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Menschen sind die besseren Dämonen, denn sie schaffen sich ihre Hölle selbst …
Nichts für schwache Nerven – Der düstere Thriller über tiefe, menschliche Abgründe
Für einen Locationscout übernimmt Philine von Montenbrück die Untersuchung unheimlicher Vorgänge rund um die Ruine der abgelegenen Burg. Doch was sie dort entdeckt, schockiert sie bis ins Mark: Zwei Frauenleichen – nackt und wie Puppen hergerichtet. Noch bevor sie die Polizei rufen kann, wird Philine aus einem Hinterhalt überwältigt. Als sie am nächsten Tag verwundet und mit zerrissener Kleidung erwacht, glaubt ihr niemand. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützung bekommt sie dabei vom gut aussehenden Arzt Constantin, der seine ganz eigene Blutfehde gegen den Mädchenmörder führt. Doch der Abgrund, in den die Ermittlungen sie führen, ist tiefer und grausamer, als gedacht …
Erste Leser:innenstimmen
„Nichts für schwache Nerven, aber für mich ein absolutes Thriller-Highlight!“
„erschütternd, atemberaubend und durch und durch spannend“
„Packender, psychologischer Thriller rund um die tiefen Abgründe der menschlichen Seele …“
„Unmöglich aus der Hand zu legen, ein echter page turner!“
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für einen Locationscout übernimmt Philine von Montenbrück die Untersuchung unheimlicher Vorgänge rund um die Ruine der abgelegenen Burg. Doch was sie dort entdeckt, schockiert sie bis ins Mark: Zwei Frauenleichen – nackt und wie Puppen hergerichtet. Noch bevor sie die Polizei rufen kann, wird Philine aus einem Hinterhalt überwältigt. Als sie am nächsten Tag verwundet und mit zerrissener Kleidung erwacht, glaubt ihr niemand. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützung bekommt sie dabei vom gut aussehenden Arzt Constantin, der seine ganz eigene Blutfehde gegen den Mädchenmörder führt. Doch der Abgrund, in den die Ermittlungen sie führen, ist tiefer und grausamer, als gedacht …
Erstausgabe Juni 2022
Copyright © 2024 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96817-870-7 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-951-3
Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von stock.adobe.com: © LeitnerR, © Jakub Krechowicz, © alona_s Lektorat: Birgit Förster
E-Book-Version 21.08.2024, 15:39:17.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Explizite Darstellung körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt
Wenn du mehr erfahren willst, dann gehe ans Ende des Romans (Achtung Spoiler!)
Vielleicht ist es doch keine so gute Idee, dachte Philine. Leider war die junge Adelige zu stur, um einen einmal gefassten Entschluss für ein dummes Bauchgefühl über den Haufen zu werfen. Voller Unbehagen folgte sie dem fahlen Schein der Taschenlampe, der sie nur noch tiefer in das Gemäuer hineinführte. Die einzigen Geräusche waren das leise Klicken ihrer High Heels und ihr eigener Atem.
Stufe um Stufe stieg sie tiefer hinunter, aber die Treppe schien nirgendwohin zu führen. Wie in einem Albtraum. Statt eines Bodens wartete unter ihr nur ein undurchdringlicher Schlund aus Dunkelheit. Für einen irrationalen Augenblick fürchtete Philine, dass die alte Stiege nur dazu diente, ihre Opfer möglichst weit von der rettenden Oberfläche zu entfernen. Der Schlund wollte seine Opfer ungestört verschlingen.
„Ja, dann sind draußen die Kaugeräusche nicht so gut zu hören“, zog sie sich auf.
Philine schmunzelte über sich selbst. Wenn man nicht die Nerven für eine Geisterjagd hatte, durfte man nachts nicht allein in Ruinen herumkriechen. Sie musste sich schon zwischen Angst und Sturheit entscheiden. Wie immer gewann die Sturheit.
Selbst die Ruine beugte sich ihrem Dickkopf. Schon nach wenigen weiteren Stufen schälte das Licht der Taschenlampe das Ende der Treppe aus dem Nichts. Kurz darauf stand sie auf einem uralten Boden aus dunklem Naturstein. Die gähnende Dunkelheit wurde von gemauerten Wänden und einem kleinen Torbogen ersetzt. Dem Hall ihrer Schritte nach zu urteilen wartete dahinter ein großer, aber überschaubarer Raum.
Philine wollte schon erleichtert aufatmen, als sie das Summen bemerkte. Der Ton lag nur knapp oberhalb der Hörschwelle und klang beinahe wie ein Flüstern.
„Aus“, raunte sie sich selbst zu, als rede sie mit einem Hund. In dieser Situation Angst zu haben, war einfach dumm. Sie war schließlich hier, um unheimliche Vorgänge zu untersuchen. Ein Flüstern war da ein guter Anfang. Besonders wenn man als aufgeklärte Mitteleuropäerin wusste, dass Gespenster nicht flüstern konnten. Sie existierten nämlich nicht. Ärgerlich überwand sie die abergläubische Furcht und durchschritt den Torbogen.
Tatsächlich lauerte keine gemarterte Seele in der Dunkelheit, sondern die Errungenschaften der Neuzeit. Das Blinken blauer Dioden markierte den Standort eines Computers. Es gab weder einen Monitor noch eine offensichtliche Bedienmöglichkeit. Dafür war das Gerät in Begleitung mehrerer turmartig gebauter Maschinen, deren Zweck Philine nicht einmal ansatzweise erahnen konnte. Es war genau die Art Technik, die man im Labor von Dr. Frankenstein oder Dr. Doom erwarten würde.
Die beiden Herren gibt es aber ebenso wenig wie Gespenster, rief sie sich erneut zur Ordnung. Offenbar waren Kinobesuche für fantasiebegabte Menschen mit gewissen Nebenwirkungen verbunden. Ihre überreizte Einbildungskraft war aber keine Erklärung dafür, was diese wahrscheinlich sündhaft teure Ausstattung in einer verfallenen Ruine zu suchen hatte. War das eine Art Spukausstattung, mit der irgendein Spaßvogel diese Phänomene erzeugte? Immerhin entdeckte Philine den Ursprung des unheimlichen „Flüsterns“. Es war nur das leise Summen diverser Gerätelüfter, das unheimlich verzerrt von den Wänden zurückgeworfen wurde.
Der Maschinenpark war beachtlich. Immer neue Geräte wurden vom Licht der Taschenlampe aus der Dunkelheit geschält. Je länger sie den Raum erkundete, desto durchdringender wurde der Geruch von Ozon. Vergiftete sie sich gerade selbst?
Eine berechtigte Frage, die sie nur einen Herzschlag später wieder vergaß. Ein glitzerndes Augenpaar schien sie aus der Dunkelheit heraus zu beobachten. Philine erstarrte. Das sind keine Augen, versuchte sie sich einzureden.
Sie glaubte sich nicht.
Aber wenn dort wirklich jemand im Dunkeln hockte, durfte sie sich nichts anmerken lassen. Der Gedanke brachte sie immerhin dazu, ruhig weiterzuatmen. Sie tat, als hätte sie den vermeintlichen Beobachter nicht bemerkt, und schwenkte die Taschenlampe in eine andere Richtung. Angespannt horchte sie, ob sich hinter ihr jemand bewegte.
Stille.
Das sind keine Augen, sagte sie sich erneut. Und wenn es welche waren, gehörten sie wahrscheinlich zu einem Tier. Einer Katze vielleicht?
Der Gedanke ließ Philine ruhiger werden und sogar schmunzeln. Als Kind hatte sie sich einmal vor einem Katzenbaby im Dunkeln gefürchtet. Leises Schnaufen und ein glitzerndes Augenpaar hatten ausgereicht, um sie für Stunden in ein ängstliches Bündel unter der Bettdecke zu verwandeln.
Heute war sie erwachsen.
