Der Mann aus Wichita - Horst Weymar Hübner - E-Book

Der Mann aus Wichita E-Book

Horst Weymar Hübner

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Beschreibung

Western von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten. Eine Rinderherde zu treiben ist eine Aufgabe für echte Cowboys. Chance Adams ist so einer. Zusammen mit der übrigen Crew treibt er 7000 Rinder durch Indianergebiet, reißende Flüsse und andere Gefahren. Aber weshalb ist die Tochter des Ranchers mit dabei? Für eine Frau ist dieses Leben ausgesprochen gefährlich, vor allem dann, wenn einer aus der Crew glaubt, Ansprüche auf sie geltend machen zu können.

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Seitenzahl: 128

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Horst Weymar Hübner

Der Mann aus Wichita

Cassiopeiapress Western

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der Mann aus Wichita

Western von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Eine Rinderherde zu treiben ist eine Aufgabe für echte Cowboys. Chance Adams ist so einer. Zusammen mit der übrigen Crew treibt er 7000 Rinder durch Indianergebiet, reißende Flüsse und andere Gefahren. Aber weshalb ist die Tochter des Ranchers mit dabei? Für eine Frau ist dieses Leben ausgesprochen gefährlich, vor allem dann, wenn einer aus der Crew glaubt, Ansprüche auf sie geltend machen zu können.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

Chance Adams hört Stiefel im Sand knirschen und wendet träge den Kopf, während er mit beiden Händen seinem Pferd den Bauchgurt lockert.

Er sieht einen großen, schnauzbärtigen Mann dicht hinter sich. Und dann sitzt ihm ein Gewehrlauf im Rücken.

Der Druck der Waffe ist so stark, dass Chance gegen sein Pferd fällt.

„Strolch!“, sagt der schnauzbärtige Mann unduldsam. „Dies ist das dritte Mal, dass ich dich in der Stadt erwische. Mir reicht es jetzt. Wir brauchen nicht noch mehr Hungerleider hier. Es treibt sich auch ohne dich schon genug Gesindel herum. Du bist verhaftet!“

Der Gewehrlauf fliegt hoch und knallt Chance über den Rücken.

Alles geht so schnell, dass Chance Adams das Gleichgewicht nicht wiederfindet und unter seinen Gaul stürzt. Er landet auf Händen und Knien, schüttelt zweimal den Kopf und blickt darauf von unten her den Mann an, der ihn mit dem Gewehr zu Boden schlug.

Der schnauzbärtige Mann trägt erstklassige Stiefel, eine feine schwarze Tuchhose, ein rotes Hemd, eine ärmellose Kalbsfell-Weste und einen schwarzen Hut auf dem fast rechteckigen Kopf. Außerdem einen aus einer Blechdose geschnittenen Stern. Marshal Enfields Augen liegen im Schatten der Hutkrempe, doch Chance Adams kennt sie, diese harten, eiskalt blickenden Augen. Enfield hat ihn bereits zweimal aus der Stadt gejagt.

Chance kriecht unter dem Pferd heraus, richtet sich langsam auf und wischt die sandigen Hände an der durchlöcherten Hose ab. Dann geht seine rechte Hand langsam zum Gesicht hoch. Die Finger betasten eine Schwellung, die sich vom Kinnwinkel bis zum rechten Ohr hinaufzieht.

Marshal Enfield verzieht die Lippen. „Das war eine Warnung, Strolch. Ich hielt dich für schlauer. Aber du bist ebenfalls ein Narr. Dafür wirst du jetzt mein Holz hacken und dich auch sonst nützlich betätigen. Vorwärts!“

Eine Bewegung des Gewehrlaufes unterstreicht die Aufforderung.

Chance Adams bleibt stehen, als sei er angewachsen. Seine Finger fahren weiter die Schwellung im Gesicht hinauf. Hier landete vor zwei Tagen Marshal Enfields Gewehrlauf. Damit er ihn besser wiedererkenne, falls er doch noch mal in die Stadt zurückkehren werde, hatte Enfield gesagt.

Langsam sinkt jetzt Chance Adams’ Hand herunter.

„Zweimal warst du im Recht, Enfield, denn zweimal konnte ich kein Geld für meinen Lebensunterhalt vorweisen“, sagt er mit einer Bedächtigkeit, die kaum zu seinen achtundzwanzig Jahren passt. „Du hättest mich besser noch mal gefragt. Jetzt habe ich Geld.“

Er langt in die Tasche, bringt sein Taschentuch zum Vorschein und knotet es auf. Zwei blinkende Zwanzig-Dollar-Goldstücke liegen auf dem roten Stoff.

