Der Mann, der den Teufel zweimal traf - Herman Old - E-Book

Der Mann, der den Teufel zweimal traf E-Book

Herman Old

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Beschreibung

Eine junge Sportlerin erleidet einen schlimmen Unfall. Sie bleibt Querschnittsgelähmt. Ihr Opa kann es nicht fassen und will das nicht hinnehmen. Er wendet sich an Gott, erfährt dort aber keine Hilfe. Dann geht er andere, dunkle, mysteriöse Wege. Er will die Gesundheit seiner Enkelin zurück, mit allen Mitteln. Dafür ist er bereit alles zu geben, auch Leib und Seele. Ein phantastisches, Fantasiereiches und vor allem packendes Abenteuer um Liebe, Freundschaft und Macht. Basierend auf einer wahren Begebenheit, die dem Autor keine Ruhe ließ. Was würdest du alles tun wenn dein Kind plötzlich....? Auszug: Er drehte sich auf dem Absatz um und ging schnurstracks auf die Tür zu, ohne Anstalten zu machen, sie öffnen zu wollen. Werner sah, wie der Mann durch die geschlossene Tür aus dem Raum verschwand. Er krächzte tonlos: "Halt, halt, nein, geh nicht, nein, nein. Bitte, bitte komm zurück, bitte, bitte, bitte bleib, bitte." Er murmelte tonlos noch ein paar Sekunden fassungslos seine Bitte, als der Mann tatsächlich wieder im Raum erschien. "Weißt du nun wer ich bin?" Fragte der Mann erneut.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mutter und Tochter

Das junge Mädchen saß entspannt auf dem Sofa in einer Ecke, locker in eine flauschige Decke gekuschelt, und hörte ihrer Mutter gebannt zu. So saßen sie fast zwei Stunden beisammen. Jasmin hieß das Mädchen und sie sprach in dieser Zeit kaum ein Wort, so fasziniert war es von der haarsträubenden Geschichte, die ihre Mutter erzählte. Stattdessen sagte sie im Anschluss, nach einer kleinen Weile der Stille: „Es ist nicht zu fassen, Mama, wie gut du Geschichten erzählen kannst. Das war mit Abstand das tollste was du mir bisher geboten hast, echt. Nicht mal Papa, der selber ein Super Geschichtenerzähler ist, kommt auf solche Sachen wie du.“ „Voll krass man, echt voll krass. Als wärst du richtig dabei gewesen und hättest das alles selbst erlebt, so lebendig kam es mir vor. Das war ja noch viel besser als ein Speed Action Film mit Paul Walker, nur halt ohne Autorennen, schon klar. Haben die Russen damals echt wirklich so gewütet? Brrrr, das möchte man sich besser gar nicht vorstellen, furchtbar. Wie kommst du denn auf solche Ideen für Geschichten, die fliegen einem doch nicht einfach so zu, oder? Du hast eine Wahnsinns Fantasie, das muss man dir schon lassen. Vielleicht solltest du lieber Bücher schreiben statt Marathon zu laufen. Denkst du dir so was beim Laufen aus? Das wäre noch was, Mama als Schreiberin von Romanen, Schnulzen vielleicht sogar. Da könnte ich mich von meinen Freundinnen gleich erschlagen lassen.“ Ihr I-Phone hupte wie eine Schiffssirene, gerade als sie es in die Hand nehmen wollte. „Timing nenn ich das, Goofy, timing“. Goofy war ihre beste Freundin und hieß eigentlich Katharina. Aber für alle war sie nur Goofy, weil sie immer ein wenig hinterher hinkte, etwas linkisch war und eben ein geborener Pechvogel war. Aber sie war das liebste was Jassi mit ihren dreizehn Jahren hatte. Ein echter Kumpel, egal um was es ging, einfach die allerbeste Freundin auf dieser Welt. Ihre Mutter saß ihr in der anderen Sofaecke gegenüber, lächelte heute allerdings nicht ganz so strahlend wie sonst, aber sie lächelte. Sie liebte ihre Tochter über alles, so, wie es nur Eltern können und tun. Dass das Leben ihr einmal solch einen Schatz wie Jassi schenken würde, hätte sie nie gedacht. Es gab eine dunkle Zeit in ihrem Leben, da hatte sie mit nichts anderem gerechnet, als mit dem schlimmsten. Und das schlimmste besuchte sie. Dankbarkeit, das war es, was sie außerdem noch fühlte. Dankbarkeit für dieses Leben und seine Geschenke. Sie wusste nicht genau, wem sie diese Dankbarkeit wirklich schulden würde. Vielleicht niemandem, vielleicht Gott, wer wusste das schon? Deswegen sagte sie manchmal einfach in sich hinein: Danke für alles, danke, dass ich so wie ich bin, da sein darf, danke. Sie war für ihre Tochter mehr als nur eine Mutter. Jassi nahm ihre Mutter ähnlich an wie Goofy, irgendwie als beste Freundin. Mütter waren ja eigentlich immer alt und langweilig, und vor allem nervig. Ständig hatten sie etwas an einem auszusetzen, dies passte ihnen nicht, das hier ging gar nicht und sowieso. Kinder in ihrem Alter mussten ja etwas schreckliches sein, aber dann fragte man sich, wozu einen die Eltern, die jetzt auf einem herumhackten, sie eigentlich in die Welt gesetzt hatten. Schließlich hatte man ja nicht darum gebeten, oder? Ihre Mutter war anders. Sie nahm ihre Tochter oft, sehr oft in den Arm und streichelte sie, und sagte ihr, wie viel ihr an ihr liegen würde. Und Jassi genoss es. Sie fühlte sich bei ihrer Mutter wohl und gut aufgehoben. Ihre Mutter half ihr, einen eigenen Geschmack, und überhaupt sich selbst zu entwickeln. Wenn Jassi Fragen hatte, war sie immer für sie da. Egal was das Kind wissen wollte. Es gab keine Fragen, die sie offen ließ. Sie fand immer, wie Jassi empfand, die richtigen Worte für sie. Oft hatte das Mädchen ziemlich heikle Fragen, nun ja, dann bekam sie auch heikle Antworten. Einmal fragte sie tatsächlich, ob alte Menschen auch noch Sex hätten. Ihre Mutter lachte und beantwortete ihr auch diese Frage. Jasmin war froh solch eine Mutter zu haben, und ihre Mutter war genauso glücklich, eben solch eine Tochter zu haben. Es sind nun mal die natürlichen, eigentlich kleinen Geschenke des Lebens, die es erst lebenswert machen. Aber das weiß man eben nicht immer. Manch einer übersieht dieses Glück, auch wenn es direkt vor seinen Augen ist.