Ansatzlos fuhr sie herum. Erbarmungslos riss das kalte Licht der Taschenlampe den vermeintlichen Beobachter aus der Dunkelheit. Er war eine Sie und konnte ihr noch weit weniger gefährlich werden als ein Katzenbaby. Denn sie war tot.
Wie versteinert sah Philine auf die nackte Leiche eines jungen Mädchens hinab. Jemand hatte sie auf eine mit roter Seide gepolsterte Liege gelegt.
Nein, das war das falsche Wort.
Jemand hatte sie drapiert. Die blonden Locken waren sorgfältig auf dem Seidenkissen ausgebreitet worden. Unaufdringliche Schminke brachte die fein geschwungenen Lippen und die hohen Wangenknochen perfekt zur Geltung. Eine sorgfältig manikürte Hand lag mit elegant gespreizten Fingern auf dem flachen Bauch. Die Beine waren nicht einfach ausgestreckt, sondern um eine Nuance gedreht, als wolle jemand ihre Länge und Biegsamkeit unterstreichen.
Obwohl sie vor Grauen kaum atmen konnte, drang die unirdische Schönheit des Mädchens zu Philine durch. Sie war perfekt. So perfekt, dass die junge Frau daran zu zweifeln begann, eine Leiche vor sich zu haben. Dann bemerkte sie den Blick des Mädchens. Sie schien sie anzuschauen. Philine hatte noch nie einen Toten gesehen, aber sie wusste, dass Leichen niemanden mehr ansahen. Ihr Blick brach. Die leuchtend grünen Augen des Mädchens schienen ihr jedoch direkt in die Seele zu schauen.
Erleichtert begriff sie, tatsächlich eine Puppe vor sich zu haben. Nein, nicht einfach eine Puppe. Ein makelloses, monströs realistisch aussehendes Meisterwerk!
Morbide fasziniert trat sie näher an das Mädchen heran. Zaghaft berührte sie die Schulter der Nachbildung. Die bleiche „Haut“ war weich wie ein Blütenblatt. Philine bemerkte winzige Fältchen um die Augen und sogar Papillarleisten auf den Fingerkuppen. Bei genauem Hinsehen waren feinste Härchen auf den Oberarmen zu erkennen. Alles wirkte so unglaublich echt. Einzig die steil aufgerichteten Brustwarzen schienen nicht zur entspannten Körperhaltung der Kleinen zu passen.
Eine Sexpuppe?
Philine war in ihrem Leben auch schon mal mit Frauen im Bett gelandet und konnte sich der Schönheit des Mädchens nicht entziehen. Dennoch stieß sie die Vorstellung ab, dass jemand derartige Gelüste hegen mochte. Dafür war die Puppe einer Leiche viel zu ähnlich. Sie war ein Kunstwerk. Aber selbst als Kunstwerk erschien sie zu monströs, als dass man ihren Anblick lange ertragen konnte. Es war, als berühre das Mädchen etwas im tiefsten Innern des Betrachters. Etwas, von dem Philine nicht wusste, ob sie es berühren lassen wollte.
Mit gemischten Gefühlen riss sie sich von dem Anblick los und ging an der Liege vorbei. Sie kam nicht weit. Nach kaum drei Schritten nagelte sie das Grauen erneut an Ort und Stelle fest.
Sie sah ein weiteres nacktes Mädchen. Dieses schwamm jedoch in irgendeiner Flüssigkeit und war offensichtlich eine Leiche. Der Blick der toten grauen Augen würde sie noch in hundert Jahren in ihren Albträumen heimsuchen. Aus den Körperöffnungen des Mädchens schien irgendein rotbraunes Zeug in die klare Flüssigkeit des Tanks überzutreten.
Philine überwand ihr Entsetzen und wirbelte zu der „Mädchenpuppe“ herum. Puppe. Die junge Adelige spürte, dass sie kurz vor einer Panikattacke stand. Sie ertrug den Blick der toten Augen in ihrem Rücken nicht, sie wollte aber auch nicht noch einmal so nah an der monströsen „Puppe“ vorbeigehen.
„Mist, Mist, Mist“, murmelte sie hyperventilierend.
Plötzlich hörte sie eine hastige Bewegung hinter sich. Ehe sie sich Gedanken über aus Becken steigende Leichen machen konnte, wurde ihr etwas in die Augen gesprüht. Der Schmerz war so überwältigend, dass Philine sicher war, für immer entstellt zu sein. Sie verlor die Taschenlampe und schlug blind um sich, doch sie traf nur irgendeine Maschine, die scheppernd zu Boden ging.
Wie aus dem Nichts legte sich eine Art Riemen um Philines Hals und wurde gnadenlos zugezogen. Kopflose Panik machte die Gräfin zu einer leichten Beute. Sie zappelte eher, als dass sie kämpfte, aber ihrem Angreifer schien auch das noch zu viel Gegenwehr zu sein. Mit einem Ruck zog er sie noch näher an sich heran. Die junge Frau verlor den Boden unter den Füßen und wurde regelrecht erhängt. Die erschreckende Brutalität ließ ihren Adrenalinspiegel in unerreichte Höhen schießen und schenkte Philine einen Moment allumfassender Klarheit.
Mit aller Kraft trat sie nach hinten aus. Sie traf so heftig, dass ihr linker Absatz im Fleisch des Angreifers stecken blieb und der Schuh von ihrem Fuß glitt. Die Verletzung musste unglaublich schmerzhaft sein. Die einzige Reaktion war jedoch ein dumpfes Schnaufen.
Wie von einem Tier.
Bunte Flecken begannen vor Philines Augen zu tanzen.
Verzweifelt schlug sie hinter sich. Dorthin, wo sie das Gesicht des Angreifers vermutete. Tatsächlich spürte sie, wie ihre langen Fingernägel auf etwas Weiches trafen. Eine Flüssigkeit spritzte über ihre Hand, und ein furchtbarer Schrei zerriss ihr beinahe das Trommelfell.
Plötzlich war sie frei. Ihr verbliebener High Heel knickte einfach unter ihr weg. Blind fiel sie vorwärts, versuchte ihren Sturz mit den Armen abzufangen. Doch dann knallte ihre Stirn mit voller Wucht gegen eine Kante. Die Liege mit der Mädchenpuppe!
Philine lief das Blut über das Gesicht. Irgendjemand schrie mit einer Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte, und nur die nackte Todesangst hielt sie bei Bewusstsein. Dennoch drang das Gefühl der leblosen, weichen Hand, die ihr Aufprall in Bewegung gesetzt hatte, überdeutlich zu ihr durch. Seltsam zärtlich schien sie ihr über Kopf und Nacken zu streichen, bis die weichen Fingerkuppen in ihrem Kragen hängen blieben.
Es war das Grauenvollste, was Philine je erlebt hatte. Und zugleich … tröstlich?
Ihrer Panik war Trost egal. Wie ein in sie gefahrener Geist zwang sie die überwältigende Furcht auf die Beine. Blind humpelte sie vorwärts, rannte gegen Maschinen und stolperte über Kabel. Irgendwo verlor sie ihren verbliebenen Schuh und brach sich beinahe die Zehen an den steinernen Stufen. Alles war egal. Auf allen vieren kroch sie die rettende Treppe nach oben und stieß die schwere Tür wie ein Spielzeug beiseite.
Nachtluft! Was für ein Sinne vernebelnder Genuss! Ihre Panik interessierte sich nicht für Nachtluft. Ihr war sogar egal, dass sie noch immer nichts sehen konnte – sie gestattete ihr nicht einmal die Sorge um ihr Augenlicht. Stattdessen trieb sie Philine unbarmherzig vorwärts. Die junge Frau rannte gegen Bäume und brach durch Gestrüpp. Dann fehlte ihr plötzlich der Boden unter den Füßen. Das Gefühl des Fallens war das Letzte, an das sie sich erinnern sollte.
Kopfschmerzen.
Im Rhythmus des in ihren Schläfen pochenden Blutes wummerten sie von innen gegen die Stirn. Fast schien es, als wollten sie Philine die Augen aus dem Schädel drücken. Als erfahrenes Migräneopfer konnte sie jedoch damit umgehen.