Marshal Enfield reckt den gedrungenen Hals. Vierzig Dollar im Monat zahlt ihm diese Stadt, damit er sie ruhig und friedlich hält. Es ist eine harte Arbeit, und das Geld sauer verdient.

Dieser windige und ungewaschene Bursche besaß, als er ihn vor zwei Tagen kontrollierte, nur einen knurrenden Magen und unzählige Löcher in den Taschen. Und es gibt verdammt keinen Job im Umkreis von hundert Meilen, der einem abgerissenen Sattelstrolch in dieser Zeit vierzig ehrliche Dollar einbrächte.

Aber jetzt hat der Kerl zwei Goldstücke.

„Das kostet dich einiges“, sagt Enfield schnaufend. „Raub kommt auch noch dazu. Wen hast du überfallen?“

Chance Adams wickelt seinen Reichtum ein und verstaut ihn behutsam in der Hosentasche. Er prüft, ob er nicht durch ein Loch und die Beinröhre hinab verschwinden kann.

Dann hebt er den Kopf. „Du scheinst keine Ahnung davon zu haben, dass ein Mann auch mal in eine Pechsträhne geraten kann, aber zum richtigen Zeitpunkt das Glück an einem Zipfel erwischt. Mein Glück heißt John Bentley Carradine. Ich arbeite seit heute für ihn. Ich habe Geld, und ich habe eine Anstellung. Du wirst mich, verdammt, nicht noch mal schlagen, du verdammter Nussknacker!“

Im selben Moment schießt Chance Adams’ linker Fuß hoch und knallt unter den Gewehrlauf.

Die Waffe fliegt etwas nach oben. Bevor Marshal Enfield reagieren kann, springt ihn Chance am hellen Mittag auf offener Straße an und schlägt ihm beide Fäuste in den Magen.

Enfield knickt ein, aber er geht nicht zu Boden – und er lässt sein Gewehr nicht los. Er schwingt den Arm herum. Der Gewehrkolben prallt Chance auf den Hüftknochen und lässt ihn tausend Funken und Sterne sehen.

Der Schmerz rast wie flüssiges Blei in den Adern durch Chance und lässt ihn scharf Luft holen.

Dieser Marshal kennt wohl eine Menge Tricks. Mehr jedenfalls als Chance. Dieser Sternträger ist vielleicht sogar imstande, seine ungünstige Lage in einen Vorteil zu verwandeln.

Chance überdenkt dies im Bruchteil einer Sekunde und sieht sich bereits im Hof dieses Nussknackers Enfield Holz zerkleinern, ab und zu aufgemuntert durch einen Stoß mit dem Gewehrlauf.

Chance erlebte es selbst, und er hörte auch allerlei nicht sehr schmeichelhafte Bemerkungen über den Marshal, seine Art zu kämpfen und sich Respekt zu verschaffen.

Und Chance denkt auch daran, dass ihm Enfield die vierzig Dollar abnehmen wird, dieses Handgeld, das ihm einen neuen Start ermöglicht.

Chance springt darum den Marshal erneut an und hämmert ihm die Fäuste in den Körper.

Enfield schwingt das Gewehr von unten hoch.

Chance erkennt diese Bewegung beinahe zu spät. Er setzt schnell das rechte über das linke Bein und bekommt den Gewehrkolben aufs Knie.

Wasser schießt ihm in die Augen, während eine wilde Wut auf diesen Sternträger in ihm hochsteigt, der mit allen Methoden sein Glück versucht.

Chance tritt nach Enfields Beinen, sieht, wie der Mann überrascht die Augen aufreißt, packt mit beiden Händen das Gewehr und reißt daran.

Der Ruck ist gewaltig und überrascht Enfield. Statt die Waffe loszulassen, versucht er sie im Griff zu behalten, wird nach vorn gerissen und spürt das vorgereckte Knie von Chance Adams erst, als er darüberfällt.

Voll grimmiger Freude sieht Chance den Marshal neben sich bäuchlings zu Boden gehen. Er wartet, bis sich Enfield herumrollt. Danach ist er mit einem Satz bei dem Mann und schlägt ihm den Stiefel ans Kinn.