Ostpreußen Januar 1936

Es war ein typischer, eiskalter Morgen, am 4. Januar 1936, wenige Jahre nach Adolf Hitlers Machtergreifung. Elisabeth Stephan lag in ihrem Bett und es zerriss sie fast vor Schmerzen. Um kurz vor sechs Uhr hatten die Wehen bei ihr eingesetzt. Ihr Mann Andreas war zu dieser Zeit schon lange zu Fuß auf dem Weg zur Seilerei nach Neukuhren. Er hätte auch den Pferdewagen nehmen können, aber er bewegte sich ganz gern. Die Ortschaft lag immerhin fast fünf Kilometer entfernt, da musste er sich schon früh auf den Weg machen, um nicht zu spät zu erscheinen. Der alte Seilermeister Pahlke nahm es schon ziemlich genau mit den Arbeitszeiten. Dafür stimmten aber das Klima in der Firma und vor allem die Bezahlung. Er war als Chef ungemein beliebt, und wer hier seiner Arbeit nachkam, der fand stets ein offenes Ohr bei ihm. Wenn die Qualität seiner Waren stimmte, dann ließ er alle seine Mitarbeiter durch gelegentliche Belohnungen daran teilhaben. Den ausscheidenden Alten, zahlte er sogar freiwillig eine kleine Rente bis an ihr Lebensende. Er wollte nur nicht, dass darüber geredet wurde. Der alte Pahlke war kein Unbekannter. Die Seilerei belieferte die gesamte Küste Ostpreußens mit ihren Seilen, Tauen, Strickleitern, Hängematten, Schnüren und Netzen jeder Art, und Andreas war der Vorarbeiter unter den Seilmachern. Deswegen wollte er stets vor allen anderen in der Seilerei sein. Der Arzt in Cranz hatte die Geburt Andreas dritten Kindes für diese Tage angekündigt, und deshalb war er in Sorge, ob zuhause alles ruhig ablief, ohne ihn. Seine Schwägerin war aber immer in der Nähe seiner Frau, also sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht alles wie immer vor sich ging. Trotzdem, ein Vater, auch ein zweifacher wie er schon war, machte sich eben seine Gedanken zum ankommenden Kind. Elisabeths Schwester Lene war bereits seit einer halben Stunde unterwegs ans andere Ende vom Ostseebad Cranz, um die alte Hebamme Ilse Streiter zu holen. Frau Streiter hatte schon den beiden Stephans und später den anderen Kindern der Stephans auf die Welt geholfen. Erich und Lieselotte waren jetzt mit ihren fünf und drei Jahren immer noch klein, und jetzt kam das dritte Kind in den Schoss der Familie. Zum Glück waren die beiden anderen bei den Großeltern in Palmnicken. Kurz vor Weihnachten 35, also vor etwas mehr als einer Woche war Elisabeth noch mit den beiden kleinen allein am kalten Strand der kurischen Nehrung auf der Ostseeseite um spazieren zu gehen und ein paar kleine Bernsteine zum Basteln zu sammeln. Die Kinder hatten den höchsten Spaß beim Suchen zwischen Tang, Steinen und Muscheln. Auf einmal kam Liesel mit einem kopfgroßen Bernstein daher, den sie kaum schleppen konnte. Ihr großer Bruder half ihr schließlich dabei, und zu zweit gelang es ihnen, den Brocken zur Mutter zu tragen. Stolz wie die Schneekönige, standen sie vor diesem gewaltigen Stein, der eigentlich gar keiner war, und strahlten um die Wette. Die Mutter wusste, dass sie diesen großen Bernstein bei der Ortskommandantur abliefern müsste, aber das war ihr in ihrem Zustand jetzt absolut zu viel. Alles was größer war als eine normale Faust, wollte der Polizei Kommandant angezeigt und abgegeben wissen, es galt als Reichseigentum. Empfindliche Strafen zog es nach sich, wenn man mit einem großen Bernstein erwischt wurde, die bis zum Gefängnisaufenthalt gingen. Deswegen hob sie ihn ächzend auf und ließ ihn zwischen einige Felsen gleiten, an denen sie lehnte. Mit einem „Klong“ landete der Bernstein auf seinem neuen Platz. Sie sagte den Kleinen, dass sie ihn später abholen würden. Sollte doch bitte schön, jemand anderes diesen Klumpen finden und sich damit auf den Weg zurück nach Cranz machen. Sie hatte weder etwas gesehen noch gefunden. Doch heute war der Geburtstag ihres dritten Kindes, und um kurz vor sieben Uhr war es soweit. Die Hebamme war vor Ort, alle Anwesenden halfen mit, und der kleine Werner Stephan tat seinen ersten Atemzug in diesem Leben und verkündete der Welt mit kräftigem Geschrei, dass er jetzt gerade geboren sei. Die Hebamme sagte. „Dat is a Kerlche, ein Frühaufsteher, aus dem wird mal was besonderes.“ Am späten Nachmittag kam der Vater eiligst und neugierig nach Hause, sah die grinsenden Gesichter seiner Kleinen, eilte zu seiner Frau Elisabeth, küsste sie dankbar und schloss seinen Werner glücklich strahlend, liebevoll in die Arme. Der kleine Werner wuchs heran in einer Zeit, in der die Welt den Atem anhielt. Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange genug vorbei, als das die Menschen ihn schon vergessen hätten. Das Damoklesschwert eines weiteren großen Krieges, der vielleicht sogar ausufern und zu einem Weltbrand gedeihen konnte, lag in der Luft. Seit 1920 war von Frieden in Europa nicht viel zu sehen. Ständige Grenzverletzungen, kleinere Angriffskriege geschahen am laufenden Band. Bis Hitler dann den für die Welt verhängnisvollen Satz sprach. „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen.“ Das war das Ende aller Träume von Frieden in Europa, und in vielen anderen Teilen der Welt. Bis zu seinem fünften Lebensjahr konnte Werner eine unbeschwerte Kindheit genießen, wie viele Kinder überall auf der Welt auch. Er ging mit seinen Eltern am Wochenende an das kurische Haff zum Baden, manchmal fuhren sie auch mit einem kleinen Ruderboot zum Zander Angeln raus, suchten Bernstein mit der ganzen Familie an der Ostseeseite, und oft waren sie in Palmnicken bei den Großeltern, wo der Opa früher im Beinsternbergwerk gearbeitet hatte, über das ganze Wochenende. Sein Bruder Erich und Klein Werner schlichen manches Mal mit Pfeil und Bogen bewaffnet, wie die Indianer durch den Wald, auf der Jagd nach Kaninchen und Fasanen. Dem Kleinwild fiel natürlich Besseres ein, als sich von den beiden Kindern erwischen zu lassen. Einmal trafen sie dabei allerdings wahrhaftig auf ein Kaninchen. Es hing gefangen in einer Schlinge, die jemand ausgelegt hatte, der vom Wildern etwas verstand. Das arme Tier zappelte so heftig, als es die beiden sah, das sich beide erschrocken umdrehten und wegliefen so schnell sie konnten. Diese Stelle mieden sie in Zukunft wie die Pest. Am Abend erzählte Erich dann seiner Mutter, dass er heute tatsächlich beinahe ein Kaninchen geschossen hätte. Das waren die schönsten Jahre seiner Kindheit. Unbeschwert und leicht, wie eine Kindheit sein sollte. Dann begann der Krieg. In den kommenden sechs Jahren sollten sechzig Millionen Menschen ihr Leben verlieren. Weitere Millionen verloren ihre Familien, ihre Heimat oder wurden deportiert. Die Schlange des Krieges langte ordentlich zu, und verschlang jeden und alles, dessen sie habhaft werden konnte. Der Krieg tobte die ersten Jahre an Fronten, die weit, weit weg von Ostpreußen lagen, und die teilweise niemand in Cranz kannte. Ungarn, Rumänien, Griechenland, Belgien, Schweiz, Luxemburg, Teile Afrikas, Frankreich, Norwegen. Überall schien der deutsche Soldat ohne großen Widerstand Siege zu erringen. Das klang natürlich in den Ohren der deutschen Bevölkerung verlockend. Solange sich der Krieg nicht vor der eigenen Tür abspielte, war er vertretbar. Außerdem war immer die Rede vom Endsieg, also musste der Krieg ja auch bald mal zu Ende sein. Man wollte ja nicht auf ewig im Kriegszustand sein. Aber die Alten, die hatten kein gutes Gefühl dabei. Der alte Seilermeister Pahlke sagte manches Mal mit Sorgenfalten auf der Stirn. „Nee, nee, Kinners,wenn das mal jut geht. Nich das wir eines Tages mal den Iwan vor der Tür haben. Ihr kennt den Iwan nich. Nee, das wünschen wir uns mal besser nich, Kinners.“ Werners Vater war von Kriegsbeginn an irgendwo als Soldat eingesetzt. Keiner wusste genau, wo er für Führer, Volk und Vaterland diente. Er war mit tausenden anderen, schon älteren, nach Russland marschiert. Von irgendwo dort kam im Winter 43/44 noch ein einziges Mal eine Feldpostkarte von ihm. Dann blieb es stumm um ihn. Das war die letzte bekannte Tatsache von Andreas. Und die Kriegsjahre dauerten an, bis es im Sommer 44 geschah. Der Krieg hatte sich nach der Invasion in der Normandie schon eine Weile gegen Deutschland gewandt, und jetzt kam der russische Alptraum nach Ostpreußen. Unaufhaltsam rückte er näher. Frontverschiebung nach hinten, hieß es bei der Wehrmacht. Keine Front hielt ihm und den alliierten Waffen auf Dauer Stand. Der Krieg war verloren. Ostpreußen war verloren. Endgültig. Der Exodus begann. Tausende Menschen quälten sich Richtung Westen. Als Volksschädlinge, Feiglinge, ja sogar als Vaterlandsverräter titulierte man Frauen, Kinder und alte Leute, die nichts weiter als ihre Haut retten wollten. Im Winter, der mit bitteren Temperaturen aufwarten sollte, gingen planlos Zehntausende Menschen zur Massenflucht über. Ganze Familien, meist ohne die Männer, flohen zu Fuß bei einer Schneedecke von bis zu 20 Zentimeter und Temperaturen von unter 20 Grad Minus. Weg hier, nichts wie weg, war das Motto. Der Russe sitzt uns im Nacken. Und was der Russe mit ihnen anstellen würde, sollte er sie packen, daran gab es keinen Zweifel. Die Flugblätter, die deutschsprachige Juden verfasst hatten, sprachen eine deutliche, grausame Sprache. Kein Deutscher aus Ostpreußen sollte entkommen. Die Straßen und Feldwege waren von kaputten Fahrzeugen, Leichen und toten Pferden verstopft. Oft mussten große Umwege über Felder und Gräben in Kauf genommen werden. Dabei stürzten nicht selten Wagen um und alles flog durcheinander. Mensch und Tier schrien vor Schmerz, Hunger und in höchster Not. Geflucht, gejammert und gebetet wurde ohne Unterlass. Und viele Trecks wurden vom einbrechenden, nachsetzenden Russen zersprengt. In den Wäldern lauerten teils einzelne Trupps Soldaten, um vom Wege abgekommene Wagen oder Nachzügler abzupassen. Auch die ehemals der Heimat beraubten Polen, die sich bis dahin noch still verhielten, veranstalteten nun furchtbare Rachefeldzüge und Gemetzel an den Deutschen. Vielen Menschen gelang es nicht mehr, die relative Sicherheit im Westen zu erreichen. Die rettende alte Heimat war weit weg, und der Russe war da. Das Drama um Ostpreußen ging seinem Ende zu.

