiener ‘Häfenpoeten’ dachte?
Er hatte in den 90-er-Jahren zahlreiche Frauen stranguliert und sich nach seiner Verurteilung im Gefängnis selbst gerichtet.
Doch vor seiner Verurteilung hatte sich dieser schöne, gutgekleidete Mann mit seinem charmanten Auftreten als literarisches Genie in den höchsten Wiener Kreisen feiern lassen und war gern gesehener Gast in der heimischen Kulturszene gewesen.
Nein, nein, das Äußere sagte rein gar nichts aus, fühlte sich Hanna durch diese Geschichte in ihrer Vorsicht bestätigt.
„Aber das mit dem Bus?“
Dieser Gedanke ging Hanna nicht mehr aus dem Kopf.
Kurzerhand stellte sie daher die Wasserkaraffe wieder ab und ging in das Vorzimmer. Sie schloss die Eingangstür auf, zog hurtig durch ihren Vorgarten, öffnete die Pforte und steuerte auf die junge Frau zu.
Das Mädchen schrak merkbar zusammen und riss ihre Augen weg von den Rosen, die sie gerade angesehen hatte. Stattdessen blickte sie Hanna entgegen, die sich in zwei Metern Entfernung vor ihr aufbaute.
„Wenn Sie hier auf einen Bus warten, hier kommt keiner“, sagte Hanna in kurzen, scharfen Worten und vermied gerade noch, die Hände in die Taille zu stemmen. Doch ihr Blick war so ernst und so fest, dass sie die junge Frau verdutzt anblickte.
„W...w...wie bitte?“
„Ich wollte Ihnen nur sagen, dass hier kein Bus fährt“, wiederholte Hanna daher in der gleichen Schärfe, nun etwas lauter.
„Wieso sagen Sie mir das?“
„Weil ich Sie hier stehen gesehen habe und dabei haben Sie auf mich den Eindruck gemacht, als warteten Sie auf einen Bus“, blieb Hanna bei ihrer Geschichte.
Da begann die junge Frau zu lachen.
„Hier in dieser engen Gasse?“, sprach sie Hannas Gedanken von zuvor aus. „Ein Bus käme hier doch gar nicht durch“, schüttelte sie den Kopf, erkannte aber in diesem Moment, dass Hanna wohl bloß wissen wollte, warum sie hier gestanden hatte.
Automatisch begann sie sich daher zu rechtfertigen.
„Ich ... ich bin hier gestanden und habe bloß ihren wunderschönen Garten bewundert. Vor allem die Kräuter sind mir aufgefallen. Und ganz besonders schön sind die Rosen“, redete die junge Frau nach anfänglichem Stammeln plötzlich wie ein Wasserfall.
Hanna folgte ihrem Blick.
„Ist diese lila Rose nicht eine Mainzer Fastnacht?“, fragte sie unbefangen und Hanna nickte automatisch. „Ja!“
Dann jedoch krauste sich ihre Stirn und sie legte bei der nächsten Frage den Kopf schief. „Sie kennen diese Rose?“
„Ja, meine Mutter hat sie so geliebt“, erklärte das Mädchen und der Blick ihrer Augen wurde sanft, aber auch ein wenig traurig.
Das bekam Hanna allerdings nicht mit, weil sie ebenfalls zu der üppig blühenden Rose sah.
„Ich liebe sie auch, weil sie so gut duftet“, antwortete Hanna automatisch, blieb aber misstrauisch. Sie wandte der jungen Frau wieder ihr Gesicht zu, während sie weitersprach.
„Wohnt Ihre Mutter in dieser Gegend? Oder Sie? Ich habe Sie hier nämlich noch nie gesehen“, versuchte Hanna Informationen zu erhalten und verschleierte ihren Argwohn nicht sonderlich geschickt.
Die junge Frau dürfte allerdings keine negativen Schwingungen empfangen haben, denn sie antwortete prompt und ihre Stimme klang so ungezwungen, als würde sie sich mit Hanna bereits seit Jahren regelmäßig unterhalten.
„Nein, meine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben und ...“ Die junge Frau zögerte und schien etwas auf der Zunge zu haben, das sie dann aber nicht aussprach.
„Hanna, wir warten schon die gesamte Zeit auf dich!“ drang plötzlich eine laute, männliche Stimme aus der geöffneten Tür ihres Hauses. „Was machst du denn hier draußen?“ Günther trat in den Vorgarten und als er Hanna in Begleitung vorfand, begann er zu schmunzeln.
„Oh, ich sehe, du holst dir gerade Verstärkung ins Haus?“, witzelte er.
„Das habe ich doch gar nicht nötig“, entgegnete Hanna mit spitzer Zunge und merkte, wie Günther auf die junge Frau zukam.
„Sind Sie eine Freundin von Hanna?“, reichte er ihr seine Hand und stellte sich vor. „Ich bin Günther Nemec und ein Freund des Hauses.“
„N...nein ...“, stammelte die junge Frau. „Ich heiße Gilda und habe hier lediglich den schönen Garten bewundert.“
„Das heißt, Sie sind nicht eine Freundin von Hanna?“, wunderte sich Günther und blickte seine Freundin verdattert an. „Hanna, du hast tatsächlich mit einer Frau, die du gar nicht kennst, ein Gespräch geführt?“, machte er sich grinsend über Hannas Zurückhaltung lustig.
Automatisch begann Hanna sich zu rechtfertigen.
„Ich ... ich habe sie bloß gefragt ...“, begann Hanna zu stammeln, doch Günther hörte ihr nur mit einem halben Ohr zu. Er wirkte abgelenkt, schnellte nach vorne.
Wie ein Gepard auf eine Gazelle, sprintete er auf Hannas Gesprächspartnerin zu. Hanna zuckte zusammen und riss geschockt ihre Augen auf.
Was war nur in Günther gefahren?
Er griff der Blondine blitzschnell unter die Arme und erst in diesem Moment erfasste auch Hanna, was Günther viel früher erkannt hatte: Der jungen Frau waren die Knie eingesackt.
Einfach so.
Wie eine leblose Marionette hing sie nun bewusstlos in Günthers Armen und ihre Augen flatterten, als Günther langsam mit ihr in die Knie ging.
Mein Gott, wenn sie Günther nicht aufgefangen hätte, wäre sie auf dem harten Gehsteig gelandet, erschrak Hanna und beobachtete, wie Günther den Kopf der jungen Frau sacht auf den Gehweg bettete.
Ihre Hände zitterten, als sie sich neben Günther kniete.
„Was ist mit ihr?“, schüttelte sie fassungslos den Kopf und tippte Günther dankbar auf die Schulter. „Bin ich froh, dass du das jetzt mitbekommen hast. Wenn du nicht so schnell gewesen wärst ... Puh, das hätte schlimm ausgehen können“, stammelte sie herum und blickte auf die ohnmächtige Frau. „Ich habe gar nichts mitbekommen.“
„Gottlob aber ich“, sagte Günther und tätschelte sachte die Wange der Bewusstlosen. „Loretta ist auch einmal in meiner Gegenwart zusammengeklappt. Seither weiß ich, wie ein nahender Kreislaufkollaps aussieht“, erklärte er.