Beunruhigender als ihr platzender Kopf war seine Langsamkeit. Ein Salat zerfasernder Gedankengänge zog wie verlaufender Pudding durch ihn hindurch.
Unentwirrbar.
Unerträglich.
Nur langsam setzte sich ein Bild der vergangenen Nacht zusammen.
Ehe es jedoch vollständig war, erwachten endlich ihre Instinkte. Sie konnte nichts sehen! Nackte Panik wollte sie hochfahren lassen, doch ihr Körper reagierte nur schleppend auf Anweisungen. Ungelenk ertastete sie eine dicke Kruste auf ihren Augen. Ihre Hand war kalt und nass. So gefühllos, dass sie auch von einer Fremden stammen konnte.
Schlagartig kamen die Bilder der vergangenen Nacht zurück. Die überirdisch schöne Puppe, die ihr über den Kopf gestrichen hatte. Die Leiche, der Angreifer …
Für einen irrationalen Moment fürchtete sie, dass ihr jemand die Hand einer Fremden angenäht hatte. Es war eine Erlösung, als ihr Verstand wieder einsetzte. Kälte, begriff sie. Es ist nur Kälte. Bis tief in die Knochen war sie der jungen Frau gekrochen. Ihre Hände waren nass, und sie lag im Freien. Deutlich konnte sie das Rauschen von Wasser hören. Auch die Kruste konnte sie endlich einordnen: Dr. Frankenstein hatte ihr etwas in die Augen gesprüht.
Erneut kämpfte sie die Panik nieder. So schnell wird man nicht blind, sagte sie sich. Immerhin konnte sie erkennen, dass es hell war. Wahrscheinlich hatte er nur Reizgas oder Pfefferspray benutzt.
Philine setzte sich mühsam auf und versuchte vorsichtig, die Augen freizubekommen. Blinzelnd erkannte sie das Rheinufer. Die steilen Hänge auf der gegenüberliegenden Seite kamen ihr vertraut vor, doch sie sah zu verschwommen, um sich wirklich orientieren zu können.
Sie selbst saß auf dem schmalen Rand einer steil über ihr aufragenden Klippe. Beim Blick nach oben erkannte sie Bäume und Gestrüpp, die womöglich ihren Sturz gebremst haben mochten. Vermutlich war sie ins Wasser gestürzt und auf den schlammigen Rand gespült worden. Bis eben war ihre Hand ja noch im Wasser gewesen.
Nein, wurde ihr bewusst. Auch wenn sie zu wenig erkannte, um sich orientieren zu können, war ausgeschlossen, dass sie sich noch in der Nähe der Ruine befand. Sie musste in den Fluss gestürzt und weit abgetrieben sein. Damit hatte ihr der geliebte Rhein wahrscheinlich das Leben gerettet.
Beinahe hätte sie gelächelt, doch dann fuhren ihre Fingerkuppen über nackte Haut, wo sie den Stoff ihrer Hose erwartet hätte.
Ihr Herz übersprang einen Schlag.
Ungläubig sah sie an sich hinunter. Sie trug keinen Faden am Körper. Schlimmer noch: Der vertraute feuerrote Streifen zwischen ihren Beinen war fort. Zitternd tastete sie nach ihrem immer sorgfältig frisierten Schamhaar, doch sie fand nur zarte, empfindliche Haut. Als hätte sie nie Schamhaar besessen.
Drei-, vier-, fünfmal blinzelte sie, unfähig, die Tatsachen zu verarbeiten. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie fühlte sich nackt, erniedrigt und vergewaltigt, doch Philine gönnte sich nur einen kurzen Moment der Schwäche. Ihr Überleben mochte davon abhängen, was sie als Nächstes tat.
Die Tränen hatten ihre Augen so weit gereinigt, dass sie wieder ein annähernd scharfes Bild bekam. Ihre Kleidung war fort. Wer auch immer sie genommen hatte, war vermutlich auch für den unglaublichen Übergriff verantwortlich. Allerdings konnte das kaum Dr. Frankenstein gewesen sein – der hätte sie wohl umgebracht. Philine versuchte nachzufühlen, ob sie vergewaltigt worden war, aber die Kälte machte ihren Körper nahezu gefühllos. Womöglich war das ein Segen. Die Flucht und der Sturz hatten zahlreiche Blessuren hinterlassen.
Egal, versuchte sie sich einzureden. Wenn sie sich nicht den Tod holen wollte, brauchte sie etwas zum Anziehen. Und sie musste so schnell wie möglich zur Polizei.
Philine hatte Glück. Ein schmaler, schwer einsehbarer Pfad führte an den Kopf der Klippe. Es gab sogar ein altersschwaches Geländer. Dennoch wusste die junge Frau im Nachhinein nicht mehr, wie sie die Strecke bewältigt hatte. Steif und wackelig kroch sie den steilen Weg eher hinauf, als dass sie ihn ging.
Immer wieder glaubte sie, vorbeirauschenden Verkehr zu hören. Eine Straße? Naheliegend. Fast überall am Rheinufer verliefen Straßen. Die Vorstellung, splitterfasernackt ein Auto anzuhalten, schien ihr jedoch wie die Aussicht auf eine weitere Vergewaltigung. Du wurdest nicht vergewaltigt, versuchte sie sich einzureden. Leider glaubte sie sich nicht.
Tatsächlich stellte sich heraus, dass es nicht erforderlich war, ein Auto anzuhalten. Der Pfad führte direkt zu einem Parkplatz. Derzeit war er bis auf einen Sattelschlepper und einen Reisebus jedoch ungenutzt. Der Busfahrer saß in der offenen Tür und war in seine Zeitung vertieft.
Philine ging unwillkürlich in Deckung.
Was soll das?, fragte sie sich. Irgendjemanden würde sie ansprechen müssen!
Sie nahm allen Mut zusammen und wollte gerade aufstehen, als hinter ihr plötzlich eine Stimme erklang.
„Wow“, hörte sie viel zu nah neben sich.
Philine fuhr wie von der Natter gebissen herum und sah sich einem fetten, vierschrötigen Kerl gegenüber, der sich soeben die Hose zumachte. Offenbar hatte er sich gerade an einem Baum erleichtert. Wie hatte sie den übersehen können?
Der Schreck war zu viel für ihre Beine. Ihre Knie gaben nach und sie drohte, den Pfad wieder hinunterzustürzen. Ehe sie aufschlug, war der Fette jedoch bei ihr. Der Geruch von Rauch und Schweiß ließ die Adelige würgen.
Instinktiv wollte sie sich wehren, aber sie war dem Mann so sehr unterlegen, dass er die Gegenwehr nicht einmal zu spüren schien. Sie wollte schreien, aber die Stimme gehorchte ihr nicht mehr. Der Schock, wurde Philine bewusst. Du stehst so was von unter Schock.
„Mein Gott, Mädel!“, sagte der Fette. „Ist dir was passiert?“ Er riss sich förmlich das Holzfällerhemd vom Körper und legte es ihr über die Schultern. Der speckige, stinkende Stoff war derartig ekelerregend, dass Philine sich beinahe übergab. Dennoch war die Geste so tröstlich, dass in der jungen Frau alle Dämme brachen. Wahrscheinlich erlitt sie einen Heulkrampf, war aber zu wenig bei sich, um sicher zu sein. Sie bekam kaum mit, wie ihr Retter sie auf die Arme nahm und in seinen Truck setzte.
Er musste wohl den Notruf gewählt und eine Weile mit ihr an Ort und Stelle gewartet haben. Für Philine erschien es aber eher so, als sei schlagartig alles voller Menschen, die ihr Fragen stellten. Sanitäter, Ärzte, Polizisten … Es war wie ein psychedelischer Rausch. In einem wachen Moment begriff Philine, dass ihr Zustand nicht allein mit einem Schock zu erklären war.