Das Ende von Werners Kinheit

Januar 1945. Sie waren den dritten Tag unterwegs. Zum Glück hatten sie nicht nur einen großen Wagen mit zwei Pferden, sondern die Großeltern aus Palmnicken hatte auch noch viel Futter für die beiden Tiere gepackt. Werner, seine große Schwester Liesel und Erich waren gut eingepackt im Wagen verstaut. Unter die Kinder hatte der Opa zwei dicke Strohballen und darauf zwei Matratzen gelegt, damit die Kälte draußen blieb. Viele andere hatten das nicht. Die Großeltern wollten ihre Heimat nicht mehr verlassen. Durch nichts waren sie zu überreden, mitzukommen. Sie vertrauten darauf, dass der Russe auch Eltern hatte, und alten Leuten wohl nicht mehr viel passieren konnte. Elisabeth musste letztendlich ihre Schwiegereltern allein lassen. Sie kam sich vor als, würde sie sie im Stich lassen. Nachdem sie sich alle weinend voneinander verabschiedet hatten, ging es los. Das Grauen und Elend, welches ihnen bereits an diesem ersten Tage ihrer Flucht aus der Heimat begegnete, war unbeschreiblich. Bereits wenige Kilometer hinter Cranz sahen sie die ersten Leichen. Nachbarn, Fremde, Soldaten. Teilweise lagen sie einfach so da. Ohne Gepäck, ohne Mantel. Einfach tot im Schnee, als wäre es das normalste auf der Welt, tot im Schnee zu liegen. Der Treck kam, da sie sehr früh losgefahren waren, noch am hellen Nachmittag vor Frauenberg am frischen Haff, in einem Waldstück an. Da es unsagbar kalt war, wollte man trotz aller Eile anhalten, Feuer machen und für die Alten und Kinder, schnell etwas zu Essen richten. Nicht lange, aber gerade genug für eine kleine Erholung für Mensch und Tier. Die Pferde hatten es ebenso bitter nötig, wie die Menschen. Dort wo sie lagerten, fanden sie eine ehemalige Stellung des deutschen Heeres und einige tote Soldaten, sie lagen kreuz und quer durcheinander. Hier ein Hauptmann mit dem Gesicht nach unten, der an seinen Zeichen auf der Schulter zu erkennen war, da zwei Unteroffiziere, überall Soldaten, einfache Männer, die beim Versuch, Ostpreußen vor dem Feind zu schützen, ums Leben gekommen waren. Väter und Söhne, Brüder, Onkel, die jetzt in irgendeiner Familie für immer fehlen würden. Alle vor wenigen Stunden gestorben. Kaputte, zerschossene Fahrzeuge, Waffen, Landkarten, Essgeschirre und viele andere, teils persönliche Dinge der Soldaten, lagen herum, und schauten aus der dünnen Schneedecke heraus. Der kleine Treck aus Cranz konnte diesen Ort nicht so ohne weiteres hinter sich lassen. Der nächste Wald war ein gutes Stück entfernt und sie alle brauchten eine kurze Rast. Wahrscheinlich sah es im nächsten Waldstück ähnlich aus. Deswegen blieben sie jetzt hier, und versuchten, so gut es ging, die Toten nicht zu sehen. Zum Glück waren die Leichen schon mit einer leichten Schneeschicht bedeckt, so dass der Anblick eher zu ertragen war, da man keine Gesichter sondern nur Umrisse sah. Gerade als die ersten Menschen des Trecks die vorderen vier Wagen verlassen hatten, um sich endlich die Beine zu vertreten, kamen drei Männer mit Karabinern in den Händen, aus dem Wald auf den Treck zu gelaufen. Es gab keine Chance ihnen auszuweichen. Sie hielten die Karabiner auf die abgestiegenen Menschen gerichtet, und schrien teils auf Polnisch und deutsch. Es war zu verstehen, dass die drei eben abgestiegenen Mädchen von den Wagen zu ihnen rüber kommen sollten, und dass die Frauen ihre Wertsachen den Mädchen mitgeben sollten. Es fiel immer wieder das Wort: Gold. Die Frauen schauten sich hilflos an, die Alten begannen zu jammern und bekreuzigten sich. Die Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren wussten gar nicht was los ist. Da standen drei Männer und schrien, es war eisig kalt und ihre Mütter fingen nun ebenfalls zu jammern und schluchzen an. Ein paar Jungs von zehn, zwölf Jahren kamen ebenfalls aus den Wagen, sie hatten noch gar nichts mitbekommen. Einer der Männer kam bis auf ein paar Meter heran und herrschte die Jungs an, sie sollen verschwinden und die Frauen, sie sollen sich gefälligst beeilen. Die Frauen sprangen auf die Wagen, kramten darin herum, und jede kam mit irgendeiner Tasche oder Schachtel wieder hervor. In der Zwischenzeit waren die Mädchen, durch das ständige Winken mit den Gewehrläufen und dem Gebrüll, gezwungen, auf die Männer zögernd zugegangen. Einer der Kerle griff sich die zwölfjährige Erna Krüger und fing an, ihr die Sachen an Ort und Stelle herunterzureißen. Allen Erwachsenen war klar, was hier gleich passieren sollte. Der Mann, der bis zu den Wagen gekommen war, nahm die Taschen und Schachteln der Frauen entgegen. Da es ihm nicht schnell genug ging, trat er Elisabeth Stephan fluchend in den Bauch, drehte sich anschließend zu seinen Kumpanen und stapfte davon. Elisabeth fiel um, und blieb gekrümmt stöhnend im Schnee liegen. Ihre Tochter Liesel rannte schreiend hinter dem Wagen hervor zu ihrer Mutter, ohne auf die Gefahr zu achten. Werner und sein Bruder Erich sprangen vom fünften Wagen nach hinten runter in den Schnee. Werner sprang dabei fast einem ungefähr gleichaltrigen, bildhübschen und unbekanntem Jungen auf die Füße. Dann sahen sie, genau zwischen ihren Hinterrädern, den alten Seilermeister aus Neukuhren hocken, er versuchte zu sehen, was dort wenige Meter vor ihnen ablief. Unmittelbar hinter dem Alten lagen die Leichen von mehreren Soldaten wild durcheinander unter der Schneedecke. Der Treck war gerade mit seinen schweren Wagen um ein paar Zentimeter an ihnen vorbeigerollt bevor sie anhielten. Als der Mann mit den Wertgegenständen sah, dass da noch ein Mädchen war, drehte er sich wieder zu ihnen um und schrie Liesel an, zu ihm zu kommen. Liesel kniete dort, wo ihre Mutter zusammengebrochen war, und hörte den Mann schreien. Sie war wie betäubt und noch bevor sie aufstehen und sich auf den Weg machen konnte, krachte ein Schuss. Der Mann, der dabei war Erna auszuziehen, fiel auf die Seite und schrie wie am Spieß. Erna stürzte durch den plötzlich befreiten Ruck nach hinten, und rollte sich durch den Schnee weg von dem Mann. Die anderen beiden Fremden richteten ihre Karabiner verwirrt auf die wehrlosen Frauen, als ein zweiter Schuss fiel. Dieser traf den Mann, der bisher nur dabei gestanden hatte, in den Bauch, er fiel mitsamt seinem Gewehr nach hinten und krümmte sich zusammen. Der Mann mit den Taschen schoss mit seinem Karabiner in der rechten Hand auf die Frauen und rannte Richtung Wald davon. Da er aber die linke Hand, und den ganzen Arm voller Taschen und Schachteln hielt, konnte er nur mit der einen freien Hand schießen. Er bekam den schweren Karabiner aber gar nicht hoch genug, um ihn in die richtige Position für einen gezielten Schuss zu bringen. Der Schuss ging zum Glück deswegen nur unweit vor ihm in den Boden. Der Mann rannte anschließend mit Taschen und Schachteln und seinem Karabiner in der Hand, durch den Schnee in die Richtung, von wo sie vorhin hergekommen waren, und kam vielleicht zehn Meter weit in seinen dicken Wintersachen, als nochmals zwei Schüsse krachten. Beide Male wurde der Mann getroffen und fiel in den Schnee. Eine der Schachteln öffnete sich dabei und ein Schwall Schmuck und Gold verteilte sich im Schnee. Der schreiende Mann, der Erna angefasst hatte, stöhnte nun leise im Schnee und wälzte sich hin und her. Das Blut kroch unter seinem dicken Mantel hervor, und färbte den Schnee in einem hässlichen Rot. Durch das Wälzen im Schnee verbreiterte der sterbende Mann die Blutspur wie ein skurriles Gemälde. Hinter dem dritten Wagen kamen ein alter Mann und ein Junge hervor. Beide hielten Gewehre in den Händen. Der Seilermeister und Werner sahen, was ihre Kugeln angerichtet hatten. Der Alte sagte zitternd. „Das hat gesessen, Jungchen“, und dann schluchzte er hemmungslos. Sein alter Körper bebte. Werner zitterte auch am ganzen Körper wie Espenlaub, war kreidebleich und fing an zu würgen. Er war gerade mal neun Jahre alt und hatte soeben mitgeholfen, drei Männer zu töten. Die Tränen schossen ihm nur so aus den Augen. Dann ließ er den schweren Karabiner in den Schnee fallen und sackte zusammen. Die Gewehre, mit denen sie geschossen hatten, gehörten den toten deutschen Soldaten, bei denen der Treck stehen geblieben war. Ohne darüber nachzudenken hatte der alte Mann den toten, schlaffen Händen zwei Gewehre entwunden, eines Werner in die Hand gedrückt und damit unter dem Wagen hindurch auf die Angreifer geschossen. Der alte Pahlke hatte noch kurz gesagt. „Du nimmst den Wachhund, ziel genau in die Mitte, dann hast du ihn. Ich nehme den Lorbas bei dem Mädchen aufs Korn. Ich schieße zuerst. Komm Junge, jetzt gilt es.“ Nach den ersten Schüssen, sahen sie den bepackten mühsam davonrennen. Sie luden beide gemeinsam die Karabiner durch und schossen fast gleichzeitig im nächsten Moment hinterher. Dass er selbst in dieser Situation, wo das Blatt sich gegen ihn gewendet hatte, nicht mal seine Beute fallen lassen wollte, sollte dem Mann wohl jetzt das Leben kosten. So endete Werners Kindheit.