„Und hast du sie auch rechtzeitig aufgefangen?“, hatte Hanna davon noch nichts gehört.
„Nun, sie hat keine Ecken und Kanten in ihrem hübschen Sturschädel, also ja“, versuchte er zu scherzen, tätschelte aber weiter sachte die Wange der Ohnmächtigen.
„Aber diese Frau ... sie ist doch noch so jung ... hat gerade völlig normal geredet ... wie ... wie hat das so schnell passieren können? Ich meine, was kann denn mit ihr los sein?“, versuchte Hanna zu ergründen, wieso eine junge, gesund aussehende Frau so plötzlich das Bewusstsein verlieren konnte.
„Die Hitze“, erklärte Günther. „Wenn sie hier eine Weile in der Hitze gestanden, und womöglich einen niederen Blutdruck hat, spielt wohl gerade ihr Kreislauf verrückt“, mutmaßte er, weil er als ehrenamtlicher Sanitäter schon öfter Hitzeopfer behandelt hatte.
„Ist es dann nicht schlecht, wenn sie hier in der Hitze liegenbleibt?“, fragte Hanna und wurde hektisch. „Soll ich die Rettung rufen?“
„Noch nicht“, hob Günther sachte die Hand und schien sich, im Gegensatz zu Hanna, nicht sonderlich aufzuregen.
„Aber du hast recht, hier ist es zu heiß. Ich versuche sie ins Haus zu bringen und wenn sie sich in der Kühle nicht erholt, dann rufen wir die Rettung“, entschied er.
September 2018
Die Haustür stand weit offen.
Der Arzt und seine Helfer wurden bereits ungeduldig erwartet.
„Guten Abend, Doktor Moser“, streckte der Arzt mittleren Alters der geschockten Frau seine Hand entgegen und fragte mit peitschenden Worten: „Wo ist die Patientin?“
Sie nahm die hingestreckte Hand des Arztes jedoch gar nicht wahr, deutete in den hinteren Teil des Hauses.
„Hier entlang, rasch!“, rief sie und lief mit eiligen Schritten durch den Vorraum.
Der Arzt und seine beiden Kollegen folgten ihr in ein abgedunkeltes Zimmer. Hier roch es nach Schweiß, Erbrochenem und Extrementen.
Die Frau blieb vor dem Bett stehen und erklärte: „Sie kann seit einer halben Stunde nicht mehr aufstehen.“
Im Bett lag eine seltsam verkrampfte Frau. Der Arzt ging in die Knie, öffnete mit raschen Griffen seinen Arztkoffer.
„Hat sie etwas genommen?“, fragte er, während er eine Stabtaschenlampe auf die leblose Frau richtete und wiederholte seine Frage.
„Was hat sie genommen? Sagen Sie schon: Wissen Sie den Grund für ihren Zustand?“, schrie er fast und schaltete hektisch die Lampe an.
Als der Lichtkegel auf das verkrampfte, entstellte Gesicht der Patientin fiel, begann er heftiger zu atmen, wurde aschfahl.
Die Frau hinter ihm bekam davon nichts mit. Sie antwortete: „Ich ... ich ... ich weiß es nicht!“
„Seit wann ist sie denn in diesem Zustand?“, versuchte der Mediziner Hintergründe zu erfahren.
„Seit einer Stunde“, antwortete die Frau und vervollständigte: „Seit einer Stunde geht es ihr nicht gut.“
„Und da rufen Sie erst jetzt an?“, wirkte die Frage des Arztes und vor allem sein schroffer Ton vorwurfsvoll.
„Ich ... ich habe gedacht ...“, begann sich die Frau prompt zu rechtfertigen, stotterte, begann dann aber neu: „Ich habe ihr doch versucht zu helfen“, deutete sie auf die Teetasse am Nachtkästchen. „Ich habe geglaubt, ihr sei ... ich dachte ...“, brachte sie scheinbar keinen zusammenhängenden Satz über ihre Lippen.
Doch dann riss sie sich zusammen und erklärte: „Ihr war doch eigentlich nur etwas übel“, schüttelte sie den Kopf. „Aber als ich bemerkt habe, dass es ihr immer schlechter ging, habe ich sofort den Notdienst angerufen.“
Der Arzt hörte ihr nur halb zu und fasste für seinen Assistenten zusammen: „Lähmung der Lippen und Zunge, Krämpfe, Darmkoliken, Erbrechen, Speichelfluss.“
Doktor Moser blickte zu der Frau und fragte sie noch einmal: „Sie hat Vergiftungssymptome. Zumindest sieht es so aus. Daher müssen wir rasch handeln, wenn es sich wirklich um eine Vergiftung handelt. Also sagen Sie mir: Was hat sie zu sich genommen?“, wiederholte er ungeduldig seine zuvor gestellte Frage.
„Ich ... ich ... weiß es wirklich nicht!“, sagte die Frau und blickte mit riesigen Augen auf das Bett.
Juni 1989
Knallende Feuerwerkskörper.
Brennende Müllbehälter.
Grölende Männerstimmen und leere Bierbecher am Gehsteig.
Wien, Hütteldorf, zwei Stunden nachdem das Fußball-Derby im Hanappi-Stadion geendet hatte.
Die bereits schlafende Bevölkerung wurde unsanft aus den Träumen gerissen und diejenigen, die soeben einschlafen wollten, wurden jäh daran gehindert. Vorhänge wurden eilig zur Seite geschoben, Frauen weckten ihre Männer, die mit Ohrstöpsel trotz der lauten Ausschreitungen schliefen und die Stromrechner drehten sich durch die nun hell erleuchteten Kronleuchter in jedem Haushalt schneller.
Wütende Augen blickten aus den Fenstern.
Provozierende Augen sahen zurück.
Glasige Augen stierten auch zu ihrem Fenster hoch, fixierten das hübsche, junge Mädchen, das in ihrem ärmellosen Nachthemd am offenen Fenster fröstelte.
Um sich zu wärmen hatte sie die Arme um ihren Körper geschlungen, und er konnte ihre Rundungen wahrnehmen. Vor allem erkannte er sehr deutlich, dass sie fror. Ohne dass sie es mitbekam, drückten sich nämlich ihre durch die Kälte aufgestellten Brustwarzen durch den dünnen Stoff.
Er hingegen bekam es mit.
Sogar sehr deutlich bekam er es mit. Die Beleuchtung der Straßenlaterne fiel nämlich direkt auf ihre schmale Gestalt und sie wirkte in diesem Moment wie ein Engel in ihrem weißen, seidigen Nachtgewand.
Ein Engel mit dem Körper einer Sexgöttin.
Seine Fantasie spielte verrückt, als er sie wie eine unnahbare Statue am Fenster stehen sah. Er wurde langsamer, blieb irgendwann ganz stehen.
Der Bursche, der hinter ihm wankte, konnte so schnell nicht ausweichen und rempelte ihn an. Doch er schien es gar nicht mitzubekommen, stierte die Frau am Fenster einfach nur weiterhin unentwegt an.
Das Mädchen konnte ihren Blick ebenfalls nicht von ihm abwenden, erschauderte.
Braune Augen.