Und erst jetzt ist Chance Adams zufrieden. Dies war für Enfields gemeinen Hieb vor zwei Tagen mit dem Gewehrlauf mitten ins Gesicht. Jetzt ist er quitt mit ihm.

Marshal Enfield ist auf den Rücken gerollt. Das Gewehr liegt neben ihm im Sand der Straße. Eine Staubwolke senkt sich auf ihn.

Chance spuckt aus, rückt seine Hose zurecht und überzeugt sich mit einem Griff in die Hosentasche, dass sein Geld noch vorhanden ist. Dann wendet er sich um, tritt auf Enfields Hut und geht zu seinem Pferd, das er vor ein paar Minuten an den Zügelbalken des Stores gebunden hat.

Er löst den Riemen der Satteltasche, greift hinein und langt einen zusammengerollten Waffengurt heraus.

Unschlüssig hält Chance ihn in der Hand. Er hebt den Kopf, blickt auf Enfield, der sich zu bewegen beginnt, und wickelt den Gurt auf. Mit Schwung legt er ihn um.

Das leise Klatschen des Leders lässt Enfield zusammenzucken und am Boden verharren. Er blinzelt zu dem Satteltramp hin, der sich ungeniert einen Gurt umlegt und das Holster, in der ein Revolver mit blankem Griff steckt, am rechten Oberschenkel festbindet.

Enfields rechte Hand beginnt nervös zu zucken. Sie kriecht langsam durch den Sand in Richtung Gewehr.

Als die Finger den Kolben ertasten, sieht Chance Adams her.

„Nussknacker“, sagt Chance, spuckt wieder aus und lüftet seinen Revolver leicht an, so dass der Kolben nun etwas nach außen steht, „versuche keine Späße mehr mit deinem Gewehr. Ich kenne jetzt deine Art genau. Wenn ich dich einmal in meinem Rücken sehe, schieße ich. Das ist ein guter und billiger Rat!“

Chance greift mit der linken Hand zur Seite und schließt die Klappe der Satteltasche, während die Rechte neben dem Revolverkolben hängt.

Enfield schätzt seine Chancen nicht mehr sehr hoch ein. Er richtet den Oberkörper auf, reibt sich das Kann und dann die Augenwinkel, die mit Sand verklebt sind. Er schweigt, aber er betrachtet diesen abgerissenen Burschen genau, der einen Revolver in der Satteltasche hatte. Er studiert ihn gewissermaßen in allen Einzelheiten.

Ein Killer?, überlegt Enfield. Dann hätte er schon geschossen. Aber er sieht jetzt aus wie ein Revolvertiger. Sicher stören ihn nur die Leute. Ja, das ist es. Er kann keine Zeugen gebrauchen!

Enfield flucht gedämpft, zieht das linke Bein halb unter den Körper und steht auf. Sand fällt von seiner guten Kleidung ab.

Ich muss dringend mit Carradine reden, denkt er. Der hat ja keinen blassen Schimmer davon, was er sich auf seine Lohnliste gesetzt hat. Vielleicht lügt der Kerl auch und hat das Geld aus einer anderen Quelle, was?

Marshal Enfield bückt sich nach seinem Gewehr, fasst es jedoch am oberen Lauf an. Dann holt er seinen Hut, beult ihn aus, wischt mit dem Ärmel die Krempe ab und setzt ihn auf.

„Das war ein tätlicher Angriff auf den gewählten Marshal“, sagt er und blickt Chance Adams starr an.

Der lächelt dünn. „Keine Drohungen, Enfield. Du bist nicht groß genug, um mich für ein halbes Jahr in die Steinbrüche zu schicken. Ich hörte, das sei deine Spezialität. Mich kriegst du da nicht hin, verlass dich drauf. Eher tragen sie dich mit den Füßen voran aus der Stadt. Bleibe besser friedlich, und in einer Woche gehört dir diese Stadt wieder ganz allein.“

Enfield starrt ihn immer noch an, ablehnend, feindselig und eiskalt.

„Eine Woche ist mächtig lang“, sagt er flach.

„Nicht lang genug, um mich zu erwischen. Rechne dir besser gar nichts in dieser Richtung aus.“ Chance hakt den Daumen der linken Hand hinter den Patronengurt.