Opa ist der Beste

Ina war vier Jahre alt, als Opa Werner ihr das Fahrradfahren beibrachte. Er hatte in seinem Schuppen unter der Decke ein uraltes, rotes Rad mit schönen breiten Reifen hängen. Ina hatte schon öfters die silberne Klingel daran blitzen gesehen. Aber bisher hatte Opa das Rad noch nie von der Decke abgemacht. Heute sollte der große Tag sein. Opa hatte das Rad schon früh morgens von der Decke gelöst und es auf seiner großen, schweren Werkbank abgestellt. Ina konnte nur richtig auf die Bank drauf schauen, wenn sie sich den kleinen Holztritt, der unter der Werkbank stand, dahin schob und die zwei Stufen hoch kletterte. In der Zeit, wo Opa das Rad herrichtete, bereitete Oma ein Frühstück für alle vor. Opa prüfte die Luft in den Reifen, holte sich die alte Pumpe und pumpte die Reifen auf, bis der Luftdruck genug war. Dann putzte er das Rad noch mit einem alten Lappen, da es unter der Decke ziemlich staubig geworden war. Als er mit seinem Werk zufrieden war, ging er ins Haus zurück um zu schauen wie weit das Frühstück und Ina waren. Das Mädchen wusste noch nichts von seinem Glück. Nach dem Frühstück ging sie mit Opa zum Schuppen und sah ganz erstaunt das Fahrrad an der Tür lehnen. Sofort fiel ihr die glänzende Klingel auf, die sie bisher nur aus der Ferne von unten gesehen hatte. Opa beobachtete ihr Gesicht. Es drückte äußerstes Entzücken aus. Er lächelte, als sie sofort nach dem Lenker griff und sich wie selbst-verständig auf den Sitz drauf setzte. Die Pedale standen ihr natürlich im Wege, sie wusste ja nicht, wofür die zu gebrauchen waren. Opa sagte: „So, Madame, heute lernst du mal Fahrradfahren.“ Schon griff Ina nach der Klingel, aber die gab keinen Ton von sich. Opa zeigte ihr, wo sie drücken musste, damit das glockenhelle Gebimmel erklang. Sie stieß vor Erstaunen einen kleinen, erfreuten Schrei aus. Dann fing sie an zu bimmeln, und hörte ein paar Minuten lang nicht mehr auf damit. Als es selbst Opa zu viel wurde, stoppte er sie kurzerhand, in dem er eine Hand auf die Klingel legte. Schon war wieder alles ruhig. Die Klingel gab nur noch ein leises beleidigtes Knurren von sich. „Komm, sagte Opa.“ Jetzt geht’s los.“ Werner ließ Ina die Füße auf die Pedale stellen und schob sie leicht an. Die Pedale drehten sich, als das Rad losfuhr und Ina krähte vor Freude. Sie fing an, ein paarmal zu treten und merkte, dass sie so vorankam. Opa Werner sagte zu ihr. „Immer langsam, Madame, immer nur langsam. Und wenn du zu schnell wirst, dann hör auf zu treten.“ Aber Ina hörte natürlich nicht auf ihn. Sie fuhr im Kreis, und zog ihn immer größer. Allerdings wurde sie dabei auch schneller. Werner wollte sie schon anhalten, als sie es plötzlich schaffte, nach rechts weg zu kippen. Sie landete genau hinter einem Busch auf der weichen Erde und schrie wie am Spieß. „Opa, hilf mir, Opa, Ina ist gestürzt.“ Und Opa half ihr auf. Er half ihr immer auf. Und er würde ihr solange er lebte, immer wieder aufhelfen.

Der Unfall

Immer wieder kam Werner der Moment in den Sinn, in dem ihn der Trainer anrief, und abgehackt sagte: „Kommen Sie schnell, ein Unfall, schnell.“ Diese sechs Worte hatten sich bereits in sein Gehirn gebrannt. Er wusste nicht wer da einen Unfall erlitten hatte, ob vielleicht das Hallendach eingestürzt, oder ein Feuer ausgebrochen sei. Er wusste nur, dass Ina heute dort wie immer beim Training war. Kommen Sie schnell, schnell, schnell. Egal wie schnell Werner im Vereinsheim ankam, er wusste instinktiv, das es nicht schnell genug sein würde. Wie in Trance fuhr er die paar Kilometer durch die Ortschaft zum Vereinsheim mit den Sportplätzen. Seine Gedanken rasten durcheinander. Er sprang aus dem Wagen, kaum dass die Reifen stillstanden, und zog noch im Türöffnen die Handbremse. Er rannte, so schnell er auf seine alten Tage konnte, an mehreren Rettungsfahrzeugen mit zuckendem Blaulicht vorbei zum Trainingsgelände hinter den Sporthallen. Als er ankam und dort um die Ecke bog, sah er einen unglaublich bunten Haufen von Menschen die sich alle um die Stabhochsprung matte scharrten. Auf dem Rest des Platzes, der sonst um diese Zeit immer voll war, bewegte sich im Moment nichts. In der Mitte des Auflaufs sah er die leuchtenden Jacken der Sanitäter. Es würde schlimm sein, was es dort zu sehen gab, dachte er. Er hoffte zwar inständig, dass es nicht so übel sein würde, aber es sah nicht danach aus. Auf einmal öffnete sich die Meute Menschen zu seiner Seite hin, und behutsam schoben die Sanitäter ein dick eingepacktes Bündel heraus. Werner hatte noch nie gesehen, wie ein verletzter Mensch wirklich durch die Sanitäter zu einem Rettungsfahrzeug gebracht wurde. Diese Szene kannte man schließlich aus dem Fernsehen. Dort rannte ja immer jemand neben dem offenen Transportwagen her, der Patient warf sich stöhnend hin und her, einer rief Kommandos zu unsichtbaren Personen, und eine Krankenschwester hielt eine Infusionsflasche in die Höhe, aus unsichtbaren Lautsprechern rief eine Stimme irgendwelche Doktoren in irgendwelche Räume, während alle zum Auto, oder bereits zum OP-Saal liefen. Aber dieser Transport hier würde ihm ewig in Erinnerung bleiben. Nichts weiter als ein dick vermummtes Bündel sah er. Ein paar Sekunden später hörte er das gewaltige Knattern eines Hubschraubers. Das Geräusch wurde immer lauter, bis es schier unerträglich wurde. Der Hubschrauber ging tatsächlich mitten auf dem weitläufigen Gelände runter, bis er sanft aufsetzte. Werner kam sich vor wie im falschen Film. Als würde er bei Dreharbeiten zu einer spannenden Szene zusehen. Er realisierte alles gar nicht so richtig. Es wirkte so unecht wie nur sonst was. Er sah die verletzte Person nicht ein einziges Mal. Sie war extrem dick verpackt worden, gerade im Bereich des Kopfes und des restlichen Oberkörpers, damit sich keine Folgeschäden ereignen konnten. Und trotzdem musste sie bewegt werden. Vorsichtig schoben die Sanitäter den Wagen zum Hubschrauber. Werner hatte noch nie einen Hubschrauber aus dieser kurzen Distanz gesehen. Er wunderte sich, wie klein so ein Fluggerät tatsächlich war. Er ging zu einem der Ärzte, die den Wagen schoben und sagte ihm, wer er sei und ob er wüsste wo seine Enkelin sei. Der Arzt schaute ihn kurz an und riet ihm, mit einem der Rettungsfahrzeuge zur Polytraumaklinik zu fahren, er könne jetzt und hier rein gar nichts sagen. Werner drehte sich zum Trainer um, den er in seinen Sportsachen in der Menge schon ausgemacht hatte. Als er bei ihm ankam, hatte dieser Tränen in den Augen. Noch bevor Werner auch nur eine Silbe sagen konnte, platzte es aus dem Trainer heraus. Er sagte zu Werner: „Es tut mir so unglaublich leid. Glauben Sie mir. Ich hab`s nicht gesehen. Keine Ahnung warum. Ich habe nicht hingeschaut nachdem sie angelaufen war, weil mein Handy ging. Als ich das Gespräch angenommen hatte, hörte ich den Sturz. Vielleicht hat sie sich bei den Schritten vertan oder ist zu kurz gesprungen. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, was genau passierte. Es waren doch nur vier Meter. Also nichts Besonderes. Es war fürchterlich, wie sie so still da lag, einfach fürchterlich. Ich habe mit dem Handy sofort Hilfe geholt, und die Sanis waren auch unglaublich schnell da. Oh, mein Gott, hoffentlich wird sie wieder gesund, hoffentlich. Sie muss wieder gesund werden. Da schaust du einen Moment nicht hin, und dann das.“ Er ließ Werner stehen und ging kopfschüttelnd Richtung Umkleide. Eine Frau mittleren Alters kam auf Werner zu und nahm ihn in den Arm. Sie schluchzte und schaute ihm durch den Schleier ihrer Tränen in die Augen. Werner schob sie ein Stück zurück und fragte: „Rosi, was, zum Teufel ist hier eigentlich los, was ist mit Ina?“ Rosi, eine alte Bekannte von Werner erschrak bei dieser Frage und sagte. „Ina ist beim Sprung gestürzt, die Ärzte konnten uns nicht sagen, wie schwer sie verletzt ist. Überhaupt nichts sagten sie auf unsere Fragen. Alle hier leiden mit. Wir lieben sie doch, unsere kleine Motte.“ Sie brach in hemmungsloses Schluchzen aus und setzte sich schwer auf einen Hocker an der Glasfront der Trainingshalle. Werner ließ sie jammernd da sitzen und schaute sich fragend um. In seinem Kopf drehte sich alles. Alles stand wild durcheinander und diskutierte, draußen und drinnen, während der Transportwagen den Hubschrauber erreichte. Es war sein Glück, dass alles so ziemlich wie ein zäher Brei an ihm vorbeilief. Hätte er die Tragweite des Unglücks jetzt schon erkannt, wäre er auf der Stelle verrückt geworden. Seine Augen suchten nach Ina während er langsam zu seinem Auto ging.