Diese schönen, braunen Augen blickten tatsächlich zu ihr hoch.
„Lori, geh´ sofort vom Fenster weg!“, rief Mutter mit verschlafener, aber dennoch lauter Stimme, als sie wahrnahm, dass ihre Tochter den Vorhang zur Seite geschoben hatte und mit großen Augen zu der lärmenden Menschenmenge hinunterblickte.
Die Burschen hatten grün-weiß gestreifte Schals um den Hals geschlungen, das äußere Symbol ‘echter’ Rapid-Fans.
Das junge Mädchen wusste, dass wohl wieder ein Fußballspiel geendet hatte. Dem Gegröle der jungen Männer konnte sie jedoch nicht entnehmen, ob sie einen Sieg feierten oder eine Niederlage verarbeiten mussten. Klare Worte waren dem lautstarken Lallen nämlich nicht zu entnehmen und sie interessierte sich nicht für Fußball, hatte daher die Sportmeldungen im Fernsehen ignoriert.
Doch die taumelnden Fans, die soeben an ihrem Elternhaus vorüberzogen, waren nicht zu ignorieren und hatten leider auch ihre Mutter aus dem Schlaf gerissen.
Sie lief aufgeregt auf ihre Tochter zu.
„Diese besoffenen Halbstarken sollen dich nicht sehen!“, mahnte sie streng und zog Lori am Arm in das Zimmer zurück. „Und schon gar nicht in diesem dünnen Fetzchen“, deutete sie auf das Nachthemdchen mit dem spitzenbesetzten Ausschnitt.
„Wie kannst du dich so überhaupt in der Öffentlichkeit zeigen?“, tippte sie sich echauffiert an die Stirn und blickte ihre Tochter an.
Sie schüttelte den Kopf und murmelte in sich hinein: „Steht hier halbnackt am Fenster! Was denkt sich diese Göre denn überhaupt dabei“, sprach sie von ihrer Tochter in der dritten Person, als wäre sie gar nicht hier.
Dann aber wurde ihre Stimme lauter und sie wies ihre Tochter zurecht: „Dass du mir das nie wieder machst! Du hast scheinbar keine Ahnung, in welche Gefahr du dich begibst! Die sind doch alle blau wie die Veilchen und vollkommen zugedröhnt. Was glaubst du, was passiert, wenn du in diesem Outfit bei völlig besoffenen Hohlköpfen Männerfantasien ankurbelst?“, schrie sie nun fast und polterte in gleicher Lautstärke weiter.
„Kind, du warst doch bisher so vernünftig“, wurde ihre Stimme nun doch leiser und sie legte behütend die Hand auf die Schulter ihrer Tochter.
„Bitte, denke beim nächsten Mal ein bisschen nach, was du tust und bleib um Gottes Willen vom Fenster weg, wenn diese hirnlosen Rapid-Ultras sternhagelvoll nicht einmal mehr gerade gehen können.“
Widerstrebend ließ sich das junge Mädchen auf ihr Bett niedersinken und blieb folgsam am Bettrand sitzen.
Sie wusste, Mutter machte sich bloß Sorgen.
Sie wusste, sie meinte es nur gut.
Doch noch etwas anderes fühlte sie viel stärker. Sie legte ihre Hände auf ihre Brust und spürte ihr Herz so heftig schlagen, dass sie glaubte, es müsse aus ihrem Brustkorb herausspringen.
Sie saß mit gesenktem Kopf auf der Bettkante und war vollkommen verwirrt.
Er hatte sie angeblickt.
Er hatte ihr zum ersten Mal in die Augen gesehen.
„Ich rufe die Polizei!“, hörte sie die Stimme ihres Vaters aus dem unteren Geschoß hochdröhnen. „Dieses Mal sind sie zu weit gegangen!“
Juni 2018
Günther trug Gilda in das Haus und ließ sie auf Hannas Wohnzimmer-Sofa sinken. Der Schweiß lief ihm dabei in Strömen über das Gesicht. Als er sich wieder aufrichtete, wischte er sich mit dem Hemdsärmel über die Stirn.
Die junge Frau wog zwar mit Sicherheit keine fünfzig Kilo, doch in der Junihitze fühlte sich selbst langsames Gehen wie ein Krafttraining an.
Außerdem war Günther kein Jüngling mehr. Die Fünfzig hatte er bereits vor zwei Jahren überschritten und seit einigen Jahren schob er ein konstant anschwellendes Wohlstandsbäuchlein durch die Gegend.
Loretta, die mit den Spielkarten in der Hand auf Günther und Hanna gewartet hatte, sprang vom Esstisch auf, als Günther in den Raum kam. Wie ein Bräutigam, der seine Braut über die Schwelle trug, kam er durch die Tür. Bloß sein Ächzen und Stöhnen passte nicht zu diesem romantischen Bild.
Loretta sprang auf und fegte rasch die Kissen vom Sofa, damit er das Mädchen ablegen konnte, bevor er zu Boden glitt und saftlos, wie ein Sack Mehl, vor dem Sofa niedersank.
Hanna war Günther mit zaghaften Schritten gefolgt. Mit schreckgeweiteten Augen blieb sie in der Tür stehen, starrte Löcher in die Luft, wirkte dabei wie eine Marmorstatue. Genauso versteinert.
Also ähnlich handlungsunfähig wie Günther.
Er keuchte wie eine Dampflok und hatte die Gesichtsfarbe einer saftigen Herzkirsche. Günther musste sich erst von seinem Heldeneinsatz erholen. Die Zeiten, in denen er wie James Bond auf Dächern fahrender Züge laufen hätte können, waren vorbei. Diese Fähigkeiten hatte er zwar nie unter Beweis stellen müssen, doch er war sportlich genug und sich demnach immer sicher gewesen, dass die Rettung der Welt für ihn nie ein Problem gewesen wäre. Wenn nötig, hätte er das hinbekommen.
Früher.
Inzwischen reicht sein Energielevel gerade noch aus, um Lebensmittelmotten aus dem Vorratskasten zu fischen, dachte Loretta leicht amüsiert, als sie ihn heftig schnaufend am Boden kauern sah.
Und: Um junge Frauen zu retten, korrigierte sie sich in Gedanken. Als sie sich dessen bewusst wurde, durchströmten sie Stolz und ein warmes Gefühl der Liebe.
Immerhin: Er hatte soeben eine erwachsene Frau auf seinen Händen von draußen hereingetragen! Und das bei dieser Hitze!
Also: Er war, um es auf den Punkt zu bringen, noch immer ein Held.
Und vor allem: Er war ihr Held.
Wieder, dachte sie und fühlte, dass die Wunde noch immer schmerzte. Scheinbar war das ‘Vergessen’ nicht so einfach wie das ‘Vergeben’.
Und als Günther zuvor die junge Frau auf Händen hereingetragen hatte, hatte Loretta gespürt, dass sie das mit dem ‘Vergessen’ vergessen konnte.
Schönes Wortspiel, dachte sie, und versuchte die Gedanken an ihre gemeinsame Jugend zur Seite zu schieben.
Sie wollte doch nicht mehr daran denken.