Plötzlich, ohne jeden Übergang, befand sie sich in einem Behandlungszimmer und wurde von einer Ärztin untersucht. Eine Krankenschwester hielt ihre Hand und lächelte sie an. Unwirklich helle, grüne Augen. Schwarze, lange Haare. Wunderschön. Als wäre eine der Puppen wieder lebendig geworden.
Es war der letzte Gedanke, an den Philine sich erinnern konnte.
Laute Stimmen rissen sie aus dem Schlaf. Zu ihrem eigenen Erstaunen war sie schlagartig hellwach und wusste, wo sie sich befand: in einem Krankenhausbett.
Allerdings hatte sie kaum genug Platz darin, weil sich jemand aufdringlich an sie schmiegte und leise in ihr Ohr schnarchte.
Philine drehte vorsichtig den Kopf. Verblüfft erkannte sie die schmalen Züge ihrer kleinen Schwester. Seit dem Tod ihrer Eltern war der zierliche Teenie eher in sich gekehrt und hatte in den Vollflegelmodus geschaltet. Der Altersunterschied von zehn Jahren machte Philine nun mal eher zu einer Mutter als zu einer Schwester für die Vierzehnjährige. Jemanden, gegen den man rebellieren konnte. Dass Jo sie trotz allem ebenso liebte, wie sie geliebt wurde, war an ihren verheulten Augen zu sehen. Sie musste sich regelrecht in den Schlaf geweint haben.
Plötzlich fiel Philine auf, wie sehr die Kleine aufgeblüht war. Gemeinsam waren ihnen die roten Haare, aber Jo hatte trotz der verquollenen Augen eine elfenhafte Schönheit an sich, die selbst die der Puppe noch in den Schatten stellte. Es war, als wären der gerade Erwachte durch die Horrornacht die Augen geöffnet worden. Für den Hauch des Überirdischen, der mit weiblicher Perfektion einherging.
Philine war bewusst, wie absurd – möglicherweise sogar krank – der Vergleich mit der monströsen Puppe war. Gerade in Bezug auf ihre Schwester. Aber der Gedanke erschreckte sie nicht. Traumatische Erlebnisse gingen an niemandem spurlos vorüber, und sie war rational genug, das einzusehen. Wie sie es gewöhnt war, konnte sie auch ihre bizarren Gedanken einordnen. Endlich wieder über einen rational arbeitenden Verstand zu verfügen, befreite sie sogar vom Gefühl der Hilflosigkeit. Sie war kein Opfer mehr, sondern eine Überlebende. Wenn ihr veränderter Blick auf weibliche Perfektion die einzige Macke blieb, war das ein geringer Preis.
Die lauten Stimmen vor der Tür waren noch immer unverständlich, ihre Besitzer schienen sich aber endlich darauf geeinigt zu haben, zu ihr hereinzukommen. Jedenfalls schloss Philine dies daraus, dass die Klinke heruntergedrückt wurde. Dennoch machte niemand Anstalten, zu klopfen, die Tür aufzuschieben oder das weiterhin in voller Lautstärke laufende Gespräch zu beenden.
Es war eine jener Respektlosigkeiten, die Philine aus ganzem Herzen verachtete. Sie bestand nicht auf ritualisierte Manieren, wie sie heute ohnehin nur noch die wenigsten besaßen. Rücksichtslose Menschen, denen jede Höflichkeit und Selbstreflexion abging, waren der Adeligen aber zu klein, um sich mit ihnen zu befassen.
Statt sich zu ärgern, konzentrierte sich Philine auf die wichtigen Dinge. Sie spürte, wie sie nach den schwierigen Monaten mit einem pubertierenden Teenie den Liebesbeweis ihrer kleinen Schwester gebraucht hatte. Lächelnd fuhr sie Jo durch die verwuschelten Haare. Das Mädchen wurde leise schmatzend wach und brauchte offenbar einen Herzschlag länger, um zu begreifen, wo sie sich befand.
„Philly!“, rief sie außer sich. Gleich darauf brach sie jedoch in Tränen aus und schlang die Arme um sie. Philine wurde so fest gedrückt, dass sie kaum noch Luft bekam.
„Ist ja gut“, flüsterte sie dem Wuschelkopf ins Ohr. „Ich bin hier …“
Das Geräusch der sich öffnenden Tür erklang eindeutig vor dem Klopfen. Die drei Männer standen schneller im Zimmer, als Philine aufblicken konnte. Den ältesten von ihnen wies der Kittel als Arzt aus. Die beiden anderen trugen zerknitterte Anzüge und gehörten sicher nicht zur Krankenhausbelegschaft.
„Was hat das zu bedeuten?“, fuhr der Kittelträger Josephine an. Es entsprach wohl nicht gerade der Hausordnung, wenn Patienten in ihrem Bett besucht wurden.
„Das frage ich mich auch“, ging Philine dazwischen. Sie fühlte, wie das Adrenalin ihre Schläfen kalt werden ließ. „Da Sie Ihre Erziehung offenbar in der Drehtür erhalten haben, will ich über das nachträgliche Klopfen hinwegsehen. Immerhin haben sie uns ja vorsorglich durch Ihr minutenlanges Herumgebrülle geweckt, und das fehlende Klopfen harmonierte gut mit dem Verzicht auf den Gruß, der beim Betreten eines Zimmers obligatorisch sein sollte.“ Sie lächelte kalt. „Zumindest unter zivilisierten Menschen.“ Für einen Moment entließ sie den perplexen Mediziner aus ihrem Fokus, um seine Begleiter mit einem demonstrativen Seitenblick zur Kenntnis zu nehmen. „Auch ohne Vorwarnung Außenstehende an das Bett einer praktisch nackten Patientin zu führen, mag für einen Rüpel nichts Außergewöhnliches sein“, räumte sie großzügig ein. „Wenn Sie aber meine Schwester anfahren, weil sie Angst um mich hatte, werden Sie mich kennenlernen.“ Entgegen ihrer sonstigen Art hatte sie beim letzten Satz sogar die Stimme erhoben.
Nein, sie war kein Opfer, stellte Philine fest. Wie sie am Wechsel der Gesichtsfarbe des Arztes ablesen konnte, wirkte sie für einen Moment sogar einschüchternd. Dann sah sie Wut in den Augen des Mediziners aufflackern.
Jo giggelte leise.
„Ich lehne jede weitere Behandlung ab“, presste der Kittelträger wütend hervor. Er machte auf den Hacken kehrt und verließ den Raum.
„Wir freuen uns, dass es Ihnen wieder besser geht“, begann der jüngere der beiden Anzugträger nach einer peinlichen Pause das Gespräch. Philine schätzte ihn auf Ende zwanzig. Sein kugelrunder Kopf ließ ihn etwas seltsam aussehen. Im Gegensatz zu seinem vielleicht zehn Jahre älteren Begleiter wirkte er aber nicht unsympathisch. „Wir wünschen Ihnen einen guten Morgen“, beeilte er sich hinzuzufügen, als die von ihm Geweckten nicht sofort reagierten. Offenbar legte er keinen Wert darauf, einen ähnlichen Vortrag wie der Arzt zu bekommen.
Jos Giggeln wurde zu leisem Lachen.
Philine erschien die Situation aber eher verwirrend. „Entschuldigen Sie – kennen wir uns?“
„Oh ja, Frau von Montenbrück – die Kommissare Bein“, er wies auf sich, „und Kaltbeisser.“ Der Dumme nannte sich eben immer zuerst. Offenbar waren die elementarsten Höflichkeitsregeln auch bei der Polizei nicht weit verbreitet.
„Oberkommissar Kaltbeisser“, stellte der Ältere mit merkwürdig durchdringendem Blick klar. Er war unangenehm hager. Aussehen und Nachname hätten auch gut zu einem Untoten gepasst, stellte Philine fest.