Die Diagnose

Prof. Dr. Jäger schüttelte den Kopf, als er den Befund ansah. Wieder ein Mensch zu lebenslänglich verurteilt. Axisfraktur, inkomplette Querschnittslähmung nach dem Bruch des fünften Halswirbels. Die Restfunktionen, die die Nerven noch aufwiesen, würden mit der Zeit auch verschwinden. Es gab Tage, da widerte ihn diese Diagnose dermaßen an, dass es kaum zu ertragen war. Während für die anderen Menschen das Leben in gewohnten Bahnen weiterging, brach bei den damit geschlagenen, die Welt ein für alle Mal zusammen. Es gab kein weiter oder von vorne. Kein zurückspulen des Lebens Filmes oder rechtzeitiges Umschalten auf einen harmlosen Sender. Es tat in der Seele weh, sehr weh. Die junge Frau war zweiundzwanzig Jahre alt. Sie hatte einen Sportunfall beim Stabhochspringen erlitten und sich wie der Volksmund so salopp sagte, das Genick gebrochen. Das Urteil war endgültig. Ein paar Fasern hielten sich noch hartnäckig fest, aber die würden wegen fehlender Aktivität auch irgendwann den Geist und ihre Funktion aufgeben. Traurigkeit war gar kein passender Ausdruck dafür, was er empfand. Er wollte Arzt werden, um den Menschen zu helfen. Beim Leben und beim Sterben. Aber in solchen Fällen stand seine Kunst vor einer unüberwindlichen Wand. Da zeigte es sich, dass alles Wissen der Ärzte doch ihre unüberwindbaren Grenzen hatte. Sie konnten totgesagte oft noch dem Tod von der Schippe holen, sie konnten viele, viele Krankheiten heilen oder so verlangsamen, so dass ein Weiterleben möglich war. Aber wenn die Nervenstränge durchtrennt waren, dann war es vorbei mit der Mobilität desjenigen. Die Medizin war heutzutage zu unglaublichen Leistungen fähig. Allein ein MRT oder CT, das waren die Offenbarungen bei der Diagnostik. Früher war man auf recht grobe Dinge wie Röntgen oder Ultraschall angewiesen. Diese Geräte taten ihren Dienst natürlich auch, waren aber eben ziemlich ungenau. Heute konnte man den Menschen virtuell in Scheiben schneiden, und eine viel sichere Diagnose stellen. Oder die Mikromedizin, das Elektronenmikroskop, welches einem einen ganz anderen Kosmos zeigte, als man bisher kannte. Man konnte minimalste Teilchen sehen und danach behandeln. Die Therapien wurden immer ausgefeilter. Selbst Krebsbehandlungen waren heute wesentlich einfacher und umfangreicher. Sogar aus dem homöopathischen Bereich war vieles in die reguläre Medizin übernommen worden. Globulis, die von der Pharmaindustrie geächteten Traubenzuckerkügelchen ohne nachweisbare Inhaltsstoffe, taten ihre Wirkung. An allen Ecken und Enden fanden kleine und große Revolutionen statt, die dem Menschen zum Vorteil reichten. Aber dann gab es auch diese endgültigen, unmenschlichen Diagnosen. Dieses „nie wieder“, war ein unfassbar hartes Urteil. Auch unfassbar für die Angehörigen, die in Zukunft ebenso mit dem Zustand des geliebten Menschen leben mussten. Da war noch manchem ein echtes Ende lieber als das. Lieber tot, als lebendig begraben, war die Devise einiger. Doch keiner konnte fühlen, was in diesen daliegenden, hilflosen Geschöpfen vor sich ging. Wollten sie um jeden Preis leben, oder wollten sie sterben, um einer grausamen Zukunft zu entgehen? Es war ein Dilemma, dieses nicht zu lösende Problem, das die Menschheit hatte. Einen Hund oder einen Hamster würde man einschläfern lassen. Man hätte das Gefühl, gnädig gewesen zu sein. Aber bei der eigenen Tochter, oder dem Sohn, oder dem Mann? Da gab es kein Überlegen, keine Gnade. „Mensch, du lebst, das ist doch schon mal was.“ Leb wohl, sagte man beim Abschied oft. Welch ein grausamer Witz in diesem Fall. Das Sterben war die eine Geschichte, eine die endete. Das unsägliche Weiterleben als querschnittsgelähmter aber, eine völlig andere. Professor Jäger hoffte für Ina, dass sie einen starken Lebens- und Überlebenswillen hatte, der sie weiter durchs Leben tragen würde. Ohne den gab man sich nämlich meistens auf und hatte als Gelähmter verloren. Das durfte nicht sein. Auch das Leben eines Menschen mit dieser Behinderung hatte noch positive Aspekte zu bieten. Auch wenn sie sicherlich auf ein Minimum reduziert waren. Aber dann wurden eben andere, kleinere Dinge, an die man ohne Behinderung erst gar nicht dachte, relevant. Er legte die Akte auf den Schreibtisch und sah seinen ältesten Sohn Jan an. Schau sie dir bitte mal an, wenn du Zeit hast. Sie liegt auf der neurologischen, 17 B.