Tja, und das ist auch so eine Sache: Das Unterbewusstsein kennt das Wort ‘nicht‘ nämlich nicht. Und schon dachte sie wieder daran, wie beliebt er damals gewesen war.
Wie alle Musiker in der Schulband. Die Mädchen flippten aus, wenn die ‘Rocking Stones’, wie sich die Gruppe in Anlehnung an die ‘Rolling Stones’, deren Songs sie bevorzugt coverten, auftraten.
Günther war der Gitarrist und sein Vorbild war Ron Wood. Während die anderen Bandkollegen eher Keith Richards nacheiferten, ging Günthers Begeisterung für den ruhigeren Ronnie so weit, dass er sich sogar seine hellen Haare dunkel färben ließ, um seinem Idol ähnlichzusehen.
Nachdem Ronnie Wood bei den ‘Stones’ bekanntermaßen der Schlichter zwischen den Streithähnen Mick Jagger und Keith Richards gewesen war, schwärmte Günther vielleicht auch deshalb für ihn. Wegen der Wesensgleichheit. Auch Günther war friedliebend, versuchte schon in seinen jungen Jahren stets zu vermitteln, half, wo er konnte.
Deshalb war er auch so beliebt und begehrt.
Bei allen.
Vor allem bei den Mädchen.
Und obwohl Loretta das immer schon erkannt hatte, war sie nie eifersüchtig gewesen. Weil sie ihm vertraute.
Sie war sich sicher gewesen, dass sich nichts und niemand zwischen sie beide schieben könnte. Günther und Loretta, das war seit ewigen Zeiten das Liebespaar an der Schule.
Unzertrennlich.
Einander verbunden für ewige Zeiten.
Ja, sie war sich damals so sicher gewesen.
Bis ...
Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie verbot sich diese destruktiven Gedanken, denn, was zählte war das Hier und Jetzt. Und in der Gegenwart waren sie wieder unzertrennlich.
Einander verbunden für ewige Zeiten.
Zuverlässig und treu. Dessen war sie sich sicher. Sie vertraute ihm nämlich noch immer. Oder richtiger formuliert: Wieder.
Sie blickte liebevoll zu ihm und bewunderte, wie er, trotz dieser mörderischen Hitze und der Tatsache, dass er kein Jüngling mehr war, Beherztheit und körperlichen Einsatz gezeigt hatte.
Obwohl ihn dieser Kraftakt an die Grenzen seiner Belastbarkeit gebracht hatte. Sie war sicher, dass er keine Sekunde gezögert hatte, um die Frau in Sicherheit zu bringen.
Ja, das war eben auch ihr Günther.
Er war ein Held. Ein echter Held des Alltags.
Aber eben einer, der sich soeben von diesem kräftezehrenden Einsatz erholen musste.
Günthers körperliche Schwäche und Hannas Schockstarre ließen Loretta daher automatisch zur lösungsorientierten Maschine mutieren. Denn auch sie versuchte stets zu vermitteln und half jedem, wo sie konnte.
Und: Sie war nun einmal im Moment die Einzige, die dazu überhaupt fähig war.
Die beiden brauchen jetzt eine Weile, bis sie wieder in die Gänge kommen, die junge Frau hingegen benötigt sofort Hilfe, wusste Loretta, wie wichtig rasches Handeln war.
Sie beugte sich zu der ohnmächtigen Frau und tätschelte leicht ihre Wange. Als sie sich nicht rührte, schob sie eine Decke unter ihre Beine und lagerte ihre Füße hoch.
Währenddessen kam wieder etwas Leben in Hanna. Sie lief in die Küche, holte den Wasserkrug.
„Hier! Ich glaube, Wasser kann jetzt helfen?“, sagte sie mit fragendem Ton und stellte das Glasgefäß so heftig auf den Tisch, dass das Wasser überschwappte. Doch das bemerkte sie nicht einmal.
Mit zittrigen Händen befüllte sie zwei Wassergläser und brachte eines Günther, der mit gierigen Schlucken trank. Dann sah sie zu der jungen Frau und schüttelte den Kopf.
Lebendig wirkte sie nicht. Tot aber auch nicht. Ihr Brustkorb hob und senkte sich.
„Und jetzt?“, fragte Hanna mit versteinertem Gesicht. „Ich denke, sie sollte auch etwas trinken – oder?“
Hilflos sah sie Loretta an, hob das Wasserglas in die Höhe.
„An sich: ja!“, stimmte ihr Loretta zu. „Doch dazu müsste sie erst einmal wach werden“, begann Loretta abermals die Wangen der Frau zu tätscheln, wirkte aber nicht beunruhigt. Sie handelte überlegt und besonnen, redete mit ruhigen Worten auf die Bewusstlose ein.
„Komm, Mädchen, mache deine Augen auf! Komm, schon, Kleines, öffne deine Augen!“
Hanna bewunderte ihre Freundin in diesem Moment für ihre Gelassenheit. Sie schien die Situation im Griff zu haben.
Gottlob!
Günther hatte sich währenddessen auf einen Stuhl gesetzt und blickte schnaufend zu der jungen Frau, schüttelte den Kopf.
„Sie ist einfach umgekippt“, murmelte er vor sich hin, konnte es nicht fassen. „Ihre Beine haben einfach nachgegeben“, versuchte er die Ereignisse der vergangenen Minuten zu verarbeiten.
„Das war mit Sicherheit die Hitze“, erklärte Loretta. „Stand sie in der Sonne?“
„Ja!“, bestätigte Hanna, „und ich habe keine Ahnung, wie lange schon.“
„Warum?“, wollte Loretta wissen.
„Keine Ahnung! Sie hat gesagt, dass ihr meine Rosen gefallen.“
„Dein Garten ist zwar wirklich schön, doch bei dieser Hitze steht doch kein Mensch freiwillig in der prallen Sonne herum und schaut sich Rosen an.“
„Mich hat das ja auch gewundert! Daher bin ich auch rausgegangen und habe sie gefragt, was sie hier macht“, fühlte sich Hanna von ihrer Freundin verstanden.
„Genauso hast du sie angeredet?“, schüttelte Loretta mit einem schiefen Lächeln den Kopf. „Also, wenn du mit deiner ausgeprägten Scheu vor Fremden in diesem Ton mit ihr geredet hast, verstehe ich, warum sie umgekippt ist.“
„Nein, ich war höflich!“, widersprach Hanna heftig und Günther, der nun endlich wieder seine Atemluft auch zum Sprechen nutzen konnte, bestätigte Hannas Worte.
„Das stimmt, Loretta. Du tust Hanna unrecht. Die beiden haben sich tatsächlich nett unterhalten.“
„Na, dann, entschuldige bitte, Hanna“, lächelte Loretta und blickte zu ihrer Freundin. „Ich hoffe, ich habe dich nicht gekränkt. Aber, nachdem ich deine Angst vor Fremden kenne ...“
„Ich habe keine Angst vor Fremden“, protestierte Hanna, fiel ihr ins Wort.
„Okay, dann Korrektur: deine Zurückhaltung!“, verbesserte sich Loretta.
„Ich bin auch nicht zurückhaltend. Nur ... nur ... etwas vorsichtig“, wirkte Hanna trotzig und Loretta ließ es bleiben, ihre Freundin zu korrigieren.