Erfreulicherweise übernahm der Jüngere nach einem genervten Seitenblick wieder das Reden. „Wir haben uns gestern schon ausführlich miteinander unterhalten, Frau von Montenbrück. Wir bearbeiten Ihre Anzeige.“
„Und wir haben keine Zeit für die Märchen reicher Adeliger, die …“ Kaltbeissers Tonfall war unverschämt. Auch die Tatsache, dass ihn sein jüngerer Kollege unterbrach, machte den Ausbruch nicht entschuldbarer.
„Joseph!“, fuhr Bein seinem Vorgesetzten in die Parade. Der Hagere reagierte mit einem durchdringenden Blick.
Philine brach jede weitere Auseinandersetzung zwischen den beiden ab. „Vielleicht warten Sie draußen, damit meine Schwester und ich uns etwas anziehen können“, schlug sie unterkühlt vor. Bein reagierte wie ein verschüchterter Schuljunge. In Kaltbeissers Blick glaubte sie aber etwas Beunruhigendes aufflackern zu sehen. Fast als würde er den Impuls unterdrücken, sie zu schlagen.
„Gegenüber gibt es eine Bäckerei“, erinnerte Jo fröhlich. „Vielleicht besorgen Sie Frühstück, und wir treffen uns an den Bänken unter der großen Linde vor dem Haus.“ Der Vorschlag war so frech, dass Philine kaum glauben konnte, ihn aus dem Mund ihrer Schwester zu hören. Aber er lockerte die Atmosphäre entscheidend auf. „Du bist doch fit, oder?“, fragte sie ihre große Schwester.
Philine nickte irritiert.
„Das ist eine hervorragende Idee“, fand Bein. „Und das Mindeste, was wir nach unserem missglückten Auftritt hier tun können.“
Die Tür hatte sich kaum hinter den Polizisten geschlossen, als Jo ihr erneut um den Hals fiel. „So was darfst du nie, nie, nie, nie wieder machen, Philly“, flüsterte sie. „Ich brauche dich doch noch.“
Als Jo und Philine den Treffpunkt erreichten, warteten die Beamten bereits. Nach Kaltbeissers Miene zu schließen sogar schon einen ganze Weile. Bein war dafür umso freundlicher. Als hätte er die Zeit für einen Blick in den Knigge genutzt, behandelte er die Damen mit ausgesuchter Höflichkeit. Er hatte sogar mehrere Kaffeespezialitäten besorgt, um seinen „Gästen“ eine Auswahl bieten zu können.
Philine wurde so weit besänftigt, dass sie den Mann sogar anlächelte, als sie auf das eigentliche Thema des Treffens zu sprechen kam. „Ich habe leider keine Erinnerung an unser Gespräch von gestern“, gab sie zu. „Meine Schwester erklärte mir jedoch, dass mein Bericht weitgehend kohärent und gut verständlich gewesen sei.“
„Das stimmt“, bestätigte Bein. „In Anbetracht der Tatsachen waren Sie erstaunlich klar und präzise. Nach unseren ersten Ermittlungen haben wir aber noch einige Fragen.“
„Natürlich.“ Philine nickte höflich und nahm ihren ersten Schluck Kaffee.
Kaltbeisser schnaubte, aber ehe der neuerliche Ausbruch zu einer weiteren peinlichen Pause führen konnte, riss Bein das Gespräch wieder an sich.
„Was haben Sie bei der Ruine gemacht?“, fragte er. Als sie nicht sofort antwortete, glaubte er offenbar, die Frage erklären zu müssen. „Immerhin ist Burg Steinwiesen recht unbeliebt. Nicht mal die Jugendlichen trauen sich dorthin. Dann auch noch nachts …“, plapperte er.
„Spukerscheinungen kann man besser nachts untersuchen“, erklärte Philine.
„Sind Sie so eine Art Geisterjägerin?“
Die Adelige zog unwillig die Stirn in Falten. „Ach was. Ich glaube nicht an so einen Unsinn. Meine Kunden leider schon. Ich habe die Anlage für einen Locationscout untersucht.“
„Sie sind die rote Gräfin“, entfuhr es dem Kommissar. Er erinnerte Philine zunehmend an einen kleinen Jungen. Unwillig verzog sie das Gesicht.
„Ja, so hat man mich leider schon häufiger genannt.“
„Aber darauf können Sie doch stolz sein. Sie haben schon eine Menge Scharlatane …“
„Können wir beim Thema bleiben?“, unterbrach Kaltbeisser. Es klang wie die Drohung, irgendeine geheime Abmachung zwischen den Beamten für nichtig zu erklären.
„Ja, natürlich“, riss sich der Jüngere zusammen. Deutlich aus dem Konzept gebracht, blätterte er in seinem Block.
„Das Finanzamt haben Sie aber vorsichtshalber nicht von Ihren Einkünften als Geisterjägerin unterrichtet“, riss Kaltbeißer das Gespräch an sich.
„Soll das hier ein Verhör werden?“, fragte Philine aufgebracht. Versuchte man ihr jetzt Steuerhinterziehung anzuhängen?
„Natürlich nicht“, beschwichtigte Bein und warf seinem Kollegen einen strafenden Blick zu. „Da der Grund Ihrer Anwesenheit aber mit einer Tätigkeit zusammenhängt, von der das Finanzamt nichts weiß …“ Offenbar hoffte er, dass Philine die Frage beantwortete, ohne dass er sie stellte. Als sie ihm den Gefallen nicht tat, beendete er den Satz: „… wirft das natürlich gewisse Fragen auf.“
„Das Finanzamt weiß nichts davon, weil ich kein Geld einnehme. Ich arbeite für Spenden an von mir gewählte Organisationen“, erklärte sie wütend. „Die zugehörigen Spendenquittungen einzureichen, würde mir unanständig vorkommen.“
„Unanständig?“, entfuhr es Kaltbeißer, als hätte sie ein neues Wort erfunden.
„Ja. Unanständig. Unsere Eltern haben uns genug Geld hinterlassen, um den Rest unseres Lebens nicht arbeiten zu müssen. Geld vom Staat zu fordern, das unter anderem Menschen erarbeiten mussten, die am Ende des Monats nicht mehr wissen, wie sie Essen auf den Tisch bringen sollen, empfinde ich als unanständig.“
„Das bedeutet, Sie sind Privatier?“, erkundigte sich Bein.
„Wenn Sie mit dem Finanzamt gesprochen haben, sollten Sie das wissen“, entgegnete Philine kurz angebunden. „Aber vielleicht hätten Sie Ihre Zeit besser in das Aufspüren des Täters und nicht in die Durchleuchtung des Opfers investiert. Diese Art der Befragung scheint mir allgemein eher für das Verhör eines Verdächtigen geeignet zu sein.“
Die Polizisten wechselten einen Blick. Philine schien die Befragungsstrategie der beiden durcheinandergebracht zu haben.
„Haben Sie die Ruine untersucht?“, nutzte sie die Gelegenheit für eine Frage. „Was haben Sie gefunden?“
„Zerstörung“, gab Kaltbeisser mit durchdringendem Blick zurück.
„Die Ruine ist eingestürzt“, konkretisierte sein Kollege. „Offenbar gesprengt.“
Für einen Moment glaubte Philine, dass die Männer sich über sie lustig machten. Dann wurde ihr bewusst, dass eine Sprengung wahrscheinlich die einzige Möglichkeit gewesen war, innerhalb einer Nacht die Beweise verschwinden zu lassen. Ein Verbrecher hatte vermutlich keine Hemmungen, wenn er zum Verwischen seiner Spuren einen unwiederbringlichen Zeugen der Geschichte zerstören musste. „Oh, mein Gott. Was für eine Barbarei.“
„Das sehen wir auch so.“ Kaltbeisser sah sie so durchdringend an, als wäre sie dafür verantwortlich.
„Dann müssen Sie sofort mit den Ausgrabungen beginnen“, verlangte Jo.
„Selbstverständlich werden wir alle Beweise sichern.“ Bein wirkte vorsichtig, als wüsste er nicht, wie er es den beiden Adeligen beibringen sollte. „Auf Weisung unserer Vorgesetzten ermitteln wir deshalb auch gegen Sie, Frau von Montenbrück.“
„Gegen mich?“ Philine war fassungslos.