Dr. Jan Jäger

Jan Jäger saß an Inas Bett und schaute ihr in die Augen. Er ertrank fast in diesen großen, gequält blickenden, grünen Augen. In seinem Kopf kreiste unaufhörlich der Gedanke. Mein Gott, da liegt ein Engel. Ein Engel ohne Flügel. Er tat sehr professionell bei ihrer Untersuchung, wollte auf keinen Fall Mitleid zeigen, konnte es aber nicht so ganz vermeiden. Sie hatte wieder ein leichtes Sedativa bekommen, da sie sehr unruhig war, bevor der Arzt kam. Es war besser sie noch eine Weile ruhig zu halten, als das man sie gleich mit der grausamen Wahrheit überfiel. Sie war durch das Beruhigungsmittel natürlich nicht komplett stillgelegt wie in einer Narkose, aber immerhin soweit beruhigt, dass ihre Vitalfunktionen nicht beeinträchtigt waren, und sie trotzdem ihre Umwelt wie durch einen leichten Schleier wahrnahm. Es machte die Sache einfach für eine Weile für alle Beteiligten leichter. Nicht nur sterbenden gab man heutzutage Sedativa, sondern auch leidenden. Das Schicksal dieser jungen Frau ging ihm gewaltig an die Nieren. Er nahm immer wieder Anteil am Schicksal seiner Patienten. Das war für ihn als Menschen normal, aber manchmal traf es ihn extrem, so wie hier. Im letzten Jahr hatte die Klinik zwei junge Menschen an den Krebs verloren. Ein kleines Mädchen von acht Jahren und einen zehnjährigen Jungen. Sie starben beide nacheinander innerhalb weniger Wochen, nachdem ihre Therapien in keinster Weise angeschlagen hatten. Der Tod wollte sie scheinbar haben. Alle in der Klinik, die mit den beiden vertraut waren und sie in der letzten Zeit betreut hatten, waren sehr niedergeschlagen, aber dann doch erleichtert, als es endlich vorbei war. Davon erholt man sich als Klinikpersonal in der Regel relativ unproblematisch, das Leben muss schließlich weitergehen. Aber manchmal fällt es einem eben schwerer als ein andermal. Und komplett vergessen konnte solche Vorgänge keiner der Beteiligten jemals. Aber es ging ja immer nur um das weitermachen können. Sein Kollege Albert Klein dagegen war ein Klotz. Ein Arzt, der auch hätte Schlachter oder gar Henker sein können. Er redete mit seinen Kollegen und den Schwestern nicht von dem Patienten soundso, sondern nur von der Niere, der kaputten Pumpe oder dem Kolokarzi, dem kolorektalen Karzinom, dem Darmkrebs. Er sprach nicht abfällig darüber, beileibe nicht, aber eben kalt. Herzlos. So, als wäre die Patienten eine Nummer und nicht Individuen. Er war nicht gerade beliebt bei seinen Patienten, eher geduldet. Aber er war ein hervorragender Mediziner und seine Diagnosen trafen immer zu, und konnten dementsprechend gut behandelt werden. Das war die andere Seite des Doktors. Vielleicht hatte er sich ja nur so eine dicke Haut zugelegt, damit er das viele Elend nicht so nahe an sich heran ließ, wurde gemunkelt. Wer wusste das schon? Jedenfalls berührte diese junge, unbekannte Frau, an deren Bett Jan saß, ihn bis ins Herz. Er fragte sich, warum er eigentlich nie eine Frau gefunden hatte. Er wusste die Antwort nicht. Mit seinen fünfunddreißig Jahren, war das alles irgendwie bisher an ihm vorbeigegangen. Nicht, das es nicht mal ein paar Abenteuer gegeben hätte. Allein während seines Studiums hatte er hier und da mal eine Freundin gehabt. Aber es war von ihm aus nie etwas ernstes geworden. Er war der Meinung, dass er keine Frau brauchte. Bis jetzt jedenfalls.