Und das Ausbleiben dieser, von Hanna bereits erwarteten Korrektur, bewirkte, dass Hanna zwischen Günther und Loretta hin und her sah.
Dann nickte sie.
„Ja, okay, du hast schon irgendwie recht“, gab sie daher zu und zuckte mit den Achseln. „Ich weiß, ich bin vielleicht wirklich etwas zu zurückhaltend.“
„Und wir wissen auch, warum, Hanna“, strich Loretta ihrer Freundin sanft über den Unterarm. „Daher brauchst du dich vor uns auch nicht zu rechtfertigen. Wir verstehen dich und deine Vorsicht“, verwendete sie nun bewusst das von Hanna zuvor gewählte Wort.
„Um so mehr finde ich es beachtlich, nein, regelrecht überraschend mutig von dir, dass du über deinen Schatten gesprungen bist und diese fremde Frau in dein Haus kommen hast lassen.“
„Kommen, ist gut“, widersprach Günther und schenkte sich noch ein Glas Wasser ein.
„Ach, Günther, es tut doch nichts zur Sache, ob sie von allein hereingegangen ist, oder ob du sie getragen hast.“
„Tut es wohl“, widersprach er, nachdem er das Glas Wasser geleert hatte. Dann sah er Hanna an: „Sei ehrlich, hättest du die junge Frau in dein Haus kommen lassen? Also, ich meine, wenn sie nicht ohnmächtig geworden wäre?“, verfeinerte er seine Frage.
„Warum hätte ich sollen?“, kam automatisch Hannas Antwort und sie sah ihn kopfschüttelnd an.
„Ja, stimmt, Günther“, gab Loretta ihrer Freundin recht. „Warum hätte sie das denn wirklich tun sollen? Wir gehen doch auch nicht auf die Straße und laden wildfremde Menschen in unsere Wohnung ein“, schickte sie ihrem Mann einen intensiven Blick, schüttelte ebenfalls den Kopf. Automatisch zuckte er mit den Achseln und schwieg.
Loretta hingegen sah zu der jungen Frau.
„Doch, ich denke, das ist ja jetzt einmal nicht so wichtig, oder?“, wurde ihr Blick auf die bewusstlose Frau inzwischen schon etwas sorgenvoller.
„Wenn sie nicht bald ihre Augen aufschlägt, rufe ich die Rettung“, erklärte sie und versuchte es nun mit Frischluft.
Dazu langte sie nach einer Zeitschrift, die am Couchtisch lag und fächerte der Frau frische Luft zu, tätschelte mit der anderen Hand sachte, aber immer hektischer ihre Wange.
Nach einigen Sekunden begannen sich die Augen der Frau tatsächlich zu öffnen. Die Lider flackerten leicht und die Pupillen schwenkten hin und her, blickten orientierungslos durch den Raum, den sie nicht kannte.
„Wasser!“, rief Loretta und hob die Hand zu Hanna, die ihr wortlos ein gefülltes Glas reichte. Loretta half der jungen Frau beim Aufsetzen, schob ihr ein Kissen hinter den Rücken. Dann hielt sie ihr das Wasserglas an die Lippen.
„Hier, trinken Sie“, sprach Loretta in sanften Worten und Gilda trank. Ein paar Schlucke. Doch Loretta forderte nachdrücklich: „Alles austrinken!“
Also leerte Gilda folgsam das Glas.
„Wo bin ich?“, fragte sie nach einer Weile, schien offenbar eine Erinnerungslücke zu haben.
Loretta blickte zu Hanna, um ihr die Beantwortung zu überlassen.
„Sie sind in meinem Haus, weil Sie am Gehsteig ohnmächtig geworden sind“, erklärte sie und fügte dann noch hinzu, „wahrscheinlich sind Sie zu lange in der Sonne gestanden.“
„W...warum?“, fragte die junge Frau.
„Ich weiß auch nicht, was Sie da draußen gemacht haben“, zuckte Hanna mit den Achseln und ihre Augen verengten sich. „Gesagt haben Sie mir aber, als ich Sie danach gefragt habe, dass Sie sich meinen Garten angesehen haben“, schwang in Hannas Worten ihr so typisches Misstrauen mit. Und auch unverhohlene Abneigung, kaum, dass die junge Frau wieder bei Kräften war.
Der Umstand, dass sich jemand in ihren vier Wänden befand, den sie nicht kannte, schien ihr nicht zu schmecken.
Überhaupt nicht!
Fremde in ihrem Heim.
Für Hanna ein Worst-Case-Szenario. Ihre Aversion war so spürbar, dass ihr Loretta einen bittenden ‘jetzt-sei-nicht-schon-wieder-so-unfreundlich‘-Blick zuwarf.
Hanna senkte beschämt den Blick und kämpfte gegen ihren Widerwillen an.
Allerdings erfolglos.
Sie war nun einmal, wie sie war.
Und diese Situation war außerhalb ihre Komfortzone.
„Ach ja, die schönen lila Rosen“, flüsterte die junge Frau und scheinbar kam ihre Erinnerung zurück. Für die negativen Schwingungen in Hannas skeptischen Worten hatte sie keine Antennen. Dafür war sie offenbar noch viel zu geschwächt.
„Ja, Hannas Rosen sind wirklich ein Traum“, bestätigte Loretta und versuchte die Stimmung mit positiven Worten aufzuhellen, bevor auch Gildas Antennen für Hannas Misstrauen empfänglich wurden.
Wäre schade, dachte sie. Wie gut würde es Hanna tun, neue Kontakte zu knüpfen. Dieses negative Bild, das sie von jedem Unbekannten hat, muss sie irgendwann ablegen, wurde sich Loretta wieder ihrer Verantwortung als Freundin bewusst. Bevor sie noch völlig vereinsamt, werde ich mit ihr bei nächster Gelegenheit ein intensives Gespräch führen, nahm sie sich vor, ihrer Freundin gründlich ins Gewissen zu reden.
Wieder einmal.
Hanna lebte bereits seit vielen, sogar sehr vielen Jahren zurückgezogener als jeder Einsiedlerkrebs. Sie ging nur noch aus ihrem Haus, um einzukaufen und mied fremde Menschen wie der Teufel das Weihwasser.
Aus Vorsicht – wie sie stets behauptete.
Aus Angst – wusste es Loretta besser.
Hanna hatte Schlimmes erlebt und daher nicht grundlos Probleme damit, Vertrauen zu schenken.
Das alles wusste Loretta.
Doch sie wusste auch, dass man Ängsten nur dann ihre zerstörende Macht nehmen kann, wenn man sich ihnen stellt.
Die Angst vor Zurückweisung.
Die Angst davor, enttäuscht zu werden.
Jeder Mensch, der Zurückweisung erlebt hat oder enttäuscht wurde, kennt diese Angst. Auch Loretta. Doch sie wusste auch, dass man das Vertrauen-schenken lernen kann.
Weil auch sie es erlernt hatte.
Auch sie war hintergangen worden. Wie, ja, wie viele Menschen die sie kannte.