Kaltbeisser schnaubte abfällig. „Die Beweise …“
Ehe er den Satz zu Ende bringen konnte, wurde er von seinem jüngeren Kollegen unterbrochen. „Selbstverständlich möchten wir Ihnen gerne glauben“, versicherte Bein. „Aber unsere bisherigen Ermittlungen stellen Ihre Geschichte sehr stark infrage. Und wir haben Beweise dafür gefunden, dass Sie uns nicht alles erzählt haben.“
Kaltbeisser schnaubte erneut, als hätte sein Kollege die Untertreibung des Jahres ausgesprochen.
Jo wollte gerade wütend werden, aber Philine legte ihr die Hand auf den Unterarm. Ihr eigener Zorn wurde von Vorsicht im Zaum gehalten. „Was für Beweise sollen das sein?“, fragte sie unterkühlt.
„Wir haben Ihren Porsche in der Nähe der Ruine gefunden“, erklärte Bein. Er sah sie an, als müsste sie diese Tatsache in Bedrängnis bringen.
Vergeblich wartete Philine darauf, dass er weitersprach. Nach wenigen Augenblicken begriff sie jedoch, dass er seine Darlegung offenbar als Ersatz für eine Frage verstanden wissen wollte. Widerwillig tat sie ihm schließlich den Gefallen. „Wieso ist das belastend? Hätte ich zu Fuß dort hinaufgehen müssen?“
„Nein, aber Sie waren nicht gründlich genug beim Saubermachen“, teilte Kaltbeisser mit. Zum ersten Mal lächelte er. „Wir haben Spuren von Sprengstoff entdeckt.“
Philine konnte ihn für einen Moment nur verblüfft anstarren. In ihrem Kopf rasten die Gedanken. Jemand versuchte ihr den Mist auch noch anzuhängen.
„Ach, kommen Sie“, mischte sich Jo ein. „Meine Schwester fährt aus Jux zu einer Ruine und sprengt sie in die Luft. Im Anschluss ist sie aber zu doof, um eines unserer anderen Autos, mit dem sie keinen Sprengstoff transportiert hat, in der Nähe abzustellen.“
„Wir gehen davon aus, dass Sie vielleicht wegen der Drogen nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte waren.“ Bein konnte sie nicht ansehen und starrte während des Sprechens auf seinen Block.
„Welche Drogen?“, platzte es aus Philine heraus.
„Das konnten uns die Ärzte leider auch nicht sagen“, räumte der Kommissar ein. „Dass Sie unter Drogeneinfluss standen, war aber offensichtlich. Erweiterte Pupillen, unregelmäßiger Herzschlag, erhöhte Temperatur und Ähnliches.“
„Das muss aber ein beeindruckend potentes Mittel sein“, gab Philine ätzend zurück. Sie spürte, wie der Zorn ihren Kopf heiß werden ließ. „Es versetzt mich in die Lage, ohne jede Vorbildung ein Gewölbe zu sprengen und mir eine unglaubliche Geschichte auszudenken. Zugleich bin ich aber so entrückt, dass ich splitterfasernackt in den Rhein springe und nur durch Zufall, nach einer halben Nacht im Wasser, überlebe.“
„Sie waren keine halbe Nacht im Wasser“, korrigierte Kaltbeisser. Sein Ausdruck passte hervorragend zu seinem Namen. Wie ein Hai, der sie aus toten Augen anstarrte.
Sein Kollege bemühte sich sogleich darum, die Fakten freundlicher zu verpacken. „Die Mediziner sind sich einig: Sie lagen höchstens eine Viertelstunde im Freien auf dem Boden. Die Spurensicherung hat praktisch keine Spuren von Flusswasser auf Ihnen gefunden.“
„Sie waren so sauber, dass die Spurensicherung kaum in der Lage war, überhaupt irgendetwas an Ihnen zu finden“, ergänzte Kaltbeisser.
Diese Auskunft erschreckte Philine bis ins Mark. Wenn der Rhein sie nicht fortgetragen hatte, war es ein Mensch gewesen. Dieser Mensch war bestimmt nicht der Puppenmacher gewesen – der hatte nicht nur alles daran gesetzt, sie umzubringen, sondern hätte sie wohl eher verschwinden lassen, als sein Labor zu vernichten. Gab es etwa noch einen weiteren Verrückten? Und wie lange war sie in seiner Gewalt gewesen?
„Was für ein Quatsch!“, rief Jo. „Wer hat meine Schwester dann vergewaltigt und ihre Schambehaarung entfernt?“
Philine zuckte zusammen. Vergewaltigt … War das für Jo nur ein Wort? Aber fühlte sie sich wirklich, als hätte jemand …?
„Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Vergewaltigung“, schnappte Kaltbeisser.
Kommissar Bein blieb freundlich, beinahe vorsichtig. „Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass Ihre Schwester jemals Schambehaarung besessen hat. Die Ärzte gehen von einer genetischen Anomalie aus.“
Das war ja völlig verrückt! Im ersten Moment wollten Philines Instinkte mit Wut reagieren. Doch dann wurde ihr bewusst, dass es keinen Weg gab, Schamhaare spurlos zu entfernen – wenn es den gäbe, wäre das ein Milliardengeschäft. Diese Technik gab es einfach nicht!
Verunsichert drehte sie den Kopf, um Jo bestätigen zu lassen, dass sie sehr wohl Schamhaar besessen hatte. Aber ihre Schwester wirkte ebenso verunsichert wie sie selbst. Kein Wunder. Philine rasierte sich erst seit einem Jahr nicht mehr vollständig. Jo hatte sie vermutlich noch nie frisiert gesehen.
Plötzlich sah sie die Situation mit den Augen der Polizei. Ihre Geschichte als bizarr zu bezeichnen, war noch untertrieben. Mutterseelenallein schleicht sie sich nachts in eine Ruine und trifft einen unheimlichen Würger im Burgverlies, der aus jungen Mädchen Puppen machte? Sie selbst blieb bis auf ihre Schambehaarung ungeschoren? Das klang schon fast lächerlich. Die Geschichte von einer dekadenten Adeligen, die im Drogenrausch dumme Sachen machte, klang nicht nur glaubwürdiger, sondern wurde auch von den Beweisen gestützt.
Nein, es war schlimmer. Ihre Geschichte war nicht nur unglaubwürdig, sondern ergab auch keinen Sinn: Erst die Geschichte vom Würger und den Mädchenpuppen – dann die Wahl zwischen zwei völlig idiotischen Möglichkeiten, wie das Ganze weitergegangen war.
Möglichkeit eins: Der Würger findet sie – statt sie aber einfach umzubringen, um Spuren zu verwischen, sprengt er lieber seine sündhaft teure Ausrüstung in die Luft. Währenddessen nimmt sich der sicher schwer verletzte Mann die Zeit, sie stundenlang – bis zum Morgen – bei sich zu behalten, sie auszuziehen, ihr Schamhaar auf unbekannte Weise zu entfernen und sie dann am Rhein abzuladen. Nebenher legt er noch ein paar falsche Spuren an ihrem Auto.
Möglichkeit zwei: Die Sache mit dem Schamhaar und der Unterbringung am Rheinufer verdankt sie einem anderen Irren, der ebenfalls zufällig mitten in der Nacht an derselben verlassenen Ruine herumhängt. Dieser Irre Nummer zwei ist aber so außergewöhnlich fortschrittlich in seinen Methoden, dass er über Drogen und medizinische Techniken verfügt, die der modernen Medizin unbekannt sind.
Beides war ebenso wahrscheinlich wie die Entführung durch Aliens. Wobei die Entführung durch Aliens schon fast glaubwürdiger klang, weil bei dieser Möglichkeit wenigstens die unbekannten Drogen und die spurlose Haarentfernung leichter zu erklären wären.