Los Dios

Mitten im heißen, stickigen Dschungel des Amazonas Flachland Regenwaldes, genauer gesagt, auf einer großen Insel im Rio Negro, der sie mit seinen beiden breiten Armen umfloss, stand ein geheimnisvoller, jahrhunderte alter Baum auf einer kleinen, von ihm selbst geschaffenen Lichtung. Noch nie hatte das Auge eines weißen Mannes ihn angesehen. Er hatte seine Geheimnisse stets vor aller Welt bewahrt. Nur den Indios, die hier lebten, war er wohlbekannt. Sie nannten ihn ehrfurchtsvoll: Dios, Gott. Er war ihnen absolut heilig. Es existierten nicht mehr allzu viele seiner Sorte, und sie wuchsen tatsächlich nur hier, tief verborgen im Dschungel. Genauer gesagt, gab es eigentlich nur noch eine Handvoll dieser Bäume. Sie verteilten sich auf die wenigen Quadratkilometer der Insel. Auf dem Festland und in höher gelegenen Gegenden existierte er gar nicht. Der Baum gab den Bewohnern der Regenwaldinsel so viele lebenswichtige Dinge, das er seinen Namen vollauf verdient hatte. Er war mit ungefähr sechzig Meter majestätisch hoch, und besaß eine zähe Rinde wie grobes Schmirgelpapier. Der Durchmesser des Stammes lag in seiner Mitte bei nur ungefähr einem Meter. Er hatte viele relativ kurze Äste aus denen sich die Indios Bögen und Pfeile herstellten. Diese beiden unverzichtbaren Gegenstände wurden einmal im Jahr erneuert. Die Bögen brachen zwar nicht oft und hielten wesentlich länger als bei anderen Hölzern, aber da sowieso Pfeile hergestellt werden mussten, baute man gleichzeitig immer eine Handvoll Bögen mit. Die Pfeile dagegen, gingen schon mal zu Bruch, steckten irgendwo im Blätterwald oder verschwanden nach einem Fehlschuss auf Nimmerwiedersehen im Dschungel der Bäume. Das Holz des Dios war absolut zäh elastisch, und hatte damit die beste Voraussetzung für die Bögen. Ein guter Bogen musste sich biegen lassen und nach dem Schuss wieder in seine vorgebende Form zurückspringen. Diese Eigenschaften hatten nicht viele Hölzer. Aber der Dios konnte damit in Perfektion aufwarten. Mit der Schnellkraft dieses Holzes konnten die Pfeile der Indios mühelos bis in die höchsten Baumwipfel fliegen und ihre Beute zu Boden bringen. Auch konnten sie damit auf weitere Entfernungen ihre Beute erlegen. Die langen Äste waren für die Bögen und die einjährigen Triebe für die Pfeile. Für die Bögen waren nur die jungen Äste oberhalb der Mitte des Baumes gut genug. Die Zähigkeit der alten, tiefer gelegenen Äste machte das Besteigen des Baumes relativ leicht. Teilweise ähnlich wie auf einer Wendeltreppe konnten die geschmeidigen Indios an dem Stamm empor gehen. Das konnte ganz locker und leicht geschehen, aber auch schnell tödlich enden, nicht etwa, in dem ein Ast abbrach, das geschah so gut wie nie, sondern indem der Baum zugleich auch Lebensraum einer Froschart war. Der hochgiftige blaue Pfeilgiftfrosch wohnte in jeder Höhe des Baumes in seinen Blättern. Und nicht nur dort, wo die Blätter sich zu kleinen Gefäßen wölbten und das Regenwasser auffingen, tummelten sich immer einige Exemplare. Er konnte am Baum einfach überall sein. Diese Froschart hatte in versteckten Drüsen ein starkes Gift und verteilte es daraus auf seiner Haut. So konnte das konzentrierte Toxin oft bereits kurz nach der ersten Berührung seine Wirkung entfalten. Es lähmte in Sekunden und führte innerhalb von wenigen Minuten zum Tode durch ersticken. Allerdings hatte das Froschgift auch seine unbestreitbaren Vorteile. Die Indios nannten es Curare. Es wurde mit einer hauchdünnen Schicht Baumharz zu einer Art mobilem Kleber vermengt, und dann auf die Spitzen der Pfeile aufgebracht. Der tödliche Kleber hielt monatelang am Pfeil. Curare war für die Indios aber auch zugleich ein Medikament gegen Magen und Darmbeschwerden. Man konnte kleinere Dosen davon schlucken und es half, ohne dass man daran starb. Nur wenn es ins Blut gelangte, dann war man rettungslos verloren. Dieser Umstand war hervorragend für die Jagd, denn ein getroffenes Tier konnte nicht mehr flüchten, wie es bei ungiftigen Pfeilen früher hin und wieder der Fall war. Das Gift, welches der Beute fast augenblicklich das Leben kostete, zersetzte sich allerdings beim Erhitzen im Feuer, so dass die Beute nach dem Garen ohne Komplikationen verzehrt werden konnte. Der Regenwald hatte seinen Namen nicht grundlos. Es herrschte das ganze Jahr über eine extreme Feuchtigkeit aufgrund vieler schwerer Unwetter, nach oder während denen Überschwemmungen und plötzliche Sturzwellen an kleineren Wasserläufen an der Tagesordnung waren. Die Hitze in diesen Breitengraden hielt sich ständig bei ungefähr 30 Grad Celsius, meistens mehr als weniger. Der Waldboden konnte wochenlang relativ trocken liegen um dann innerhalb einer halben Stunde mit mehr als einem Meter Wasser bedeckt zu sein. Die Wassermassen die die Wolken in tropischen Gewittern abgaben, waren weltweit nicht zu übertrumpfen. Warm und viel, sehr, sehr viel Wasser. Schier unglaubliche Mengen an Wasser. Das führte neben dem gewaltigen, üppigen Wachstum der Vegetation natürlich auch dazu, das Bäume schneller starben und abfaulten. Die Urgewalten der Stürme halfen dabei. Das Gesicht des Urwalds war ständigen Veränderungen unterworfen. Wenn ein Dios starb, dauerte es wegen seiner tiefen Wurzeln sehr lange, bis er umfiel. Das Volk ließ den Baum hoch gelagert komplett trocknen, und stellte dann nach vielen Monaten, teilweise erst nach Jahren aus seinem Holz Kanu Boote her. Dadurch, dass er nur knapp einen Meter Durchmesser hatte, war die Breite der Boote schon vorgegeben. Der Indio Stamm achtete stets darauf, dass er immer einen Vorrat an solchen Booten hatte. Sie wurden einfach in trockenen Höhlen eingelagert und bei Bedarf, das eine oder andere neue herausgeholt. Es war früher eine unsäglich harte Angelegenheit, ein Boot aus diesem Holz zu machen, aber zum Glück hatten sie mittlerweile Klingen. Früher entkernten sie das Holz mit scharfkantigen Steinen. Mit den Steinen wurde am Stamm monatelang herum gehämmert, damit die Boote von ungefähr vier Metern Länge ihre Form bekamen. Das konnte der spätere Einsatz von Metallklingen auf einen Bruchteil der Zeit verkürzen, da man wesentlich größere Späne heraushauen, und somit schneller arbeiten konnte. Klingen und Keile ermöglichten Ihnen dann auch eine viel leichtere Verarbeitung aller anderen Dinge des Lebens, als es die Vorväter noch gekannt hatten. Der Fortschritt lässt sich eben nirgendwo aufhalten. Die Umes kannten aber lange Zeit kein Metall, deswegen war es ein besonderes Ereignis vor vielen, vielen Jahren, als sie zu Metall und damit zu Klingen jeglicher Art, kamen. Manchmal ist es der Zufall, der einen solche Entdeckungen machen lässt, und manchmal schlicht und ergreifend, das Glück. Der Baum Dios half ihnen dabei. Er war nämlich noch zu wesentlich mehr gut, als nur zum Holz liefern. Aber sein größtes Geheimnis, was ihn in ihren Augen zum Gott erhob, kannten nur die Indios, die mit ihm auf dieser Insel lebten.

Die Ordnung im Wald

Die Grenzen der einzelnen Reviere der Indianerstämme waren ganz simpel gekennzeichnet. Entweder waren ein paar grinsende Totenschädel unmissverständlich an einzelne Bäume genagelt, oder ein paar Pfeile steckten sichtbar in Gesichtshöhe und sagten aus, wer hier noch patrouillierte. Oder aber man stieg gleich in eine Falle, die einen eventuell sofort tötete. Das konnten verborgene Fallgruben mit aufgerichteten Holzspitzen sein, oder auch umgelegte, elastische Bäume, mit Spitzen versehen, die einen erschlugen, wenn man die Auslösung aus Unachtsamkeit betätigte. Die Stämme sahen sich untereinander nicht oft. Sie hatten grundlos auch gar kein Interesse daran. Die einen waren Jäger und Sammler, oder auch Siedler die durch Brandrodung kleinere Felder anlegten, und die anderen eventuell kriegerische Kopfjäger. Solange jeder in seinem Revier blieb, war die Welt im Wald in Ordnung. Aber falls jemand in des anderen Revier einfiel, gab es erbitterte und tödliche Auseinandersetzungen. Die Kopfjäger waren immer für eine unangenehme Überraschung gut. Sie waren die Stämme, die gern der anderen Indios Grenzen missachteten und sich dabei nur an ihre eigenen Regeln hielten. Deswegen galt im Regenwald ein eisernes Gesetz: „Wenn du einen Fremden siehst, und du ihn nicht eingeladen hast, töte ihn“.

Die Jagdreise