Doch Loretta hatte auch erfahren, dass nicht auf jede Enttäuschung automatisch die nächste folgt.
Außer natürlich, man rechnet fix damit – wie Hanna es immer wieder tut. Sie schürt dadurch unbewusst, aber auch sehr intensiv, die selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn Hanna jemanden kennenlernt, egal, ob männlich oder weiblich, jung oder alt, misstraut sie vorerst einmal.
Wie soeben dieser jungen Frau.
Zur Sicherheit. Einen Vertrauensvorschuss gibt es bei ihr nicht. Hannas Vertrauen muss man sich verdienen und während dieser Prüfungszeit lässt sie jedem ihr Misstrauen sehr deutlich spüren. Dass sie dadurch persönliche Abneigung signalisiert und sich deshalb jeder Mensch irgendwann von ihr zurückzieht, sieht Hanna als Beweis dafür, dass sie gut daran tut, jedem zu misstrauen. Sie erkennt nicht, dass sich Menschen von ihr distanzieren, weil sie so distanziert ist.
Das alles dachte Loretta, als sie ihre Freundin anfunkelte.
Sie blickte Hanna mit einem vorwurfsvollen Blick an und Hanna zuckte ihre Achseln.
Sie kannte diesen Blick. Alles, das Loretta soeben gedacht hatte, hatte sie Hanna doch schon so oft an den Kopf geworfen. Und Hanna wusste, dass ihre Freundin recht hatte. Deshalb wollte sie Lorettas Ratschläge eigentlich ja auch befolgen.
Allein schon deshalb, weil sie tatsächlich nicht ihr gesamtes Leben allein verbringen wollte.
Daher wusste sie, dass sie die Sache mit dem Vertrauen wieder erlernen musste. Und diesbezüglich gab sie sich tatsächlich viel Mühe. Sie arbeitete daran, nicht immer gleich so misstrauisch zu sein.
Doch es war halt so schwer.
Und wenn, wie soeben, ein wildfremder Mensch plötzlich sogar in ihrem Wohnzimmer lag, da keimte im ersten Moment wieder ihre Angst vor Verletzungen auf.
Und ihr Argwohn.
Ihr gerechtfertigter Argwohn, wohlgemerkt: Immerhin wusste Hanna doch noch immer nicht, was die junge Frau im Schilde geführt hat.
Doch dann sah sie zu Loretta und versuchte ihre Gedanken in eine andere Richtung zu leiten.
Vielleicht haben ihr ja wirklich bloß die Rosen gefallen, versuchte sie Lorettas positives Denken zu übernehmen. Schön sind meine Rosen doch in der Tat, wusste sie, dass es durchaus möglich wäre, dass sie der jungen Frau unrecht tat.
„Tut mir leid“, flüsterte Hanna Loretta heimlich zu und ging auf die junge Frau zu, zeigte ihren guten Willen.
„Möchten Sie vielleicht eine Cola oder einen Orangensaft?“, fragte sie und gab sich Mühe, freundlich zu sein.
„Nein danke, bitte bemühen Sie sich nicht“, lächelte ihr Gilda zu und Hanna nahm in diesem Moment ihre schönen Augen wahr.
„Wasser ist schon in Ordnung. Ich habe Ihnen bereits genug zugemutet. Entschuldigen Sie bitte die Umstände, die Sie durch mich haben.“
Juni 1989
„Lori, lege dich gefälligst nieder und schlafe weiter!“, lautete der mütterliche Befehl. „Ich muss jetzt nach unten gehen und versuche deinen Vater zu beruhigen! Mein Gott, wie er schon wieder herumpoltert“, seufzte sie, schien es nicht leicht zu haben.
„Mit Sicherheit hat er schon wieder einen roten Kopf wie ein Truthahn und ich muss ihm seine Blutdruckpulver bringen, bevor er kollabiert. Ich sage dir, irgendwann bekommt der Fettkloß einen Herzinfarkt, wenn er sich weiterhin wegen jeder Kleinigkeit so aufregt.“
Mit diesen Worten verließ die Mutter kopfschüttelnd das Zimmer ihrer Tochter, die noch immer wie betäubt auf der Bettkante saß.
Die lärmenden Burschen waren weitergezogen und in der Gegend herrschte wieder Stille.
Alles war ruhig.
Alles, außer das Innere des jungen Mädchens.
Seine Augen! Immer wieder musste sie an seine Augen denken.
Die 19-Jährige fühlte einen Druck, als würde sich eine schwere Eisenklammer um ihr Herz legen. Gleichzeitig spürte sie die raschen Schläge, die von ihrer Brust bis in den Kopf hochtrommelten.
Sie griff sich an ihr Herz und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
Doch es ging nicht. Sie konnte nicht klar denken.
Es ging nicht, weil sich immer wieder seine Augen in ihre Erinnerung schoben.
Diese Augen.
Seine großen, dunklen Augen, die soeben zu ihr hochgeblickt hatten. Er war sogar stehengeblieben und hatte direkt in ihre Augen geschaut. Eigentlich direkt in ihr Herz. So zumindest hatte es sich angefühlt.
Und er hatte sie betrachtet, auch das hatte sie sehen können. Er hatte sie sogar sehr intensiv gemustert. Sein Blick war über ihren gesamten Oberkörper gewandert und sie hatte es genossen.
Wie elektrisiert war sie am Fenster gestanden und hatte nicht fassen können, dass er sich so offensichtlich für sie interessierte.
Zum allerersten Mal hatte er sie nämlich überhaupt angesehen.
Also: so!
Bisher hatte er sie doch, wenn überhaupt, bloß flüchtig gegrüßt. Auf der Straße beim Vorübergehen. Ohne Blickkontakt, mit einer kurz hochgehobenen Hand.
Sie hatte jedes Mal gespürt, wie rot sie geworden war. Diese Reaktion war ihr aber immer schrecklich peinlich gewesen und sie war daher stets rasch weitergegangen. Damit er ihre auffallend leuchtenden Apfelbäckchen nur ja nicht sehen konnte. Falls er sie doch einmal angeblickt hätte.
Selbst in diesem Fall sollte er keinesfalls irgendwelche Gefühle aus ihrem Gesicht ablesen können.
Schon allein deshalb, weil sie sie ja selbst gar nicht einordnen konnte.
War sie verliebt?
Eigentlich nein, denn man konnte sich doch nicht in jemanden verlieben, den man gar nicht kannte.
Und sie wusste von ihm ja in der Tat nichts.
Nicht einmal seinen Namen.
Ja, gut ein bisschen etwas wusste sie schon. Seinen Vornamen hatte sie am Schulhof gehört, denn seine Freunde hatten ihn ‘Ronnie’ gerufen. Und sie wusste auch, dass er der einzige Sohn der reichsten Familie in dieser Gegend war.
So nämlich wurde diese Familie genannt: ‘Die Reichen’.
Und dieser Reichtum stach jedem Nachbarn ins Auge, wenn man bloß in den Norden blickte. Die prachtvolle Villa, die seine Eltern bewohnten, überragte nämlich alle Gartenhäuser um ein Stockwerk und überstrahlte jedes Einfamilienhaus mit ihrer ungewöhnlichen Bauweise und feinen Eleganz.