Was bedeutete es, wenn die Fakten nicht mit den eigenen Erinnerungen übereinstimmten?
Philines Herz übersprang einen Schlag. Das erste Mal in ihrem Leben zweifelte sie ernsthaft an der eigenen Wahrnehmung. Wurde sie womöglich verrückt? Sie spürte, wie sich das Blut in ihren Bauch zurückzog. Ihre Hände wurden bleich und kalt wie die einer Vampirin.
„Geht’s dir nicht gut?“, fragte Jo.
„Ich weiß es nicht.“
Allein.
Allein zu sein, machte Philine nichts aus – sich allein zu fühlen, war aber die widerlichste aller Empfindungen. Mit einer Tasse Kakao saß sie auf einer Zinne ihrer Burg und sah den Bulli der sechsköpfigen Putzkolonne durch das Haupttor rollen. Damit war sie wieder allein in dem jahrhundertealten Gemäuer. Gewöhnlich atmete sie in diesen Momenten auf. Sie war gern allein. Mehr noch – sie ließ es sich ein Vermögen kosten, die Burg ohne Tourismus oder Mieteinnahmen zu halten. Zu zweit eine Burg zu bewohnen, war ohne Zweifel verrückt, aber sie wäre wohl auch ohne Jo mieterlos geblieben.
Aber heute … heute konnte sie es kaum erwarten, dass die Kleine aus der Schule kam. Den ganzen Tag über hatte sie nach Ausflüchten gesucht, die Mitglieder der Putzkolonne anzusprechen. Oder zumindest in Hörweite zu bleiben. Fast als fürchte sie, mit sich allein zu sein.
Und vielleicht war das tatsächlich so. Philine fürchtete sich vor sich selbst. Davor, den Verstand zu verlieren. Nicht mehr zwischen Realität und Fantasie unterscheiden zu können.
Sie musste mit jemandem reden, das war ihr klar. Nur mit wem? Es gab nur einen Menschen auf der Welt, dem sie wirklich vertraute, und das war Jo. Aber Jo war erst vierzehn und hatte genug eigene Sorgen. Nicht nur, weil sie ein Teenie war, sondern weil sie seit dem Flugzeugabsturz ihres Vaters unter extremen Verlustängsten litt. Vor nicht ganz drei Jahren hatte sie nicht nur den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren, sondern musste danach hautnah miterleben, wie der Rest ihrer ach so ehrenwerten Verwandtschaft versucht hatte, die Schwestern um ihr Erbe zu bringen. Tante Margaret hatte sogar heimlich versucht, Philine entmündigen zu lassen. Selbst der Familienanwalt hatte dabei mitgemacht. Auch wenn Jo damals noch sehr jung gewesen war, traute sie praktisch niemandem mehr.
Philine würde eher in ein Klärwerk ziehen, als Jo auch nur den Hauch von Instabilität zu zeigen. Sie musste die eine unerschütterliche Säule sein, an der sich ihre kleine Schwester festhalten konnte.
„Aber du musst mit jemandem reden“, murmelte sie zu sich selbst. Die Frage war nur: Mit wem? Sie kannte Gott und die Welt, wurde zu Partys und Empfängen der High Society eingeladen – aber wirklich kennen tat sie niemanden. Nicht mal die Menschen, die sie als ihre Freunde betrachtete.
Ein Freund war jemand, auf den man sich bedingungslos verlassen konnte. Weil man sich mochte. Sie konnte aber nur Beziehungen vorweisen, die zum beidseitigen Vorteil waren. Zumindest glaubte sie das. Niemand konnte sie wirklich um ihrer selbst willen mögen, weil sie niemanden in ihr Innerstes hineinschauen ließ. Daran waren auch ihre beiden Beziehungen gescheitert.
Schlimmer noch. Selbst wenn sie jemandem zutrauen würde, die freundschaftliche Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten, nachdem sie ihn mit ihren seelischen Nöten konfrontiert hatte, würde das Vorhaben an ihr selbst scheitern. Sie konnte sich niemandem öffnen. Sie konnte das nur vorspielen.
Eine normale Person wäre an dieser Stelle zu einem Therapeuten gegangen. Das war auch der Vorschlag, den die Polizei ihr nahelegte.
Philine hatte aber ihre eigenen Erfahrungen mit Therapeuten. Nach dem Selbstmord ihrer Mutter war sie mit zwölf Jahren einer Horde von Psychiatern und Psychologen in die Hände gefallen. Jeder von ihnen hatte eine andere Diagnose gehabt, dafür war ihr keiner von ihnen auch nur annähernd geistig gesund vorgekommen. Am Ende war sie der Bande nur entkommen, weil sie ihnen gesagt hatte, was sie hören wollte. Jo hatte nach dem Tod ihres Vaters ähnliche Erfahrungen gemacht.
Bevor sie sich wieder in die Hände dieser Quacksalber begab, würde sie nicht nur ins Klärwerk ziehen, sondern auch täglich im Klärbecken baden.
Nein. Sie wusste, was ihr Fels in der Brandung des Lebens war: ihr Verstand. Um in ihre Mitte zurückzukommen, musste sie herausfinden, was wirklich geschehen war. Sie musste einfach sicher sein, sich auf sich selbst verlassen zu können. Und wenn sich herausstellen sollte, dass sie tatsächlich nicht alle Latten am Zaun hatte, würde sie wenigstens eine rationale Irre sein.
Philine fühlte sich schon etwas besser. Der erste Schritt dazu, kein Opfer zu sein, war, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.
„Verdammtes Scheißding!“, schrie Philine aus vollem Hals. Völlig außer sich drosch sie auf das Lenkrad ein, konnte sich aber nicht beruhigen. Ihr Wutausbruch schlug mit nie gekannter Wucht über ihr zusammen. Buchstäblich rotsehend, sprang sie aus dem Elektro-Smart und trat immer wieder gegen die Tür.
Zugleich schien die wahre Philine sie von innen heraus zu beobachten. Eine Philine, die kaum fassen konnte, was sie sah. Blinde Wut war nicht Teil ihres Wesens. Schon gar nicht Gewalt. Die junge Adlige war darauf gedrillt worden, niemals die Beherrschung zu verlieren. Sich selbst auf ein unschuldiges Auto eintreten zu sehen, war ebenso surreal wie Puppenmädchen in Spukschlossruinen zu finden.
Vier … fünf … sechs Mal trieb ihr Fuß die Delle tiefer in die Tür hinein. Dann schien Wut-Philine endlich ruhiger zu werden. Der rote Schleier lichtete sich, und sie begann, endlich wieder ihre Umgebung wahrzunehmen.
Schwer atmend realisierte sie, dass der Smart mitten auf einer Kreuzung stehen geblieben war. Ihr Ausbruch schien aber zumindest das obligatorische Hupkonzert verhindert zu haben. Aus Dutzenden von Autos heraus wurde sie angestarrt. Mehrere Fußgänger glotzten sie an wie Kühe, wenn es donnert, und eine Gruppe von Halbstarken hielt ihren Ausbruch für die Nachwelt mit dem Handy fest.
Das konnte doch gerade nicht wirklich passieren. Das war ein Albtraum.
„Ist alles in Ordnung?“
Die Männerstimme ließ sie zusammenfahren. Zugleich drohte die dumme Frage das Pochen in ihren Schläfen wieder hochkochen zu lassen. Na klar. Ich halte meinen Smart jeden Donnerstag auf dieser Kreuzung an, um ihm die Tür einzubeulen.
Im letzten Moment schluckte sie die Antwort herunter und drehte sich zu dem Trottel um.
Aber es war weder ein noch irgendein Trottel. Es waren die Kommissare Bein und Kaltbeisser, die sie mit den ihr bereits vertrauten Gesichtsausdrücken ansahen.
Das auch noch. Ausgerechnet die beiden Nervensägen mussten zufällig ebenfalls auf dieser Kreuzung … Zufällig?