Teufel, denkt Enfield, der fühlt sich hier sicher wie in Abrahams Schoß, der Strolch, der verdammte! Ich kriege ihn dennoch. Irgendwann in den nächsten Tagen!

Marshal Enfield wendet sich ab und geht zum überdachten Gehsteig. Im Schlagschatten taucht er unter.

Chance Adams lauscht dem Tacken seiner Stiefel nach, das sich zur Stadtmitte hin verliert.

Einmal noch sieht er Enfield, der eine Gassenmündung überquert und aus dem Schatten heraus ins grelle Sonnenlicht muss. Dann verschwindet die Kalbsfell-Weste wieder.

Chance wendet sich um, taucht unter dem Hals seines Pferdes hindurch und steigt zum Vorbau des Store hinauf.

Auf halber Höhe der Treppe poltert ihm ein Stein vor die Füße. Chance hebt langsam den Kopf. Neben dem Stützbalken schiebt ein Mann in ausgefranster Kleidung mit tief in den Höhlen liegenden Augen die Hände in die Taschen und lehnt sich mit der Schulter gegen den Balken.

Chance schiebt mit der Stiefelspitze den faustgroßen Steinbrocken beiseite und setzt seinen Weg fort. Dabei mustert er wieder den Mann im Halbschatten.

Der Bursche sieht genau so herunter gewirtschaftet und verhungert wie er selber aus. Und auch er trägt Spuren von Enfields Gewehrlauf im Gesicht. Nur sind es drei geschwollene Striche. Das Kinn ist seitlich aufgeplatzt. Der Mann hat sich vielleicht darum nicht rasiert.

Chance bleibt stehen. „Ein ziemlich abgebrühter Bursche, dieser Marshal, der sich nicht kleinlich zeigt“, sagt er.

Der Mann zieht die rechte Hand aus der Tasche und zeigt auf die verharschte Platzwunde am Kinn. „Er soll zur Hölle fahren, der Hundesohn! Er springt mit jedem so um, der überhaupt nichts oder weniger als fünf Dollar hat. Mich hat er gestern erwischt. Meine zwei letzten Dollar sind bald aufgebraucht, und dann muss ich verschwinden.“

Mit dem Kopf macht Chance eine Bewegung zur Treppe hin, wo der Steinbrocken auf der Fahrbahn liegt. „Er hätte es dir sehr übel genommen.“

„Auf die Zuneigung dieses Stinktieres pfeife ich. Wenn du ihn nicht geschafft hättest, wäre ihm mein Stein an den Kopf geflogen. Jetzt muss ich eben warten, bis ich ihn in einer stille Gasse erwische. Er hat bei mir noch etwas im Salz liegen für die freundliche Behandlung gestern.“ Er betastet sein Gesicht. „Verdammt, ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich den Kerl schätze.“

„Lass es bleiben, er schießt dich tot“, warnt Chance. „Er ist mit Gift geladen bis unter die Haare.“

„Ich müsste nur einen Revolver haben“, sagt der Mann. „Der würde seinen Schatten nicht mehr auf diese Stadt werfen.“

„Die Leute haben ihn gewählt. Sie würden dich hängen, wenn du ihm etwas zustoßen lässt.“

Jetzt reißt der Mann die Augen auf. „He, hättest du etwa nicht auf ihn geschossen, wenn er etwas probiert hätte?“

„Doch. Der Unterschied zwischen dir und mir ist der, dass ich einen Revolver habe und mir die Leute vom Hals gehalten hätte. Mit deinem Stein könntest du sie nicht sehr beeindrucken.“

Chance geht an dem Mann vorbei und betritt den Store.

Hinter sich hört er Schritte. Der abgerissene Bursche folgt ihm, bleibt aber bei der Tür stehen.

Chance gibt bei dem Storegehilfen seine Bestellung mit halblauter Stimme auf und legt seine zwei Goldstücke auf die Theke, als der Kerl ihn wie einen steckbrieflich gesuchten Straßenräuber betrachtet.

Widerwillig macht sich der Gehilfe an die Arbeit und holt die Dinge zusammen, die Chance aufzählte.

Bald ist ein ansehnlicher Packen zusammengekommen. Der Gehilfe bringt drei Hüte zur Auswahl. Chance probiert sie auf und nimmt den schwarzen. Er ist teuer, aber der beste.

Er behält den Hut gleich an, reißt ein Tabakpäckchen auf und dreht sich eine Zigarette. Als er ein Streichholz anreibt, fällt sein Blick auf den Burschen an der Tür.