Vor der feudalen Villa standen zwei schwarze Limousinen mit Stern auf der Motorhaube sowie ein schnittiger Kleinwagen, den der Junior zu seinem 18. Geburtstag bekommen hatte.
„Diese feinen Leute bleiben immer unter sich“, hatte Vater einmal bei einem Gartenfest erwähnt, als einige Nachbarn wissen wollten, warum ‘die Reichen’ niemals zu den so regelmäßig stattfindenden Nachbarschaftstreffen erschienen.
„Na, ich weiß nicht“, hatte Mutter allerdings widersprochen. „Vielleicht gilt das für die Eltern, dass sie unter sich bleiben. Aber der Herr Sohn scheint genug Umgang außerhalb seines Elternhauses zu haben. Allerdings, wenn du mich fragst, einen eher fragwürdigen. Mich würde brennend interessieren, ob seine Eltern überhaupt eine Ahnung haben, was ihr hübsches Söhnchen so alles treibt!“
„Wieso, was meinst du?“, hatte Loris Vater aufgeblickt. „Von was für einem Umgang redest du?“
„Er treibt sich mit den Rapid-Ultras herum!“
„Ach, das ist doch nicht verwerflich“, wischte er die Bedenken seiner Gattin allerdings zur Seite. „Ich war früher doch auch Rapid-Fan. Und eigentlich bin ich es noch. Jeder in Hütteldorf ist ein Rapid-Anhänger.“
„Aber nicht jeder zündet Mülleimer an und läuft in den Nächten randalierend durch die Gassen! Glaube mir, er ist mit diesen Hooligans unterwegs“, schien Mutter mehr Informationen als ihr Mann zu besitzen.
„Ach, das bildest du dir sicher nur ein“, hatte Vater damals allerdings heftig widersprochen und das Thema war für ihn seinerzeit beendet gewesen.
Lori wusste es seit einer Minute allerdings besser.
Vater bildet sich bloß ein, dass Mutter sich das einbildet.
Der junge Mann war mit den Rowdys unterwegs. Sie hatte ihn doch gesehen. Zuvor, als er sie so intensiv angesehen hatte.
Lori wusste nicht, ob der hübsche Sohn der reichen Familie ein harmloser Mitläufer, gewaltbereiter Hooligan oder gar der Anführer der Gruppe war. Doch bei den Unruhestiftern dabei war er auf jeden Fall.
Und das schreckte sie ab. Sehr sogar.
Als sie ihn zuvor erkannt hatte, war sie richtiggehend erschrocken.
Mama hat also doch rechtgehabt, hatte sie gedacht und versucht, ihre zart aufblühenden Jungmädchen-Schwärmereien als kindliche Torheit abzuwürgen.
Immerhin: wer lässt sich schon sehenden Auges mit einem Rowdy ein?
Sie sicherlich nicht! Sie mochte keine gewaltbereiten Menschen und eigentlich mochte sie auch keine Fußballanhänger. Weil sie meistens mehr tranken als sie vertrugen und mit hochgezogenen Kapuzen in der anonymen Masse zum gewaltbereiten Radaubruder mutierten.
Zumindest behauptete das ihre Mutter immer.
Und, obwohl sie es nie hatte glauben wollen, die lärmende Horde, die zuvor laut grölend und wankend durch die engen Gassen gezogen war – sowie der Brandgeruch des noch immer brennenden Mülleimers am Ende der Straße waren Beweis genug, dass Mutter rechthatte.
So schön können die schönsten Augen nicht sein, wenn sie im Gesicht eines Hooligans stecken, hatte sie entschieden und sich angewidert abwenden wollen.
Bis sie die Wirkung seines Blickes und eine damit einhergehende, unerklärliche Verbindung gespürt hatte. In diesem Moment war etwas in ihr geschehen. Als hätte sich seine Aura mit ihrer vereinigt.
Und ab da hatte sie gewusst: Das war nicht der Blick eines Aggressors. Dafür war dieser Blick viel zu sanft und sehnsuchtsvoll gewesen.
Plötzlich war sie sich absolut sicher: Er war keine gewaltbereite Person!
Er nicht!
Die anderen schon.
Aber er mit Sicherheit nicht.
Seit diesem Blick.
Er war eine Weile unter ihrem Zimmer gestanden und hatte zu ihr hochgesehen. Ein leichtes, liebes Lächeln hatte sich dabei auf seine Lippen gelegt.
Bis ihn sein taumelnder Freund angerempelt hatte. Er wäre durch den heftigen Stoß fast gestürzt, hatte es aber geschafft, auf den Beinen zu bleiben.
Danach war er mit langsamen Schritten mit der Gruppe weitergezogen. Doch er hatte sich noch einmal umgedreht. Ja, er hatte sie tatsächlich noch einmal mit den Augen gesucht.
Dass ihre Mutter inzwischen ins Zimmer gekommen war, hatte sie daher gar nicht mitbekommen.
Erst als sie sie vom Fenster weggezogen hatte, war sie wieder im Hier und Jetzt gelandet.
Und da saß sie nun.
Mutter hatte gottlob inzwischen das Zimmer verlassen. Vater polterte im unteren Stockwerk noch immer lauthals herum und wollte unbedingt die Polizei rufen.
„Lass das!“, riss Mutter Vater scheinbar soeben das Telefon aus der Hand. Das konnte sie einen Stock höher zwar nicht sehen, doch sie wusste es trotzdem. Niemand konnte in diesem Haus tun, was Mutter nicht für richtig hielt.
Wer es versuchte, scheiterte an ihrer ausgeprägten Durchsetzungskraft.
Vater ging es da nicht anders als ihr.
Auch er gehorchte Mutter aufs Wort.
Warum hat sie nur so eine Macht? Und nicht nur über mich, sondern auch über Papa?, fragte sich das Mädchen, als das Geschrei von unten zu ihr heraufschallte.
Vater besitzt doch doppelt so viel Kraft und Muskelmasse wie Mutter. Er ist einen Kopf größer und doppelt so breit wie sie. Mutter kann doch bloß eine gefesselte Maus in einen Bach stoßen, Papa hingegen war in seiner Jugend Kugelstoßer! Er könnte Mama mit einer Hand locker durch das geöffnete Fenster werfen, wenn er wollte.
Das Mädchen musste an die Geschichte von David und Goliath denken, weil ihr Vater sich von Mutter auch, zwar nicht das Auge ausschießen ließ, aber wehren würde er sich auch nicht, wenn sie einen Stein nach ihm wirft, schüttelte sie den Kopf. Warum nur?
Diese kleine, zarte Frau dominierte jeden in diesem Haushalt.
Ihr stattlicher Vater brüllte zwar herum.
Ja! Das durfte er.
Doch wenn er damit fertig war, wurde gemacht, was sie ihm sagte. Und er tat es auch.
Gehorsam.
Wie die Tochter.
Warum nur lässt sich sogar Papa das gefallen, fragte sie sich abermals. Doch als sie die gebieterische, nun schrille mütterliche Stimme hörte, wusste sie, warum: Weil dieses durchdringende, anhaltende Gekreische unerträglich war!