Wohl kaum. Philine spürte, wie ihre Wangen kalt wurden. Die beiden beschatteten sie!
War so etwas denn nicht nur bei Morden oder organisierter Kriminalität üblich? Glaubten sie die Sache mit den toten Mädchen, verdächtigten aber sie? Übersah sie etwas? Wusste sie etwas nicht?
„Haben Sie ein Problem mit Ihrem Auto?“, fragte Bein freundlich.
Bevor die beiden die Zwangsjacke herausholten und sie einweisen ließen, schaltete Philine auf überforderte junge Dame.
„Ja“, gab sie verschmitzt zu. „Ich bin den ganzen Tag mit dem Wagen unterwegs gewesen, und dafür ist ein Elektro-Smart wohl nicht gemacht.“ Philine rang sich ein schuldbewusstes Lächeln ab. „Dass er einfach stehen blieb, hat mich wohl überfordert. Ich bin Benziner gewöhnt und habe mich da wohl bei der Akkuleistung verschätzt.“
Bein lächelte nickend. „Verständlich, dass einem bei dem, was Sie durchgemacht haben, irgendwann die Nerven versagen. Wir sind ja alle nur Menschen. Wir sind bestimmt auch bald mit Ihrem Porsche fertig.“
Philine witterte eine Falle, lächelte aber weiterhin devot. Wahrscheinlich konnte ihr der Polizist sogar den Führerschein wegnehmen. Sie musste zugeben, dass er damit sogar im Recht gewesen wäre. Wer so ausflippte, gehörte nicht hinter das Steuer.
„Was halten Sie davon, wenn ich Sie nach Hause fahre, während sich Oberkommissar Kaltbeisser um Ihr Auto kümmert?“
Irgendein Bauchgefühl warnte Philine davor, zu Bein in den Wagen zu steigen. Kaltbeissers empörter Seitenblick auf seinen Kollegen versöhnte sie aber mit dem Gedanken. Zudem stand noch immer der Entzug des Führerscheins im Raum. Es wäre dumm, es sich mit dem Mann zu verderben. Sie gab sich einen Ruck.
„Sehr freundlich“, antwortete sie mit aufgesetztem Lächeln, das Bein aber nicht zu durchschauen schien.
Im Gegenteil. Sichtlich erfreut öffnete er die Beifahrertür seines Passats und half ihr beim Einsteigen. Formvollendet. Hatte der Mann im Knigge geschmökert? Wollte er sie beeindrucken?
Er wartete, bis sie angeschnallt war, und setzte dann den Wagen in Bewegung. Für einen Moment breitete sich unangenehmes Schweigen aus. Bein lächelte auf schwer zu deutende Weise. Philine bekam zunehmend den Eindruck, dass das Interesse des Polizisten an ihr zumindest teilweise persönlich war. Ein wenig flirten konnte ihr womöglich das Leben erleichtern.
Sogleich schämte sie sich für den Gedanken. Was war nur los mit ihr?
„Sie sind also herumgefahren?“, brach Bein das Schweigen mit einer überflüssigen Frage. Offensichtlich hatte er sie beschattet. Er wusste genau, wo sie gewesen war.
Philine entschied mitzuspielen. „Ich habe alle Krankenhäuser der Umgebung abgeklappert“, sagte sie wahrheitsgemäß.
„Immer noch auf der Suche nach dem Mann mit der Bein- und Augenverletzung?“, fragte Bein betont neutral.
Statt zu antworten sah Philine aus dem Seitenfenster. Natürlich versuchte sie weiterhin, den Angreifer zu finden. Was sollte sie sonst tun? Die Polizei würde nicht nach einem Hirngespinst suchen – die konzentrierten sich offensichtlich auf sie. Irgendjemand musste den Mörder aber zur Rechenschaft ziehen.
Ach Quatsch. Wem machte sie etwas vor? Für sie ging es nicht wirklich um die Mädchen. Es ging um sie selbst. Philine musste sich selbst beweisen, dass sie nicht verrückt war.
Und sie musste den Mann zur Rechenschaft ziehen, der ihr die Schambehaarung genommen hatte.
Verdammt war das armselig.
„Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass Sie uns die Ermittlungen überlassen?“, fragte Bein in ihre Gedanken.
Nein. Hatten sie nicht. Bein hatte darum gebeten, dass sie sich raushielt. Zugesagt hatte sie nichts. Vielleicht sollte er sich auch lieber fragen, warum eine Schuldige auf eigene Faust nach dem Täter suchte.
„Es tut mir leid“, log sie. „Aber ich kann nicht einfach auf den Händen sitzen.“
„Ich bitte Sie.“ Der Kommissar lächelte jovial. „Die Tat ist erst drei Tage her. Geben Sie uns – und vor allem sich – etwas Zeit.“
Wie lange sollte sie denn seiner Meinung nach warten, bis sie untersuchen durfte, ob sie den Verstand verlor?
Ihr Schweigen hinderte Bein nicht daran, das Gespräch aufrechtzuerhalten. „Immerhin darf ich sie beruhigen. Sie haben wahrscheinlich keine Leiche gesehen.“
„Wie kommen Sie darauf?“
„Mehrere Gründe.“ Er lächelte, als würde er jeden Augenblick mit beruhigendem Armtätscheln beginnen. „Zum einen wird niemand vermisst, der auch nur entfernteste Ähnlichkeit mit den mit Ihrer Hilfe angefertigten Phantomzeichnungen hat.“
Philine zog eine Augenbraue hoch. Selbst wenn es einen zuverlässigen Weg gäbe, unzählige Vermisstenfälle mit ihrem Phantombild abzugleichen, konnten die Mädchen ja von sonst wo stammen.
„Zum anderen entspricht auch der von ihnen geschilderte Zustand der Mädchen nicht dem einer Toten. Die Haut …“
„Ich weiß“, kürzte Philine ab.
Erfreut blickte er sie an. „Also geben Sie zu, dass …?“
„Ich gebe zu, dass meine Geschichte keinen Sinn ergibt. Aber ich habe Sie nicht angelogen.“
„Das würde ich Ihnen auch nie unterstellen wollen“, meinte der Ermittler lächelnd. „Vielleicht hat Ihnen jemand ohne Ihr Wissen bewusstseinsverändernde Drogen verabreicht, und Sie glauben nur, das alles erlebt zu haben.“
Als wäre Philine nicht selbst schon auf diese Idee gekommen. Sie zweifelte mittlerweile an allem. Vielleicht hatte sie wirklich niemals Schamhaar besessen und sich die Psychokiller-Episode zusammengesponnen. Möglicherweise war sie auch splitterfasernackt im Drogenrausch den Rhein entlanggestolpert und am Fuß einer Klippe eingeschlafen.
Aber selbst dann passten die Fakten nicht zusammen: Drogen erklärten weder die Sprengstoffspuren an ihrem Auto noch die Zerstörung der Ruine. Sie hatte absolut keine Ahnung von Sprengstoff! Selbst wenn man also unterstellen mochte, dass sie sich freiwillig eine völlig unbekannte Droge eingeworfen hatte, musste es da noch jemanden im Hintergrund geben. Jemanden mit Antworten.
„Wir werden der Angelegenheit schon auf den Grund gehen“, versprach Bein und tätschelte ihr tatsächlich die Hand. Offenbar waren ihr die Selbstzweifel deutlich anzusehen gewesen.
„Danke.“
Endlich erreichte der Passat die Auffahrt zur Burg und arbeitete sich den schmalen Pfad neben der Ringmauer hinauf. Bein war sichtlich beeindruckt von der wuchtigen Anlage. Es wäre wohl sehr einfach gewesen, das Gespräch auf Burg Montenbrück zu lenken, aber Philine wollte den Mann so schnell wie möglich loswerden.
Sie ließ sich am Torhaus absetzen und flüchtete regelrecht hinter die dicken Mauern ihres Familiensitzes.
Als sich das gewaltige Tor hinter ihr schloss, war es wie eine Erlösung. Wenigstens hier war sie sicher.