Der Mann dort schluckt und starrt gebannt auf die Zigarette. Chance erkennt in den Augen des Mannes ein heißes, fast wildes Verlangen.

Chance wirft dem Mann das Päckchen zu.

Gierig fängt der Bursche es auf und dreht sich mit unglaublicher Geschwindigkeit eine Zigarette. Noch schneller steckt er sie an und saugt den Rauch tief in die Lungen.

Nach dem zweiten Zug muss er sich gegen die Tür lehnen.

Chance schätzt, dass der Bursche tagelang schon keinen Tabak mehr besitzt und sich auch keine Mahlzeit leisten kann. Mit Arbeit ist es in dieser Stadt schlecht bestellt.

Hier geht ein Mann ohne Geld entweder vor die Hunde, landet im Jail von Marshal Enfield, oder gesellt sich zu dem Gelichter, das Tag und Nacht in den Ecken und Winkeln der Stadt herumlungert und auf eine Chance wartet, jemanden niederzuschlagen und auszurauben.

„Behalt’s“, sagt Chance, als der Bursche ihm den Tabak zurückgeben will. Er hat ihn scharf beobachtet. Obgleich der Mann in einer schlimmen Notlage steckt, hat er nicht versucht, mit einem Trick etwas zusätzlich Tabak beiseite zu bringen.

Eine ehrliche Haut, denkt Chance. Er hat nur Pech. So wie ich, bis ich auf John Bentley Carradine stieß.

„Ich – ich lass mir nichts schenken, Mister“, sagt der Mann.

„Ich schenk’ dir nichts. Der Tabak ist geliehen. Gib ihn mir wieder, wenn du Arbeit gefunden hast.“

„Kann lange dauern“, sagt der Mann, wiegt das Tabaksäckchen in der Hand und schiebt es mit einem Schulterzucken in die Tasche. „Besten Dank, Mister. Du bist nicht aus Texas. Das hörte ich vorhin.“

„Wichita, Kansas“, antwortet Chance.

Der Mann greift sich in komischem Entsetzen an die Stirn. „Mann, und da steckst du in diesem elenden Nest hier, wo die Flöhe an den Hunden verhungern? Bei euch da oben rollt der Dollar. Da liegt das Geld nur so auf der Straße. Man braucht sich nur zu bücken und es aufzuheben.“

„Vielleicht erzählt man es sich so. Stimmen tut’s nicht“, gibt Chance zurück. „Ich spendier’ einen Drink!“

Der Mann leckt sich über die Lippen und betastet dann seinen eingefallenen Bauch. „Ein Mittagessen wär’ mir lieber“, räumt er ein. „Ein Drink kostet fünfzig, ein Essen sechzig Cents. Wenn du die zehn noch anlegen möchtest ...“ Er blickt sehr verhungert und halb hoffnungsvoll.

Chance Adams grinst verhalten. Der Bursche ist etwas älter als er und hat das richtige Mundwerk für einen eingeschworenen Mann der Weide. Ein Strolch hätte den Drink angenommen.

Mit einem Ruck dreht sich Chance um. „Zähl’s zusammen, mein Freund“, sagt er zu dem Gehilfen und schaut zu, wie der mit dem Stift hantiert.

Als die Summe feststeht, weiß Chance, dass ihm noch zwölf Dollar bleiben. Nicht gerade üppig. Aber er hat schlimmere Zeiten erlebt.

Er packt seine Einkäufe zu einem Bündel zusammen, bezahlt und geht zur Tür.

Der verhungerte Bursche blickt ihm erwartungsvoll entgegen.

„Ich hoffe, dass es hier ein anständiges Speisehaus gibt“, sagt Chance und stößt die Tür mit dem Fuß auf.

2

Auf der Schwelle bleibt er so hart stehen, dass der Bursche hinter ihm gegen ihn prallt.

„He, was ...?“, macht der Mann und schiebt sich neben Chance. Dann verstummt er.

Unter dem Vorbau halten zwei Reiter. Der eine ist breit wie ein Schrank und hat ein grobes Gesicht. Alles an ihm wirkt überdimensioniert. Die Nase, die Augen, das Kinn, das an einen Felsbrocken erinnert. Hände, groß wie Holzkloben, halten die Zügel eines Gauls, der extra für diesen Mann angefertigt scheint.