Es war einfach nicht auszuhalten. Folgsam sein war einfacher.
Und deshalb regierte in diesem Haushalt Mutter mit kräftiger Stimme, Güte und Umsicht.
Sie war nämlich eine gute Mutter. Sie meinte es immer gut. Und wenn man das erkannte und sich dementsprechend verhielt, war sie auch friedlich.
Dass es demnach in diesem Haus so viel Frieden gab, war einzig Mutters Verdienst. Ihre Liebsten besaßen nämlich genug Klugheit, ihre Gutherzigkeit zu erkennen und verhielten sich dementsprechend: Folgsam und dankbar, dass sie den richtigen Weg nicht selbst suchen mussten.
Mutter kannte ihn nämlich. Immer. Und in ihrer grenzenlosen Güte zeigte sie ihren Liebsten daher auch immer unaufgefordert welcher Weg der richtige war. Man musste ihr bloß folgen.
Am besten: Aufs Wort!
„Wenn du jetzt die Polizei rufst, dauert es viel länger, bis wir alle wieder schlafen können. Komm, nimm dein Blutdruckpulver und rege dich wieder ab. Die sind doch bloß betrunken und sowieso schon über alle Berge. Also, gut gebrüllt, Löwe, aber jetzt lege dich nieder und lass uns schlafen.“
Juni 2018
Gildas Anmut war entwaffnend.
Sie hat sich sogar dafür entschuldigt, dass sie mir angeblich zu viel zugemutet hat. Dabei kann sie doch gar nichts dafür, dass sie in Ohnmacht gefallen ist, war Hanna fast ein wenig gerührt. Diese Bescheidenheit und diese guten Umgangsformen! Wie gut tut es, in Zeiten wie diesen, wo so ein Verhalten gar nicht mehr üblich ist, mit so einem netten Menschen zu sprechen.
Hanna spürte, wie sich ihr eisiger Panzer einen Spalt weit öffnete.
„Sie machen mir keine Umstände“, behauptete sie daher und ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Dann brachte sie der jungen Frau unaufgefordert eine kühle Cola.
„Hier“, lächelte sie sie an und als sie das erfreute Blitzen im Blick der Frau sah, schenkte sie ein Glas voll.
Gilda schloss die Augen, als sie das Glas leerte.
Offenbar liebt sie Cola wie die meisten jungen Leute, freute sich Hanna über den Genuss, den sie ihr bereitet hatte.
In Gildas Wangen kehrte wieder Farbe zurück und auch Günthers Gesicht verlor in der Kühle des Wohnzimmers seine zuvor noch ungesunde Röte.
„Ich bin übrigens Hanna Raider. Nenne mich Hanna“, sprang Hanna über ihren Schatten und bot Gilda das Du-Wort an. „Entschuldige bitte, wenn ich zuvor etwas unfreundlich gewirkt habe, aber ich war so verwirrt, weil ich dich schon zum zweiten Mal vor meinem Haus stehen gesehen habe ... und ...“
„Das ist schon in Ordnung“, unterbrach sie Gilda. „Ich verstehe das sogar sehr gut. Man kann nie vorsichtig genug sein. Im Übrigen finde ich gar nicht, dass du unfreundlich gewesen bist“, nahm sie Hannas Du-Wort völlig unbefangen an.
„Siehst du?“, knuffte Hanna daraufhin Loretta auf ihren Oberarm und nur die beiden wussten, was Hanna meinte.
Obwohl: Günther wusste wahrscheinlich auch Bescheid, doch Gilda wirkte irritiert.
„Was meinst du mit: ‘siehst du?’“, fragte sie Hanna und blickte zwischen den beiden Freundinnen hin und her.
„Loretta behauptet immer, ich wäre unfreundlich zu Fremden“, erklärte daraufhin Hanna mit einem schiefen Lächeln.
„Was natürlich völlig aus der Luft gegriffen ist“, entgegnete Loretta ironisch lächelnd und verdrehte die Augen.
„Stimmt“, nickte Hanna heftig. „Völlig, wie du soeben gehört hast.“
„Glaube mir, Gilda“, duzte Loretta die junge Frau nun auch einfach. „Du hast Hannas Unfreundlichkeit bloß nicht mitbekommen, weil du von deinem Hitzekollaps so geschwächt warst, doch ...“
„Nein“, winkte Gilda ab. „Hanna war wirklich nicht unfreundlich. Und das mit dem Bus fand ich sogar richtig witzig“, erklärte sie lachend.
„Was war mit dem Bus?“, wollte Günther wissen.
„Hanna hat mich gefragt, ob ich hier auf den Bus warte“, erklärte Gilda daraufhin und nun senkte Hanna beschämt den Kopf, wartete auf Lorettas Kopfwäsche.
Und sie wurde nicht enttäuscht.
Zwar anders, als befürchtet, kritiklos aber auch nicht.
Loretta sah nämlich Gilda an und fragte: „Und das hast du tatsächlich nicht unfreundlich empfunden?“, schüttelte sie den Kopf.
„Nein“, bestätigte Gilda. „Das fand ich einfach nur witzig.“
„Also, ihr beide habt euch tatsächlich gesucht und gefunden“, lachte Loretta daraufhin und sah überwältigt zwischen den beiden hin und her.
September 1989
„Lori, wo gehst du denn hin?“, wollte Mutter wissen, als ihre Tochter versuchte sich heimlich aus dem Haus zu schleichen.
„Ich helfe meiner Freundin bei ihren Schulaufgaben. Und danach werden wir uns wahrscheinlich einen Film ansehen“, erklärte sie und drehte sich dabei nicht um. Mutter sollte nicht sehen, dass sie geschminkt war. Und sie sollte ihr, um Gottes Willen, jetzt keine Steine in den Weg legen.
„Ich habe es schon sehr eilig! Tschüss, Mama!“, rief das Mädchen daher über ihre Schulter hinweg und lief dabei so rasch wie möglich aus dem Haus. In eiligen Schritten zog sie die Gasse hinunter, damit Mutter nicht ihre vom Lügen geröteten Wangen sehen konnte.
Die Wahrheit konnte sie ihrer Mutter nämlich nicht sagen.
Auf keinen Fall!
Womöglich hätte sie sie aufgehalten. Oder es ihr gar verboten.
Korrektur: Nicht womöglich – ganz sicher hätte sie das getan.
Und das durfte nicht passieren.
Sie musste gehen. Sie wollte gehen. Sie spürte ein Vibrieren in ihren Adern und eine ungewohnte Glut in sich glimmen. So etwas hatte sie noch nie gespürt. Und dieses Feuer war nicht zu löschen.
Abermals Korrektur: Sie wollte es gar nicht löschen.
Sie wollte brennen.
Sie wollte einmal so richtig brennen!
Sie wusste, dass sie mit dem Feuer spielte und vielleicht einen Fehler machte. Aber sie konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen.
Sie konnte nicht, denn: Er hatte sie eingeladen.
Er!
Zufällig hatte er sie zwei Tage zuvor auf der Straße getroffen und gefragt, ob sie einmal mitgehen wollte. In das Hanappi-Stadion zu einem Rapid-Match.
Sie wollte natürlich nicht!
